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Full text of "Abhandlungen und Vorträge zur Geschichte der Naturwissenschaften"

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Zur Geschichte der Naturwissenschaften 



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ABHANDLUNGEN 
UND VORTRÄGE 

ZUR GESCHICHTE DER 

NATURWISSENSCHAFTEN 

VON 

PROF. DR. EDMUND O. VON LIPPMANN 

DIREKTOR DER „ZUCKERRAFFINERIE HALLE« 

ZU HALLE a. S. 



wDie Geschichte der Wissenschaft ist die 
Wissenschaft selbst." Goethe. 




VERLAG VON VEIT & COMP. IN LEIPZIG 

1906 



Druck von Fr. Richter in Leipzig. 




HERRN GEHEIMRAT 

PROFESSOR DR. EMIL FISCHER 

IN DANKBARKEIT UND VEREHRUNG 
GEWIDMET 



Vorrede 



^ 



i„^.^ er Gedanke, meine Vorträge und Aufsätze zur Oe- 
ÜS\ schichte der Naturwissenschaften, die seit etwa 18Q0 
^ in den verschiedensten und zum Teile nicht Jeder- 
mann leicht zugänglichen Zeitschriften erschienen sind, in 
einem Sammelbande zu vereinigen, ist mir im Laufe der letzten 
Jahre wiederholt, mündlich und schriftlich, nahegelegt worden, 
am eindringlichsten von dem der Wissenschaft jüngst so vor- 
zeitig entrissenen Prof. Dr. Georg W. A. Kahlbaum, ferner 
von Herrn Staatsrat Prof. Dr. R. Kobert, von Herrn Hof rat 
Dr. H. Caro, und von den Herren Geheimräten Prof. 
Dr. Clemens Winkler, Prof. Dr. Ernst von Meyer, und 
Prof. Dr. W. Ostwald; er gewann Gestalt, als die, den 
letztgenannten Forschern nahestehende Verlagsbuchhandlung 
vor einiger Zeit mit einem bestimmten Vorschlage an mich 
herantrat, für den ich ihr auch an dieser Stelle meinen auf- 
richtigen Dank ausspreche. 

Seit zur Zeit meiner Studien in Zürich der frühverstorbene, 
unvergeßliche Prof. Dr. W. Weith zwei Jahre hindurch zu- 



VIII VORREDE 

nächst für drei Zuhörer, dann für zwei, zuletzt für mich allein, 
ein Kolleg über Geschichte der Chemie las, — mit stets unver- 
minderter Begeisterung und wahrhaft hinreißendem Schwünge — , 
hat mich das Interesse an der historischen Seite der Forschung 
dauernd festgehalten; es führte mich zunächst, im Umkreise 
meines engeren Berufes, zur Abfassung der „Geschichte des 
Zuckers" (die nach vieljährigen Vorarbeiten 18Q0 erschien), 
sodann, im Anschlüsse an das unermeßliche Material, mit dem 
ich bei diesem Anlasse bekannt wurde, zur Vertiefung in ge- 
schichtliche Probleme allgemeineren Inhaltes. 

Das in jugendlichem Überschwange angestrebte Ziel, von 
Etwas Alles und von Allem Etwas zu wissen, habe ich, — auch 
in ersterer Hinsicht, d. h. in bezug auf mein eigentliches Fach — , 
freilich längst als unerreichbar erkannt; dennoch halte ich mein 
Bemühen, dem die vorliegenden Vorträge und Aufsätze als 
bescheidene Früchte entsprossen, für kein ganz vergebliches: 
als eine zweifellos notwendige Durchgangsstufe der Ent- 
wicklung hat sich nämlich heutzutage die vielbeklagte völlige 
Zersplitterung des Wissens herausgebildet, und mit ihr das Un- 
vermögen einer großen Anzahl von Forschern auch nur das 
Feld ihrer eigenen Wissenschaften ausreichend zu überblicken, 
geschweige denn jenes der benachbarten und fernerstehenden, 
oder gar das des historischen Werdeganges. Infolgedessen 
ist aber, wer auf mehreren dieser Gebiete auch nur einige, 
naturgemäß begrenzte Kenntnisse besitzt, doch schon zu 
manchen Leistungen befähigt, die vielen der größten, aber 
einseitig vorgebildeten Fachgelehrten zurzeit versagt bleiben. 
Daß solche Leistungen nur relativen Wertes sind, bin ich 



VORREDE IX 

mir wohl, bewußt, und möchte mich ausdrücklich gegen die 
Unterstellung verwahren: ich hätte mich erkühnt, wenn 
ich z. B. physikalische, physiologische, mathematische, philo- 
sophische, literaturgeschichtliche, oder sprachliche Probleme 
berührte, die eigentlichen Pfleger dieser Wissenschaften be- 
lehren zu wollen. Meine Veröffentlichungen waren stets nur 
für den Kreis Derer berechnet, die, wie die große Mehrzahl 
meiner engeren Fachgenossen, der Chemiker, Verständnis 
und Interesse für die Geschichte der Naturwissenschaften 
hegen, ihr aber als Laien gegenüberstehen. Gelänge es, die 
Aufmerksamkeit dieses weiteren Kreises zu erregen und dauernd 
zu fesseln, so wäre für die Anregung historischen Sinnes, und 
hiermit wieder für jene historischer Forschung, schon Wichtiges 
erreicht. Als diesem Ziele zugewandt, möchte ich meine Be- 
strebungen aufgefaßt sehen; Fachgelehrte aber, die das Buch 
einer Durchsicht unterziehen, bitte ich um Berichtigung der 
Fehler, an denen es nicht mangeln wird, und um Mitteilung 
auszufüllender Lücken. 

Betreff letzterer sei aber bemerkt, daß ich, dem Rate Kahl- 
baums und anderer Sachkenner folgend, der Versuchung 
widerstand, sämtliche Aufsätze umzuarbeiten und inhaltlich zu 
erweitern; ich habe sie vielmehr, abgesehen von vereinzelten Ver- 
besserungen, Ergänzungen und Zusätzen, zunächst in unver- 
änderter ursprünglicher Form zum Abdrucke gebracht; sollten 
sie in dieser Gestalt Anklang finden, so sei die Einfügung des 
reichlich vorhandenen weiteren Materiales einer künftigen Auf- 
lage vorbehalten, deren vermehrten Umfang gutzuheißen man 
dann auch der Verlagsbuchhandlung wird zumuten dürfen. 



Für das Ausschreiben und Anordnen der Register bin ich 
Herrn R. Dieckmann, technischem Beamten der „Zucker- 
raffinerie Halle", zu bestem Danke verpflichtet. 

Möge mit mir auch der Leser empfinden, was Euripides 
in einem bei Clemens Alexandrinus erhaltenen Fragmente 
ausspricht: 

Der Verfasser. 



^ „Glücklich, wer in den Lauf des Geschehens 
Einsicht gewonnen." 
(„Fragmenta philosophorum graecorum", ed. Mullach, Paris 1881; 
Bd. II, Vorn S. 63.) 



Inhalt 



Seite 

Vorrede VII 

Erste Abteilung 

1. Die chemischen Kenntnisse des Plinius 1 

2. Die chemischen Kenntnisse des Dioskorides 47 

3. Zur Geschichte des Glases im Altertume 74 

4. Der heilige Augustinus über den Ätzkalk 77 

Zweite Abteilung 

5. Chemische Kenntnisse vor tausend Jahren 81 

6. Naturwissenschaftliches aus der ,;Chronologie der alten Nationen" 

des Albirüni 97 

7. Alchemistische Poesie aus dem 13. Jahrhunderte 103 

Dritte Abteilung 

8. Zur Geschichte der Kältemischungen 110 

9. Zur Geschichte des Schießpulvers und der älteren Feuerwaffen . . 125 

Vierte Abteilung 

10. Alraun und schwarzer Hund; ein naturwissenschaftlicher Aberglaube 190 

11. Die Küste von Böhmen 205 

Fünfte Abteilung 

12. Zur Geschichte des Thermometers 215 

13. Goethes Farbenlehre 219 

Sechste Abteilung 

14. Zur Geschichte des Wismuts 247 

15. Wer hat die Verbrennung einer Uhrfeder in Sauerstoffgas zuerst 
ausgeführt? '. 249 

16. Bemerkung zu einer Stelle in A. W. Hofmann's Rede „Ein Jahr- 
hundert chemischer Forschung unter dem Schirme der Hohenzollern" 254 

17. Zwei ungedruckte Briefe Liebigs 256 



XII INHALT 

Siebente Abteilung Sdte 

18. Kurzer Abriß der Geschichte des Zuckers . . . ... . • . .261 

19. A. S. Marggraf, ein „angewandter" Chemiker des 18. Jahrhundertes 275 

20. Einige Worte zum Andenken Achard's 296 

21. E. Mitscherlich und das fünfzigjährige Jubiläum des Polarisations- 
Apparates 306 

22. Welches Patenthonorar hat der Erfinder des Vakuimi- Apparates 
erhalten? 323 

23. Zur Geschichte des Strontianits 325 

Achte Abteilung 

24. Zur Geschichte des diabetischen Zuckers 326 

Neunte Abteilung 

25. Zur Geschichte des Mais 335 

26. Zur Lehre von der Herkunft und Rolle der pflanzlichen Aschen- 
bestandteile 339 

27. Zur Geschichte der Konserven und des Fleischextraktes .... 343 

Zehnte Abteilung 

28. Lionardo da Vinci als Gelehrter und Techniker 346 

29. Bacon von Verulam 314 

30. Naturwissenschaftliches aus Shakespeare 427 

31. Gedächtnisrede zum dreihundertjährigen Geburtstage Rene Descartes' 488 

32. Robert Mayer und das Gesetz von der „Erhaltung der Kraft" . . 527 

Register der geographischen und Eigennamen 567 

Sachregister 579 



Erste Abteilung 

\ 

DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES PLINIUS^ 




on den zahlreichen Werken, die Plinius bei seinem 
gelegentlich der Beobachtung des Vesuv-Ausbruches 
im Jahre 79 n. Chr. erfolgten Tode hinterließ, ist der 
Nachwelt nur die »Naturgeschichte" erhalten ge- 
blieben, über die schon der jüngere Plinius sich mit den 
Worten ausspricht: ;, Diese Schrift meines Oheims ist voll In- 
haltsschwere und Gelehrsamkeit, dabei nicht minder mannig- 
faltig als die Natur selbst." In 37 Büchern, deren einzelne 
mehr als hundert, und zum Teil sehr ausführliche Kapitel um- 
fassen, hat Plinius, gestützt auf die Werke von 516, meist 
seither verloren gegangenen Quellenschriftstellern, eine encyklo- 
pädische Darstellung des naturhistorischen Gesamtwissens seiner 
Zeit zu geben versucht, die sich jedoch keineswegs streng an 
den Titel hält, vielmehr in zahlreichen Abschweifungen, — die 
übrigens inhaltlich häufig von größtem Werte sind — , über 
diesen hinausgeht. Die unendliche Fülle des zu behandelnden 
Stoffes hat es dem Verfasser begreiflicherweise unmöglich ge- 
macht, mehr als einzelne Teile auf Grund eigener Kenntnisse 
und Anschauungen zu überblicken; obwohl er sich nun stets 
bemüht zeigt, das selbst Gesehene und das nur von Anderen 
Berichtete auseinander zu halten, und häufig selbst auf Wider- 

^ Festschrift der „Naturforschenden Gesellschaft des Osterlandes", Alten- 
burg 1892; im Auszuge vorgetragen auf der Hauptversammlung des „Vereines 
Deutscher Chemiker" 1893 (s. „Zeitschrift für angewandte Chemie", 1893, S. 383). 

V. Lippmann, Beiträge. 1 



2 DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES PLINIUS 

Sprüche und Unwahrscheinlichkeiten solcher Berichte aufmerk- 
sam macht, so ist er daher im wesenthchen dennoch von seinen 
Quellen gänzlich abhängig geblieben, und sieht sich meistens 
gezwungen, sie ohne viel Kritik kompilatorisch zu benützen. 
Hieraus entspringen jene zahlreichen Stellen seines Werkes, die 
von handgreiflichen Unrichtigkeiten, absonderlichen Vorstell- 
ungen und abergläubischen Ideen völlig erfüllt sind;^ im Be- 
streben, möglichst vollständig zu sein, führt Plinius solche 
eben so an, wie sie ihm seine Quellen bieten, bald ohne jede 
Bemerkung, bald unter Begleitung eines zweifelnden Zusatzes, 
und erscheint daher häufig befangener in den Irrtümern seines 
Zeitalters, als er dies, nach zahlreichen seiner eigenen Äußer- 
ungen zu urteilen, wirklich gewesen ist. 

Die hohe Bedeutung des Plinius, sowie seinen maß- 
gebenden Einfluß auf die gesamte mittelalterliche Gelehrsamkeit 
hat Humboldt im „Kosmos" in klares Licht gestellt, ^ und 
namentlich auch darauf hingewiesen, daß die »Historia naturalis" 
für die Geschichte vieler Zweige des menschlichen Wissens ein, 
an Umfang und Reichhaltigkeit einzig dastehendes Material 
enthält. Die Kenntnisse des Plinius auf zoologischem, bota- 
nischem, geographischem, kunstgeschichtlichem Gebiete u. s. f. 
sind nun schon in reichlichem Maße Gegenstand des Studiums 
gewesen und finden sich zum Teil auch in monographischer 
Darstellung vor; eine zusammenfassende Bearbeitung seiner 
chemischen Kenntnisse ist aber meines Wissens bisher noch 
nicht vorhanden, und ich unternahm daher den Versuch einer 
solchen, — nicht ohne mir der entgegenstehenden Schwierig- 
keiten völlig bewußt zu sein. Erstens finden sich nämlich die 
einschlägigen Stellen an so vielen Punkten des weitläufigen 
Werkes verstreut, daß es nicht leicht ist, sie sämtlich zu er- 
mitteln; zweitens ist es nicht gut möglich, für eine solche Arbeit 

^ Die richtigen und unrichtigen Angaben jedesmal besonders als solche 
hervorzuheben, habe ich nicht für notwendig erachtet. ^ „Kosmos", Stutt- 
gart 1847, Bd. II, S. 23 und 230. 



DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES PLINIUS 5 

scharf bestimmte Grenzen zu ziehen, da die Gebiete der Chemie, 
der chemischen Technologie, der Pharmakognosie, Minera- 
logie u. s. f. sich vielfach berühren oder ineinander übergehen; 
drittens sind die Deutungen der chemischen, botanischen, mine- 
ralogischen Namen häufig sehr zweifelhaft, und gerade in 
wichtigen Fällen oft so unsicher, daß einzelne Irrtümer und 
Mißverständnisse fast unausbleiblich werden; endlich hat man 
sich sorgfältig vor dem Fehler zu hüten, daß man den vor- 
handenen Angaben einen Sinn unterlege, den sie zwar im Lichte 
unserer heutigen Erkenntnis, nicht aber der Absicht des Ver- 
fassers nach haben können. 

Die von mir im nachstehenden bei allen Citaten benutzte 
deutsche Übersetzung des Plinius ist die neueste, von Witt- 
stein verfaßte und 1881 zu Leipzig erschienene. 

I. Die vier Elemente. 

Der Empedokleisch-Aristotelischen Qualitäten- und Ele- 
menten-Lehre schließt sich Plinius im allgemeinen völlig an, 
ohne sich jedoch im einzelnen irgendwie um deren Durch- 
führung und Konsequenzen zu kümmern: 

Ober die Existenz von vier Elementen waltet kein Zweifel; 
das leichteste ist das Feuer, und aus ihm entstand die, gleich 
strahlenden Augen schimmernde Schar der Sterne; sodann kommt 
die Luft, die belebende, alles durchdringende, mit allem in 
Verbindung stehende; durch ihre Kraft getragen, schwebt die 
Erde in der Mitte der Welt, und trägt selbst wieder das 
Wasser.i 

Das Feuer ist ein unermeßlicher und gewaltiger Teil der 
Natur, und es scheint fraglich, ob es als zerstörende oder als 
neubildende Kraft vorwiegt.'^ Seine reinste Form ist der Blitz, 
der sich, wenn die trübe Luft mit allzu feuchten Ausdünstungen 
erfüllt ist, aus jenem Feuerstoffe bildet, der von den drei oberen 

^ Lib. 1, cap. 4. ^ 35^ 53 

1* 



4 DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES PLINIUS 

Planeten, besonders vom Jupiter, auf die Erde herabfällt;^ zu- 
fällige und deshalb sich von selbst wieder auflösende Gemische 
der feuchten Ausdünstungen mit dem Feuerstoffe sind die 
Kometen, 2 während die Sternschnuppen einen Überfluß an 
feuriger Kraft vorstellen, den die Gestirne in ähnlicher Weise 
fallen lassen, wie die Dochte brennender Öllampen die gewöhn- 
lichen Schnuppen.^ Feuer entsteht auch durch die Reibung 
gewaltsam herabstürzender Luft, durch Stöße der Wolken, sowie 
durch Aneinanderreiben von Steinen oder Hölzern,^ besonders 
des Efeu- und Lorbeerholzes, denen man deshalb heilige Eigen- 
schaften zuschreibt.^ Das Feuer allein hat die Kraft, sich von 
selbst zu vermehren und zu erzeugen,^ ja wunderbarerweise 
kann es sich sogar aus Feuchtigkeit bilden, z. B. bei der Selbst- 
entzündung feuchten Heues; ^ als belebendes Element vermag 
es auch Belebtes hervorzubringen, so z. B. verwandeln sich die 
Funken der zyprischen Schmelzöfen in Mücken, die jedoch so- 
fort sterben, wenn sie aus der Flamme herausfliegen. ^ Manche 
Pflanzen, z. B. das sonst nicht näher gekannte Kraut Arianis, 
enthalten Säfte von so hitziger Beschaffenheit, daß sie geöltes 
Holz durch bloße Berührung entzünden;^ im Gegenteil hierzu 
ist z. B. der Salamander wieder von so kalter Natur, daß seine 
Berührung jedes Feuer löscht, — welche Behauptung allerdings 
durch die Erfahrung nicht genügend bestätigt wird.^^ 

Die Luft erfüllt alles scheinbar Leere, nimmt jedoch selbst 
einen Raum ein, weshalb auch mit Luft gefüllte Blasen bei 
großer Hitze zerspringen. ^^ Sie löst sich im Wasser, was durch 
die Möglichkeit des Atmens der Fische bewiesen wird,^^ kann 
durch den Blitz entzündet und auch durch Reibung in Brand 
gesetzt werden. 1^ Luftstrom und Wind sind keineswegs das 
Nämliche; 1^ von besonderer Kraft ist der Westwind, der den 
erzeugenden Hauch des Weltalls bildet, die Blätter zum Er- 

^ 2, 18, 43, 51. 2 2, 23. « 2, 6. * 2, 43. ^ 16, 77. « 2, 111. 
' 18, 67. « 11, 42. « 24, 102. ^« 10, 86; 29, 23. ^^ 2, 38, 41, 43. 
^2 31, 23; 9, 6. '^ 2, 43. ^^ 2, 45. 



DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES PLINIUS 5 

grünen, die Bäume zum Erblühen bringt und sogar, wo er 
noch ganz frisch ist, z. B. in Lusitanien (Portugal), durch sein 
bloßes Wehen die Stuten zu befruchten vermag.^ 

Von der Erde gibt es vielerlei Abarten, die bezüglich ihrer 
Fruchtbarkeit und Eignung für bestimmte Gewächse große 
Unterschiede zeigen, und deren Kraft sich durch den Geruch 
der frisch aufgegrabenen Erde kenntlich macht. - Daß die Erde 
Krankheiten unterworfen ist, beweisen ihre krankhaften Aus- 
wüchse, die besonders nach starkem Regen und lautem Donner 
entstehen, und Trüffeln heißen; sie sind ein wahres »Übel der 
Erde" und bestehen aus runden Ballen, die nicht, wie es den 
Anschein hat, gesäet werden können, sondern nur aus der Erde 
selbst hervorgehen.^ Auch in Tiere kann sich die Erde ver- 
wandeln: nach den Überschwemmungen des Nils findet man 
unzählige Mäuse, deren Entstehung aus feuchter Erde soeben 
begonnen hat, und die am Vorderkörper bereits leben, im 
übrigen aber noch aus Schlamm bestehen.^ 

Das Wasser steigt als feuchter Dunst von der Erde auf 
und bildet die Wolken, die eine gewisse Dichtigkeit haben und 
etwas Körperliches sind, da sie Schatten werfen und die Sonne 
verdecken ;^^ aus diesen fällt es später wieder hernieder und 
wird zur Quelle aller irdischen Kräfte, indem es aus dem 
Himmel die Lebenskraft für alle Gewächse mit sich bringt;^ 
daher ziehen die Wälder die Wasserdünste an und verrichten 
deren gleichmäßige Verteilung, so daß, sowie man die Hügel 
und Berge entwaldet hat, diese aufhört, und bald unheilbringende 
Gießbäche zu Tal stürzen.' Von der gen Himmel aufsteigenden 
irdischen Feuchtigkeit nähren sich die Gestirne, und zwar der 
Mond von den Dünsten des süßen, die Sonne von jenem des 
See-Wassers;^ alle Sterne sind daher auch wieder ergiebig an 
Feuchtigkeit, aber in sehr verschiedenem Grade, so daß sie, je 
nach ihrer milderen oder rauheren Natur, bei ihrer Bewegung 

^ 16, 39. ''- 17, 3. '' 19, 11, 13. ^ 9, 84. ^ 2, 42. « 31, 1. 
' 31, 10. « 2, 6, 104. 



Ö DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES PLINIUS 

Tau, Nebel, Regen, Reif, Schnee oder Hagel erzeugen. ^ Der 
Tau ist die belebende Spende gewisser Gestirne, besonders des 
Mondes und der aufgehenden Venus; ^ durch milde Sonnen- 
wärme wird er verdichtet, und es entstehen so aus ihm, z. B. 
auf Kohlblättern, die Eier der Schmetterlinge;^ starke Sonnen- 
hitze verbrennt ihn, und veranlaßt hierdurch die Bildung des 
Getreiderostes.* Vom Nebel nähren sich viele Pflanzen, z. B. 
die Weinstöcke. ^ Der Reif kann sich nur bei stiller und heiterer 
Luft entwickeln, und friert an, wo er hinfällt;*^ der Mond er- 
kältet auch den fallenden Tau zu Reif und tötet dadurch die 
in jenem enthaltenen pflanzenschaffenden Milchsäfte, die aus 
der Milchstraße stammen;^ in Gärten und Weinbergen kann 
man durch Anzünden von Feuern und Entwicklung von Rauch 
diesem Verderben entgegenarbeiten.^ Der Schnee ist der 
Schaum des himmlischen Wassers; altert er durch langes Liegen, 
so wird er rot und verwandelt sich in weiße und rote Würmer.^ 
Das Eis entsteht durch starken Frost, ist leichter als Wasser 
und der Verdunstung fähig, so daß man nach dem Auftauen 
die ursprüngliche Menge des Wassers nicht wiederfindet;^^ 
manche Pflanzen, z. B. die Blätter des Aquifolium und der 
Kräuter Coracesia und Callicia, sind von so kalter Natur, daß 
ihre Berührung Wasser zu Eis erstarren macht; ^^ dies bewirken 
auch die Steine Achat und Hephästitis;^^ ebenso erkaltet selbst 
siedendes Wasser sofort, wenn man den Knochen einer Kröte 
hineinwirft, und läßt sich nicht wieder erwärmen, bevor man 
ihn entfernt. 1^ 

Reines Wasser hat an sich Kugelgestalt, wie man an den 
hängenden, oder an den auf Staub und wollige Blätter gefallenen 
Tropfen sehen kann; daher steht auch das in Gefäße gefüllte 
Wasser in der Mitte höher als an den Rändern, und die Ober- 
fläche des Meeres ist rund wie die der Erde.^* Das irdische 

^ 2, 39; 18, 57, 69. ^ 2, 6; 18, 69; 20, 1. » 11, 37. * 18, 68, 69. 
"> 17, 3. « 17, 37. ^ 18, 68, 69. « 18, 70. M7, 2; 11, 41. 1« 2, 61; 
31, 21. ^^ 24, 72, 99. ^^ 37^ 54^ ^ vs 32^ 13. 14 2, 55 



DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES PLINIUS 7 

Wasser nimmt die Beschaffenheit des Erdreiches an, durch das 
es fheßt, ja- selbst die der Kräuter, die es bespült; daher sind 
keineswegs alle Wässer zum Begießen der Pflanzen gleich gut 
geeignet, vielmehr zeigen sie die verschiedensten Qualitäten.^ 
Es gibt Gewässer von jeder Temperatur, eiskalte bis siedende, 
ferner alkalische, saure, salzige, bittere, bituminöse, schweflige, 
alaunhaltige Quellen, häufig erfüllt von den heilendsten Kräften, — 
die aber allerdings auch gewissen ganz indifferenten Wassern 
zukommen; 2 einige Quellen werfen viele Blasen, schmecken 
nach Eisen, werden beim Erwärmen trübe und sondern einen 
rötlichen Bodensatz ab;^ andere zerfressen selbst Metalle, wie 
Kupfer und Eisen ;^ noch andere setzen an den Quellenrändern 
eine bimssteinähnliche Masse ab, oder verwandeln alles Hinein- 
getauchte, selbst Blumen, Blätter und Kränze in Stein, woher 
es sich auch erklärt, daß in Bergwerken versteinerte Bäume 
gefunden werden; wiederum andere erstarren, in Höhlen herab- 
fließend, zu steinharten Massen, nicht nur unten auf dem Boden, 
sondern sogar schon während sie noch von der Decke tropfen.^ 
Manche Wasser bleiben von selbst drei Tage lang warm, z. B. 
das jenseits des Rheins bei Mattiacum (Wiesbaden?) ent- 
springende, ^ während sonst Wasser, das schon einmal erwärmt 
war, seine Temperatur rascher als gewöhnliches verliert, und 
im allgemeinen überhaupt jenes Wasser am besten ist, das, heiß 
gemacht, am schnellsten wieder erkaltet. '^ Das beste Wasser ist 
auch das reinste und leichteste, wie man am Regenwasser wahr- 
nehmen kann, das fähig war aufzusteigen und in der Luft zu 
schweben; übrigens zeigen verschiedene Wasser, auch mit Hilfe 
der Wage (vielleicht auch schon der Senkwage, des Aräometers?) 
gemessen, keine merklichen Gewichtsunterschiede.^ Schlechtes 
Wasser, z. B. salziges oder Meerwasser, macht es unmöglich, 
darin Hülsenfrüchte gar zu kochen;^ Gefäße, in denen solches 
hartes Wasser gekocht wird, überziehen sich allmählich mit einer 

^ 31, 29; 18, 51. ^ 31, 2, 15, 22, 32. »31,8. ^31,19. ^31,17,20. 
' 31, 17. ' 31, 23. « 31, 21, 23. "^ 18, 30; 31, 21. 



8 DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES PLINIUS 

sehr festen und harten Rinde, die aber sogleich abfällt, wenn 
man in ihnen Kohlköpfe sieden läßt.^ 

II. Nichtmetalle. 
1. Schwefel. 
Der Schwefel findet sich eingesprengt und als Anflug an 
Gesteinen, aber auch gediegen, und zwar teils in schönen, 
grünlichen durchsichtigen Kristallen, teils in dunkler gefärbten 
Klumpen, die aus Schachten gegraben, durch Feuer geläutert 
und durch Schmelzen gereinigt werden ;2 bei starkem Erhitzen 
gerät er ins Kochen und entzündet sich, da er sehr leicht 
brennbar ist.^ Sein Dunst (d. i. die schweflige Säure), der sich 
auch in heißen Quellen, sowie im Qualme des Blitzes vorfindet, 
ist von heftigem Geruch und von so großer Kraft, daß er z. B. 
bei Fallsüchtigen sofort den Ausbruch ihrer Krankheit veranlaßt; 
er dient zum Konservieren des Weines, zum Räuchern der 
Wolle, der er Glanz und Zartheit verleiht, zum Reinigen und 
Bleichen des Linnens, der Wolle und der Kleider, und zum 
Zerstören der unechten Farbstoffe.^ Des Schwefels bedienen 
sich auch die Walker; ferner bestreicht man mit ihm die Lampen- 
dochte, um sie leichter brennbar zu machen; der Schwefel, be- 
sonders der „natürliche" (kristallinische?), besitzt für sich, mit 
Kalk zusammengeschmolzen, sowie in Verbindung mit vielen 
anderen Stoffen, große Heilkräfte, namentlich vertreibt er Flechten 
und Aussätze aller Art, ^ so daß seine medizinische Verwendung 
eine höchst ausgebreitete ist 

2. Kohlenstoff. 

Durch langsames Verkohlen des Holzes in großen Meilern 

stellen die Köhler Holzkohle dar, die für viele Handwerke 

und Verrichtungen unentbehrlich ist; angezündet, verbrennt sie 

mit starker Flamme, und zwar ist jene Kohle die wirksamste, 

' 20, 36; 31, 22. ^ 18, 29, 35, 50. =^ 17, 47; 35, 50. * 35, 50; 
14, 25; 35, 57. ^ 35, 50; 22, 58; 26, 74. 



DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES PLINIUS 9 

die schon einmal angebrannt, dann aber wieder ausgelöscht 
war.^ Durch Verbrennen von Harz oder Pech, und Nieder- 
schlagen des Rauches in großen Kammern, gewinnt man eine 
sehr feine Kohle, die Ruß heißt, mit Leim versetzt als Anstrich- 
farbe, mit Gummi gemischt als Tinte dient, und auch aus Hefe, 
Weintrestern, Elfenbein, Dattelkernen und dergl. erhalten wird, 
am besten aber durch Verbrennen von Sesamöl mittels eines 
papierenen Dochtes und Sammeln der Schwärze mit einer Feder;^ 
die aus Dattelkernen und ähnlichen Substanzen gewonnene 
Schwärze heißt auch Spodium.^ 

Ob die „Steine, die mit Fett bestrichen verbrennen", viel- 
leicht Braun- oder Steinkohlen waren, muß dahingestellt 
bleiben.^ 

Den Diamanten kennt Plinius,^ natürlich ohne zu wissen, 
daß er kristallisierter Kohlenstoff ist: Der indische Diamant ist 
der schönste und wertvollste aller Edelsteine; er ist der härteste 
aller Körper, widersteht dem Feuer derart, daß er überhaupt 
nicht erhitzt werden kann, und ist von den merkwürdigsten 
Kräften erfüllt: er hindert den Magneten, das Eisen anzuziehen, 
kann durch keinerlei mechanische Gewalt zerstoßen oder zer- 
schlagen werden, zerspringt aber augenblicklich, wenn man ihn 
mit frischem und noch heißem Bocksblute berührt. 

Die Kohlensäure als solche kennt Plinius nicht, wohl 
aber viele ihrer Wirkungen. Eine erstickende Luft findet sich 
in vielen Gruben und Höhlen; auch in tiefen Brunnen wirkt 
die Luft, eben wegen der großen Tiefe, nachteilig, ja verderb- 
lich, was man daran erkennen kann, daß brennende Lampen 
in ihr verlöschen.*' Gewisse heiße und kalte Sauerwasser be- 
sitzen eine derartige Stärke, daß sie, unmäßig getrunken, wie 
Wein zu Kopf steigen. '^ Die Weinhefe ist von einer Kraft er- 
füllt, die Leute, die in die Weinfässer hineinsteigen, zu töten 
vermag; ein brennendes Licht zeigt Gefahr an, solange es, ins 

^ 16, 8; 33, 30; 36, 68. ^ 35, 25; 23, 51; 28, 47. =^ 28, 47. 

' 2, 111. " 20, 1; 37, 15. « 31, 18. ' 31, 5, 13. 



10 DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES PLINIUS 

Faß gebracht, verlöscht.^ Essig, auf gewisse Erden gegossen, 
bewirkt ein Aufbrausen ;2 dasselbe gilt für die medizinisch viel- 
fach angewandten Mischungen von Essig mit Nitrum (Soda) 
und dergl. 

3. Kiesel. 

Der Kieselstein (Quarz) findet sich als feiner Sand, in 
größeren Stücken, aber auch in ganzen Felsmassen, die häufig 
das Muttergestein des Goldes bilden, und auf bergmännische 
Art, oder auch mittels Feuer und Essig, zersprengt werden; er 
ist sehr hart und spröde, gibt beim Aneinanderschlagen zweier 
Stücke, oder beim Schlagen mit Stahl, Funken, die man in 
Schwefel, trockenen Blättern und Zunder auffängt, und eignet 
sich vorzüglich zu Mühlsteinen.^ 

Der Kristall (Bergkristall) ist von eisiger Natur, weshalb 
er auch keine Wärme vertragen und nur kalten Flüssigkeiten 
widerstehen kann; zu seiner Entstehung sind klare Feuchtigkeit, 
etwas Schnee und große Kälte notwendig. Die schönsten 
Kristalle, die sich aus dem reinsten Wasser bilden und deshalb 
auch ;,von reinstem Wasser" heißen, sind vollkommen durch- 
sichtig, wasserklar, von der wundervollsten Glätte, zeigen sechs 
Kanten, doch nicht immer ebenso geformte Spitzen, enthalten 
weder Poren noch Blasen und erweisen sich völlig unschmelz- 
bar. Es gibt Stücke, die fast eine Elle hoch und bis 150 Pfund 
schwer sind; fehlerhafte Kristalle nennt man solche, die rauh, 
trüb, rissig, blind, unrein in der Farbe, oder unregelmäßig von 
Gestalt sind. Letzterem Fehler kann man durch Nachschleifen 
abhelfen; aus Kristall lassen sich auch Kugeln schleifen, mittels 
derer man, indem man sie gegen die Sonne hält, Feuer an- 
zünden kann.^ 

Der Kieselsand dient zur Darstellung des Glases, und 
wird hierzu mit Nitrum (Soda), dessen beste Sorte die aus Ophir 
ist, und Muschelschalen oder gewissen Steinen, oft unter Zusatz 

' 23, 31. 2 23^ 27. « 33, 21; 36, 30. "- 37, 9, 10; 2, 95. 



DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES PLINIUS 1 1 

von eisen- oder kupferhaltigen Stoffen, geschmolzen; hierzu 
dienen große Öfen, die wie die Erzschmelzöfen beständig im 
Gange bleiben, und beim Abstich zunächst eine fettglänzende, 
dunkelfarbige Masse ergeben, die in eigenen Werkstätten, durch 
Umschmelzen in anderen Öfen, gereinigt und umgearbeitet wird. 
Glas läßt sich blasen, mit der Drehscheibe formen, wie Silber 
ziselieren, aber auch wie ein Metall gießen. ^ Man hat so 
Bühnen für die Theater, große Zimmerdecken, ja selbst voll- 
ständige Gewölbe hergestellt; ^ ganze Glaswände hat zuerst 
Kaiser Tiberius anfertigen lassen, um in seinen Treibhäusern 
möglichst früh frische Gurken zu erzielen, die er sehr gern aß.^ 
Das beste Glas und zugleich das schönste und kostbarste ist 
das ganz wasserhelle, rein weiße, durchsichtige, das möglichst 
dem Kristall gleicht. Wie die Kugeln aus Kristall, so erzeugen 
auch die aus Glas eine große Hitze, sobald man sie der Sonne 
aussetzt, besonders wenn sie mit Wasser gefüllt sind; vom 
Kristall unterscheidet sich aber das Glas darin, daß man mit 
Wasser gefüllte Gläser erhitzen kann, und daß sich heiße Glas- 
stücke durch Anpressen aneinander kitten lassen. Mit Schwefel 
zusammengeschmolzen, gibt das Glas eine trübe, steinige Masse. 
So leicht, wie zu bearbeiten, ist Glas auch zu färben, und man 
hat gelbe, grüne, hyazinthrote, saphirblaue und andersfarbige 
Gläser, ferner auch murrhinische (irisirende?); ein ganz rotes, 
undurchsichtiges, heißt Hämatinon, ein ganz schwarzes, dem 
gleichnamigen Steine ähnliches, Obsidian.^ Auch Edelsteine 
werden auf das täuschendste aus Glas nachgemacht, z. B. Beryll,^ 
Opal, ^ Karfunkel, ^ Saphir,^ Türkis,^ Amethyst ^^ und viele andere; 
man kann sie jedoch daran erkennen, daß sie weicher, leichter 
und zerreiblicher sind als die echten, weniger Kälte und Licht- 
brechungsvermögen besitzen und zuweilen kleine Fehlstellen 
oder Bläschen zeigen. ^^ 



^ 36, 64. 2 35^ 34^ 54^ 3 jg^ 23. ^ 36, 66, 67. ^ 37, 20. 

37, 22. ^ 37, 26. ^ 37^ 39 9 37^ 33^ 10 37^ 40. n 37^ 26, 76. 



12 DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES PLINIUS 

4. Bor. 
Als Borax soll, nach Wittstein, dasjenige Nitrum anzu- 
sprechen sein, von dem PI in ins berichtet, daß es beim Löten 
angewandt werde; ^ obwohl dieser Gebrauch den Alten bekannt 
gewesen sein soll, so ist doch der Mitteilung des Plinius so 
wenig Bestimmtes zu entnehmen, daß die Konjektur als eine 
gewagte bezeichnet werden muß. 

in. Metalle. 
1. Alkalimetalle (Anhang: Ammoniak). 

Nitrum (im wesentlichen kohlensaures Natrium oder Soda, 
verunreinigt mit Natrium- und Magnesiumsulfat, Kochsalz, Sal- 
miak und dergl.) findet sich in vielen Gewässern, z. B. in den 
ägyptischen Bitterseen, in manchen Quellen, die es aus der Erde 
auswaschen, und zeigt sich oft in salzähnlichen weißen Kristallen, 
oft nur als eine Auswitterung des Erdbodens. Aus solcher Erde 
laugt man es in Ägypten mit Wasser aus und scheidet es durch 
Versieden ab. Reines Nitrum ist weiß, zart, locker, schwammig 
und porös, unreines rotbraun, bröckelig und oft mit Erde ver- 
mischt; da es, selbst sorgfältig getrocknet, sehr zerfließlich bleibt, 
so versendet man es in verpichten Krügen. - Nitrum wirkt stark 
ätzend, und da diese Eigenschaft durch Kalk noch bedeutend 
verstärkt wird, so verfälscht man es häufig durch Zusatz von 
Kalk; in Wasser löst es sich leicht auf, wobei diese Verfälschung 
zutage tritt, ^ und auch in Essig ist es sehr löslich.^ Mit 
Schwefel zusammengeschmolzen, bildet es eine graue, steinharte 
Masse. ^ 

Die Asche getrockneter Pflanzen, die ein höchst kräftiges 
Düngemittel ist/ z. B. die Asche der Kohlstengel,' des Feigen- 
holzes, ^ des Eichenholzes,^ der Weinhefe, i*^ u. s. f., hat die Natur 
des Natrons, besitzt aber noch stärkere Kräfte als dieses ^^ und 

1 33, 29. 2 31, 46. . » 31, 46; 23, 63. * 30, 10. ^ 31, 46. 
« 17, 5, 6, 47. ^ 20, 35. « 23, 63. « 16, 11. ^" 14, 26. ^^ 14, 26. 



DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES PLINIUS 13 

hat sehr ätzende Eigenschaften. ^ (Gemeint ist das kohlensaure 
Kalium, die Pottasche.) 

Eine Art Nitrum tritt auch als Auswitterung an feuchten 
Mauern auf;- es wird vielfach in der Medizin gebraucht^ und 
ist ein wirksamer und treibender Dünger für zahlreiche Pflanzen, 
z. B. für Rettige. ^ 

Kochsalz (d. i. Chlornatrium) scheidet sich aus dem Wasser 
mancher Seen, sowie beim Verdunsten des Meerwassers in den 
Salzgärten ab, ist meist pulverig, selten kristallisiert. In großen, 
wasserhellen, durchsichtigen, leicht spaltbaren Massen, Stein- 
blöcken gleichend und daher Steinsalz genannt, findet es sich 
in der Erde, woselbst es durch Verdichtung der Feuchtigkeit 
entsteht; in den Gruben ist es sehr leicht, an die Luft gebracht 
erlangt es aber eine kaum glaubliche größere Schwere, offen- 
bar weil die feuchte Grubenluft in der Tiefe sein Gewicht 
ebenso vermindert, wie das Wasser jenes der darin schwimmen- 
den Gegenstände. Salz wird auch aus Salzsole gesotten, die 
man aus Brunnen pumpt, und zwar ist das mit Eichenholz 
gesottene Salz das beste, weil die Asche jenes Holzes auch dem 
Salze große Kraft verleiht;^ manche Salzsolen enthalten ein 
öliges Bitumen, das beim Eindampfen der rohen Salzlauge 
emporsteigt und auf der Oberfläche schwimmt.^ Gallier und 
Germanen, die die Kunst des Salzsiedens nicht verstehen, be- 
reiten Salz, indem sie Salzwasser auf brennendes Holz gießen, 
wobei das Wasser verdampft.^ Das Salz ist desto besser und 
wohlschmeckender, je reiner und weißer es ist; manches ist 
glashell und spiegelglänzend, anderes gelblich, rot oder braun- 
rot; einiges knistert im Feuer, anderes beim Auflösen im Wasser;^ 
merkwürdigerweise vermögen selbst vier Teile Wasser nicht 
einen Teil Salz vollkommen aufzulösen.^ Salz findet sich auch 
in Pflanzen, z. B. in Futterkräutern, und zwar selbst da, wo der 
Boden nichts davon enthält. ^^ Das Salz des Meerwassers stammt 

^ 20, 35. 2 20, 26; 22, 30; 30, 41. ^ 35, 50; 24, 38. * 19, 26. 
' 31, 39, 40. ^ 31, 39. ' 31, 39. « 31, 41. '^ 31, 34. ^° 11, 97. 



14 DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES PLINIUS 

nicht, wie das der Heilquellen, aus der Erde, sondern wird der 
See gleichsam durch die Glut der Sonne eingekocht, indem 
diese die süßeren und zarteren Teile des Seewassers allmählich 
an sich zieht; ^ das Meerwasser, das man zu Zwecken der Fisch- 
zucht auch künstlich (aus der Sole der Salzgärten?) darzustellen 
versteht,"^ friert langsamer als jedes andere, erhitzt sich aber 
dafür desto rascher.^ Das Salz trocknet und konserviert, schützt 
vor Verwesung und Fäulnis, ist ein wichtiges Viehfutter und 
kann für die menschliche Nahrung nicht entbehrt werden;* seine 
belebende Kraft ist so groß, daß z. B. Mäuse durch bloßes 
Fressen von Salz Junge gebären.^ Im Übermaße genossen, 
wirkt es aber schädlich; wenn z. B. Mütter zu viel Salz ver- 
zehren, so bringen sie Kinder ohne Nägel zur Welt. ^ 

Salmiak (d. i. Chlorammonium) ist jedenfalls ein Haupt- 
bestandteil jenes ägyptischen Nitrums, das nach Plinius, auf 
Zusatz von Kalk einen heftigen Geruch entwickelt (nach Ammo- 
niak); man erhitzt (sublimiert?) ihn in Töpfen, die aber bestens 
verschlossen sein müssen, weil er sonst entweicht. Ganz rein 
ist er weiß und locker, leicht löslich im Wasser und wird, in 
Gefäßen stehend, feucht, wobei sich oben eine grauweiße, fein- 
haarige Schicht bildet; die geringere Sorte ist feucht, gelblich 
oder rötlich, und riecht unangenehm, sehr scharf, ungefähr wie 
Fischbrühe.' Einen ähnlichen, scharf riechenden Rauch liefert 
auch die Asche des gebrannten Hirschhornes;^ sein Geruch 
(der dem kohlensauren und freien Ammoniak zuzuschreiben ist) 
wirkt so kräftig, daß er die Giftschlangen vertreibt; auch in 
der Medizin wird dieser Stoff allein, oder zusammen mit Essig, 
vielfach angewandt.^ 

2. Calcium. 

Kalkstein (d. i. kohlensaures Calcium) ist desto besser, 
je weißer, gleichmäßiger und fester er ist; beim Brennen ergibt 

1 2, 104. ' 31, 34. ^ 2, 106. '^ 31, 45, 41. "^ 10, 85. 

6 7, 5. ' 31, 46, 42; 32, 44. « 28, 42. « 28, 46, 47, 49, 57. 



DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES PLINIUS 15 

er den Ätzkalk, der die höchst merkwürdige Eigenschaft besitzt, 
sich, obwohl er doch schon gebrannt ist, mit Wasser nochmals 
zu erhitzen und gleichsam zu entzünden.^ Mit viel Wasser 
versetzt, liefert er den eingesumpften Kalk, der desto besser und 
fetter gerät, je reiner der Kalkstein war, und sich zu Bauzwecken 
desto besser eignet, je älter er wird.- Gebrannter Kalk läßt 
sich mit Öl vermischen, welche Mischung u. a. auch zum 
Dichten gebrannter Tonröhren, wie man sie für Wasserleitungen 
benützt, sehr geeignet ist;^ mit Eiweiß vermengt, liefert Ätzkalk 
einen vorzüglichen Kitt für Glasstücke; ^ wie zu vielen anderen 
Zwecken, dient er auch zum Düngen, besonders für Weinstöcke 
und Ölbäume.^ — Der Marmor ist, wenn völlig rein, schnee- 
weiß und körnig-kristallinisch, braust mit Essig auf, und dient 
deshalb in der Heilkunde als kühlendes Mittel;^ er nimmt, mit 
Bimsstein und dergl. behandelt, Politur und herrlichen Glanz 
an und läßt sich in die dünnsten Platten zerschneiden, wozu 
man sich feinen Sandes, des Seesandes, des ägyptischen oder 
des Naxos-Schmirgels bedient. ^ Merkwürdig ist, daß er in den 
Steinbrüchen immer wieder frisch nachwächst und sich über- 
haupt durch einen Wachstumsvorgang bildet.^ — Auch die 
Kreide, die in reinem Zustande weiß, in unreinem grau oder 
rötlich ist, braust mit Essig und wirkt so' als Heilmittel; auch 
findet sie Verwendung zum Schönen und Walken der Kleider, 
sowie zum Reinigen des Silbers.^ — Gebrannte Austernschalen, 
Muscheln und Schneckengehäuse werden gleichfalls ätzend, und 
sind medizinisch wichtig, ^^ während hingegen die Korallen dem 
Feuer widerstehen und sich nicht brennen lassen. ^^ Gebrannte 
Eierschalen, für sich, oder zusammen mit Essig, werden auch 
in der Medizin gebraucht; es ist bemerkenswert, daß Essig die 
Schale der Eier auflöst, obwohl diese sonst so fest ist, daß sie, 
aufrechtstehend, durch keine Kraft und kein Gewicht zerbrochen 

^ 36, 53. 2 36, 53, 55. ^ 24, 1; 31, 31. ^ 29, 11. ^ 17, 4,6. 
' 36, 16. ^ 36, 9. « 36, 24. ^ 35, 57, 58. ^^ 30, 10; 32, 21. 

^' 32, 11. 



16 DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES PLINIUS 

werden kann.^ Auch die Perlen, die sich bilden, wenn die 
Perlmuscheln durch den himmlischen Tau befruchtet werden, 
lösen sich in Essig, wie dies z. B. Kleopatra bei ihrem be- 
rühmten Gastmahle bewies. ^ 

Der Oips (d. i. schwefelsaures Calcium) entsteht, indem 
die Feuchtigkeit der Erde erstarrt und kristallisiert; er ist weiß, 
weich und spaltbar, in großen Stücken dem Marmor ähnlich, 
und kann wie dieser gebrannt werden; nach dem Befeuchten 
mit Wasser muß gebrannter Gips sofort verbraucht werden, 
da er sonst zu einer steinharten Masse zusammenbackt.-^ Vom 
farblosen Gips (Marienglas) ist der arabische der beste; er ist 
klar, zerbrechlich, durchsichtig wie Glas und dient zur An- 
fertigung von Fenstern und von Verschlußscheiben für Bienen- 
stöcke, die es gestatten, die Tiere bei ihrer Arbeit zu beobachten.* 

Des Gipses, Kalkes und Marmors bedient man sich zum 
Verbessern des sauren Weines^ und zum Konservieren des 
Mostes;*^ Manche verstärken die Wirkung dieser Stoffe noch 
durch Hinzufügen von Asche, Aschenlauge oder eingedicktem 
Meerwasser, und bessern die, durch die Schärfe solcher Sub- 
stanzen unansehnlich gewordene Färbung, durch Zusatz ver- 
schiedener Farbstoffe wieder auf. ^ Dergleichen Weine erhalten 
dann selbst Kranke zur Stärkung, obwohl schon der Gesunde 
vor deren Genüsse erschaudern muß.^ 

3. Magnesium. 

Den Magnesit (kohlensaures Magnesium) führt Plinius 
bei der Besprechung des Magneteisens an;^ er findet sich bei 
Magnesia, ist weiß, sieht ähnlich wie Kalkstein aus und zieht 
das Eisen nicht an. 

Bittersalz (Magnesiumsulfat) ist ein Bestandteil des Nitrums 
der oben erwähnten Bitterseen und bitteren Quellen. 

^ 29, 11. 2 9, 54, 58. ^ 36, 45, 59. * 36, 46; 33, 22; 21, 47. 
^ 14, 24. « 36, 48. ' 14, 25, 26. » 23, 24. » 36, 25. 



DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES PLINIUS 17 

Asbest (d. i. wesentlich kieselsaures Magnesium) ist ein 
unverbrennlicher Flachs, den die regenlosen, vom Sonnenbrande 
ausgedörrten indischen Wüsten hervorbringen; er ist rötlich, 
wird beim Erhitzen weiß, widersteht dem Feuer, und läßt sich 
zu kostbaren Kleidern und Tischtüchern verarbeiten. ^ 

4. Aluminium. 

Tonerde ist in reinem Zustande weiß und völlig un- 
schmelzbar; sie findet sich oft in großen Massen, oft in kleineren 
Knollen, oft auch als weiße, zarte, sehr lockere Erde, die an 
der Zunge klebt und als Walkererde benützt wird, nachdem 
man sie mit Wasser gewaschen und in der Sonne getrocknet 
hat; 2 die unreinere Tonerde ist rot oder braun, und aus ihr 
werden die Ziegelsteine verfertigt, von denen jene für die 
besten gelten, die zwei Jahre an der Luft gestanden sind. 

Der Alaun (d. i. Kalium-Aluminium-Sulfat) stellt eine Art 
Salzsaft der Erde dar, entsteht aus Wasser und Schlamm, gerinnt 
im Winter, wird im Sommer gezeitigt, und ist, soweit er früh 
ausreift, klar und hell. Der beste ist, wenn fest, weiß und 
durchsichtig, wenn aufgelöst, klar, und von nagendem, zu- 
sammenziehendem Geschmacke; er allein ist zum Beizen und 
Färben heller Wolle, sowie zum Gerben feiner Häute brauchbar. 
Der unreine Alaun ist grau, dunkel, trübe und oft eisenhaltig; 
letzteres erkennt man daran, daß sich seine Lösung beim Ver- 
setzen mit Galläpfelextrakt (d. i. Gerbsäure) schwärzt.^ Durch 
Brennen wird der Alaun verändert und liefert so ein wichtiges 
Heilmittel;^ auch der Alaun als solcher ist aber in der Medizin 
unentbehrlich, 5 vor allem der ägyptische, der der reinste und 
wirksamste ist.^ — In der Erde findet sich auch der Alaun- 
schiefer, der lange, undurchsichtige, übelschmeckende Massen 
bildet, aus denen man durch Rösten Alaun gewinnt; auch der 

' 19, 4. 2 33^ 21; 35, 49; 35, 53, 57. ^ 35, 52. "- 28, 75; 30, 
22; 35, 52. ^ 20, 51, 53; 28, 33, 46. « 28, 27, 46, 60. 

V. Li pp mann, Beiträge. 2 



18 DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES PLINIUS 

Federalaun, der aus dem Schweiße des Kupferkieses entsteht 
und ein leicht spaltbarer, fest gewordener Alaun ist, wird in 
den Bergwerken vorgefunden. ^ 

Der Mergel (wesentlich Tonerde und Kalkstein) bildet 
gleichsam ein »Schmalz der Erde", und seine Arten sind höchst 
zahlreich: man kennt weißen, grauen, rötlichen, tonartigen, 
sandigen, feuchten, fetten und rauhen Mergel. Mergel ist ein 
»Ernährer der Feldfrüchte", wird aber nur in dünner Schicht 
und womöglich mit Salz oder Mist gemischt auf das gepflügte 
Land gebracht, woselbst seine Wirkung nicht gleich im ersten 
Jahre hervortritt; ^ gewisse Saaten freilich ernähren ihre Felder 
selbst, z. B. Wicken, Wolfs- und Saubohnen, sowie Luzerne. ^ 

Daß die Tonerde auch kristallisiert, weiß Plinius natür- 
lich nicht, doch kennt er den Rubin und Saphir;^ ferner er- 
wähnt er den Schmirgel von Naxos,^ den Topas/ sowie 
vermutlich den Blaustein oder Lapis Lazuli.'^ 

5. Beryllium. 

Der Beryll kommt zumeist aus Indien und wird dort 
schon sechskantig geformt aus der Erde gefördert, oder sechs- 
kantig zugeschliffen; von allen Edelsteinen hat er allein eine 
Abneigung gegen das Gold, weshalb man die Berylle nicht in 
Gold faßt, sondern durchbohrt und auf Elefantenhaare reiht. ^ 
— Den Smaragd schildert Plinius als besonderen Edelstein, 
von völliger Durchsichtigkeit, wunderbar grüner Farbe und 
außerordentlicher Härte. ^ 

6, Gold. 

Gold kommt in der Natur als gediegenes Metall vor, in 
Klumpen bis zu zehn Pfund Gewicht, ferner im Sande mancher 
Flüsse, endlich in die Adern anderer Gesteine eingesprengt, be- 
sonders in die des Quarzes. Aus den goldführenden Gesteinen 

^ 31, 39. =^ 17, 4. 3 17, 6; 18, 36, 37, 43. * 37, 25, 39. 

«^ 37, 32. « 37, 32. " 37, 38. « 37, 20. ^ 37, 16. 



DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES PLINIUS 19 

gewinnt man es durch Mahlen oder Pochen, Schlämmen, Rösten, 
und Ausschmelzen in Tiegeln aus weißer Tonerde. Beim Aus- 
waschen des Goldes läßt man das Wasser, das oft zwanzig 
Meilen weit unter unendlichen Gefahren, Mühen und Kosten 
herbeigeleitet wird, in gewaltsamem Gefälle herniederstürzen, 
bringt es dann zum Absitzen, und zwar in Gräben, die man 
mit Ulex (einer Art Rosmarin) auskleidet, sammelt diese Pflanze, 
deren rauhe Oberfläche das feine Gold zurückhält, verbrennt sie, 
und schlämmt ihre Asche.^ Das Gold steht an Gewicht und 
Schmiegsamkeit nur dem Bleie nach,^ ist sehr weich ^ und so 
dehnbar, daß eine Unze . (d. i. 28,75 g) 750 und mehr Bleche 
von je vier Quadratzoll Größe liefert, und Goldfäden darstell- 
bar sind, die bloß die Dicke von Wollhaaren haben und sich 
verspinnen oder verweben lassen. Gold rostet nicht, widersteht 
dem Essig und wird durch Feuer nicht verändert, sondern nur 
geschmolzen, am leichtesten, wenn man Blei zusetzt, welches 
Verhalten man zur Reinigung des Goldes und zur Trennung 
von dem es fast stets begleitenden Silber benützt. Durch wieder- 
holtes Schmelzen läutert sich das Gold und nimmt zuletzt eine 
dem Feuer selbst gleichende Farbe an; an dieser erkennt man 
das echte Gold und spricht daher von der »Feuerprobe".^ Setzt 
man zu geschmolzenem Golde die Glieder eines Huhnes, so 
ziehen diese das Metall in sich ein, sind also gleichsam ein 
Gift für das Gold.^ 

Das reine Gold, dessen Güte man mittels des Probier- 
steines prüft,^ ist ein mächtiges Arzneimittel und bricht Zauber 
und Gifte aller Art."^ Kupfer, Silber und andere Metalle kann 
man mittels Quecksilbers vergolden; auf Holz, Glas, Marmor 
und dergl. trägt man jedoch Goldblättchen mittels Eiweiß oder 
Leim auf.^ - Das Gold wächst, wie alle Metalle, in der Erde 
wieder nach, vermutlich, indem die Luft in die beim Graben 
erweiterten Öffnungen reichlich eindringt.^ 

^ 33, 20. 2 33^ ig B33^ 31^ 433^ 1q 529^ 25. «33, 43. 
' 33, 25; 21, 38. « 33, 19, 42. '■> 2, 95; 34, 49. 

2* 



20 DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES PLINIUS 

7. Silber. 

Das Silber bildet einen beständigen Begleiter des Goldes, 
von dessen Menge es zuweilen nur Vse; o^t aber auch Vio j^ 
Vs beträgt; 1 gediegen kommt es nicht vor, in gewissen Erzen, 
besonders im Bleiglanze, ist es aber massenhaft enthalten. Aus 
den Bleierzen, oder unter Zusatz von Blei, wird es ausgeschmolzen, 
wobei das reine Silber schließlich verbleibt und leuchtend hervor- 
tritt (der sogenannte Silberblick), während die übrigen Stoffe in 
die Silberschlacke und den Silberschaum übergehen, die als Aus- 
würfe des sich reinigenden und des schon gereinigten Metalles 
anzusehen sind und große Heilkräfte besitzen.^ Das reine Silber 
ist weiß, glänzend, dehnbar und sehr weich ;^ eine Legierung 
mit vier Teilen Gold heißt Elektron, kommt in der Natur vor, 
wird aber auch künstlich bereitet, sowohl wegen ihres herrlichen 
Glanzes, als auch weil sie die Eigenschaft hat, alle Gifte zu 
offenbaren, indem sie, bei Berührung mit ihnen, unter Knistern 
Funken von sich gibt und sich mit den Regenbogenfarben 
überzieht.* Gewisse Mineralwässer und Salze färben das Silber, 
ebenso wird es durch das Gelbe eines hart gekochten Eies 
geschwärzt; durch Essig, sowie durch Putzen mit Kreide wird 
der Fleck wieder entfernt.^ Aus Silber macht man auch Blatt- 
silber und Silberspiegel, von denen die rückwärts vergoldeten 
die richtigsten Bilder geben; die Bilder entstehen aber überhaupt, 
indem die Luft, als Abbild des von der klaren Fläche aufge- 
nommenen Schattens, zurückprallt und wieder ins Auge gelangt; 
daher erklärt sich die Veränderung und Verzerrung der Gestalten, 
wenn man die Spiegel konkav, konvex oder kegelförmig macht.^ 
Nebst Spiegeln verfertigt man auch unzählige andere Luxus- 
geräte aus Silber, da sich dieses vorzüglich und leicht in jeder 
Weise verarbeiten läßt; mattierte Gegenstände bereitet man aus 
einer Legierung von Vs Silber], Vs Kupfer und Vs Schwefel.^ 

^33, 23, 20. 2 33 31. 47^ 35. 28, 6L » 33, 31. * 33, 23. 

^ 33, 55, 46. « 33, 45. ' 33, 55. 



DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES PLINIUS 21 

8. Kupfer. 

Kupfer wird hauptsächlich durch Ausschmelzen des Kupfer- 
kieses dargestellt, einer bröcklichen, zerreiblichen, honiggelben 
Gesteinsart, die in Cypern massenhaft auftritt und dort auch zu- 
erst auf Kupfer verarbeitet wurde, während man in Rom selbst 
das Prägen des Kupfers erst zur Königszeit erlernte.^ Das reine 
Kupfer ist rot, glänzend, schwer, dehnbar und hämmerbar; durch 
Hämmern wird es auch in Barren geformt, wobei der Kupfer- 
hammerschlag abspringt.2 Will man es völlig blank haben, so 
beizt man es mit Urin;^ in diesem Zustande, den man dauernd 
erhalten kann, wenn man es mit Öl, Fett oder Teer bestreicht, 
bildet es keinen Grünspan.* Das Kupfer ist ein Bestandteil 
vieler Legierungen, z. B. des Messings;^ die wichstigste ist die 
mit Zinn, aus der man Spiegel und andere Gegenstände dar- 
stellt, und die am besten und schönsten in Brundisium bereitet 
wird,^ (woher angeblich der Name Bronze rührt). Da der Grün- 
span zur Heilung vieler Augenkrankheiten, gewisser Geschwüre, 
offener Wunden und dergl. überaus nützlich ist, so stellt man 
ihn auch künstlich aus Kupfer dar,^ indem man blanke Kupfer- 
bleche in bedeckten Fässern über scharfem Essig aufhängt, oder 
Kupferfeile mit Essig besprengt und fleißig umrührt, oder Kupfer- 
feile mit Essig in einem Mörser verreibt, oder endlich kupferne 
Platten in Weintrester eingräbt; durch Erhitzen läßt sich dieser 
rohe Grünspan in eine lockere Asche (d. i. Kupferoxyd) ver- 
wandeln. ^ 

Liegt der Kupferkies offen an der Luft, so verwandelt 
ihn diese (durch Oxydation) in einen anderen Körper (nämlich 
den Kupfervitriol), der in der Medizin als starkes Brechmittel 
dient,^ übrigens auch aufgelöst in den Grubenwässern vorkommt. 
Um ihn zu gewinnen, kocht man die Grubenwässer stark ein, 

^ 34, 29; 33, 13; 34, 2. ^ 34^ 24. ^ 34, 25. ^ 15, 8; 34, 21. 

' 34, 20; 34, 2. « 33, 45, 47. ^ 29, 38; 30, 37, 39. « 34, 26. 27. 

.' 34, 30. 



22 DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES PLINIUS 

setzt ein gleiches Maß Wasser hinzu und gießt die Lösung in 
hölzerne Kübel, über denen Querhölzer befestigt sind, von denen 
wiederum kleine Stricke, die durch Steinchen gespannt gehalten 
werden, bis in die Kübel hinabreichen; an diese nun hängt sich 
die gelöste Materie an, in gläsernen Beeren, gleichsam traubig; 
sie ist glänzend, durchsichtig wie Glas, und wird für desto 
besser gehalten, je tiefer blau sie aussieht.^ — Andere (meist 
nicht sicher zu deutende) Kupfermineralien sind: die Chryso- 
colla, die herrlich grün, wie ein frisches Saatfeld erglänzt und 
als Farbe benützt wird;^ der cyprische Kupfersmaragd, eine 
fette, feuchte, meergrüne, durchsichtige Materie;^ das Bergblau 
oder Cöruleum, das in vier Nuancen käuflich ist und, auf Kohle 
gebracht, mit heller Flamme brennen soll,^ und dergl. mehr. 

9. Quecksilber. 

Vom Quecksilber gibt es zweierlei Arten, das natürliche 
und das künstliche. Das natürliche ist sehr selten; es wird in 
Form metallischer Tropfen gefunden und mittels Durchpressens 
durch Leder gereinigt; ausgezeichnet ist es durch seine Giftig- 
keit, seine Schwere, vermöge derer alles auf ihm schwimmt, 
und sein Lösungsvermögen für Gold und Silber, das seine 
Anwendbarkeit zum Vergolden erklärt.^ Das künstliche erhält 
man durch Verreiben von Zinnober mit Essig in einem 
kupfernen Mörser; auch füllt man Zinnober in eine eiserne 
Schale, deren Deckel mit Ton verstrichen wird, stellt das Ganze 
in einen irdenen Tiegel, gibt heftiges Feuer und sammelt die 
durchschwitzenden feinen Tröpfchen, die leicht zu größeren 
Tropfen zusammenfließen.^ Das künstliche Quecksilber ist 
ebenso schwer und ebenso giftig wie das natürliche, steht ihm 
aber sonst an Güte nach; Gegengifte sind Nesselsamen, ^ reiner 
Wein,'^ Eselsmilch,'-^ Speck,^^ Mist wilder Tauben ^^ u. s. w. 

^ 34, 30. ^ 33, 26, 27. » 37, 17, 19. ^ 33, 57. ^ 33, 32. 

« 33, 41. "^ 22, 15. « 23, 23. « 28, 33. ^^ 28, 45. " 29, 33. 



DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES PLINIUS 23 

Der Zinnober selbst ist ein prächtig rotes, aber sehr 
giftiges Pulver, dient als höchst kostbare Malerfarbe und wird 
deshalb häufig gefälscht; der beste, spanische, ist ein Kronregal, 
wovon jährlich etwa 2000 Pfund in versiegelten Säcken nach 
Rom gebracht werden; gereinigt und geschlämmt kostet das 
Pfund 70 Sesterzen.i 

10. Eisen. 

Eisen findet sich in den Meteorsteinen, die vom Himmel 
auf die Erde herabfallen und ein dunkles blasiges Aussehen 
haben.2 Eisenerze sind auf der Erde überall sehr verbreitet 
und bilden oft ganze Berge; die besten sind die von Elba, im 
übrigen aber ist ihre Verschiedenheit, je nach Klima und Be- 
schaffenheit der Erde, bedeutend, so daß das ausgeschmolzene 
Eisen, das anfangs dünnflüssig wie Wasser ist, nach dem Er- 
kalten weich oder hart, spröde oder brüchig, zäh oder fest, 
zum Gießen oder zum Schmieden geeigneter sein kann.^ Durch 
Umschmieden des Eisens erhält man Stahl, dessen Güte und 
Härte sehr ungleich und hauptsächlich auch von der Art des 
Löschens abhängig ist; feine Geräte z. B. werden, wenn man 
das glühende Metall in Wasser taucht, zu brüchig; man löscht 
sie daher in Öl, womit man auch feinere Schneiden schleifen 
kann, als mit Wasser allein; Spanien, Noricum (Steiermark) 
und das serische Land (hier das nördliche Indien?) liefern die 
besten Qualitäten.^ Rotglühendes Eisen läßt sich schwer, weiß- 
glühendes sehr leicht hämmern, und hierbei entsteht der Eisen- 
Hammerschlag; glühendes Eisen, das man nicht hämmert, ver- 
dirbt und verrostet; auch Feuchtigkeit, feuchte Erde, Blut, Essig, 
Alaun und dergl. machen Eisen rosten, wovor man es durch 
einen Anstrich mit Öl, Teer, Gips oder Bleiweiß schützen kann;^ 
durch Meerwasser wird Eisen wieder vom Roste befreit.^ 

Von allen Eisenerzen ist das merkwürdigste das Magnet- 

^ 33, 36, 37, 40; 29, 8. '^ 2, 57. ^ 34, 41, 43; 34, 20. * 34, 41. 
' 34, 43, 46; 17, 3; 34, 21. « 31, 33. 



24 DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES PLINIUS 

eisen, das sein Entdecker Magnes zuerst in der Nähe des 
Berges Ida auffand, als er, das Vieh hütend, plötzlich mit Schuh- 
nägeln und Stockspitze an der Erde haften blieb; es ist eine 
schwere, kompakte Masse, von bläulicher Farbe, zieht anderes 
Eisen in, macht es magnetisch, so daß man auf solche Weise 
ganze Ketten von Ringen aneinanderhängen kann, und ist ein 
Heilmittel für alle bösen Wunden.^ Magnete, die das Eisen 
abstoßen, sollen ebenfalls vorkommen.- — Eisenkies entsteht 
beim Erzschmelzen unter dem Einflüsse des Fichtenholzes und 
findet sich massenhaft in den Bergwerken Cyperns; stark geglüht, 
gibt er eine Art Eisenocker oder Röthel (d. i. Eisenoxyd);'^ ein 
ähnlicher Eisenocker wird aber auch aus den Erzgruben ge- 
fördert und verwandelt sich, in einem Topfe heftig geglüht, in 
eine schön rot gefärbte Masse.* Auch der Eisenvitriol wird 
beim Glühen rot; er ist grün, aber nicht so schön wie Grün- 
span, dient zum Schwarzfärben des Leders, und färbt ein mit 
Galläpfelabsud getränktes Papier schwarz, woran man seine 
Gegenwart stets leicht erkennen kann.^ 

11. Zink. 

Metallisches Zink war, soviel man bisher weiß, im Alter- 
tume unbekannt, dagegen kannte man einige seiner Derivate 
und bereitete sie aus dem Zinkerz (Galmei), das sich nach 
Plinius in der Natur vorfindet und in schlechterer Qualität 
auch in den Silberschmelzöfen entsteht. Der zarteste Teil seiner 
Materie (d. i. Zinkoxyd) wird aus ihm, wenn man es glüht, 
ausgetrieben, und schlägt sich als rein weiße, feine Flockasche 
von äußerster Leichtigkeit an den Ofengewölben nieder;^ mit 
Essig versetzt, löst sie sich auf, entwickelt einen metallischen 
Geruch, und schmeckt sehr ekelhaft. ' Durch Glühen mit Schwefel 
in verschlossenen irdenen Töpfen entsteht ein gelblicher oder 
rötlicher Rückstand (d. i. Schwefelzink), der, geschlämmt und 

^ 34, 101; 36, 25. ^ 36, 25; 20, 1. =» 34, 31, 37. -* 35, 16. 

^ 34, 26, 32. « 34, 22, 33, 34. ' 34, 33. 



DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES PLINIUS 25 

getrocknet, große Heilkräfte besitzt.^ Auch ein dem Bleiweiße 
ähnliches Produkt kann man aus Zinkerzen erhalten.- 

12. Zinn. 

Zinn wird aus einem, sehr schweren Erze, dem Zinnerze, 
durch Schlämmen und Schmelzen gewonnen, wobei kein Silber 
zum Vorschein kommt; es ist weiß und so leicht schmelzbar, 
daß man es, geschmolzen, in Papierdüten gießen kann, ohne 
daß diese verbrennen. Man gebraucht es zur Herstellung der 
Bronze, zum Löten, und zum Verzinnen von Gefäßen; Silber 
läßt sich aber mit Zinn nicht dauerhaft löten, denn die Löte- 
stelle verträgt keine Glühhitze.^ 

13. Blei. 

Bleierze finden sich in der Natur massenhaft und sind 
häufig durch großen Silbergehalt ausgezeichnet;^ beim Schmelzen 
der Erze im Ofen senken sie sich, zum Teil in Blei verwandelt, 
in den Ofen hinab, während das Silber obenauf schwimmt, wie 
Öl auf dem Wasser. Der erste Abstich liefert das sogenannte 
Werkblei, mit dem man Kupfergeschirre überzieht, um die 
Grünspanbildung zu vermeiden; ihr Gewicht nimmt dabei nicht 
zu.^ Reines Blei läßt sich leicht schmelzen, aber nicht löten; 
mit Wasser gefüllte Bleigefäße kann man ohne Schaden er- 
hitzen, wirft man aber eine Münze oder ein Steinchen hinein, 
so schmelzen sie sogleich durch. ^ Röhren und Bleche lassen 
sich aus Blei leicht anfertigen. Glüht man Blei mit Schwefel 
und schlämmt die Schmelze, so erhält man eine graubraune 
Masse, die sehr heilsame Wirkungen ausübt, jedoch giftig ist, 
wie alle Bleiverbindungen. ^ 

Ein wichtiger und auch in der Medizin geschätzter Stoffe 
ist das Blei weiß. Seine Darstellung erfolgt, indem man dünne 
Bleibleche über scharfem Essig stehen läßt, das dabei Abfallende 

^ 34, 23, 34. 2 34^ 22. ^ 34^ 47^ 43. 30^ 19 4 34^ 47. 33^ 31, 
' 34, 48. <5 34^ 43^ 4g^ 7 34^ 50. 8 20, 51 ; 23, 63. 



26 DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES PLINIUS 

trocknet, mahlt, siebt, mit Essig anreibt, zu Kügelchen formt 
und an der Sonne trocknet, oder indem man nach etwa zehn 
Tagen den schimmel-ähnlichen Überzug von den Bleiblechen 
abkratzt, diese wieder über Essig stellt, und so fortfährt.^ Als 
einmal ein im Piräus ausgebrochener Brand einige mit Blei- 
weiß gefüllte Fässer ergriff, entdeckte man durch diesen Zufall, 
daß Bleiweiß beim Erhitzen in eine rote bis purpurfarbige 
Masse (d. i. Mennige) übergeht, die als Farbe, und trotz ihrer 
Giftigkeit auch als Schminke, Verwendung findet;^ — Die Blei- 
glätte wird ebenfalls in der Heilkunde angewandt; mit Öl 
gekocht, gibt sie das (vom Arzte Menekrates erfundene) Blei- 
glättepflaster; ferner verarbeitet man sie mit Schmalz oder Woll- 
fett zu heilsamen Salben.^ 

14. Antimon. 

Das Grauspießglanzerz (d. i. Schwefelantimon) findet 
sich, als graue, strahlig kristallisierte, stark glänzende, aber zer- 
reibliche und splittrige Masse in der Natur, und dient zur Her- 
stellung medizinischer Mittel, zum Schminken, zum Bemalen 
der Augenbrauen und dergl. Durch Brennen mit Kohlen oder 
Mist wird es in ein Metall verwandelt, das seinem Äußeren 
nach in jeder Hinsicht dem Bleie gleicht^ 

15. Arsen. 

Arsenicum als solches (?) wird in den Bergwerken vor- 
gefunden.5 Ebenso gewinnt man auch das Realgar (d. i. rotes 
Schwefelarsen) oder Sandarach, eine prachtvoll rote, zerreib- 
liche, sehr giftige Masse, »^ die häufig mit Mennige gefälscht wird ^ 
und als Farbe, als Heilmittel,^ sowie zur Bekämpfung der Trauben- 
fäule^ Verwendung findet. — Das Auripigment (d.i. gelbes 
Schwefelarsen) ist schuppig, in dünne Blättchen spaltbar und 

^ 34, 54. 2 34^ 54. 35^ 20. Ml, 7; 29, 28; 32, 34; 28, 37; 30, 33. 
^ 33, 33, 34; 29, 37, 38. '^6,26. «34,55. ^35,22. «23,13; 

35, 50. ^ 17, 47. 



DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES PLINIUS 27 

prachtvoll goldfarbig; Kaiser Ca jus kaufte zehn Pfund davon 
für vier Pfund Gold und befahl, daraus Gold zu schmelzen, ge- 
wann dessen aber so wenig, daß er seine Habsucht schwer 
büßen mußte. 1 Das Auripigment wirkt ätzend, entfernt die 
Haare, und dient als Farbe und als Heilmittel. ^ 

IV. Organische Stoffe. 
1. Erdöl, Terpentinöl, Harz und Pech. 

Das Erdöl und die Naphtha ist eine, zuweilen wie flüssiges 
Harz aus der Erde hervorquellende Materie, von solcher Ver- 
wandtschaft zum Feuer, daß dieses ihr zuspringt, wo es nur 
irgend möglich ist;^ manchmal ist sie völlig klar und wasser- 
hell, z. B. in gewissen Bächen Siziliens, von deren Oberfläche 
man sie mit Rohrbüscheln abschöpft, um sie als Brennöl für 
Lampen zu verwenden.^ Aus Naphtha bestehen jene Quellen, 
von denen berichtet wird, ihr Wasser diene an Stelle des Brenn- 
Öles, ^ ebenso jene feurigen Ausflüsse gewisser Berge, die selbst 
im Wasser fortbrennen, durch Aufschütten von Erde aber aus- 
gelöscht werden," vielleicht auch die in der Nähe mancher 
Vulkane aufsteigenden Dünste, die man mittels Fackeln ent- 
zünden kann;' auch das Bitumen, das beim Eindampfen roher 
Salzlaugen zuweilen auf der Oberfläche schwimmt, ist eine Art 
Erdöl. ^ Durch Verdichtung der Naphtha entsteht der Bergteer, 
das Erdpech und der Asphalt, welcher letztere massenhaft 
auf dem Wasser des toten Meeres schwimmt, jedoch auch 
fossil vorkommt;^ er ist fest, derb, zäh, klebrig, glänzend und 
gewichtig und wird zur Darstellung von Firnissen, aber auch 
(an Stelle des Kalkmörtels) zum Mauern verwendet. 

Das Terpentinöl ist ein dünnflüssiges, brennbares, stark 
riechendes Öl, das aus dem Harzsafte der Terebinthe gewonnen 

^ 34, 56; 33, 28. ^ 34^ 55. 35^ i2; 25, 22; 28, 60, 62. ^ 2, 109. 
' 35, 51. ^ 31, 14. « 2, 110. ' 2, 110. « 31, 39, ' 5, 15; 

16, 23; 24, 25; 35, 51. 



28 DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES PLINIUS 

und in Pfannen zurechtgesotten wird;i medizinisch ist es außer- 
ordentlich wirksam. 2 

Das Harz ist zum Teil ein durch die Sonnenwärme ver- 
dichteter oder ganz verdickter Saft gewisser Nadelhölzer, zum 
Teil aber ist es das Produkt einer eigentümlichen, in einer Art 
Verfettung bestehenden Krankheit dieser Bäume, und vertritt 
die Stelle der Frucht.^ Die Harze sind bald noch flüssig, bald 
schon fest, weiß bis braun, von scharfem Geschmacke und Ge- 
rüche, und fast stets in Öl löslich;^ flüssige Harze sind die der 
Zypresse, des Mastixbaumes, das zähe, magere, honigfarbige 
Lärchenharz und das fette, wohlriechende, harntreibende Tere- 
binthenharz, und alle diese sind, wenn völlig rein, weiß, löslich 
in Öl, reinigend, konservierend, und schützend gegen Fäulnis 
und Verwesung.^ Trockene Harze sind hauptsächlich das 
Tannen- und Fichtenharz, deren feinere Sorten man mit Wasser 
auskocht, abpreßt, und in großen Eichenholztrögen oder in 
kupfernen Kesseln mittels heißer Steine umschmilzt. "^ Den 
meisten und zähesten Harzsaft enthält die eigentliche Harzfichte, ^ 
deren Holz in besonderen Öfen geschwelt wird; zuerst läuft 
dabei eine dünne, wasserklare Flüssigkeit ab, die von heftigem 
Gerüche und von solcher Kraft ist, daß man in Ägypten die 
Leichen mit ihr übergießt und so konserviert;^ dann folgt der 
Teer, eine zähe, dunkle, sehr fette Masse, die man in kupfernen 
Gefäßen, oft unter Essigzusatz, aufs neue kocht, wobei sie immer 
dicker wird und zuletzt zu Pech gerinnt. ^ Letzteres ist ein heil- 
sames, erweichendes Mittel, vertreibt den hartnäckigsten Husten 
und zusammen mit Schwefel alle Ausschläge, dient auch außer- 
dem zum Pichen der Weinfässer, zum Konservieren von Wein 
und Most und, mit Wachs zusammengeschmolzen, zum Dichten 
der Seeschiffe.i^ Kocht man Pech und spannt über dem ent- 
weichenden Dampf Felle aus, so bleibt in diesem das Teeröl 

1 14, 25; 16, 23. '' 12, 54; 13, 2; 27, 5; 31, 46. '' 14, 25; 16, 

23, 18, 19; 17, 37. " 14, 25. ^24,22; 16, 19. « 16, 22. ' 16, 19. 
« 16, 21. 9 16, 22. ^» 24, 23; 14, 25; 16, 23, 



DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES PLINIUS 29 

oder Pechöl hängen, und kann durch Ausdrücken gewonnen 
und durch "mehrmahges Umkochen gereinigt werden;^ es ist 
harzartig, gelb bis braun, sehr fett, wirkt konservierend, und 
ist außerordentHch heilsam. ^ Daher ist auch die Luft der Harz 
und Pech liefernden Wälder den von schwerer Krankheit Ge- 
nesenden und besonders den Schwindsüchtigen höchst zuträg- 
lich und bekommt diesen besser als eine Reise nach Ägypten 
oder eine Kur mit Kräutersaft. ^ — Dem Fichtenteer ähnlich ist 
auch der Birkenteer, der in Gallien gekocht wird,^ und der 
Zedernteer, aus dem man ein sehr brennbares, stark riechendes 
Teeröl von großem Konservierungsvermögen darstellt.^ 

2. öle und Fette. 

Das echte Öl ist der eigentliche, durch die Wärme gebildete 
Saft der reifen Oliven, aus denen er in Körben, zwischen Blechen 
oder zwischen erwärmten Platten ausgepreßt wird.^ Man kon- 
serviert das Öl durch Zusatz von Salz, "' da es sonst bei langem 
Stehen, besonders im Licht, verdirbt, sauer und ranzig wird;^ 
solches Öl greift beim Kochen die kupfernen Geschirre an; man 
bewahrt es daher besser in Muscheln oder Bleigefäßen auf. ^ 
Öl ist eines der unentbehrlichsten Heilmittel und das beste 
Schmiermaterial; ^^ es dient zum Ausziehen der Duftstoffe und 
Arome aus vielen Blumen, Blättern und Früchten, die man ent- 
weder, wie z. B. Rosenblätter, mit Öl in Glasgefäßen an der 
Sonne digeriert, ^^ oder in Öl einweicht und auspreßt, oder selbst 
mit Öl auskocht, z. B. Lilien, Safran, Majoran, Steinklee, Nar- 
zissen, Granaten, Nelken, Kalmus und unzählige andere.^'^ 

Das MandelöP^ ist sehr angenehm, fett und heilsam, je- 
doch medizinisch weniger wichtig als das Öl der bitteren 
Mandeln, das in Ägypten ausgepreßt wird;^* ebenso gut und 
höchst heilsam ist das Sesam öl, das aus dem indischen Sesam 



^ 15, 8; 24,24. ^ 15^ g. 23, 50. 


3 24,19. M6, 30. 


^24, 11: 


M5, 2, 3. M5, 4. M3, 3; 15, 3. 


M5, 6. ^M5, 8. 


1^ 21, 73. 


" 13, 2; 15, 7. ^3 13, 3; 23, 42, 76. 


^^ 13, 2; 15, 7. 





30 DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES PLINIUS 

hervorgeht.^ Das Rizinusöl gewinnt man aus den Rizinus- 
samen, die man kalt auspreßt oder mit Wasser auskocht, wobei 
das Öl an die Oberfläche steigt; es ist sehr fett und brennt 
deshalb schlecht, mit dunkler Flamme, auch wirkt es heftig 
purgierend und ist daher zu Speisezwecken untauglich. ^ An- 
dere Öle, deren es zahlreiche Arten gibt, sind z.B.: dasTrauben- 
kernöl,^ das Nußöl,^ das Palmöl,^ das Behenaöl^ (d.i. 
das Öl der Früchte von Moringa ole'ifera), das Öl der Eruca- 
samen,^ der Rettigsamen,^ der Leinsamen,'* der Nessel- 
samen ^^ u. s. f. 

Von gleicher Beschaffenheit wie das Öl ist auch der dichte 
fette Milchschaum, der Butter genannt wird;ii um diese zu be- 
reiten, füllt man Rahm in Gefäße, die nur eine einzige kleine 
Öffnung besitzen, verschließt diese, nachdem man, um Säuerung 
zu bewirken, noch etwas Wasser zugegeben hat, schüttelt heftig, 
und schöpft die aufschwimmende geronnene Masse ab; den Rest 
erhitzt man in Töpfen, und was sich dabei als Öl ausscheidet, 
ist ebenfalls Butter. Die Butter kann bei Mangel an Öl dessen 
Stelle vertreten, namentlich als Gegengift; je stärker sie schmeckt, 
für desto besser wird sie gehalten. ^^ Man benützt sie zum 
Backen feiner Kuchen, ^^ auch ist sie sehr stärkend, erhält die 
Kräfte und ernährt besonders die Knochen. ^^ 

Das beste der tierischen Fette ist das Schweineschmalz, 
das man ausschmilzt und durch wiederholtes Umkochen und 
Umschmelzen reinigt; ^^ ebenso geschätzt ist das Gänsefett, das, 
mit heißem Wasser ausgeschmolzen, durch Leinen kollert und 
in der Kälte erstarren gelassen wird^*^ und sowohl für die Küche 
als für die Heilkunde höchst wichtig ist.^^ In der Medizin 
werden auch noch viele andere Fette benützt, denen man sehr 



1 18, 22; 22, 64; 23, 49; 13, 2; 15, 7; 6, 32. ^ ^5^ 7. 23, 41. 

8 13, 2. * 15, 7; 23, 45. ^ 23, 45. ^ \2, 46; 23, 52. ' 20, 49. 

8 19, 26. « 20, 92. 1" 15, 8; 22, 15. ^' 11, 96, '' 28, 35, 45. 
18 18, 27. 1^ 11, 19; 23, 22. '' 28, 37. ^^ 29, 39. '' 10, 28; 

20, 8, 33, 84; 29, 13. 



DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES PLINIUS 31 

wunderbare, ja zauberhafte Wirkungen zuschreibt, z. B. Löwen- 
fett, ^ Bärenfett, 2 Wolfsfett, ^ Fuchsfett, ^ Gemsenfett, ^ Mäuse- 
und Siebenschläferfett, ^ Schlangenfett,' Drachenfett, ^ Schild- 
krötenfett, ^ Wasserschlangenfett, 10 Froschfett, ^^ Straußfett, ^^ 
Schwanenfett,i3 Welsfett, i* Delphinfett, ^^ Thunfischfett, i« See- 
hundsfett und Delphinleberfett 1^ u. s. f. Gewisse Fische geben 
sogar ein so öliges Fett, daß man es in Lampen brennen kann.^^ 

Das Schmalz der Wiederkäuer heißt Talg, wird ebenso 
wie das echte Schmalz gewonnen und behandelt, läßt sich an 
der Sonne bleichen, und wird zu Talglichtern verarbeitet. ^^ 
Durch Kochen von Ziegentalg mit Asche, am besten mit Buchen- 
asche, bereiten die Gallier und Germanen Seife, wovon es 
zwei Arten gibt, steife und füssige^o (d. i. nach Ansicht einiger 
Autoren Kali- und Natronseife, während andere bezweifeln, daß 
die Deutung auf Seife im heutigen Sinne überhaupt zulässig 
ist); einen der Seife ähnlichen Saft, der gleichfalls zum Waschen der 
Wolle dient, und dieser außerordentliche Weiche und Weiß erteilt, 
enthält aber auch die Seifenwurzel, ^i 

Zu den Fetten gehört auch das Wollfett (d. i. Lanolin), 
eine weiße, halbflüssige, höchst heilsame Masse, die man durch 
wiederholtes Auskochen von Schafwolle, und Abschöpfen, Aus- 
waschen, Umschmelzen, Abpressen und Bleichen des obenauf 
schwimmenden Fettes gewinnt. ^^ 

3. Wachs. 

Das Wachs bereiten die Bienen aus den Säften der Blüten, 23 

und formen es zu sechseckigen Waben. Diese werden mit 

Wasser, oft unter Zusatz von Nitron oder Meerwasser, gekocht 

und abgepreßt, worauf man das Wachs zwei- bis dreimal um- 

^ 24, 102; 28, 25. ^ 33, 52. =^ 28, 37. ^ 28, 46. ^ 28, 67. 
' 30, 26. ' 28, 77. « 29, 20. ^ 32, 14. ^^ 32, 19. ^^ 32, 25. 
"' 29, 30. 1« 30, 10. 1* 32, 36. ^^ 32, 39. ^^ 32, 36. ^^ 32, 27. 
'' 15, 7. 1« 28, 38; 13, 27; 11, 85. ^« 28, 51. ''^ 19, 18; 24, 58; 

29, 11; 13, 2. 22 29, 10, 37; 28, 21, 44; 30, 10, 22, 48. "-^ 11, 8. 



32 DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES PLINIUS 

schmilzt, durchseiht und zuletzt das beste und hellste oben ab- 
schöpft; man trocknet es in der Sonne, bleicht es jedoch im 
Mondschein. 1 Reines Wachs ist vollkommen weiß, läßt sich 
aber mit Leichtigkeit bunt färben; seine Anwendungen in der 
Medizin sind geradezu unzählbar und, wie so viele ähnliche, 
zumeist Ausgeburten der gemeinen Habsucht und Unver- 
schämtheit. - 

4. Stärke und Zucker. 

Stärke gewinnt man aus Weizen und nennt sie »Amylum", 
weil dieses ohne Mühle geschieht; man übergießt nämlich den 
Weizen in Holzgefäßen mit soviel Wasser, daß es ihn eben 
bedeckt, rührt täglich fünfmal um, seiht das Ganze durch Lein- 
wand oder Hordengeflechte, bringt den Rückstand auf Ziegel, 
die das Wasser einsaugen, und trocknet ihn dann an der Sonne; ^ 
eine gröbere Sorte Stärke macht man aus Dinkel.^ Reine Stärke 
ist weiß, leicht und glatt, dient zum Papierleimen, ^ sowie in 
der Heilkunde;^ für Hals und Augen ist sie aber schädlich.^ 

Den Rohrzucker kennt Plinius nicht, und was er unter 
dem Namen ,;Saccharon" beschreibt,^ ist keinesfalls Rohrzucker 
gewesen.^ Ebensowenig kennt er den Traubenzucker, ob- 
gleich er angibt, daß der Honig bei längerem Stehen häufig 
fest wird. Der Honig ist ein Schweiß des Himmels, ein Saft 
der sich reinigenden Luft, oder ein speichelartiger Ausfluß der 
Sterne, der beim Aufgange der Gestirne, und besonders des 
Vollmondes, auf die Erde herabfällt. ^^ Er ist wunderbar süß 
und wohlschmeckend, schützt die Früchte vor dem Faulen, das 
Fett vor dem Ranzigwerden, und besitzt große konservierende 
Kräfte. 11 Durch den Tau wird er sauer, ^^ ebenso beim Stehen 
in wässeriger Lösung, wobei er in Gärung gerät und sich in 
Met verwandelt.*^ 

1 21, 49. 2 22, 55, 56. ^ 18, 17. ^ 18, 19. ^ 13, 26; 22, 60. 
« 20, 53; 23. 75. ' 22, 67. « 12, 17. ^ s. meine „Geschichte des 

Zuckers", Lpz. 1890, Kap. 3. ^^ 11, 11, 12, 13, 15. " 29, 39. 



11, 15. 13 14^ 20. 



DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES PLINIUS 33 

Andere süße Pflanzenstoffe sind der Lindensaft^ und 
Lindenstaub,^^ der unbeschreiblich wohlschmeckende Palm- 
saft, ^ der Saft der Palmfrüchte, der auch eingekocht wird, ^ die 
Zuckerwurzel,^ der Wurzelsaft der Inula,® sowie der des 
Süßholzes,^ der, zur Honigdicke eingedampft, ein stärkendes 
und wirksames Heilmittel liefert. Süß sind auch die Rosinen, 
sowie der frische und eingekochte Most;^ läßt man aber den 
Most an der Luft stehen, so gerät er in Gärung und ver- 
wandelt sich in Wein, der also eine Flüssigkeit darstellt, die 
sich durch die Gärung die Kräfte des Mostes angeeignet hat.^ 
Die Mostgärung dauert meistens neun Tage;^^ sie entsteht offen- 
bar durch den Einfluß der Säure, ^^ erfordert aber auch eine 
gewisse Wärme, daher sie z. B. sofort aufhört, wenn man dem 
Moste Bimsstein zusetzt, der eine ganz außerordentlich kalte 
Natur besitzt. ^- Bei der Gärung des Mostes, aber auch bei der 
des Reisweines, ^^ und des Bieres aus Gerste und Weizen, ^^ ent- 
steht ein verdichteter Schaum, den man Hefe nennt. ^^ Die 
Weinhefe ist, je nach der Beschaffenheit des Weines, sehr ver- 
schieden, und zuweilen von tödlicher Kraft erfüllt (siehe bei 
Kohlensäure); getrocknet fängt sie leicht Feuer und hinterläßt 
eine Asche, die dem Nitrum ähnliche, ja noch größere Kraft 
besitzt; ^^ sie ist daher ein guter Dünger, besonders für gewisse 
Pflanzen, z. B. den Sadebaum.i^ 

Die Anführung der Tatsache, daß der starke Falernerwein, 
und nur er allein unter allen Weinen, angezündet werden kann,^^ 
ist für die Vorgeschichte des Alkohols von großem Interesse; 
die eigentümlichen Erscheinungen beim Eingießen der Weine 
in das Opferfeuer erwähnt übrigens schon Hippokrates, und 
ihre Beobachtung ist vermutlich uralt. 



^ 16, 25. 2 24^ 1. 3 12, 6; 14, 19. * 23, 51. ^ 19, 22. 

' 19, 22, 28, 2s); 20, 12. ' 21, 55; 22, 11; 28, 27; 11, 119. » 14, 11. 

M4, 11; 23, 24. ^" 14, 25. ^^ 18, 26. ^^ 35^ 42, 13 js, 13. 

" 18, 12, 13, 15; 22, 82. ^^ 18, 22; 22, 82. ^^ 23, 31, 14, 26. ^' 17, 21. 
'^ 14, 8. 

V. Lippmann, Beiträge. 3 



34 DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES PLINIUS 

5. Gummi und Pflanzenschleim. 

Der echte Gummi, dessen beste Sorte aus Arabien kommt, 
ist der Saft eines ursprünglich afrikanischen Dornbaumes, der 
Akazie; 1 erhärtet und in reinem, rindenfreiem Zustande, ist er 
eine grünliche Masse, bildet wurmförmige Körner, die beim 
Daraufbeißen an den Zähnen haften, und wird in der Medizin 
vielfach benützt. ^ Geringere Gummisorten liefert der Mandel- 
baum, Kirschbaum, Pflaumenbaum, der Wachholder, der Ölbaum, 
der Weinstock, der Efeu und die Ulme; aus verschiedenen 
dieser Gummiarten entstehen Mücken.^ Eine andere, ebenfalls 
in der Heilkunde angewandte Gummisorte ist der Traganth- 
gummi;^ auch manche Pflanzenschleime gleichen dem frischen 
Gummi und besitzen wie dieser medizinische Kräfte, z. B. der 
Schleim der Althaea^ (d. i. Eibisch) und der Flohsamen- 
schleim.^ 

6. Pflanzensäuren. 

Von den organischen Säuren kennt Plinius keine in reinem 
Zustande, über Existenz und Verhalten mehrerer von ihnen 
macht er jedoch nähere Mitteilungen. 

Die heute Ameisensäure genannte Säure wird als die 
ätzende Flüssigkeit der Haare der Fichtenraupen erwähnt.^ 

Essigsäure entsteht durch eine besondere Gärung des 
Mostes, des verdünnten Honigwassers, des Fruchtsaftes, Palm- 
saftes und Feigensaftes, sowie des verdorbenen Weines;^ über 
die Herstellung des Essigs, besonders des Weinessigs, gibt es 
ganze Bücher, sicher ist aber nur, daß der Wein bei seiner 
Verwandlung in Essig kahnig wird, und daß sich dabei eine 
Essighefe bildet, die, wie das ihre Natur erfordert, noch schärfer 
ist als Weinhefe, und auch eine noch schärfere Asche hinter- 
läßt.^ Essig wirkt kühlend und zerteilend, und verursacht, wenn 

^ 13, 19; 20, 79. ^ 13, 20; 20, 22; 24, 64. « 13, 20; 16, 72; 

24, 47, 64. ^ 30, 43. ^ 26, 90. « 25, 90; 26, 64, 73, 90. ' 29, 30. 
« 21, 48; 14, 19, 35. » 14, 26; 23, 33, 32. 



DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES PLINIUS 35 

man ihn auf manche Erdarten gießt, ein heftiges Schäumen;^ 
infolge seiner äußerst kalten Natur bietet er ein treffliches Mittel 
gegen die Gewalt der feurigen Wirbelstürme, die sogleich be- 
schwichtigt werden, wenn man ihnen Essig entgegengießt. ^ 
Essig macht die Milch gerinnen,^ merkwürdigerweise bewirkt 
das nämliche aber auch der Feigensaft.* 

Milchsäure ist die angenehm schmeckende Säure, die 
sich beim Stehen der Milch bildet, und deren Entstehung man 
am sichersten dadurch hervorruft, daß man zu süßer Milch 
etwas schon saure zusetzt.^ 

Oxalsäure ist die Säure, die den sauren Geschmack des 
Sauerampfers bewirkt^ und sich zuweilen auf der Außenseite 
der Kichererbsen als feines salziges Pulver (d. i. als Efflores- 
cenz) absetzt.^ Die Kichererbse erzeugt dieses saure Pulver 
ganz von selbst während ihres Wachstumes und dörrt daher den 
Boden in hohem Grade aus; durch Regengüsse wird das Salz 
der Kichererbse abgespült und diese selbst schmeckt dann süßer. ^ 

Weinsäure ist der Saft der unreifen Weintrauben; auch 
unreife Granaten schmecken „weinsäuerlich". ^ 

Zitronensäure ist die scharfe Säure des Zitronensaftes, 
die viele noch mit Essig verstärken.!^ 

Äpfel säure ist die Säure der unreifen Äpfel, namentlich 
aber der Holzäpfel; der Saft wilder Äpfel ist von so kräftiger 
Säure, daß er selbst die Schneide scharf zugeschliffener Schwerter 
abstumpft. !i 

Von der Existenz der giftigen Blausäure scheint irgend 
eine dunkle Kunde zu Plinius gedrungen zu sein; so z. B. 
wenn er anführt, daß, entgegen gewissen Meinungen, Pfirsiche 
nicht giftig seien, ^^ oder daß Füchse sterben müssen, wenn sie 
bittere Mandeln gefressen haben und nicht sogleich Wasser 
trinken können.^^ 

^ 23, 27. 2 2^ 49. 3 23^ 63. 
28, 36. « 20, 85. ' 19, 61. 

'" 15, 34; 23, 56. '^ 23, 55; 15, 15. 



*23, 


63, 


64; 


16, 


72. 




Ml, 


96; 


' 18, 


32, 


44; 


17, 


7. 




« 17, 


47. 


12 


15, 


13. 




13 


23, 
3* 


75. 





36 DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES PLINIUS 

Die Gerbsäure ist die Säure der Galläpfel; diese bilden sich 
auf allen Bäumen die Eicheln oder eichelähnliche Früchte tragen 
(jedoch oft nur in jedem zweiten Jahre), und zwar ganz plötzlich 
über Nacht, sobald die Sonne aus dem Zeichen der Zwillinge 
tritt. Der Saft der Galläpfel, deren beste und schwerste auf der 
breitblätterigen Eiche wachsen, dient zum Färben und Gerben,^ 
ist aber auch medizinisch sehr wirksam- und färbt Haare und 
Häute schwarz,^ besonders wenn man diese in den Gerbereien 
vorher mit Urin behandelt hat* Auch viele andere Pflanzen- 
säfte besitzen eine ähnliche adstringierende Kraft und werden 
daher teils in der Medizin, teils in der Gerberei verwendet, 
z. B. die Stiele und Kerne der Weintrauben, ^ die Akaziensamen, ^ 
die Granatrinde, ^ der Samen der Zaunrübe (d. i. Bryonia alba),^ 
der Sumach,^ die Blätter des Gerberstrauches (d. i. Rhus coriaria),i^ 
der pontische Rhabarber,ii viele Rubus- und Rhamnusarten i- u.s.f. 

7. Farbstoffe. 

Der Indigo kommt aus Indien und die Art seiner Ge- 
winnung ist unbekannt; 1^ einige sagen, er werde an den Klippen 
des Meeres gesammelt, andere meinen, er setze sich als Schaum 
an die Stengel von Rohren, ^^ wieder andere halten ihn für eine 
dem Bergblau (einem Kupfermineral) ähnliche Erde,^^ noch 
andere behaupten, er werde künstlich hergestellt und sei metal- 
lischer Natur.16 Als Pulver zerrieben, ist der Indigo dunkel 
und glänzend, in Auflösung gebracht, jedoch von wundervoller, 
zwischen Blau und Purpur schimmernder Farbe; er brennt mit 
schöner Purpurflamme, und sein Rauch verbreitet einen See- 
geruch. Man verfälscht ihn mittels Kreide, die man mit Veilchen- 
abguß oder Waid tränkt.^' Der Waid (d. i. Isatis tinctoria, 
deren Saft wirklich Indigo liefert) wächst besonders in Gallien 



^ 16, 10. =^20, 69,81,22; 24,3. 


« 24, 5. " 17, 6. 


^ 23, 8, 9. 


« 24, 67; 13, 20. ' 23, 57, 58; 17, 47; 


13, 34. « 23, 16. 


^ 29, 11; 


24, 79. ^° 24, 54. " 27, 105. 


^^ 24, 73, 77. 


^3 35, 25. 


^^ 35, 27. 1^ 33, 57. '^ 35, 12. 


^" 35, 27; 33, 57. 





DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES PLINIUS 37 

und Brittanien und dient zum Bemalen des Körpers bei ge- 
wissen, meist religiösen Ceremonien, sowie zum Färben der 
Wolle. 1 

Der Purpur stammt aus einem Safte, den die Purpur- 
schnecken in einer einzigen, weißen, mitten im Munde gelegenen 
Ader enthalten und nur im Sterben von sich geben. Man fängt 
die Schnecken im Frühjahr, weil da. der Saft reichlich und 
dünnflüssig ist, beizt die Farbadern drei Tage in Salzlake, kocht 
die Masse in einem Bleikessel ein und läßt sie in einer langen 
Ofenröhre trocknen; am zehnten Tage färbt man mit Wolle 
Probe. Der rohe Purpur ist graugrün und übelriechend und 
wird zum Färben stets in heißer Lösung angewendet; in diese 
legt man die gekrempelte Wolle hinein und läßt sie darin ver- 
weilen, bis sie alle Farbe an sich gezogen hat, wobei man 
durch Zusatz anderer Farbstoffe, sowie durch Beigabe von Urin 
oder Nitrum, verschiedene Nuancen hervorrufen kann, und zwar 
vom Rosenroten bis zum lebhaft Blutroten, das, von oben ge- 
sehen, schwärzlich, von der Seite gesehen, glänzend rot erscheint."^ 
Silberkreide nimmt die Farbe aus dem Bade noch rascher auf 
als Wolle; der erste Sud ist stets der beste, denn die zwei bis 
vier folgenden sind blasser und unbeständiger. Die Maler tragen 
die Purpurfarbe auch mittels Eiweiß auf, und zwar auf rotem 
oder, was besonders schön ist, auch auf blauem Grunde.^ 

Der Krapp oder die Färberröte wächst wild, wird aber 
auch allerorten massenhaft angebaut; er wird in der Medizin 
angewandt, hauptsächlich aber zum Färben der Wolle und des 
Leders.^ 

Die Scharlachbeere ist die Frucht der Kermeseiche 
(d. i. Quercus coccifera), die am besten in Spanien gedeiht, 
woselbst arme Leute zuweilen die Hälfte ihrer Abgaben in Form 
dieser eingesammelten Beeren entrichten; sie ist medizinisch 
wichtig und liefert einen zwar unbeständigen, aber so pracht- 

^ 22, 2; 20, 25. ^ 9, 60, 62, 64, 65; 11, 2; 31, 46. ^ 35, 26. 

' 19, 17; 24. 56. 



38 DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES PLINIUS 

voll purpurroten Farbstoff, daß man sie mit Vorliebe zum 
Färben der Kaisermäntel benutzt.^ 

Orseille oder „gätulischer Purpur" stammt von den mau- 
ritanischen Inseln (aus der Flechte Liehen roccella); aber auch 
ein, an der Küste der Insel Kreta, auf den Steinen des Ufers 
wachsender Seetang liefert einen ähnlichen, die Wolle so dauer- 
haft färbenden Farbstoff, daß er aus der gefärbten Wolle nicht 
wieder ausgewaschen werden kann.- 

Die Kunst des Färben s, die zuerst in Lydien erfunden 
wurde, 3 vermag die schönsten Farben der Blumen, z. B. gelb, 
veilchenblau, rosenrot, heliotrop und unzählige andere, täuschend 
nachzubilden, teils mit den Farbstoffen der Muscheln, teils mit 
denen der Pflanzen.^ Mit dem blutroten, nur in Öl und nicht 
in Wasser löslichen Farbstoffe der roten Ochsenzunge (d. i. An- 
chusa tinctoria) färbt man Holz, Wachs, Bernstein, am schönsten 
jedoch Wolle, ^ mit dem roten Safte des Färberkrautes (d. i. Rhus 
cotinus) hauptsächlich Leinenbänder; ^ ferner benützt man Granat- 
blüten,^ Vaccinium,^ Safflor (?),^ Ginster, ^^ Dattelpflaumen (d.i. 
Diospyros Lotus), ^^ Nußschalen, ^^ Sepiensaft^^ und dergl. mehr. 
Auf die wunderbarste Weise versteht man es in Ägypten die 
Kleiderstoffe zu färben: man färbt sie nämlich nicht sogleich 
aus, sondern tränkt sie erst mit besonderen Flüssigkeiten (d. i. mit 
Beizen), die aber den Stoff nicht selbst färben, vielmehr die 
Farbe erst dann hervortreten lassen, wenn man ihn kurze Zeit 
in das siedende Farbbad getaucht hat. Das Merkwürdigste 
bleibt aber, daß sich zwar im Färbekessel nur eine einzige 
Farbe befindet, der Stoff aber dennoch bald diese bald jene 
Färbung annimmt, je nachdem er zuvor mit dieser oder jener 
Flüssigkeit getränkt worden war; auch läßt sich die Farbe dem 
Stoffe durch Waschen nicht mehr entziehen, und je heißer die 

^ 9, 65; 16, 12; 22, 3; 24, 4. ^ 6, 36; 32, 22; 13, 49; 26, 66. 

« 7, 57. * 21, 22; 22, 3. ^ 21, 59; 22, 23; 37, 11. « 16, 30. 

^ 13, 34. 8 15^ 31^ 9 22, 19. ^" 16, 30. '^ 26, 53. ^•- 15, 24. 
'-' 32, 52. 



DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES PLINIUS 39 

Farbflotte war/ desto dauerhafter wird die Färbung. So werden 
mit Hülfe der Beizen die Pigmente gezeitigt und die ver- 
schiedenen Farben hervorgerufen, die sich doch zweifelsohne 
sämtlich vermischen würden, brächte man sie gleichzeitig schon 
fertig in den Kessel. ^ 

8. Balsame, Harze und Gummiharze. 

Aloeharz besitzt nicht metallische Herkunft, wie einige 
meinen, sondern ist der aus den Stengeln und Blättern der Aloe 
vor der Zeit der Samenreife fließende und in Gestalt von Tränen 
erhärtende Saft; es ist hellfarbig, fettglänzend, rötlich, zerbrechlich, 
schmelzbar, wird in der Medizin angewandt, hauptsächlich als 
Purgiermittel, dient zum Weinfälschen, und wird selbst wieder 
mit Gummi verfälscht. - 

Ammoniakharz fließt als Harz aus einem, beim Orakel 
des Jupiter Ammon wachsenden Baume (nämlich der Ferula 
tingitana) und bildet helle, bröckliche Körner oder Tränen von 
glänzendem Bruch; eine geringere Qualität ist harzig, massig 
und fett. Medizinisch ist es sehr wichtig.^ 

Asa foetida (Milchsaft der Ferula asa foetida und anderer 
Umbelliferen) wird als Heilmittel gebraucht.^ 

Balsam ist der, in kleinen Tropfen aus der Rinde der 
Balsamstaude (d. i. Balsamodendron gileadense) hervorquellende 
Saft; frisch bildet er ein dickes, weißes, höchst wohlriechendes, 
in Wasser untersinkendes Öl, das allmählich nachdunkelt und 
zu harten, durchscheinenden, fetten, rötlichen, beim Reiben an- 
genehm riechenden Tränen gerinnt. Eine besondere Sorte, 
Opobalsamum genannt, gewinnt man durch Einschneiden in 
die Rinde oder durch Aussieden der Reiser. Balsam ist über- 
aus kostbar und ein Heilmittel von wunderbarster Kraft, das 
daher vielfach verfälscht wird, am häufigsten mit dem Öle der 
bitteren Mandeln; diese Fälschung ist jedoch leicht erkennbar, 

^ 35, 42. 2 27^ 5; 20, 51; 14, 8. ^ 12, 49; 20, 75; 24, 14; 

25, 38. ^ 17, 47. 



40 DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES PLINIUS 

denn in Wasser gegossen fällt der Balsam zu Boden, das Öl 
aber schwimmt obenauf und bildet einen weißlichen Ring.^ 

Bdellium ist der zu Gummi erhärtete (Milch-) Saft eines 
baktrischen Baumes (d. i. Heudelotia africana), durchscheinend 
wie Wachs, glänzend, zerbrechlich, fettig, bitter, und stark 
riechend.^ 

Der Bernstein soll nach einigen aus dem Urin des Luchses 
entstehen, den dieser neidisch mit Erde bedeckt, wodurch er 
aber gerade desto schneller erhärtet, fest und feurig glänzend 
wird; die dunkeln rötlichen Stücke sollen von den Männchen, 
die matten weißlichen von den Weibchen herrühren. Nach 
anderen wieder wäre Bernstein ein Abschaum des Meeres, ein 
Erzeugnis des Seeschaumes, eine aus Vogeltränen entstandene 
Versteinerung, oder endlich ein fetter, aus dem Safte der beim 
Sonnenuntergang heftig auf die Erde drückenden Sonnenstrahlen 
hervorgegangener Schweiß. In Wirklichkeit aber ist der Bern- 
stein ein Harz, nicht von Pappeln, wie man behauptet hat, 
sondern von gewissen Zedern und Fichten herrührend, die an 
den Nordküsten Deutschlands wachsen sollen. Er bildet kleine 
Brocken, aber auch große, bis dreizehn Pfund schwere Stücke, 
von weißer oder weißgelber bis dunkelgelber Farbe; die 
letztere ist die geschätzteste, falls sie mit Durchsichtigkeit ver- 
bunden ist. Bernstein ist glänzend, mild-feurig, läßt sich färben, 
ist, besonders mit Öl versetzt, brennbar, nimmt beim Reiben 
einen eigentümlichen Geruch an, und erhält dabei durch die 
Wärme die Fähigkeit, leichte Gegenstände, z. B. Spreu, Bast, 
trockene Blätter, aber auch Eisen, an sich zu ziehen. Bernstein 
dient als Schmuck, als Amulett, und als Heilmittel; daß er ein 
Harz ist, ersieht man aus allen seinen Eigenschaften und aus 
seinem ganzen Verhalten, daß er aber ursprünglich flüssig war, be- 
weisen die eingeschlossenen Pflanzenteile, Insekten und Mücken.*^ 

Kolophonium ist ein dunkles, stark riechendes Harz und 
wird in der Medizin angewendet.^ 

» 23, 47; 12, 54. "- 12, 19. » 8, 57; 37, 11, 13; 17, 2. "^ 14, 25. 



DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES PLINIUS 41 

Drachenblut (d. i. das Harz von Daemonorops draco) 
ist ein Stoff sehr merkwürdiger Herkunft. Die Drachen lauern 
nämlich bei großer Hitze den Elefanten auf, überfallen sie, 
und saugen ihnen ihr Blut aus, weil dieses von äußerst kalter 
und kühlender Natur ist; die Elefanten stürzen infolgedessen 
blutlos nieder, erdrücken die vollgetrunkenen Drachen und 
finden zugleich mit ihnen den Tod. Das Blut nun, das der 
sterbende Elefant durch die Last seines Körpers den Drachen 
auspreßt und das nicht mit dem eigenen Blute des Elefanten 
vermischt sein darf, ist das echte Drachenblut; es bildet Körner 
von wunderbar blutroter Farbe, ist als Heilmittel ebenso ge- 
schätzt wie als Malerfarbe, und wird wegen seiner großen 
Kostbarkeit häufig verfälscht, meist mit dem giftigen Zinnober.^ 

Euphorbiumharz ist der eingetrocknete Milchsaft einiger 
Euphorbien und bildet stark riechende, weihrauchähnliche 
Körn er. 2 

Galbanumharz entsteht aus dem Milchsafte einer Stecken- 
pflanze (d. i. Ferula galbaniflua) und ist eine knorpelige, bittere, 
scharf riechende Masse, die in der Arzneikunde und als Räucher- 
mittel gegen Schlangen verwendet wird.^ 

Ladanum ist ein gummiartiges Harz aus dem Safte einer 
besonderen Pflanze (d. i. Cistus creticus), das an den Haaren 
der Ziegen hängen bleibt, die jene benagen, und durch Aus- 
kämmen des Haares gewonnen wird; es ist milde, fest aber 
leicht erweichend, und besitzt einen angenehmen Geruch, der 
besonders beim Brennen hervortritt.^ 

Laser ist der eingedickte Milchsaft aus Stengel und Wurzel 
einer (mit Sicherheit noch nicht festgestellten) Doldenpflanze, 
die zuerst in Nordafrika, durch Benetzung der Erde mit einem 
pechartigen Regen, entstanden sein soll; es ist abführend, schlaf- 
machend, und seine medizinische Anwendung geht geradezu 
ins Unendliche.^ 

^ 8, 12; 33, 38; 13, 2; 29, 8. ^ 25, 38; 26, 38 bis 45. ^ 12, 56, 
24, 12; 31, 46. ^ 12, 37; 26, 30. ^ 19, 15; 22, 49. 



42 DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES PLINIUS 

Mastix, die verhärtete Harzmasse des Mastixbaumes 
(d. i. Pistacia lentiscus), ist glänzend und brüchig, und dient 
für sich oder als Mastixöl, in der Medizin und zum Färben 
der Haare.^ Als Mastix wird aber auch ein weißes, in ge- 
ringerer Qualität braunes bis schwarzes Harz bezeichnet, das 
von einem Dornstrauche herstammt und aus dessen Distelköpfen 
beim Ritzen quellen soll.^ 

Das Myrrhenharz ist der verhärtete, von selbst oder 
nach dem Anbringen von Einschnitten ausfließende Saft eines 
arabischen Baumes (d. i. Balsamodendron Myrrha) und besteht 
aus kleinen, weißen, splittrig brechenden, eckigen Körnern, 
von gelinde bitterem Geschmack und angenehmem Aroma. 
Wegen seiner Kostbarkeit ist es vielerlei Verfälschungen aus- 
gesetzt.3 In der Medizin wird es, besonders als Mundarznei, 
sehr geschätzt, auch bereitet man daraus Myrrhenwein.-^ 

Opopanax (d. i. der eingedickte Milchsaft von Opopanax 
Chironium) findet als Arzneimittel Verwendung.^ 

Scammoniumharz gewinnt man zur Zeit des Hunds- 
sternes aus dem milchigen Wurzelsafte einer Pflanze (d. i. Con- 
volvulus scammonia) als weiße, glänzende, lockere, leicht 
schmelzbare Masse, die außerordentlich bitter schmeckt und 
kräftig purgierend wirkt.^ In der Medizin wird es sehr häufig 
gebraucht. 

Styrax ist der gummiähnliche Saft eines Baumes (d. i. Liqui- 
dambar Orientale), eine rötliche, fette, zähe, brennbare, kräftig 
riechende Masse, von außerordentlicher medizinischer Kraft.^ 

Weihrauch ist der erhärtete Saft eines nicht näher be- 
kannten arabischen Baumes (hauptsächlich von Boswellia Car- 
terii), der beim Einschneiden ausquillt und zu weißlichen bis 
rötlichen Tropfen erhärtet, die sich leicht zerbrechen lassen, 
beim Daraufbeißen zersplittern, brennbar und höchst wohl- 

^ 24, 28; 23, 45. ^ 12, 36; 21, 56. « 12, 33, 34, 35. * 20, 81, 92; 
21, 76; 23, 58, 71; 14, 15. ^20, 100. «26, 38; 14, 19; 24, 89; 25,22. 
^ 12, 40, 55; 24, 15. 



DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES PLINIUS 43 

riechend sind.- Je mehr Gewicht die Stücke haben, für desto 
wertvoller gelten sie; verwendet wird der Weihrauch als Arznei, 
hauptsächlich aber zum Räuchern.^ 

9. Ätherische Öle. 
Von den zahlreichen, ihrer Zusammensetzung nach zu den 
verschiedensten chemischen Körperklassen gehörigen Stoffen, 
die man unter dem Sammelnamen der ätherischen Öle zu- 
sammenzufassen pflegt, kennt Plinius kaum einen einzigen in 
annähernd reinem Zustande, wohl aber sind ihm Namen und 
Eigenschaften vieler Arome geläufig, die durch Auspressen 
mannigfacher Pflanzen oder Pflanzenteile für sich, oder durch 
Ausziehen, Auspressen und Aussieden mit Öl, Wasser, Most, 
Essig, Milch, Met u. s. f. gewonnen werden können. Die 
wichtigsten sind: Anisöl;- Absinthenöl;^ Basilikumöl;^ Dill- 
öl;^ Fenchelöl/' Foenum-graecum-Öl;^ Gewürznelkenöl ^ (in- 
disches); Holunderöl;^ Irisöl;^^^ Kirschlorbeeröl;^^ Knoblauchöl;^^ 
Korianderöl;^^ Kressen- und Brunnenkressenöl;^^ Kümmelöl;^^ 
Lavendelöl;!^ Lorbeeröl;i^ Majoranöl;^^ Malabathronöl (von 
Laurus Cassia?);!^ Minzenöl; ^^ Myrtenöl;^i Narzissenöl; 22 Peter- 
silienöl;23 Pompelmusenkernöl;^^ Poleyöl;"^ Quittenkernöl;-^ 
Rautenöl;27 Rettigöl;^^'' Rosmarinöl;^» Sadebaumöl;^» Senföl, von 
furchtbar scharfer und ätzender Kraft; ^^ Schnittlauchöl;^^ 
Thymianöl;32 Wacholderöl;^^ Zimtöl;^^ Zwiebelöl;^^ Zedernöl;^« 

^ 12, 32; 28, 61. ^ 20, 72, 73. ^ 27, 28. * 20, 48. ^ 20, 74 
29, 21. « 20, 73, 95, 96. ' 24, 120. « 12, 14; 37, 77 

^ 24, 35. 1» 21, 19. 1^ 15, 30. ^'-^ 19, 34; 20, 23; 28, 57 

29, 39. ^3 20, 33, 82. ^^ 19, 44; 20, 50; 70, 91; 24, 120; 28, 33 

^° 20, 57, 71; 26, 38; 28, 59; 19, 47; 29, 11. ^« 26, 27; 27, 107 

^' 13, 2; 23, 43, 80; 20, 51. ^^ 21, 93. ^^ 12, 41; 23, 48. ^o jg^ 47 
20, 33, 52, 53. ^^ 13, 2; 15, 7, 35; 23, 44, 81. ^^ 21, 76. ^s jg^ 52 
29, 11. 24 12, 16. 25 ig^ 47^ 26 13^ 2. " 20, 33, 51. ^Tb 15^ 7 
23, 49; 17, 37; 19, 26; 20, 13. ^s 24, 5g, 29 15, 33. ^^ 20, 87 

18, 34; 19, 54. «^ 20, 21; 28, 28, 48; 29, 11; 19, 33. «^ 21, 89 

'' 16, 76; 14, 19; 24, 36. »4 13^ 2; 15, 7. »^ 19, 32; 20, 20, 

'^ 15, 7; 16, 76. 



44 DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES PLINIUS 

Zitronenöl und Zitronenkernöl, geschätzt als Arznei und als 
Schutzmittel gegen die Motten ;i Zypressenöl.^ (Rosenöl und 
dergl. siehe bei „Fette und Öle".) 

. 10. Alkaloide. 

Aconitum, so genannt nach dem pontischen Hafen 
Acone/ ist das schnellwirkendste aller Pflanzengifte, dient 
zum Vergiften der Tiger und Panther, und ist von solcher 
Kraft, daß schon sein Geruch die Mäuse tötet. Merkwürdiger- 
weise macht es aber, in Wein eingegeben, die von giftigen 
Skorpionen gestochenen Menschen wieder gesund; es tötet 
nämlich den Menschen nur dann, wenn es nichts in ihm findet, 
wogegen es seine vertilgenden Kräfte richten könnte; trifft es 
aber in ihm einen Feind, so läßt es sich nur mit diesem in 
einen Kampf ein, und während sich die beiden, an sich ver- 
derblichen Gifte gegenseitig vernichten, bleibt jener allein am 
Leben übrig.^ Als Gegengifte des Aconitum gelten: echtes 
Balsamöl in Milch, Maulbeersaft, Knoblauchöl, oder Salz in 
Essigmet gelöst.^ 

Opium ist ein Milchsaft, der aus den Stengeln und Samen- 
kapseln des Mohnes ausfließt, oder, nachdem man künstliche 
Einschnitte gemacht hat, hervorquillt; kleinere Mengen fängt man 
in Wolle auf, größere dickt man ein, formt sie zu Kügelchen 
und trocknet diese im Schatten. Echtes Opium riecht fast 
unerträglich scharf, wird in der Sonne dünnflüssig, gibt mit 
Wasser eine milchige Trübung und brennt mit heller Flamme; 
in kleiner Menge erregt es Schlaf, und man kocht daher aus 
Mohnköpfen einen Trank gegen die Schlaflosigkeit; in größerer 
aber tötet es.^ Als Gegengift wird Thymiansaft mit Asche und 
Wein empfohlen.' 

Veratrin ist das Gift der Veratrum- Arten, das aber auch 
in der Medizin angewandt wird,^ Hyoscyamin das des Bilsen- 

* 23, 56, 45; 15, 7, 34; 13, 27. ^ 15^ 7. ^5^ 50- 23, 45. '' 6, 1. 

*72, 2. 5 23, 47, 70; 20, 23; 31, 45. ^ 18, 61, 19, 53; 20, 76. 

^ 20, 69. « 25, 21, 23; 26, 86; 14, 19. 



DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES PLINIUS 45 

krautes/ Coniin, das des Schierlings; ^ Gegengifte sind Knob- 
lauch oder Eselsmilch mit Met, Rautenöl, Nesselsamen und 
Styrax.3 Unter den Pflanzengiften, die mit größter Schnellig- 
keit Krämpfe, Wahnsinn, Tollheit, tiefen Schlaf und zuletzt Tod 
erregen, kann man vielleicht Strychnin, Atropin und Daturin 
verstehen; sie sollen auch als Heilmittel gebraucht worden sein.* 
(Selbstverständlich kennt Plinius auch alle diese Stoffe nicht 
in isoliertem Zustande oder gar in reiner Form!) 

Andere Gifte nicht näher bekannter Art sind das der 
Nieswurz,^ des Oleanders,^ der pontischen Azaleen- und 
Rhododendron-Arten, aus denen die Bienen giftigen Honig 
sammeln,^ und gewisse Pfeil- und Lanzengifte.^ Bekannt ist 
es, daß auch zahlreiche Pilze höchst kräftige und gefährliche 
Gifte enthalten.^ 

11. Leim, Eiweiß, Galle und pflanzliche Bitterstoffe. 

Den Leim, dessen Erfindung man Dädalus zuschreibt,i^ 
erhält man durch anhaltendes Kochen der Knochen und ge- 
wisser Körperteile mancher Tiere; den besten sollen die Ohren 
der Stiere liefern, und zwar muß er rein, durchsichtig und ganz 
hell sein.ii Der gewöhnliche Leim oder Tischlerleim ist braun 
und dunkel, dient hauptsächlich zum Leimen des Holzes, wird 
aber auch als Arzneimittel verwendet; ^^ 2u letzterem Zwecke 
wird jedoch dem Leim aus Hasenknochen der Vorzug gegeben.^^ 
Einen sehr weißen, homogenen, leicht löslichen Leim gewinnt 
man aus dem Bauche eines pontischen Fisches;^* diesem ähnlich 
verhält sich der weiße Leim der Mistel, den man, seiner be- 
sonderen Klebekraft wegen, als Vogelleim verwendet.^^ 

Das Eiweiß schildert Plinius als Bestandteil der Vogel- 
eier und berichtet über seine unzähligen Anwendungen in der 

^ 25, 17; 20, 23, 71. ^ 25^ 95; 20, 51. ^ 22, 52, 15; 24, 15. 

' 20, 51; 26, 73. ^ 25, 23. « 16, 33. ' 21, 44, 45. « 21, 105. 

' 20, 51; 22, 46. ^^ 7, 57. ^^ 28, 71. ^'' 13, 26; 16, 83; 28, 49. 

" 28, 48, 49. 1* 32, 24, 27. ^^ 22, 21; 24, 6; 16, 94. 



46 DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES PLINIUS 

Medizin; ob er dessen Eigenschaft, in der Wärme zu gerinnen, 
gekannt hat, ist fraglich, mindestens wird ihrer nirgends be- 
sondere Erwähnung getan, obwohl ein Übersehen auch wieder 
kaum möglich erscheint. 

Die Galle ist ein Auswurf des Blutes und dessen ver- 
dorbenster und schlechtester Teil; merkwürdig ist es, daß Esel, 
Pferde, Hirsche, Ziegen, Eber, Maultiere, Kamele und Delphine 
stets, Menschen und Schafe zuweilen keine Galle besitzen. Aus- 
gezeichnet ist die Galle durch ihre dunkelglänzende Farbe und 
ihre entsetzliche Bitterkeit.^ 

Ähnliche Bitterstoffe bringen aber auch zahlreiche Pflanzen 
hervor und erhalten durch sie heilsame Kräfte. Die wichtigsten 
sind: Absinth, ^ Achillea,^ Anemone,* Centaurium,^ Coloquinte,^ 
Enzian, 7 Ingwer, ^ Kalmus,^ Lupine, ^^ Meerzwiebel, ^^ Poly- 
gala,i2 Quinquefolium,!-^ Rhabarber, i* Wermut,!^ Ysop^^ u. s. f. 
Einen außerordentlich bitteren, beißenden, ätzenden Stoff, der 
ein heftiges Gift ist, jedoch in der Medizin angewandt wird, 
enthalten auch die Canthariden, gewisse Käfer, die aus jenen 
Würmern hervorgehen, die sich aus den Auswüchsen der Feigen, 
Birnen, Fichten, Disteln, Eschen und Rosen bilden.i^ 

Ml, 74. '^ 27, 28; 26, 76. « 26, 90. * 27, 85. ^ 25, 30; 
31, 79. « 20, 8, ^ 25, 34, 55; 26, 18, 85. « 21, 70; 13, 9; 

12,14. ^29,13. ^M8, 36. ^M 9, 30; 20, 26. ^^27,96. i» 25, 62; 
26, 76. 1* 27, 105. ^^ 22, 71 ; 26, 90. ^^ 26, 76. ^' 11, 41; 29, 30. 



DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES DIOSKORIDES 




egen Ende des ersten nachchristlichen Jahrhunderts, 
etwa um das Jahr 75 oder 80, vollendeten zwei, gleich- 
zeitig, aber völlig unabhängig voneinander wirkende 
Schriftsteller ihre Hauptwerke: Plinius seine „Natur- 
geschichte", und Dioskorides seine „Arzneimittellehre". Die 
„Naturgeschichte" des Plinius ist eine das Gesamtgebiet natur- 
historischer Kenntnisse umfassende Encyklopädie, deren Wert 
für die Geschichte der Wissenschaft gar nicht hoch genug ein- 
geschätzt werden kann, trotz des Mangels an Kritik und des 
Oberflusses an Aberglauben; diese und andere Fehler wird man 
übrigens milderen Auges ansehen, wenn man überlegt, daß 
Plinius nur ein Liebhaber der Naturkunde, dem Berufe nach 
aber Reitergeneral war, und daß in der Regel einem solchen 
noch heutzutage die Abfassung einer naturwissenschaftlichen 
Schrift nicht leicht tadellos gelingen dürfte. Dem Soldaten- 
stande gehörte auch Dioskorides an; die sehr spärlichen Nach- 
richten über seinen Lebenslauf besagen, daß er zu Anazarba 
in der kleinasiatischen Landschaft Cilicien geboren war, als 
praktischtätiger römischer Militärarzt Kriege in verschiedensten 
Gegenden mitmachte, und hierbei die Provinzen des Weltreiches, 
ihre Bewohner und ihre Produkte aus eigener Anschauung 

^ Vortrag auf der Hauptversammlung des „Vereines Deutscher Chemiker" 
1905 (s. „Zeitschrift für angewandte Chemie" 1905, S. 1209). 



48 DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES DIOSKORIDES 

gründlich kennen lernte. Auf Grund reicher persönlicher Er- 
fahrungen und von Jugend auf betriebener Studien verfaßte er 
in griechischer Sprache die fünf Bücher seiner „Arzneimittellehre", 
eine Beschreibung von mehr als fünfhundert der gebräuch- 
lichsten Heilmittel aus allen drei Naturreichen, also kein encyklo- 
pädisches, sondern ein Spezialwerk vorwiegend botanischen, 
pharmakologischen, pharmakotherapeutischen und auch pharma- 
kognostischen Inhaltes; nicht nur der Reichhaltigkeit, der weit- 
gehenden Benutzung älterer und neuerer Quellen, der Berück- 
sichtigung volkstümlicher Synonyma, und der klaren und knappen 
Darstellung, sondern vor allem auch seiner bestimmten, obgleich 
noch unvollkommenen Systematik, hatte es seinen fast einzig 
dastehenden Erfolg zu verdanken: länger als anderthalb 
Jahrtausende übte es eine Art Alleinherrschaft auf seinem 
Gebiete aus und galt den spätgriechischen, byzantinischen, 
syrischen, arabischen und mittelalterlichen Gelehrten als ein 
absolut vollkommenes und vollständiges, über jede Kritik er- 
habenes Kompendium, das nur der Deutung und Kommen- 
tierung, nicht der Verbesserung oder Ergänzung zugänglich 
sei, — ja im Orient dauert dieser hohe Ruf noch heute un- 
vermindert fort! 

Der geschilderten Tendenz gemäß, ist das Werk des Dios- 
korides an chemischen Tatsachen ärmer als das des Plinius, 
denn in erster Linie steht dem Verfasser stets die medizinische 
Anwendung: er beschreibt vor allem die nützlichen oder schäd- 
lichen Einwirkungen der Mittel bei inneren oder äußeren Krank- 
heiten, wobei das Vorurteil, und, — wie Kobert schon vor Jahren 
nachwies — , der Glaube an Sympathie eine bedeutende Rolle 
spielt; alle übrigen Beziehungen aber ergeben sich zumeist nur 
nebenher und finden sich an den verschiedensten Stellen des 
umfangreichen Buches verstreut. Dennoch lohnt es sich in 
hohem Grade, sie zusammenzufassen, sowohl weil Dioskorides 
in einer der merkwürdigsten Übergangsperioden lebte und 
schrieb, als auch, weil infolge seiner überragenden Bedeutung 



DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES DIOSKORIDES 49 

und Fortwirkung fast jede seiner Ansichten irgend eine Spur 
in der GescHichte der Wissenschaft zurückgelassen hat In 
dieser Hinsicht ist es auch von Wichtigkeit, daß Dioskorides, 
im Gegensatze zu Plinius, keinerlei dogmatische Neigungen 
besitzt. Er beurteilt und ordnet zwar die Heilmittel nicht selten 
nach den vier Hauptqualitäten „kalt, warm, feucht, trocken", geht 
aber auf die entsprechenden theoretischen Anschauungen niemals 
weiter ein; selbst von den „vier Elementen" als solchen ist 
nirgends die Rede, und nur ganz vereinzelt wird berichtet, daß 
die „Luft" erhärtend auf die ursprünglich weiche Koralle wirke, ^ 
daß das „Feuer" eine heftige Verwandtschaft zum Erdöl habe^ 
und entgegen der törichten Volksmeinung auch den Salamander 
verzehre,^ und daß das „Wasser" in reinster Form als klares, 
süßes, besonderer Eigenschaften entbehrendes, zu vielen feinen 
Präparaten allein anwendbares Regenwasser auftrete, * sonst aber, 
je nach der Gegend und ihrer Eigenart, mancherlei, oft schwer 
zu beurteilende Beschaffenheit zeige. ^ 

Im folgenden soll nun, was an chemischen Kenntnissen 
aus der „Materia medica" des Dioskorides zu schöpfen ist, 
im Zusammenhange dargelegt werden. Alles Irrtümliche oder 
Falsche jedesmal ausdrücklich hervorzuheben, schien um so 
weniger nötig, als Dioskorides, wie der Zusammenhang seines 
Werkes ersehen läßt, nicht alles Unrichtige, das er anführt, auch 
stets selbst glaubte. Absolute Vollständigkeit ist nicht erstrebt 
worden; namentlich blieben viele allzu dunkle, oder nur indirekt 
aus der pharmakologischen und pharmakognostischen Syste- 
matik zu erschließenden Andeutungen außer Betracht, ferner 
wurde nicht auf die spezifisch medizinischen und therapeutischen 
Gebrauchsanweisungen eingegangen, und endlich fanden nur 
die fünf Bücher der „Arzneimittellehre" Berücksichtigung, nicht 
aber einige weitere, dem Dioskorides zugeschriebene Abhand- 
lungen, da ihm die neuere Kritik diese mit stets wachsender 
Bestimmtheit abspricht. 

' 5, 138. 2 1^ 101. 3 2, 67. * 1, 151 u. 180; 2, 87. ^ 5, 18. 
V. Lippmann, Beiträge. 4 



50 DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES DIOSKORIDES 

I. Metalloide. 

Von Metalloiden, die in freiem Zustande vorkommen, wird 
nur der Schwefel erwähnt. Der beste ist der noch nicht um- 
geschmolzene O^stov aTuupov, den z. B. die vulkanischen Inseln 
Lipara und Melos als gelbe, glänzende, durchsichtige Masse 
liefern ;i dieser „natürliche Schwefel" ist schon an sich ein treff- 
liches Heilmittel und gibt, angezündet, einen kräftigen, als Räucher- 
mittel sehr geeigneten Dunst (die schweflige Säure); außerdem 
wird er aber, innerlich und äußerlich, auch in Verbindung mit 
zahlreichen anderen Substanzen angewandt, z. B. mit Pech,^ 
Natron, 3 Essig, ^ Asphalt,^ Harz oder Terpentin,^ sowie allerlei 
Pflanzensäften. ^ 

II. Die Schwermetalle und ihre Verbindungen. 

Das Gold ist außerordentlich feiner Verteilung fähig; es 
läßt sich zu äußerst dünnen Blättchen schlagen^ und dient in 
Form lockeren Schabseis als Gegengift für Quecksilber.^ Eine 
Lötsubstanz für Gold soll aus Urin und einer Kupferverbindung 
bereitet werden, ^^ dem Grünspan; gemeint ist hier jedenfalls der 
sogenannte „natürliche Grünspan" d. i. Malachit oder ein ihm 
nahestehendes Kupferkarbonat, aus dem beim Schmelzen mit 
Kohle metallisches Kupfer abgeschieden wird (siehe unten). 

Quecksilber stellt man hauptsächlich aus Zinnober dar, 
einer kostbaren Malerfarbe, die weder mit Mennige identisch 
ist, wie manche meinen, noch mit dem sogenannten Drachen- 
blute (einem indischen Harze), wie andere glauben, sondern 
als Mineral in gewissen Gruben vorkommt; es geht von ihm 
ein erstickender Hauch aus, weshalb die bei der Verarbeitung 
beschäftigten Leute sich durchsichtige Blasen vor das Gesicht 
binden. ^^ 



^ 5, 123. 2 1, 94. 


« 2, 208; 5, 123. 


^ 2, 122; 4, 29 u. 76; 


5, 21 u. 123. ^ 3, 9. 


« 5, 123. ' 4, 154. 


« 5, 91. » 5, 110. 


" 2, 99. ^' 5, 109. 







DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES DIOSKORIDES 51 

Zur Gewinnung des Quecksilbers füllt man den als „Mennige" 
bezeichneten Rohstoff, d. i. in Wirklichkeit Zinnober, in eine 
eiserne Schale, bringt diese in ein irdenes Gefäß, verschließt 
es durch einen gut passenden Helm, verschmiert rings mit Lehm 
und erhitzt; hierbei setzt sich eine Masse an dem Helm fest, 
die, abgekühlt und abgekratzt, zu Quecksilber wird.^ Man muß 
dieses in Gefäßen von Glas, Blei, Zinn oder Silber aufbewahren, 
da es alle anderen Materialien durchfrißt; es ist ein furchtbares 
Gift und wirkt, getrunken, tödlich, weil seine Schwere die Ein- 
geweide zerreißt. 

Kleine Mengen Quecksilber treten auch als solches (d. h. in 
metallischer Form) in den Gruben auf; ferner soll Quecksilber 
beim Verhütten des Silbers in Tropfen an den Decken der 
Schmelzhütten hängend gefunden werden. 

Kupfer, das in den Schmelzöfen dargestellte, schön rote 
Metall, 2 dient, ebenso wie die hinterbleibende Kupferschlacke, ^ 
als Zusatz zu Heilmitteln.^ Beim Glühen für sich oder auch 
mit Schwefel, Salz, Alaun u. s. w. hinterläßt es das „gebrannte 
Kupfer", eine trocknende, adstringierende und Erbrechen er- 
regende Masse; ^ offenbar ist diese ein Gemenge ganz ver- 
schiedener Verbindungen, von denen in reinerer Form und 
unter ganz bestimmten Bestimmungen erhalten, nur beschrieben 
werden: eine anfangs entstehende rote, beim Reiben schön 
zinnoberrot werdende, sowie eine zuletzt abgeschiedene schwarze 
Substanz, Kupferoxydul und Kupferoxyd. Mit diesen zu iden- 
tifizieren sind wohl die Kupferblüte, ^ die beim Aufgießen von 
Wasser auf das den Schmelzöfen entströmende Kupfer „in- 
folge der plötzlichen Abkühlung gleichsam ausgespien wird und 
ausblüht", bezw. der Kupferhammerschlag, ein Abfallprodukt 
der cyprischen Kupferwerkstätten; ^ beide dienen als Zusätze 
zu Heilmitteln. 8 

Kupfer, gebranntes Kupfer, Kupferblüte u. s. w. erzeugen 

' 5, 110. 2 5, 88 u. 89. ^ 5, 119. ^ 5, 92. « 5, 87. 

' 5, 88. ' 5, 89. « 3, 165, 4, 22. 



52 DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES DIOSKORIDES 

beim Benetzen mit Essig den Grünspan. ^ Im großen stellt man 
diesen dar, indem man auf den Boden eines Fasses schärfsten 
Essig gießt, darüber kupferne Platten oder Hohlbleche befestigt, 
unter gutem Verschluß zehn Tage stehen läßt und dann den 
entstandenen Ansatz abschabt; das Kupfer benutzt man auch 
in Form von Abfällen und Feilspänen, auch kann man, statt es 
über Essig zu hängen, es in alte saure (d. i. essigsaure) Wein- 
trester eingraben. ^ Beim Verreiben von Kupfer mit Essig und 
anderen Zutaten, z. B. in einem kupfernen Mörser mit einer 
ebensolchen Keule, entsteht ebenfalls Grünspan,-^ auch soll solcher 
aus manchen kupferhaltigen Mineralien von selbst ausblühen 
oder bei großer Hitze ausschwitzen.^ Er dient als Heilmittel ^ 
und wird oft verfälscht, z. B. mit Bimsstein, Marmor oder Kupfer- 
vitriol; letzteren kann man nachweisen, indem man eine reine 
und verdächtige Probe gleichzeitig über glühender Asche er- 
hitzt, wobei die vitriolhaltige einen roten Rückstand hinterläßt. 
Der Kupfervitriol ist eine festgewordene Flüssigkeit^ und 
kommt in drei Formen vor: erstens als Inhalt großer unter- 
irdischer Teiche, den man zunächst in Gruben ausschöpft und 
allmählich erstarren läßt; zweitens als Tropfvitriol, Stalaktis, in 
den Gängen der Bergwerke; drittens als künstlicher, gekochter 
Vitriol, den man in Spanien zubereitet, indem man die in 
Wasser gelöste Masse einkocht und in Behältern stehen läßt. 
Dieser bildet traubenförmige Gruppen von blauen, durch- 
scheinenden Würfeln und eignet sich gut für die Zwecke der 
Färber und Beizer, nicht aber für die der Ärzte, da seine medi- 
zinischen Kräfte zu gering sind; beim Brennen ergibt der Kupfer- 
vitriol einen schön roten Rückstand,^ offenbar Kupferoxydul; 
er dient als Zusatz zu vielen Arzneien ^ und wirkt erbrechen- 
erregend. — Unreiner, teilweise verwitterter Kupfervitriol war 
vermutlich das sogenannte Sory, eine dunkle, fettige, übel- 
riechende Masse von gleichfalls emetischer Wirkung.^ 

^5,89. 25,91. «5,92. '^ 5, 91. M, 91. «5,114. 

' 5, 91. « 1, 86 u. 91; 3, 9 u. 165. ^ 5, 118. 



DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES DIOSKORIDES 53 

Armenion und Kyanos, zwei leicht zerreibliche, schön blaue, 
kupferhaltige Mineralien, dürften als Bergblau oder diesem nahe- 
stehende Kupferkarbonate anzusprechen sein;^ Chrysokolla, ^ an- 
scheinend identisch mit dem „natürlichen Grünspan", ^ eine in 
geschlämmtem und gewaschenem Zustande schön lauchgrüne, 
emetische und giftige Masse, die, mit Kohle erhitzt, Kupfer oder 
gebranntes Kupfer (d. i. Kupferoxydul) liefert, war wohl Malachit, 
d. i. ein basisches Kupferkarbonat. 

Zink ist in metallischer Gestalt, wie dem Altertume über- 
haupt, so auch Dioskorides unbekannt, doch wußte man ein 
mehr oder minder unreines Zinkoxyd darzustellen und durch 
Verarbeitung kupfer- und zinkhaltiger Rohmaterialien Legier- 
ungen zu gewinnen, die man oft nur unbestimmt als „das 
Glänzende", „das Helle", „to >>£u)c6v" bezeichnet findet, in an- 
deren Fällen aber, z.B. wenn dem geschmolzenen Kupfer eine 
größere Menge verunreinigtes Zinkoxyd zugesetzt wird, „um 
es schöner in der Farbe", „von besserer Beschaffenheit", oder 
„leichtflüssiger" zu machen, als Messing und Bronze betrachten 
darf.-^ Klarheit über die betreffenden chemischen Vorgänge 
haben die alten Metallurgen niemals gewonnen. 

Die sogenannte Cadmia findet sich nicht, wie manche an- 
nehmen, schon fertig in den Bergwerken, sondern entsteht bei 
der Verhüttung eines dem Pyrit ähnlichen Minerales (wohl Zink- 
blende), sowie bei der Verhüttung gewisser (unreiner) Kupfer- 
erze. Solche Cadmia (d. i. verunreinigtes Zinkoxyd) bildet 
trauben-, brocken- und plattenförmige Stücke von weißlicher, 
grauer, schwarzer, grünlicher oder bläulicher Farbe, zeigt oft 
Bänderung und Zonenbildung, und wird entweder vom Ober- 
teile und von den Wänden der Schmelzöfen abgekratzt, oder 
auf dem Boden der Öfen und der Werkstätten zusammen- 
gefegt; die Masse, die man anfangs mit den Zähnen durch- 
beißen kann, wird, wenn man sie mit Essig fein reibt und in 
die Sonne stellt, alsbald hart und rot; im Feuer läßt sie kupfer- 

' 5, 105 u. 106. 2 5^ 104. ^ 5, 91. ^ 5, 85; 5, 88 u. 89. 



54 DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES DIOSKORIDES 

rote, gelbliche oder auch verschieden gefärbte Zonen erkennen, 
verliert aber erst nach mehrtägigem Glühen an Gewicht und 
hinterläßt zuletzt eine bimssteinähnliche Asche, die man mit 
Wasser auswäscht und schlämmt^ 

Von der Cadmia nur durch die Form verschieden, ist der 
Pompholyx oder Hüttenrauch ;2 beim Verschmelzen des Kupfers, 
namentlich bei seiner Verschönerung und Verbesserung durch 
Zusatz größerer Mengen Cadmia, steigt er von selbst als ein 
außerordentlich feiner Rauch auf, der so leicht ist, daß er in 
der Luft schweben bleibt und schließlich zu einer weißen bis 
bläulichen, etwas fettartigen Masse erstarrt. Man stellt ihn aber 
auch planmäßig dar, indem man einen hohen, mit Kohlen be- 
schickten Schmelzofen mittels der Blasebälge ins Glühen bringt 
und ein fein gestoßenes Gemenge von Cadmia und Kohle auf- 
schüttet; den aufsteigenden Rauch leitet man in Kammern, die 
ein Stockwerk über der Erde liegen, woselbst er sich an der 
Decke und an den Wänden niederschlägt und eine äußerst 
feine, einem zusammengeballten Knäuel Wolle gleichende, weiße 
Masse bildet (daher „weißer Schnee", „nix alba" genannt, was 
später mißverständlich zu „nihilum album" entstellt wurde); um 
seine Echtheit zu prüfen, denn er wird vielfach verfälscht, wirft 
man ihn auf glühende Kohlen, wobei eine leichte, bläuliche 
Wolke aufsteigen muß, oder übergießt ihn mit Essig, der einen 
scharfen, metallischen Geruch und Geschmack annimmt. Bei 
der beschriebenen Darstellung des Pompholyx sinkt stets auch 
ein Teil des Rauches als dunkle schwere Wolke zu Boden; man 
kratzt die schwarze Masse zusammen, wäscht und schlämmt sie, 
bis sie sand- und schmutzfrei ist, und erhält so ein feines, von 
allen gröberen Teilchen freies Pulver, „Spodos" genannt (un- 
reine Zinkasche). Wegen seiner Heilsamkeit wird es sehr ge- 
schätzt und daher auch vielfach verfälscht, z. B. mit Bleiasche, ^ 
mit gebrannten Dattelkernen, ^ Ölblättern ^ und vielerlei anderen 
verkohlten pflanzlichen oder tierischen Abfällen." — In späterer 

1 5, 84 u. 85. 2 5, 85. « 5, Q5. '^ 1, 149. ^ 1, 186. "" 5, 86. 



DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES DIOSKORIDES 55 

alchemistischer und mittelalterlicher Zeit wurde bekanntlich 
Spodos oder Spodium zu einem völlig undefinierbaren Sammel- 
namen, der alles nur mögliche und unmögliche „Gebrannte" 
bezeichnete, und noch im vergangenen Jahrhunderte an der 
aus gebrannten Knochen gewonnenen Knochenkohle der Zucker- 
fabriken haften blieb. 

Eisen wird durch einen Röstprozeß aus verschiedenen 
Mineralien und Erzen gewonnen, namentlich aus »Misy", einem 
goldfarbigen, glänzenden, sehr harten, beim Zerschlagen leuch- 
tenden Gesteine, — wahrscheinlich Schwefelkies, den aber Dios- 
korides auch mit Kupferkies verwechselt.^ Eisen enthält auch 
der Magneteisenstein, 2 dessen beste Sorte dunkelblau, dicht, 
nicht gar zu schwer ist, und das Eisen kräftig anzieht; beim 
Brennen entsteht aus ihm der blutrote, zinnoberfarbige Hämatit 
(Roteisenstein), der in Pulverform ein sehr geschätztes Heilmittel 
darstellt.^ Durch Ablöschen glühenden Eisens in Wasser oder 
Wein sowie Rösten der Eisenerze an der Luft bildet sich Eisen- 
rost,* und beim Bearbeiten des Eisens auch Eisenhammerschlag;^ 
alle diese Stoffe finden, gewaschen und geschlämmt, sowohl 
für sich als auch mit Essig angerieben, zahlreiche Anwendungen 
in der Medizin. 

Das nämliche gilt vom Eisenvitriol;^ ein kupferhaltiger 
Eisenvitriol war vermutlich das »Psorikon":^ es enthält viel 
Wasser, wirft beim Erhitzen große Blasen und hinterläßt schließ- 
lich einen schön roten Rückstand. 

Blei wird durch Verhüttung der Bleierze gewonnen, wobei 
auch eine Art Spodos, sowie eine gelbe, glasartige, dichte und 
schwere Bleischlacke zurückbleibt;^ dieser sehr ähnlich ist die 
Molybdaina, die beim Ausschmelzen des Silbers und Goldes 
entsteht, aber auch als gelbe glänzende Masse in kleinasiatischen 
Bergwerken vorkommt. ^ Das reinste Blei stellt man durch 
sorgfältiges Zerreiben von Bleifeile zu feinstem Schlamm und 

^ 5, 116 u. 142. 2 5, 147. '' 5, 144. * 5, 93 u. 119. ^ 5, 90. 
' 1, 183. ' 5, 116. « 5, 85 u. 97. « 5, 100. 



56 DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES DIOSKORIDES 

anhaltendes Auswaschen mit Wasser dar;^ sein Dampf ist sehr 
giftig. 2 

Schmilzt man Blei unter Umrühren mit einem Eisenstabe, 
so entsteht erst ein schwarzes Pulver (d. i. Bleisuboxyd), sodann 
Bleiglätte; ^ diese erhält man auch aus dem Blei der bleihaltigen 
Mineralien und aus dem Silber der Silbererze,^ — eine bis an 
die Schwelle der Neuzeit herrschend gebliebene Anschauung. 
Bleiglätte ist eine gelbliche, glänzende Masse, wird für sich und 
zusammen mit mancherlei Stoffen als Medikament angewandt,^ 
liefert mit Ölen und Fetten die Bleipflaster, ^ und dient zur 
Verfälschung des Safrans.^ 

Bleiweiß wird dargestellt, indem man auf den Boden eines 
Gefäßes starken Essig gießt, an seiner Mündung Bleiplatten 
aufhängt, das zugedeckte und verschmierte Gefäß stehen läßt, 
bis das Blei gelöst und abgefallen ist, die abgesiebte zähe Masse 
an der Sonne trocknet, sie auf der Handmühle zu feinem Pulver 
reibt, absiebt, und alles dieses drei- bis viermal wiederholt; im 
Winter ist künstliche Erwärmung erforderlich.^ Das beste 
Bleiweiß ist das im Sommer zu Beginn der Fabrikation ge- 
wonnene; es ist zart, rein weiß und sehr giftig, wird jedoch 
vielen Arzneimitteln zugesetzt.^ Beim Brennen entsteht erst 
eine graue Masse, dann aber eine prachtvoll gesättigte rote, die 
Mennige. ^^ 

Brennt man Blei mit Schwefel in einem Tiegel, so scheidet 
sich eine dunkle Masse ab (Schwefelblei), die in der Medizin 
und Kosmetik Anwendung findet. ^^ 

Über die Gewinnung des Zinnes macht Dioskorides 
keine Mitteilung, doch erwähnt er verzinnte Kessel, die zur 
Darstellung des Rizinusöles, und zinnerne Behälter, die als an- 
geblich unangreifbare Behälter für Quecksilber dienen. ^^ 

1 5, 95; 2, 7. ^ 5^ 95 3 5^ jqZ * 5, 102. ° 1, 86; 3, 64; 

4, 71; 5, 102. « 5, 103. ' 1, 25. « 5, 103. « 1, 136; 2, 152 u. 
159; 3, 45 u. 64; 4, 71. ^^ 5, 103 u. 138. ^^ 5, 96. ^^ 1, 38; 

5, HO. 



DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES DIOSKORIDES 57 

Eine Verbindung des Antimons ist das Stimmi, d. i. 
Schwefelantimon/ eine glänzende, strahlige oder blättrige, spröde 
Masse, die beim Erhitzen schmilzt, beim Glühen mit Kohle 
aber zu ,;Blei" wird; es dient zum Färben der Augenbrauen 
und auch zum Fälschen der Narde.^ 

Arsen ikon ist das Auripigment und bildet goldgelbe 
Platten und Schuppen, die ätzend, adstringierend und ent- 
haarend wirken, und auch zusammen mit Vogelleim zur An- 
wendung kommen;^ erhitzt man es für sich oder auf Kohle, so 
verliert es die Farbe und hinterläßt eine Masse, die man ab- 
kühlt und fein gerieben aufbewahrt (unreine, arsenige Säure). 
Es ist ein tödliches Gift; als Gegenmittel dient geronnene Milch.* 

Eine andere Arsenverbindung ist das Sandarach, d. i. Real- 
gar, ein dem Zinnober ähnlicher, prachtvoll roter Körper, der 
nach Schwefel riecht und dieselben Eigenschaften, namentlich 
dasselbe Verhalten beim Brennen zeigt wie das Auripigment.^ Die 
Bemerkung, daß man veraltete Katarrhe durch Einatmen von 
Sandarachdampf bekämpft, bezieht sich wahrscheinlich auf das 
mit dem nämlichen Namen bezeichnete Harz. 

Tonerde wird als ein Lehm aus den Gruben gefördert, 
an der Sonne getrocknet und durch passend geschichtetes Reißig 
gebrannt^ oder auch in eigenen Öfen durch scharfes Feuer in 
Ziegel verwandelt. ^ Die eretrische, die kimolische, die samische 
und ähnliche Erden sind weißer und grauer Ton besonderer 
Beschaffenheit;^ ein gelber Ton ist der leicht zerreibliche Oker,^ 
der auch sorgfältig gewaschen und dann gebrannt wird, wobei 
man Rötel erhält, eine dichte, homogene, lebhaft rote Masse. ^^ 
Ein besonders schöner Ton ist die lemnische Erde;^^ sie wird 
auf der Insel Lemnos ausgegraben, mit Ziegenblut gemischt 
und mit dem Bildnis einer Ziege gestempelt, weshalb man sie 
auch kurzweg „die Ziegengestempelte" nennt. — Es ergibt sich 
hieraus der Ursprung der späteren Bezeichnung »terra sigillata". 

' 5, 99. M, 6. '' 5, 120; 3, 93. ^ 2, 77. ^ 5, 121. «5, 119. 
' 5, 177. 85^ 170 u. 171. ^ 5, 108. ^^ 5, 111 u. 112. " 5, 113. 



58 DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES DIOSKORIDES 

Weitere Erden eigentümlichen Charakters sind der weiße, 
von den Webern und Färbern zum Reinigen der Leinenge- 
wänder gebrauchte Morochthos/ d. i. vermutlich Seifenstein, ein 
wasserhaltiges Aluminium-Magnesiumsilikat, sowie der Amiant, ^ 
ein dem Federalaun gleichendes, biegsames, zu unverbrenn- 
lichen üeweben und Schaustücken verarbeitbares Mineral, offen- 
bar Asbest. 

III. Die Leichtmetalle und ihre Verbindungen. 

Nitron, d. i. unreine Soda, findet sich als Ausschwitzung 
der Erde so wie mancher Wässer, namentlich gewisser (ägyp- 
tischer) Seen, und ist eine weißliche, gelbliche oder rötliche, 
schwammartig lockere, etwas fettige Substanz, von beißendem 
Geschmacke und scharfer, ätzender, kaustischer Beschaffenheit, ^ 
die durch Brennen noch bedeutend verstärkt wird;* in reinem 
Zustande ist das Nitron glänzend weiß und im Wasser leicht 
löslich; 5 es bildet einen Bestandteil zahlreicher Arzneien.« 

Ihm sehr ähnlich ist die Asche, die man beim Verbrennen 
vieler Pflanzen und pflanzlicher Produkte erhält, z. B. aus 
Hölzern, Stengeln, Wurzeln oder Blättern von Papyrus ^, Tama- 
riske, « Weide,^ Ölbaum, ^^ Eiche, ^^ Myrte, i^ Birnbaum, i^ Nuß- 
baum,i* Feigenbaum, 15 Rübe, ^^ Weinrebe ^^ u. s.w., fernerauch 
aus Leinen und leinenen Lumpen. ^^ Sehr wirksam ist besonders 
die Asche, die der Weinstein ergibt; ^^ bei richtigem Glühen ist 
sie rein weiß, kaustisch und adstringierend, scharf auf der Zunge 
brennend und sehr zerfließlich, so daß man sie nur in gut ver- 
schlossenen Gefäßen aufzubewahren vermag. Auch die Aschen- 
lauge ist, wenn es kaustische Wirkungen gilt, sehr brauchbar; ^^ zu 
anderen Zwecken jedoch nimmt man die Asche mit Essig auf. -^ 

1 5, 15L 2 5^ 155^ 3 5^ 128 u. 129. "^2, 200; 5, 118. ^5, 102. 
« 1, 81 u. 91; 1, 183; 2, 124 u. 125 u. s. w. '' 1, 115. « 1, 116. 
« 1, 35. 1« 1, 136. 1^ 1, 146. ^"^ 1, 155; 5, 86. 1« 1, 168. ^^ 1, 178. 
" 1, 186. ^ß 2, 149. 1^ 5, 134. ^^ 5^ 86. ^^ 5, 118 u. 131. 
2» 1, 186. 21 2, 27 u. 98; 5, 131 u. 134 u.s.w. 



DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES DIOSKORIDES 59 

Verbrennt man Tiere, z. B. Wiesel^ und Schwalben, ^ oder 
tierische Produkte, wie rohe Wolle, ^ rohe Fette,* Kot^ und 
Leim,^ so hinterbleibt ebenfalls eine ähnliche Asche; dieser 
analoge Eigenschaften zeigt aber auch der scharfe Saft mancher 
Pflanzen, z. B. des zur Wollwäscherei dienenden (ein Saponin 
enthaltenden) Seifenkrautes.^ 

Der Kalk wird am besten aus Marmor bereitet oder auch 
aus den Schalen von Muscheln, Meerschnecken, Seeigeln und 
Krebsen,^ und zwar durch ein mehrere Tage lang andauerndes 
Brennen,^ durch das seine Kraft ganz außerordentlich gesteigert 
wird.i^ Der fertig geglühte Kalk ist rein weiß, scharf, brennend 
und stark ätzend, mischt sich mit Öl, und löscht sich mit Wasser 
(beim Stehen über Nacht) zu einer schweren weißen Masse 
(Kalkhydrat). Manchen Heilmitteln wird er in ungelöschtem 
Zustande zugesetzt. ^^ 

Auf eine dunkle Kenntnis des Ammoniaks deuten einige 
Bemerkungen hin, die Dioskorides über die Räucherung mit 
Hirschhorn, über die Eigenschaften faulenden Harnes, und über 
den widrigen, an Fischlake erinnernden Geruch des rohen 
Nitrons und mancher Arten Alaun macht.^^ 

Das Salz findet sich als Steinsalz in weißen, dichten, durch- 
sichtigen, spaltbaren Stücken,i^ als Seesalz in weißen, homogenen 
Massen, die je nach dem Orte und der Art der Gewinnung 
sehr verschiedene Eigenschaften zeigen, endlich auch als „reinste 
Salzblüte des Meeres", die zu medizinischen Zwecken dient, ^* 
sowie als mißfarbiger Absatz der Salzseen. Es wirkt fäulnis- 
widrig und wird zur Verstärkung seiner Kraft auch gebrannt, 
wobei man jedoch die Töpfe gut verschlossen halten muß, weil 
es sonst herausspringt. 

Der Gips wirkt innerlich' giftig und erstickend,^^ wird je- 

^ 2, 27. 2 2, 60. ^1, 83; 5, 86. ^2, 94. ^2, 98. «5, 86. 

' 2, 84 u. 192. « 5, 132; 1, 178; 2, 1 u. 4; 2, 5 u. 12. ' 5, 119. 

'" 5, 118. 11 1, 182; 2, 94; 3, 93. ^^ 2, 63 u. 99; 5, 122 u. 128. 

'' 5, 125. 1^ 2, 101; 5, 76. ^^ 1, 186; 3, 29; 5, 133. 



60 DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES DIOSKORIDES 

doch als Zusatz zum Wein aus Nießwurz angewandt;^ ganz 
verwerflich ist sein Gebrauch zum Gipsen des Weines, da ein 
solches Getränk den Körper schädigt und besonders den Nerven 
zum Verderben gereicht. ^ 

Vom Alaun, der auch künstlich bereitet wird, gibt es zahl- 
reiche Arten; zu den besten gehören der ägyptische Trichitis, 
d. i. Federalaun, sowie der in großen, weißen, gut spaltbaren, 
rundlichen Stücken vorkommende, der frisch feucht und von 
scharfem Gerüche ist;^ seiner stark adstringierenden Eigen- 
schaften wegen findet er in der Medizin zahlreiche Anwend- 
ungen,^ teils als solcher, teils gebrannt und geröstet.^ Der 
sogenannte »phrygische Stein", ein alaunhaltiges Mineral, wird 
von den Färbern benutzt und zuweilen ebenfalls auf Kohlen 
geröstet. 

IV. Organische Säuren. 

Essig bildet sich beim Stehen von Wein,* Dattel wein, ^ 
Feigenwein, ^ Sykomorenwein ^ und ähnlichen Flüssigkeiten, 
;, deren Kraft nicht ausreicht, um die Süßigkeit der ursprüng- 
lichen Säfte dauernd zu erhalten;" Angaben über die Darstellung 
des »schärfsten Essigs", der zur Bereitung des Grünspanes, des 
Bleiweißes u. s. w. vorgeschrieben ist, fehlen. Essig wirkt für 
sich, und mit anderen Medikamenten zusammen, in hohem 
Grade kühlend und adstringierend und bewährt sich daher in 
vielen Fällen als Gegengift; ^^ er hat ferner die Eigenschaft, durch 
Lab oder Feigensaft geronnene Milch wieder zu verflüssigen ;ii 
häufig verwendet man ihn auch zum Auflösen des Nitrons (un- 
reiner Soda), der Pflanzenasche, und des Eisenrostes. 

Einen sauren, sehr herben und zusammenziehenden Stoff 
(die Gerbsäure), enthalten zahlreiche Pflanzenteile, z. B. Rinde, 
Bast, Blätter und Wurzeln der Eiche,!^ die „Galläpfel" genannten 

^ 5. 82. 2 5, 10. s 5, 122. ^ 1, 77 u. 180; 2, 101 u. 127. 

^ 5, 122. « 5, 45. ' 5, 40. « 5, 41 « 5, 42. *" 1, 146; 5, 21. 
1^ 1, 183. 12 1^ 142 u 144 



DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES DIOSKORIDES 61 

Früchte der Eiche, ^ die Früchte der Tamarisken und Akazien, ^ 
die Holzäpfel,^ Blätter und Früchte des Sumachstrauches,* 
sowie Frücht-e, Rinden und Wurzeln der Granate, welche letztere 
auch eine zum Abtreiben der Bandwürmer nützliche Abkochung 
liefern.^ Alle diese Materialien wirken stark desinfizierend, 
adstringierend und austrocknend, und dienen, außer zu medi- 
zinischen Zwecken, auch zum Gerben der Häute, sowie zum 
Färben und Schwärzen der Haare, besonders der vorher mittels 
kimolischer Erde entfetteten.^ 

Eine herbe Schärfe der unreifen Trauben, d. i. Weinsäure, 
verursacht die Säure solchen Traubensaftes und macht den sauren 
Wein stark abführend.^ Beim Lagern des Weines setzt sich 
der Weinstein ab, den man mit Wasser reinwäscht und auch 
durch Brennen in eine Art Nitron verwandelt;^ der beste, der 
auch als Medikament dient, ^ ist der aus altem italischem Wein, 
während der aus Essig abgeschiedene wegen seiner großen 
Kraft minder brauchbar erscheint. 

Die Exkremente gewisser, anscheinend eidechsenartiger Tiere 
(aus fast reiner Harnsäure bestehend), die getrocknet völlig 
weiße, leicht zerreibliche Körner bilden und wie Stärkemehl 
stäuben, werden von den Frauen als Schminke benutzt; ihrer 
Kostbarkeit wegen verfälscht man sie mit Stärke, kimolischer 
Erde oder Vogelkot, die man in die richtige Form bringt, in- 
dem man sie mit Wasser zu einem dicken Brei anrührt und 
diesen durch die Löcher eines engen Siebes preßt. ^^ 

V. Fette, fette und ätherische Öle, und Verwandtes. 

Die Fette gewinnt man durch Ausschmelzen passender 
tierischer Körperteile in der Sonne, auf schwachem Feuer oder 
mittels heißen Wassers, reinigt sie durch ein- oder mehrmaliges 
Umschmelzen, und präserviert sie durch Übergießen mit einer 

* 1, 146. M, 116 u. 133. « 1, 159. * 1, 147. ^ 1, 151 u. 
153. 6 1, 144, 146, 147. ^ 5, 6 u. 9. « 5, 131. ^ 3, 93. i° 2, 98. 



62 DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES DIOSKORIDES 

Schicht Honig; ihrer besonderen Eigenschaften wegen werden 
in der Medizin zahlreiche Fette, allein oder gewürzt, angewandt, 
u. a. das der Löwen, Panther, Bären, Hirsche, Elefanten, Kamele, 
Esel, Füchse, Schlangen u. s. w.^ 

Eine fettige, wohlriechende Masse ist auch das Wachs, 
dessen von Natur gelbliche Farbe durch Bleichen im Sonnen- 
licht bei Tage und im Mondlicht bei Nacht in ein reines Weiß 
übergeht,^ ferner das Wollfett, d. i. Lanolin; nach völliger 
Reinigung, die umständlich und mühsam ist, erhält man es als 
ein schön weißes, geschmeidiges Fett, das für die Kosmetik, die 
Hautpflege, die Heilung von Entzündungen und Wunden u. s. w. 
von hohem Werte ist und daher oft mit Wachs oder mit Talg 
verfälscht wird.^ 

Eine fettige, ölartige Masse ist ferner die Butter, die beim 
Aufbewahren leicht übelriechend wird, beim Erhitzen schmilzt, 
und unter Entstehung von viel Ruß verbrennt;^ man gewinnt 
sie durch anhaltendes Schütteln möglichst fetter Milch. Von 
dieser gibt es vielerlei Sorten, auch schädliche, weil giftige Be- 
standteile der Futterpflanzen in sie übergehen;^ gute Milch ist 
mehr oder weniger süß und fett, leicht verdaulich, und schäumt 
beim Erhitzen stark, weshalb man sie entweder durch Einwerfen 
heißer Steinchen anwärmt, oder ein silbernes, mit kaltem Wasser 
gefülltes Gefäß in den Kochtopf einstellt, wodurch man das 
Überlaufen verhindert. ^ Setzt man der Milch das in zahlreichen 
Tieren vorkommende Lab zu, so gerinnt sie und scheidet einer- 
seits das Käsige ab, andererseits die heilsame, nahrhafte und 
kräftigende Molke. ^ Ähnlich wie Lab wirken der echte Balsam, ^ 
sowie der Feigensaft, ^ doch löst ein Überschuß von diesem 
das käsige Gerinnsel wieder auf, ^^ wie er denn auch das Fleisch 
erweicht; ^1 andere Pflanzensäfte hingegen hindern die Gerinn- 
ung, z. B. die der Minze. ^^ 

1 2, 86—94. "" 1, 105. « 2, 84; 5, 11 u. 21. * 2, 81. ^ 2, 75. 
6 2, 77. ' 1, 183; 2, 85; 2, 77. ^ i^ jg. ^ 1, 183. ^^ 1, 183. 

" 1. 184. 12 3 35 



DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES DIOSKORIDES 63 

Das edelste Fett ist das Öl, der erste Saft der noch nicht 
völlig reifen Olive; er ist gelblich, nach dem Entschleimen und 
Bleichen an der Sonne fast weiß, wohlriechend, dickflüssig, und 
zum Genuß, zu kosmetischen, und zu medizinischen Zwecken 
gleich wertvoll und zuträglich. ^ 

Ähnliche fette Öle, jedoch von minderer Feinheit, ge- 
winnt man auch aus anderen Pflanzen, teils durch Auskochen 
mit Wasser und Abschöpfen, teils durch Auspressen, z. B. das 
Öl des durch seine giftigen Samen ausgezeichneten Rizinus,'^ 
das Mandeöl,^ das Behenöl,^ das Sesamöl,^ das Nußöl,^ das 
Rettigsamenöl, ^ das Öl der Myrten- und Lorbeerblätter,^ das 
KümmelsamenöP u. s. w. 

Die letztgenannten fetten Öle leiten bereits zu den äther- 
ischen Ölen über, deren Dioskorides eine sehr große An- 
zahl, jedoch kaum eines in halbwegs reinem Zustande kennt; 
eine scharfe Trennung zwischen den beiden Klassen der Öle 
wird nicht gemacht. Die Gewinnung der ätherischen Öle er- 
folgt teils durch Mazerieren mit Wasser oder mit Öl, teils durch 
Auspressen der mit Öl vorbehandelten Rohstoffe, teils durch 
Auskochen mit Wasser und Abschöpfen. Erwähnt werden u. a.: 
die Öle von Kümmel, ^^ Anis, ^^ Koriander, ^^ u^i^j Foeum grae- 
cum,i3 von Majoran, ^^ Basilicum,^^ Beifuß, ^^ Dill,^^ Salbei, ^^ 
und Minze, ^'^ die Öle von Zitrone (richtiger wohl Pompelmuse?) 
und Zitronenmelisse, 2^ Bittermandelöl, ^i Zimtöl,^^ Senföl,^^ 
Myrten- und Lorbeeröl, ^^ sowie die Öle der Lilie, ^^ Narzisse, ^^ 
Narde27 und Rose.^s Zur Darstellung des Rosenöles wird ein 
systematisches, bis siebenmaliges Extrahieren der Rosenblätter 
mit Öl nach dem Gegenstromprinzip empfohlen, unter sorg- 



1 1, 29—32; 1, 52. "' 1, 38; 4, 161. ^ 1, 39. * 1, 40; 4, 157. 
M, 41; 2, 12. ^ 1, 41 u. 178. ' 1, 45. « 1, 48 u. 49. ^ 1, 46. 
'M, 46; 3, 59 u. 60. " 3, 58. ^^ 3, 64. ^^ 1, 57. ^M, 58. 

" 1, 59. 1« 1, 60. ^M, 61 ; 3, 60. ^^ 3, 35. ^» 3, 36. '«^ 1, 166; 
3, 108. 21 1, 46. 22 1^ 13 u 74 23 ^^ 47. 2, 183. '^^ 1, 48 u. 49. 

'" 1, 62. -^6 1^ 53^ 27 1^ 75 28 1^ 53_ 



64 DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES DIOSKORIDES 

fältiger rascher Trennung des Öles von der wässerigen Schicht, 
die das Öl alsbald minderwertig und ranzig macht. 



VI. Harze, Terpene, und Verwandtes. 

Die H arze sind anfangs tropfbare, später mehr oder weniger 
erhärtende Ausflüsse verschiedener Bäume und werden durch 
Ausschmelzen, Auskochen und Kolleren gereinigt.^ 

Des beste Harz ist das Terpentinharz der Terebinthe, eine 
weiße, glasige, durchsichtige Masse, die erweichend, erwärmend, 
expektorierend und harntreibend wirkt; ^ beim Erhitzen liefert 
es das Terpentin, das aber zuweilen gleichfalls aus der Terebinthe 
ausfließen solP und als Zusatz zu Arzneien dient,* sowie zum 
Verfälschen des echten Balsams und kostbarer Salböle. ^ — Von 
geringerer Qualität ist das Mastixharz, das in glänzenden wachs- 
artigen Brocken aus Chios kommt und auch ein heilsames 
Harzöl ergibt.^ - Noch minderwertiger sind das Fichten-, 
Tannen- und Kiefernharz, ^ bald flüssige, bald halbfeste, bald 
feste und leicht zerreibliche, wachsartig durchscheinende, weiße 
bis gelbliche Massen, die aus Gallien, Etrurien und Kleinasien 
gebracht werden, in guter Qualität besonders aus Kolophon 
(daher Kolophonium); sie dienen zum Harzen des Weines^ so- 
wie zum Fälschen des Weihrauches.^ Aus dem Holze der 
Fichten, Tannen und Kiefern gewinnt man auch den Teer, 
eine dicke, glänzende, höchst heilkräftige, antiseptische, fäulnis- 
hemmende Flüssigkeit, 1^ die beim Erhitzen erst etwas „Wasser- 
artiges" (d. i. Vorlauf), dann Teeröl ergibt, ^^ und zuletzt ein 
hellgelbes, fettes, harziges Pech hinterläßt. ^^ 

Harze edler Art sind noch das Zypressenharz ^^ und das 
Zedernharz, das außerordentlich konservierend wirkt ^^ und ein 
kräftiges Gegengift darstellt; ^^ beim Erhitzen läßt es ein kost- 

1 1, 93. ^ 1, 91; 4, 152. ^ 1, 91. "" 3, 153. ^ 1, 18 u. 69. 
M, 51; 1, 90 u. 91. ' 1, 91 u. 92. « 5, 43. ^ 1, 81. ^° 1, 94. 
" 1, 95. ^'' 1, 97. 1« 1, 92 u. 102. ^* 1, 105. ^^ 4, 149. 



DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES DIOSKORIDES 65 

bares Öl entweichen, das man mittels übergeschichteter Woll- 
flocken auffängt.^ 

Daß der ^ „federntragende" Bernstein aus dem an der Luft 
erhärtenden Harne des Luchses entstehen soll (daher auch Lyn- 
kurion), ist ein unsinniger Aberglaube, ^ er ist vielmehr das 
Harz einer Schwarzpappel, und die goldgelben Stücke werden 
beim Reiben wohlriechend.^ 

Ein verhärteter Teer ist der Asphalt, den das Tote Meer in 
großen, schweren, dunkelglänzenden, durchdringend riechenden 
Stücken auswirft.'* Als eine Art verflüssigten Asphaltes ist das 
Erdöl, die Naphtha, anzusehen; in Babylon findet sich diese 
gemischt mit Asphalt vor und wird durch Absitzen von ihm 
getrennt, in Vorderasien und Sizilien schwimmt sie aber auch 
auf dem Wasser obenauf, und in Arabien und Italien fließt sie 
freiwillig aus den Felsen mancher Gegenden. Naphtha ist bald 
hell, bald dunkel, zeigt eine solche Gier nach Feuer, daß sie 
es schon von weitem an sich reißt, und dient daher statt des 
Öles zum Füllen der Lampen.^ 

Durch Verbrennen von Harz stellt man den Ruß her, 
und zwar am besten so, daß man auf irdene Untersätze einige 
Steinchen legt und auf diese einen Klibanos (d. i. eine, nament- 
lich beim Brotbacken gebräuchliche Hohlform) aus gebranntem 
Ton oder aus Kupferblech derartig stellt, daß man durch die 
zwischen den Steinchen bleibenden Öffnungen angezündete 
Harzbrocken unterschieben und einzeln nachlegen kann; kühlt 
man mittels nasser Schwämme die Außenfläche der Hohlgefäße 
gut ab, so setzt sich der Ruß an der Innenseite fest und kann 
abgekratzt werden.^ Ruß gewinnt man auch, indem man in 
passenden Dochtlampen Teer verbrennt;^ feinere Sorten Ruß 
liefert auf gleiche Weise das Verbrennen von Zedernöl,^ 
von geschmolzener Butter ^ und geschmolzenem Wollfette,^<^ 
während geringere Sorten im Großen beim Betriebe der Holz- 



^ 1, 105. 


2 2, 100. 


3 1, 110. 


* 1, 99. 


5 1, 101; 1, 68U.99. 


1, 84 u. 93. 


' 1, 96. 


« 1, 105. 


^ 2, 81. 


^» 1, 84. 


V. Lippmann, 


Beiträge. 






5 



66 DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES DIOSKORIDES 

Schwelereien^ und Glashütten abfallen.^ Außer zu medi- 
zinischen und kosmetischen Zwecken, z. B. zum Schminken 
der Augenlider,^ dient der Ruß zur Bereitung der Tinten, 
die man aus Kien-, Harz-, Glashüttenruß, Vitriol, Gummi und 
Leim verfertigt;^ setzt man ihnen Wermutextrakt zu, so bleiben 
die Schriftstücke vor Mäusefraß geschützt.^ 

VII. Kohlenhydrate, Gummiarten, und Verwandtes. 

Stärke oder Amylum, angeblich so genannt, „weil es 
ohne Mühle hergestellt wird", ist ein Produkt aus bestem 
ägyptischen oder kretensischen Weizen; man übergießt die 
Körner tags und nachts etwa fünfmal mit Wasser, bis sie völlig 
durchgeweicht sind, entfernt das Wasser vorsichtig und ohne 
jedes Pressen, tritt die weiche Masse mit den Füßen aus, nimmt 
die leeren Hülsen von oben mittels eines Durchschlages ab, 
kollert, bringt auf Seihgefäße, und trocknet schließlich so rasch 
als möglich auf heißen Steinen oder in der größten Sonnen- 
hitze.*^ Die Stärke ist weiß, locker, leicht zerreiblich,^ gibt, 
in Wasser gekocht, Kleister,^ und dient als Zusatz zu zahl- 
reichen Arzneien;^ geringere Sorten, z. B. die aus Dinkel, sind 
aber zu solchem Zwecke unverwendbar. ^^ 

Außer der Stärke stellt man aus Getreide, namentlich aus 
Gerste, auch ein weinähnliches Getränk dar, das Bier; sein 
Genuß ist äußerst schädlich, denn es bläht, macht dick, ver- 
dirbt die Körpersäfte, greift durch seine harntreibende Kraft die 
Nieren an, und reizt in hohem Grade die Nerven und das 
Gehirn. ^1 Der Wein selbst, von dem es zahlreiche Sorten gibt, 
ist bei dauerndem Genüsse ebenfalls schädlich und nur als 
zeitweiliges Anregungsmittel, als Zusatz zum Wasser, sowie in 
gewissen Fällen als Gegengift, zu empfehlen ;i2 besonders nach- 
teilig ist der gegipste Wein.^^ Bei der Weinbereitung darf man 

M, 86. 2 5 131 M, 86u. 93. * 5, 182. ^3,23. ^2,124. 

' 2, 98. « 2, 107. 9 1, 176; 2, 98; 4, 152. >° 2, 124. "2, 109. 
^2 5, 9. 1« 5, 10. 



DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES DIOSKORIDES 67 

keinen Bimsstein zusetzen, weil dieser die Gärung zum Still- 
stande bringt/ auch darf man Wein nicht in halbleeren Gefäßen 
stehen lassen, sondern muß regelmäßig nachfüllen, sonst tritt 
Säuerung ein;-' durch den (im Orient noch jetzt üblichen) 
Zusatz von Harz läßt sich aber die Säurebildung hindern.^ 
Die Kräfte des jungen Weines, die sich z. B. in der Puls- 
beschleunigung äußern, gehen verloren, wenn man ihn mit 
Wasser kocht, bis dieses verdampft ist,'^ — eine für die Vor- 
geschichte des Alkohols sehr beachtenswerte Bemerkung, 

Ein dem Weine verwandtes Getränk ist der Honigmet, 
den man aus Honig bereitet; von diesem kennt man zahlreiche, 
an Süßigkeit und Duft sehr verschiedene Arten ,^ unter ihnen 
auch bittere, wie den sardinischen aus Wermutblüten, ^ und 
selbst giftige, wie den pontischen.^ Honig findet, wegen seiner 
Süßigkeit, ausgebreitete Anwendung in der Medizin und Kos- 
metik und dient u. a., zusammen mit Wachs, auch zum Über- 
ziehen bitterer oder übelschmeckender Pillen.^ 

Süße Säfte sind auch in den Wurzeln der Möhre sowie 
des Süßholzes enthalten, aus denen man durch eine Art 
Mazeration Weine herstellt; der aus dem Süßholze ausgekochte 
und zu Honigdicke konzentrierte Saft ist ein spezifisches Mittel 
gegen Rauhigkeit des Halses, hartnäckige Katarrhe und dergl., 
und wirkt durstlöschend.^ 

Die Manna des Dioskorides ist nicht mit der unserigen 
identisch, sondern bezeichnet kleine Körner, z. B. die des Weih- 
rauches; 1^ ebenso kann das arabische oder indische Saccharon,^^ 
das als eine Honigart, als Ausschwitzung von Rohren, als salz- 
ähnliche Masse beschrieben wird, nicht als unser Rohrzucker 
angesprochen werden. 

Der Gummi, eine glasige, durchscheinende Substanz, in 
kleinen Brocken und wurmartig aussehenden Stücken, stammt 

1 5, 124. -^ 5, 45. ^ 5, 43. ^ 5, 13. ^ 1, 101. « 1, 102. 
' 1, 102. « 4, 162. « 3, 52 u. 5, 70; 3, 5 u. 5, 73. ^« 1, 83 u. 86; 
1, 94 u. 178. ^1 2, 104. 

5* 



68 DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES DIOSKORIDES 

von einer Akazie, besitzt kühlende, adstringierende und klebende 
Kraft, und dient u. a. zum Verfälschen von Weihrauch und 
von Myrrhe;^ ähnliche Gummiarten liefern die Kirschbäume,"^ 
Pflaumenbäume^ und Mandelbäume, ^ aber auch die Wurzeln 
mancher Pflanzen, z. B. des Traganthstrauches: der Traganth- 
gummi ist eine lockere, weiße, feine, klebende Masse von süß- 
lichem Geschmack und ein wertvolles Heilmittel bei Katarrhen 
und Augenleiden.^ 

Stoffe, die teils den Gummiarten, teils den Harzen nahe- 
stehen, — heute zumeist den Gummiharzen zugerechnet — , 
sind Myrrhe,^ Styrax,^ Bdellion,^ Weihrauch,^ Galbanum,!^ Scam- 
monia,ii Ammoniakharz, d. i, „der verhärtete Saft eines bei der 
Oase Ammon wachsenden Krautes" ^^^ und viele andere. 

VIII. Farbstoffe. 

Organische Farbstoffe bespricht Dioskorides, seiner 
vorwiegend botanischen und pharmakologischen Tendenz ge- 
mäß, meist nur nebenbei: Die Säfte der Nußschalen, der Myrten- 
beeren, gewisser Rubus-Arten und anderer gerbstoffhaltiger 
Pflanzen dienen zum Schwarzfärben, z. B. der Haare.^^ Rote 
Farbstoffe sind die der Anchusa, d. i. Alkanna, i* des Krapps/^ 
des Kermes^^ und mancher Algen und Tange; ^^ von letzteren, 
sowie auch vom Safflor,^^ wird nicht besonders erwähnt, daß 
die Färber sie gebrauchen. Zum Blaufärben benutzt man den 
Waid,!^ sowie das kostbare Indikon, d. i. Indigo, der auf- 
fälligerweise unter den Mineralien beschrieben wird,^» obwohl 
es von ihm heißt, er entstehe als eine Ausschwitzung indischer 
Rohrstengel; beim Auskochen in den kupfernen Kesseln schwimmt 
er als ein purpurner Schaum obenauf, wird abgeschöpft und 

^ 1, 133; 3, 20; 1, 77 u. 81. ^ j^ 157 s |^ 174^ 4 j^ 175 

"> 3, 20; 4, 121. « 1, 77. ' 1, 79. « 1, 80. ^ 1, 18. ^^ 3, 87. 

" 4, 168. 1- 2, 26; 3, 88; 3, 48 u. 87. 1« 1, 178; 5, 36; 4, 37. 

^* 4, 23 u. 24; 2, 98; 1, 124 u. 65. ^^ 3, 150. "^ 4, 48. ^' 4, 98. 

^« 4, 187; 2, 53; 3, 6; 1, 44. ^^ 2, 215. -'^ 5, 107. 



DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES DIOSKORIDES 69 

getrocknet, und bildet dann einen geschmeidigen, in bester 
Qualität rein blauen Farbstoff/ wird aber auch als Heilmittel 
angewandt. ^ 

IX. Giftstoffe. 

Gifte pflanzlichen Ursprunges erwähnt Dioskorides 
in großer Zahl, kennt jedoch natürlich kein einziges in reinem 
Zustande und beschreibt auch die betreffenden Stammpflanzen 
nicht stets in eindeutiger Weise. Einige wirken durch ihre 
erstickenden Eigenschaften/- andere durch Erregung ungeheurer 
Hitze oder Kälte,^ und demgemäß werden auch sehr verschiedene 
Gegenmittel vorgeschrieben, z. B. Balsam,^ Günsel,^ Origanum,^ 
Alisma/ Honig,^ Essig,'* Milch ^^ und viele andere; manche Gifte 
neutralisieren sich gegenseitig, z. B. Akonit und Nießwurz,^^ 
manche auch erweisen sich nur in größerer Menge als ver- 
derblich, in kleiner aber als heilsam, z. B. gerade Nießwurz.^^ 

Als wichtigste, Giftstoffe enthaltende oder liefernde Pflanzen 
werden aufgeführt: Conium oder Schierling; ^^ die Strychnos- 
arten, unter denen aber angeblich Tollkirsche (?) und Stech- 
apfel zu verstehen sind;^^ Colchicum oder Zeitlose; ^^ Aconitum, 
d. i. Sturmhut,^^ vielleicht aber auch noch eine andere Pflanze; ^^ 
Bilsenkraut,!^ das Lethargie und Wahnsinn hervorruft, in kleinen 
Mengen aber als Narkotikum dient und die Schmerzen in und 
am Auge stillt (Hindeutung auf mydriatische Wirkungen?); 
Mohn, aus dessen Köpfen man durch zweckmäßige Einschnitte 
das Opium gewinnt; ^^ Giftlattich, dessen Saft dem Opium 
gleicht; 20 Rizinus, dessen Samen das Gift enthalten ; "^^ bittere 
Mandeln 22 und wohl noch eine andere Amygdalee;^^ Eibe, die 
so giftig ist, daß schon das Schlafen in ihrem Schatten schwere 
Krankheit und selbst Tod verursacht; '-^ Mistel; ^^ Nießwurz,^« 

^ 5, 107. 2 4^ 84 3 4^ 79 4 j^ jg. ° 3, 165. « 3, 29. 

' 3, 159. « 2, 101. ^ 5, 21. 1» 2, 77. " 4, 77. ^^ 4, 148 u. 

149. 1« 4, 79; 3, 29. ^^ 4, 74. ^^ 4, 84. ^^ 4, 78. ^^ 4, 77. 

" 4, 69. ^» 4, 65. '^^ 2, 165. ^i 4^ 15^^ 22 j^ 175^ 23 j^ jgL 
-' 4, 80. 2^ 5, 21; 3, 93. '»^ 4, 149. 



70 DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES DIOSKORIDES 

dessen Ausgraben sehr gefährlich ist und besondere Vorsichts- 
maßregeln erfordert, die man später auf den Alraun übertrug; 
Mandragora,^ über deren schwierige Gewinnung ähnliches 
berichtet wird, und die, auch in Form eines Weines,^ als Liebes- 
mittel, als Schlaftrunk, sowie als Narkotikum dient, da sie tiefen, 
mehrstündigen, von völliger Bewußtlosigkeit begleiteten Schlaf 
hervorruft, während dessen die Ärzte schwierige und schmerz- 
hafte Operationen ausführen. 

Nicht näher bezeichnete Gifte sind die des Moly, einer 
nicht bestimmbaren Pflanzenart,^ die Pfeilgifte,^ und die Gifte 
der aus faulenden Stoffen entstehenden und selbst zur Fäulnis 
neigenden Pilze.^ 

Den pflanzlichen Giften analog sind die tierischen, doch 
werden diese nicht weiter beschrieben, am eingehendsten noch 
das der Canthariden.^ 

X. Organische Stoffe verschiedener Natur. 

Heilsame Bitterstoffe finden sich in verschiedenen Teilen 
mannigfaltiger Pflanzen, u. a. im Wermut,^ im Enzian, ^ in der 
Aloe,^ im Wurmsamen (?),io in der Lupine, die auch entbittert 
werden kann^^ u. s. w.; sie entfalten vielerlei medizinische Wirk- 
ungen. 

Das Eiweiß gerinnt beim Kochen und wird hierbei nahr- 
hafter; ^^ ähnliche Gerinnsel entstehen auch beim Versetzen der 
Milch mit Lab oder Feigensaft (siehe oben), doch löst letzterer 
im Überschuß sie wieder auf, wie er auch auf das Fleisch er- 
weichend wirkt. ^^ 

Leim ist ein Bestandteil der Ochsenhäute; ^* den besten, 
rein weißen, dicken, leicht löslichen, liefert jedoch der Magen 
eines im Schwarzen Meere lebenden Fisches. ^^ 



» 4, 76. 2 5^ 81. « 3, 46 u. 47. * 5, 9. ^ 4, 83 u. 84; 

2, 101. « 2, 65. ' 3, 23. « 3, 3. '^ 3, 22; 4, 138. ^° 3, 25. 

" 2, 132. i'^ 4, 112; 2, 54 u. 55. ^^ 1, 184. ^^ 3, 91. ^^ 3, 92. 



DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES DIOSKORIDES 71 

Neben den chemischen Substanzen, die Dioskorides 
anführt, sind auch die chemischen Verfahren und Apparate, 
deren er gedenkt, von hohem Interesse; erinnert sei z.B. an 
seine Andeutungen über die Sublimation bei der Bereitung 
des Rußes,^ über die Kristallisation bei der Darstellung des 
Vitriols und Alauns, '-^ und über die Destillation bei der Ge- 
winnung des Teeröles, Zedernöles und Quecksilbers.^ Das 
Kondensieren der aufsteigenden Öldämpfe an übergehängten 
Massen lockerer Wolle und das Auspressen der mit Öl be- 
ladenen Flocken bietet ein sehr lehrreiches Bild von den ersten 
Anfängen der Destillationskunst; diesen gegenüber stellt die Ab- 
scheidung des Quecksilbers schon eine erhebliche Verbesserung 
dar, zum mindesten werden bereits zwei Hauptteile des 
Apparates unterschieden, die eigentliche Retorte und der ihr 
aufgekittete Helm, dessen Namen a(y.ßi^, mit dem arabischen 
Artikel al versehen, sich als „Alambic" in den romanischen 
Sprachen bis auf den heutigen Tag erhalten hat. So primitiv 
derlei Methoden auch sind, so weisen sie doch schon unver- 
kennbar den Weg, der die Chemie während der nächsten Folge- 
zeit, und zwar speziell auf ägyptischem Boden, zu so großen 
Fortschritten in den erwähnten Richtungen führen sollte; scheint 
es doch ganz naturgemäß, daß die Kombination von Retorte 
und Helm einerseits, mit dem bei der Sublimation des Rußes 
beschriebenen kühlbaren Rezipienten andererseits erfunden, und 
hierdurch der Destillationsapparat im heutigen Sinne ins Leben 
gerufen wurde; war dieser aber erst geschaffen und durch all- 
mähliche weitere Ausbildung genügend verfeinert, so mußte 
sich auch von selbst das Bestreben aufdrängen, jene flüchtigen, 
beim Kochen entweichenden Bestandteile zu isolieren, die so 
manchen Substanzen ihre „Kraft" verliehen, z. B. dem jungen 
Weine. ^ Eine „Erhitzung über Kohlen", wie sie für die Dar- 
stellung des Quecksilbers aus Zinnober vorgeschrieben wurde, 
war für solche Zwecke allerdings untunlich, aber auch in 

^ 1, 84 u. 93. 2 5, 141 u. 122. « 1, 95 u. 105; 5, 110. ^ 5, 13. 



72 DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES DIOS KORIDES 

dieser Richtung findet sich bei Dioskorides bereits Vorsorge 
getroffen: ausdrücklich gibt er an, daß die Aus- und Um- 
schmelzung des Fettes, Knochenmarkes, Galbanumharzes und 
dergl. statt über freiem Feuer oder in der Sonnenhitze, auch in 
einem Topfe oder einer durch Deckel geschlossenen Büchse ge- 
schehen könne, die man in ein Gefäß mit heißem Wasser einstelle 
oder einhänge. ^ Hier haben wir also eine ganz klare und keines- 
wegs auf Neuheit Anspruch machende Beschreibung des Wasser- 
bad es, aus der zunächst die Müßigkeit aller Konjekturen zu 
ersehen ist, die diese Erfindung erst in das dritte oder vierte 
nachchristliche Jahrhundert verlegen und einer Persönlichkeit 
dieses Zeitalters zuschreiben wollen. Ohne an dieser Stelle auf 
die Geschichte des Wasser- und Sandbades näher einzugehen, 
sei nur kurz erwähnt, daß vermutlich beide kulinarischen Ur- 
sprunges sind, wie denn z. B., — worauf K. B. Hof mann zu- 
erst hinwies — , schon der alte Cato (gest. 14Q v. Chr.) das 
Wasserbad in seiner Schrift: „Über die Landwirtschaft", zur 
Herstellung einer „Erneum" genannten Speise empfiehlt; weit 
früher, nämlich im vierten vorchristlichen Jahrhunderte, be- 
schreibt aber, — was meines Wissens noch niemand be- 
merkt hat — , bereits Theophrast, der Schüler und Nach- 
folger des Aristoteles, deutHch das Wasserbad, und zwar 
zu Zwecken der Extraktion eines ätherischen Öles. Dios- 
korides spricht vom Schmelzen des Knochenmarkes im Wasser- 
bade unter der Bezeichnung „ev SiTuXwjxaTt", die sich offenbar 
auf die doppelte Hülle bezieht; wenn wir in heutigem Sinne 
von einem „Diplom" reden, so ist also dieser Name, wie in 
gar manchen Fällen verwandter Art, von der Form auf den 
Inhalt übergegangen. 

Zum Schlüsse sei bemerkt, daß bei Dioskorides noch 
keinerlei Spuren jener eigentlich alchemistischen Ideen 
auftauchen, die sich in Ägypten vom zweiten und dritten Jahr- 

1 2, 86 u. 95; 3, 87. Eine ähnliche Bemerkung findet sich auch bei 
Plinius (20, 27). 



DIE CHEMISCHEN KENNTNISSE DES DIOSKORIDES 73 

hunderte n. Chr. an zu einem charakteristischen System zu ge- 
stalten begannen; unzutreffend ist namentlich die von Berthelot 
aufgestellte, jedoch später von ihm selbst als irrtümlich und 
übereilt anerkannte Behauptung, schon Dioskorides habe das 
Quecksilber als einen Grundbestandteil sämtlicher Metalle be- 
trachtet; an der betreffenden Stelle ^ liest man zwar, Quecksilber 
finde sich ev |y.£Ta>;)to^, doch heißt dies nicht „in den Metallen", 
sondern „in den Bergwerken". Das Wort Metall entstammt 
nach Lenormant der Sprache der Sumerer, der Urbewohner 
des babylonischen Tieflandes, und bedeutet ursprünglich „hacken", 
„graben"; als Fremdwort diesen Sinnes ging es in die indo- 
germanischen Sprachen über, und im Armenischen heißt „Me- 
talk" noch jetzt eine Grube, ebenso wie einst im Griechischen. 



Wenn diese kurze Darlegung der chemischen Kenntnisse 
eines der bedeutsamsten und einflußreichsten Schriftsteller des 
ausgehenden Altertumes irgendwie dazu beigetragen hat, das 
in den Kreisen unseres Faches im ganzen immer noch arg 
darniederliegende historische Interesse anzuregen, so ist ihr 
Zweck erfüllt. Tiefe Wahrheit liegt in dem Ausspruche Ko- 
berts, eines unserer ersten Meister der Medico-Historie: „Nichts 
zeugt so sehr von der Unfertigkeit einer Wissenschaft, als wenn 
sie glaubt, aus der Geschichte ihrer Disziplin nichts mehr lernen 
zu können." 

^ 5, 110. 



ZUR GESCHICHTE DES GLASES IM ALTERTUME' 



n der Einleitung seines Aufsatzes: ,;Uber Gebrauch 
und Abnutzung von Aluminiumgeräten im Haushalte" 
'^M A hat L. Franck^ eine Angabe St. Claire-Deville's 
^^\ angeführt, des berühmten französischen Chemikers 
und ersten Darstellers des Aluminiums in größerem Maßstabe, 
derzufolge das Aluminium zur Zeit des Kaisers Tiberius bereits 
bekannt gewesen, und aus einer tonhaltigen, glasartigen Masse 
durch ein Geheimverfahren abgeschieden worden sei; der so 
hochverdiente Forscher, bezw. sein Gewährsmann, der Lieb- 
haber der antiken Literatur, General de Beville, sind jedoch 
hierbei einem gründlichen Irrtume zum Opfer gefallen, den auf- 
zuklären es immerhin der Mühe lohnt, da er sich, falls kein 
Widerspruch erfolgt, leicht weiterverbreiten könnte. 

Die Erzählung, auf die St. Ciaire- De ville Bezug nimmt, 
findet sich bei verschiedenen alten Schriftstellern, am ausführ- 
lichsten (soweit mir bekannt ist) bei Petronius, dem Verfasser 
des wenig gelesenen und schwerverständlichen »Gastmahl des 
Trimalchio". Im 50. und 5L Kapitel äußert sich dieser reiche 
Großsprecher zu seinen Gästen, nachdem er die Menge und Pracht 
seiner Vasen und Gefäße aus Edelmetallen und kostbaren Metall- 
mischungen gepriesen hat, wie folgt: »Haltet es mir zugute: ich 
ziehe, wenn auch andere widersprechen, gläserne Gefäße jenen aus 

^ „Chemiker-Zeitung" 1897, S. 857. ' Ebenda 1897, S. 816. 



ZUR GESCHICHTE DES GLASES IM ALTERTUME 75 

korinthischem Erze vor, und wären sie unzerbrechHch, zöge ich sie 
auch jenen aus Gold vor, denen sie jetzt freilich nachstehen. 
Übrigens gab es einmal einen Handwerker, der einen unzer- 
brechlichen gläsernen Pokal machte (qui fecit phialam vitream 
quae non frangebatur) ; er überreichte ihn als Geschenk dem 
Kaiser, ließ sich ihn von diesem zurückgeben und schleuderte 
ihn auf den Estrich. Der Kaiser erschrak hierüber außer- 
ordentlich; jener aber hob den Pokal, der gleich einem me- 
tallenen nur eine Beule davongetragen hatte, vom Boden auf, 
holte ein Hämmerchen hervor, und besserte ihn in aller Ruhe 
schönstens wieder aus. Nunmehr erhoffte er Jupiters Himmel zur 
Belohnung, und als der Kaiser nachdrücklich fragte, ob noch je- 
mand diese Behandlung des Glases (condituram vitreorum) ver- 
stehe, verneinte er es; da befahl der Kaiser, ihn zu enthaupten, 
damit nicht, wenn jene Behandlung bekannt werde, der Wert 
des Goldes auf den des Tones herabsinke." 

In dieser Erzählung kann man allenfalls eine Anspielung auf 
die Herstellung von Hartglas sehen, die angesichts der im Alter- 
tume wohlbekannten Benutzung von Öl und Fetten zum Löschen 
und Härten des Stahles keineswegs undenkbar erscheint; von 
der Abscheidung eines Metalles, und gar eines dem Aluminium 
ähnlichen, ist aber, wie man sieht, gar nicht die Rede, und der 
ganze Bericht ist überhaupt nicht so wortgetreu und ernsthaft 
zu nehmen. Bei Dio Cassius^ ist der Künstler ein Bau- 
meister, der die Glasscherben einfach wieder mit der Hand 
zusammendrückt und alsbald das unversehrte Gefäß dem Kaiser 
aufs neue darbietet, und bei Plinius heißt es:^ „Unter der 
Regierung des Tiberius soll man es verstanden haben, das Glas 
so zu behandeln, daß es biegsam bleibt, aber die Werkstätte 
des Meisters soll gänzlich zerstört worden sein, damit der Wert 
des Erzes, Silbers und Goldes nicht sinke; dieses Gerücht ist 
jedoch mehr verbreitet als glaubwürdig." 

Die Anekdote vom biegsamen und hämmerbaren Glase 
' Hb. 57, cap. 21. ^ ^^Historia naturalis", lib. 36, cap. 66. 



76 ZUR GESCHICHTE DES GLASES IM ALTERTUME 

und von der Entscheidung des Kaisers Tiberius muß übrigens 
seit jeher weiten Kreisen ein ganz besonderes Interesse ein- 
geflößt haben, denn sie zieht sich fast anderthalb Jahrtausende 
lang durch die Literatur hin, von Dio Cassius, Plinius 
und Petronius über Isidorus von Sevilla, Damianus, 
Johannes von Salesbury, Bartholomäus Anglicus u. s.w. 
bis zu Agrippa von Nettesheim, Sebastian Franck und 
Pauli. Sie findet sich auch in dem vermutlich gegen 1300 
entstandenen Sammelbuche »Gesta Romanorum",^ einem 
der für die Sichtung und weitere Verbreitung von Erzählungen 
und Fabeln mannigfacher Herkunft wichtigsten Werke des Mittel- 
alters, und der gelehrte Herausgeber, Oesterley, zählt nicht 
weniger als sechzehn verschiedene Quellen für sie auf.^ Die 
;;Gesta Romanorum" selbst bringen die Erzählung unter dem 
Titel „De invidia" (vom Neide), und lassen ihr, nach Hinweis 
auf die anfängliche gute Regierung des Tiberius, nachstehende, 
für den mittelalterlichen Geist höchst charakteristische „Morali- 
satio" folgen: „Ihr Lieben, dieser Tiberius bedeutet gewisse 
Klosterleute und dergl., die, bevor sie zu Würden und Reich- 
tümern kommen, ziemlich einfach und genügsam sind, nachher 
aber das gerade Gegenteil offenbaren, daher denn das Sprichwort 
sagt: „Glück ändert die Sitten", und der Psalmist: „Glück und 
rechter Sinn verträgt sich selten". Der Glaskünstler aber bedeutet 
den Armen, der dem Reichen Geschenke bringt: gefallen sie 
diesem aber nicht, so wirft er sie weg, will sie nicht wieder- 
nehmen, gerät gegen jenen in Wut, mißhandelt ihn, oder tötet 
ihn gar." 

^ „Gesta Romanorum", ed. Oesterley (Berlin 1872, S. 342; Kap. 44). 
"" Ebenda, S. 719. 



DER HEILIGE AUGUSTINUS ÜBER DEN ÄTZKALK ^ 




n den Anfangskapiteln des 2L Buches seines um 415 
vollendeten Hauptwerkes »De civitate Dei", das man 
der Großartigkeit seines Grundgedankens und der Kon- 
sequenz der Darstellung wegen auch heute noch nur 
mit Bewunderung lesen kann, behandelt der heilige Augusti- 
nus die Frage, wie man die Zweifler davon überzeugen könne, 
daß die Verdammten im ewigen Höllenfeuer wirklich endlose 
Schmerzen und Martern erleiden, ohne (wie jene behaupten 
wollen) schon nach Kurzem ihr Leben und Bewußtsein zu ver- 
lieren, wodurch die Strafe gegenstandslos würde. »Wollte man 
solchen Leuten vorhalten," so sagt der Kirchenvater, ^ „daß ge- 
wisse Würmer nur in fast unerträglich heißem Wasser leben, 
ja leben können, daß der Salamander sich in den Flammen 
am wohlsten fühlt, daß manche Berge Siziliens seit jeher Feuer 
auswerfen, ohne doch von ihm verzehrt worden zu sein, so 
werden sie dies als genügenden Beweis nicht gelten lassen. 
Ebensowenig werden sie zugeben, daß die Möglichkeit jenes 
ersten Wunders durch die einer ganzen Reihe anderer ebenso 
großer, verbürgt werde: so z. B. zerspringt der sonst unzerstör- 
bare Diamant, wenn man ihn mit Bocksblut bespritzt; der 
Magnetstein trägt eine Kette von Eisenringen und zieht das 
Eisen an, selbst wenn man eine silberne Platte dazwischen hält; 

^ ,, Chemiker-Zeitung" 1896, 304. ^ Ich zitiere und übersetze frei 

nach der Ausgabe von Dombart (Leipzig 1863, Bd. 2, S. 426 ff., passim.). 



78 DER HEILIGE AUGUSTINUS ÜBER DEN ÄTZKALK 

der stein Asbest kann, einmal angezündet, nicht wieder gelösclit 
werden, der Stein Pyrit entzündet sich schon durch starken 
Druck, und der Glanz des Steines Selenit nimmt zugleich mit 
dem des Mondes ab und zu; das Salz von Agrigent verflüssigt 
sich im Feuer wie im Wasser und verknistert mit Wasser wie 
im Feuer; gewisse Brunnen löschen brennende Fackeln aus und 
entzünden verlöschte, manche auch sind bei Tage zu^ kalt zum 
Trinken, bei Nacht aber zu heiß zum Baden; die Spreu ist zu- 
gleich so kalt, daß sie Eis unzerschmolzen erhält, und so warm, 
daß sie Äpfel zur Nachreife bringt; das Fleisch der Pfauen 
kann nicht verfaulen; in Cappadocien werden die Stuten vom 
Winde befruchtet, dafür aber leben die Füllen auch nur drei 
Jahre u. s. w." 

wWer jedoch durch alles dieses sich noch nicht überwunden 
gibt, der betrachte denn die Wunderwirkungen des Kalkes 
(miracula calcis)! Zunächst sein Verhalten zum Feuer. Wer 
erklärt uns aber erst dessen Geheimnisse? Selbst rein und 
lauter, schwärzt es, was es ergreift; selbst herrlich leuchtend, 
entfärbt es, was es verzehrt, und verwandelt prächtig glühende 
Holzblöcke in gemeine Kohle. Wie rätselhaft wieder ist das 
Wesen der Kohle, die unter dem leisesten Schlag zersplittert, 
unter dem geringsten Druck zerspringt, dagegen jeder Fäulnis 
trotzt, und, in die Erde vergraben, unverändert jeden Zeitraum 
überdauert! Von jenem Feuer nun durchglüht, das anderes 
schwärzt, wird der dunkle Kalkstein selbst leuchtend, und je 
feuriger die Flamme ihn umspielt, desto weißer strahlt seine 
Glut; hierbei aber nimmt er von der Natur des Feuers auf ge- 
heimnisvolle Weise einen Teil in sich auf. Berührt man den 
wieder erkalteten Stein, so hält er diese Kraft so völlig ver- 
borgen, daß keiner jener scharfsinnigen Zweifler sie entdecken 
wird, selbst wenn er durch Erfahrung schon belehrt wäre, daß sie 
heimlich, gleichsam unter der Asche versteckt, dort schlummere; 
und doch ist dies so, und wir sprechen daher vom »lebendigen 
Kalk" (calx viva), als wäre das Feuer die verborgene und un- 



DER HEILIGE AUGUSTINUS ÜBER DEN ÄTZKALK 79 

sichtbare Seele dieses sichtbaren Körpers. Wie wunderbar ist 
es nun, daß die Glut des Steines gerade dann zum Vorschein 
kommt, wenn man glauben würde, sie auszulöschen, daß näm- 
lich beim Begießen mit Wasser, das doch sonst alles Heiße 
erkalten macht, eine feurige Kraft hervorbricht und das Wasser 
zum Sieden bringt! So völlig haucht aber hierbei der Stein 
die vorher verborgene Hitze aus, daß er schließlich wie tot 
erkaltet, mit neuem Wasser begossen keine Regung mehr zeigt 
und deshalb nunmehr, obwohl er eigentlich ;; ausgebrannt" ist, 
doch als »gelöscht" bezeichnet wird! Was könnte man einem 
solchen Wunder an die Seite stellen, wenn nicht etwa das noch 
größere, daß Öl, dieser Zunder jedes Feuers, an Stelle von 
Wasser angewandt, durch noch so viel Kalk nicht in Hitze oder 
gar ins Kochen gerät? Erzählte man uns dergleichen von einem 
Steine des fernen Indiens, den selbst zu prüfen uns versagt 
bliebe, wahrlich wir würden Lügen zu hören glauben, oder wie 
starr vor Staunen sein! Und doch ist die Natur der gewöhn- 
lichsten Gegenstände, die wir fortwährend vor Augen haben, 
nicht weniger rätselhaft, und nur die tägliche Gewohnheit 
stumpft uns ab, so daß man aus dem entlegenen Indien Wunder- 
dinge herbeischleppen muß, will man einmal unsere Aufmerk- 
samkeit erregen." 

»Jene Zweifler aber, die mit ihrer geringen Vernunft alles 
bekritteln und betreffs aller Dinge Rechenschaft über jede Einzel- 
heit verlangen, mögen sie nun zunächst uns das geschilderte 
Wunder erklären! Sollten sie aber, wie gewöhnlich, schließlich 
sagen, »es liege eben in der Natur des Kalkes, sich so wie an- 
gegeben zu verhalten", dann mögen sie auch Andere, Berufenere, 
ungestört lehren lassen, was in der Natur des höllischen Feuers 
liege, und was in der Natur der zu ewigen Qualen Verdammten." 

Dem Kenner der antiken Literatur wird es leicht bemerk- 
lich sein, daß der heilige Augustinus die Mehrzahl der an- 
geführten »Tatsachen", sowie die Schilderung der »Miracula 
calcis", wesentlich einigen alten Autoren entnommen hat (nament- 



80 DER HEILIGE AUGUSTINUS ÜBER DEN ÄTZKALK 

lieh Plinius), ohne sie aber etwa geradezu auszuschreiben; 
ebenso wird es dem in der patristischen Literatur halbwegs Be- 
wanderten nicht entgehen, daß der Punkt, von dem aus die 
Darlegung des heiligen Augustinus ihren Anfang nimmt, 
nämlich die Einwirkung des Höllenfeuers auf die Sünder, zu 
den von den Kirchenvätern stets mit größter Vorliebe behan- 
delten Fragen gehört. Schon Tertullianus widmet ihr in 
seinen, um 200 n. Chr. verfaßten Schriften „Apologeticum" 
(Kap. 48) und »Über die Buße" (Kap. 12) eingehende Betracht- 
ungen, und auch die spätere kirchliche Literatur, namentlich die 
mittelalterliche, ist reich an solchen; ja selbst Descartes er- 
örtert sie noch in den über das Wesen des Feuers handelnden 
Kapiteln seiner »Prinzipien der Philosophie". 



Zweite Abteilung 



CHEMISCHE KENNTNISSE VOR TAUSEND JAHREN^ 




nsere Kenntnisse aus dem Gebiete jener wissenschaft- 
lichen Literatur, die zur Zeit des frühen Mittelalters im 
Oriente blühte, und sich während einer Epoche, die 
für Europa eine solche des tiefsten Darniederliegens 
geistiger Tätigkeit war, in glänzender Weise entfaltete, sind 
leider immer noch geringe; dies gilt besonders hinsichtlich 
der naturwissenschaftlichen Fächer, weil der übliche gelehrte 
Bildungsgang es in der Regel bei den Naturforschern an 
Sprachenkunde, bei den Philologen aber an naturhistorischer 
Schulung fehlen läßt. Viele der wichtigsten Dokumente für 
die Geschichte der Wissenschaft, die alle Stürme der Zeiten 
überstanden haben, ruhen daher heute noch unverwertet in 
Archiven und Bibliotheken, und harren, um allgemein nutzbar 
zu werden, des sachkundigen Bearbeiters. 

Das Glück, einen solchen gefunden zu haben, blühte u. a. 
dem höchst merkwürdigen Werke, das den Gegenstand der 
heutigen Mitteilung bilden soll, dem »Buche der pharma- 
kologischen Grundsätze", das etwa im Jahre 975 von Abu 
Man SU r Muwaffak (aus Hirow in Nordpersien?) verfaßt wurde, 
und uns, anscheinend in der Nachschrift eines seiner Schüler, 
fast vollständig erhalten ist. Gestützt auf ein umfassendes 

^ Vortrag auf der Hauptversammlung des „Vereines Deutscher Chemiker" 
1901 (s. „Zeitschrift für angewandte Chemie" 1901, S. 640). 

V. Lippmann, Beiträge. 6 



82 CHEMISCHE KENNTNISSE VOR TAUSEND JAHREN 

Studium der griechischen, indischen, arabischen und persischen 
Medizin, sowie auf die während langer Reisen erworbenen 
praktischen Kenntnisse, schrieb Abu Mansur diese älteste 
Arzneimittellehre der Perser, die, als erst-überlieferter neu- 
persischer Text, auch linguistisch von höchstem Werte ist. 
Übersetzt, und mit einer Fülle gelehrter Erklärungen heraus- 
gegeben, wurde sie durch den in Persien geborenen, aber 
europäisch gebildeten Arzt Achundow aus Baku, unter Leitung 
von Prof. Dr. R. Kobert; veröffentlicht ist sie im dritten Bande ^ 
der ,; Historischen Studien" dieses vielseitigen, in zahlreichen 
Disziplinen hochgelehrten, und noch lange nicht allgemein nach 
rechter Gebühr gewürdigten und anerkannten Mannes. 

Ein ;;Buch der pharmakologischen Grundsätze" ist natür- 
lich in erster Linie für Medizin und Pharmakologie von Be- 
deutung; aber Abu Mansur verfügt auch über so beträchtliche 
chemische Kenntnisse, daß es sich der Mühe lohnt, diesen nach- 
zugehen, und sie, gesondert vom fachlichen Ballaste, in Kürze 
darzustellen. Verzichtet muß aber von vornherein darauf werden, 
an dieser Stelle auf die literarischen Quellen Abu Mansurs 
zurückzuweisen; sowohl was die theoretischen Anschauungen, 
als auch was die übergroße Rolle der „Sympathie" bei der 
Wahl der Heilmittel betrifft, kommen vornehmlich spät-griechische 
Einflüsse in Betracht, wie sie aus Dioskorides, und auch aus 
Plinius, genügend bekannt sind. 



L Aus der Reihe der sogenannten Metalloide und ihrer 
Verbindungen bespricht Mansur den Schwefel, die Kohle, 
die Kieselsäure, und das Wasser. Der Schwefel ist von 
sehr trockener und heißer Natur, zeigt bald eine gelbliche 
Färbung, bald eine mehr weißliche oder rötliche, und verbindet 
sich mit vielen Stoffen, so daß er, neben anderen innerlichen 
und äußerlichen Verwendungen, auch die als Antidotum bei 

1 Halle, 1893. 



CHEMISCHE KENNTNISSE VOR TAUSEND JAHREN 83 

Metallvergiftungen findet. — Die Kohle bleibt beim Verbrennen 
pflanzlicher und tierischer Stoffe als schwarze Masse zurück; 
daß sie als Diamant auch kristallisieren kann, weiß Mansur 
natürlich nicht, doch kennt er den Diamanten sehr wohl, und 
beschreibt ihn als einen meist dreikantigen, dem Bergkristall 
ähnlichen, alle anderen Mineralien an Härte übertreffenden 
Stein von heftigen Giftwirkungen, die namentlich an der Leber 
hervortreten. Letztere Angabe hängt vermutlich damit zusammen, 
daß schon seit dem Altertume her (und bis in die späte Neu- 
zeit hinein) die Leber als ein Hauptsitz der Körperwärme und 
aller auf »Heißblütigkeit" zurückgeführten Eigenschaften galt, 
während man hingegen den Edelsteinen, wie dies Mansur 
auch vom Smaragd, Jaspis, Hyacinth u. s. f. berichtet, eine ganz 
außerordentlich »kalte Natur" zuschrieb, so daß die einen über- 
haupt nicht zu erwärmen seien und selbst höchster Feuersglut 
tagelang widerständen, die anderen nur von einzelnen besonders 
kräftigen Mitteln bewältigt würden, z. B. vom Blute des Bockes, 
das man, wegen der heftigen sinnlichen Begierden dieses Tieres, 
für ganz besonders »hitzig" hielt; Mansur führt, als solche 
»Feinde" des Diamants, den Saft der indischen Pflanze Asclepias 
gigantea an, sowie das Blei, zwei Mittel, die (letzteres in »ge- 
branntem" Zustande) als von besonders heißer Beschaffenheit 
angesehen wurden. — Die Kieselsäure kennt Mansur in 
Gestalt des sogenannten Tabaschir, jener merkwürdigen, in 
den Knoten der Bambushalme als milchige Flüssigkeit aus- 
geschiedenen, allmählich völlig erhärtenden Masse, die im 
indischen Arzneischatze seit jeher eine sehr wichtige Rolle 
spielte; V vom Glase spricht er nur sehr vorübergehend, und 
setzt seine Bestandteile jedenfalls als bekannt voraus. — Das 
Wasser zeigt die merkwürdige Eigenschaft, durch die Gewalt 
des Feuers nicht eingedickt werden zu können, und wird durch 
diese seine Flüchtigkeit und Flüssigkeit, obwohl es selbst kein 
Nährstoff ist, zu einem unentbehrlichen, und als Vehikel anderer 

^ S. meine „Geschichte des Zuckers" (Leipzig 1900, S. 76 ff.). 

6* 



84 CHEMISCHE KENNTNISSE VOR TAUSEND JAHREN 

Nährstoffe unersetzlichen Bestandteile des menschlichen Körpers; 
dieser scheidet es teils durch den Schweiß, teils durch die 
unsichtbare Verdunstung der Hautporen in erheblichem Maße 
ab, wie daraus hervorgeht, daß Gewicht und Volumen des 
täglich genossenen Wassers und abgeschiedenen Harnes bei 
weitem nicht gleich sind. Das reinste Wasser ist das Regen- 
wasser, denn es erweist sich als färb-, geruch- und geschmack- 
los, läßt sich rasch erwärmen und kühlt ebenso rasch wieder 
ab, und ist auch leicht von Gewicht; an letzteres, bei der Unter- 
scheidung guten und schlechten Wassers so wichtige Kenn- 
zeichen pflegt sich das Volk zu halten, und erklärt leichtes 
Wasser auch für gut. Unreine Wasser, wie die Salz, Schwefel, 
Alaun, Gips, oder Alkali enthaltenden, die aus Kupfer-, Eisen- 
und Quecksilbergruben kommenden, und wie das Pech- und 
Teerwasser, können zuweilen sehr heilsam und nützlich sein; 
in der Regel erweisen sich aber unreine Wasser als gesundheits- 
schädlich, und sollen vor dem Genüsse entweder mittels ge- 
wisser Erden geklärt, oder mit Hülsenfrüchten erwärmt, oder 
am besten tüchtig aufgekocht werden. „Ich habe auch gehört", 
— sagt Mansur — , „daß sich die Schiffsleute, wenn sie kein 
Trinkwasser haben, durch Destillation des Seewassers, so wie 
man Rosenwasser destilliert, ein brauchbares, von Bitterkeit 
freies Wasser verschaffen." Schädlich ist nach Mansur auch 
das im Oriente so viel gebrauchte Schnee- und Eiswasser,^ 
denn der Schnee, und in noch höherem Grade (wie sein lang- 
sameres Auftauen beweist) das Eis, hat seine leichtesten und 
flüchtigsten Bestandteile verloren, und außerdem zeigt alles 
aus schlechtem Wasser gewonnene Eis auch selbst wieder eine 
schlechte Beschaffenheit. 

Was die Feststellung der „Schwere" des Wassers betrifft, 
so könnte man denken, sie sei mittels des Aräometers geschehen, 
welches Instrument zu Anfang des 5. Jahrhunderts, vielleicht 
auch noch früher, schon bekannt war; da aber bereits die 

^ Um 900 hatten es die Chalifen bereits mit einer Konsumsteuer belegt. 



CHEMISCHE KENNTNISSE VOR TAUSEND JAHREN 85 

Schriften des um ein Jahrtausend älteren Hippokrates oder 
seiner Schüler ebenfalls von schweren und leichten Wassern 
sprechen, so bleibt eine solche Annahme für die älteren Zeiten 
ganz ausgeschlossen, für die späteren mindestens ungewiß. 
Bei Hippokrates findet sich auch schon ein Hinweis auf die 
Kondensation der Wasserdämpfe, während bestimmtere Angaben 
über die Gewinnung süßen Wassers aus Meerwasser erst bei 
Aristoteles und seinem Kommentator Alexander von Aphro- 
disias auftauchen; zu pharmazeutischen Zwecken wurde destil- 
liertes Wasser nachweislich erst im 10. Jahrhundert benützt, und 
Mansur benennt es mit dem arabischem Worte „Alrak" oder 
„Arrak", ^= »das Übergeschwitzte". 

2. Von Alkalien und alkalischen Erden erwähnt Mansur 
unter dem Namen Natrün das mehr oder wenig reine, natür- 
lich vorkommende kohlensaure Natron, und bezeichnet es als 
eine Abart des Buraq oder Borax; dieses Wort diente seit 
altersher als Sammelname für das mineralische Alkali, denn die 
Zusammenstellung „Neter und Borit" (Natron und Borax) ist 
bekanntlich schon in der heiligen Schrift zu finden. Natrün ist 
eine weiße, poröse, harte Masse von sehr salzigem Geschmacke, 
und entfaltet „scharfe und reinigende" Wirkungen. In ähnlicher 
Weise äußern diese aber auch die Aschen gewisser Pflanzen, 
z. B. der Rübe, des Schilfrohres, des Papyrus, und namentlich des 
sogenannten Alkalikrautes, von dem es verschiedene Abarten gibt; 
beim Verbrennen hinterlassen diese Pflanzen Qual ja (Kali), ein 
Wasseranziehendes, trocknend und reinigend wirkendes Salz von 
bitterem, ätzendem, brennendem Geschmacke, das für sich, oder 
mit Essig gemengt, als wichtiges Heilmittel dient. Der Reaktion 
zwischen Essig und Soda gedenken schon die Sprichwörter 
Salomonis; für die scharfe Unterscheidung des kohlensauren 
Natriums und Kaliums, verbunden mit der Benennung durch 
die beiden verschiedenen, bis auf den heutigen Tag erhaltenen 
Namen, dürfte aber M a n s u r die älteste bisher bekannte Quelle sein. 

In mancher Hinsicht dem Natrün (d. h. der Soda) vergleich- 



86 CHEMISCHE KENNTNISSE VOR TAUSEND JAHREN 

bar ist der Salmiak, der scharf und salzig schmeckt, und sehr 
kühlend wirkt. Auf eine unbestimmte Bekanntschaft mit dem 
Ammoniak scheint das über die reinigenden Wirkungen des 
Harnes Vorgebrachte hinzuweisen. 

Das Salz findet sich in reinster Form als Steinsalz, in un- 
reiner als Kochsalz, und zieht, je nach der Natur der ihm bei- 
gemengten Teile, die Feuchtigkeit leicht an; als Heilmittel be- 
rühmt ist das rotbraune indische Salz, und das Naphtha-haltige 
persische; Salz enthalten auch viele Quellen, vor allem aber das 
Meer, in dem es durch die Wirkung der Sonne, die nur die 
leichtesten Teilchen des Seewassers an sich zieht, allmählich 
angehäuft wird. 

Der Kalk wirkt gebrannt in außerordentlichem Grade 
erhitzend, ätzend und giftig; er zerstört Fleisch, Haut und Haare, 
und wird deshalb den Depilatorien zugesetzt; von sanfterer 
Wirkung ist die Kalkmilch. Dem Kalke ähnlich verhält sich 
der Gips, der sich auch ebenso wie jener brennen läßt, und 
mit Eiweiß gemischt zur Behandlung von Brandwunden sowie 
als Brei zur Heilung von Knochenbrüchen große Dienste tut. 
Diese Erwähnung der äußerlichen Anwendung des Gipses ist 
die erste in der Geschichte des für die Chirurgie so überaus 
wichtigen Gipsverbandes, der erst in neuerer Zeit (1852) durch 
holländische Ärzte wieder in die medizinische Praxis eingeführt 
wurde. 

Der Magnesit ist weiß oder gelblich, oft silberweiß glänzend, 
und erweist sich besonders nützlich als Augenpulver; das näm- 
liche gilt vom Meerschaum (wesentlich kieselsaures Magnesium). 

3. Vom Arsen kennt man drei Arten, die sämtlich durch 
Wärme verbrannt oder verflüchtigt werden können, und zwar 
furchtbare Gifte, aber in kleinen Mengen doch zu medizinischen 
Zwecken verwendbar sind; sie unterscheiden sich durch ihre 
Farbe, denn die erste ist gelb (Auripigment), die zweite rot 
(Realgar), die dritte weiß. Die beiden Arsensulfide waren schon 
im Altertume bekannt; über das reine weiße Arsenigsäure- 



CHEMISCHE KENNTNISSE VOR TAUSEND JAHREN 87 

Anhydrid gibt aber Mansur eine der ältesten, wenn nicht die 
älteste bisher aufgefundene Nachricht. 

Antimon ist ein Stoff von dunkler Farbe, der aber auf 
den Schnittflächen schön metallisch glänzt. Bekanntlich war, wie 
prähistorische Funde beweisen, die Darstellung dieses Metalles 
sowie mancher seiner Legierungen, z. B. der sogenannten Antimon- 
bronzen, entgegen der meist herrschenden Ansicht, schon vor- 
geschichtlichen Zeiten geläufig, und sein Sulfid diente in Indien 
und Ägypten schon vor Jahrtausenden als Schminke und zum 
Malen der Augenbrauen, wurde aber bereits damals (wie die 
Analysen in Ägypten aufgefundener Reste beweisen) teilweise 
durch Bleisufid ersetzt. 

4. Das Eisen wird in den verschiedensten Formen benützt, 
deren einige sehr weich, andere außerordentlich hart sind; die 
geringste Härte kommt aber dem ganz reinen Eisen zu. Glühend 
in Wasser abgelöscht erlangt es besondere Kräfte, und erteilt 
diese auch dem Wasser selbst; ähnlich verhält es sich beim 
Ablöschen in Milch oder Essig, und beim längeren Liegen in 
diesen Flüssigkeiten. Sehr heilsame Eigenschaften entfaltet auch 
der Roteisenstein (Hämatit), - dessen Farbe ihn als in be- 
sonderen sympathetischen Beziehungen zum Blute stehend 
erscheinen ließ - , ferner der Magnetstein, der sogar dazu dienen 
kann, verschluckte Eisenteile aus dem Körper auszuziehen und 
unschädlich zu machen, und endlich das Mineral ,fMärqaschita", 
das jedenfalls unserem Markasit seinen Namen gegeben hat, 
und als Eisenkies (Pyrit, Strahlstein) anzusprechen ist, - obwohl 
man zuweilen auch den glänzenden, als Malerfarbe und Arznei 
benutzten Lasurstein (Lapis lazuli) darunter verstand. 

Die Tonerde findet sich als weiße feste Masse vor, und 
wird wegen ihrer großen Härte auch als Schmirgel verwendet; 
aus Ton brennt man vielerlei Gefäße, die man, ebenso wie die 
gläsernen, prächtig zu färben und auch zu glasieren versteht. 
Die schönste, haltbarste und gesündeste Glasur ist die blaue 
(als deren wesentlichen Bestandteil neuere Analysen ein Kupfer-, 



88 CHEMISCHE KENNTNISSE VOR TAUSEND JAHREN 

Blei- und Zinn-haltiges Silikat erwiesen). - Daß der Alaun 
Tonerde enthält, weiß Mansur nicht; er beschreibt ihn als ein 
weißes Salz, dessen Lösung in hohem Grade adstringierend, 
koagulierend, und daher auch blutstillend wirkt. 

5. Das Kupfer kommt in gediegenem Zustande vor und 
ist auch ein Hauptbestandteil der cyprischen Kupfererde; beim 
Liegen an der Luft geht es oft in eine grüne Masse, den Grün- 
span, über, der sich als sehr scharf, fressend und adstringierend 
erweist, analog dem ebenfalls grünen Malachit. Beim Brennen 
geben Kupfer und Grünspan eine schwarze Masse, Kupferoxyd, 
das als zusammenziehendes Streupulver und zum Dunkelfärben 
der Haare dient. Innerlich genommen sind die Kupferver- 
bindungen Gifte, namentlich auch der Kupfervitriol. 

Blei ist ein schwarzes Metall, das roh oder an der Luft 
gebrannt (d. h. als Bleioxyd) mannigfaltige Verwendung findet, 
u. a. zur Darstellung eines schwarzen Haarfärbemittels, aber auch 
des schön glänzenden Bleiweißes, dessen feinste Sorte aus Isfahan 
in den Handel kommt; ebenda bereitet man auch die rötliche 
Bleiglätte, die außerordentlich giftige Eigenschaften besitzt. 

Zinkoxyd, das als solches, und in Gestalt von Salben, 
für die Wunden- und Hautpflege eine große Rolle spielt, ist 
ein weißes, äußerst feines Pulver, und die beste Qualität muß 
so aussehen wie Tabaschir (Kieselsäure, meist geglüht und feinst 
gestoßen). Stark ätzend und adstringierend wirkt der Zinkvitriol, 
dessen beste Art man aus Ägypten bezieht. - Die Angabe, 
daß Mansur gewisse ölhaltige Bäder in Zinkbadewannen ver- 
abreichen ließ, also das metallische Zink kannte, ist irrtümlich 
und beruht, wie Di ergart zeigte, auf einem Übersetzungsfehler. 

6. Vom Gold und Silber erwähnt Mansur bloß, daß sie 
den menschlichen Körper, insbesondere das Herz und das Auge, 
stärken, und die Wirksamkeit anderer Arzneimittel meist be- 
deutend steigern; die Vorstellung, daß den Edelsteinen, und 
namentlich den Edelmetallen, solche ungewöhnliche Kräfte an- 
haften, ist eine uralte, und wirkt noch heute in der schon im 



CHEMISCHE KENNTNISSE VOR TAUSEND JAHREN 89 

10. Jahrhunderte übHchen Vergoldung oder Versilberung der 
Apothekerpillen nach. 

Das Quecksilber findet sich in Bergwerken, und besitzt 
schon in „lebendigem" Zustande giftige Eigenschaften, noch 
stärkere aber in „totem", d. h. als „Quecksilberpräparat", so- 
genanntem Sublimat. Trotzdem dient es aber, ebenso wie der 
Zinnober, auch als Heilmittel, da es Hautkrankheiten vertreibt 
und Parasiten tötet. Berühmt war namentlich eine in der 
persischen Stadt Tabriz angefertigte Salbe, aus Quecksilber, 
Butter und Alkanna bestehend, und es wird erzählt, daß noch 
der Eroberer Tamerlan diese Stadt allein verschonte, weil 
ihre Bürger seinem, vom Ungeziefer arg gequälten Heere durch 
Darbringung solcher Salbe Abhilfe von bösen Leiden ver- 
schafften ! 

7. Das Stein öl oder Naft kommt in der Erde und in 
manchen Quellen vor, häufig auch zusammen mit Salz; das 
beste ist weiß und ganz klar, und besitzt eine sehr heiße und 
trockene Natur. Ihm ähnlich ist das Terpentinöl, sowie das 
Zedern- und Fichtenöl, deren geringere Sorten gelb, deren bessere 
weiß sind, und zum Räuchern und Desinfizieren dienen; zu 
gleichem Zwecke benützt man auch das Fichten- und Zedern- 
harz, den Teer und das Pech, mit dem wiederum der Asphalt 
aus dem toten Meere verwandt ist. 

Andere Harze, deren Rauch oft erstaunlich stärkende und 
reinigende Kräfte besitzt, sind: Aloe, Asa foetida, Bdellium, 
Bernstein (persisch Kahrubä = Strohräuber), Galbanum, Lada- 
num, Myrrhe, Sandarach (Harz des Juniperus, von manchen 
aber auch für Drachenblut, das Harz des indischen Drachen- 
baumes, gebraucht), Scammonium, Styrax und Weihrauch. Aus 
einigen Harzen gewinnt man auch heilsame Öle, wie aus Styrax 
oder Mastix, doch werden alle diese übertroffen vom Öl des 
arabischen Balsamstrauches (d. i. Amyris gileadensis), das äußerst 
wohlriechend und sehr leicht brennbar ist, die Milch koaguliert, 
in kleiner Menge das Wasser nur trübe macht, in größerer 



90 CHEMISCHE KENNTNISSE VOR TAUSEND JAHREN 

aber in ihm untersinkt; gefälschtes Balsamöl schwimmt hingegen 
auf dem Wasser und kann hieran leicht erkannt werden. 

Den Harzen ähnlich, aber nicht zu ihnen gehörig, ist der 
indische Kampfer, der besonders die Herztätigkeit anregt und 
auf die inneren Organe stark abkühlend wirkt, wie das schon 
sein kühler Geschmack erwarten läßt; Mansur berichtet, daß 
er durch die Nieren ausgeschieden wird und bei Blasenleiden 
heilsam ist (was darauf beruht, daß die im Körper gebildeten 
Kampf er-Glykuronsäuren in der Blase, unter Freiwerden von 
stark antiseptischem Kampferöl, wieder zerfallen). 

Aus der Klasse der Gummiharze führt Mansur u. a. die 
Sarcocolla, ;,den Gummi eines Dornstrauches" und den Ammoniak- 
gummi an. 

8. Ein Gummi ganz anderer Art ist der Traganthgummi 
sowie der mit ihm verwandte arabische Gummi, dem wieder 
der Kirschen- und Pflanzengummi gleichen; im Wasser quellen 
sie auf und geben klebrige Flüssigkeiten, die ganz jenen ähn- 
lich sind, die man mittelst des Schleimes mancher Pflanzen er- 
hält, z. B. Leinsamen, Flohsamen und Quitten. 

Den Rohrzucker erwähnt Mansur sehr oft und in den 
verschiedensten Formen, was bestätigt, daß dieser Stoff im 
10. Jahrhunderte den Persern und Arabern schon lange Zeit 
und wohl bekannt war; er ordiniert rohen roten Zucker, ge- 
reinigten weißen, harten weißen oder Tabarzed (= axtgehauen), 
Pajend (Fanid^), Zuckerwasser und Wein aus Zuckerrohr. — 
Andere Versüßungsmittel sind eingekochter Most, Süßholz, 
Honig und verschiedene Mannaarten. 

Das Stärkemehl benützt Mansur in der Regel zusammen 
mit arabischem Gummi; eine nähere Beschreibung gibt er nicht, 
deutet aber an, daß es durch den Speichel in einen veränderten 
Zustand übergeführt wird, in dem er es zu ähnlichen Zwecken 
benützt wie den Honig, z. B. zur Wundheilung. 

9. Von organischen Säuren kennt Mansur (natürlich 
' S. über diese Sorten meine „Geschichte des Zuckers". 



CHEMISCHE KENNTNISSE VOR TAUSEND JAHREN Ql 

nicht in reinem Zustande) die Säure der Zitronen, der Äpfel, 
der unreifen Trauben, der umgeschlagenen Milch sowie die 
Essigsäure und die Gerbsäure. Der Essig soll, neben einer 
kleinen Menge einer erhitzenden, einen weit überwiegenden 
Anteil einer kalten Essenz enthalten und infolgedessen sowie 
wegen seinen Flüchtigkeit in hohem Grade abkühlend wirken, 
äußerlich wie innerlich; in größeren Dosen verabreicht, erweist 
er sich als schädlich, doch gibt es allerdings Lebewesen, die ganz 
an ihn gewöhnt sind und daher Essigwürmer genannt werden. 

Die Gerbsäure bildet einen Bestandteil der Säfte, Rinden, 
und Früchte zahlreicher Pflanzen, besonders der Eichen, Tama- 
rinden, Zypressen, Granaten, Katechu-, Sumach- und Rumexarten, 
sowie der Myrobalanen. Die beste und kräftigste Sorte ist die 
der Eichenrinden und der Galläpfel, einer Frucht, die die Eichen 
abwechselnd mit den eigentlichen Eicheln tragen sollen; viel 
Gerbsäure enthält auch jene Art Eicheln, denen man den Namen 
»Kastanien" gegeben hat. ^ 

Die Gerbsäure ist eines der stärksten Adstringentien und 
verwandelt die Haut in Leder, weshalb sie in der Gerberei 
ausgedehnte Verwendung findet; außerdem dient sie zur Her- 
stellung der Tinte. Die Bereitung von Tinte aus Galläpfelsaft 
und in Essig gelöstem Eisen oder Eisenvitriol verstanden be- 
kanntlich schon die alten Ägypter, auch empfiehlt bereits 
Plinius mit Gerbsäure getränktes Reagenspapier zum Nach- 
weise einer Verfälschung des Grünspans und Alauns mit Eisen- 
vitriol, so daß diese Reaktion als eine der ältesten, wenn nicht 
überhaupt als die ältest-bekannte der analytischen Chemie an- 
gesprochen werden darf. - Im 10. Jahrhunderte kannte man 
auch schon die sympathetischen Tinten ^ und wußte, daß sich 
Tintenflecken mittelst Zitronensaft entfernen lassen. 

^ Kastanie kommt vom armenischen Kastana = Nuß; Xenophon, 
den sein berühmter Rückzug durch Armenien führte, gibt wohl die erste 
Nachricht von dieser, den Griechen damals noch unbekannten Frucht. 

^ S. weiter unten in „Naturgeschichtliches aus Albiruni". 



92 CHEMISCHE KENNTNISSE VOR TAUSEND JAHREN 

10. Von den Fetten ist das edelste das Olivenöl, so lange 
es frisch und nicht sauer oder ranzig ist; andere Öle, die teils 
als Genuß- teils als Heilmittel dienen und im ganzen dem 
Olivenöl gleichen, sind das süße Mandelöl, das Sesam-, Behen-, 
Kokosnuß- und Rizinusöl, sowie das Nuß- und Leinöl, und 
endlich das Eieröl und das fette Öl der Milch, die Butter. Die 
Milch enthält nämlich dreierlei Essenzen, und zwar in sehr 
wechselnden Mengen: eine käsige, die sich beim Koagulieren 
und bei Zusatz von Säure ausscheidet, eine fettige, die die 
Butter darstellt, und eine schließlich verbleibende wässerige, das 
Serum. 

Den Fetten ähnlich und gleichfalls zu Einreibungen und 
Salben dienlich, ist das Wachs, der heilsame Schweiß der Schaf- 
wolle (Lanolin), und das »Mumia" genannte Erdwachs. Aus 
Fetten wird auch Seife bereitet; doch sind die in Persien 
wachsenden Seifenpflanzen ebenfalls zum Waschen und Reinigen 
von Kleidern und Teppichen gebräuchlich. 

IL Von ätherischen Ölen führt Mansur eine große 
Anzahl an, die teils ausgepreßt, teils mittelst Olivenöl ausgezogen, 
teils durch Destillation gewonnen und als Heilmittel sowie als 
„flüchtige Öle des Wohlgeruches" verwendet wurden. Er er- 
wähnt u. a.: das Öl der Zitronenschalen und -kerne, das giftige 
Öl der bitteren Mandeln und Pfirsichkerne, das Croton-, Senf- 
und Rettigsamenöl; ferner das Absinth-, Anis-, Basilikum-, Dill-, 
Fenchel-, Jasmin-, Kamillen- und römisch-Kamillen-, Kümmel-, 
Lavendel-, Lorbeer-, Majoran-, Myrthen-, Narden-, Nelken-, 
Pfefferminz-, Rauten-, Rosen-, Schoenanthus-, Thymian-, Veil- 
chenöl u. s. f. 

12. Der Farbstoffe des Pflanzenreiches gedenkt Mansur 
meist nur in Hinsicht auf ihren pharmakologischen Gebrauch, 
und zwar nennt er die Säfte der Akazie (Nil-Akazie), Alkanna, 
Curcuma, des Färberkreuzdornes (Rhamnus infectorius), Gelb- 
holzes, Indigos, Krapps, Safrans, Safranbaumes (Memecylon 
tinctorium) und Safflors. 



CHEMISCHE KENNTNISSE VOR TAUSEND JAHREN 93 

Für die Indigopflanze gibt er den Namen „Nileh" an, für 
den Indigo selbst den dem Indischen, Persischen und Arabischen 
gemeinsamen »Nil", von dem sich das portugiesische Wort 
„Anil" für Indigo ableitet, sowie der Namen des aus Indigo 
zuerst gewonnenen Anilins. Ursprünglich bedeutet »Nil" die 
blauschillerncle Farbe des Indigos, und erst die Perser über- 
trugen diese Bezeichnung auf den Hauptfluß Ägyptens, dessen 
schlammige zur Zeit der Hochflut intensiv gelbe Gewässer im 
Sonnenscheine in der komplementären Farbe, also tief dunkel- 
blau, glitzern; bei den Ägyptern selbst, und auch bei den älteren 
Griechen, war dieser Namen ganz unbekannt. Nach Loret^ 
ist übrigens der Indigo auch in Ägypten einheimisch und wächst 
dort noch jetzt an manchen Plätzen wild; die altägyptischen 
Inschriften benennen ihn „ti-nkon", und hieraus dürfte durch 
einen etymologischen Irrtum der griechischen und römischen 
Autoren deren ,/IvSlx6v" und »Indicum" entstanden sein, welcher 
Namen wieder zu der Meinung Anlaß gab, als Ursprungsland 
des Farbstoffes sei ausschließlich Indien in Betracht zu ziehen. 

13. Das Eiweiß ist ein Bestandteil des Eies und besitzt 
eine große Neigung zur Kälte, d. h. zum Gerinnen, so daß es 
schon bei mäßiger Wärme fast, und bei höherer ganz unlöslich 
wird; es gleicht dann dem gekochten Fleische sowie dem Leim 
oder Fischleim und wird nur durch die von den tierischen 
Mägen abgesonderten eigentümlichen Flüssigkeiten gelöst, die 
das Gleiche auch gegenüber geronnener Milch, gestocktem 
Blute u. s. f. vermögen. Das Eiweiß wird in der Medizin viel- 
fach angewandt, äußerlich und innerlich; es ist sehr nahrhaft 
und blutbildend, daher genießen es vor allem solche, die 
schwere körperliche Arbeit zu verrichten oder sich anhaltend 
zu bewegen haben. 

14. Gifte sind im Pflanzenreiche ebenso verbreitet wie im 

^ „l'Egypte au temps des Pharaons" (Paris 1889, S. 177). Weniger 
bestimmt spricht sich Woenig aus („Die Pflanzen im alten Ägypten", 
Leipzig 1897, S. 353). 



94 CHEMISCHE KENNTNISSE VOR TAUSEND JAHREN 

Mineral- und Tierreiche, welchem letzteren nicht nur die Gifte 
beißender und stechender Lebewesen angehören, sondern auch 
die beim Verderben von Fleisch, Fischen und Milch erst ent- 
stehenden und die in gewissen Organismen (z. B. den Cantha- 
riden) angehäuften. 

Die wichtigsten Pflanzengifte sind: Agaricum und ähnliche 
Pilzarten, Aconit, Atropa, Mandragora (Alraun), Colchicum (Herbst- 
zeitlose), Conium (Schierling), Croton, Datura (Stechapfel), Helle- 
borus (Nieswurz), Hyoscyamus (Bilsenkraut), Opium, Rizinus- 
samen, Seeale (Mutterkorn), Strychnos (Brechnuß) und Veratrum. 
Viele von ihnen gehören, in kleinen Mengen angewandt, zu 
den wirksamsten Arzneimitteln, während sie in größeren Dosen 
bald vorzugsweise einzelne Organe angreifen, z. B. Gehirn, Herz, 
Magen, Darm, Nieren, Leber u. s. f., bald den ganzen Körper, 
wie Seeale, Opium oder Aconit; einige Arten des letzteren sind 
so furchbare Gifte, daß selbst der Boden, in dem sie wachsen, 
wie verbrannt aussieht, und daß nicht nur der Genuß des 
kleinsten Stückchens, sondern schon das Riechen daran, zum 
fast sofortigen Tode führt. Allgemeine Gegenmittel für Pflanzen- 
gifte sind nicht bekannt und wären bei der Raschheit der Gift- 
wirkung meist so gut wie unanwendbar; auch gehört die Er- 
kennung des Giftes, das in einem bestimmten Falle gegeben 
wurde, zu den schwierigsten und nur selten mit Sicherheit zu 
lösenden medizinischen Aufgaben. 



Ebenso interessant wie durch das, was es berichtet, ist 
Mansurs Werk durch einiges, worüber es schweigt. So z. B. 
tut es keinerlei Erwähnung des Alkohols, der demnach damals 
dem Arzneischatze noch nicht angehörte, obwohl er, wie viele 
andere Produkte der Destillation, im 10. Jahrhunderte schon 
wohlbekannt war; es stimmt dies zu dem Berichte, daß zwar 
der berühmte arabische Arzt Razi, der 850 bis 923 lebte, zuerst 
gewagt haben soll, Alkohol innerlich zu verwenden, daß aber 



CHEMISCHE KENNTNISSE VOR TAUSEND JAHREN 95 

anfangs, wie andere seiner kühnen Neuerungen so auch diese, 
von der am Hergebrachten hängenden konservativen Schule 
verworfen worden sei. Ober die ;; Kräfte" des Weines aus 
Trauben, des Obstweines und des Weines aus Honig, Rosinen 
oder Dattelsaft, weiß zwar Mansur vielerlei zu berichten, und 
die Folgen übermäßiger Libationen sehr lebenswahr zu schil- 
dern, aber den eigentlich wirksamen Bestandteil des Weines 
erwähnt er nicht, sondern spricht nur sehr allgemein von einem 
„Weindunste", der durch die Blutgefäße ins Gehirn aufsteigen 
und dieses in übermäßiger Weise erhitzen soll. Eine weit 
schlechtere Meinung als vom Weine hat Mansur von dem 
aus Gerste gebrauten Biere, in dessen Bereitung seit altersher 
namentlich einige ägyptische Städte Großes leisteten, so daß 
z.B. das »Pelusische" ungefähr ebenso berühmt war wie heut- 
zutage das »Münchener"; er behauptet, daß das Bier die Ver- 
dauung störe, den Nerven schade, den Kopf einnehme, Übel- 
keiten und Leibschmerzen errege u. s. f., daß es aber dem (wohl 
durch allzu reichlichen Weingenuß entstandenen) Katzenjammer 
abhelfe, — eine Ansicht, die noch gegenwärtig von manchem 
Sachverständigen geteilt wird! 

Hervorzuheben ist ferner, daß Mansur nur den Essig und 
die früher erwähnten sauren Pflanzensäfte kennt, nicht aber 
mineralische Säuren, was sich schwer mit der Behauptung 
vereinbaren läßt, daß der berühmte Geber schon um die 
Mitte des 8. Jahrhunderts mit diesen genau vertraut gewesen 
sei und sie in verschiedenen seiner Werke ausführlich be- 
schrieben habe. Aber bereits vor über dreißig Jahren wurde 
durch sachkundige Orientalisten, namentlich durch den viel- 
belesenen Steinschneider, darauf hingewiesen, daß Geber 
eine nahezu mythische Persönlichkeit vorstelle, und daß die 
erhaltenen arabischen Originalschriften, als deren Verfasser er 
allenfalls gelten kann, nichts von allen den erstaunlichen Kennt- 
nissen enthalten, die die angeblichen lateinischen Übersetzungen 
(in Wahrheit durchaus Machwerke des späteren Mittelalters) 



96 CHEMISCHE KENNTNISSE VOR TAUSEND JAHREN 

ihm zuschreiben. Dieser Sachverhalt, den eingehende For- 
schungen Berthelots bestätigt und bis ins einzelne erwiesen 
haben, wird zwar in einigen wenigen Werken, z. B. in E. v. 
Meyers trefflicher »Geschichte der Chemie" richtig dargelegt, 
in den weitaus meisten Schriften begegnet man aber, sobald 
historische Angaben in Frage kommen, auch neuestens noch 
immer dem unvermeidlichen Geber; die einschlägigen No- 
tizen, die ein Autor dem anderen entlehnt, führen in letzter 
Linie fast alle auf das große Geschichtswerk Kopps zurück, 
der allerdings zu seiner Zeit den Pseudo-Geber noch als 
echt ansah und ansehen durfte, immerhin aber merklichen 
Zweifeln an mehreren Stellen seiner Schriften Ausdruck gab, 
— Stellen, die, infolge der durchweg mangelhaften Indices, 
leider nicht jederzeit leicht aufzufinden sind. 

Im Hinblick auf die erwähnte Streitfrage ist die Tatsache, 
daß Mansur mineralische Säuren und deren Verbindungen 
nicht anführt, von großer Bedeutung und festigt das Über- 
gewicht der von Steinschneider und Berthelot verfochtenen 
Behauptung neuerdings in entscheidender Weise; zugleich liefert 
sie ein Beispiel dafür, wie gewiß auch noch so manche andere 
der sehr zahlreichen dunklen Punkte in der Geschichte der 
Chemie, der reinen wie der angewandten, durch gründliches 
Studium von Werken aufzuklären wären, die jenem Mansurs 
analog sind und in die nämliche Zeitperiode zurückreichen. 
Solcher Werke gibt es noch eine ganze Anzahl, und ihnen die 
Aufmerksamkeit auch der Chemiker in höherem als dem bis- 
herigen Maße zuzuwenden, war mit ein Hauptzweck der 
heutigen Darlegungen. 



6 

NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS DER „CHRONOLOGIE 
DER ALTEN NATIONEN" DES ALBIRUNI^ 




Ibirüni, 973 in der Unterstadt (Berün) von Khiwa ge- 
boren und 1048 vermutlich zu Ghazna verstorben, 
gehörte zu den belesensten und vielseitigsten Schrift- 
stellern seines Zeitalters und besaß neben einer aus- 
gebreiteten literarischen Bildung auch eine ungewöhnliche Kennt- 
nis von Land und Leuten, die er sich teils als privater Reisender, 
teils als Begleiter des Sultans Mahmud von Ghazna während 
mehrerer Feldzüge, und insbesondere während der indischen 
Eroberungskriege, angeeignet hatte. Neben der ausführlichen 
„Beschreibung Indiens" ist unter seinen Werken namentlich die 
„Chronologie der alten Nationen" wichtig, eine höchst um- 
fassende, auch zahlreiche astronomische, mathematische, geo- 
graphische und naturwissenschaftliche Angaben enthaltende 
Arbeit, die um das Jahr 1000 abgeschlossen sein dürfte. Trotz 
des an vielen Stellen mangelhaft überlieferten und durch Ortho- 
doxie späterer arabischer Gelehrter auch entstellten und ver- 
kürzten Textes ist sie von hervorragender Bedeutung, einmal, 
weil sie auf dem Studium mannigfaltiger, seither verlorener 
oder wenigstens in Europa noch nicht bekannt gewordener 
Quellenwerke beruht, zweitens weil Albiruni kein bloßer Au- 
toritätsgläubiger und Nachbeter war, sondern nach eigener An- 

' „Chemiker-Zeitung" 1899, S. 245. 

V. Lippmann, Beiträge. 7 



98 NATURWISSENSCHAFTL. AUS DER ^.CHRONOLOGIE U. S. W. 

schauung trachtete und zu diesem Zwecke auch selbst zahlreiche 
Probleme durch Versuche aufzuklären bemüht war; so z. B. be- 
stimmte er zuerst das spezifische Gewicht von 18 Edelsteinen 
und Metallen durch Wägen in Luft und Wasser mit ganz er- 
staunlicher Genauigkeit. Überraschend richtig sind Albirunis 
Ansichten betreffs vieler physikalischer und naturgeschichtlicher 
Einzelheiten, deren wichtigste im nachfolgenden kurz angeführt 
werden sollen, und zwar auf Grund der von E. S ach au ver- 
faßten englischen Übersetzung der „Chronologie", die 1879 zu 
London erschienen ist. 

Was den Ursprung der Quellen, Bäche und Flüsse betrifft, über 
den zum Teil noch bis gegen Ende des vorigen Jahrhunderts 
die unklarsten und sonderbarsten Vorstellungen herrschten, so 
ist es nach Albiruni^ zweifellos, daß ihr Wasser ausschließlich 
meteorischer Herkunft ist, d. h. aus Regen- oder Schneewasser 
besteht, das je nach den Terrainverhältnissen entweder rein ab- 
fließt, oder den Untergrund durchströmt und dabei Stoffe aller Art 
aus diesem aufnehmen kann. Daß Quellen in gewisser Höhe ent- 
springen, ist nicht anders zu erklären als das Steigen des Wassers 
in den Springbrunnen, sowie in den auf die Schloßdächer und 
Minarete geführten Leitungen, nämlich allein dadurch, daß 
genügende, noch höher gelegene Speisebehälter vorhanden sind; 
abgesehen von den Leitungswiderständen kann man das Wasser 
stets wieder bis zur ursprünglichen Höhe dieser Behälter steigen 
machen, und wäre diese auch noch so groß. Taucht man ein 
mit Wasser gefülltes U-Rohr in umgekehrter Lage derart in 
zwei mit Wasser gefüllte Gefäße, daß sich jeder Schenkel in 
einem der Gefäße eingesenkt befindet, so tritt keine Bewegung 
ein, so lange beide Gefäße gleich hoch stehen; sowie aber das 
eine gesenkt wird, fließt Wasser aus dem Rohre aus, entweder 
bis die Oberflächen wieder gleich hoch stehen, oder bis das Rohr 
und das andere Gefäß geleert sind. In manchen Gegenden, 
z. B. in Jem.en, gibt es Leute, die sowohl im Gebirge, als auch 

1 S. 253 ff. 



NATURWISSENSCHAFTL. AUS DER „CHRONOLOGIE U. S. W. 99 

in der Ebene das Vorhandensein von Wasser unterhalb ge- 
wisser Gesteine, ja angebhch durch Abklopfen sogar dessen 
Menge, zu erkennen verstehen ; sie treiben Bohrlöcher, aus denen 
dann das Wasser mit großer Gewalt hoch emporspringt, so 
daß durch solche Ausbrüche schon Unglücksfälle entstanden 
sind, falls es nicht gelang, die Bohrlöcher mit Gips oder 
Kalk zu verstopfen. Das Aufsteigen des Wassers in diesen 
Brunnen 1 läßt sich ebenfalls auf Grund des oben erwähnten 
Prinzipes ableiten, und gehört daher keineswegs zu den Wun- 
dern: „Man muß also nicht gleich alles, was man von den 
physikalischen Wissenschaften nicht versteht, bloß der Weisheit 
Allahs zuschieben, auch soll man seine eigene Unwissenheit 
nicht stets mit den Worten entschuldigen: Allah allein ist all- 
wissend. "- 

Was die Wärme anbelangt, so kommt Alb iruni nach Er- 
wähnung verschiedener Auslegungen aristotelischen Anklanges 
zum Schlüsse, sie stamme von der Sonne her und hafte ihren 
Strahlen an.^ Während Einige behaupteten, deren Fortpflanzung 
sei wegen ihrer unermeßlichen Geschwindigkeit und ihrer un- 
körperlichen Natur als völlig zeitlos (d. i. als momentan) anzu- 
sehen, lehren Andere, daß sie doch eine gewisse, jedoch eine 
äußerst kurze Zeit gebrauchen, um fortzuschreiten, die man nur 
deshalb nicht genau anzugeben vermöge, weil es keine andere 
genügend rasche Bewegung als brauchbaren Maßstab gebe. 
So ist z. B. die Geschwindigkeit des Schalles in der Luft nicht ent- 
fernt so groß wie die jener Strahlen, und durch Vergleich der 
ersteren dieser Geschwindigkeiten mit der zweiten hat man die un- 

^ Die wir heute „artesische" nennen. ^ Nach E. Wiedemann be- 
saßen die Araber eine besondere Wissenschaft „vom Heraufholen der Gewässer", 
das, weil es die Bepflanzung sonst unbewohnbarer und wüster Ländereien 
ermöglichte, als ein Allah besonders wohlgefälliges Werk galt; über die Hebung 
des Wassers durch Räder, Schrauben und andere Maschinen sind verschiedene 
ausführliche Werke erhalten, die sich anscheinend hauptsächlich auf das des 
Philon gründen („Sitzungsberichte der physik.-medizin. Sozietät" Erlangen 
1905; Bd. 37, S. 231 ff.). ' S. 247. 

7* 



100 NATURWISSENSCHAFTL. AUS DER „CHRONOLOGIE U.S. IV. 

geheure Größe der letzteren erkannt. — Wie man sieht, hatte 
man nicht nur zu jener Zeit richtige Vorstellungen über die 
Ausbreitung der Lichtstrahlen gewonnen, sondern auch schon 
quantitative Messungen versucht; in dieser Hinsicht ist die an- 
geführte Stelle um so beachtenswerter, als die Geschwindigkeit 
des Schalles, den üblichen Angaben gemäß, zuerst gegen 1650 
durch Mersenne, Gassendi, Borelli und Vi via ni bestimmt 
wurde. 

Die noch heute geheimnisvolle elektrische Kraft des Zitter- 
aales, die schon den Gelehrten des Altertums bekannt war und 
von ihnen bereits zu medizinischen Zwecken benutzt wurde, ^ 
erwähnt Albiruni (auch ohne ihr Wesen zu erkennen) als eines 
der merkwürdigsten Beispiele des Zusammenhanges zwischen 
dem inneren tierischen Lebensprozesse und dessen äußeren 
materiellen Wirkungen. ^ Die Fischer hüten sich, den gefangenen 
Fisch mit der Hand anzufassen, so lange er im Netze noch lebt, 
aber selbst wenn man ihn nur mit der Spitze eines Pfeiles be- 
rührt, so erlahmt die Hand und läßt den Pfeil zu Boden fallen. 
Wie aus anderen Stellen seines Werkes hervorgeht, hält Albi- 
runi derlei Erscheinungen für Wirkungen der sogenannten 
»Lebenskraft"; daß diese auch Mäuse aus feuchter Erde, In- 
sekten aus Baumblättern, Skorpione aus Feigen, Bienen und 
Wespen aus faulem Fleische hervorzubringen vermöge, und 
dergl. mehr, scheint, wie so vielen antiken Schriftstellern, auch ihm 
nicht unmöglich, ja er will solche Urzeugungen niedriger Lebe- 
wesen nicht selten sogar selbst beobachtet haben. ^ 

Von chemischen Produkten und Präparaten erwähnt Albi- 
runi das Sümmi oder Stibium, vermutlich zumeist Schwefel- 
antimon, das hauptsächlich zum Bemalen der Augenbraunen 
diente und beim Rituale gewisser persischer Feste hierzu sogar 

^ Bassus, ein Arzt der ersten römischen Kaiserzeit, behandelte Migräne, 
indem er den Kranken Zitteraale an den Kopf legte und ihnen von diesen 
mehrere elektrische Schläge versetzen ließ. (Ein ähnliches Naturheilverfahren 
wenden noch jetzt einige Negervölker an.) ^ S. 345. ^ S. 214. 



NATURWISSENSCHAFTL. AUS DER „CHRONOLOGIE U.S.W. 101 

vorgeschrieben war.^ Bekanntlich findet es sich schon in alt- 
ägyptischen Tempelinschriften aus dem Beginne des zweiten 
vorchristlichen Jahrtausendes als jasiatischer Einfuhrartikel auf- 
geführt. — Eine aus Lapis lazuli bereitete blaue Tinte wandte 
man beim Zeichnen und Bemalen der Stern- und Himmels- 
karten an.'-^ Eine sympathetische Tinte wurde, angeblich nach 
dem Rezepte des berühmten Elkindi (der 800 bis 873 oder 
880 lebte), mittels verschiedener ätzenden Materialien bereitet;^ 
erst beim Erwärmen trat die Schrift lesbar hervor, und be- 
trügerische Priester benutzten dies, um glückbringende Namen, 
z. B. „Muhammed" oder ...Ali", auf Achatstücke zu schreiben, und 
diese dann als wunderbare und wunderbewirkende Talismane 
den Gläubigen um schweres Geld zu verkaufen. 

Vom Zucker berichtet Albiruni, daß die allgemeine per- 
sische Sitte, sich am Neujahrstage gegenseitig mit Zucker zu 
beschenken, daher rühre, daß das Zuckerrohr zuerst an diesem 
Festtage, unter der Herrschaft des Königs Jamschid oder 
Dschemschid, entdeckt wurde: »Als dieser nämlich aus einem 
Rohre etwas Saft abtropfen sah, kostete er ihn und fand ihn 
angenehm süß, worauf er befahl, den Saft aus dem Rohre aus- 
zupressen und Zucker daraus zu machen; am fünften Tage war 
dieser fertig und dann machte man sich gegenseitig Zucker 
zum Geschenke." (Daß, entgegen dieser, die Kenntnis festen 
Zuckers schon voraussetzenden, und sie in das älteste mythische 
Zeitalter verlegenden |Tradition, eine Bekanntschaft der Perser 
mit dem Zuckerrohre vor Ende des fünften Jahrhundertes nicht 
nachweisbar ist, habe ich bereits in meiner »Geschichte des 
Zuckers" gezeigt.) 

Sehr beachtenswert sind einige Angaben Albirunis über 
die sieben Metalle und deren Beziehungen zu den sieben 
Planeten, auf die jedoch an dieser Stelle nicht näher eingegangen 
werden kann. Auch auf mathematische und astronomische 
Darlegungen kann nur verwiesen werden, z. B. auf die Dar- 

' S. 317 u. 326. 2 s^ 359^ 3 S. 294. 



102 NATURWISSENSCHAFTL. AUS DER ..CHRONOLOGIE U. S. W. 

Stellung der zentralen, zylindrischen und polaren Projektions- 
methoden zur Abbildung des Himmelsgewölbes. ^ Kulturhistorisch 
interessant ist die Bemerkung,^ man habe astronomische und 
andere schwierige Lehren schon in alter Zeit zu Gedichten zu- 
sammengefaßt und in gereimten Versen dargestellt, damit auch 
der Ungebildete (und des Lesens Unkundige) sich solche leichter 
merken und sie weiter überliefern könne; auch hier erweist sich 
demnach die Poesie älter als die Prosa, und die noch heute 
zuweilen hervortretenden Bestrebungen, wissenschaftliche Lehren 
zum Zwecke der Examina und dergl. in faßlichen „Merkversen" 
zu kondensieren, dürfen also auf ein recht stattliches, ja auf ein 
vorgeschichtliches Alter zurückblicken. 

1 S. 357. 2 S. 336. 




ALCHEMISTISCHE POESIE AUS DEM 
13. JAHRHUNDERTE 1 

aß nicht nur in der spärlichen naturwissenschaftlichen, 
sondern auch in der umfangreichen scholastischen und 
theologischen Literatur des 13. und 14. Jahrhundertes 
alchemistische Lehren häufig den Gegenstand ver- 
einzelter Anspielungen, mitunter auch den breitgedehnter Aus- 
führungen bilden, dürfte jedem geläufig sein, der in den Kom- 
pendien jenes Zeitalters auch nur einige Umschau gehalten hat; 
weniger bekannt ist 'es aber, daß alchemistische Ideen auch 
Eingang in die „schöne" Literatur fanden, — und doch bietet 
diese Tatsache besonderes kulturgeschichtliches Interesse, weil 
sie beweist, wie sehr der allgemeine Zeitgeist sich mit solchen 
Anschauungen befreundet hatte, und wie vertraut diese, bis zu 
gewissem Grade, auch jener großen Menge geworden waren, 
die, wie heute, so auch damals, den empfänglichen Leser- und 
Hörerkreis volkstümlicher Dichtungen bildete. 

Eines der lehrreichsten Beispiele dieser Art sei dem alt- 
französischen „Roman de la Rose" entnommen, der um 1237 
von Guillaume de Lorris begonnen und um 1277 von Jean 
Clopinel (genannt de Meung) vollendet wurde ^ und nach 
Francisque-Michel (dem berühmten Literaturhistoriker, dem 
wir die beste Textausgabe dieses Werkes verdanken) fast fünf 
Jahrhunderte lang eines der vielgelesensten, verbreitetsten und 

' Xhemiker-Zeitung" 1905, S. 323. ^ q Paris, „La litterature 

fran^aise au moyen äge", Paris 1890, S. 160. 



104 ALCHEMISTISCHE POESIE AUS DEM 13. JAHRHUNDERTE 

einflußreichsten Bücher der französischen Literatur blieb; daß 
ihm dies trotz seines [Umfanges von 22817 Versen, trotz der 
Schwerverständlichkeit vieler Stellen, und trotz des Dunkels der 
allegorischen Einkleidung beschieden war, ist nicht nur dem 
novellistischen Interesse seiner Fabel zuzuschreiben, sondern auch 
der beispiellos kühnen Satire auf weltliche und geistliche Macht, 
die ihm seitens Kirche und Staat scharfe Verfolgung, durch 
diese aber ungeheuere Popularität eintrug,^ ferner aber auch 
den zahlreichen, für die Leser oft nur halb verständlichen, sie 
aber gerade deshalb besonders fesselnden wissenschaftlichen 
Anspielungen. Die verschiedensten Kreise wähnten gerade sich 
„hineingeheimnist", es erchienen Erklärungen, Deutungen und 
Kommentare aller Art von Philosophen, Ärzten, Theologen, 
Juristen, Alchemisten u. s. w., ja noch Palissy (1499 bis 1589), 
der große Technologe und Vorkämpfer der induktiven Methode, 
zählt den „Roman de la Rose« geradezu unter den alchemi- 
stischen Schriften auf. 

Die anzuführende alchemistische Stelle findet sich V. 17001 
des Romans, 2 und da dieser meines Wissens in deutscher Über- 
tragung nicht vorliegt, so habe ich sie möglichst wörtlich über- 
setzt und dabei nach Tunlichkeit auch die holprigen, in |sehr 
freien Metren hinziehenden, gereimten Knittelverse wiederzu- 
geben versucht. — Nachdem der Dichter geschildert hat, wie 
die Natur immer und überall der Kunst überlegen bleibt, fährt 
er im Hinblicke auf letztere fort: 

Und brächt' Alchemie ihr auch bei, die Metalle 
Mit farbigem Glanz zu tingieren alle, 

^ F. G u i 1 1 n , „Jean Clopinel dit de Meung ; le roman de la rose con- 
sidere comme document historique du regne de Philippe le Bei", Paris 1903. 

^ ed. Francisque-Michel, Paris 1864. Bd, II, S. 173. Alle anderen 
alchemistischen Stellen, die sich in den Ausgaben der letzten Jahrhunderte 
finden, sind, wie die französische Kritik längst bewies, spätere Einschiebsel, 
und nach Form, Inhalt und Sprache leicht als solche kenntlich; trotzdem 
haben sie noch neuere französische Geschichtsschreiber der Chemie als echt 
angesehen und entsprechend benutzt. 



ALCHEMISTISCHE POESIE AUS DEM 13. JAHRHUNDERTE 105 

Sie könnte, und sollt's um ihr Leben sich handeln, 

Doch Art nie wirkHch in Art verwandeln, — 

Sie müßte denn erst einen Weg ersinnen, 

Die ,,materia prima" zurückzugewinnen; 

Daß sie ihr Lebtag dessen Spur 

Nicht findet, dafür sorgt Natur. 

Mag sie nun noch so mühsam streben, 

Den Stoffen die Urform zurückzugeben, 

Fruchtlos bleibt sie des Werks beflissen. 

Denn ihr Fehler ist: nicht zu wissen, 

Wie ihr das Elixir gelänge, 

Dem die richtige „Form" entspränge, 

Die, mit „Materie" im Verbände, 

Die einzelnen Stoffe bringt zustande, — 

Dies Elixir, das erscheinen muß, 

Bringt Einer die Sache recht zum Schluß. 

Dennoch aber, und mit Vergunst, 

Ist Alchemie eine wahre. Kunst; 

Wunderbare Dinge fände. 

Wer sie nur so recht verstände. 

Würd' der sich an die Substanzen machen 

Mit Hilfe der seltsamen Siebensachen, 

Die zu sothanem Werke nötig: 

Der fand' sie zu jeglicher Wandlung erbötig. 

Er ändert ihre Komplexion 

Durch diese und jene Digestion, 

Und wenn die Verwandlung gelungen ganz, 

So hat er eine neue Substanz, 

Und die alte ging auf in Dunst. 

So wissen die Meister der Glasmacherkunst 

Aus den Pflanzen vom Strand am Meer 

Asche und Glas zu stellen her 

Kraft einer Läuterung sanft und milde; 

Und doch ist die Pflanze kein Glasgebilde, 

Und auch das Glas kein Gewächs im Meer! 

Dann, — wenn der Blitz und der Donner schwer 

In den Boden schlägt: da wird sich Dir zeigen, 

Wie den Gesteinen Dämpfe entsteigen. 

Die sonst niemals aus Felsen brechen. 

Bist Du nun Kenner, dann magst Du sprechen, 

Und die Ursache machen kund. 

Die solcher Wandlung liegt zu Grund, 

Völlig die Stoffe umgestaltet. 

Völlig neu an ihnen entfaltet 



106 ALCHEMISTISCHE POESIE AUS DEM 13. JAHRHUNDERTE 

(Sei es durch Zwang, sei's durch Natur) 
Fremdes Wesen und fremde Figur. 

Wer gründh'ch erfaßt diese Wege alle, 
Verwandelt leicht auch die Metalle. 
Er weiß von Beimischung sie zu befreien 
Und ihnen die rechte Form zu verleihen, 
Er macht sie die Nachbarstufen durchschreiten. 
Die eine zur andern hinüberleiten, 
Bis so das Werk er fertig bringt. 
Wie der Natur es selbst gelingt: 
Denn, wie in weisen Büchern zu lesen, 
Läßt diese der Metalle Wesen 
Aus Schwefel und Quecksilber sich gestalten 
Durch mancherlei Kraft in der Erde Spalten. 
Wer nun die Geister 
Zu nützen wüßt' als Meister, 
Wer ihre Kraft könnt' zwingen, 
Ins Innre der Stoffe zu dringen. 
Und, ohne wieder zu verfliegen, 
Im reinen Stoffe festzuliegen, 
(Denn rein muß der Schwefel sein wie billig, 
Zu weißer und roter Tingierung willig), — 
Der wäre Fronherr der Metalle, 
Und wandelte nach Wunsch sie alle. 

Der, dem die Alchemie ist hold. 
Gewinnt gar leicht aus Quecksilber Gold 
Und verleiht ihm den Glanz und der Schwere Kraft 
Durch Zutaten, die er sich billig verschafft. 
Aus Gold auch macht er sich Edelsteine, 
Herrlich leuchtend in lauterem Scheine, 
Und aus gemeiner Metalle Substanz 
Zeugt er Silber von hellem Glanz 
Durch kräftig bleichende Medizinen, 
Die die Form zu veredeln dienen. 
Doch nichts von all dergleichen Dingen 
Wird dem Sophisten je gelingen: 
Der mühet sich, Zeit seines Lebens, 
Natur zu meistern ganz vergebens. 

Zum Verständnis dieser Verse sei zunächst darauf hin- 
gewiesen, daß die Grundanschauungen der ursprünglichen Al- 
chemie, wie schon Autoren der Renaissancezeit und später be- 



ALCHEMISTISCHE POESIE AUS DEM 13. JAHRHUNDERTE 107 

sonders Salmasius klar erkannten, geradewegs aus gewissen 
Prinzipien der Phiilosophie des Aristoteles abzuleiten sind, 
die sich u. a. in dessen „Metaphysik" und in der Abhandlung 
„Über Werden und Vergehen" erörtert finden. Nach Aristo- 
teles bestehen die Stoffe oder Substanzen aus Materie und 
Form; die Materie ist das gemeinsame, an sich gestaltungs- 
lose Substrat, das „der Möglichkeit nach" allen Substanzen 
zugrunde liegt (daher TTpwTV) uXv), später „materia prima" genannt); 
indem an ihm die verschiedenen Formen in Erscheinung treten 
und ihren individualisierenden Charakter entfalten, entstehen die 
einzelnen Substanzen, deren Wesen also in der Bindung der 
Materie an bestimmte Formen liegt. Offenbar kann daher 
ein Stoff in einen anderen übergehen, sobald sich des be- 
harrenden Substrates neue Formen bemächtigen; dies kann 
entweder »durch Natur" geschehen, die in der Regel eine lang- 
same Läuterung und Reifung, eine allmähliche und stufenweise 
Reinigung und Veredelung bewirkt, oder „durch Zwang", wobei 
die Umwandlung meist rasch und plötzlich erfolgt. Neue Stoffe 
können sich aber auch durch bloße Mischung bereits vor- 
handener bilden, indem die Letzteren gemeinsame Materie neue 
Formen annimmt, die durch Vereinigung der gegebenen 
alten entstehen; um eine solche Mischung anzuregen, genügen 
oft schon ganz geringe Zugaben des einen Stoffes, und ist 
dieser von unbeständigem, ungefestigtem Wesen, so kann er 
völlig in den anderen aufgehen, so daß dieser Zusatz nur 
mehr in dieser oder jener Form der durch Mischung ent- 
standenen neuen Substanz nachwirkt. Hierfür gibt Aristo- 
teles in der Abhandlung „Ober Werden und Vergehen" (T. 1, 
Abs. 10) das Beispiel vom Zusammenschmelzen des Kupfers 
und Zinnes: das Zinn, dem ein unausgesprochener, wenig be- 
harrlicher Charakter zukommt, ist als solches nicht mehr in der 
Mischung (der Bronze) gegenwärtig, es hat aufgehört, ein Stoff 
zu sein, es wurde völlig aufgenommen vom Substrate, dem es 
nur die charakteristische (goldglänzende!) Färbung erteilt hat. 



108 ALCHEMISTISCHE POESIE AUS DEM 13. JAHRHUNDERTE 

1i^txi\j.oi.xiacf.c, p.ovov. — Diese Lehren des Aristoteles sind die 
Quellen, aus denen die alte Alchemie ihre wichtigsten Theorien 
schöpfte, nämlich die über das Verhältnis zwischen Materie und 
Form, über die Umwandlung der Stoffe und die Transmutation 
der Metalle, über die Wirkung geringer Zusätze und die Be- 
deutung der Farben Veränderung u. s. w. War das Färben und 
Tingieren von so ausschlaggebender Wirksamkeit, so erklärt 
sich leicht das unablässige Suchen nach kräftigen „Tinkturen" 
und schließlich nach der „Universaltinktur", die als „Elixir", 
„Magisterium", „Stein der Weisen" und dergl. eine so einfluß- 
reiche Rolle zu spielen berufen war; schrieb man ihr doch das 
Vermögen zu, an der beharrenden „Materia prima" jede be- 
liebige der wandelbaren und wegen dieser Flüchtigkeit auch 
mit den „Geistern" identifizierten „Formen" zutage treten zu 
lassen. 1 

Was die Lehre von der Entstehung der Metalle aus „Schwefel" 
und „Quecksilber" betrifft, — wobei jedoch vielleicht weniger an 
die heute so genannten Elemente zu denken ist als an die sym- 
bolischen Träger gewisser allgemeiner Eigenschaften — , so schrieb 
man sie früher, ebenso wie die von den „Medizinen" (der 
großen, die Gold, der kleinen, die Silber hervorbringt 
u. s. f.), dem Araber Geber (um 800) zu, dessen angebliche 
Schriften jedoch, soweit die früher allein benutzten lateinischen 
Übersetzungen in Betracht kommen, jetzt als Machwerke einer 
viel späteren Zeit erkannt sind; jedenfalls haben sich aber die 
Keime dieser Theorien bereits auf spätgriechischem ;(alexan- 
drinischem) Boden entwickelt und sind vielleicht schon in der 
pseudo- demokritischen Rezeptsammlung des „Papyrus Londi- 
nensis" aus dem 3. Jahrundert nachweisbar (No. 121, Absatz 1), 

^ In den „Geistern" der Chemie, wie dem Weingeist, Holzgeist, Salz- 
geist, Salmiakgeist, Salpetergeist u. s. w., die beim Verflüchtigen die charakter- 
istischen Eigenschaften der betreffenden Rohstoffe mit sich fortführen, hat 
sich die Nachwirkung der aristotelischen Anschauung noch ebenso erhalten 
wie in der populären Auffassung des Zusammenhanges zwischen „Körper" 
und „Geist". 



ALCHEMISTISCHE POESIE AUS DEM 13. JAHRHUNDERTE 109 

deutlicher jedoch bei Stephanos von Alexandria (um 650). Schon 
bei diesem Autor ^ finden sich auch die Anrufungen Gottes und 
der Himmlischen als Helfer bei dem «großen und heiligen 
Werke", das nur dem gelingen kann, der es völlig selbstlos 
und mit der Frömmigkeit eines reinen Herzens unternimmt; 
hiernach ist, da sich die Alchemisten ursprünglich, wie dies 
auch Stephanos tut, als «Philosophen" bezeichneten, ^ die An- 
spielung des ,; Roman de la Rose" leicht verständlich, daß dem 
„Sophisten",^ aller Mühe zum Trotze, jeglicher Erfolg zeitlebens 
versagt bleiben werde. 

Für die »Pflanzen vom Meeresstrande" gebraucht der alt- 
französische Text das Wort »fogiere", das nach freundlicher 
Mitteilung Herrn Prof. Dr. H. Suchiers eigentlich Farnkraut 
bedeutet. Noch der Dioskorides- Kommentator und » Kräuter- 
vater" Matthiolus (1501 bis 1577) gibt in der Tat als das 
zu seiner Zeit übliche französische Synonym für Farnkraut 
wfengiere" und «fuchiere" an («Compendium de plantis omnibus", 
Venedig 1571, S. 907 und 911). Der Verfasser des] «Roman de 
la Rose", der weder Botaniker noch Chemiker war, hat aber 
offenbar unter fogiere nicht Farnkräuter verstanden, sondern, — 
auf eine oberflächliche Ähnlichkeit des Äußeren hin — , Seetange 
und Algen, und daß ihm derlei Pflanzen auch gleich als Mutter- 
substanz des Glases selbst erschienen, kann insofern nicht wunder- 
nehmen, als bekanntlich die Soda, dieses unentbehrliche und 
sehr kostbare Rohmaterial der alten Glasmacher, bis gegen 1800 
hin fast ausschließlich durch Veraschung von Tang (fucus), 
Algen, und gewissen schon von den Arabern planmäßig an- 
gebauten «Strand-" oder «Salz "-Pflanzen gewonnen wurde. 

' Eine kritische Ausgabe des sehr schwierigen griechischen Textes seines 
Werkes steht in Idelers „Physici et medici graeci minores" Beriin 1841. 
Bd. 2, S. 199. 

• Stephanos nennt sich „i^tXoaofpo? xf]? (jLsyaXrj? /.a\ tspa? Te'yvrjs" und 
schon in der Überschrift jedes seiner neun Kapitel heißt es allemal „auv ^sü"" 
(mit Gott). 



Dritte Abteilung 

8 
ZUR GESCHICHTE DER KÄLTEMISCHUNGEN 



onstruktion und Leistungsfähigkeit der Eis- oder Kälte- 
maschinen, deren Entwickelung etwa mit dem Jahre 
j^,\ 1860 begann und seit 1875 mit staunenswürdiger 
■=^^-*l Schnelligkeit fortschritt, haben gegenwärtig eine so 
hohe Stufe der Vollkommenheit erreicht, daß die verschiedenen 
Systeme dieser Apparate das Gebiet der chemischen Technik 
ausschließlich beherrschen, während die Anwendung von Salzen 
oder Salzgemischen, die beim Lösen im Wasser eine starke 
Abkühlung hervorrufen, jede Bedeutung für die Großindustrie 
verloren hat. Dennoch ermangelt diese ältere und für den 
Laien noch heute höchst überraschende Methode der Tem- 
peraturerniedrigung keineswegs des Interesses, weder in physi- 
kalischer noch in historischer | Hinsicht, und es mag daher 
nicht unangebracht erscheinen, den Spuren ihrer geschicht- 
lichen Entstehung und ihrer praktischen Anwendung nach- 
zugehen; an dieser Stelle kann das natürlich nur in großen 
Zügen geschehen, während betreffs der zahlreichen und oft 
sehr bemerkenswerten Einzelheiten auf die einschlägige ältere 

^ Vortrag auf der Hauptversammlung des „Vereines Deutscher Chemiker" 
1898 (s. „Zeitschrift für angewandte Chemie", 1898, S. 739). Einen Teil der 
diesem Vortrage hier beigefügten Quellen hat auch Herr Dr. C. G. v. Wirkner 
in seiner Schrift ,, Geschichte und Theorie der Kälteerzeugung" (Hamburg 1897) 
benützt, die er mir kürzlich (nach Ankündigung meines Vortrages) zuzusenden 
so freundlich war; s, deren historische Einleitung. 



ZUR GESCHICHTE DER KÄLTEMISCHUNGEN 111 

Literatur sowie auf die großen Sammelwerke verwiesen 
werden muß.^ 

Daß das Bedürfnis nach Kühlung, zunächst zu häuslichen 
Zwecken, seit jeher ein sehr allgemeines und weit verbreitetes 
war, zeigt uns eine große Zahl aus alten Zeiten stammender 
Berichte. In China z. B. erwähnt schon das etwa im 6. vorchrist- 
lichen Jahrhunderte abgefaßte kanonische Liederbuch « S c h i k i n g " 
die Aufbewahrung von Eis für die Sommermonate und schreibt 
in einem seiner älteren, vermutlich bis in das 11. Jahrhundert 
zurückreichenden Abschnitte gewisse religiöse Zeremonien für 
das Füllen und Entleeren der Eiskeller vor.^ — Die Indier be- 
nutzen seit unbestimmbar langer Zeit das Zusammenwirken 
von Verdunstungskälte und Wärmeausstrahlung, indem sie 
während ganz klarer und windstiller Nächte Wasser in flachen 
porösen irdenen Pfannen auf eine Unterlage trockenen Strohes 
in kleine Erdgruben stellen, wobei sich dann vor Sonnenauf- 
gang eine Eisschicht gebildet, jedenfalls aber das Wasser bis 
gegen den Gefrierpunkt abgekühlt hat; auch daß salziges 
Wasser (seines tieferen Gefrierpunktes wegen) hierbei einen 
besonders hohen Kältegrad annimmt, scheint schon frühzeitig 
bekannt gewesen zu sein, zum mindesten enthält bereits das 
etwa im 4. Jahrhunderte unserer Zeitrechnung redigierte, für 
die Übermittlung des indischen Märchenschatzes an das Abend- 
land so außerordentlich wichtige ,;Pancatantram" den Vers: 
»Dann ist das Wasser kühl, wenn's Salz enthält". =^ — Bekannt 
ist es ferner, daß ein Spruch Salomonis lautet: »Wie die 
Kälte des Schnees zur Zeit der Ernte, so ist ein getreuer Bote 
dem, der ihn gesandt hat, und erquickt seines Herren Seele";* 

^ S. besonders die „Geschichten der Physil^" von Poggendörff (Leipzig 
1879), Heller (Stuttgart 1882), und Rosenberger (Braunschweig 1882), 
Kopp, „Geschichte der Chemie" (Braunschweig 1842), und Beckmann, „Bei- 
träge zur Geschichte der Erfindungen" (Leipzig 1799, IV, S. 161). 

' ./Schiking's übers, von Strauß (Heidelberg 1880, S.241 u. Vorr. 23). 

•' „Pantschatantra", übers, von Fritze (Leipzig 1884, S. 160). 

■* ;;Sprüche" 25, 13. 



112 ZUR GESCHICHTE DER KÄLTEMISCHUNGEN 

ähnlich heißt es auch in einem nicht genau datierbaren Disti- 
chon der griechischen sogenannten „Anthologie": »Süßes 
Getränk ist im Sommer dem Durstenden Schnee".^ 

In Rom war die Verwendung von Schnee und jEis zu 
Anfang der Kaiserzeit bereits eine ganz allgemeine, wie Seneca 
(1 bis 65 n. Chr.), Petronius (um 70), Plinius (23 bis 79), 
Plutarch (50 bis 120), Martial, Juvenal und andere be- 
zeugen. Es gab für diese Luxusware verschiedene, vermutlich 
je nach deren Reinheit wechselnde, aber stets sehr hohe Preise, 
und auch die Redensart »selten und kostbar wie Schnee in 
Ägypten" gebraucht schon Plutarch sprichwörtlich; bei Beginn 
der Mahlzeiten begoß man die Hände mit Schneewasser, ^ man 
kühlte den Wein mit Schnee und die Getränke mit Eis, man 
trank Schnee- und Eiswasser und warf Schnee in die Wein- 
becher, "^ ja selbst in der Einladung zu einem »einfachen Abend- 
essen" verspricht der jüngere Plinius seinem Freunde Clarus 
neben Kopfsalat, drei Schnecken und zwei Eiern, auch Grütze 
mit Met und Eis.^ Die Aufbewahrung des zusammengepreßten 
Schnees geschah nach Seneca in Gruben, die man mit Erde, 
Mist oder Baumzweigen zu bedecken pflegte, — eine Kunst, 
die nach A^thenäus (um 220) schon Alexander d'er Große 
während der Belagerung von Petra angewandt haben soll; ^ 
Plutarch erörtert ausführlich die Frage, wieso der Schnee, 
mit Spreu bedeckt und in dichte neue Tücher eingehüllt, sich 
so lange Zeit in so gutem Zustande erhalten könne, und findet 
namentlich diese Einwirkung der wärmenden Spreu auf den 
kalten Schnee höchst wunderbar,*^ worin ihm übrigens noch 
nach Jahrhunderten der heil. Augustinus beistimmt.^ Daß der 
so aufbewahrte Schnee nicht besonders rein war und nach 



^ ed. Regis, No. 169 (Stuttg. 1856, 10). - Petronius, „Satyricon" 
31u. 74. ^ Seneca, „Naturgesch. Betrachtungen" 4, 13; „Briefe" 78u. 95. 
Martial, „Epigramme" 14, 116 und 118. Juvenal, „Satiren" 5,!» 50 und 63. 
* „Briefe" 15. ^ „Deipnosophisten" 3, 96 ff. " „Tischgespräche" 6, 6; 
„Gesundheitsregeln" 6. ' „De civitate dei" 21, 4. 



ZUR GESCHICHTE DER KÄLTEMISCHUNGEN 113 

dem Schmelzen der wiederholten Filtration durch Siebe und 
Tücher bedurfte, wird man Seneca ohne weiteres glauben, 
auch erklärt sich hieraus die dem Hippokrates nachgesprochene 
Versicherung des Plinius,^ daß alles Schnee- und Eiswasser 
höchst ungesund sei und vielerlei Krankheiten hervorrufe, be- 
sonders Leberverhärtung, 2 Diese Gefahren zu vermeiden, in- 
dem man Schnee oder Eis nicht mehr in die Getränke warf, 
sondern diese nur von außen mittels Schnee abkühlte, lehrte 
nach Plinius^ zuerst der Kaiser Nero, bekanntlich ein großer 
Feinschmecker, und hierzu stimmt die Erzählung des Sueton,* 
Nero habe, als er kurz vor seinem Tode auf der Flucht aus 
einer Pfütze trinken mußte, ironisch ausgerufen: „Seht, dies 
ist Neros Kühltrank!" Nero soll auch zuerst bemerkt haben, 
daß vorher erwärmt gewesenes Wasser sich leichter und rascher 
abkühlen lasse; diese Erscheinung, die offenbar auf der Aus- 
treibung gelöster Luft und Kohlensäure beruht, die tatsächlich 
die Abkühlung verzögern, erwähnt jedoch bereits Aristoteles,^ 
ja sogar schon Hippokrates, falls der Bericht des Galenos 
(131 bis 200 n. Chr.) zuverlässig ist.^ Letzterer selbst erzählt, 
daß man in Ägypten vorher erwärmtes Wasser in flache Ton- 
schüsseln gieße, diese auf dem Winde abgewandten Dächern 
über Nacht stehen lasse, vor Sonnenaufgang aber sie in feuchte 
Erdgruben bringe und mit feuchten Blättern bedecke; Athen aus 
bestätigt dies ebenfalls, läßt aber statt der Blätter Spreu nehmen, 
und fügt noch hinzu, man müsse die Tonschüsseln während 
der Nacht fortwährend durch einige Knaben von außen feucht 
erhalten lassen. — Aus verschiedenen Angaben des Athenäus, 
seines Zeitgenossen Apicius Colins, dessen Kochbuch u. a. 
allerlei gefrorene und mit Schnee bestreute Sülzen bereiten 
lehrt,' sowie des späteren Macrobius,^ ist der unglaubliche 

^ „Histor. natural." 31, 21. ^ Seneca, „Brief" 95. ' „Histor. 

natural." 31, 23. * Sueton, „Nero", cap. 48. S,Meteorologie" 1, 12. 
„Commentar. de morbis vulgär." 4, 10. „De compos. medicam." 2, 1. 
'ed. Schulze (Heidelberg 1874), 67. « „Saturnalien" 7, 12. 

V. Lippmann, Beiträge 8 



114 ZUR GESCHICHTE DER KÄLTEMISCHUNGEN 

Luxus ZU entnehmen, den das verfallende römische Reich auch 
in dieser Hinsicht entfaltete; ließ doch Kaiser Heliogabalus 
(218 bis 222) während der Sommerzeit neben seiner Villa zu 
seinem Vergnügen ganze Schneeberge anhäufen/ und der 
Usurpator Carinus (um 285) sogar sein Badewasser aus Schnee 
bereiten ! ^ 

Während des frühen Mittelalters zeichneten sich nament- 
lich die üppigen Hofhaltungen der Kalifen in Damaskus und 
Bagdad, sowie der ägyptischen Sultane in Kairo, durch ähn- 
liche Prunksucht und Verschwendung aus. Schon im 8. Jahr- 
hunderte wurden am arabischen Hofe mannigfaltige gekühlte 
Würztränke und namentlich gezuckertes Rosenwasser mit Schnee 
genossen, dessen Beschaffung aus dem Libanon oder aus den 
armenischen Hochgebirgen, und dessen sachgemäße Auf- 
bewahrung als Gegenstand größter Wichtigkeit galt und bald 
so unentbehrlich erschien, daß bereits der Geograph Ibn- 
Haukal (um 900) einer Steuer auf gekühltes Wasser Erwäh- 
nung tut;^ der Kalif Mahdi (775 bis 785) brachte zuerst 
Schnee in ganzen Kamelladungen bis nach Mekka, ^ und 
einer seiner Nachfolger schützte sich gegen die Sommerhitze 
durch Aufenthalt in einem Zimmer mit doppelten Wänden, 
deren Zwischenraum mit Schnee gefüllt wurde. Zu Kairo 
empfing, so erzählt um 1040 der persische Reisende Nassiri- 
Chosrau, allein die Küche des Sultans täglich vierzehn Kamel- 
ladungen Schnee, zu dessen Transport von Syrien nach Ägypten 
ein besonderer Eildienst mit mehreren Relaisstationen bestand.^ 
Auch in späterer Zeit rühmen die Reisenden Frescobaldi 
(1384) und Casola (1494) die Menge und die treffliche Er- 
haltung des Schnees in Damaskus und in Syrien,^ und zu 
Kairo erstreckte sich dessen Gebrauch auf alle Bevölkerungs- 

^ Lampridius, „Heliogabalus", cap. 23. ' Vopiscus, „Carinus", 
cap. 15. ^ S. meine „Geschichte des Zuckers" (Leipzig 1890), S. 111 u. 113. 

^ Gibbon, „History of the decline . . ." (Philad. 1868), 5, 297. ^ „Ge- 
schichte des Zuckers" S. 142. « ebd. S. 203. 



ZUR GESCHICHTE DER KÄLTEMISCHUNGEN 115 

schichten, wie dies die Erzählungen »Tausend und eine 
Nacht" beweisen, deren jetzt vorHegende Fassung vermutHch 
um 1400 dort redigiert ist.^ 

In Europa scheint, abweichend von anderen orientalischen 
Sitten, die sich seit Beginn der Kreuzzüge dahin verbreiteten, 
die Anwendung von Schnee und Eis nur wenig Boden ge- 
faßt zu haben. Dem französischen Hofe, dieser alten Pflanz- 
stätte des höchsten Tafelluxus, war sie z. B. noch zur Zeit 
König Franz I. unbekannt, denn nach Brantöme ließ eine 
Hofdame aus ihrem Vaterlande Portugal unglasierte poröse 
Tongefäße (sogenannte Alcarrazas, vom arabischen al-kurräs) 
kommen, um dem Dauphin stets reichliches kaltes Wasser 
bieten zu können, und Champier, der den König nach Nizza 
begleitete, erwähnt die dortige Gewohnheit, Schnee in den 
Wein zu werfen, als auffällig und als jedenfalls sehr ungesund.^ 
Bellon (Bellonius), der auf seinen Reisen an vielen Orten, 
z. B. in Konstantinopel, während der heißen Jahreszeit Schnee 
und Eis genießen sah, glaubt, man müsse dies in Frankreich 
ebensogut aufbewahren können, wie in anderen, viel heißeren 
Ländern;^ aber noch in der gegen 1598 verfaßten »Description 
de l'isle des Hermaphrodites", die den Hofhalt Heinrichs III. 
geißelt, wird nur in satirischem Sinne der Befehl angeführt, 
»man solle für den Sommer stets viel Eis und Schnee auf- 
bewahren, und sie, auch wenn das besondere Krankheiten er- 
rege, fleißig in die Getränke werfen", — was sich denn auch 
vom Könige selbst berichtet findet. Zu Anfang des 17. Jahr- 
hunderts galt der Schnee- und Eishandel immer noch als 
Luxus, wurde jedoch in dessen Verlauf zum Monopol erklärt 
und verpachtet, später aber wieder freigegeben, weil dieses 
Monopol infolge der erhöhten Preise nichts einbrachte.* 

Der ersten Nachricht über die Anwendung künstlicher 

' „Geschichte des Zuckers" S. 215. - „De re cibaria" (Lyon 1560), 16, 9. 
' „Observationes" (1553), 3, 22. -^ Zu Panama bestand noch 1859 ein solches 
Eismonopol (s. Scherzer in der „Reise der Novara", Wien 1878, II, S. 587). 

8* 



116 ZUR GESCHICHTE DER KÄLTEMISCHUNGEN 

Kältemittel begegnen wir, der üblichen Annahme nach, auf 
italienischem Boden. Ein spanischer Arzt m Rom, Blasius 
Villafranca, wird als derjenige bezeichnet, der 1550 die Ab- 
kühlung des Wassers durch Auflösen von Salpeter zuerst ge- 
lehrt habe. In seiner Schrift ,;Methodus refrigerandi ex vocato 
salenitro vinum aquamque ac potus quodvis aliud genus" be- 
schreibt er die Abkühlung von Wein und anderen Getränken 
in langhalsigen Phiolen, die man in Gefäßen mit kaltem Wasser, 
während in diesem ein Viertel bis ein Fünftel seines Gewichtes 
Salpeter aufgelöst werde, rasch und regelmäßig herumdrehe. 
Diese Methode, so sagt er, stehe zur Abkühlung von Wasser 
und Wein in den Häusern aller Vornehmen in Gebrauch, und 
der Salpeter könne, entgegen den Ansichten Einiger, durch 
Kristallisation wiedergewonnen und dann abermals benutzt 
werden; sie sei durch die Wahrnehmung veranlaßt worden, 
daß Salzsoolen im Sommer stets kühler schmeckten als reines 
Wasser, und er habe zuerst ihre (nach echt scholastischen Prin- 
zipien abgefaßte und heute kaum mehr lesbare) Erklärung ge- 
geben und sie zuerst öffentlich beschrieben. 

Wie man sieht, nimmt Villafranca nur den Ruhm für 
sich in Anspruch, die neue Erfindung allgemein bekannt ge- 
macht zu haben; doch ist es zweifelhaft, ob ihm selbst dieser 
gebührt, denn Zimara, ein apulischer Arzt, der 1525 bis 1532 
Professor in Padua war, beschreibt in seinem Buche ;;Proble- 
mata" die Kühlung mittels Salpeters ebenfalls, und erteilt auf 
die Frage des Herzogs von Ferrara, worauf sie denn beruhe, 
eine äußerst breite, vom ödesten scholastischen Schwulste er- 
füllte Antwort. Da nun Villafranca selbst zugibt, das Ver- 
fahren sei in Rom schon weit verbreitet, man habe über die 
Wiederverwendung des Salpeters gestritten u. s. f., so ist es 
keineswegs unmöglich, daß Zimara es ebensogut wie er oder 
auch schon früher gekannt habe; die Jahreszahl 1530 für das 
Erscheinen der „Problemata" steht aber nicht unbedingt fest. 

1559 erwähnt Levinus Lemnius in seinem Buche »De 



ZUR GESCHICHTE DER KÄLTEMISCHUNGEN 117 

miraculis occultis", man könne mit „sal nitrum vulgo salpeter" 
die Getränke derartig abkühlen, daß sie fast unerträglich für 
die Zähne seien, und ähnlich sprechen sich auch 1566 Mizaldus 
(Mizauld) in den ,;Centuriae IX. memorabilium", und der spa- 
nische Arzt Monardus (1493 bis 1578) in seiner von Clusius 
(de l'Ecluse) übersetzten Schrift »De nive" aus. Der berühmte 
Baptista Porta zu Neapel gibt 1589 schon an, daß man 
mittels Eis und Salpeter eine weit höhere Kälte als mittels 
Wasser und Salpeter erzeugen könne, ^ und ebenso berichtet 
1607 sein Landsmann, der Professor der Medizin Latinus 
Tancredus, daß Schnee und Salpeter große Kälte ergäbe, ja 
Wasser zu klarem festem Eise erstarren mache. ^ Barclay läßt 
in seinem Romane ;;Argenis", der 1621 zu Paris gedruckt ist, 
bereits gefrorenen Wein und in Bechern und Hohlformen ge- 
frorene Fruchtsäfte auftragen, und Sanctorius bestätigt 1626 
in seinem Kommentar zum „Canon" des arabischen Arztes 
und Schriftstellers Avicenna, daß in der Tat selbst der Wein in 
einem solchen Gemische erstarre, das man übrigens auch durch 
ein Gemenge von 1 Teil Schnee und Vs Teil Kochsalz zu er- 
setzen vermöge. Bacon von Verulam (1561 bis 1626) be- 
richtet an mehreren Stellen seiner Werke über Kältemischungen 
aus Wasser, Schnee oder Eis mit Kochsalz oder Salpeter,^ läßt 
es dahingestellt, ob man aus Wasser und Salpeter allein wirklich 
Eis zu bereiten imstande sei, und bezeichnet die ganze Erfindung 
als eine der bemerkenswerten der neueren Zeit. In gleichem 
Sinne äußert sich 1627 Nonnius, der Verfasser einer viel- 
gelesenen „Diätetik", sowie 1644 der Jesuit Cabeus; in seinem 
Kommentar zur „Meteorologie" des Aristoteles behauptet er, bei 
genügend lebhafter Bewegung mittels 35 Teilen Salpeter 100 Teile 
Wasser in festes Eis verwandelt zu haben, „wobei die Bewegung 

' „Magia naturalis" 22, 20. '^ „De fame et siti" 2, 27. 

'' „Natural History" 1, 83 (Works, London 1879, I, 95). „De Aug- 
mentis Scientiarum" 5, 2 (II, 359). „Historia vitae et mortis", Absatz „Operatio 
super Spiritus" No. 44 (II, 580). Siehe auch I, 86 u. 93, sowie II, 341 u. 556. 



118 ZUR GESCHICHTE DER KÄLTEMISCHUNGEN 

also nicht Wärme, sondern Kälte erzeugt habe, was für die 
Philosophie sehr schwer zu erklären sei". Als zwar bekannt, 
aber als merkwürdig und unerklärlich, führt 1650 auch der 
große Descartes die Kältemischungen aus Schnee oder Eis 
und Kochsalz an;^ sein Zeitgenosse, der gelehrte Aldrovandi, 
beschäftigte sich im vMusaeum Metallicum" (1648) gleichfalls 
mit der Einwirkung von Salpeter oder Salz auf Wasser, und 
glaubt, daß auch die Töpfer Kochsalz zu ihren Glasuren zu- 
setzen, um diese »kühlender" zu machen! 

Zu wissenschaftlichen Zwecken stellte zuerst der italienische 
Physiker Aggiunti gegen 1635 Gefrierversuche mittels Wasser 
und verschiedener Salze an, wobei er bestätigte, daß sich das 
Wasser beim Frieren nicht zusammenziehe, sondern ausdehne, 
wie dieses schon Galilei aus dem Schwimmen des Eises auf 
Wasser gefolgert hat; 1665 veröffentlichte dann Boyle seine 
ausführlichen Versuchsreihen,^ beschrieb die Kälteerzeugung 
mittels Schnee oder Eis und zahlreichen Salzen (darunter auch 
Salmiak), Säuren, und neutralen Körpern (z. B. Zucker), wider- 
legte die in cartesianischem Geiste abgefaßte Häkchen- und 
Spitzentheorie des Gassendi (15Q2 bis 1655), und gab zugleich 
die richtige Erklärung, der gemäß das Auftreten der Kälte 
darauf beruht, daß die Salze den Aggregatzustand des Eises 
und Schnees ändern, indem sie Schmelzung bewirken; hierauf 
beruht auch sein hübscher Versuch, zwei kalte Gegenstände 
mittels Eis und etwas Salz aneinanderzuschmelzen, was mit Eis 
allein nicht gelingt. — Ob die 1657 herausgegebenen Schriften 
der berühmten florentinischen „AccademiadelCimento" in 
ihrem Kapitel über Kältemischungen ganz Selbständiges oder 
nur eine Wiederholung älterer Boyl escher Versuche wieder- 
geben, steht nicht fest; sie berichten ausführlich über die 
Einwirkung von Salz, Salpeter, Salmiak und Alkohol, sowie 
von deren Gemischen auf Wasser, Schnee und Eis. Die 
Versuche von St. Geoffroy (1700) und Homberg (1701) 

^ „Meteore", cap. 8. ^ „Historia experimentalis de frigore." 



ZUR GESCHICHTE DER KÄLTEMISCHUNGEN 119 

gehen über den Rahmen der Boy leschen nicht wesent- 
Hch hinaus. 

Den Gedanken, durch eine Eis -Kochsalz -Mischung den 
Nullpunkt des Thermometers festzulegen, faßte zuerst 1688 
Dal e nee und dies ist bemerkenswert, da die Benutzung des 
Siede- und Gefrierpunktes des Wassers, wie die ganze Ge- 
schichte der Thermometrie lehrt, keineswegs so nahe lag, als 
man nachträglich zu glauben geneigt sein möchte. Fahren- 
heit betrachtete 1724 ebenfalls die mittels Eis und Kochsalz 
oder Schnee und Salmiak erzielte Kälte (die er für die größte, 
in der Natur überhaupt mögliche erklärte) als die dem Null- 
punkte entsprechende, während Reaumur 1734 ein Gemenge 
von zwei Teilen Eis und einem Teil Kochsalz nur zur Gradu- 
ierung seines Thermometers anwandte, und mit diesem die 
Temperaturabnahme, die Kältemischungen verschiedener Zu- 
sammensetzung hervorrufen, schon quantitativ prüfte.^ 

Eine sehr vollständige Zusammenstellung der bis 1737 
veröffentlichten Tatsachen und Ansichten gibt eine aus diesem 
Jahre stammende Leipziger Dissertation »Caussae frigoris et 
glaciei" J. H. Win ekler 's, desselben Physikers, der sich später 
durch die Verbesserung des elektrischen Konduktors und Reib- 
zeuges, sowie durch die selbständige Entdeckung der Natur 
des Blitzes und des Blitzableiters bekannt gemacht hat. Den 
namentlich von Musschenbroek und Boerhave aufgestellten 
Theorien gegenüber verhält er sich kritisch; luftfreies und vor- 
her erwärmt gewesenes Wasser soll nach diesen Autoren des- 
halb leichter gefrieren, weil die kalten Winde subtile Teilchen, 
vermutlich salzartiger Natur, herbeitragen, die sich den flüssigen 
Teilchen des Wassers beimischen, sie nach der Art der Kälte- 
mischungen abkühlen, und dadurch zwingen fest zu werden; 
woher aber, so fragt Winckler, sollen die hierzu nötigen, 
nicht unbeträchtlichen Salzteilchen kommen, und wieso kann 
das Eis leichter als Wasser sein, falls es so viel mehr subtile 

' S. Baume, „Kleinere chemische Schriften" (Frankfurt 1800, S. 336). 



120 ZUR GESCHICHTE DER KÄLTEMISCHUNGEN 

Salzgeister enthält als dieses? Fraglich erscheinen auch andere 
Ansichten jener holländischen Physiker: so soll das Gefrieren 
des Bodens in der Tartarei, die Vergletscherung der Anden 
zwischen Peru und Chili, sowie das Vorhandensein von Eis- 
höhlen im Jura auf der Nähe riesiger Lager von Salpeter, Salz 
und Salmiak beruhen, und ebenso auch die Bildung der festen 
Eiskristalle (d. i. des Bergkristalls) in den nämlichen sechseckigen 
Figuren, die von allen Salzen allein der Salpeter zeige.^ — Nach 
Versuchen von Lister, so berichtet Win ekler, gefrieren mit 
steigender Schwierigkeit die wässerigen Lösungen von Mauer- 
salpeter, rohem ägyptischem Natron und Meersalzen, und der- 
selbe Grund, der das Salz- und Seewasser schwer gefrieren 
macht, bewirkt umgekehrt auch, daß Salz das Eis schon bei 
höherer Temperatur löst, wie denn z. B. die Eisbeschläge der 
Fensterscheiben sofort verschwinden, wenn man sie mit einem 
in Salzwasser getauchten Schwämme überfährt. Besonders hohe 
Kältegrade erhält man, wie schon Fahrenheit und Ham- 
berger beobachteten, mittels Eis und stärkstem Alkohol, 
Schnee, Kochsalz und Weingeist, oder Alkohol und Eis oder 
Schnee nebst konzentrierter Salzsäure oder Salpetersäure, ja die 
Kälte kann hierbei so groß werden, daß diese Säure selbst 
gefriert und kristallinisch wird. Merkwürdig ist es hingegen, 
daß man das Quecksilber, trotzdem es schon flüssig und sehr 
dicht ist, auf keine Weise zum Erstarren bringen kann. — 
Offenbar war es nicht zu Winckler's Kenntnis gelangt, daß 
de risle schon 1736 das Quecksilber zu Irkutsk gefrieren sah; 
als sich diese Nachricht weiter verbreitete, gab sie übrigens 
den Anreiz zu zahlreichen Versuchen, die nach einer Angabe 
Blagden's,2 zuerst Nab sowie Braun in Petersburg 1759/60 

^ Die Entstehung des Bergkristalls durch Gefrieren von Wasser bei 
großer Kälte lehren viele alte Schriftsteller, z. B. Plinius. Daß aber die 
Kälte hoher Berge irgend welchen geheimen Einflüssen des Bodens zuzu- 
schreiben sei, glaubte noch 1738 ein Gelehrter vom Range Daniel Ber- 
nouUis (s. Humboldt, „Centralasien", Berlin 1844, 2, S. 149). ' „Ge- 

schichte der Versuche über das Gefrieren des Quecksilbers" (London 1783). 



ZUR GESCHICHTE DER KÄLTEMISCHUNGEN 121 

dahin führten, Quecksilber mittels Kältemischungen aus trocke- 
nem Schnee und verdünnter Schwefel- oder Salpetersäure in 
festem Zustande darzustellen. 

Die große Kraft dieser Kältemischungen rühmt auch Baume 
in seinen 1756 bis 1773 veröffentlichten Versuchen ;i hohe Kälte- 
grade erhielt er ferner mittels Eis und Alkohol, einer Mischung 
von Salz und Salmiak, Kali, Natron oder sogar Ätzkalk, der das 
Thermometer auf — 4,5^ sinken machte; ^ eine geringere Ab- 
kühlung zeigte sich beim Lösen von Zucker in Wasser,^ wie 
dies schon Boyle wahrgenommen und 1744 Machy für Zucker 
und Milchzucker bestätigt hatte. ^ Die Ursache dieser Erscheinung 
sucht auch Baume ausschließlich in einer gelegentlich aller 
solchen Reaküonen eintretenden Schmelzung und Lösung; es 
ist erwähnenswert, daß sich zur nämlichen Zeit (1763) Kant eben- 
falls mit dieser Frage beschäftigte, und die Kälte als durch die 
Kontraktion des Volumens der Mischung hervorgerufen ansah.^ 

Von Versuchen späteren Datums sind noch hervorzuheben: 
die von Lowitz (1793), dessen Gemenge aus trockenem Schnee 
und kristallisiertem Chlorcalcium zu Temperaturen von —50^ 
führten, die von Fourcroy und Vauquelin (1799), die sich 
auf eine große Anzahl verschiedener Stoffe erstreckten, sowie 
die durch ein Preisausschreiben der Pariser »Societe d'encourage- 
ment" veranlaßten von Decourmanche, Malepert und 
Boutigny (1824), die nachher noch von Filhol und Fumet 
fortgesetzt und verbessert wurden. Auf die neuere, wissen- 
schaftliche Erforschung der Kältemischungen durch Karsten, 
Hanamann, Rüdorff, Pfaundler und Andere einzugehen, 
liegt nicht mehr in der Absicht dieses Vortrages, und ebenso- 
wenig soll eine Beschreibung der zahlreichen, zu praktischen, 
namentlich häuslichen und kulinarischen Zwecken empfohlenen 

^ „Kleinere chemische Schriften" (Franlcfurt 1800), S. 397. ' ebd. 

S. 135, 108, 505, 495, 501. ^ ebd. S. 209. "" S. meine „Chemie der Zucker- 
arten" (Braunschweig 1904), S. 1162 u. 1541. ^,Versuch, den Begriff der 
negativen Größen in die Weltweisheit einzuführen" (Werke 1838, 1, S. 139). 



122 ZUR GESCHICHTE DER KÄLTEMISCHUNGEN 

Kälteapparate gegeben werden. Erinnert sei jedoch daran, daß 
Procope Couteaux, Limonadier zu Paris, 1660 zuerst gewerbs- 
mäßig gefrorene Limonaden und Fruchtsäfte feilhielt und dabei 
so gute Geschäfte machte, daß 1676 schon 250 Meister der 
Kunst wdes glaces de fruits et de fleurs" in eine Innung auf- 
genommen werden konnten; eine tägliche Anfertigung solcher 
Waren, auch außerhalb der Sommerzeit, wagte aber erst 1750 
Dubuisson, ein Geschäftsnachfolger Procope' s, da bis dahin 
die Vorurteile des großen Publikums, und namentlich auch der 
Ärzte, unüberwindlich gewesen waren. 

Wie vorhin erwähnt, hat man bisher allgemein dem Blasius 
Villafranca (1550) die erste Mitteilung über die künstliche 
Abkühlung durch Salpeter zugeschrieben, und es erübrigt noch 
die Frage, auf welche Weise denn wohl sein Zeitalter zur 
Kenntnis jener Erscheinung gelangt sei? Nach Aldrovandi's 
Mitteilungen, die allerdings der Klarheit ermangeln, soll das 
Abkühlen von Wasser mittels wSalz" an den Küsten des Mittel- 
meeres seit langem bekannt und üblich gewesen sein, und 
Monardus (1493 bis 1578) behauptet sogar, die Kühlung mittels 
Salpeter, die er vom ärztlichen Standpunkte aus als gefährlich 
und ungesund bezeichnet, sei von durstgequälten Galeeren- 
sklaven erfunden worden. Wenn nun auch nicht als Erfinder, 
so wird man diese Unglücklichen doch recht wohl als Verbreiter 
eines Verfahrens ansehen dürfen, dessen Ursprung dann aller 
Wahrscheinlichkeit nach im Oriente zu suchen ist. In dieser 
Hinsicht möchte ich auf eine bisher nicht genügend beachtete 
Stelle in der »Geschichte der Ärzte" des gelehrten arabischen 
Schriftstellers Ibn-Abi-Usaibia aufmerksam machen, der 1203 
bis 1269 lebte. ^ Der Autor spricht daselbst über die Darstellung 
des Eises, von der er zwei Methoden anführt: die eine, die sich 
sichtlich auf antike Reminiszenzen über die kühlende Kraft ge- 
wisser Pflanzen und des Essigs gründet, ^ lautet, der Angabe 

^ In A. Müllers Textausgabe steht diese Stelle 1, 82. ^ S. z. B. 

bei Plinius, lib. 24, cap. 72u. 99; lib. 2, cap. 49. 



ZUR GESCHICHTE DER KÄLTEMISCHUNGEN 123 

eines Magribin (Bewohners von Nordwest- Afrika) folgend: „Man 
nimmt ein Leinenkorn, taucht es in guten scharfen Weinessig 
ein und wirft es, sobald es in diesem aufgequollen ist, in einen 
mit Wasser gefüllten Krug, worauf das Wasser darin gefriert, 
auch in der heißesten Jahreszeit." Von der zweiten Methode 
heißt es: „Ibn Bachtawaihi^ teilt in seinem „Buche der Ein- 
leitungen" folgendes Rezept zur künstlichen Herstellung von 
Eis mit: Man nimmt vom besten südarabischen ^ Salpeter ein 
Rotl,^ zerkleinert ihn gründlich, tut ihn in einen neuen irdenen 
Topf, gießt sechs Rotl reines Wasser darüber, stellt das Ganze 
in einen Ofen, den man verschließt, und läßt zwei Drittel davon 
verdunsten. Es bleibt ein Drittel übrig, das weder zu- noch 
abnimmt, da es zu einer festen Masse wird. Diese tut man in 
eine Flasche, die man gut verkorkt, und will man Eis herstellen; 
so nimmt man einen neuen, mit reinem Wasser gefüllten Be- 
hälter(?),^ bereitet darin zehn Miskäl Salpeterwasser, läßt eine 
Stunde lang stehen, und es wird zu Schnee". Wie mir Herr 
Prof. Dr. A. Fischer in Berlin mitteilt, ist diese Übersetzung, 
für die ich ihm zu großem Danke verpflichtet bin, etwas un- 
sicher, teils weil schon der arabische Text schwer verständlich, 
und vermutlich, wie an so vielen Stellen naturhistorischen Inhaltes, 
durch unwissende Abschreiber verderbt ist, teils weil er einige 
wenig oder gar nicht bekannte Worte enthält. Anscheinend 
handelt es sich, soweit die unvollständige Beschreibung erkennen 
läßt, erst um eine Reinigung des rohen (aufgelösten und filtrierten?) 
Salpeters, und dann um eine Verwendung der festen Kristalle 
oder des dicken Kristallbreies zu Kühlzwecken; allerdings ist 
reiner Salpeter zur Eisbereitung nicht brauchbar, aber der so- 
genannte raffinierte, und um so mehr der rohe Salpeter, stellten 
stets Salzgemische dar,^ die bekanntlich einen erheblich 

^ Die Werke dieses Schriftstellers scheinen nicht erhalten zu sein. 
■-' d. h. über Südarabien bezogenen. ^ 1 Rotl = 2566 g. ^ Das betreffende 
Wort ist nicht bekannt. ^Lemery, „Cours de Chymie" 1675; Dresdener 
Ausgabe von 1726; I, S. 512. — Berzelius: „Lehrbuch der Chemie", 1845, 
3, S. 125. 



124 ZUR GESCHICHTE DER KÄLTEMISCHUNGEN 

höheren Kältegrad erzeugen als ihre Komponenten allein, und 
eine Eisgewinnung immerhin wenigstens als möglich erscheinen 
lassen; vielleicht ist aber auch gar nicht gemeint, daß das Wasser 
materiell, sondern nur daß es dem Geschmacke nach »zu Schnee 
werde", welche Auslegung der Schlußworte jedoch mit dem 
Eingange der Beschreibung, die in klaren Worten die Herstellung 
von Eis anführt, gleichfalls im Widerspruche bleibt. Mag nun 
auch die Stelle in ihren Einzelheiten undeutlich und weiterer 
Aufklärung bedürftig sein, als Ganzes tut sie jedenfalls dar, daß 
die Anwendung der Kältemischungen um etwa drei Jahrhunderte 
weiter zurückreicht, als man bisher annahm, demnach bis in 
jene Zeit, zu der der Salpeter nachweislich zuerst im Abendlande 
bekannt wurde. In chinesischen Schriften findet sich der Salpeter 
nicht vor etwa 1150 n. Chr. erwähnt, und von China aus ge- 
langte er, wahrscheinlich durch arabische Handelsbeziehungen, 
nach dem Westen; Ibn-Beithar (1197 bis 1248), ein sehr ge- 
lehrter und weitgereister arabischer Kompilator, erwähnt ihn 
unter dem Namen des chinesischen Salzes schon in Spanien, 
und die arabischen Ärzte verschrieben ihn wegen seines 
kühlenden Geschmackes als kräftiges Mittel gegen das Fieber, 
als das er viele Jahrhunderte hindurch gebräuchlich blieb. ^ 
Vielleicht hat, wenn man nach zahlreichen Analogien urteilen 
darf, gerade dieser kühlende Geschmack die Anwendung des 
Salpeters auch zum Kühlen von Wasser veranlaßt, und falls sich 
eine solche Erfindung, wie so viele andere arabischen Ursprunges, 
von Spanien 2 her über das benachbarte Südeuropa ausbreitete, 
wäre es leicht erklärlich, daß sich gerade Männer wie Vi 11a- 
franca, Zimaraund Latinus Tancredus, SöhneSpaniens oder 
des mit Spanien in so engem politischem und Handelsverbande 
stehenden Unteritaliens, zuerst mit ihr näher vertraut zeigen. 

^ Lemery, a.a.O. — Kobert, „Pharmakotherapie" (Stuttgart 1897), 
S. 217. ^ Über die vielfache Anwendung von Eis und Schnee, inner- 
lich wie äußerlich, in der spanischen, fast durchweg auf arabischen Traditionen 
beruhenden Medizin des 16. Jahrhunderts s. Prescott, „Geschichte PhiHpp II." 
(Leipzig 1856, III, S. 273). 



9 

ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS UND DER 
ÄLTEREN FEUERWAFFEN^ 




Is maßgebendes Wahrzeichen des Überganges der 
mittelalterlichen Zustände in die neuzeitlichen betrachten 
die Geschichtsforscher so gut wie einstimmig die tief- 
greifende Veränderung der gesamten europäischen 
Kulturzustände unter dem Einflüsse der wachsenden und rasch 
ausgebreiteten Anwendung dreier der denkwürdigsten Erfin- 
dungen menschlichen Geistes: der Magnetnadel, des Buchdruckes 
und des Schießpulvers. Unermeßlich ist die Tragweite jeder 
dieser drei Erfindungen, und dennoch schwebt über ihnen allen 
geheimnisvolles Dunkel: von wem, wo, und unter welchen Um- 
ständen sie gemacht wurden, ist bisher, trotz aller gelehrten 
Mühewaltung, nicht völlig zweifelsfrei aufgeklärt, und die Er- 
gebnisse langjähriger Forschungen lassen auch jetzt noch so 
manchem Bedenken Raum. Der heutige Vortrag, dessen Gegen- 

^ Vortrag, gehalten in der Sitzung des Naturwissenschaftlichen Vereines 
für Sachsen und Thüringen zu Halle a. S., am 8. Dezember 1898 (s. «Zeit- 
schrift für Naturwissenschaften", 1898, S. 295). — Hauptquellen: Hoyer, 
«Geschichte der Kriegskunst" (Göttingen 1797); Jahns, „Handbuch einer 
Geschichte des Kriegswesens von der Urzeit bis zur Renaissance", mit Atlas 
von 100 Tafeln (Leipzig 1880); Jahns, «Geschichte der Kriegswissenschaften" 
(München 1889); Romocki, «Geschichte der Explosivstoffe" (Berlin 1895); 
Essenwein, «Quellen zur Geschichte der Feuerwaffen" (Nürnberg 1877); 
Hansjakob, «Der schwarze Berthold" (Freiburg 1891) — Einzelne andere 
Quellen sind gelegentlich der Korrektur der Originalabhandlung angemerkt 
worden. 



126 ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U S. W. 

stand die Geschichte des Schießpulvers und die eng mit dieser 
verbundene der älteren Feuerwaffen sein soll, beansprucht daher 
keineswegs, Entscheidendes oder auch nur Abschließendes zu 
bieten; er bezweckt vielmehr allein, die Aufmerksamkeit eines 
weiteren Kreises auf den gegenwärtigen Stand der erwähnten 
Forschungen zu lenken, und so manches, nur dem Fachgelehrten 
Geläufige, auch allgemeinerer Kenntnis und weiterer Kritik zu- 
gänglich zu machen. 



Der Behauptung, das gewöhnliche, bekanntlich aus Schwefel, 
Kohle und Salpeter bestehende Schießpulver sei schon den 
Völkern des Altertums bekannt gewesen, hat es bis in ziemlich 
naheliegende Zeiten hinein nicht an Anhängern gefehlt, und 
aus verschiedenen Stellen der alten Schriftsteller glaubte man 
die gewünschten Beweise herauslesen oder wenigstens heraus- 
deuten zu können. Prüft man jedoch die fraglichen Unterlagen 
in unbefangener Weise, so zeigt sich, daß sie keinerlei ernstlichen 
Beleg bieten. Von dem mythischen vorrömischen Könige Allades 
erzählt allerdings Dionysius von Halikarnaß,^ und vom 
Kaiser Caligula auch Dio Cassius,^ sie hätten, um die Götter 
zu verhöhnen, während eines Gewitters Donner und Blitz durch 
Maschinen nachgeahmt, und Appoloniusvon Tyana^ meldet, 
die indischen Brahmanen vermöchten Blitz und Donner gegen 
ihre Feinde zu schleudern; alle diese Historiker schweigen aber 
vollständig über die hierzu angewandten Mittel. Die angeb- 
lichen Berichte des Thukydides^ über Sprengungen durch ein 
schwarzes Pulver bei der Belagerung von Delion (424 v. Chr.) 
betreffen in Wirklichkeit nur das Anzünden feindlicher Holz- 
werke durch Kohlenpulver und andere brennbare Stoffe mittels 
einer Art großen Lötrohres, und ein ähnliches Verfahren, das 
Ausstreuen brennenden Kohlenpulvers durch mächtige Blase- 
bälge, empfahlen noch Appolodor, der Architekt des Kaisers 
Hadrian und Erbauer der ersten steinernen Donaubrücke, sowie 

^ I, cap. 71. 2 xxh. 59, cap. 28. « II, cap. 3. * IV, cap. 100. 



ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U.S.W. 127 

Heron von Byzanz, ein Kriegsschriftsteller des zehnten Jahr- 
hundertes. Endlich sprechen auch die zuweilen angeführten 
Stellen Aineias wdes Taktikers" (um 360 v. Chr.), des Poly- 
bios/ Appian/' Dio Cassius,^ und Caesar,'^ stets nur ganz 
allgemein von zündenden Geschossen, von Feuerpfeilen und 
Bränden, von Brandsätzen aus Kienholz, Werg, Pech und Schwefel, 
und von großen, an langen Stangen oder Kranen befestigten, 
mit glühenden Kohlen, Harz, Asphalt, Naphtha und dergl. ge- 
füllten BrandtöpfeUj die nicht durch Wasser, sondern nur durch 
Sand oder Essig gelöscht werden könnten; daß nämlich der 
Essig von besonders ,; kalter Natur" und daher von ganz un- 
gewöhnlicher Kraft sei, ist eine, die Anschauungen des gesamten 
Altertums, von den frühesten griechischen bis zu den spätesten 
römischen Zeiten^ durchziehende Vorstellung: soll doch z. B. 
Metellus^ bei der Eroberung Gretas einen Ziegelturm über 
Nacht durch Essig zerstört, und HannibaP sich einen Weg 
durch die Alpen gebahnt haben »indem er auf das durch Feuer 
glühend gemachte Gestein Essig goß", — welcher dunkle Vor- 
gang vermutlich durch keinerlei technische Absicht erklärbar 
ist, sondern nur durch den Aberglauben, das plötzliche Auf- 
einanderprallen der entgegengesetzten Prinzipien, Hitze und 
Kälte, müsse auch eine ganz außerordentliche Wirkung hervor- 
bringen. — Was die spätrömischen Militärschriftsteller A m m i a n u s 
Marcellinus und Vegetius (um 400 n. Ghr.) berichten, be- 
schränkt sich ebenfalls nur auf Brandstiftungen durch feurige 
Geschosse, in der Regel Zündpfeile, die eine Füllung von 
Schwefel, Harz, Erdharz und Pech, und eine Umwickelung von 
Werg besaßen, das mit Erdöl getränkt war; dieses wird als 
«oleum incendiarium" (Brandöl) bezeichnet, und ist nichts anderes 
als Petroleum, das ältere Autoren auch als medisches oder 
medeisches Öl anführen, als «medisches", weil es zuerst aus 

' Hb. 21, cap. 5. ^ ^5 12, cap. 74. « lib. 48, cap. 47; 50, 34; 

75, 11. * „Bell, civ." 2, cap. 9. ^ Macrobius, „Saturnal." 7, cap. 6. 
Dio Cassius lib. 36, cap 1. ' Livius, lib. 21, cap. 37. 



128 ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U.S.W. 

Medien gebracht worden sei, als »medeisches^', weil Medea mit 
diesem Öle den Kranz für Jasons zweite Gattin Kreusa getränkt 
haben soll, der dann an der Opferflamme Feuer fing und da- 
durch den Tod ihrer Nebenbuhlerin herbeiführte. 

Sind nun schon alle die besprochenen literarischen Belege 
als Beweisstücke völlig untauglich, so läßt sich außerdem noch 
ein gewichtiger positiver Anhaltspunkt gewinnen, der die Un- 
bekanntschaft des Altertums mit dem Schießpulver erweist, 
nämlich dessen Unbekanntschaft mit dem charakteristischen Be- 
standteile des Pulvers, dem Salpeter. Dieses Salz, das sal- 
petersaure Kalium, hat man zwar in dem Nitrum oder viTpov 
der Alten wiedererkennen wollen und daher das Wort Nitrum 
zumeist einfach mit ;/ Salpeter" übersetzt; in der Tat war aber, 
wie alle Untersuchungen übereinstimmend ergeben, das antike 
Nitrum nichts anderes als kohlensaures Alkali, das in lockeren, 
oft sehr unreinen und namentlich durch Eisen rötlich gefärbten 
Kristallen, aus den trockenen Böden mancher Gegenden Nord- 
afrikas und Westasiens ausblüht (effloresziert), und daher häufig 
auch mit dem Namen wAphronitrum" oder r;Schaumnitrum" 
bezeichnet wurde. Nach Herodot^ diente dieses Nitron zum 
Einbalsamieren der ägyptischen Leichen, nach Theo ph rast ^ 
setzte man es den Gemüsen behufs leichteren Kochens zu, nach 
Virgil^ und auch nach Plinius gebrauchte man es als Dünger, 
und die römischen Damen benutzten es als Schminke, wie denn 
Ovid in seinem fragmentarisch erhaltenen Gedichte ȟber die 
Schönheitsmittel" seiner Liebsten den Wunsch ausspricht:^ »Blei- 
weiß fehle Dir nie, noch Schaum vom rötlichen Nitrum"; in 
diesem Sinne ist auch die von Trebellius Pollio^ überlieferte 
Anekdote zu verstehen, daß der Kaiser Gallienus, als man ihm 
den Abfall der asiatischen Provinzen meldete, nur ausrief: ;;Nun, 
können wir nicht auch ohne Aphronitrum bestehen?" — Offen- 
bar ist mit dem Nitron auch das orientalische ,; Neter" identisch, 

^ II, cap. 86 u. 87. ^ „Hist. plant." II, 5. « „Georgica" I, 193. 
* V. 73. ^ cap. 6. 



ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS US, W. 129 

von dem es schon in den Sprichwörtern Salomonis^ heißt, 
,;das Lied der Gottlosen ist wie Essig auf Neter gegossen«; 
dieses Gleichnis gemahnt deutlich an das Aufbrausen des 
kohlensauren Alkalis mit Säure, und so erklärt es schon der 
heil. Hieronymus, der dazu bemerkt, der Name Nitrum stamme 
von dem der ägyptischen Provinz Nitria. Jeremias^ sagt eben- 
falls, «daß die Untugend der Gottlosen nicht abzuwaschen sei, 
und nähme man gleich Neter dazu und viel Borith"; Borith, 
das Stammwort des späteren Borax, das auch bei Malachias^ 
vorkommt, bezeichnete aber nach Angabe der Kommentatoren 
ursprünglich nichts anderes als die durch Verbrennen gewisser 
Pflanzen gewonnene Asche, oder die aus ihr dargestellte Aschen- 
lauge, demnach gleichfalls kohlensaures Alkali.* 



Wie den Griechen und Römern, so blieb auch bei den 
Byzantinern, iwenigstens bis tief in das Mittelalter hinein, der 
Salpeter unbekannt; wenn wir also auch in ihrer Literatur nicht 
selten Berichten über »furchtbare, unter Blitz und Donner ent- 
sandte Geschosse" begegnen, so ist ebenfalls nicht an Schieß- 
pulver zu denken, vielmehr bezieht sich der Blitz auf das Leuchten 
der Brandpfeile und Feuertöpfe, der Donner aber auf das Getöse 
der gewaltigen Wurfmaschinen, in deren Konstruktion die 
Byzantiner Meister waren; sie nannten derlei Apparate (xaYyavi>ca 
oder (xayyava (Mängana), und von dieser Bezeichnung, soweit 
sie sich insbesonders auf das zum Winden und Spannen der 
Seile dienende Rollengestell der Maschine bezieht, stammt unser 
heutiges Wort »Mange" öder ,; Mangel" ab, - ein Zusammen- 
hang, dessen sich wohl nur die wenigsten Hausfrauen bewußt 
sind, wenn sie gelegentlich der ;;großen Wäsche" den üblichen 
Gebrauch von ihren Wäschemangeln machen! 

Daß das sogenannte » griechische Feuer" der Byzantiner 
Salpeter enthalten habe, ist eine oft aufgestellte Behauptung, die 

^ 25, 20. "" 2, 22. 332. 4 S. Beckmann, „Beiträge zur 

Geschichte der Erfindungen", Leipzig 1800; V, 523, 561 u. ff. 
V. Lippmann, Beiträge. 9 



130 " ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U.S.W. 

aber, den Ergebnissen neuerer Forschungen gegenüber, gleich- 
falls nicht Stand zu halten vermag. Der Namen ,; griechisches 
Feuer" ist abendländischen Ursprunges und stammt erst aus 
der Zeit der Kreuzzüge, während die Byzantiner selbst aus- 
schließlich von TTup [;,r^r^i)cov, ^a>;a<7(7tov oder üypov (medischem, 
See- oder Wasser- Feuer) sprechen. Den ersten Bericht über 
diesen merkwürdigen Stoff hat man bei Julius Africanus zu 
finden vermeint, der 232 n. Chr. als Bischof von Nikopolis 
starb, und unter dem Namen „xsctoi" (Kesten), — den er dem 
reizverleihenden Gürtel der Aphrodite^ entlehnte — , eine Art 
Enzyklopädie hinterließ, die nur teilweise und in sehr entstellter 
Form auf uns gekommen ist, und namentlich auch zahlreiche, 
vier bis fünf Jahrhunderte jüngere Einschiebsel enthält. Eines 
der letzteren nun zählt, neben anderen kriegerischen Geheim- 
und Zaubermitteln, auch ein ,; automatisches Feuer« auf, d. i. 
ein Brandsatz, mit dem man das feindliche Holzwerk des Nachts 
heimlich beschmieren soll, worauf dann, sobald die Sonne auf- 
geht, deren Strahlen eine selbsttätige Entzündung hervorrufen; 
als Hauptbestandteile werden Harz, Naphtha, Schwefel, Salz (dessen 
gelbe Flamme auch für besonders heiß galt), und gebrannter 
Kalk genannt, und man wird hiernach anzunehmen haben, daß 
dieser das wesentliche Agens war, d. h. daß die Wärme, die 
er z. B. in Berührung mit dem Morgentau entwickelte, die leicht 
brennbaren Substanzen in Entzündung versetzte, deren Ursache 
man aber, infolge einer leicht erklärlichen Verwechslung, den 
Sonnenstrahlen zuschrieb. — Verschiedene Kennzeichen lassen 
darauf schließen, daß dieses Einschiebsel der ,; Kesten" frühestens 
aus dem Ende des 7. Jahrhunderts stammt, und mit dieser Zeit- 
bestimmung deckt sich der Bericht der byzantischen Chronisten, 
namentlich des höchst zuverlässigen Theophanes, daß das 
«griechische Feuer" im Jahre 678 durch Kallinikos, einen 
griechischen, aus Heliopolis in Syrien stammenden Architekten, 
nach Byzanz gelangt sei; der Kaiser Constantin Pogonatos, 
^ „Ilias" XIV, 214. 



ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U S. TV. 131 

der damals im Entscheidungskampfe gegen die, den ost- 
römischen Staat bedrohenden Araber begriffen war, befahl so- 
gleich, seine Kriegsschiffe, die bis dahin nur Feuertöpfe und 
Brandgeschosse geführt hatten, mit dem neuen Seefeuer auszu- 
rüsten, und es gelang ihm mit dessen Hilfe, die Araber in der 
Seeschlacht bei Kyzikos (678 n. Chr.) gänzlich zu schlagen und 
das Reich zu retten. 

Was nun das vielumstrittene Wesen des griechischen Feuers 
anbelangt, so führen sämtliche Untersuchungen zum Schlüsse, 
daß seine Hauptbestandteile leicht-flüchtige Erdöle, die man 
damals wohl auch schon durch Destillation zu gewiimen verstand, 
Lösungen von Asphalt, Harz, Teer und dergl. in solchen Ölen, 
und gebrannter Kalk waren. Neuerdings angestellte besondere| 
Versuche ergaben in der Tat, daß Mischungen leichter Erdöle! 
mit fein verteiltem Ätzkalk sich beim Aufspritzen auf Wasser; 
zunächst über dessen Oberfläche ausbreiten, sodann, durch Ein- 
wirkung der heftigen Reaktionswärme des sich ablöschenden 
Ätzkalkes, Erhitzung und massenhafte Verdampfung erfahren, 
zuletzt aber sich entzünden, wobei die explosiven Mischungen 
von Luft und Erdöldampf unter Aufsteigen von Flammen und 
Rauch, und unter starker Detonation verbrennen. Wurden nun 
solche Mischungen, wie die Chronisten berichten, von den 
Schiffen aus mittels der ,;Siphone" (einer Art Feuerspritzen mit 
doppelt-wirkenden Druckpumpen, die Ktesibios aus Alexandria 
schon um 200 v. Chr. erfunden hatte), durch lange Metallrohre, 
deren Öffnungen man als Rachen wilder Tiere zu stilisieren 
pflegte, gegen die Feinde geschleudert, so war begreiflicherweise 
die Wirkung eine außerordentliche: zum physischen Effekte, 
dem ohnehin schon an Zauberei grenzenden Brennen einer 
Masse bei der Berührung mit Wasser, gesellte sich noch der 
moralische, ein panischer Schrecken vor übernatürlichen und 
dämonischen, mit dem Gegner verbündeten Mächten; nur so 
ist es zu begreifen, daß z. B. die Russen, die 941 unter Igor 

mit tausend Schiffen vor Konstantinopel erschienen, durch bloß 

9* 



132 ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U.S. W. . 

fünfzehn, mit griechischem Feuer ausgerüstete Barken vollständig 
besiegt und endgültig zurückgeschlagen werden konnten. In 
solchem Glauben suchten auch die Kaiser ihre Untertanen zu 
erhalten: Leo III. (718 bis 741) bezeichnet das Rezept zur Her- 
stellung des griechischen Feuers als ein heiliges, nur ihm selbst 
und wenigen Vertrauten bekanntes Staatsgeheimnis; Constantin 
Porphyrogenetes (Q12 bis 959) behauptet sogar, der ,; erste 
christliche Kaiser" (d. i. Constantin der Große) habe es von 
einem Engel, behufs alleiniger Anfertigung in Konstantinopel 
wder Stadt der Christen" zugebracht erhalten, und er empfiehlt 
seinem Sohne, auch fernerhin auf sorgfältige Geheimhaltung 
bedacht zu sein, um so mehr, als schon einmal ein Verräter, so- 
bald er eine Kirche betrat, von himmlischem Feuer getroffen 
und verzehrt worden sei. 



Wie den alten europäischen Völkern, so war auch den 
alten Chinesen das Schießpulver unbekannt, und die weit- 
verbreitete Meinung, sie hätten es schon seit undenklichen Zeiten 
zu gebrauchen verstanden, ist eine gänzlich irrige; selbst im 
7. und 8. Jahrhunderte n. Chr. hatten z. B. die großen chinesischen 
Handels -Dschunken, die den persischen Golf besuchten, nur 
Naphtha an Bord, um sich der Angriffe feindlicher Schiffe und 
wilder Seeräuber zu erwehren, ^ und auch das um 1160 erwähnte 
„Öl des heftigen Feuers" scheint nichts anderes gewesen zu 
sein, als Erdöl. Dagegen wird allerdings als Tatsache über- 
liefert, daß der Salpeter und seine Verwendung zur Darstellung 
explosiver Mischungen zuerst in China bekannt wurde, jedoch 
frühestens gegen Mitte des 12. Jahrhunderts, falls nämlich die 
keineswegs genügend beglaubigte Tradition richtig ist, daß der 
1164 verstorbene Heerführer Weisching zuerst ein aus Salpeter, 
Schwefel und Kohle bereitetes Pulver benützt habe. Der älteste 

^ Reinaud, „Memoire sur l'Inde", Paris 1849, S. 200. — Kremer, 
„Kulturgeschichte des Orients unter den ChaHfen", Wien 1875; II, S. 276. 



ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U S. W. 133 

zuverlässigere Bericht, der jedoch über Namen und Lebenszeit 
des Erfinders ebenfalls schweigt, stammt aber erst aus dem 
Jahre 1232. Damals belagerten die Mongolen die Stadt Pienking 
oder Kaifungfu, und wurden hierbei, obwohl sie selbst in allen 
w Feuerkünsten" erfahren und deshalb sehr gefürchtet waren, 
durch ein neues kriegerisches Mittel in mächtigen Schrecken 
versetzt: die Chinesen schleuderten nämlich auf sie, vermutlich 
aus den üblichen Wurfmaschinen, große, mit einem brennenden 
Satze gefüllte Gefässe, anscheinend eiserne Hohlkörper, die die 
Menschen und die -Erdwerke zerschmetterten, ja sogar eiserne 
Panzer zerstörten, indem furchtbares Feuer nach allen Seiten 
aus ihnen hervorbrach und donnerähnliches Krachen weithin 
vernehmbar war; ferner beschossen die Belagerten ihre Feinde 
aus nach hinten geöffneten, mit einer Zündschnur versehenen 
Brandsatzbehältern mit feurigen Geschossen, die auf Grund der 
Abbildungen in einem, aus dem 13. Jahrhunderte stammenden 
chinesischen „Feuerbuche", unschwer als primitive Raketen zu 
erkennen sind. Als Namen des Brandsatzes wird wYo" an- 
gegeben, ein Wort, das noch heute das Schießpulver bezeichnet, 
in früherer Zeit aber die vielumfassende Bedeutung »Kraut" oder 
»Droge" besaß. — Eine schon verbesserte Waffe beschreiben die 
Annalen der Sung- Dynastie aus dem Jahre 1259: diese »Lanze 
des ungestümen Feuers" oder »Feuerlanze" bestand aus einem 
Bambusrohre, das einige abwechselnde Lagen von Pulver und 
»Körnern" enthielt; beim Anlegen von Feuer brach unter 
donnerndem Geräusche eine heftige Flamme hervor, und die 
Körner wurden 100 bis 150 Schritte weit fortgeschleudert. Die 
»Körner" waren indes nicht feste, vermöge ihrer Durchschlags- 
kraft wirkende Kugeln, sondern nur Brandsatzklümpchen, die, 
auf brennende Gegenstände fallend, zündeten, so daß man in 
der Feuerlanze das Urbild der, aus der Kunstfeuerwerkerei be- 
kannten sogenannten »römischen Kerze" zu sehen hat, die noch 
heute in ähnlicher Weise beschickt wird, und, angezündet, ihre 
Sterne allmählich und langsam auswirft. — Eine weitere Aus- 



134 ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U.S. W. 

bildung hat die chinesische ;; Feuerkunst" nicht erfahren, sie 
ist namentlich, entgegen früheren irrtümlichen Berichten, nie- 
mals zur Konstruktion wirklicher Feuerwaffen fortgeschritten; 
dies bezeugt das Schweigen Marco Polos und aller anderen 
mittelalterlichen Reisenden,^ vor allem aber das namenlose 
Staunen der Chinesen über die Gewehre und Geschütze der 
ersten portugiesischen Seefahrer. 



Daß die Araber, wie man oft behauptet hat, schon im 
8. oder 9. Jahrhunderte, zur Blütezeit ihres Handels mit den 
Chinesen, diesen das Schießpulver entlehnt, und es nach Europa 
weiterverbreitet hätten, ist dem Dargelegten zufolge ganz aus- 
geschlossen; die Fachliteratur über Waffen und Kriegsmaschinen, 
die das maßgebende Sammelwerk „Fihrist" enthält, gibt keine 
dahin lautende Andeutung, ^ auch erhebt keine arabische Tradition 
Anspruch auf ein solches Verdienst, und endlich sind die Namen 
für Pulver und Geschütz nicht einmal in dem, siebenhundert 
Jahre von den Arabern beherrschten Spanien, arabischen Ur- 
sprunges. Selbst das griechische Feuer verstanden die Araber 
erst gegen 1100, also nicht vor der Zeit der Kreuzzüge, an- 
zuwenden^ und schrieben dann seine Erfindung, wie die aller 
hervorragenden Kriegskünste, Alexander dem Großen zu; 
unter dem Namen dieses Königs ist auch ein gegen oder bald 
nach 1200 verfaßtes » Feuerwerksbuch" erhalten, das aber 
wesentlich von antiken Reminiszenzen erfüllt ist, eine Anzahl 
von Rezepten wiedergibt, die ganz denen der ,;Kesten" gleichen, 
den Salpeter aber noch gar nicht erwähnt. 

Bald nach dieser Zeit, also etwa zu Beginn des 13. Jahr- 
hundertes, muß indessen der Salpeter den Arabern und Persern 

^ S. Bretschneider, „Notes on Chinese mediaeval travellers" (Shanghai 
1875; S. 87). ^ Kremer, a. a. O.; II, S. 476. « Amari, „Storia dei 

musulmani in Sicilia", Florenz 1868; III, S. 367. — Kremer, a.a. O.; I, S. 249. 



ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U.S.W. 135 

bekanntgeworden sein; seine ältesten Namen, bei diesen Völkern, 
»Schnee von China" oder »Salz von China", deuten genügend 
an, woher sie ihre Kenntnis schöpften, wenngleich bisher nicht 
im einzelnen nachgewiesen werden kann, wie sie zu ihr ge- 
langten. Die ältesten arabischen Schriftsteller, die den Salpeter 
erwähnen, sind Ibn-Abi-Usaibia (1203 bis 1269), der seiner in 
der »Geschichte der Ärzte" gelegentlich der Darstellung einer 
künstlichen Kältemischung gedenkt, und Ibn-Beithar aus 
Malaga (1197 bis 1248), der weitgereiste und gelehrte Verfasser 
eines Sammelwerkes über die Kräfte der Arzneimittel. Er be- 
zeichnet den Salpeter mit einem noch gegenwärtig bei Arabern, 
Persern und Türken üblichen, jetzt aber auch für Schießpulver 
gebräuchlichen Worte »Barud" (von Barad= Hagel, Kristalle), 
und identifiziert ihn mit dem, schon bei Plinius^ genannten 
Troischen oder Asischen Steine: »Barud ist eine Ausschwitzung 
des Steines Asios; so heißt der Schnee von China bei den 
älteren Ärzten Ägyptens (Alexandrias?); im Westen aber nennen 
die Ärzte und das Volk diesen Stoff Barud". Die arabischen 
Ärzte benützten den Salpeter seines kühlenden Geschmackes 
wegen als Mittel gegen das Fieber; eine andere Anwendung 
scheint Ibn-Beithar nicht gekannt zu haben, mindestens er- 
wähnt er eine solche nicht, und erst bei Jussuff, der 1311 eine 
verbesserte Auflage seines Werkes herausgab, findet sich die 
Bemerkung, Barud werde von altem Mauerwerke abgesammelt 
(also wohl nicht mehr aus China importiert) und verstärke die 
Kraft und Entzündlichkeit des Feuers. 

In anderen, nichtmedizinischen Kreisen der Araber hat aber 
die Kenntnis des Salpeters offenbar weit raschere Fortschritte 
gemacht, denn während das sogenannte » Feuer werksbuch 
Alexander des Großen" aus dem Beginne des 13. Jahrhundertes 
den Salpeter, wie schon erwähnt, noch gar nicht nennt, ist aus 
der Zeit zwischen 1275 bis 1295 ein von Hassan-Alrammah 
geschriebenes »Feuerwerksbuch" erhalten, in dem der Salpeter 

' Hb. 36, cap. TÖ;"""^ 



136 ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U. S. W. 

bereits die Grundlage der gesamten Feuerwerkerei bildet. Der 
Verfasser beschreibt die Läuterung des Salpeters mittels Aschen- 
lauge und seine vollständige Reinigung durch wiederholte 
Kristallisation und lehrt die Anfertigung von Raketen, Schwärmern, 
sogenannten Kanonenschlägen und „bengalischen" Flammen 
(dieser Namen rührt bekanntlich erst aus den Eroberungskriegen 
der Engländer in Indien her, gelegentlich welcher der General 
Congreve solche Leuchtfeuer und Kriegsraketen um 1800 wieder 
nach Europa brachte); die betreffenden Rezepte sind wohl meist 
chinesischen Ursprunges, da der Text verschiedene ihrer Be- 
standteile als „aus China stammend" anführt, unter diesen jedoch 
bemerkenswerterweise nicht m.ehr den Salpeter selbst. 
Aus der Reihe der „Kriegsfeuerwerke" wird in erster Linie die 
Rakete unter dem Namen „Pfeil von China" und die Bereitung 
ihres Treibsatzes aus Kohle, Schwefel uud Salpeter beschrieben; 
außerdem schildert Alrammah die „Feuerlanze von China", 
ein hölzernes Rohr „das aus Schwefel, Kohle, Salpeter, Harz, 
Leinöl und Feilspänen bereitete , Erbsen' auswirft", ferner Wurf- 
pfeile, Zünd- und Sprengbomben mit Zündröhren, und sogar 
einen primitiven Torpedo. Von eigentlichen Feuerwaffen findet 
sich jedoch keine Spur, und selbst das etwa fünfzig Jahre jüngere 
„Buch der Kriegskunst Mohammeds", das (vermutlich 
fälschlich) dem gegen 1350 verstorbenen Schemseddin Mo- 
hammed zugeschrieben wird, tut solcher keinerlei Erwähnung, 
vielmehr empfiehlt es, neben der chinesischen Feuerlanze, nur 
noch den sogenannten „Madfah", wie die Abbildung zeigt, ^ 
einen hölzernen, an einer langen Stange befestigten Mörser, 
dessen Ladung aus Pulver und aus „Bondok" bestand; Bondok 
bezeichnet eigentlich Haselnüsse, im übertragenen Sinne aber 
jede kleinstückige Ladung, z. B. Steinchen, Schrot, Metallspäne, 
Brandsatzkugeln, „Erbsen" und dergl. Wie man sieht, fehlt 
es an jeglichem Anhaltspunkte, den Arabern überhaupt, und 
jenen Spaniens insbesondere, schon im 13. oder 14. Jahrhunderte 
^ S. Tafel 35 bei Jahns. 



ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U.S.W. 137 

die Kenntnis von Feuerwaffen und Geschützen zuzuschreiben, 
wie dies sogar von Seite hervorragender OrientaHsten ge- 
schehen ist. 



Unter dem Einflüsse der arabischen Kultur wurden Salpeter 
und Pulver allmählich auch in Europa bekannt. Der berühmte 
Philosoph und Alchemist Ray m und Lull aus Majorka (1235 
bis 1315), der wohl aus spanisch-arabischen Quellen schöpfte, 
erwähnt zuerst den Sälpeter unter dem, anscheinend durch Miß- 
deutung einer Stelle des Plinius^ entstandenen Namen „Sal 
nitri" (Salniter), und bespricht auch zuerst die Bereitung des 
Scheidewassers aus Salpeter. ^ Von weit größerer Bedeutung 
ist jedoch die byzantinische Tradition, weil sie es war, durch 
die dem Abendlande die wesentliche Kunde über die Explosiv- 
stoffe und deren Anwendung übermittelt wurde. Das wichtigste 
einschlägige Werk ist das vermutlich gegen 1250 zu Konstan- 
tinopel verfaßte wFeuerbuch" des Marcus Graecus, das für 
das ganze Mittelalter maßgebend blieb, bisher jedoch nicht im 
griechischen Originale bekannt ist, sondern nur in verschiedenen, 
teilweise entstellten und verkürzten lateinischen (und späteren 
deutschen) Übersetzungen. Unter Benützung älterer und neuerer 
griechischer und arabischer Quellen beschreibt Marcus Graecus 
zunächst das griechische Feuer und verschiedene andere ätz- 
kalkhaltige und in Berührung mit Wasser entzündliche Brand- 
sätze, mehrere »flüssige Feuer" aus Petroleum- und Harz- 
destillaten, und endlich das „fliegende Feuer" (ignis volans), 
das durch Vermischung von einem Teil Schwefel, zwei Teilen 
Kohle (am besten aus dem leichten Holze der Linde oder Weide) 
und sechs Teilen Salpeter bereitet wird. Der Verfasser hält es 
noch für nötig, zu erklären, was Salpeter ist, nämlich ein Mineral, 
das man durch Lösen in Wasser und Umkristallisieren reinigt; 
in anderer Gestalt kennt Marcus Graecus den Salpeter nicht, 

' Hb. 31, cap. 10. 2 Beckmann, a. a. O.; V, S. 581. 



138 ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U. S. TV. 

— er sagt nur: ,;sal petrosum est minera terrae" — , auch spricht 
er nicht über die sehr wichtige Reinigung mittels Aschenlauge. 
Benützt wird das ,; fliegende Feuer" zur Herstellung von Raketen, 
die ihm offenbar den Namen gaben, von Schwärmern und 
Kanonenschlägen, und von jenen Feuerwerkskörpern, die später 
als »römische Kerzen" bekannt wurden, — eine Bezeichnung, 
die unmittelbar auf deren byzantinische Herkunft deutet, da die 
Byzantiner sich offiziell ausschließlich ,/Romäer" oder ,; Römer" 
zu nennen pflegten. Wie ersichtlich, hat also das „fliegende 
Feuer" des Marcus Graecus keinen anderen Zweck, als den, 
die Feinde in Schrecken zu setzen, und allenfalls Brand zu 
stiften, und hierzu stimmt auch der ausdrückliche Zusatz zum 
Titel des Buches »ad comburendos hostes" (zur Verbrennung 
der Feinde). 

Aus dem Werke des Marcus Graecus scheinen nun, 
allen Anzeichen nach, jene beiden Männer geschöpft zu haben, 
durch die Salpeter und Schießpulver zuerst dem westlichen 
Europa genauer bekannt wurden: der gelehrte, jedem Autoritäts- 
glauben abholde, und deshalb von der Kirche auf das bitterste 
gehaßte und verfolgte englische Mönch Roger Bacon (1214 
bis 1294?), einer der Väter und eifrigsten Vorkämpfer induktiver 
Forschungsweise, sowie sein Zeitgenosse Albert der Große 
(1200—1280?), Bischof von Regensburg, der gefeierteste Lehrer 
und vielseitigste Schriftsteller des 13. Jahrhundertes, zu dessen 
Zöglingen, während seines langjährigen Kölner Aufenthaltes, 
auch der berühmte Thomas von Aquino gehörte. 

Roger Bacon bespricht nun in einem, 1265 an den Erz- 
bischof von Paris geschriebenen Briefe, der ihn vom Verdachte 
der Magie reinigen sollte, die Fortschritte des menschlichen 
Geistes in der Ausnützung der Naturkräfte, und führt hierbei 
das Beispiel jener blitzenden, donnernden und sprengkräftigen 
Mischung an, die aus Schwefel, Salpeter und „Lura nope cum 
urbe" bereitet wird — aus welchem Anagramme sich unschwer 
wcarbonum pulvere", Kohlenpulver, herauslesen läßt. Auch in 



ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U.S. W. 139 

seinem „Opus majus"^ schildert er die zündenden und spren- 
genden Wirkungen dieser Mischung, erklärt die Reinigung 
des Salpeters durch Kristallisation, und erwähnt die schon in 
vielen Ländern als kindisches Belustigungsmittel verbreiteten 
„Kanonenschläge", sowie die Blitz und Donner nachahmenden 
Raketen; derlei Kriegsfeuerwerk empfiehlt er besonders zur 
Bekämpfung der Ungläubigen, — was mindestens die An- 
nahme nicht unterstützt, daß sich diese selbst der nämlichen 
Mittel schon in ausgedehnterem Maße zu militärischen Zwecken 
bedienten. 

In ganz ähnlicher Weise äußert sich Albert der Große 
in seinen Abhandlungen „Opus de mirabilibus mundi" und 
„Compositum de compositis", die auch zuerst der Salpetersäure 
und des Königswassers Erwähnung tun. Den Salpeter hält er 
noch für eine dem Kolophonium verwandte Substanz, vielleicht 
irregeführt durch eine, den Ersatz von Kohle durch Kolophonium 
bei der Pulverbereitung betreffende Angabe des Marcus 
Oraecus; auffälligerweise warnt er bereits vor Verfälschungen 
des Salpeters durch „unechtes Nitrum", d. i. Soda, die man am 
Aufbrausen beim Begießen mit Essig erkennen könne. Die 
Darstellung des Pulvers, durch Vermengen von Salpeter, Schwefel 
und Kohle in einem steinernen Mörser, wird genau nach Marcus 
Oraecus beschrieben, ebenso jene der Kanonenschläge, römischen 
Kerzen und Raketen. — Das außerordentliche Ansehen, in dem 
Albert der Große schon zu seinen Lebzeiten stand, der hohe 
Ruhm seiner Werke und deren weite Verbreitung, die er selbst 
eifrig förderte, indem er sie gelegentlich seiner zahlreichen Reisen 
zur Besichtigung deutscher Klöster den Gastfreunden zu schenken 
pflegte, — alle diese Umstände scheinen in hohem Grade dazu 
beigetragen zu haben, die Kenntnis des Salpeters und der 

^ vOpus majus", ed. Bridges (London IQOO; II, S. 218); meine aus- 
führliche Besprechung dieser vorzüglichen Ausgabe des in jeder Hinsicht 
höchst wichtigen Werkes s. „Mitteilungen zur Geschichte der Medizin und 
der Naturwissenschaften" (Hamburg 1905; Bd. 4, S. 319). 



140 ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U.S. W. 

salpeterhaltigen Feuerwerkskörper weiteren, namentlich geist- 
lichen Kreisen zu vermitteln. 

Die Tatsache, daß Roger Bacon und Albertus Magnus, 
Männer, die einen großen Teil ihres Lebens unweit des Nieder- 
rheines zubrachten, zuerst näheres über das Schießpulver be- 
richten, hat man übrigens nicht allein aus ihren gelehrten Studien 
erklären wollen, sondern auch aus dem Unstande, daß nach- 
weislich gerade am Niederrheine die Feuerwerkskünste schon 
sehr frühzeitig bekannt und eifrig gepflegt waren; es soll dies 
eine Frucht byzantinischen Einflusses gewesen sein, der sich in 
hohem Grade geltend machte, als die Grafen von Flandern in 
den Jahren 1204 bis 1261 den Thron des zu Konstantinopel 
neu begründeten lateinischen Kaisertumes einnahmen. Als An- 
zeichen dieses Einflusses wird angeführt, daß, übereinstimmend 
mit dem Sprachgebrauche der Byzantiner, die das Schießpulver 
durch das Wort ßoravT) = Kraut bezeichneten, ^ aber abweichend 
von fast allen anderen Sprachen, die niederdeutsche, und lange 
Zeit hindurch auch die hochdeutsche, das Pulver „Kraut" 
nannten, ein Wort, das sich im Holländischen, Dänischen und 
Schwedischen bis zur Gegenwart erhalten hat, im Deutschen 
aber ursprünglich, analog dem griechischen cpapi^ax-ov (Pharma- 
kon), zugleich ein Heil- und Zaubermittel bedeutete; selbst das 
älteste, 1475 zu Köln gedruckte lateinisch-deutsche Wörterbuch 
übersetzt noch Nitrum mit Kryt (= Kraut). Bemerkenswert ist 
es, daß die Russen, die den Byzantinern so vieles entlehnten, 
für Pulver gleichfalls das Wort sehe = Kraut haben; doch sei 
daran erinnert, daß auch dem „Yo" der Chinesen anfänglich 
die nämliche Bedeutung zukam. 



Allem bisher Ausgeführten zufolge braucht es wohl keines 
Beweises, daß eine allgemein bekannte Sage irrt, wenn sie be- 
richtet, ein Mönch Berthold Schwarz, auch Constantin 

^ Krause, «Die Belagerungen von Konstantinopel" (Halle 1847, S. 147). 



ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U.S.W. 141 

Anklitzen genannt, den einige an den Niederrhein, die meisten 
aber nach Freiburg im Breisgau versetzen, habe um das Jahr 1350 
das Pulver erfunden; war doch zu dieser Zeit das Pulver schon 
seit etwa hundert Jahren bekannt, und, wie wir alsbald sehen 
werden, bereits weit verbreitet. Trotzdem ist jedoch, wie Hans- 
jakobs neueste Forschungen dargetan haben, diese Sage nicht 
ohne jeden Grund, und Berthold Schwarz keine mythische 
Persönlichkeit, wie man dies lange Zeit hindurch glaubte. 

Die Quelle, auf die man betreffs dieses Mannes zurück- 
zugehen hat, ist die 1450 verfaßte Streitschrift wÜber den Adel 
und die Bauernschaft" des Felix Hemmerlin oder Malle- 
olus (1389 bis 1464), eines heißblütigen und freimütigen Züricher 
Mönches, der, verfolgt von der rohen und barbarischen Geist- 
lichkeit seiner Zeit, ein unglückliches Leben mit einem elenden 
Tode beschloß. In jener Streitschrift erzählt nun Hemmerlin, 
wie vor zweihundert Jahren (also etwa 1250) ein Magister, der 
schwarze Berthold, ;;Bertholdus niger", der ,;ein allgemein 
bekannter feiner Alchymist war", die ihm geläufige Lehre des 
Aristoteles, daß sich Stoffe von heißer und kalter Natur sehr 
schlecht miteinander vertrügen, zu prüfen gedachte; er vermischte 
in einer steinernen Büchse, oder in einem Mörser, den hitzigen 
Schwefel mit dem kalten Salpeter und etwas Kohle oder dickem 
Leinöl, und sah dieses Gemenge, als zufällig ein Funken hinein- 
fiel, unter Blitz und Donner die Büchse zerschmettern und den 
Stein, mit dem er sie bedeckt hatte, in die Höhe schleudern. 
Durch Nachdenken und großen Fleiß (sagacitate) bildete er 
diese zufällige Beobachtung weiter aus, verwandte erst hölzerne, 
durch eiserne Ringe verstärkte, und später eiserne Büchsen, 
schleuderte aus ihnen Steinkugeln, Blei- und Eisenstücke, und 
verbesserte so seine Gefäße zu dem ,;was wir noch jetzt un- 
eigentlich Büchsen nennen". 

Halten wir nun fest, daß das Pulver schon erfunden war, 
und dem gelehrten Mönche sehr wohl, z. B. aus den Schriften 
Albert des Großen, bekannt sein konnte, so werden wir dieser 



142 ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U.S. W. 

Erzählung als wesentlichen Kern zu entnehmen haben, daß 
nicht das Schießpulver, wohl aber die erste wirkliche 
Feuerwaffe als die Erfindung des schwarzen Berthold 
anzusehen ist. Mit dieser Anschauung stimmen auch andere 
Überlieferungen zusammen. So z. B. besitzen wir aus dem An- 
fange des 15. Jahrhundertes (1410?) ein, früher irrtümlich dem 
Abraham von Memmingen zugeschriebenes, anonymes 
;;Feuerwerksbuch", die erste schriftliche Aufzeichnung der 
bis dahin nur mündlich fortgepflanzten Tradition, das, anfangs 
geheim gehalten, erst 1529 gedruckt wurde und Jahrhunderte 
lang die Hauptquelle der Fachliteratur blieb. Auch in diesem 
ist es ;;die Kunst, aus einer Büchse Steine zu schießen", deren 
Erfindung zugeschrieben wird w einem Magister, so geheißen 
hat der schwarze Berthold (niger Bertholdus), und ist mit 
großer Alchymie umgegangen, und war ein Nigromanticus"; 
ein wNigromant" ist aber nichts anderes als ein ;; Schwarzkünstler", 
denn das mißverstandene griechische ^Nekromantie" (Toten- 
beschwörung) wurde während des Mittelalters zu wNigromantie" 
umgestaltet, und dieser Ausdruck wörtlich mit ;, Schwarzkunst" 
übersetzt. Der „schwarze Berthold" war also ein „Schwarz- 
künstler Berthold", d. h. er stand im Gerüche der Zauberei 
und Magie; daß aber aus dem „niger Bertholdus" ein „Bert- 
holdus Niger", zu deutsch „Berthold Schwarz" wurde, be- 
ruht auf einem Irrtume, den zuerst ber bayrische Chronist 
Thurmayr (genannt Aventinus) um 1517 beging, und der 
namentlich durch seine Aufnahme in die berühmte „Kosmo- 
graphie" des Sebastian Münster, und in das vielgelesene 
„Buch der Erfindungen" des Pancirollus, allgemeine Ver- 
breitung fand, obwohl z. B. die französischen Chronisten des 
16. Jahrhunderts, u. a. Belleforest, richtig „Berthold le noir" 
schrieben. — Übereinstimmend mit dem erwähnten Feuerwerks- 
buche von 1410 bemerkt auch eine in Gent befindliche Chronik: 
„im Jahre 1313 wurde zuerst von einem Mönche in Deutsch- 
land der Gebrauch der Büchsen erfunden", und das Nämliche 



ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U.S. W. 143 

wiederholt auf Grund alter Quellen, auch des Spaniers Uf an o 
„Tractat über die Artillerie" (gedruckt in Brüssel 1612), und 
Tschamsers »Chronik der Barfüßermönche zu Thann", nur 
daß hier als Jahreszahl 1330 bezw. 1300 genannt wird. In- 
dessen ist es zweifellos, daß die Zahl 1250 des Hemmerlin 
die richtigere ist, und daß für Freiburg als Ort der Erfindung 
mehr als die bloße Tradition, oder etwa die noch jetzt vor- 
handene »Pulverküche" im Keller des St. Martinstiftes spricht. 
In einer wohlerhaltenen Urkunde von 1245 erscheint nämlich 
ein »Magister Berthold" zu Freiburg als Zeuge; sodann ist der 
Zuname An kl itzen (Berthold war wohl nur der Klosternamen) 
als ein im alten Freiburg verbreiteter Familiennamen nachweis- 
bar; endlich erwähnt ein in der sogenannten »Breisgau er 
Handschrift" von 1371 vorkommendes scherzhaftes Trinklied, 
dessen Abfassungszeit durch eine Anspielung auf die 12Q6 er- 
folgte Vollendung des Freiburger Münsters bestimmt ist, neben 
allerlei anderen Ungereimtheiten auch »das Schießen aus einer 
Büchsen, so daß es niemand hört", und berechtigt so zur Ver- 
mutung, daß dieses Schießen schon vor 1300 in Freiburg ziem- 
lich allgemein bekannt gewesen sei. Alle diese Umstände führen 
zum Schlüsse, daß in der Tat Berthold Schwarz als Erfinder 
der ersten Feuerwaffe, und Freiburg als Ausgangspunkt der 
abendländischen Feuerwaffentechnik anerkannt werden muß. 
Im besten Einklänge hiermit steht es, daß Freiburg in der Hand- 
habung und Herstellung von Feuerwaffen andauernd einen 
hervorragenden Ruf genoß, denn es lieferte solche z. B. noch 
1416 nach Straßburg und Basel, also an weit größere Städte, 
und unterstützte noch Leopold von Österreich nach derSem- 
pacher Schlacht durch Entsendung von zwanzig Schützen und 
eines Büchsenmeisters; seit jeher wurde ferner die Erfindung 
der Feuerwaffen von allen Seiten einstimmig nach Deutschland 
verlegt, und zwar berichten dies sämtliche italienische Quellen, 
ein französisches Reskript König Johann I. von 1354 (das sich 
ausdrückhch auf Berthold Schwarz beruft), sowie eine Schrift 



144 ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U. S. W. 

des Byzantiners Chalkokondylas von 1460; endlich begannen 
sich auch deutsche Büchsen- und Geschützmeister bald nach 
1300 als Lehrer der neuen Kunst über fast ganz Europa zu 
verbreiten, und Deutschland allein besaß im- 14. und 15. Jahr- 
hunderte eine artilleristische Literatur. Schriftliche Denk- 
male liegen jedoch erst aus dem Beginne des 15. Jahrhundertes 
vor, darunter namentlich das bereits genannte »Feuerwerks- 
buch" von 1410, sowie das 1405 beendigte „Kriegsbuch" 
des Conrad Kyeser aus Eichstädt in Franken, „Bellifortis" 
betitelt. 



Die wichtige Frage, wie denn nun die neue Erfindung 
des Berthold Schwarz des näheren beschaffen gewesen sei, 
ist begreiflicherweise nicht leicht zu beantworten und man kann 
sich diesbezüglich nur auf Vermutungen und auf Rückschlüsse 
aus den ältesten, allerdings erst etwa 100 bis 150 Jahre nach 
Berthold Schwarz schriftlich niedergelegten Traditionen 
stützen. 

Was das Schießpulver anbelangt, so bestand es wohl 
zweifellos aus dem längst bekannten einfachen Gemische von 
Salpeter, Schwefel und Kohle in Pulverform, wie dies auch 
das älteste deutsche Pulverrezept von 1330 (im sogenannten 
Münchener Kodex) anführt; sonstige Zusätze, wie wir sie bei 
Kyeser genannt finden, z. B. Kampher, Oleum benedictum (d. i. 
das heilsame, aber auch sehr entzündliche leichte Teeröl) und 
Quecksilber (das man als flüchtigsten aller Stoffe ansah), weisen 
auf besondere alchemisüsche Einflüsse hin und gehören daher 
wohl einer späteren Zeit an. Das nämliche gilt betreffs des 
gekörnten Pulvers, dessen Darstellung durch Formen und 
Trocknen der feuchten Masse oder Bereitung einer Schmelze, 
und dessen sämtliche Vorzüge das »Feuerwerksbuch" von 
1410 genau schildert. Auch die von Kyeser mit einiger Un- 
bestimmtheit beschriebene Gewinnung von Salpeter durch Be- 
handlung tierischer Abfälle mit Kalk und Asche in sogenannten 



\ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U.S. W. 145 

Salpeterplantagen, sowie die Reinigung des ,/Salniters" durch 
wiederholte Umkristallisation mit allerlei Zusätzen (unter denen 
jedoch die Aschenlauge fehlt!), sind erst Errungenschaften einer 
späteren Periode; anfangs aber dürfte der Salpeter ausschließ- 
lich ein fremdländischer Einfuhrartikel gewesen sein, der vor- 
nehmlich aus Venedig bezogen wurde. Es ist bekannt, daß 
dort der Salpeter als ein sehr kostbares, mit hohem Ausfuhr- 
zolle belegtes Erzeugnis galt, zu dessen Einkauf oft eigene 
fremde Gesandte erschienen, das ;;des guten Rufes der Stadt 
wegen" zollfreien Rücktransport und Umtausch genoß, falls die 
Ware zu berechtigten Klagen Anlaß gab, und dessen Versendung 
so sorgfältig überwacht wurde, daß wir z. B. noch die Akten 
eines Betrugsprozesses von 1378 besitzen, der die Deklaration 
mehrerer Fässer Salpeter als Zuckerpulver betrifft. ^ Ober die 
Bezugsquellen und die Herstellung des Salpeters in Venedig 
selbst ist jedoch so gut wie nichts bekannt, da die Venetianer 
über ihre Handelsbeziehungen und ihre industriellen Kenntnisse 
stets möglichstes Schweigen beobachteten und erzwangen; daß 
aber auch in Deutschland der Salpeter und seine Verwendung 
nach Tunlichkeit geheim gehalten wurden, läßt sich daraus 
schließen, daß Conrad von Megenberg, der 1349 die erste 
Naturgeschichte in deutscher Sprache schrieb, das Schießen 
aus Büchsen zwar als wohlbekannt voraussetzt, dagegen vom 
Salpeter garnichts weiß, vielmehr »Nitrum" als einen Spat, als 
Marienglas, betrachtet. ^ 

Was nun die erste Feuerwaffe betrifft, so glauben einige, 
sie sei aus der zu Feuerwerkszwecken benützten „Römerkerze" 
byzantinischen Ursprunges dadurch hervorgegangen, daß an 
Stelle mehrerer abwechselnder Brandsatz- und Ausstoßladungen 
eine einheitliche Ladung getreten sei, die größere Durch- 
schlagskraft entwickelte, aber auch eine festere Rohrwand be- 

^ Simonsfeld, «Der Fondaco dei tedeschi zu Venedig", Stuttgart 1887; 
I, S. 110, 135, 170. 2 „Buch der Natur", ed. Pfeiffer, Stuttgart 1861; 

S. 91, 274, 453. 

V. Lippmann, Beiträge lO 



146 ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U S. W. 

dingte. Mit höherer WahrscheinHchkeit ist jedoch die Feuer- 
waffe von der Rakete, und zwar namentlich von der stehenden 
Rakete, abzuleiten; hierfür spricht besonders das entwickelungs- 
geschichtliche Moment, daß die Rakete, wie schon Kyeser 
darlegt, behufs rascher und völliger Ausnützung der Gasentwicke- 
lung nicht vollgefüllt sein darf, sondern in ihrer Mitte eine 
Durchbohrung oder längliche Höhlung besitzen muß, in der 
eingeschlossen der »treibende Dunst" wirken kann, ähnlich wie 
der in der menschlichen Leibeshöhle eingeschlossene ,; Hauch", 
die Seele; die Benennung ,;Seele" (anima) für jene Höhlung 
ist aber von der Rakete auf die Feuerwaffen übergegangen, 
wie wir denn noch heute von der „Seele eines Geschützes" 
reden. Die senkrechte Stellung der Rakete läßt es auch be- 
greiflich erscheinen, daß die Geschosse anfangs nicht in die 
Feuerwaffen geladen, sondern nur oben auf deren Mündung 
gelegt wurden, ganz so wie das von jenem Steine berichtet 
wird, der die Büchse des Berthold Schwarz bedeckte. Der 
Gebrauch von frei fliegenden Raketen mit Stab zu Kriegs- 
zwecken ist überdies für das westliche Europa schon im 13. Jahr- 
hunderte nachweisbar und vermutlich byzanünischen Ursprunges, 
da noch Kyeser, der die Herstellung von Raketen und Ra- 
keten-Torpedos zuerst genau beschreibt, die sogenannte Ruthe 
aus orientalischem Zedernholze anzufertigen empfiehlt; 
daß aber weder die Verfasser der großen Sammelwerke älterer 
Zeit, z. B. Bartholomäus Anglicus (f 1260?), Vincentius 
Bellovacensis (tl264) oderThomas Cantipratensis (tl270), 
noch auch die eigentlichen militärischen Schriften, z. B. die 
,;Kriegsbücher" des Egidio Colönna von 1271, des Marino 
Sanuto von 1321 und des Vigevano von 1330, solcher ,;Feuer- 
werkskünste" irgend Erwähnung tun, erklärt sich teils aus deren 
strenger Geheimhaltung, teils aus dem verdächtigen und üblen 
Rufe, in dem seit jeher ebensowohl diese zauberischen und 
teuflischen Künste standen, wie die ihrer Beflissenen. Die tat- 
sächliche Anwendung von Raketen ist jedoch schon 1258 für 



ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS US. W. 147 

Köln bezeugt (wo sie »Wind-Feuer" = ,;ignis volans" genannt 
werden), 1314 für Gent (als Waffe gegen Seeräuber), anschei- 
nend auch 1324 für Metz, und 1325 für England, woselbst man 
damals zuerst von den neuen »crackys" (= Krachern) während 
des schottischen Krieges Gebrauch machte; in Italien finden 
sich 1281 in Forli, 1309 in Volterra, 1311 in Brescia und 1326 
in Florenz Raketen erwähnt, die dort zuweilen „bombarde", 
zumeist aber »schiopetti" oder wscopetti" (= Knaller, Kracher) 
heißen. Da nun letzterer Name, der sich vom italienischen 
schioppo und scoppio (= Knall) oder dem mittellateinischen 
sclopus (= Schlag, Krach) ableitet, alsbald auf die Feuerwaffen 
überging, — im Französischen und Spanischen bedeutet noch 
jetzt escopette und escopeta eine Stutzbüchse — , da ferner in 
späterer Zeit die ,;Bombarden" häufig mit » Lombarden" (einer 
Art alter, in Norditalien gebräuchlicher Wurfgeschütze) ver- 
wechselt wurden, und da man endlich die Hülsen, aus denen 
nach dem Berichte des Chronisten Lupus (1309) »die Raketen 
durch des Pulvers Gewalt sausend hervorzischten", als »canones" 
bezeichnete, so sind viele Berichte über die erste Anwendung 
von Feuerwaffen nicht sicher zu deuten und die Deutungen 
stets mit einiger Vorsicht aufzunehmen. 

Was insbesondere die Etymologie des Wortes » Kanone" 
betrifft, das im heutigen Sinne in den romanischen Sprachen 
erst seit Beginn des 16. Jahrhundertes, in der deutschen seit 
dem 17. Jahrhundert in Gebrauch steht, so ist diese nicht end- 
gültig aufgeklärt. Bei Homer bedeutet xavcvs; (Kanones) das 
aus zwei übereinander gelegten Hölzern bestehende Gestell, 
über das das Leder der Schildfläche gespannt war; ebenso 
wurden die uralten dreieckigen Holzgestelle benannt, auf deren 
Seitenflächen Solon das öffentliche Recht und die religiösen 
Satzungen und Gebräuche, das »kanonische Recht", verzeichnet 
haben soll,i ferner auch die Gestelle für die zur Landesver- 
messung dienenden Instrumente und weiterhin auch diese selbst, 

^ s. Lysias, „Rede gegen Nikomachos", cap. 17. 

10* 



148 ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U S. W. 

z. B. Setzwage, Meßlatte und Lineal, womit die übertragene 
Bedeutung Kanon = Richtschnur oder Regel zusammenhängt. 
Mit >tav6v£; werden endlich auch Gestelle bezeichnet, die man, 
nach Art der späteren ^ spanischen Reiter", zur Verteidigung 
des Fußvolkes gegen die Reiterei benützte; an den Ecken der 
Aufstellung, wo die Reihen zusammenstießen, pflanzte man zu- 
weilen fahrbare Wurfgeschütze auf, wie solche in offener Feld- 
schlacht schon von Xenophon benützt und auch gelegentlich 
der Schlacht von Mantineia (207 v. Chr.) erwähnt werden; der 
Name jcavovs? soll dann auf diese und von ihnen wieder auf 
die an ihre Stelle tretenden Feldgeschütze übergegangen sein. 
— Entgegen dieser Ableitung, zu deren Gunsten man auch 
die alte englische Bezeichnung der Kanone mit „a piece of 
ordnance" anzuführen pflegt (»gun" soll nur ein verderbtes 
canon sein),^ steht eine andere, die vom lateinischen canna = 
Rohr ausgeht, dem nämlichen Worte, von dem auch das 
deutsche »Kanne" abstammt, sowie das französische ,; canon" 
(= Paßglas, daher ,; kanonenvoll"!); aus canna soll nämlich 
das mittellateinische Vergrößerungswort ;;cannonus" (italienisch 
wcannone") entstanden sein, das ein großes Rohr bedeutet, ganz 
ebenso wie sich für Geschütze geringerer Größe das Diminu- 
tivum ,;canella" (= kleines Rohr) nachweisen läßt. 



So lange der Durchmesser oder, wie man mit einem, vom 
arabischen „Kalib" (= Modell) abgeleiteten Ausdrucke zu sagen 
pflegt, der » Kaliber" der ersten Feuerrohre ein kleiner war, 
gab es . natürlicherweise keine Trennung von leichten und 
schweren Waffen; indessen scheint eine solche schon ziemlich 
frühzeitig eingetreten zu sein, und es entwickelten sich dann 
nach der einen Richtung hin die eigentlichen Geschütze, die 
zuerst ausschließlich aus Eisen gegossen und als »vasa", 

^ Nach Guttmann (s. unten, Zusätze Nr. 1) beruht das engHsche »piece 
of ordnance" auf einer mißverständlichen Übersetzung des Wortes cannonus 
oder canon, das im Sinne von «Verordnung, Satzung" aufgefaßt wurde. 



ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U.S. W. 14Q 

Büchsen, Mörser, Häfen, Krüge, boites, pots bezeichnet werden, 
nach der anderen die Handwaffen. Der Arkebuse (arquebuse, 
archibuso), die eine aus dem »arcus" (Bogen) und der »busse" 
(Büchse) zusammengesetzte Armbrust mit Raketenbüchse war, 
folgten zunächst die gestielten Handbüchsen oder Handmörser, 
die, weil sie zugleich auch in Gestalt von Morgensternen aus- 
gebildet waren, zur Bezeichnung »Schießprügel" Veranlassung 
gaben und sodann die tragbaren Knallbüchsen oder Hand- 
kanonen, aus einem Eisenrohre mit hölzerner Umhüllung be- 
stehend, die sich als »Petrinale" der Reiterei, d. h. als gegen 
die Brust zu stemmende, auf eine am Sattel befestigte Gabel 
aufzulegende Rohre, bis ins 15. Jahrhundert hinein erhielten.^ 
Wie bereits erwähnt, ging die Entwickelung und Ver- 
breitung der Feuerwaffen von Deutschland aus, woselbst 
auch die ersten Pulverfabriken, 1340 in Augsburg, 1344 in 
Liegnitz, 1348 in Spandau nachweisbar sind. Das Freiburger 
Trinklied von 1296 beweist, daß das Schießen aus Büchsen 
schon vor 1300 bekannt zu werden anfing; gebräuchlicher 
wurde es jedoch erst zu Beginn des 14. Jahrhundertes. Die 
erste sichere und durch die charakteristische Gegenüberstellung 
der Geschütze (vasa) und der Handwaffen (sclopi) besonders 
wichtige Nachricht über die Verwendung der Feuerwaffen finden 
wir 1331; in diesem Jahre wurde, wie Muratori angibt, die 
Stadt Cividale in Friaul belagert, und es erschienen hierbei zwei 
deutsche Ritter, von Krusperg und von Spilemberg, die 
den Ort, allerdings erfolglos, mit Geschütz und Handwaffen 
beschossen: „ponentes vasa versus civitatem . . . balistabant cum 
sclopo" (sie stellten Geschütze wider die Stadt auf und be- 
schossen sie mit Handbüchsen). Daß zwei deutsche Ritter an 
einer entlegenen Grenze des Reiches bereits im Besitze solcher 
Waffen waren, ist von hohem Interesse und wirft ein Streiflicht 
auf deren erste, bisher noch recht dunkle Verbreitungszeit. 

Für die weitere Entwickelung der » Feuerkünste" in Deutsch- 

' Abbildung bei Jahns, Tafel 85. 



150 ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U S. W. 

land und dessen Nebenländern (Niederlande, Schweiz) sind aus 
dem 14. Jahrhunderte schon reichlichere Belege vorhanden, 
deren wichtigste in chronologischer Ordnung angeführt werden 
mögen. In Brügge werden Geschütze, anscheinend aus Eisen 
gegossene, 1339 erwähnt, in Tournay 1346, in Gent 1347, 
in Metz 1348, und aus dieser Zeit ist auch schon eine kleine 
geschmiedete Kanone erhalten, die sich im Berner Zeug- 
hause befindet; 1346 enthalten die Aachener Stadtrechnungen 
Ausgaben für eine »eiserne Donnerbüchse" (busa ferrea ad 
sagittandum tonitrum) und für «Salpeter zum Schießen" (sal- 
petra ad sagittandum). Etwa 1350 wurde in Steyr bereits ein 
Riesengeschütz zum Schleudern elf Zentner schwerer Steine 
hergestellt; 1352 ließ sich ein „Feuerschütze" als Bürger in 
der Hansestadt Lübeck nieder, deren Rathaus wenige Jahre 
später „durch eine Unvorsichtigkeit jener, die daselbst Pulver 
für die Büchsen bereiteten", in die Luft flog; 1356 bezahlte 
Nürnberg dem Meister Sanger eine größere Summe für Pulver 
und Geschütz, auch kaufte im selben Jahre Gent zwölf Donner- 
büchsen; 1362 benützten die Erfurter Bürger, 1364 die Bayern 
bei Mühldorf Handbüchsen, und auch die deutschen Ordens- 
ritter zu Marienburg besaßen solche, während ihnen Geschütz 
noch fehlte; im Jahre 1365 verteidigte Herzog Alb recht von 
Braunschweig sein Schloß Salzderhelden mit Büchsen und er- 
zwang so auch die Aufgabe der Belagerung von Schloß Ein- 
beck durch den Markgrafen von Meißen; ^ 1365 wurden die 
Venetianer bei der Belagerung von Claudia fossa durch einige 
Deutsche unterstützt, „so zwei kleine eiserne Stücklein besaßen", 
und die aufständischen Freiburger bestürmten 1366 die Burg 
ihres Grafen, wobei sie, wie der Chronist Königshoven stau- 
nend meldet, imstande waren, „hinauf zu schießen"; 1368 
kauften Frankfurt und Nürnberg, 1370 auch die Stadt Löwen 
sowie Herzog Magnus von Braunschweig Donnerbüchsen, 

* Reitzenstein, „Das Oeschützwesen und die Artillerie in den Landen 
Braunschweig und Hannover" (Leipzig 1896 ff). 



ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U.S.W. 151 

desgleichen die Städte Köln und Augsburg, und Augsburg schaffte 
auch Salpeter und Pulver an, ließ ,;für fünfzig schwere Pfund 
Goldes seine ersten Geschütze (pixides = Büchsen) gießen und 
feuerte Steine auf das Belagerungsheer Herzog Johanns von 
Bayern". Die Stadt Basel besaß laut Zeughaus -Inventar von 
1361 noch keine Feuerwaffen, kaufte aber, nachdem ihre 
Bürger an dem Aufstande der Freiburger als Hilfstruppen teil- 
genommen hatten, 1371 mehrere Donnerbüchsen nebst Pulver, 
und stellte einen » Büchsenmeister" an; 1372 suchte auch Speier 
weinen neuen Zeugmeister, der aber auch mit Büchsen schießen 
könne"; 1375 besetzten die Straßburger ihre Mauertürme mit 
Geschütz und Büchsen, 1376 kauften die Augsburger und 
Regensburger solche, und 1378 vermehrten Nordhausen und 
namentlich Nürnberg ihre Vorräthe an eisernen und kupfernen 
Büchsen, sowie an Steinen. Daß das Schießen immer noch 
eine sorgfältig geheim gehaltene Kunst war, ersehen wir aus 
der Nachricht, 1379 habe ein Glockengießer zu Augsburg drei 
Kanonen gegossen, die Art sie zu laden und abzufeuern aber 
nur drei hierzu auserwählten Ratsherren anvertraut. Im Jahre 

1382 wandten die deutschen Ordensritter Geschütze an und 
errichteten eine Gießerei und eine Pulverfabrik zu Marienburg; 

1383 taten »wenige Geschütze, nach roher Art, bei der Be- 
lagerung Yperns gute Dienste", und im nämlichen Jahre wurde 
in Gent eine Riesenkanone verfertigt, wie deren ähnliche als 
»; Brechgeschütze" bald darauf in Nürnberg und Frankfurt er- 
wähnt werden und auch dem Kurfürsten Ruprecht von der 
Pfalz dienten, um die elf Fuß dicken Mauern des Schlosses 
Tannenberg an der Bergstraße zu zerstören. Vom Beginne 
des 15. Jahrhundertes an häufen sich die Nachrichten derartig, 
daß es unmöglich ist, sie sämtlich wiederzugeben; es sei daher 
nur daran erinnert, daß es 1403 in Nürnberg bereits eine Zunft 
der Büchsenmeister und einen organisierten Handel mit dem 
daselbst erzeugten Pulver gab,^ daß um dieselbe Zeit in Nürn- 

' Poppe, „Geschichte der Technologie", Göttingen 1810, II, S. 524. 



152 ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U. S. W. 

berg für die Stadt Bern, sowie auch in Arras Riesengeschütze 
gegossen wurden/ und daß 1414 der Kurfürst Friedrich I. ein 
solches vom Landgrafen von Thüringen entheh, um in die bis 
vierzehn Fuß dicken Mauern der Schlösser seines wider- 
spenstigen Adels, namentlich der Quitzo ws, Bresche zu schießen, 
w Unglaublich ist", — so berichtet 1444 Aeneas Sylvius, der 
spätere Papst Pius VI. — , «die Menge der Büchsen und Ge- 
schütze in Deutschland, und unübertrefflich die Bewaffnung 
der Städte und Bürger mit Feuerwaffen aller Art, so daß 
nichts hiermit irgend zu vergleichen ist". 

Die nordischen und östlichen Länder empfingen ihre 
Feuerwaffen wohl fast auschließlich von Deutschland; 1360 ist 
Pulver in Dänemark nachweisbar, ^ 1389 in Rußland, und 1400 
in Schweden; schon 1395 besetzte daselbst die Hansa den Stock- 
holmer Hafen mit Büchsen, aber erst 1431 ist von einheimischen 
Festungsgeschützen unter deutschen Meistern, und 1452 von auf 
Schlitten transportierten Feldgeschützen die Rede. Deutsche 
Meister brachten auch den Polen die Kunst bei, Geschütze zu 
gießen und zu bedienen, so daß in der Schlacht bei Tannen- 
berg (1410), die die Macht des deutschen Ordens brach, das pol- 
nische Heer schon 60 Geschütze aufzuweisen hatte. Die Russen 
verdanken gleichfalls ihre Kenntnisse vorwiegend deutschen 
Meistern, und ebenso scheint es gewiß, daß sich hauptsächlich 
solche unter den ersten Lehrmeistern der Türken befanden. 
Bereits 1439 beschossen diese Belgrad mit hundertpfündigen 
Steinkugeln, und bei der Belagerung Konstantinopels 1453 
kamen Geschütze zur Anwendung, die Steine von 600 bis 
1200 Pfund schleuderten,^ und deren eines noch jetzt am Ein- 
gange der Dardanellen zu sehen sein soll; das erste wurde 
unter Anleitung eines deutschen Überläufers zu Adrianopel ver- 
fertigt, und mittels hundert Ochsen und siebenhundert Mann 
binnen zwei Monaten nach Konstantinopel geschafft, wo es 

^ Beckmann, a. a. O. V. S. 576. ^ Poppe, a. a. O., S. 560. '^Gibbon, 
„History of the decline . . .", Philad. 1868, V, S. 289, 370, 380, 390. 



ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U S. W. 153 

nach Abgabe von sieben Schüssen zerplatzte und den Meister 
tötete; ein zweites wurde gleich an Ort und Stelle gegossen. 
Die Behauptung, in England seien Feuerwaffen vor 1400 
unbekannt gewesen, ist entschieden unrichtig, wie schon eine 
Stelle aus Chaucers 1384 vollendetem Gedichte ;;Haus der 
Fama" zeigt, ^ die da lautet: «So schnell durch alle Lande drang 
— Der gräulichen Trompete Klang, — Wie aus dem Lauf die 
Kugel schnellt — Wenn Feuer auf das Pulver fällt"; im Ab- 
schnitte ,; Cleopatra" seiner ,; Legende von den guten Weibern" 
läßt Chaucer auch Kanonendonner während der Schlacht bei 
Actium ertönen,- und nimmt an solchem Anachronismus eben- 
sowenig Anstoß, wie etwa Shakespeare, bei dem die alten 
Römer und Hamlets mvthische Dänen Geschütze abfeuern, oder 
Calderon, der im Fronleichnams-Festspiele »Der Maler seiner 
Schande" die Katastrophe dadurch herbeiführt, daß der Heiland 
den Teufel mit einer Pistole niederschießt.^ — Über die erste 
Zeit der Anwendung von Feuerwaffen fehlt es jedoch noch an 
sicheren Belegen; die 1346 erwähnten »Bombarden" auf Kriegs- 
schiffen und Seeschlössern waren vermutlich nur Raketen, und 
die angeblich im nämlichen Jahre bei Crecy gegen die Franzosen 
gebrauchten drei Feldgeschütze sind durchaus fraglicher Natur, 
da weder die zeitgenössischen Gesichtsquellen, noch der Schlacht- 
bericht des österreichischen Ritters Schönfelder ein Wort über 
eine derartige, offenbar doch höchst wichtige und auffällige 
Neuerung enthalten, während wieder den späteren Chroniken 
EinSchiebungen, ja Fälschungen nachgewiesen sind, die u. a. 
auch den Bericht über die Beschießung von Romorentin (1356) 
als ungewiß erscheinen lassen. Wären die Engländer schon zu 
jener Zeit regelmäßig mit Geschütz versehen gewesen, so könnte 
man es auch schwer verstehen, daß noch 1378 Richard II. 
solches aus Flandern herbeischaffen ließ, um Brest und St. Malo 
(übrigens erfolglos!) zu beschießen, daß 1386 Pulver, nach 

' «Werke", ed. Düring, Straßburg 1886, IV, S. 551. ' ebd., v. 58. 
' «Geistliche Festspiele«, ed. Lorinser, Regensburg 1886; X, S. 184. 



154 ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS US. W. 

Walsinghams «Englischer Geschichte", als seltenstes und kost- 
barstes Beutestück galt, ja daß sogar 1413 Heinrich V. dessen 
Ausfuhr verbot; selbst 1415 wird noch als bemerkenswerte Tat- 
sache gemeldet, daß die Engländer bei Azincourt und vor Mans 
einiges Geschütz ins Feld führten, — das aber allerdings noch 
weit von jener Wirkung entfernt blieb, die es dreizehn Jahre 
später gelegentlich der Belagerung von Orleans (1428) entfaltete. 

Die Nachrichten, in Spanien seien Geschütze schon in 
der Zeit zwischen 1325 und 1342, bei den Belagerungen von 
Granada, Alicante, Tarifa oder Algeziras zur Anwendung ge- 
langt, beruhen, wie schon erwähnt worden ist, auf Irrtum. Eine 
der ältesten sicheren Angaben, die Belagerungen von Belaguer 
und Setenil mit fünf Bombarden betreffend, stammt erst aus 
dem Jahre 1407; ^ 1461 belagerten spanische Rebellen Gerona, 
flohen aber beim Nahen französischer Hilfstruppen und ließen 
ihre Geschütze im Stich ;2 1463 werden in Castilien Feuerschützen 
erwähnt; 1481 erscheinen die Mauren vor Granada, ,;in Eil- 
märschen und ohne Geschütze, deren sie damals bereits einige 
wenige und kleine besaßen, während ihnen Handwaffen noch 
fehlten ,;;^^ 1483, im granadischen Kriege, mangelte es beiden 
Teilen an Geschütz, weshalb Ferdinand und Isabella fremde, 
besonders deutsche Meister verschrieben, um schleunigst solches 
anzufertigen;'^ 1484 berief man deutsche Meister auch nach Cor- 
dova, ,;da bei den Spaniern das Geschütz noch selten und seine 
Bedienung wenig bekannt war", und 1487 zeichneten sich solche 
vor Malaga aus, indem sie trotz Mangels an Pulver (dem 
schließlich Kaiser Max I. durch eine schleunige Hilfssendung 
aus Flandern abhelfen mußte), mittels großer älter Marmorkugeln 
eine Bresche in die Hauptmauer der Stadt legten.^ 

Was Italien anbelangt, so ist ein Bericht des „Chronikon 

^ Prescott, »Geschichte Ferdinands und Isabellas", Leipzig 1841; 
I, S. 388 ff. 2 ebd. I, S. 119 u. 121. '' ebd. I, S. 345 u. 3Q0. 

^ Prescott, „Geschichte Ferdinands und Isabellas", Leipzig 1841; I, S. 366, 
357 ff., 406. ^ ebd. I, S. 424 ff., 431. 



ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U. S. W. 155 

Estense" aus dem Jahre 1334 nicht einwandsfrei, in den folgen- 
den Jahrzehnten muß sich aber der Gebrauch von Feuerwaffen 
rasch verbreitet haben, denn Petrarca sagt in seinem, gegen 
1366 vollendeten Dialoge »De remediis utriusque fortunae": 
„Mit Flammenstoß und unter schrecklichem Donner entsendet 
man metallene Eicheln aus hölzernen Rohren . . . Diese Pest 
war noch unlängst selten, so daß man sie einem Wunder gleich 
anstaunte, heute aber ist diese Art der Waffen ebenso gemein 
wie irgend eine andere". Unter den ,; hölzernen Rohren" sind 
wohl die bereits erwähnten, mit einer Holzumhüllung versehenen 
Knallbüchsen oder Handkänonen (canelle) zu verstehen, deren 
z. B. urkundlich Perugia schon 1365 fünfhundert Stück ankaufte, 
während Bologna und Padua hierin erst später (1386 und 1399) 
nachfolgten. Padua soll auch bereits 1374 Geschütze besessen 
haben, während der Chronist Onoro behauptet, das erste eiserne 
Geschütz, dessen sich Italiener bedienten, habe sein eigener 
Vater 1376 im Trevisanischen, gegen Leute des Herzogs Leopold 
von Österreich abgefeuert. Zur Zeit der Kriege zwischen 
Venedig und Genua, 1377 bis 1381, waren beide Teile mit eisernem, 
aus Deutschland bezogenem Geschütz versehen und bedienten 
sich dessen so häufig, als es der wiederholt eintretende Mangel 
an Pulver erlaubte; gegen 1400 bestanden jedoch bereits mehrere 
Pulverfabriken, namentlich zu Venedig, dessen Pulvermühlen 
dauernd berühmt blieben, ^ und italienisches Pulver ist als 
wichtiger Handelsartikel schon jenseits der Alpen nachweisbar, 
z. B. 1405 in Bern. Im Jahre 1390, während des Krieges zwischen 
Siena und Florenz, sollen in dieser Gegend zum ersten Male, 
und zwar seitens ausländischer (deutscher?) Söldner, Geschütze 
angewandt worden sein, die drei Zentner schwere Steine 
schössen;'^ 1395 zerstörte der Herzog von Mailand die Brücken 
und Wälle Mantuas mittels schweren Geschützes, das große 

^ Petrus Martyr, „De rebus oceanicis", Cöln 1574, S. 373. 
■ Capponi, „Geschichte der florentinischen RepubHk", Leipzig 1876; 
I, S. 330. 



156 ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U. S. TV. 

Barken den Mincio herabtrugen ;^ 1406 wurde die Mündung des 
Arno durch Geschütz gesperrt und so der Seeverkehr Pisas 
gehindert; 2 1437 warf Sforza den Turm des Kastells Camaiore 
durch vier Schüsse mit 530 Pfund schweren Kugeln ein;-^ 
1453 wählte sich Luca Pitti eine Bombarde als Abzeichen, 
„denn wie diese aus dem Laufe, so könne er aus der Stadt die 
Kugeln (das Wappen der Medicäer!) hinauswerfen"!* 

Frankreich betreffend, sind verschiedene ältere Angaben 
als irrtümlich erwiesen; die Bombarden vor Puy-Guillaume 
(1338), Ronen (1338), Cambray (1339) und Quesnoy (1340), 
waren der ganzen Beschreibung nach nur Raketen oder Brand- 
pfeile, und das nämliche gilt für die 1345 zu Cahors frabrizierten 
24 wcanones", die insgesamt nur 60 Pfunde Pulver erforderten,^ 
sowie für die zu Artois und Toulouse benützten »kleinen Feuer- 
röhren". Was eine 1341 erwähnte Donnerbüchse (tonnoir) an- 
belangt, so fehlt es an näheren Nachrichten; 1354 befahl König 
Johann L, in den Zeughäusern die Mengen jener vorrätigen 
Metalle festzustellen, die zur Ausnützung der von Berthold 
Schwarz gemachten „invention de faire Tartillerie" brauchbar 
seien, doch scheint sein „Reglement" keine praktischen Folgen 
gehabt zu haben, da die Chronisten ausdrücklich berichten, die 
Franzosen hätten in den Entscheidungsschlachten wider die 
Engländer, weder bei Crecy (1346) und Poitiers (1356), noch 
während des Krieges von 1364 bis 136Q, Geschütze besessen, und 
solche auch 1415 bei Azincourt und vor Mans nur in geringer 
Zahl geführt und schlecht bedient. Handrohre sollen nach 
Froissart vor 1382 nur selten angewandt worden sein, während 
die Pulvererzeugung und Geschützgießerei ihren Aufschwung 
sogar erst seit 1425 nahm, weil zu jener Zeit Städte und Bürger- 
schaften, ja selbst Innungen und Korporationen, ihre politische 
Macht durch den Besitz von Artillerie zu erhöhen suchten. — 

^ Capponi, „Geschichte der florentinischen Republik", Leipzig 1876; 
I, S. 347. ' ebd. I, S. 361. ' ebd. II, S. 9. ' ebd. II, S. 61. 

^ Berthelot, „Science et philosophie", Paris 1886; S. 104 ff. 



ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U.S.W. 157 

Was die Bezeichnung „Artillerie" betrifft, so stammt dieser, im 
Französischen schon 1228 nachweisbare Ausdruck, vom mittel- 
lateinischen ,;ars" = Geheimkunst oder List ab; es bedeutet 
„artiller": „auf List, auf Widerstand sinnen, daher „artillier": 
„befestigen", und „artillerie": Gewerfe, Wurfmaschinen und die 
mit diesen beladenen Wagen; mit Anlehnung an „arke" oder 
„arche" = Kasten (des Gewerf es), wurde dieses unverstandene 
romanische „artillerie" später in das deutsche „Arkeley" um- 
gewandelt. Die das Geschütz bedienenden und begleitenden 
„Soldaten" sind „Solidarii" = Söldner, „Pioniere" = Fußgänger 
(ital. pedono, span. peone), oder „Sarjanten", d. i. Sergeanten = 
Servientes (Schergen, Knechte); zum Sergeanten in heutigem 
Sinne verhält sich also der mittelalterliche ebenso, wie zum 
heutigen „Minister" oder „Marschall" der ursprüngliche Diener 
(erhalten in „Ministrant") oder Pferdeknecht. 

Außerordentlich große und rasche Fortschritte machte die 
französische Artillerie unter Ludwig XI. und namentlich unter 
Karl VI IL, so daß dessen gewaltige Armee, die 1494 mit 
60000 Mann, — darunter 12000 Armbrustschützen und 8000 
Flinten und Schwerter führenden Fußsoldaten — , in Italien ein- 
rückte, dort vor allem durch ihre Geschütze Angst und Schrecken 
erregte. Zwar verstanden es auch die Italiener, vortreffliche 
Geschütze zu gießen und benützten sie, um Städte zu belagern 
oder um ihren Festlichkeiten „durch deren Donnern erhöhten 
Glanz zu verleihen", wie das zuerst die Borgias getan haben 
sollen, 1 aber diese Stücke waren gering an Zahl, von großem 
Gewichte und daher nur langsam auf gewaltigen Ochsenwagen 
transportabel, während die Franzosen leichte, von Pferden ge- 
zogene, rasch bewegliche und aufstellbare, nicht steinerne, 
sondern eiserne Kugeln schießende Geschütze besaßen, die den 
für Italien neuen Namen „Kanonen" führten und mit zahlreichen 
Verbesserungen versehen waren, namentlich mit Schildzapfen 

^ Burkhardt, „Kultur der Renaissance in Italien", Leipzig 1896; I, 
S. 99 und II, S. 142. 



158 ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U S. W. 

und Lafetten.^ Einen Teil dieser Verbesserungen sollen die 
Franzosen übrigens der ebenso vortrefflichen wie zahlreichen 
Artillerie Burgunds entlehnt haben; belagerte doch Karl der 
Kühne 1474 Neuß mit 350 großen und kleinen ,;Stücken", und 
verlor in der Schlacht bei Murten nicht weniger als 419 Ge- 
schütze, deren einige noch jetzt im dortigen Museum zu 
sehen sind! 



Es dürfte hier die passende Stelle sein, um auch auf die 
technische Entwickelung und die Namengebung der 
schweren und leichten Feuerwaffen, wie sich diese bis gegen 
das Ende der Renaissancezeit herausgebildet hatten, einen kurzen 
Rückblick zu werfen. Als wichtigste Quellen kommen hierbei 
in F"rage: das handschriftliche Münchener ,;Kriegsbuch" von 
etwa 1350, Kyesers »Bellifortis" von 1405, das „Feuerwerks- 
buch" von 1410 und das etwa gleichzeitige „Streydbuch" 
der Ambraser Sammlung, Valturios „Kriegsbuch" von 1460, 
die Schriften Lionardo da Vincis (1451 bis 1517), das „Kriegs- 
buch" des Della Valle von 1521, die „Pirotecnia" des Birin- 
guccio von 1540, und das „Skizzenbuch" des Ingenieurs Fon- 
tana von 1420, dessen Beschreibungen der Torpedos und 
Raketen namentlich vieles für den Obergang von diesen zu den 
ersten Feuerwaffen sehr charakteristische enthalten. 

Alle Nachrichten stimmen darin überein, daß als älteste 
Form der schweren Geschütze der aus Eisen gegossene Mörser 
oder Böller anzusehen ist. Der Name „Böller" kommt vom 
griechischen TTSTpo-ßoXo? (Petro-Bolos), d. i. „Steinwerfer", und 
ist schon 1313, aber auch noch 1405, als für die frühere Stein- 
wurfmaschine gebraucht, nachweisbar. Der Mörser oder „Wurf- 
kessel" wurde ursprünglich nur senkrecht stehend benützt, und 
das Geschoß, der anfangs unregelmäßig gestaltete „Stein", auf 
seine Mündung gelegt. Sobald man aber den Stein zur runden 

1 Capponi, a.a.O. II, S. 185; Prescott, a.a.O. II, S. 26. 



ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U.S.W. 159 

„Kugel" zu formen und diese in das Geschütz zu laden begann, 
machte sich eine Verlängerung des Kessels zum „Rohre" erforder- 
lich, und hieraus ergab sich unmittelbar die Notwendigkeit 
„Hinterlader" zu konstruieren, die seither bis gegen 1400 ganz 
vorwiegend im Gebrauche blieben; die Kugeln wurden hierbei 
mittels Holzkeilen befestigt und durch ein Tuch oder ein Heu- 
bündel „verschoppt". Die Pulverkammer brachte man entweder 
am hinteren Ende seitlich, und zwar senkrecht gegen die Längs- 
richtung der Geschütze an, die dann den bezeichnenden Namen 
„Elbogen" (Code) trugen, oder man bildete die kleinkalibrige, 
durch einen Spund verschließbare Kammer in Gestalt einer 
röhren- oder pfeifenähnlichen Verlängerung des Geschützes aus; 
diese bezeichnete man mit einem, vom Dialektworte „pummern" 
(= dröhnen) abgeleiteten und im Namen „Pummerin" für die 
Riesenglocke zu St. Stephan in Wien noch erhaltenen, damals 
aber namentlich für die großen Orgelpfeifen gebräuchlichen 
Ausdrucke „Bumhart", „Pummer" oder „Bommer", der weiter- 
hin auf das ganze Geschütz überging, und so zu dessen Be- 
nennung als „Bombarde" (Bumbardia) Veranlassung gab. Wie 
es scheint, war aber in Italien das Wort Bombarde schon ge- 
bräuchlich, bevor Pulvergeschütze eingeführt wurden, von 
denen z. B. 1376 der Trevisanische Chronist Quero noch als 
von einer neuen Erfindung spricht: „Bombarda, instrumentum 
novum, ferreum, fortissimum" (ein neues eisernes Gerät von 
größter Kraft); vermutlich bezeichnete ursprünglich „Bombus" 
(vom griechischen ^Q]j!ii^c, = Summen) jedes summende Geschoß, 
und „Bombus ardens" (= brennende Bombe) jedes Zündgeschoß, 
und daher erklärt sich auch der noch bei Valturio vor- 
kommende Gebrauch von „Bombarde" für die Armbrust- oder 
Bogenwurf maschine (arcubalista, arbaleste, bailiste), sowie für 
die Rakete. Jedenfalls flössen aber die alte und neue Bedeutung 
des Wortes Bombarde rasch zusammen und außerdem fanden 
noch mannigfache Verwechslungen mit den „Lombarden", einer 
in Norditalien vielgebrauchten Art Wurfmaschine, statt. 



160 ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U.S. W. 

Schon sehr frühzeitig machte sich das Bestreben geltend, 
den Wurfkessel möglichst zu vergrößern, und da das Gießen 
schwererer Stücke in Eisen, Kupfer, Glockenspeise oder Erz 
anfangs noch wenig ausgebildet war, so verfiel man darauf, 
Eisenstäbe rund über einen Dorn zusammenzuschmieden und 
den so gebildeten Geschützkörper durch heiß aufgezogene Ringe 
zu verstärken. Das älteste, noch erhaltene Geschütz solcher Art 
ist die im Wiener Arsenale befindliche Riesenbombarde, die 
um 1350 in Steyr verfertigt wurde: sie ist 2,5 m lang, hat 1,1 m 
Durchmesser und schoß mit 67 kg Pulverladung 550 kg schwere 
Steine; ähnliche, aber kleinere Bombarden sind die im Schlosse 
zu Edinburg (von 1456?), die zu Baza in Spanien (von 1489), 
und die am Genter Marktplatze aufgestellte »tolle Grefe" (von 
1382?); die Namen »tolle Grefe", ,; faule Grefe" und dergl. 
haben mit Grefe und der mißverständlichen französischen Über- 
setzung Marguerite nichts zu schaffen, sondern leiten sich vom 
niederdeutschen griet (englisch great) ab, bedeuten also einfach 
»die große", wie denn auch die 1400 zu Arras verfertigte Riesen- 
bombarde nur „La Griefe" hieß. — Ganz aus Erz oder Bronze 
gegossene Bombarden waren im 14. Jahrhunderte selten, be- 
sonders in Deutschland, woselbst man seit jeher den Eisenguß 
bevorzugte. Größere Geschütze, wie die 50 Ztr. schwere 
Speyerer Bombarde von 1406, wurden anfangs über einen Kern 
gegossen, und ahmten dabei äußerlich den eisernen Mörser 
mit Verstärkungsringen nach, wie dies ein im Nürnberger 
Germanischen Museum vorhandenes Rohr von 1420 deutlich 
zeigt; schon um 1400 verstand man aber auch das Ausbohren 
der Geschütze und stellte seither solche mit geraden, aber auch 
schon mit „gezogenen" Rohren, von 300 Ztr. und mehr Ge- 
wicht her. 

Als Geschosse waren anfänglich nur Steinkugeln gebräuch- 
lich, die zuweilen, wo es an Steinen mangelte, auch durch 
»gebackene Kugeln" aus Ziegelmasse ersetzt wurden; später 
versah man die Steine mit eisernen Bändern oder überzog sie 



ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U.S.W. 161 

mit Blei, führte eisenbeschlagene, oft mehrere Zentner schwere 
„Kegel" oder ,; Bolzen" ein und gelangte so schließlich zu Lang- 
und Rundgeschossen aus Blei, Erz oder Eisen. Das „Feuer- 
werksbuch" von 1410 erwähnt diese zuerst in Deutschland, 
doch wurden dort eiserne Vollkugeln wegen ihres hohen Preises 
selbst nach 1500 nur selten und meist nur als Glühgeschosse 
verwendet. Aus Frankreich dagegen hören wir, daß schon 1450 
die Städte der Normandie kapitulierten, sobald Bombarden mit 
gegossenen Eisenkugeln anlangten, »weil gegen diese kein 
Widerstand möglich ist"; Ludwig XI. ließ 1477 zwölf Bombarden 
für 5 Ztr. schwere Eisenkugeln anfertigen und Karl VIII. ver- 
sah die Feldartillerie mit solchen; den Italienern war 1495, beim 
Einrücken seiner Truppen, diese Erfindung noch neu, und wurde 
als vinventione bellissima et horribile" bezeichnet. Hohl- und 
Sprenggeschosse, mit festgestampftem Pulversatze und mit Bronze- 
hülsen, erwähnt schon Kyeser, und zwar wurden sie zumeist 
aus Hinterladern im Bogenwürfe entsendet; man verfertigte sie 
gewöhnlich aus zwei, durch Reifen oder Scharniere vereinigten 
Halbkugeln, mindestens waren solche aus einem Stück noch 
nach 1500 selten. Für Feldgeschütze sollen erst sehr spät, 
nämlich in den niederländischen Kriegen der Spanier, kleine 
Hohlgeschosse verwandt worden sein, die man vorher aus- 
schließlich als »Handbomben" benutzte;^ wegen ihres Zer- 
platzens in viele kleine Stücke oder „Körner" (granae) nannte 
man diese auch „Granaten" (granata, grenade), und die Soldaten, 
die sie zu werfen hatten, hießen „Grenadiere". 

Neben den Mörsern, Böllern und Bombarden werden am 
käufigsten die „Büchsen" (Pixen) genannt, deren von xu$t; 
(pyxis) abgeleiteter Namen in allen Sprachen wiederzufinden 
ist; die Büchsen waren anfangs „Steinbüchsen", erst später 
wurden eiserne Kugeln (Klötze) und bleierne Kugeln (Lot, 
vom niederdeutschen lood = Blei) aus „Klotzbüchsen" und „Lot- 
büchsen" geschössen. Mit beweglicher Ladebüchse versehene 
' Abbildung bei Jahns, Tafel 79. 

V- Lippmann, Beiträge 11 



162 ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U.S. W. 

»Kammerbüchsen" werden 1412 zuerst erwähnt, auch be- 
zeichnete man die Bombarden als „Hauptbüchsen", woraus, 
unter Anlehnung an das von den Hussiten entsteinte »Hauf- 
nitze", die „Haubitze" wurde — französisch ausgesprochen 
wobus", was jetzt Granate bedeutet; kleinere Büchsen hießen 
„Viertelbüchsen" oder „Quartanen", seit etwa 1460 auch „ Kar- 
tau nen". Mit Vorliebe gab man den Geschützen die Namen 
wilder Tiere oder Ungeheuer, z. B. Drachen, Natter, Höllen- 
bund, Fledermaus, Basilisk, Wurm, Singerin (Sirene), Sperber, 
Falke, Schlange u. s. f.; so erklären sich die Bezeichnungen 
„Falkaunen" (Falkonet, Falcone) und „Schlangen" für die 
Geschütze mit langen Rohren, deren Vorteile man immer mehr 
erkannte. Der Name „Metze" (Mette) endlich ist von mez 
(=Maß, Gefäß) ebenso abgeleitet, wie „Kanone" von „canon". 
„Hagel- oder Igel-Geschütze", die mehrere (6 bis 10) 
Rohre um eine Achse angeordnet enthielten, werden schon 1405 
bei Kyeser erwähnt, ferner 1430 in Bremen, 1432 in Paris, 
1439 in Belgrad, 1445 in Basel, und 1496 als Feldgeschütze 
in Flandern; aus ihnen gingen die 25- bis 40 läufigen soge- 
nannten „Todtenorgeln" oder „Orgelgeschütze" hervor, 
wie sie mit Vorliebe Karl der Kühne von Burgund und Kaiser 
Max I. benutzten.! Ebenso entwickelte sich aus jener Art von 
Hagelgeschützen, deren „Hagel" anfänglich nur aus Kiesel- 
steinen bestand, die „Kartätsche", die mit einer Papier -Kar- 
tusche (Cartocchio, von carta = Papier) geladen wurde, und 
die, nach der Eisensplitter (mitrailles) enthaltenden Kartusche, 
auch „Mitrailleuse" benannt wurde. Über ein Repetier- 
geschütz" spricht bereits Kyeser und betitelt es „revolvendus" 
und zu Beginn des 15. Jahrhundertes wurden solche „Dreh- 
linge" schon vielfach gebraucht; ^ Lionardo da Vinci rühmt 
sich, neben Bombarden, Orgelgeschützen und Dampf kanonen 
auch solche bauen zu können. 

Sämtliche Geschütze wurden ursprünglich nur auf Wagen 
1 Abbildung bei Jahns, Tafel 84. ^ ^b^j^ y^fei 79^ 



ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U.S. W. 163 

liegend transportiert und erst an Ort und Stelle in Holzwerk 
(Bast) eingebaut, woher die Namen »Bastei" und »Batterie" 
rühren. Später werden neben diesen »Wagenbüchsen" auch 
«Karrenbüchsen" erwähnt, deren kleinste Exemplare ein in 
eine Holzgabel gespanntes Pferd zog; diese Holzgabel oder 
Fuste (vom mittellateinischen fusta = Holz) gab der »Lafette" 
(la fusta) ihren Namen. Fahrbare Rädergeschütze werden zuerst 
1406 in Metz und 1408 in Augsburg besonders aufgeführt, 
doch waren sie sehr unvollkommener Natur, denn Holzgestelle 
oder Lafetten, die eine Höhen- und Seitenverschiebung, und 
Schildzapfen, die eine vertikale Bewegung des Rohres ge- 
statteten, finden sich nicht vor 1475 beschrieben, die. Richt- 
schraube wurde erst gegen 1500 (in der durch einen polnischen 
Jesuiten verbesserten Gestalt sogar erst gegen 1650!) bekannt, 
und den Kaliberstab erfand frühestens 1540 der Nürnberger 
Georg Hartmann/ und unabhängig von ihm (?) auch 
Tartaglia in Brescia.^ 

Schiffsgeschütze sind mit Bestimmtheit 1378 auf eng- 
lischen, 1379 auf venetianischen, und 1384 auf hansischen 
Schiffen nachweisbar, während ältere Angaben von 1354 
(Lübeck) und 1346 (London) auf Mißdeutungen beruhen dürften. 
So lange nur geruderte Galeeren in Gebrauch standen, konnte 
man bloß an Bug und Heck Geschütze, und zwar fast aus- 
schließlich Hinterlader, aufstellen; die Breitseiten wurden erst 
bewaffnet, als man mit Segeln allein zu mannöverieren lernte, 
und die erste moderne Seeschlacht war daher die englisch- 
französische vor Brest 1512. Die spanische Armada von 1582 
zählte jedoch bereits 2431 Geschütze auf 130 Schiffen. - Ein 
Kanonenboot gebrauchte zuerst 1474 Karl der Kühne, um 
Neuß von der Rheinseite her zu beschießen; schwimmende 
Batterien ließ Karl V. zur Belagerung Algiers konstruieren 
(1535) und in den niederländischen Kriegen wurden sie 1574 
vor Leyden benützt. 

' Beckmann, a. a. O., II, S. 462. ^ ^^^j jy^ g 2IO. 

11* 



164 ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U.S. W, 

Was die Handfeuerwaffen anbelangt, so sind die ältest 
erhaltenen zumeist Bronzeröhren von etwa 5 kg Gewicht, auch 
,; Bleibüchsen" genannt, da sie 2 bis 2,5 Lot schwere ;, Kugeln" 
oder »Eicheln" aus Blei schössen; anfangs scheint stets ein 
Mann das Rohr gehalten und gezielt, und ein zweiter die 
Luntenzündung besorgt zu haben, während später ein einziger 
»Feuerschütze" das gesamte Abfeuern übernahm. Die Ver- 
längerung der Handkanonen oder Knallbüchsen führte auch 
hier zur Konstruktion des Hinterladers, der „Kammerbüchse", 
die ein Rohr mit beweglicher (einzulegender) Ladekammer be- 
saß; erst seit etwa 1400 verstand man es, Rohr und Kammer 
aus einem Stücke zu machen und fertigte seither auch Vorder- 
lader an, zu deren Bedienung Ladestöcke erforderlich wurden. 
Mit Schaft versehene „Gewehre" (= Waffen, so wie wir heute 
noch von „Seitengewehr" sprechen), finden sich zuerst 1376 
in Regensburg erwähnt; nach 1400 begann man, den Schäften 
der längeren und daher auch schwereren Rohre auf Gabeln 
oder Böcken ein Auflager zu geben, das durch einen an- 
gebrachten „Haken" gesichert wurde, und so entstanden die 
ursprünglich auch von zwei Mann bedienten „Hakenbüchsen" 
oder „Bockbüchsen", deren erstere unter dem Namen „Harki- 
buchsen" oder „Harkebusen" alsbald mit der alten „Arque- 
buse" identifiziert wurden. Als Mittelglied zwischen den Arke- 
busen und den kleineren Karrenbüchsen bildete sich die 
Muskete heraus, abgeleitet von „muschetta", dem mit einem 
Sperber verglichenen Bolzen der großen Armbrüste, nach dem 
man nun auch das neue Geschoß benannte. Orsini erwähnt 
sie schon 1477, allgemeiner gebraucht wurde sie aber zuerst 
bei den Spaniern, deren Armee in der Schlacht bei Pavia 
(1525) schon zahlreiche Musketen-Gabelschützen zählte, während 
z. B. Georg von Frundsbergs Landsknechte allein Hand- 
rohre führten. Als die Arkebusiere der Spanier, die mit 20 kg 
schweren, 300 Schritt weit tragenden Rohren und mit je 
dreißig Stück vierlötigen Bleikugeln ausgerüstet waren, den 



ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U. S.W. 165 

verstärkten Rüstungen der Feinde keinen Schaden mehr zu 
tun vermochten, führte Herzog Alba eine Neuerung ein; er 
trat nämhch 1567 den Eilmarsch nach Flandern ohne beschwer- 
liche Artillerie an, fügte aber zu jeder Abteilung Fußvolk fünf- 
zehn »Musketiere", die Musketen mit tragbaren, bis dahin nur 
im Festungskriege üblichen Gabeln besaßen, und mit je fünfzehn 
Stück achtlötigen Kugeln versehen waren. ^ Da es den deut- 
schen und französischen Truppen um diese Zeit selbst an 
Arkebusieren zumeist noch fehlte, so sicherte sich Alba auf 
diese Weise eine große taktische Überlegenheit; die Gabel- 
musketen wurden später in sämtlichen Armeen eingeführt, und 
erst Gustav Adolf, der das Gewicht aller Feuerwaffen mög- 
lichst zu erleichtern suchte, schaffte sie 1626 wieder ab. 

An Stelle der anfänglichen Zündung mit loser Lunte trat, 
nachdem bereits das Zündloch und die gedeckelte Pulver- 
pfanne erfunden war, 1378 das Luntenschloß, indem die Lunte 
in einen „Hahn" oder „Drachen" gespannt und mittels der 
Hand oder einer Feder auf die Pfanne gedrückt wurde; die 
Zündung mit offener Lunte blieb jedoch noch fast zweihundert 
Jahre lang weiterbestehen, weil die Schlösser als teuer, zer- 
brechlich und unsicher galten, weshalb denn auch viele Rohre 
zugleich für offene und Schloßzündung eingerichtet wurden. 
Aus den nämlichen Gründen gewannen auch mehrere analoge 
Erfindungen nur geringe Verbreitung, z. B. das Lunten- und 
Zündschwamm-Schnappschloß, das Nürnberger Radschloß mit 
stählernem Zahnrad, durch Schlüssel spannbarer Feder und 
Zündung durch ein in den Hahn gesetztes Stück Pyrit (Schwefel- 
kies), — erdacht 1515 oder 1517 durch Peter Libs, ver- 
bessert durch Kuhfuß, woher der noch heute übliche Name 
w Kuhfuß" für das Kommißgewehr rühren soll — , sowie auch 
das Steinschnappschloß. Auch bei diesem diente als Stein 
anfangs (und noch 1540) der Pyrit, der erst gegen Ende des 
16. Jahrhundertes durch den härteren Feuerstein (Flint, fusil) er- 

' Prescott, „Geschichte Philipp IL", Leipzig 1856; II, S. 10. 



166 ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U, S. W. 

setzt wurde; so entstand das verbesserte Steinschloßgewehr 
(Flintgewehr, Flinte), das 1592 der Venetianer Cornaro, an- 
scheinend als deutsche Erfindung, beschreibt. Mit Flintgewehren 
(fusil) ausgerüsteten Truppen („Füsilieren") begegnen wir 
jedoch zuerst in Frankreich, und zwar 1635 bei der Kavallerie, 
1671 bei der Bedeckung der Artillerie, und nicht vor 1700 bei 
der Infanterie, die bis dahin die Lunten beibehalten hatte; 
gleichzeitig wurde auch das zu Bayonne übliche sogenannte 
Bajonett eingeführt, ferner fanden die seit 1498 bekannten ge- 
raden Züge und die von Kutter in Nürnberg 1560 erfundenen 
Schraubenzüge immer allgemeinere Anwendung zur Herstellung 
,; gezogener Gewehre" für „Scharfschützen" und „Jäger", und 
endlich erfolgte auch das Laden in verbesserter Weise, nämlich 
nur mehr mittels fertiger Patronen. Die „Patrone" (vom mittel- 
lateinischen patronus = Herr, Vorbild, Muster) wird für Hand- 
waffen bereits gegen 1550 erwähnt und ging vermutlich aus 
den, schon dem Roger Bacon bekannten Pergamenthülsen 
der Feuerwerkskörper hervor; zur regelmäßigen Ausrüstung 
der Truppen verwandte sie zuerst 1567 Herzog Alba, und 
in Neapel stand sie nach Capobianco 1596 schon seit längerem 
zu diesem Zwecke in Gebrauch. 

Für die Reiterei führte Karl V. statt der vierfüßigen Harke- 
busen eine leichtere Schieß waffe ein, die „Pistole"; in den 
türkischen und französischen Kriegen war sie noch ganz neu, 
und als „neue Erfindung der Deutschen" werden auch in einem 
Berichte an Franz I. „les reiters ou pistoliers" genannt; Philipp II. 
rüstete 1557, im Kriege gegen Frankreich, seine „Kürisser" 
(Kürassiere) gleichfalls mit je 5 bis 6 Stück dieser immer noch 
ungewohnten Waffe aus.^ Den Namen Pistole hat man von 
„pistillum" oder „pistallo" (= Knauf) abgeleitet oder von „pisto- 
leji", einer Art zu Pistoja gebräuchlicher, gleichfalls im Gürtel 
zu führender Dolche, oder vom Kaliber der Waffe, das dem 
einer „Pistole", d. i. einer Goldmünze von Pistoja, gleich ge- 

1 Prescott, a.a.O.; I, S. 145. 



ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U.S. W. 167 

wesen sei; in Wirklichkeit rührt aber diese Bezeichnung vom 
böhmischen ,;pistaly" (= Pfeife, Röhre) her, und wurde von 
den leichten Geschützen der Hussiten, die dieses Wort zuerst 
bekannt machten, auf kleinere Handrohre (Faustrohre, Fäust- 
linge) übertragen; hierfür spricht es auch, daß der russische 
Namen für Handrohre ebenfalls ;;pistali" lautet. 

Die kleine, als „Terzerol" bekannte Handwaffe führt ihren 
Namen von »tertiolus", einer kleinen Falkenart; frühzeitig 
wurden derlei Handrohre auch als ;;Drehlinge" ausgebildet, 
so z. B. erwähnt der Novellist Straparola einen fünfläufigen 
Revolver 1550 als etwas ganz Bekanntes.^ 



Völlig irrtümlich wäre es jedoch, durch die große Zahl 
und Mannigfaltigkeit der genannten Feuerwaffen verführt, an- 
zunehmen, daß diese auch gleich anfangs rasch und allerorten 
Eingang gefunden und in der Heeresausrüstung alsbald eine 
maßgebende Rolle gespielt hätten; vielmehr trifft, besonders 
in einzelnen Ländern, gerade das Gegenteil zu, und zwar oft 
in ganz überraschender Weise. 

Die Verbreitung der Geschütze hinderte zunächst die 
Kostspieligkeit der Rohre wie der Munition; der Transport, 
der sehr starke Wagen und besonderes Hebezeug erforderte, 
war mühevoll und schwierig, die Beweglichkeit selbst der 
Räderkanonen gering, und daher die Wahrscheinlichkeit, zu- 
gleich mit einer Schlacht auch die gesamte Artillerie zu ver- 
lieren, groß; das Laden und Abfeuern erforderte sehr viel 
Zeit, und fügte durch den Rückstoß, durch Platzen der Rohre 
(namentlich bei Gebrauch gekörnten Pulvers), und durch die 
Feuergefährlichkeit der offenen Pulvertonnen häufig der Be- 
dienungsmannschaft Schaden zu; Tragweite und Durchschlags- 
kraft waren klein, das Zielen schwierig, das Wechseln des 
Zieles fast unmöglich. Wir hören z. B., daß die venetianischen 

' Hb. 9, cap. 3. 



168 ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U.S. W. 

Bombarden vor Chioggia 1380 selten mehr als einen Schuß 
im Tage abgeben konnten, und so den Belagerten Frist ließen, 
das beschädigte Mauerwerk in der Zeit zwischen je zwei 
Schüssen wieder auszubessern; die Spanier brachten es vor 
Setenil mit fünf Bombarden auf täglich 40 Schüsse, die Hus- 
siten 1422 vor Karlstein mit 41 Geschützen meist nur auf 
41 bis 100, die Spanier 1489 im granadischen Kriege mit 
40 Bombarden auf höchstens 150, und das Braunschweiger 
Riesengeschütz, die ,; faule Mette", feuerte gar von 1411 bis 1728, 
also binnen 317 Jahren, im ganzen nur neunmal, ohne aber 
dabei einen Treffer zu verzeichnen. Daß die 1428 in Orleans 
belagerten Franzosen gezielte Schüsse abzugeben verstanden, 
wird als Merkwürdigkeit erwähnt; über einen Metzer Büchsen- 
meister berichtet die dortige Chronik von 1437: »Er schoß in 
einem Tage dreimal und traf wohin er wollte, gebrauchte 
hierzu aber jedenfalls die magische Kunst, so daß er zur Los- 
sprechung von seinen Sünden nach Rom wallfahrten mußte"; 
die vielgerühmte Feldartillerie Karl VIII. tötete 1495, bei For- 
nuovo, »trotz steten Schießens und standhaften Ausdauerns 
keine zehn Mann"; ebenso waren in der Seeschlacht bei Brest 
(1512), »in der 85 Schiffe an 307 Schüsse abgaben und jedes 
Geschütz einmal feuerte", so gut wie keine Verluste zu ver- 
zeichnen; ein vielgebrauchtes Sprichwort dieser Zeit, das noch 
1563 Kirchhofs »Wendunmut" anführt, lautet: »Das Treffen 
ist nicht allweg Kunst, — Es liegt meistteils an Gottes Gunst!" ^ 
— Was die Zahl der Geschütze anbelangt, so vermochte z. B. 
Nürnberg 1449 seine Türme mit 100 Büchsen auszurüsten und 
besaß 1462 schon 306 große und kleine Büchsen, 57000 Stein- 
und Bleikugeln und 200 Zentner Pulver; noch um 1500 galt 
in Spanien und Frankreich ein Feldgeschütz auf 1000 Mann 
Fußvolk als vollauf genügend. Daß die protestantische Armee 
1546 mit 106000 Mann und 140 Geschützen gegen Karl V. 

^ „400 Schwanke des 16. Jahrhundertes" , ed. Bobertag, Stuttgart 
D. N. L, S. 360. 



ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPUL VERS U.S.W. 1 6Q 

auszog, wurde schon als eine außerordentliche Machtentfaltung 
angesehen, und war dies auch in der Tat, wenn man die un- 
geheueren Schwierigkeiten der Bedienung und der Transporte 
bedenkt; Karl VIII. z. B. brauchte für seine 140 Geschütze außer 
300 Büchsenmeistern 4000 Fahrer und 6200 Pioniere, und 
rechnete bei Regenwetter 40 bis 50 Pferde für jedes Geschütz, 
das „Zeugbuch" Kaiser Max I. verlangt für kleines Geschütz 
fünf, für größeres 22 Pferde, und das ;; Reglement" Karl V. 
bestimmt für ein dreipfündiges Falkonet einen Meister und 
zwei Gehilfen, für eine vierzigpfündige Kartaune aber schon 
zwei Meister und sechzehn Gehilfen. ^ — Unter solchen Umständen 
kann es nicht Wunder nehmen, daß noch um 1500 in dem 
nämlichen Italien, das bald darauf unter Lionardo da Vinci, 
Flavio Biondi, Biringuccio, und vielen Anderen, durch enthu- 
siastische Aufnahme und allseitige Ausbildung der »deutschen 
Erfindung" zum Lehrmeister Europas in allen Kriegs- und 
Festungskünsten werden sollte, Stimmen geringschätzigsten 
Klanges laut wurden. ^ So z. B. versichern zwei namhafte 
Historiker, Politiker und Soldaten, Machiavelli und Guicciar- 
dini, fast gleichlautend, daß die „deutsche Pest", d. i. das 
Feldgeschütz, mehr Lärm als Schaden verursache und am besten 
gar nicht gebraucht werde; will man es aber dennoch benützen, 
so feuere man es zu Beginn des Treffens einmal ab, ziehe es 
aber dann sogleich völlig zurück, anderenfalls werden die 
Feinde, indem sie sich platt zu Boden werfen oder nur rasch 
nach den Seiten ausweichen, die Geschosse über oder zwischen 
sich hingehen lassen, die Geschütze aber im Eillaufe wegnehmen, 
bevor sie nochmals geladen werden können. 

Noch allmählicher als die Verbreitung der Geschütze er- 
folgte die der Handfeuerwaffen: 1427 zählte das gegen die 
Hussiten aufgebotene Heer unter 80000 Mann 200 Handbüchsen, 

' Scherr, ,;Deutsche Kultur- und Sittengeschichte«, Leipzig 1887, S.317. 

' Burckhardt „Die Kultur der Renaissance in Italien", Leipzig 1896; 
I, S. 99. , 1 s ' 



170 ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U.S. W. 

1429 das Brandenburger Kontingent unter 1000: 50, 1444 das 
Züricher unter 1770: 61, 1456 das Würzburger unter 400: 54, 
1492 das Straubinger unter 1836: 551; Orsini forderte 1477 
auf 20000 Mann 500 Büchsen, König Ferdinand von Spanien 
besaß 1488 auf 834 Mann nur 80, Karl VIII. 1494 auf 1000 Mann 
nicht mehr als 50, und Kaiser Max I. fand 1507 nicht genug 
Büchsenschützen, um seinen Römerzug allein mit solchen an- 
zutreten; von Herzog Albas Fußvolk waren 1525 kaum die 
Hälfte mit Haken, darunter nur zehn (später 50) Mann jeder 
Kompagnie mit Musketen bewaffnet, Frundsbergs Landsknechte 
hatten unter 12000 Mann bloß 1500 Feuerschützen, und die 
Reiterei Karl V. zählte deren nur 60 auf jedes Fähnlein von 
240 Mann. Der größte Nachteil der Handwaffen war gleich- 
falls ihre Langsamkeit; während z. B. 1415 bei Azincourt die 
englischen Bogner zwölf Pfeile in der Minute abschössen und 
mit ihnen die Panzer der Feinde durchbohrten, brauchte 1445 
ein geübter Feuerschütze noch eine Viertelstunde für jeden 
seiner, meist schlecht gezielten, wenig wirksamen, und nicht 
weit genug tragenden Schüsse, und wie sehr es an raschen 
Fortschritten fehlte, zeigt die Tatsache, daß selbst 1625, zu 
Gustav Adolfs Zeit, siebenmaliges Feuern während einer 
Schlacht für eine vorzügliche Leistung der Infanterie galt, ja 
daß 1627 die Bogenschützen noch einen regelmäßigen Bestand- 
teil der englischen Armee bildeten! Allerdings äußerte sich 
der allgemeine tiefe Widerwillen der gesamten militärischen 
Organisation aller Länder gegen die Einführung der Feuer- 
waffen nirgends in höherem Grade als in England und Frank- 
reich, die infolgedessen bis etwa 1475 weit hinter fast sämt- 
lichen übrigen Staaten zurückblieben; begründet war dieser 
Widerwillen in den glänzenden Leistungen und großen Privi- 
legien der Bogen- und Armbrustschützen, in dem Mißtrauen, 
der Eifersucht, und der Eitelkeit des Adels, und in der Scheu 
aller vornehmen und führenden Kreise, sich die zur Herstellung, 
Beurteilung und Handhabung der Feuerwaffen erforderlichen 



ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U.S.W. 171 

besonderen Kenntnisse durch bis dahin unnötige Studien und 
Anstrengungen zu eigen zu machen. Daß sogar bei den 
„Schießfesten" Büchsen zu Augsburg erst 1449, zu Würzburg 
1475 zugelassen wurden, mag zeigen, wie groß selbst die in 
Deutschland zu überwindenden Vorurteile waren. Für Frank- 
reich und Italien genügten, um diese zu zerstreuen, nicht ein- 
mal die entscheidenden Schlachten bei Ravenna (1512) und 
Pavia (1552), obwohl in ersterer die offensive Anwendung der 
Artillerie sowie die unerhörte Neuerung einer ,; Generalsalve" 
der spanischen Arkebusiere geradezu Epoche machte, und in 
letzterer die ;;zerstreute Gefechtsweise" der deutschen Feuer- 
schützen glänzende Erfolge zeitigte; während die erste 1533 in 
Mainz gedruckte Übersetzung des Livius selbst die Römer 
schon als Landsknechte und mit Feuerwaffen und Geschütz 
versehen abbildet, versichern noch 1550 erfahrene Heerführer 
ersten Ranges, wie Cornaro oder Vigenere, »in Überein- 
stimmung mit allen großen italienischen und französischen 
Feldherren", daß Armbrüste besser, brauchbarer, rascher und 
treffsicherer seien als Handfeuerwaffen, und daß diesen nur ein 
wirklicher Vorteil zukomme, nämlich „Schrecken und Entsetzen, 
die sie verbreiteten." 



Um die Größe dieses moralischen Eindruckes richtig zu 
würdigen, darf man nicht aus dem Gedächtnisse verlieren, daß 
Pulver und Feuerwaffen seit jeher als Früchte der Schwarz- 
kunst, Magie und Zauberei galten, ihre Erfindung daher als 
eine schädliche, schlechte, verderbliche, ja fluchwürdige ange- 
sehen wurde, die das Ende des Mannesmutes und der Tapfer- 
keit bedeute und des ehrlichen Kriegers völlig unwürdig sei. 
Anschauungen dieser Art machen sich in der Kriegsgeschichte 
fast bei jeder neuen Vervollkommnung der Kampfmittel geltend: 
Schon der Spartanerkönig Archidamos rief beim Anblicke 
der ersten aus Sizilien angekommenen Wurfmaschine aus: 



172 ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U.S. W. 

wWehe, jetzt ist die Tapferkeit dahin!"; verschiedene Konzilien, 
z. B. das lateranische (1139), untersagten die Anwendung der 
verbesserten Wurfmaschinen, der Armbrüste und der großen 
Spann werke ;/als einer dem Christen unziemlichen Waffe, es 
sei denn wider Heidenvolk"; die italienischen Condottieri be- 
nutzten zwar selbst Kanonen, ließen aber den gefangenen 
Büchsenschützen (schioppettieri) die Augen ausstechen und die 
Hände abhacken, ,;weil es gemein und unziemlich ist, daß ein 
wackerer und oft adeliger Ritter von einem verachteten und 
schlechten Fußsoldaten getötet wird";^ Kaiser Max I., dessen 
Liebhaberei und Dilettantismus im „Theuerdank" in charak- 
teristischer und oft lächerlicher Weise hervortritt, soll anfangs 
die Anwendung des Nürnberger Radschlosses verboten haben, 
»weil es das Feuergewehr entstelle", und noch im 18. Jahr- 
hunderte war es Brauch, Scharfschützen oder Jägern, die sich 
gezogener Gewehre bedient hatten, den Pardon zu versagen. 
Petrarca spricht von der „deutschen Erfindung" als einem 
höllischen Werkzeuge, einer Pest; Ariost erklärt sie für einen 
ruchlosen Frevel und läßt seinen Roland ein Feuerrohr, das 
er einem niederländischen Könige und Zauberer entreißt, „als 
eines echten Helden unwert" verächtlich ins Meer werfen, aus 
dem es der Teufel wieder herausfischt und nach Deutschland 
bringt, um den Kriegsruhm der gläubigen Ritterschaft zu ver- 
nichten und ehrlosen Feiglingen Macht über die Tapfersten zu 
geben; 2 „das Verderben der edlen fahrenden Ritterschaft" nennt 
auch Cervantes „die verwünschte teuflische Erfindung, deren 
Urheber seine Sünde in der Hölle büßen müsse", ^ und in 
Shakespeares „Heinrich IV." heißt es: „Ein großer Jammer 
ist es auch fürwahr. Daß sie den bübischen Salpeter graben. 
Aus uns'rer guten Mutter Erde Schoß ".^ Nach Luthers 
„Tischreden" sind „Büchsen und Geschütz des Teufels und 
der Hölle eigen Werk, und hätte Adam derlei Instrumente ge- 

^ Burckhardt, a.a.O.; I, S. 99. %,Orlando furioso", Ges. 9, Str. 90 ff.; 
Ges. 11, Str. 22 ff. '^ „Don Quixote"; I, S. 38. * 1. Teil; I, S. 3. 



ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U.S. W. 173 

sehen, die seine Kinder gemacht, er wäre vor Leid gestorben"; 
Melanchthon nennt den Berthold Schwarz einen „Leibdiener 
und Gehilfen des Teufels", und unter des Teufels Segen Pulver 
zurechtmischend, stellen ihn auch viele alte Stiche und Bilder 
dar, und lassen so erkennen, weshalb die Geistlichkeit bemüht 
war, diesen Mann nicht als einen der ihrigen gelten zu lassen, 
ja selbst seinen Namen in Vergessenheit zu bringen; Erasmus 
von Rotterdam nennt es „ein Teufelswerk, daß sich Christen 
mit Maschinen der Hölle bekämpfen", Navagiero versichert, 
„die maurischen und italienischen Feldzüge Ferdinand I. von 
Spanien seien noch wahrhaft edle Kriege gewesen, weil man 
sich der Feuerwaffen damals noch wenig bediente und die 
Ritterschaft ihren persönlichen Mut zeigte",^ und auf diesem 
Standpunkte stehen auch noch 1668 im „Simplicissimus" 
Grimmelshausen^ und 1642 in „Philander von Sittewalds 
Gesichten" Moscherosch,^ der in einer Gerichtsverhandlung 
über den „verruchten und gottlosen Schwarzkünstler" zu dessen 
Gunsten nur anzuführen weiß, die (angeblich!) gleichzeitig er- 
fundene Buchdruckerkunst „habe durch Verbreitung der heiligen 
Schriften eine ebenso große Anzahl Seelen gerettet, als jener 
Mensch Leiber umgebracht und verdorben". Selbst Leibniz 
hat noch 1689 ein in dieser Hinsicht sehr charakteristisches 
lateinisches Epigramm verfaßt,^ das in freier Übersetzung wie 
folgt lautet: 

„Welche Wut treibt die Menschen doch an? Durch hölli- 

[sches Feuer 
Übertreffen sie noch, wahrlich, den himmlischen Strahl. 

Nicht der Donner genügt; verderbenschwangere Bomben, 
Ausgeworfen vom Blitz, tragen noch Blitze in sich: 

' Prescott, „Ferdinand und Isabella" II, S. 633. - 3. Buch, cap. 12. 
' ed. Bobertag (D. N. L.), Buch 6, S. 381 ff. * „Geschichtliche Aufsätze«, 
ed. Pertsch (Hannover 1847), S. 293. 



174 ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U.S. W. 

Neue Geschosse entflieh'n dem Bauche des ersten Geschosses, 
Aus seiner Höhlung rings streut es verderbHche Saat. 

Dumpf ertönet der Knall der schrecklichen fliegenden Minen, 
Und die Erde erbebt unter der Sprengung Gewalt; 

Häuser stürzen, es hebt zertrümmert sich in die Lüfte, 
Aufgelöst und zerstäubt, Mauerwerk samt Fundament. 

Was ein Jahrhundert gebaut, hat eine Stunde vernichtet: 
In der Zerstörungskunst, da ist der Mensch ein Genie! 

Furchtbarer sandte der Orkus uns nichts als diese Erfindung, 
Und ein teuflisches Werk heißt sie uns allen mit Recht". 

Vermutlich als eines Gegengewichtes solcher Verdächtigungen 
und Bedrohungen trachteten die ;; Feuerkünste", sich auch himm- 
lischer Fürsprache zu versichern, und so ist es wohl zu er- 
klären, daß besonders die Artillerie eifrig nach einer Schutz- 
patronin suchte, und sie schließlich in der heiligen Barbara 
fand. Den alten Legenden zufolge^ stürzten vor dem Gebete 
dieser Heiligen Türme und Mauern ein und gaben ihr den 
Weg zum Gottesdienste frei, an dessen Besuche ihr Vater, ein 
fanatischer Heide, sie hindern wollte; und als dieser die Tochter, 
ihres Übertrittes zum Christentum halber, selbst enthaupten 
ließ, fuhr ein Blitz vom Himmel und erschlug ihn. Der Zu- 
sammenhang zwischen dem Blitze, den Feuergeschützen, und 
den stürzenden Türmen der heiligen Barbara ist leicht zu durch- 
schauen, ^ und so erfreute sich diese Heilige der größten Ver- 
ehrung des Kriegsvolkes, ihr Bild schmückte Zeughäuser und 
Arsenale, - die Pulverkammer der französischen Kriegsschiffe 
heißt noch jetzt »la sainte Barbe" -, und Karl V. befahl in 
den „Vorschriften für die Artillerieschule zu Burgos" aus- 
drücklich, ihre Hilfe beim Laden jedes Geschützes anzurufen, 
sowie beim Entzünden jeder Mine. 

^ Jacob US a Voragine (1230—1298), „Legenda Aurea", ed. Graesse, 
Breslau 1890; S. 898. 

^ Pfleiderer, „Die Attribute der Heiligen", Ulm 1898, S. 169. 



ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS US. W. 175 

Die Sprengminen, die, wie auch aus Leibnizs Epigramme 
hervorgeht, den Ruf des »schändHchsten aller Teufelswerke" 
genossen, sollen nach Pitti zuerst 1403, im Kriege der Floren- 
tiner gegen Pisa, vom Ingenieur Domenico di Matteo vor- 
geschlagen worden sein; die ältesten Beschreibungen und Zeich- 
nungen gab 1430 Mariano, 1480 erfand der Maler, Architekt 
und Bildhauer Martini aus Siena den Bau der Zickzackminen 
mit Hilfe der Boussole (den auch Lionardo da Vinci aus- 
zuführen verstand), und 1487 eroberten die Genuesen Borge 
die Sarzanello ;; mittels der damals noch neuen Kunst der 
Minen". 1 Bei der Belagerung Malagas 1487 sprengte Ramirez 
durch eine Mine den Hauptturm, für welche Großtat König 
Ferdinand ihn eigenhändig zum Ritter schlug; ^ ebenso sprengten 
die Spanier, vermutlich unter Martinis Leitung, 1495 das 
wCastell Nuovo" bei Neapel, und 1503 die steile Felswand des 
»Gasten dell' Uovo", in die sie von der Seeseite her, auf mit 
Schirmen geschützten Flößen arbeitend, Bohrlöcher trieben. 
Außerhalb Italiens wird die Minierkunst bis gegen 1550 kaum 
erwähnt, und die Türken verstanden sie 1529 vor Wien noch 
ebensowenig mit Erfolg anzuwenden, wie 1452 vor Konstanti- 
nopel. Allbekannt sind dagegen, durch Schillers glänzende 
Beschreibung, die Belagerungsarbeiten der Spanier vor Ant- 
werpen 1585, sowie der Bau der niederländischen Sprengschiffe, 
deren Zünduhren den 1530 zu Nürnberg erfundenen, feuer- 
schlagenden und lichtzündenden Weckeruhren nachgebildet 
waren; so entsetzlich war der Eindruck dieser „Höllen- 
maschinen" des Gianibelli, daß 1588 die Besatzung der vor 
Calais ankernden spanischen „großen Armada", beim bloßen 
Anblicke einiger kleiner Brander, die derselbe Ingenieur gegen 
sie losließ, in wahnsinniger Angst und unter dem Schreckens- 
rufe „Das Feuer von Antwerpen!" die Ankerkabel kappte, und 
trotz heftigen Windes die hohe See zu gewinnen suchte, wo 
ein Sturm die Flotte vernichtete. 

' Capponi, a. a. O.; II, S. 137. ^ Prescott, a. a. O.; I, S. 433. 



176 ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U. S. fV. 

In Deutschland ist der Danziger Zeugmeister Senften- 
berg der erste, der 1568 Minen, Torpedos verschiedener Art, 
Sprengwerke mit Fern- und Zeitzündung, Sprengbriefe, Selbst- 
schüsse und dergl. ausführlich beschreibt; doch glaubt er, man 
solle alle Mittel dieser Art nicht gegen Christen benützen. Der 
nämlichen Meinung ist auch der Jesuit Mari an a (1599), doch 
nimmt er die Tyrannen aus, ,;wie es denn auch gestattet sei, 
solche zwar nicht durch giftige Speisen, aber wohl durch ver- 
giftete, an Stühlen oder Sätteln heimlich befestigte Nägel um- 
zubringen, dieweilen der Mensch essen unbedingt muß, zum 
Sitzen oder Reiten aber durch nichts gezwungen wird, es also 
sozusagen selbst und freiwillig tut". 



Daß die Minen und Sprengwerke in der Tat höchst ge- 
fährlich anzulegen waren, und durch das sogenannte »Zurück- 
schlagen" oft die Sprengenden selbst zu Hunderten dahinrafften 
(wie noch 1686 vor Ofen), war hauptsächlich darin begründet, 
daß man ihre Wirkung in keiner Weise zu berechnen verstand 
und über die Vorgänge bei der Entzündung des Pulvers die 
abenteuerlichsten Vorstellungen hegte. 

Schon im ,;Feuerwerksbuche" von 1410 heißt es 
hierüber: ,; Nicht das Feuer selbst ist das Treibende, sondern 
ein besonderer Dunst; der hitzige Schwefel und der kalte Sal- 
peter können ihre verschiedenen Naturen nicht miteinander 
vertragen, und wenn das Feuer sie ergreift, so befeinden sie 
sich gar heftig und drängen sich gegenseitig mit großer Ge- 
walt hinaus". Diese Dunsttheorie, mit ihrer anscheinend klaren 
und natürlichen Auslegung des Sachverhaltes, befriedigte die 
Geister offenbar in hohem Maße und blieb Jahrhunderte hin- 
durch die herrschende, so daß wir sie z. B. noch 1617 in 
Wallhausens „Kriegskunst", ja noch 1683 in Mieths „Artillerie- 
buch" wiederfinden. Nach Wallhausen ist die Verbrennung 
des Pulvers gleichsam dessen Tod, „und wie beim Ende des 



ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U. S.W. 177 

Menschen Seele und Geist als Hauch entweichen, während der 
Leib irdisch zu sein beharrt, so verfliegen Schwefel und Sal- 
peter als Dunst, während die Kohle als erdiger Rest zurück- 
bleibt". Nach Mieth wieder ist »der Salpeter kalter Be- 
schaffenheit, enthält aber in sich gefangen ein gezwungenes 
Feuer, während der Schwefel schon von Natur aus gar hitzigen 
Wesens ist; zündet man nun auch noch die Kohle an, so ver- 
mag sie die Gegensätze nicht mehr auseinanderzuhalten, und 
diese prallen zusammen: die kalte Feuchte des Salpeters ver- 
wandelt sich in ,corporalischen Dunst' (Dampf) und treibt das 
Feuer nach seinem natürlichen Orte, also in die Luft hinaus". 
Die nämlichen Erklärungen über die ,; Feindschaft des hitzigen 
trockenen Schwefels mit dem faulen, feuchten Salpeter" und 
die Austreibung eines Dunstes bringen auch Rubach (1710), 
St. Julien (1713) und Flemming (1726) vor, ja noch 1792 ließ 
das französische Direktorium sie durch eine besondere Kom- 
mission auf ihre Richtigkeit prüfen. 

Bessere Einsichten besaß Lionardo da Vinci, der, auf 
diese gestützt, auch zuerst die ballistische Wirkung der Ge- 
schosse, ihre Flugbahnen, und ihre Fluggeschwindigkeiten, zu 
erforschen suchte; Tartaglia (1537) war ebenfalls auf dem 
richtigen Wege, indem er behauptete, bei der Entzündung des 
Pulvers entstehe ein plötzlicher und gewaltsamer Wind (d. i. ein 
Gas), der das Geschoß in Bewegung setze. Auch van Hel- 
mont (1650) und Boyle erkannten in der Gasentwickelung das 
treibende Moment, vermochten aber mit dieser Ansicht nicht 
bei den Physikern durchzudringen, die sich teils an Bacon 
von Verulams ;, feurigen, durch Wärme ausdehnbaren, Queck- 
silber-ähnlichen Pulvergeist" hielten, teils die mechanische 
Häkchen- und Spitzentheorie des Descartes vorzogen,^ oder 
endlich das Vorhandensein einer ausnehmend verdichteten Luft 
in den Poren des Pulvers behaupteten; daß diese „sicherlich 
darin ebenso wie in einer Windbüchse gegenwärtig, und durch 

^ «Prinzipien der Philosophie" IV, § 109—115. 
V. Lippmann, Beiträge. 12 



178 ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U.S. W. 

die Elastizität des Äthers so stark zusammengedrückt sei", gibt 
noch 1750 Euler an.^ 

Nach Newton (1705) verbrennt der Schwefel zu Schwefel- 
säure, die aus dem Salpeter den ,; Salpeterspiritus" austreibt, der 
das eigentlich wirksame Agens vorstellt; diese Ansicht teilte 
auch Pap in, der erste Erbauer eines Dampfschiffes (1706), und 
Stahl erweiterte sie dahin, daß sich der Salpetergeist mit dem 
Phlogiston verbinde, während wieder Bigot (1737) eine 
mechanische Erklärung für die richtigere hielt, nämlich »die 
Entstehung kugelförmiger, von den brennenden Pulverteilchen 
ausgehender Wirbel, deren Schleudervermögen sich zu einer 
mächtigen Zentralkraft kombinieren". 

Zu der wichtigen Erkenntnis des Zusammenhanges zwischen 
Verbrennungswärme und Ausdehnung der Gase, sowie zum 
Begriffe der durch diese bedingten Anfangsgeschwindigkeit, 
gelangte zuerst 1690 Johann Bernoulli in Basel. Er ent- 
zündete in einer mit Wasserabschluß versehenen Glasglocke 
einige Pulverkörner vermittelst eines Brennglases, und folgerte 
aus seinen Beobachtungen, daß die entstehenden Gase ein 
hundertmal größeres Volum einnähmen als das Pulver selbst; 
infolge der unzulänglichen Versuchsanstellung ist freilich diese 
Zahl viel zu niedrig ausgefallen, denn nach neueren Messungen 
von Debus, Nobel, Abel und Anderen ergibt lg (= etwa 1,2 ccm) 
Pulver 250 Vol. Gas bei 760 mm Druck und 0^ C Temperatur, 
also bei einer Verbrennungstemperatur von ca. 3340^, wie sie 
z. B. Bunsen für den geschlossenen Raum feststellte, ungefähr 
3700 (oder für 1 ccm 3080) Vol. Richtigere Werte als die des 
Johann Bernoulli, und auch klarere und besser begründete 
Darlegungen, bietet Daniel Bernoullis »Hydrodynamik" von 
1738; völlig zureichende Erklärungen waren jedoch erst mög- 
lich, nachdem Scheele und Priestley in der Zeit zwischen 
1771 und 1774 den Sauerstoff entdeckt, die Natur der Gase 

1 «Briefe an eine deutsche Prinzessin", ed. Müller, Stuttgart 1847; 
S. 35 und 50. 



ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U.S. W. 179 

aufgehellt, und die Zersetzung des Salpeters ergründet hatten: 
daß diese unter Sauerstoffentwickelung vor sich geht, machte 
endlich auch die rätselhafte Tatsache begreiflich, daß Pulver im 
luftleeren Räume zu verbrennen, und auch unter Wasser zu 
explodieren vermag (wie schon 1521 dem Della Valle bekannt 
war). Die Forschungen von Ingenhousz, Fourcroy, Achard, 
Berthollet, Green, Rumford und Lavoisi er bereiteten dann 
allmählich den neueren Anschauungen die Bahn; auch gestattete 
die Ausbildung der chemischen Analyse nunmehr die Beschaffen- 
heit der Materialien zu prüfen, und die älteren Ansichten zu 
berichtigen, die namentlich dem Salpeter, je nach seiner Herkunft, 
ganz verschiedene »Kräfte" zugeschrieben hatten. Wie es näm- 
lich, bevor die Holländer im 18. Jahrhunderte den hochprozentigen 
indischen Salpeter in Schiffsladungen nach Europa brachten, 
mit der Reinheit dieses Salzes gestanden haben mag, läßt sich 
am besten darnach ermessen, daß dessen größter Teil sogenannter 
»Mauersalpeter" war, und nur mittels äußerst unvollkommener 
Methoden „zurecht gesotten" wurde. ^ Die Beschaffung dieses 
Mauersalpeters stellte man durch besondere Gesetze und Maß- 
regeln sicher; eines der ältesten solchen „Privilegien" ist jenes 
von 141Q, durch das Erzbischof Günther von Magdeburg 
den Inhabern das Recht erteilt, »ein Jahr lang innerhalb des 
Gerichtssprengeis von Giebichenstein bei Halle Salpeter zu 
suchen und zu sieden ".^ In späterer Zeit wurden derartige 
Privilegien in großer Zahl ausgegeben, und namentlich in 
Preußen und Württemberg bis gegen 1800 mit größter Strenge 
und rücksichtslosester Härte durchgeführt,^ so daß die, Häuser, 
Ställe und Mauern inquisitorisch absuchenden und abkratzenden 
»Salpeterknechte" der Schrecken aller Grundbesitzer und nament- 
lich aller Hausfrauen blieben, »die nicht selten sothanes Teufels- 
werk leibhaftig zum Teufel wünschten". 



^ Biringuccio, a. a. O. (1540); Agricola, „De re metallica" (1546). 
^ Dreyhaupt, „Beschreibung des Saalkreises" 1749; I, S. 653. 
^ Thiele, „Salpeterwirtschaft und Salpeterpolitilc" (Tübingen 1905). 

12* 



180 ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U.S. W. 

Hat aber auch das »Teufelswerk" des Schießpulvers gewiß 
genug des Bösen verursacht, und mit dazu beigetragen über 
Ungezählte namenloses Unglück und Elend heraufzubeschwören, 
so darf man doch darüber auch seiner Lichtseiten und seiner 
heilbringenden Wirkungen nicht vergessen: ihm entsprang die 
steigende Bedeutung der Kriegskunst, ihrer technischen und 
später ihrer chemischen Hilfswissenschaften, ihm die wachsende 
Macht der Zentralgewalten über den Feudaladel, ihm eine der tief- 
greifendsten sozialen Umwandlungen: der Sturz der allmächtigen 
Ritterschaft und die Erstehung eines Bürgerstandes, ihm endlich 
das dauernde Übergewicht der Kulturvölker über die barbarischen 
Nationen, und die rasche Erschließung aller Weltteile für die 
europäische Zivilisation. Seine sprengende Gewalt hat dem 
Bergbaue ^ neue Bahnen, dem Verkehrswesen ungeahnte Pfade 
erschlossen, und in alter, wie in neuerdings verbesserter Ge- 
stalt, ist und bleibt es, wenn die Stunde der Gefahr schlägt 
und das Sein des Vaterlandes auf dem Spiele steht, die ,; ultima 
ratio" der Völker und ihrer Könige. 



Zusätze. 2 
1 

G. Oppert hält, nach eigenem Ermessen, und gestützt auf 
die Ansichten einiger anderer älterer und neuer Sanskritforscher 
(die in ihrem Fache allerdings große Gelehrte waren, ein- 
gehende naturwissenschaftliche Kenntnisse aber wohl kaum be- 

^ Die erste Sprengarbeit, über die beglaubigte Urkunden vorliegen, 
führte 1627 in Schemnitz der Tiroler K. Weindl aus. 

" Vorgetragen in der Sitzung der ,, Chemischen Gesellschaft" in Halle a.S., 
am 24. November 1905. Quellen: Oppert, „Mitteilungen zur Geschichte 
der Medizin und der Naturwissenschaften" (Hamburg 1905; Bd. 4, S. 421 ff.). 
Guttmann, ebd.; ,,Muspratts Handbuch der technischen Chemie" (Braun- 
schweig 1900; Bd. 7, S. 775); „Zeitschrift für angevcandte Chemie" 1904, 
S. 1060; Privatbrief vom 23. Mai 1905. 



ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U.S.W. 181 

saßen), das Schießpulver für eine indische Erfindung. Da in 
Indien Kohle, Schwefel und Salpeter reichlich vorhanden, und 
große Mengen des letzteren durch Auslaugung und Kristalli- 
sation leicht rein zu gewinnen sind, so scheint es ihm durch- 
aus glaublich, daß die Ureinwohner durch Zufall auch die 
Mischung dieser Rohstoffe und deren merkwürdige Eigen- 
schaften entdeckt, und praktisch, namentlich im Kampfe mit 
ihren Feinden, angewandt hätten; später sei dann diese Er- 
findung wieder in Vergessenheit geraten (die zur Zeit der moham- 
medanischen Invasionen Nordindiens, also um 1000 n. Chr., 
schon längst eine vollständige war), und zwar hauptsächlich 
deshalb, weil sie den arischen Eroberern kein Interesse bot^ 
so daß sie auch in der sanskritischen Literatur nur selten er- 
wähnt wurde. Immerhin finden sich einige völlig beweisende 
Stellen in den großen epischen Werken, in einigen anderen 
Gedichten, Schriften, Gesetzbüchern u. s. f., wo z. B. von flam- 
menden, die Feinde hundertweise tötenden Eisengeschossen, 
von feuergetriebenen Pfeilen, ja von Steinschloßgewehren, Ge- 
schützen und dergl. mehr die Rede ist; es sei zwar zuzugeben, 
daß die »feurigen Waffen" der Götter oder Heroen Gebilde 
der Phantasie darstellten, jedenfalls lägen ihnen aber tatsäch- 
liche Anhaltspunkte zugrunde, und dies sei auch die Meinung 
gelehrter einheimischer (neuerer) Kommentatoren, die den alten 
Indiern u. a. den Besitz von Schießpulver, Stein- und Eisen- 
kugeln, Feuergewehren, und auf Rädern laufenden »Blitz und 
Donner versendenden" Kriegsmaschinen zuschreiben; auch ein 
Edikt des Königs Asoka (259 bis 222 v. Chr.) erwähnt „Feuer- 
werke und andere himmlische Schaustellungen", unter denen 
nicht, wie Bühl er darlegte, Gerüste und Pfeiler für Illumina- 
tionen zu verstehen seien, sondern Raketen, die ebenfalls den 
Gebrauch des Schießpulvers voraussetzen. Die kleinen Blei- 
kugeln der indischen Handfeuerwaffen nannte man „Bandhuka", 
mit dem Namen des Samens einer einheimischen Lianenart, 
der schön kugelförmige blaue Bohnen darstellt und in Birma 



182 ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U. S. W. 

noch jetzt bei der Schießpulverbereitung als Ersatz des Schwefels 
dient; dieser Samen wurde als Droge auch ausgeführt, und die 
Araber, z. B. Räzi und Avicenna, kannten ihn als »Bonduc 
Hindi" (indische Bohne, indische Nuß), und verwechselten 
,;Bonduc" mit ;;Pfunduq", dem aramäischen und arabischen 
Namen der Haselnuß, xapuov TrovTijtc^v; infolgedessen habe fortan 
Bonduc auch Haselnuß, Flintenkugel und Flinte bedeutet, und 
zugleich mit der Sache sei auch dieser Namen durch die 
Araber wieder nach Indien zurückgebracht worden. Der Über- 
gang der Bezeichnung ;; Bonduc" von der blauen Bohne auf 
die Kriegswaffe stehe in beachtenswerter Parallele mit jenem 
des Namens ,; Granate" von der roten Blume auf das später so 
genannte Geschoß. 

Wie schon früher von Romocki^ sowie von Ray, einem 
geborenen Hindu und Verfasser einer vortrefflichen »Geschichte 
der Chemie in Indien ",2 so werden indessen die Ausführungen 
Opperts neuerdings auch von Guttmann durchaus zurück- 
gewiesen, und in der Tat sind sie so erfüllt von äußeren und 
inneren Un Wahrscheinlichkeiten, daß sie in der vorliegenden 
Gestalt unmöglich überzeugend wirken können. 

Hinsichtlich der Ersteren ist daran zu erinnern, daß zu 
den indischen Nationaleigenschaften ein völliger Mangel an 
chronologischem Sinne gehört; "^ demgemäß bilden fast alle 
indischen Schriften in ihrer heutigen Fassung ein Konglomerat 
ursprünglicher, oft sehr alter Texte, und ohne Wahl und Zahl 
eingeschobener Zusätze, Erklärungen und Erweiterungen, die 
oft viele Jahrhunderte jünger, und auch untereinander wieder 
von verschiedenstem Alter sein können; die Entwirrung ist in 
vielen Fällen noch gar nicht, in anderen, nach zahlreichen Irr- 
tümern und Mißgriffen, nur bis zu einem gewissen Grade 

^ a. a. O., S. 36 ff. ; s. daselbst auch die gleichlautende Ansicht S i n c 1 a i r ' s. 
» „A History of Hindu Chemistry" (London 1902; S. 95 ff.). 
^ s. Näheres weiter unten, in dem Aufsatze „Zur Geschichte des dia- 
betischen Zuckers". 



ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U.S. W. 183 

möglich gewesen, und nirgends ohne die sorgsamsten ver- 
gleichenden SpezialStudien. An solchen fehlt es aber, da die 
meisten Sanskritisten ganz oder vorwiegend Philologen sind, 
hinsichtlich naturwissenschaftlicher Gegenstände noch vielfach, 
und Beweise, namentlich solche chronologischer Natur, sind 
daher zumeist unmöglich, weil sich das Alter der betreffenden 
Schriften nicht mit Sicherheit ermitteln, und eine Zeitgrenze für 
die Herkunft ihrer (erwiesenen oder vermuteten) einzelnen Be- 
standteile nicht aufstellen läßt. 

Was die inneren Un Wahrscheinlichkeiten anbelangt, so 
verbürgt selbstredend das Vorhandensein gewisser Rohstoffe 
weder die planmäßige oder zufällige Gewinnung der aus ihnen 
darstellbaren Mischungen und Reinkörper, noch die Entdeckung 
der Eigenschaften dieser Substanzen, und aus der Möglichkeit 
eines Ereignisses darf niemals auf seine Wirklichkeit geschlossen 
werden; dies gilt im vorliegenden Falle um so mehr, als auch 
nicht gezeigt werden kann, daß die indischen Ureinwohner 
den Salpeter durch die keineswegs so einfachen Operationen 
der Auslaugung und Kristallisation rein darzustellen verstanden, 
und als nach Ray der Salpeter anscheinend nicht einmal einen 
alten einheimischen Namen besitzt. Nimmt man indessen an, 
daß die Urbevölkerung das Schießpulver und die Feuerwaffen 
gekannt habe, so muß man doch für die befremdliche Tat- 
sache, daß sie trotz einer so ungeheuren Überlegenheit ihrer 
Bewaffnung von der Minderzahl einwandernder Arier mit 
Leichtigkeit gänzlich besiegt und unterjocht wurde, und daß 
sie eine für ihre fernere Zukunft so entscheidende Erfindung 
in Vergessenheit geraten ließ, bestimmte Beweise oder min- 
destens wahrscheinliche Erklärungen beibringen. Ebenso be- 
dürfte der Widerspruch der Aufhellung, daß zwar die Arier 
jener Erfindung kein oder nur wenig Interesse schenkten, sie 
aber dennoch, und stellenweise recht eingehend, in ihrer Literatur 
verewigten, ja Götter und Helden mit Waffen ausrüsteten, die 
(selbst, oder älteren Vorbildern gemäß) in ihren Leistungen er- 



184 ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U.S. W. 

heblich über jene der beginnenden europäischen Neuzeit hinaus- 
gingen, — denn weiter oben ist zur Genüge dargelegt worden, 
in wie später Zeit und mit welchen Schwierigkeiten man es 
im Abendlande zu nur halbwegs treffsichei'en Handfeuerwaffen 
und Räderkanonen brachte, geschweige denn zu solchen, die 
mit eisernen Geschossen und bleiernen Kugeln als »hundert- 
tötende" einzugreifen vermochten. Es bleibt auch zu erwägen, 
daß unter »indischer Nuß" (die übrigens unmöglich den 
Schwefel ersetzen kann!) bei den arabischen Kompilatoren in- 
dische Drogen sehr verschiedener, ohae jedesmalige besondere 
Untersuchung nicht ohne weiteres zu identifizierender Be- 
schaffenheit verstanden werden; daß eine Analogie zwischen 
der »blauen Bohne" und der »roten Granate" nicht besteht 
(da, wie oben dargetan, die Quelle des Namens »Granate" für 
das Geschoß eine völlig andere ist); endlich, daß die Araber 
selbst sowohl in Spanien (wie gleichfalls weiter oben bewiesen) 
als auch, soviel man weiß, anderwärts, gegen Ende des 15. Jahr- 
hundertes Geschütze noch kaum, fahrbare Kanonen und Hand- 
feuerwaffen aber gar nicht (oder letztere nur als Kuriosität) 
besaßen, folglich auch nicht in der Lage waren, Sache und 
Namen schon in weitaus früherer Zeit nach Indien zurück- 
zubringen. 

Aus den Berichten, die über die ersten Entdeckungsfahrten 
der Portugiesen nach Ostindien vorliegen, ^ ist denn auch zu 
ersehen, daß noch um 1500 sowohl die »Mauren" als die Inder 
allenthalben mit Säbeln, Pfeilen, Schleudern, Schilden, und 
»Waffen für Kopf, Leib und Hände" ausgerüstet waren, nicht 
aber mit Schießgewehren und Kanonen. Der mächtige Samorin 
von Calicut besaß zwar einige kleine, bald recht gut, bald ganz 
ungenügend bediente Bombarden 2, und verfügte sogar (wenn 
die Übersetzung korrekt ist) über einen »Flintenschützen", der 
bei festlichen Aufzügen diesen vorausging und Schüsse abgab; ^ 

^ Hümmerich, „Vasco da Gama" (München 1898). - ebd., S. 79 

und 98. 8 ebd., S. 172. 



ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U.S. TV. 185 

desgleichen hatten indische Schiffe, die vor Melinde (in Ost- 
afrika) lagen, Bombarden und Raketen an Bord, mittels derer 
sie den dortigen König begrüßten ;i indessen scheinen diese 
kleinen Bombarden, ähnlich wie die heutigen Polier, viel mehr 
festlichen und Repräsentations-Zwecken gedient zu haben als 
kriegerischen, denn auch die größte Oberzahl der Mauren und 
Inder ergriff in der Regel schon auf einige Schüsse der portu- 
giesischen Bombarden hin die Flucht, ^ nicht selten aber auch 
gleich nach dem ersten Schusse, ,;a la prima bombarda."^ Der 
Herrscher von Goa, einer der reichsten und kriegerischsten 
indischen Fürsten, suchte das portugiesische Geschwader durch 
Hinterlist in eine Falle zu locken, um die Gefangenen seiner 
Armee einzureihen und so „die Überlegenheit ihrer Waffen 
für sich auszunützen",^ und noch 1505 verschafften sich die 
Mauren zum Kampfe gegen d'Almeida nur dadurch einige 
Geschütze, daß sie sie aus einem untergegangenen portugiesischen 
Schiffe hoben. ^ 

Aus allen diesen Tatsachen, die sich unschwer vermehren 
ließen, ergibt sich bis auf Weiteres der Schluß, daß die Indier 
noch um 1500 höchstens einige Bombarden besaßen, aber keine 
mit Steinschloßgewehren, Kanonen u. s. f. ausgerüstete Armee, 
daß sie also diese Waffen erst durch die portugiesischen 
Eroberer näher kennen und anwenden lernten. Seit wann sie 
sich des Schießpulvers zu Feuerwerkszwecken bedienten, und ob 
sie diese Erfindung selbständig machten, oder seitens fremder 
Vermittler (Chinesen?, Araber? . . .) zugetragen erhielten, — dieser 
Punkt bedarf noch weiterer eingehender Untersuchungen. 

2 

Nach Guttmann ist in den Handschriften und Drucken 
der ,;Epistolae" des Roger Bacon das Anagramm „Lura nope 

^ Hümmerich. „Vasco da Gama" (München 1898), S. 167; s. auch 
S. 166. - ebd., S. 31, 33, 35, 53, 57, 159, 161, 162, 182, 184, 187, 189, 

196, 197, 201. -^ ebd., S. 196. '' ebd., S. 56. ^ ebd., S. 165. 



186 ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U.S. W. 

cum urbe" (das auch „Luru mope can ubre", und völlig sinn- 
los ,;luru vope vir can utriet" u. s. f. zitiert wird), in solcher 
Form nirgendwo enthalten, so daß diese, wo sie in späteren 
Werken auftritt, als Fälschung angesehen werden muß. Hin- 
gegen hat, nach Guttmann, Oberstlieutenant Hirne in einem 
Aufsatze »Our earliest Cannon 1314 bis 1346"^ neuerdings dar- 
getan, welches der Zweck der drei bisher unverstandenen 
Kapitel der „Epistolae" ist, und welches der Sinn des Ana- 
grammes, das richtig »Luru vopo vir can utri et" lautet, und 
den entschiedenen Beweis für Roger Bacons Kenntnis des 
Schießpulvers erbringt. ^ 

3 

Guttmann vertritt die Ansicht, daß Berthold Schwarz 
die treibende Kraft des Pulvers 1313 entdeckt habe (wie auch 
die oben erwähnte Genter Chronik erzählt), und daß die An- 
gaben, die diese Entdeckung schon in die Zeit vor 1300 ver- 
legen, ungenügend beglaubigt und daher verwerflich seien. Als 
älteste Urkunde über den Gebrauch von Geschützen führt er 
ein Manuskript des Walter de Millemete aus dem Jahre 1326 
an, das sich in Oxford befindet und „De officiis regum" betitelt 
ist; es wird daselbst ein kleines, liegendes, flaschenförmiges, 
rückwärts mit einem Zündloche versehenes Geschütz abgebildet, 
in dessen Mündung das kugelig verdickte Schaftende eines 
Pfeiles steckt; beim Abfeuern, das mittels einer glühenden 
Stange erfolgte, wurde der Pfeil, der bestimmt war, „ein Schloß- 
tor zu sprengen", herausgeschossen. Solche „Kanonen" sollen 
die niederländischen Söldner des Grafen Wilhelm von Henne- 
gau mitgebracht haben, der die Gemahlin König Eduard II. 
bei der Entthronung dieses Fürsten unterstützte. 

^ „Proceedings of the Royal Artillery Institution", Bd. 31, Nr. 12; ich 
habe mir diese Abhandlung nicht verschaffen können. Der in ihr zitierte 
Lenz war nach Guttmann ein Fälscher. 

2 „Mitteilungen" 1905; Bd. 4, S. 425. 



ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U. S. W. 187 

Nimmt man an, daß die Erfindung des Schießens mit 
Pulver erst 1313 in Deutschland gemacht, jedoch schon 1326 
in England zu Kriegszwecken angewandt wurde, so bleibt aller- 
dings für die Ausbildung, praktische Vervollkommnung, und 
Verbreitung dieser Kunst nur eine derartig kurze Frist, daß man 
sie, in Ansehung der Zeitverhältnisse sowie der ganzen späteren 
Entwickelung, nicht wohl für wahrscheinlich erachten kann; in 
dieser Hinsicht scheint es daher gerechtfertigt, bis auf Weiteres 
die frühere Datierung (etwa 1250) für die im allgemeinen 
richtigere zu halten, selbst wenn man die besonderen Zeugnisse, 
soweit sie sich auf bestimmte Jahresgrenzen erstrecken sollen, 
nicht als zureichend gelten läßt. 

Dagegen ist andererseits zu berücksichtigen, daß ein Zweifel 
bestehen bleibt, ob die Bezeichnung der fraglichen Kriegs- 
maschinen als eigentliche „Geschütze" berechtigt ist, und ob 
diese nicht vielmehr Erzeugnisse einer Übergangszeit waren, in 
der man von der Erfindung des Berthold Schwarz un- 
bestimmte Kunde, aber keine genauere Kenntnis besaß, und sie, 
unter Benutzung der üblichen und vorhandenen Mittel, nach- 
zuahmen versuchte: die Geschosse waren nicht, wie anfangs 
bei Berthold Schwarz, obenauf liegende Steine, sondern 
horizontal eingesteckte Pfeile, und wirkten auch nicht, wie es 
für wahre Geschütze charakteristisch ist, vermöge ihrer Durch- 
schlagskraft, — wie denn Pfeile auch nicht imstande sind, Spreng- 
wirkungen auszuüben, selbst wenn sie mit einer starken Pulver- 
ladung abgefeuert werden. Sobald eine ausführliche Publikation 
des Oxforder Manuskriptes gestattet wird (was bisher nicht ge- 
schehen ist), empfiehlt es sich daher, zu prüfen, ob jene Pfeile 
nicht etwa Feuerpfeile waren, wie sie in einem, gleichfalls von 
Guttmann angeführten Dokumente von 1338 erscheinen: dort 
übergibt Fouques, Verwalter des Galeerenhauses in Ronen, dem 
Guillaume du Moulin „einen eisernen Topf zum Schießen 
von Feuerpfeilen, 48 eisenbeschlagene und gefiederte Pfeile, und 
dazu 1 Pfund Salpeter und % Pfund lebenden Schwefel, um 



188 ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U.S. W. 

Pulver zum Abschießen dieser Pfeile zu machen"; auf jeden 
Pfeil kommen hier nur etwa 30 g Pulver, von einer Durch- 
schlags- oder gar Sprengwirkung kann also nicht gut die 
Rede sein. 

Wie es mit den Kriegsgeschützen („crakys of were") be- 
schaffen war, die, laut dem von John Barbour 1375 verfaßten 
„Leben des Königs Robert Bruce von Schottland", 1327 im 
schottischen Kriege als Neuigkeit gesehen wurden, steht dahin ;i 
1342 schoß man aber, bei der Belagerung des Schlosses Rihoult, 
immer noch „aus einer Büchse hölzerne, mit Eisen beschlagene, 
durch Kupferscheiben zentrierte Pfeile", und das Pulver kostete 
etwa 30 Mark für ein Pfund, wurde aber wohl nur sparsam 
angewandt, wie denn 1342 auch die Stadt Cambray zu ihrer 
Verteidigung fünf metallene „Kanonen" kaufte, zu jeder aber 
nur drei Pfund Pulver. 

Ausgaben für Schwefel und Salpeter zur Herstellung von 
Pulver finden sich ferner 1338 in den Rechnungen des fran- 
zösischen Kriegskommissärs Barthelemy du Drach, des- 
gleichen enthalten die Rechnungsbücher der Kammer und der 
großen Garderobe Eduard III. in den Jahren 1344/47 und 
1345/49 Eintragungen Überzahlungen betreffs Salpeter, Schwefel 
und Pulver „für des Königs Kanonen (gunnies)", und 1346,47 
wurde aller Schwefel und Salpeter im Lande aufgekauft, wohl 
um wegen seiner Seltenheit die Kanonen rechtzeitig zu ver- 
sorgen. Unter diesen Umständen hält Guttmann die Nach- 
richt, die Engländer hätten sich in der Schlacht bei Crecy, 
1346, einiger wirklicher Kanonen bedient, für der Wahrheit 
entsprechend, und vermutet, der König hätte diese Geschütze 
(über deren Beschaffenheit allerdings nichts Bestimmtes aus- 
gesagt werden kann), aus Koblenz mitgebracht, wo er 1338 

^ Die Behauptung Libri's, man habe 1326 in Florenz schon metallene 
Kanonen mit schmiedeeisernen Kugeln gehabt, ist aus inneren Gründen, und 
weil diesem Autor verschiedentliche Fälschungen nachgewiesen sind, nicht 
glaubhaft. 



ZUR GESCHICHTE DES SCHIESSPULVERS U.S. W. 189 

eine Zusammenkunft mit Kaiser Ludwig dem Bayern hatte, 
um ein Bündnis gegen Frankreich abzuschheßen. 

Nach Muratori waren Kanonen um diese Zeit auch in 
ItaHen schon bekannt, denn 1347 verfertigte Meister Hugonius 
di Chatillon für die Marquise von Monferrato bei Aosta 
vier Bronzegeschütze, jedes etwa 40 Pfund schwer, die mittels 
Pulver Bleikugeln mit eisenbeschlagenen Pfeilen abschössen. 



Vierte Abteilung 

ALRAUN UND SCHWARZER HUND; 
EIN NATURWISSENSCHAFTLICHER ABERGLAUBE^ 



n der am kaiserlichen Hofe spielenden Szene des ,; Faust" 

(II. Teil, L Akt) rät Mephistopheles bekanntlich an, 

ÖRf i der wachsenden Finanznot des Reiches durch Aus- 

^■■^1 gäbe von Papiergeld abzuhelfen, und verweist zwecks 

dessen „metallischer Bedeckung" auf die im Boden vergrabenen, 

herrenlosen Schätze, die der Kaiser als sein Eigentum betrachten 

dürfe; ^ dem zweifelnden Gemurmel des Hofstaates begegnet 

er mit den Worten (Vers 4977ff.): 

„Da stehen sie umher und staunen, 
Vertrauen nicht dem hohen Fund, 
Der Eine faselt von Alraunen, 
Der Andre von dem schwarzen Hund". 

Der Sinn dieses Satzes ist bisher unklar geblieben, denn war 
es auch zweifellos, daß unter dem Alraune die Alraunwurzel, 
der geheimnisvolle Gegenstand zahlreicher abergläubischer Vor- 
stellungen zu verstehen sei, so schien doch der Zusammenhang 
zwischen dieser Wurzel, den Schätzen, und dem schwarzen Hunde 
dunkel, und auch aus den Erklärungen der bewährtesten Kommen- 
tatoren ist in dieser Hinsicht nichts bestimmtes zu entnehmen. ^ 

^ Jubiläums-Festschrift der „Naturforschenden Gesellschaft" in Halle a.S., 
1894 (s. dessen „Abhandlungen" 1894, Bd. XX). 

^ Diesen Rechtsgrundsatz kennt schon der „Sachsenspiegel", Buch I, 
Artikel 35; s. meinen Hinweis im „Goethe-Jahrbuch" 1903, XXIV, S. 220. 

=• Carriere (Leipzig 1869; II, S. 241), Düntzer (Leipzig 1887; II, S. 74), 
Schröer (Heilbronn 1888; II, S. 23). 



ALRAUN UND SCHWARZER HUND 



191 



Bei einem Besuche des Nürnberger Germanischen Museums 
bemerkte ich nun in einem der oberen Säle, der alchemistische, 
astrologische Instrumente und dergl. enthält, eine an der Längs- 
wand hängende mittelalterliche Zeichnung, auf die, wie ich 
gelegentlich meiner späteren Studien ersah, zuerst wohl Peters^ 
aufmerksam gemacht hat, und die gleich beim ersten Anblicke 




ein gewisses Licht auf die oben angeführten rätselhaften 
Zeilen wirft. 

Wir sehen einen kräftigen Hund mit Anstrengung bemüht, 
die Alraunwurzel, an die er mit einem Stricke angebunden ist, 
aus dem Boden herauszuziehen, während sein Herr erwartungs- 
voll daneben steht und in ein mächtiges Hörn stößt. Wie 
aber ist hinwiederum der Sinn dieser Zeichnung aufzufassen 
und wie ihre innere Bedeutung auszulegen? Auf diese Fragen 

^ „Aus pharmazeutischer Vorzeit" (Berlin 1886; I, S. 181). 



192 ALRAUN UND SCHWARZER HUND 

war Antwort zu erhoffen, wenn es gelang, die Geschichte der 
Alraunwurzel und des ihr anhängenden Aberglaubens bis zu 
einem gewissen Grade aufzuklären. 

Was nun die Alraunpflanze oder Mandragora officinalis 
selbst anbelangt,^ so ist sie eine in Mittel- und Südeuropa 
heimische, zum Geschlecht der Solaneen oder Nachtschatten 
gehörige und der Tollkirsche (Atropa Belladonna) verwandte 
perennierende Pflanze, mit sehr großer, dicker, graubrauner, 
stark und lang behaarter, rübenförmiger, fast stets deutlich zwei- 
geteilter Wurzel, mit milchweißen Blüten und gelblichen Beeren; 
Wurzelrinde und Blätter schmecken bitter, riechen betäubend, 
und wirken, wie auch die übrigen Teile der Pflanze, stark 
narkotisch, was, wie Ahrens zuerst zeigte, ^ auf dem Vorhanden- 
sein zweier giftiger, dem Atropin und Hyoscyamin nahestehender 
Alkaloide beruht. 

Das eigentümliche Aussehen der behaarten, gleichsam 
zweibeinigen Wurzel scheint schon in frühester Zeit Vergleiche 
mit der menschlichen Gestalt veranlaßt zu haben, da bereits 
Pythagoras (580 bis 500 v. Chr.) sie av&pto7ro|7.op9V3 nennt; ^ 
auch waren ihre medizinischen Wirkungen wohlbekannt, denn 
schon Hippokrates (460 bis 35ö v. Chr.) bezeichnet in einer 
von ihm verfaßten oder ihm zugeschriebenen Abhandlung „De 
locis in homine" den Saft als beruhigendes und die Gallen- 
absonderung förderndes, in großen Dosen aber als gefährliches, 
Raserei verursachendes Mittel. Aristoteles (384 bis 322 v. Chr.) 
erwähnt die Mandragora in der Schrift „De somno et vigilia" 
als schlafmachend ;^ sein Schüler Theophrast (372 bis 285 
V. Chr.) berichtet,^ man gewinne ihre große dicke Wurzel, 
indem man drei Kreise mit dem Schwerte um sie ziehe, dabei 

^ s. Wittstein, ,, Hand Wörterbuch der Pharmakognosie des Pflanzen- 
reiches" (Breslau 1882, S. 18). ^ Liebig's „Annalen", Bd. 251, S. 312. 
^ s. Sprengel's Ausgabe des Dioskorides (Leipzig 1830). * Ausgabe 
der Berliner Akademie, v. 3, 456 b, 30. ^ ,,Historia plantarum" 6, 2; 9, 
8 und 9. „De causis plantarum 6, 2 und 4. 



ALRAUN UND SCHWARZER HUND 193 

umherspringe und viel von erotischen Dingen rede, und sie 
schheßHch, den Blick gegen Westen gerichtet, aus der Erde 
reiße; über die Ursachen dieses Aberglaubens, der uns hier 
zum ersten Male begegnet, spricht sich Theophrast nicht 
aus, sondern sagt nur noch, die Pflanze sei ein Heilmittel 
vieler Krankheiten, bewirke aber, in größerer Menge genossen, 
tiefen Schlaf, ja selbst Tod. In diesem Sinne gebraucht auch 
Demosthenes (383 bis 322 v. Chr.) die Redensart ,;67u6 (xocvSpa- 
ydpK /caö-£üf^£iv" (unter der Mandragora schlafen = sterben) als 
sprichwörtlich. Nicht unmöglich ist es übrigens, daß schon 
Homer auf die Mandragora anspielt, wo er von dem Kraute, 
das Hermes dem Odysseus als Gegenmittel für den Zauber- 
trank der Circe übergibt, sagt:^ 

„Schwarz war die Wurzel zu schaun, jedoch milchähnlich die Blüte; 
Moly wird's von den Göttern genannt; schwer ist es zu graben 
Sterblicher Menschen Geschlecht; doch Himmlische können ja alles." 

Columella (35 bis 65 n. Chr.) nennt die Mandragora wieder, 
wie Pythagoras, uplanta semihominis" .^ Plinius (23 bis 79) 
erzählt, sie komme in zwei Arten vor, einer männlichen und 
einer weiblichen, und enthalte einen schmerzstillenden, schlaf- 
bringenden, bei allzu großer Gabe aber betäubenden und töd- 
lichen Saft; das Ausgraben geschehe vom Winde abgewandt, 
und nachdem man, das Gesicht nach Westen gekehrt, mit 
einem Schwerte drei Kreise um sich gezogen hat.^ Diosko- 
rides berichtet in seiner um 77 oder 78 verfaßten »Materia 
medica" ungefähr das nämliche: die Pf lanze»^ besitze zwei Ge- 
schlechter, liefere einen in kleinerer Menge einschläfernden, in 
größerer betäubenden und tödlichen Saft, den die Ärzte in Ge- 
stalt eines Weines als Anästheticum bei Operationen anwenden, 
und bewähre sich außerdem als kräftiges Liebesmittel. ^ Den 
erwähnten medizinischen Gebrauch bestätigen auch andere 

^ „Odyssee", X, 302 ff. ^ ^^^ j.^ rustica", 10, 19. ^ „Historia 

naturalis", lib. 25, cap. 94. * „Materia medica", lib. 4, cap. 76; lib. 5, 
cap. 81. 

V. Lippmann, Beiträge. 1 3 



1Q4 ALRAUN UND SCHWARZER HUND 

Autoren, und noch Galenos (131 bis 204) führt an, daß der 
Extrakt der Mandragora, sowie der aus ihr bereitete Wein, 
alljähriich zu gewisser Zeit aus Kreta nach Rom gebracht 
werde. 

Ausfühdicheres findet sich in den um 125 geschriebenen 
»Tiergeschichten" des Aelianii Die Pflanze ;;Kynospastos" 
{=^ hundsgezogen), die ein wichtiges Heilmittel und auch 
sonst zu vielen Dingen nützlich ist, erkennt man des Nachts 
an ihren leuchtenden Blüten, ^ darf sie aber nicht abpflücken, 
sondern bezeichnet nur ihren Standort, da jeder, der sie be- 
rührt, sofort sterben müßte: am nächsten Morgen bringt man 
einen jungen hungrigen Hund mit, bindet ihn mittels eines 
Strickes an die Wurzel, und hält ihm ein Stück Fleisch vor. 
Vom Hunger getrieben zieht dann der Hund die Pflanze samt 
der Wurzel aus, fällt aber im Augenblicke, der diese an das 
Tageslicht bringt, tot zu Boden. Ähnliches meldet auch Dio- 
doros von Tarsos, der noch hinzufügt, daß die leuchtenden 
Blüten nachts vor den sich ihnen Nähernden fliehen und zurück- 
weichen. Flavius Joseph US (37 bis 93) schildert die Mandra- 
gora ebenfalls als des Nachts feuerrot leuchtend, berichtet von 
der Kunst, ihrer todbringenden Gewalt durch Ausgraben mittels 
des Hundes zu entgehen, und versichert, daß sie ihrem Be- 
sitzer große Schätze, Unverwundbarkeit, die Kunst des Wetter- 
zaubers, und Kinderreichtum zubringe.^ Der Glaube an die 
erotischen Eigenschaften der Wurzel scheint uralt zu sein; 
Theophrast kennt ihn bereits (siehe oben), Aphrodite führte 
nach dem Lexikographen Hesychius (um 550) den Beinamen 
p.avSpayopiTt?, und in der Septuaginta, der zur Zeit des Ptole- 
mäus Philadelphus (285 bis 247 v. Chr.) verfaßten griechischen 
Bibelübersetzung, wird der Name der Pflanze Dudaim,^ die Rüben 
auf den Feldern fand und die sich die unfruchtbare Rahel von 

^ „Historia anim." 14, cap. 27. ^ In Wirklichkeit sind die Blüten 

der Mandragora Nachts völlig geschlossen. ^ „De hello Judaico", VII, 

6 und 25. '^ „Genesis", 30, 14. 



ALRAUN UND SCHWARZER HUND 195 

Lea schenken ließ, um Kindersegens teilhaftig zu werden, durch 
die Worte »(^■.^>^a fj^ap^payopou" wiedergegeben. 

Auch bei den späteren byzantinischen Schriftstellern, z. B. 
bei Theophanes (um 818) und Kedrenos (um 1050), wird 
der Mandragora, ihrer zauberischen Eigenschaften und ihrer 
Gewinnung mittels des Hundes, in stets der nämlichen Weise 
gedacht. Aus der griechischen und byzantinischen Literatur 
gingen dann diese abergläubischen Vorstellungen in die des 
Orientes über; man begegnet ihnen in der ältesten persischen 
Pharmakopoe, der des Ali-el-Herewi (um 980), bei Avi- 
cenna (980 bis 1037) und allen seinen Nachbetern, ^ und die 
Historiographen des ersten Kreuzzuges (1096 bis 1099), z. B. 
Jacobus de Vitriaco,^ melden sie wieder dem christlichen 
Europa zurück. Dort fanden sie zwar bei den erleuchteteren 
Geistern der Zeit wenig Anklang: der gelehrte Platearius 
(um 1150) und Petrus de Crescentiis (1235 bis 1320) ver- 
lachen sie geradezu, Vincentius Bellovacensis (gestorben 
1260), Thomas di Cantiprato (gestorben 1260), und Albert 
der Große (1193 bis 1280) tun ihrer bei Besprechung der 
Mandragora gar keine Erwähnung,^ und auch Konrad von 
Megenberg, der Verfasser der ersten deutschen Natur- 
geschichte (1349), folgt diesem Beispiele;* desto mehr aber 
erhielten und befestigten sie sich im Volksglauben und auch 
in der Volksmedizin, wofür nur ihr Vorkommen in den späteren, 
vielfach erweiterten Fassungen des berühmten, ursprünglich der 
Schule von Salerno entstammten »Regimen sanitatis" angeführt 
sei, z. B. in der 1486 zu Augsburg gedruckten Ausgabe des 
;;Hortus sanitatis". Zauber- und Wunderwirkungen mittels 
der Alraunwurzel, sei es zu guten oder zu bösen Zwecken, 
fanden daher während des ganzen Mittelalters Ausübung und 

^ Der gelehrte Sprengel irrt, wenn er die „menschenähnliche Gestalt" 
der Mandragora auf Avicenna zurückführt (Dioskorides II, 605). 

\,Gesta Dei per Francos", ed. Bongars, Han. 1611; I, S. 1099. 
''Alb. Magnus, „De vegetabilibus", lib. VI, cap. 12, Absatz 379— 381. 
^ „Von den Kräutern", V, cap. 48; IV, cap. 28. 

13* 



196 ALRAUN UND SCHWARZER HUND 

Glauben, und die Beschuldigung, Alraune erworben oder be- 
nutzt zu haben, bildete einen stehenden Anklagepunkt gegen 
die, des Verkehres mit bösen Geistern, Hexen, Teufeln u. s. f. Ver- 
dächtigen; obwohl nun, wie Du -Gange berichtet, ^ die Pariser 
Behörden schon im 14. Jahrhunderte aufgeklärt genug waren, 
den Verkauf von Alraunwurzeln als Betrug zu verbieten und 
die Wurzeln ins Feuer zu werfen, so begegnen wir daher 
dennoch z. B. der „Alraunzauberei" unter den Gründen, die 
1431 zur Verurteilung und Verbrennung der Jungfrau von 
Orleans Anlaß gaben, ja noch 1578 führt der gelehrte Jesuit 
Del Rio es anscheinend als einen Beweis besonderen Mutes 
an, daß er eine Mandragora den Flammen überliefert habe.^ 
Das 16. und 17. Jahrhundert zeitigten eine reichhaltige, die 
Alraunpflanze und ihre wunderbaren Eigenschaften betreffende 
Literatur, die zu einem großen Teile deutschem Boden ent- 
sproß,^ und manche spezifisch germanische Züge aufweist. 
Alle Berichte stimmen annähernd in folgenden wesentlichen 
Punkten überein: Die Alraunwurzel ist von menschlicher Ge- 
stalt, entsteht aus dem Samen eines unschuldig Gehängten, be- 
sonders eines schätzelüsternen Erbdiebes, wächst daher häufig 
unter den Galgen, und heißt deshalb auch ;; Galgenmännlein"; 
sie zu gewinnen, ist mit Lebensgefahr verknüpft, da sie beim 
Herausziehen so entsetzlich schreit, daß, wer es hört, vor 
Schrecken sterben muß; wer sie daher ausgraben will, der 
verstopfe sich die Ohren mit Wachs, mache vor Sonnenaufgang, 
und nach Westen blickend, drei Kreuze über die Wurzel, 
binde einen hungrigen schwarzen Hund an sie, halte diesem 
Futter vor, und blase zugleich in ein starkes Hörn, um das 
todbringende Geschrei der Pflanze zu übertönen. Der Hund 
fällt tot zu Boden, sobald die Wurzel ans Licht gelangt; man 
wäscht diese mit rotem Wein, legt sie in ein rotes Tuch, be- 

^ „Glossarium" IV, S. 224. ^ Siehe Graesse, „Beiträge zur Literatur 
und Sage des Mittelalters", Dresden 1850, S. 45. =^ Graesse (a. a. O., 

S. 56) zählt 18 ausführliche Schriften auf. 



ALRAUN UND SCHWARZER HUND 197 

kleidet sie jeden Neumond mit einem weißen Hemdlein, badet 
sie jeden Sonnabend, und bewahrt sie in einem Kästchen auf. 

Die gelehrten Kommentatoren der antiken Schriftsteller aus 
der Zeit der beginnenden Renaissance, sowie besonders die 
Väter der deutschen Botanik, z. B. Manardus (1462 bis 1536), 
Mathiolus (1501 bis 1577), Marcellus Vergilius (1518), 
Brasavoli (1545), Amatus Lusitanus (1554), Bock (1498 bis 
1554), Fuchs (1501 bis 1566), Tabernämontanus (1588) U.A., 
suchten vergeblich Aufklärung über die Mandragora zu ver- 
breiten »und die Betrügereien aufzudecken, die mit ihr getrieben 
wurden: so z. B. schnitt man die Wurzeln der gemeinen Zaun- 
rübe (Bryonia alba) zu menschlichen Gestalten zurecht, ließ 
ihnen Haare wachsen, indem man sie mit Gras- oder Hirse- 
samen besteckt in feuchten Sand legte, und stattete sie schließ- 
lich mit allerlei schreckhaften oder grauenerregenden Attributen 
aus; einzelne derartige Kunstprodukte haben sich bis auf den 
heutigen Tag erhalten. ^ Der großen Lebensgefahr wegen, die 
angeblich mit ihrer Ausgrabung verknüpft war, wurden die 
Alraune um schweres Geld verkauft, so z. B. erwarb noch 
Kaiser Rudolph IL (1576 bis 1612) einen solchen für 100 Taler, 
und zur nämlichen Zeit wurde in Leipzig ein Exemplar mit 
64 Reichstalern bezahlt. Trotz aller Verbote und schwerer 
Strafen (von der Auspeitschung bis zur Hinrichtung) blieb 
daher der Handel mit Alraunen ebenso unausrottbar wie der 
Wunderglaube des Volkes; wie allverbreitet dieser war, zeigt u.a. 
das Lustspiel »La mandragola" des Machiavelli, aus dem 
Lafontaine eine seiner Erzählungen schöpfte.'^ 

Aus den oben angeführten Berichten^ ergibt sich ferner, 
daß die nach Vorschrift erworbene und behütete Alraunwurzel 
ihrem Besitzer hauptsächlich vier Gaben einbringt, nämlich 
Gesundheit, Kindersegen, Gewalt über das Wetter, und Reich- 
tum an Schätzen und Gold; legt man ihr z. B. nächtlich einen 

^ Peters, a. a. O.; I, S. 181. ^ „Contes et Nouvelles" III, 2. 

* Graesse, a. a. O. 



198 ALRAUN UND SCHWARZER HUND 

halben Taler bei, so findet man diesen am Morgen verdoppelt, 
und dasselbe geschieht mit einem Dukaten, doch muß man 
mit diesem schonsam sein, um die Kräfte der Wurzel nicht 
zu überanstrengen. Deutlich wird hierdurch der Zusammen- 
hang erkennbar, in dem die Mandragora mit dem Brutpfennig 
und dem Hecktaler, und durch diese wieder mit der Spring- 
wurzel und Wünschelrute steht; uralte, zum Teil bis in die 
fernste indogermanische Vergangenheit zurückreichende mytho- 
logische Vorstellungen sind es, die den Aberglauben, der sich 
an alle diese Wunderdinge knüpft, erklären und verbinden.^ 

Im Mittelpunkte dieser Vorstellungen, die hier nur nach 
den zum Verständnisse notwendigsten Richtungen kurz ange- 
deutet, nicht eingehend entwickelt werden können, steht die 
Überlieferung, daß das Feuer, die berauschende Kraft des ge- 
gohrenen, Geist und Körper erregenden, w feurigen" Trankes der 
Urzeit, und mit ihnen auch der erste Funke menschlichen Lebens, 
gemeinsamen himmlischen Ursprunges seien, und gemeinsam 
zur Erde herabgelangten. 

Das himmlische Feuer und der himmlische Trank wurden 
in gleicher Weise in den Wolken entstehend gedacht, wie man 
sie im Leben zu erlangen gewohnt war. Das Feuer zuckt ent- 
weder als Blitz aus einem himmlischen Wetterbaum, dessen 
Zweige als Wolken das Firmament bedecken, und wird als 
brennender Zweig, Keil, oder Stab, von einem Vogel (der an- 
fänglich wohl die Personifikation des Blitzes war) zur Erde ge- 
tragen; oder es entsteht durch bohrende Reibung und Drehung 
eines Keiles oder Stabes in der Nabe eines Rades (des Sonnen- 
rades, das sich später zum strahlenden Wagen des Helios ge- 
staltet), und fährt als Blitz in Stab- oder Keilgestalt zur Erde, 
woferne nicht etwa ein Gott es in solcher Form (als Donner- 
keil) herabschleudert, oder es in Vogelgestalt entführt und der 
Erde zuteilt, — worauf z. B. der geflügelte Stab des griechischen 

^ Siehe die mythologischen Werke von Grimm, Prell er, Simrock, 
sowie Kuhn 's „Mythologische Studien" I. (Gütersloh 1886). 



ALRAUN UND SCHWARZER HUND . 199 

Hermes und des indischen Agni hinweist. Der feurige Trank 
gilt dementsprechend entweder für den Saft eines himmlischen 
Baumes oder für das Produkt einer quirlenden Mischung himm- 
lischer Kräfte, und wird durch einen Vogel zur Erde gebracht, 
oder durch einen Gott in Vogelgestalt geraubt, — ein Mythus, 
als dessen letzter Rest die Entführung des Mundschenken 
Ganymed durch den in einen Adler verwandelten Zeus er- 
scheint. Mit dem Verfahren bei der Feuerentzündung vergleicht 
endlich die naive Anschauung das bei der Zeugung, bildet so 
die Entstehung des Blitzes zur Erzeugung einer Gottheit um, 
die zur Erde herabsteigt und dort der Stammvater des mensch- 
lichen Geschlechtes wird, und betrachtet umgekehrt den Zeug- 
ungsakt als Erweckung des himmlischen Feuerfunkens der Seele; 
auch als Bringer dieser den Körper belebenden Seele wird ein 
Vogel gedacht (und zwar besonders ein roter, d. h. feuergleicher, 
z. B. der Rotspecht oder der rotbeinige Storch), daher denn auch 
nach dem Tode die Seele in Vogelgestalt wieder gen Himmel 
entschwebt. 

Da das Feuer auf Erden aus Holz wieder hervorgelockt 
werden muß, wird der herabgefahrene Blitz in einen Baum- 
stamm verwandelt gedacht, und zwar, weil der Blitz als Drei- 
zack vorgestellt wird, vorwiegend in einen solchen mit drei- 
gespitzten oder dreilappigen Blättern, z. B. in einen Eschen- oder 
Eichenstamm; der Vogel, der das Feuer herabbringt, verwandelt 
sich gleichfalls in eine Pflanze, und zwar hauptsächlich in eine 
solche mit gefiederten Zweigen oder Blättern, z. B. in eine 
Eibe oder eine Eberesche (Vogelbeere), deren rote Früchte den 
feurigen Ursprung verraten. Aus Baumsäften, unter anderem aus 
Eschensaft, wurde aber auch der gärende feurige Trank der 
Vorzeit bereitet, und Bäume mit roten Blüten oder Früchten 
und rotgefärbten Rinden oder Hölzern gelten vorzugsweise für 
geeignet zur Saftentnahme. Den Bäumen, besonders der Esche, 
läßt endlich die Sage auch die ersten Menschen entspringen, 
und noch heute sprechen wir daher von „Stamm" und „Stamm- 



200 ALRAUN UND SCHWARZER HUND 

bäum". Der innige Zusammenhang aller dieser Anschauungen 
erhellt aus zahlreichen Sagen, Gebräuchen und Mythen: der 
heilige Soma- oder Haomatrank der Inder und Eranier wird 
z. B. in ältester Zeit aus dem Safte einer feuer- oder goldrot 
blühenden Pflanze bereitet und verleiht Kraft, Gesundheit und 
Kinderreichtum; heiliges Feuer gewinnt man aus dem Holze 
der Esche und Eiche mit Hilfe jener Schling- und Schmarotzer- 
pflanzen, ,;die schon die Natur diesen Bäumen vermählt hat" 
(Efeu, Mistel, gewisse Clematisarten u. s. f.); die Feuerhölzer oder 
wArani" der alten Inder haben vollständige menschliche Körper- 
bildung als Mann und Weib, und nur wer sie in richtiger 
Weise reibt, erlangt heilbringendes Feuer, wird aller Wünsche 
teilhaftig, und reich an Kindern; der latinische Stammvater Picus 
(= Specht) naht sich als feuerbringender Vogel, nährt Romulus 
und Remus mit Wein und Met, wird erster König, d. h. erster 
Mensch des Landes, und gilt als Schutzgott der Gebärenden 
und der kleinen Kinder u. s. w., u. s. w. 

Von dem nämlichen Picus (= Specht) meldet aber die 
Sage auch, er sei im Besitze der Springwurzel gewesen, in der 
nichts anderes zu erblicken ist, als ein himmlischer Donnerkeil. 
Und in der Tat erzählen die indogermanischen Mythen gleich- 
lautend, daß unter anderem der Rotspecht der Bringer der Spring- 
wurzel sei, die er herbeihole, um sein von Menschenhand durch 
einen Keil verschlossenes Nest wieder zu öffnen, und die er 
fallen lasse, wenn man ihn mit Wein und Met anlocke, oder 
wenn man unter einer Eberesche ein Feuer anzünde oder ein 
rotes Tuch ausbreite, und zwar bei Tagesanbruch, derart, daß 
die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne es beleuchten. Die 
herabgefallene Springwurzel wird im Boden zur Pflanze, deren 
feuriger Ursprung sich dadurch verrät, daß sie des nachts 
leuchtet und flammengleich umherhüpft; ihrer Abstammung von 
den w goldenen Sonnenstrahlen" verdankt sie die Verwandt- 
schaft zum Golde und die Anziehungskraft für edle Metalle, 
sie offenbart daher verborgene Schätze, sprengt verschlossene 



ALRAUN UND SCHWARZER HUND 201 

Türen der Schatzgewölbe, und verleiht ferner langes Leben, 
Macht über das Wetter, und Kindersegen. Als heilige Pflanze 
darf sie nur unter Beobachtung besonderer geziemender Ge- 
bräuche dem Boden entnommen werden, widrigenfalls sie all 
das Unglück und Übel herbeiführt, vor dem sie sonst schützt; 
beim Brechen der Wurzel erhebt sich Lärm, Sturm und Donner- 
getöse, indem der bis dahin festgewurzelte Donnerkeil seine 
alte Natur wiedergewinnt. Die Springwurzel, ebenso wie die 
Wünschelrute, die man unter anderem gleichfalls aus dem Holze 
der Eberesche gewinnen kann, haben (oder erhalten künstlich) 
menschliche Gestalt als Mann oder Weib; sie werden wie kleine 
Kinder gekleidet und gehegt, mit Wein oder Met genährt, in 
einer Wiege oder wiegenähnlichen Truhe aufbewahrt, und mit 
menschlichen Namen benannt, indem man über sie drei Kreuze 
macht. Die drei Kreuze sind aber das Zeichen des Gottes 
Tor oder Donner, der mit dem dreigespitzten Hammer Blitze 
aus den Felsen schlägt oder den Hammer selbst als tod- 
bringendes Geschoß wirft (daher die Redensart «vom Donner 
gerührt", «vom Donner geschlagen"), und dem deshalb der 
Kreuzdorn, die Mistel und die Hasel heilig sind. 

Aus dem Dargelegten ergibt sich nun auch ohne Schwierig- 
keit die Quelle des an der Mandragora haftenden Aberglaubens 
und seine Deutung. Den Ausgangspunkt bildete offenbar die 
auffällige, das einfachste Bild des zweibeinigen Menschen ver- 
sinnlichende Gestalt der Wurzel, vielleicht auch ihr lebhaft (bis 
zur Tollheit und Raserei) erregender, daher anscheinend be- 
rauschender Saft; daraufhin wurden ihr dann auch die übrigen, 
in dem geschilderten Vorstellungskreise hiermit zusammen- 
hängenden Eigenschaften beigelegt, deren mannigfaltigen mytho- 
logischen Beziehungen sie in jeder Hinsicht entspricht. 

Die Alraunwurzel findet sich zunächst unter heiligen Bäumen, 
z. B. Eschen, Eichen, Eiben, Haseln und Kreuzdorn; ihre Ent- 
stehung aus dem Samen eines am Galgen Gehängten verweist 
auf das sagenhafte neuntägige Hängen Odins an der Weltesche 



202 ALRAUN UND SCHWARZER HUND 

Yggdrasil, sowie auf eine spätere Erzählung, nach der die 
Alraunen Kinder des obersten Teufels ^ (d. h. vom christlichen 
Standpunkte aus Odins) und der klugen Frau Albruna seien. - 
Der schon von Flavius Josephus überlieferte Glaube, daß in 
der Alraunwurzel ein Gespenst wohne, ist in dieser Hinsicht 
ebenso von Bedeutung, wie die bereits von Aelian und 
Kedrenos vermeldete Benützung der Wurzel zur Heilung von 
Fallsucht und Besessenheit, also von Krankheiten, die man der 
Gegenwart von Dämonen zuschrieb und zugleich mit diesen 
auszutreiben unternahm. Andererseits erinnert aber dieser Glaube 
auch wieder an die Verwandlung des Blitzgottes und weiterhin 
seines Symboles, des Donnerkeiles, in die Pflanze: die Natur 
des himmlischen Feuers äußert sich im nächtlichen Leuchten, 
flammengleichen Hüpfen und Fliehen der Blüten, ferner in 
dem Gebote, den Alraun nur innerhalb dreier Kreise (die das 
Sonnenrad bedeuten) und bei Sonnenaufgang auszuziehen, — 
und zwar nach Westen blickend, d. h. nach der nämlichen 
Richtung, in der die ersten, aus dem Osten kommenden Sonnen- 
strahlen auf die Wurzel fallen — , endlich in der Notwendigkeit, 
letztere in ein rotes Tuch eingehüllt aufzubewahren; die Natur 
des Donnerkeiles wieder verrät sich durch die vor dem Aus- 
graben nötige Bezeichnung mit drei Kreuzen, und in dem ent- 
setzlichen Schrei und todbringenden Weherufe der losgelösten 
Pflanze. Das Waschen der Wurzel mit rotem Wein mahnt an 
den Zusammenhang mit dem feurigen Himmelstrank; ihre Ge- 
staltung als Mann und Weib, das kindergleiche Baden, Kleiden 
und Aufbewahren in einer Truhe, der Gebrauch als Liebes- 
mittel, sowie die erotischen Reden beim Ausgraben (nach Theo- 
phrast) knüpfen hinwiederum an den Vergleich der Feuer- 

^ Nach Hesychius führte auch Zeus den Beinamen 6 {xavSpayopa?. 

^ Von Albruna berichten Tacitus („Germania", cap. 8), und Jor- 
nandes (,,De rebus Geticis", cap. 14); den Namen der klugen Fee Maglore, 
die in französischen Sagen eine so große Rolle spielt, leitet Grimm ebenfalls 
von Mandaglore oder Mandagloire.(^ Mandragora) ab. 



ALRAUN UND SCHWARZER HUND 203 

gewinnung mit der Zeugung an. In Übereinstimmung mit 
allem diesem stehen einerseits die Gaben, die die Mandragora 
verleiht, nämlich Kindersegen und leichte Geburt, Gesundheit 
und Kraft (langes Leben und Unverwundbarkeit), Gewalt über 
das Wetter, Reichtum und Güter, endlich die Erlangung von 
Gold und verborgenen Schätzen, — daher wieder die Bedeutung 
des Erbdiebes für die Entstehung des Alrauns — , andererseits 
aber auch die Strafen und Unglücksfälle, mit denen sie jene 
heimsucht, die sie nicht nach gebührendem Gebrauche auf- 
bewahren oder erwerben. 

In letzterer Hinsicht sind noch die das Hörn und den 
Hund betreffenden Vorschriften zu erwähnen. Das Hörn hat 
ursprünglich nicht den Zweck, den Todesschrei des Alrauns zu 
übertönen, sondern gilt selbst als Symbol des Todes; in diesem 
Sinne bläst es Wate, der Vater Wieland des Schmiedes, in 
seiner Eigenschaft als Totenschiffer, Odin als Todesgott, und 
Heimdall läßt es als Zeichen des Weltunterganges bei der 
Götterdämmerung erschallen. Auch der Hund ist ein Attribut 
der Unterweltsgöttin Nehallenia, bedeutet den Tod oder einen 
Todesboten, und tritt z. B. als solcher in Gestalt des Gardevias 
im »Titurel" und des Petitcriu im «Tristan" auf. Als Zu- 
gehöriger der dunklen Mächte findet sich der schwarze Hund 
mit feuriger Zunge und feurigem Schweife im Gefolge des 
zum wilden Jäger gewordenen Odin, und wird schließlich zum 
Höllenhund, zum Begleiter des Teufels, ja zu diesem selbst, 
wie denn der Teufel in manchen Sagen, ^ unter anderem auch 
im ,; Faust", in Hundesgestalt erscheint; ^ solche Anschauungen 
machen es erklärlich, daß der schwarze Hund als Bewahrer 
und Hüter der unterirdischen Schätze gilt, ja daß vielfach 
;;Hund" und ;; Schatz" geradezu identifiziert werden, wie in der 
noch heute gebräuchlichen, aber nicht mehr verstandenen 

' Goethe-,Jahrbuch" XV, S. 261. 

^ Vers 1154 ff.: „Und irr' ich nicht, so zieht ein Feuerstrudel Auf 
seinen Pfaden hinterdrein". „Ich sehe nichts als einen schwarzen Pudel". 



204 ALRAUN UND SCHWARZER HUND 

Redensart »da liegt der Hund vergraben«.^ Die Beziehungen 
zu den verschiedenen Eigenschaften der Mandragora, die noch 
gegenwärtig im Volksmunde » Hundsapfel" heißt, ^ treten aus 
dem Angeführten deutlich hervor, und aus ihnen ergibt sich 
zugleich in Klarheit der Sinn und Zusammenhang jener 
Goeth eschen Verse, von denen die vorliegende Untersuchung 
ihren Ausgang nahm. 

^ Siehe Grimm's „Mythologie", und Schmeller's „Bayrisches Wörter- 
buch". - Wittstein, a.a.O. 



u 

DIE KÜSTE VON BÖHMEN.^ 




nter den Absonderlichkeiten und Anachronismen, an 
denen Shakespeares »Wintermärchen" so reich 
ist, hat die rätselhafte ,; Küste von Böhmen" seit jeher 
die Aufmerksamkeit der Kritiker und Kommentatoren 
in besonders hohem Grade erregt. Die Einen haben in der 
Einführung Böhmens als Küstenland einen unwiderleglichen 
Beweis der Unbildung und Unwissenheit Shakespeares ge- 
sehen, ohne zu beachten, daß dieser von einem bloßen Irrtum 
solcher Art wohl sicher gelegentlich der Darstellung des Stückes 
Kenntnis erhalten hätte, und ihn leicht beseitigen konnte, wozu 
er nur z. B., wie man vorgeschlagen hat, Bithynien an Stelle 
Böhmens zu setzen brauchte. ^ Andere sind der Ansicht, der 
Dichter sei sich zweifellos jenes Fehlers vollkommen bewußt 
gewesen, habe ihn jedoch absichtlich unverbessert stehen lassen, 
weil es sich um ein Märchenstück handelte, das wim Lande 
der Fabel und in der Zeit der Poesie" spiele, und dem gegen- 
über ohnehin niemand die Forderung strenger Wahrheit er- 
heben könne.2 Die Dritten endlich, unter ihnen vor allem 
Simrock,^ haben auf die Quelle verwiesen, der Shakespeares 
wWintermärchen" entfloß: die Novelle ,;Pandosto,the Triumph 
of Time", des Robert Greene, eine sehr populäre, seit 1588 

^ „Shakespeare-Jahrbuch" 1892, S. 115. ' Simrock, „Die 

Quellen des Shakespeare". Bonn 1872. II, S. 90. ' Ebenda S. 90. 

^ Ebenda II, S. 41 ff. 



206 DIE KÜSTE VON BÖHMEN 

in einer ganzen Reihe von Ausgaben erschienene Erzählung, 
die, dem gezierten Geschmacke der Zeit folgend, ein Gemisch 
von Märchen und Schäferroman darstellt, ^ und mit den Worten 
beginnt: 2 ,;Ehe noch das Christentum in der Welt erschienen war, 
regierte in Böhmen ein König, Pandosto genannt". Böhmen 
sei also bereits als Schauplatz der Begebenheit bekannt ge- 
wesen und als solcher gleich am Eingange der Novelle aus- 
drücklich bezeichnet worden; die Anfänge überlieferter Er- 
zählungen stellten aber für den Bearbeiter feste Punkte dar, an 
denen er ungerne rüttle, weil sie stärker als alles andere im 
Gedächtnisse der Leser oder Zuhörer haften, deren Widerspruch 
er nicht herausfordern mag, — und im Hinblicke hierauf wäre 
es wohl zu begreifen, daß Shakespeare, der alle in der 
Novelle vorkommenden Eigennamen geändert hat, den des 
Landes Böhmen wissentlich beibehielt.^ 

Das Rätsel von der Küste Böhmens ist hiermit allerdings 
nicht gelöst, sondern die Frage nur um eine Stufe zurück- 
geschoben, indem sie nun nicht mehr das Schauspiel, sondern 
die Novelle betrifft. Simrock meint,^ daß diese, obwohl ihr 
einige sagengemäße Züge, z. B. die Aussetzung und Wieder- 
auffindung des Kindes, eingeflochten sind, Green es eigene 
Erfindung zu sein scheine und keine epische Grundlage habe. 
Eine solche ist zwar in der Tat bisher nicht bekannt, doch 
läßt sich auch keineswegs mit Bestimmtheit behaupten, daß sie 
nicht vorhanden sei. Ist doch das weit ausgedehnte Gebiet 
der Novellistik romanischen Ursprunges, die vor und während 
der Zeit Shakespeares in England allverbreitet und Quelle 
zahlreicher dramatischer und epischer Erzeugnisse war, noch 
bei weitem nicht eingehend durchforscht, und auch die unter 
ihrem Einflüsse herangebildete englische Erzählungsliteratur 

^ Simrock, „Die Quellen des Shakespeare". Bonn 1872. II, S. 91. 
^ Siehe auch die Einleitung zum „Wintermärchen" in der Ausgabe der 
Deutschen Shakespeare-Gesellschaft, Berlin 1877. Bd. IX, S. 131 ff. 
-' Simrock II, S. 90. * Ebenda S. 91. 



DIE KÜSTE VON BÖHMEN 207 

nicht bis zu ihren letzten Wurzeln zurückverfolgt, wie denn 
z. B. erst die zufällige Auffindung eines Exemplares des Greene- 
schen Märchens mit der Jahreszahl 1588 die eine Zeit lang 
gültige Annahme beseitigte, es sei jene Novelle erst Shakes- 
peares Schauspiele entflossen. Daß die wichtigste Abänderung, 
die letzteres aufweist, die Erhaltung Hermiones, dieGreene 
wirklich sterben läßt, lebhaft an die Rettung und Wiederfindung 
Lucinas in jener Geschichte vom »Apollonius aus Tyrus" er- 
innert, der Shakespeare den Stoff zu seinem Schauspiele 
nPerikles, Fürst von Tyrus" entnahm,^ wird wohl Wenige 
zur Ansicht Simrocks bekehren, der Dichter habe sich be- 
gnügt, im Schicksale der Hermione das der Lucina zu wieder- 
holen.- Will man sich schon auf das Gebiet der Hypothese 
begeben, so kann man sogar jenen Umstand eher zugunsten 
der Annahme deuten, die schöpferische Phantasie Shakes- 
peares habe sich auch hier nur dem bestimmten Wortlaute 
einer anderen älteren Quelle untergeordnet; einer solchen nach- 
zuspüren, erscheint daher immerhin als kein ganz aussichtsloses 
Bestreben, und selbst geringe Anhaltspunkte werden dieses stets 
in gewisser Hinsicht zu fördern vermögen. 

Als ein kleiner Beitrag zur Lösung der eingangs erwähnten 
Frage mag es daher gelten, wenn ich auf eine Stelle aufmerk- 
sam mache, die ich gelegentlich der Studien zu meiner vor 
etwa Jahresfrist erschienenen »Geschichte des Zuckers«, ^ in 
R. Röhrichts hochgelehrtem Werke „Deutsche Pilgerreisen 
im Mittelalter"^ auffand. Wie mir der Herr Verfasser freund- 
lichst bestätigt, ist sie Tschamsers „Annalen der Barfüßer zu 
Thann"^ entlehnt und besagt, „daß 1481 vierzehn Pilger von 

' Simrock II, S. 212. S. auch „Gesta Romanorum", ed. Oesterley, 
Berlin 1872, S. 510; und über die noch älteren Quellen ebenda S. 737. 

^ Simrock II, S. 90. Auch auf seine „entferntere Verwandtschaft" mit 
den Schicksalen der Her o in „Viel Lärm um Nichts" hat Simrock hinge- 
wiesen, vor ihm und viel bestimmter jedoch schon Lambel: „Mittelalterliche 
Erzählungen und Schwanke", Leipzig 1883, S. 108. ^ Leipzig 1890, bei 

Hesse. ^ Gotha 1889, S. 175. ^ Kolmar 1864, I, S. 654. 



208 DIE KÜSTE VON BÖHMEN 

ihrer Pilgerfahrt ins heihge Land heimkehrten, nachdem sie 
von Korsaren unterwegs überfallen, aber schließlich glücklich 
entronnen waren; sie seien ;; gegen Böhmen" . . . gelandet, und 
brachten der St. Theobaldskirche zu Thann ihr versprochenes 
Opfer von fünfzig Pfund Wachs dar". Hier begegnen wir also 
wiederum der Küste von Böhmen, zugleich mit ihr aber auch 
einer Erklärung, denn hinter dem Worte Böhmen findet sich 
die Einschaltung w hiermit ist Apulien gemeint". Diese Er- 
zählung, welche um so belangreicher erscheint, als die Einfach- 
heit und Bestimmtheit des Berichtes jede Möglichkeit einer 
Verwechslung oder Mißdeutung ausschließt, weist also darauf 
hin, daß in gewissen Zeiten, und zwar noch in solchen, die 
der Epoche Greenes und Shakespeares ziemlich nahe liegen, 
die südöstliche Küstenlandschaft Italiens mit dem Namen 
„Böhmen" bezeichnet wurde. Halten wir zunächst an der 
Richtigkeit dieser Angabe fest, und versuchen wir an deren 
Hand das „Böhmen" des „Wintermärchens" und der Novelle 
wPandosto" zu deuten, so zeigt sich allerwärts die erwünschte 
Übereinstimmung: ein guter Wind trägt den König Egistus 
rasch nach Sizilien heim;^ ein zweitägiger Sturm verschlägt das 
Schiffchen der Faunia (Perdita) von Böhmen nach Sizilien;^ 
ein dreitägiger Orkan läßt die aus Sizilien fliehenden Liebenden 
an Böhmens Küste landen,^ woselbst sie zuerst ein etwa eine 
Meile von der Hauptstadt entferntes Dorf betreten;* böhmische 
Kaufleute, die nach Sizilien reisen, verraten dem Egistus 
den Aufenthalt des jungen Paares,^ und drei Tage dauert 
die Fahrt der königlichen Gesandten von Böhmen nach 
Sizilien. Daß Dorastus (Florizel) mit Faunia (Perdita) 
nach Italien flüchten will,^ seine Landung in Apulien jedoch 
als Vereitelung dieser Absicht erscheint, birgt insofern keinen 
Widerspruch in sich, als hierbei unter „Italien" offenbar nur 
ein bestimmter Teil des heute so benannten ganzen Landes 

^ Simrock II, S. 44. ^ Ebenda, S. 51. ^ Ebenda, S. 73. 

* Ebenda, S. 73. ^ Ebenda, S. 82. « Ebenda, S. 65. 



DIE KÜSTE VON BÖHMEN 20Q 

verstanden,^ zudem aber auch Italien überhaupt als „fremdes 
Land" bezeichnet wird. Ebensowenig bietet das »Orakel des 
Apollo auf der Insel Delphos" einen Stein des Anstoßes. Shakes- 
peare, der sich (zumeistGreenefolgend)im wWintermärchen« 
so manche chronologische Freiheit und seltsame Ungenauigkeit 
gestattete, z. B. Hermione als Tochter des Kaisers von Ruß- 
land bezeichnet,- — bei Greene gilt dieses von der Gemahlin 
des Egistus^ — , den König von Sizilien für seinen Sohn um 
die Hand der dänischen Prinzessin Euphrania werben läßt,* 
und Julio Romano als hervorragenden Bildhauer rühmt, ^ hat 
bekanntlich auch vor der Einführung dieses abenteuerlichen 
Orakels keine Scheu getragen; sei es nun, daß darunter Delphi 
verstanden war, ^ sei es, daß eine Verwechslung mit Delos vor- 
liegt: so viel wird jedenfalls als glaublich gelten, daß die Ge- 
sandten, die zu ihrer Reise drei Wochen brauchten,^ „in kurzer 
Zeit von Delphos nach Böhmen heimsegeln" konnten. Wenn 
endlich von „Böhmens Wüsteneien" die Rede ist,^ wenn es 
heißt: „Einsamer Stellen gibts in Böhmen viel",^ so trifft auch 
dieses gar wohl auf die zahlreichen waldlosen und unbebauten 
Felsenküsten Apuliens zu, und die Nähe Siziliens und Apuliens 

* Ebenda, S. 73 und 75. Der arabische Geograph Edrisi bezeichnet 
noch in seinem um 1154 beendeten Werke Roger IL, an dessen Hofe er 
lebte, als „König von Sizilien, Italien, Lombardien, Apulien und Calabrien". 
S. auch Schack, „Geschichte der Normannen in Sizilien", Stuttgart 1889; II, 
S. 29. Noch in Seb. Brant's 1494 verfaßtem „Narrenschiff" heißt es 
(Absatz 99, Vers 55) von den Türken: „Apulien tun sie schon Gewalt, Sizilien 
folgt dann alsobald, Italia stößt zunächst daran". 

%,Wintermärchen", Akt III, Szene2. ^ Simrock, S. 46. •* Ebenda, 
S. 53. ^ „Wintermärchen", Akt V, Szene 2. 

^ „Delphin" als Orakel des Apollo findet sich z. B. auch in Jakob 
Ayrer's ,,Comedia von zweien fürstlichen Räthen" (Nürnberg 1618), die an 
Shakespeare's „Cymbeline" erinnert, und eine romanische oder lateinische 
Vermittlung voraussetzt. Siehe bei von der Hagen „Gesamtabenteuer", 
Stuttgart 1850. III, Vorrede S. 95. Eine „Insel Delphos" wird übrigens in der 
mittelalterlichen Literatur nicht selten erwähnt, und zwar schon sehr frühzeitig, 
z. B. in Warnefried's „Geschichte der Longobarden", lib. 2, cap. 23. 

'' „Wintermärchen", Akt II, Szene 3. « u. ^ ebenda, Akt III, Szene 3. 

V. Lippmann, Beiträge. 14 



210 DIE KÜSTE VON BÖHMEN 

läßt es begreiflich erscheinen, daß uns gemeldet wird, ihre 
Fürsten seien in der Kindheit zusammen auferzogen worden, ^ 
und fortdauernd habe seit deren Wiederversöhnung Freund- 
schaft und Friede zwischen den beiden Ländern geherrscht. ^ 
Da Sizilien lange Zeit hindurch (bis 1111) wirklich ein Lehen 
Apuliens war^ und seine Geschicke mit denen der benach- 
barten italischen Landschaften in stetem Zusammenhange standen, 
so scheint hier sogar ein Funken geschichtlicher Wahrheit durch 
das Gewebe der Sage zu schimmern. Bedenkt man, daß vom 
10. bis 12. Jahrhundert zahlreiche Fürsten des Namens Pandolfo 
die Kronen der Kleinstaaten Unteritaliens trugen,^ so bleibt selbst 
die Annahme nicht ausgeschlossen, daß auch der Name des 
Königs Pandosto von Böhmen auf einen historischen Hinter- 
grund zurückweise,^ — um so mehr, als Lautverschiebungen 
dieser Art bei so ähnlich geschriebenen Worten nicht zu den 
Seltenheiten gehören. 

Es verbliebe nun noch die Frage, auf welchem Wege denn 
Apulien zu dem Beinamen «Böhmen" gelangen konnte.^ Direkte 
geschichtliche Beziehungen liegen nicht vor; denn abgesehen 
davon, daß Herzog Otto von Böhmen als Begleiter Kaiser 
Heinrichs VI. auf seinem Zuge nach Apulien verzeichnet wird,^ 
finden sich die beiden Länder kaum jemals zusammen genannt. 
Man muß also vermuten, daß Apulien die Bezeichnung »Böhmen" 

^ „Wintermärchen", Akt I, Szene 1; Simrock, S. 41. "Simrock, 
S. 87. ^ Schack, a. a. O. I, S. 215. * Schack, a. a. O. I, 96 ff.; S. 118. 

^ Ähnlich wie Theseus, der „Herzog von Athen" im „Sommernachts- 
traum", auf die Herzoge von Athen, die unter den Vasallen des 1204 ge- 
gründeten lateinischen Kaiserreiches wirklich angeführt werden. Siehe hierüber 
den Kommentar des Philalethes zu Dantes ,, Hölle" (Leipzig 1891; I, 
S. 74), wo Theseus im 12. Gesänge „Herzog von Athen" genannt wird, 
sowie die Erzählung des Ritters in Chaucer's „Canterbury-Geschichten" 
(übers, von Hertzberg; Hildb. 1866, S. 92 und 596), aus der Shakespeare 
vermutlich geschöp'ft hat. 

^ Vielleicht ist der böhmische Pilger, dessen Ariost im 28. Gesänge 
(Strophe 15) des „Rasenden Roland" Erwähnung tut, gleichfalls als apulischer 
Pilger aufzufassen? (Ariost kannte aber das wirkliche Land Böhmen sehr 
wohl.) ^ Schack II, S. 316 und 321. 



DIE KÜSTE VON BÖHMEN 211 

infolge von Verwechslungen oder Mißverständnissen erhielt, 
die sich jedoch immerhin an Ereignisse oder Namen von 
historischer Bedeutung knüpfen mögen. In dieser Hinsicht hat 
man wohl zuerst an Bohemund I. von Tarent zu denken, der 
während des ersten Kreuzzuges als einer der größten Feld- 
herrn strahlte, ^ das Fürstentum Antiochia begründete und seinem 
Sohne Bohemund IL vererbte, ^ und als leuchtendes Vorbild 
kühner Heldenhaftigkeit seinen Zeitgenossen wie der Nachwelt 
vorschwebte; sagt doch z. B. selbst Matthäus von Edessa, 
der 1144 verstorbene armenische Historiograph des ersten Kreuz- 
zuges: »Die Ungläubigen betrachteten Bohemund als den 
eigentlichen König der Franken, und sein Name machte ganz 
Chorassan erzittern".^ Daß Apulien im Volksmunde als das 
»;Land des Bohemund", vielleicht auch schriftlich als ,; Terra 
Bohemundi" bezeichnet wurde und daß hieraus oder aus einer 
Abkürzung (etwa ;; Terra Bohem.") die irrtümliche Benennung 
,; Terra Bohemica" und vBohemia" (Böhmen) hervorgegangen 
sei, möchte als die wahrscheinlichste Erklärung jener Begriffs- 
verschiebung gelten. 

Diese Annahme würde vielleicht schon an sich allzu kühn 
erscheinen, ließe sie sich nicht durch eine merkwürdige Parallel- 
stelle unterstützen, deren Belege Humboldt in seinem klassischen 
Werke: „Kritische Untersuchung über die historische Entwick- 
lung der geographischen Kenntnisse von der neuen Welt" * zu- 
sammengestellt hat. Wie daselbst nachgewiesen ist, findet sich 
der Name des großen Nürnbergers Martin Behaim (geb. 1436), 
Verfertigers der berühmten Erdkugel, auch in der Gestalt Mar- 
tinus Bohaimus oder Bohemus vor; Behaim selbst be- 
günstigte diese Schreibweise,^ weil er in ihr zugleich einen Hinweis 
auf das Vaterland seiner Vorfahren erblickte (die mehrere hundert 

^ Schack, I, S. 189 u. 215. ' Ebenda I, S. 255 u. 278. «Siehe 
Wollheim da Fonseca, „Die National-Literatur sämtlicher Völker des 
Orients". Berlin 1873, II, S. 496. ^ Übers, von Ideler, Berlin 1852. 

^ Humboldt 1, S. 225. 

14* 



212 DIE KÜSTE VON BÖHMEN 

Jahre früher aus einem Dorfe des Kreises Pilsen nach Nürnberg 
gekommen sein sollen); und so treffen wir ihn schon bei 
Pigafetta/ Barros^ und Herrera,^ die von jenem Neben- 
umstande keinerlei Kenntnis besaßen, als «Martin de Bohemia" 
aufgeführt, und in Spanien und Portugal noch heutzutage vor- 
wiegend so benannt. Da nun in späterer Zeit eine Anzahl 
von Gelehrten bemüht war, die Entdeckung Amerikas Behaim 
zuzuschreiben oder wenigstens mit dessen Fahrten in engen 
Zusammenhang zu bringen, so sehen wir seinen Namen in 
jener entstellten Form eine bemerkenswerte Rolle spielen: die 
Magellanstraße wird als »Fretum bohemicum" (böhmische 
Meerenge),* ja der ganze Weltteil als «Bohaimia" oder sogar 
als «das westliche Böhmen" bezeichnet.^ Wir begegnen also 
hier einem Mißverständnisse genau von der Art desjenigen, 
der zur Benennung Apuliens mit dem Worte „Böhmen" Ver- 
anlassung gegeben haben dürfte. 

Die Vermutung, daß der Ursprung dieser Benennung bis 
in die Zeit der Kreuzzüge zurückreiche, läßt sich noch durch 
eine Stelle aus «Der Wiener Meerfahrt" stützen, einem mittel- 
hochdeutschen Schwanke, der in der zweiten Hälfte des 13. Jahr- 
hundertes von einem fahrenden Sänger, der sich den «Freuden- 
leeren" nennt, gedichtet wurde. ^ Es wird erzählt,^ daß zu 
Wien in Österreich einst reiche Bürger auf einer Laube beim 
Weine zusammensaßen und des Abends, als sie bereits die 
Wirkung des Weines erfuhren, eine Kreuzfahrt übers Meer zu 
unternehmen vorschlugen; sie ließen reichlich Speise und Trank 

1 H u m b o 1 d t , I, S. 226 u. 254. ^ Ebenda I, S. 234. => Ebenda I, S. 253. 

^ Ebenda I, S. 220 und 256. Schon in Postel's „Kosmographie" von 
1561 heißt es: „Ad 54. grad. (südl. Breite), ubi est Martini Bohemi fretum, 
a Magaglianesio alias nuncupatum." 

^ Humboldt I, S. 221. ^ Abgedruckt in v. d. Hagen 's „Gesamt- 
abenteuer" Bd. II, und bei La m bei a. a. O. II, S. 464. 

^ Der Inhalt der Erzählung läßt sich bis auf Athenäus zurückverfolgen, 
der sie selbst wieder dem Timäus von Taormina ablehnte (v. d. Hagen II, 
Vorr. S. 69). 



DIE KÜSTE VON BÖHMEN 213 

für die Reise herbeibringen, es wurde unter Gesang und Ge- 
spräch bald Mitternacht, und da glaubten sie, schon längst das 
Schiff betreten zu haben und auf dem Meere zu fahren. Als 
sie vom Weine sinnlos wurden und zu taumeln begannen, 
meinten sie, ein Sturm sei ausgebrochen, beteten um Rettung, 
und als einer von ihnen einen Bürger unter einer Bank liegen 
sah, so behaupteten sie, das Meer stürme um des Toten willen, 
und warfen ihn über Bord. Durch den Lärm angelockt, kamen 
die Nachbarn, verwiesen sie zur Ruhe und eilten dem angeb- 
lichen Toten zu Hilfe, der sehr beschädigt mitten auf der Straße 
lag, weshalb die vermeintlichen Kreuzfahrer, nachdem sie ihren 
Rausch ausgeschlafen, ihm 200 Pfund zur Sühne zahlen mußten. 
Bei der Erzählung des Sturmes heißt es nun (Vers 357): 

Und als es kam gen Morgen, 

Da fuhren sie voll Sorgen, 

Und waren doch (wie Gott es weiß) 

Noch nicht halbweges bis Brandeis. 

Unter Brandeis ist aber natürlich nicht der Ort dieses Namens 
bei Prag zu verstehen, das schon im frühen Mittelalter als 
Stapelplatz an der Elbe oft genannte Brendisium,^ sondern 
Brindisi, das alte Brundisium,^ und daß diese wichtige Handels- 
stadt, die als Einschiffungsplatz der Pilger nach dem heiligen 
Lande allerorten und jederzeit wohlbekannt war, im Volks- 
munde mit dem Namen jenes böhmischen Städtchens be- 
zeichnet wurde, liefert einen höchst beachtenswerten Beleg für 
das Zustandekommen und die Erhaltung der Ideenverbindung 
zwischen den Namen Böhmens und Apuliens. Das angeführte 
Zitat steht leider bisher völlig vereinzelt da; zum mindesten 
haben mir hervorragende Germanisten übereinstimmend mit- 
geteilt, daß ihnen keinerlei Parallelstelle bekannt sei, und auch 
die ausführlichsten mittelhochdeutschen Wörterbücher enthalten 
nichts in dieser Richtung. 

' Graesse, „Orbis latinus" (Dresden 1861, S. 36); Oesterley, „Histor.- 
geogr. Wörterbuch des Deutschen Mittelalters" (Gotha 1883, S. 85). 
- V. d. Hagen und Lambel, a. a. O. 



214 DIE KÜSTE VON BÖHMEN 

Es mag zunächst genügen, auf die vorstehenden, sicherlich 
nicht uninteressanten Umstände hingewiesen und für die bis- 
her unverständliche, vermeintlich von Unwissenheit^ zeugende 
Angabe Shakespeares einen Erklärungsversuch unternommen 
zu haben; diesen auf seine Richtigkeit und Zuverlässigkeit ein- 
gehend zu prüfen, muß den Gelehrten von Fach, sowie den 
auf den fraglichen Gebieten tätigen Spezialforschern überlassen 
bleiben. 2 

^ Viele mittelalterliche Landkarten zeigen den Norden Europas, von 
dem ihre Verfasser keine, oder wenig Kenntnis besaßen, sehr entstellt, und 
so auch Böhmen oft völlig verzerrt, viel zu weit ausgedehnt, ja bis zur Küste 
der Ostsee reichend. Daß Shakespeare durch einen Einfluß solcher Art 
beirrt worden sei, erscheint mir jedoch völlig ausgeschlossen, schon aus den 
zu Eingang meines Aufsatzes angeführten Gründen. 

^ Hingewiesen sei noch darauf, daß die vereinzelt dastehende und bisher 
nicht genügend erklärte französische Bezeichnung der Zigeuner als ,,Bohemiens", 
vielleicht damit zusammenhängen könnte, daß die Zigeuner, die zuerst in 
Südfrankreich, und zwar im ersten Drittel des 15. Jahrhunderts auftreten, 
dahin aus Süditalien eingewandert wären, wohin sie wiederum aus dem 
Peloponnes (ihrem sogenannten Klein-Ägypten) leicht zu gelangen vermochten. 



Fünfte Abteilung 

\2 

ZUR GESCHICHTE DES THERMOMETERS ' 




nknüpfend an Professor Hugo Schiffs Mitteilung 
über Florentiner Spiralthermometer aus dem ersten 
Dritteides 17. Jahrhundertes,^ möchte ich auf ein merk- 
würdiges, ungefähr derselben Zeit entstammendes 
Dokument aufmerksam machen, das ich in den mir bekannten 
Werken über die Geschichte der Physik nirgends erwähnt ge- 
funden habe. Es ist dies ein Gedicht von Jean Grillet, 
dessen Original mir leider bisher nicht zugänglich war, und 
das ich nur aus dem Abdrucke in der ebenso interessanten 
wie geistreichen Schrift »Precieux et Precieuses, Caracteres et 
Moeurs Litteraires du 17. Siecle" von Ch. L. Livet kenne.* 
Ich übersetze im folgenden die betreffende Stelle, schicke jedoch 
eine zum Verständnisse des Ganzen nötige Bemerkung, die 
Livet erst am Schlüsse des Gedichtes gibt, diesem mit voraus: 
»Der Graf von Monteclair, ein Protektor Grillets, erhielt 
eines Tages von diesem als Festgeschenk ein Thermometer, 
damals noch eine Merkwürdigkeit, denn das Thermometer, 
das Galilei erfand und um 1603 beschrieb,* war zwar gewiß 
den Gelehrten bereits bekannt, allgemeiner Verbreitung aber 



' „Chemiker-Zeitung" 1896, 19. ' „Chemiker-Zeitung" 1895, 19, S.2273. 
"^ 3. Auflage, Paris 1895, S. 336 ff. ^ Über diese Angabe, und betreffs 

Gestalt und Ausführung der ersten Thermometer, siehe Rosen berger 's 
„Geschichte der Physik" (Braunschweig 1884, 2, S, 5 und 18, sowie die 
übrigen im Register dieses Bandes angegebenen Stellen). 



216 ZUR GESCHICHTE DES THERMOMETERS 

erfreute es sich noch nicht, schon weil einer solchen, wie ge- 
wöhnlich, der so kurze Zeit nach der Erfindung noch allzu hohe 
Preis hinderlich war. Die damaligen Thermometer unter- 
schieden sich von den unserigen nicht nur durch den Mangel 
der festen Skalenpunkte, d. i. des Gefrierpunktes am Anfange 
und des Siedepunktes am Ende der Skale, sondern auch durch 
die Art der Aufstellung: die Kugel befand sich nämlich nicht 
unten, sondern oben, so daß die Flüssigkeit beim Erwärmen 
im Rohre herab- und nicht wie jetzt hinaufstieg. Umge- 
kehrt war der Vorgang bei der Abkühlung: nach Sonnen- 
untergang z.B. fiel das Thermometer nicht, wie bei uns, son- 
dern es stieg, und der Dichter deutete dies phantastisch dahin, 
daß die Flüssigket dem scheidenden Lichte gleichsam nach- 
eilen und ihm einen Abschiedsgruß zurufen wolle. Oberhaupt 
hielt es Grillet für nötig, dem Grafen, dem er ein so neu- 
artiges Geschenk überreichte, auch dessen Nützlichkeit aus- 
einanderzusetzen, und die Verse, in denen er dieses tut, mögen 
ihrer Denkwürdigkeit halber hier folgen: 

Auf ganz natürliche Weise empor 
Steigt der Liquor^ in diesem Rohr, 
Und füllt diese Kugel an, ohne Rest, 
Sobald ein Frost sich verspüren läßt. 
Die Kälte, wie sie die Luft verdichtet, 
Hat auch die Schwere des Liquors vernichtet, 
Denn sie zwingt ihn oben zu schweben. 
Und widersetzt sich seinem Bestreben, 
Wieder herab zu fließen ins Rohr; 
Soll das geschehen, muß es tauen zuvor. 
Also die Luft ist die Herrin im Haus: 
Dehnt sie sich durch die Wärme aus, 
So sinkt der Liquor um einige Grade. 
Folgen muß er ihr ohne Gnade; 
Wie sie sich ändert, wird er verschoben, 
Sei es nach unten, sei es nach oben. 

^ Grillet spricht bald von „liqueur", bald von „eau"; vermutlich 
handelt es sich nicht um das anfängliche Wasser-Thermometer, sondern die 
Füllung bestand wohl aus „eau de vie", gefärbtem Weingeist. 



ZUR GESCHICHTE DES THERMOMETERS 217 

Ist das Wetter veränderlich, 
Lassen alle Zeichen im Stich, 
Ob es warm oder kalt wird sein, 
Kannst Du ja nicht sagen, noch nein: 
Dann steht der Liquor, ein treuer Wardein, 
Gerade inmitten des Rohres ein. 

Macht sich aber geltend die Hitze, 
So steigt er herab zu tieferem Sitze, 
Und je besser die Sonne es meint, 
Desto tiefer der Sitz erscheint; 
Aber so lange das Wetter dann hält, 
Siehst Du, daß er nicht steigt noch fällt. 

Doch auch zu Zeiten der Hundstagshitzen, 
Wenn die Menschen nackend noch schwitzen, 
Kommt es doch nie dem Liquor zu Sinn 
Er woir bis zur anderen Kugel hin. 
Sollt er, seiner Gewohnheit vergessen,^ 
In diese zu dringen sich vermessen. 
Da müßt' erst brennen die Wand im Saale, 
Oder gar schon die hölzerne Skale. 

Weiterhin zeigt Grillet, welche Dienste das Thermometer 
dem Beobachter zu leisten vermag: 

Die Skale sagt Dir am frühen Morgen, 
Wenn Du die Anzahl der Grade zählst, 
Ob Du für warme Kleidung mußt sorgen, 
Oder den leichteren Anzug wählst. 
Ins Zimmer wird so Dir Nachricht gebracht. 
Wie sich draußen das Wetter macht. 

Wichtig ist das Thermometer auch zur Erhaltung des 
körperlichen Wohlbefindens, denn: 

Es weist Dir den Raum, der zu jeder Frist 
In Deinem Haus der gesündeste ist. 

Endlich ist das Instrument auch deshalb für den Familien- 
vater von hohem Werte, weil es^ die Blutwärme der Töchter 

^ Offenbar war das Thermometerrohr an seinem unteren (heute oberen) 
Ende zu einer kleinen Kugel aufgeblasen. 

- Entsprechend der aristotelischen Theorie der Qualitäten und Tempera- 
mente, die bekanntlich bis tief in die Neuzeit hinein herrschend blieb. 



218 ZUR GESCHICHTE DES THERMOMETERS 

ZU messen und hiernach zu beurteilen gestattet, ob es schon 
Zeit ist, sie zu verheiraten oder noch nicht: 

Gibst Du's den Töchtern in die Hand, 
So lehrt erkennen Dich sein Stand, 
Ob Du mit Recht schon auf Heirat sannst, 
Oder ob Du noch warten kannst." 

Wie schon die holperigen und höchst unbeholfenen Knittel- 
verse vermuten lassen, war die Poesie keineswegs die starke 
Seite Grillets. In der Tat ist Jean Grillet oder ,;Maitre 
Jean Grillet", wie er zumeist genannt wird, nicht Dichter von 
Beruf gewesen, sondern Glasbläser. Über sein Leben ist nach 
Livet nur weniges bekannt: er soll ein Altersgenosse Cor- 
neille' s (geboren 1606) gewesen sein, doch liegt über seinem 
Geburtsorte und seiner Herkunft ein ebenso tiefes Dunkel, wie 
über seiner Erziehung und seinen Lehrjahren. Nach Paris 
kam er als Glasarbeiter und Glaskünstler, lebte daselbst vom 
Ertrage seiner Arbeit in auskömmlicher Weise, verkehrte als 
»Künstler" in hohen Kreisen, zu deren Unterhaltung seine 
,; Produktionen" vorgeführt zu werden pflegten (er blies, wie 
er selbst berichtet, »mit dem Munde, ohne Blasebalg, frei vor 
der Lampe"), und brachte es schließlich zu dem Amte und 
Titel eines ,;Emailleur de la Reyne". Seine Erlebnisse, Ge- 
fühle und Gedanken legte er in der 1647 erschienenen Dich- 
tung: ,;La beaute des plus belies dames de la cour" nieder, 
die poetisch ohne jeden Wert, kulturgeschichtlich aber von 
mannigfaltigem Interesse ist. Wenn wir lesen, daß er z. B. 
Piräus für den Namen eines griechischen Helden und Buke- 
phalos, das Roß Alexanders des Großen, für einen philo- 
sophischen Freund Piatos hielt, so werden wir allerdings seine 
Bildung nicht höher veranschlagen dürfen als seine Verskunst, 
und seine geschichtlichen Kenntnisse nicht höher als seine 
naturwissenschaftlichen. 



\5 

GOETHE'S FARBENLEHRE^ 




uch aus der Zahl glücklicher Besitzer, die Goethes 
Werke nicht nur in einer mehr oder minder voll- 
kommenen Auswahl, sondern in ihrer Gesamtheit 
zu eigen haben, machen sich wohl nur vereinzelte 
Wißbegierige mit dem Inhalte jener letzten Bände vertraut, die 
die „naturwissenschaftlichen Schriften" zu enthalten pflegen, 
und von diesen Wenigen wieder greift nur selten einer oder 
der andere nach den Studien zur „Farbenlehre". Die Einen 
trösten sich damit, daß es überhaupt nicht so leicht möglich 
sei, die sämtlichen Werke eines Autors zu lesen, und hoffen 
allenfalls, hierzu noch später einmal Muße zu finden. Andere 
betrachten die Farbenlehre, auf die Autorität des großen Natur- 
forschers Du Bois Reymond hin, als eine Schrulle, an die 
Goethe, wie überhaupt an seine naturwissenschaftlichen Schriften, 
bedauerlicherweise viele Zeit verschwendete, die er besser poet- 
ischer Tätigkeit gewidmet hätte. ^ Noch Anderen endlich ist 
es erinnerlich, daß das genannte Werk schon zu seines Ver- 
fassers Lebzeiten von weiten Kreisen als „verfehlter Versuch", 
als eine „mit Nachsicht und Vergessenheit zu bedeckende 
Schwäche" angesehen wurde. ^ So also ist die Farbenlehre 

^ Vortrag, gehalten im „Naturwissenschaftlichen Vereine" in Halle a. S., 
1900 („Zeitschrift für Naturwissenschaften" 1901, Bd. 74, S. 19). 

' Äußerung von 1882. ^ Dies erwähnt z. B. Schopenhauer 

(„Sämtliche Werke", Leipzig 1877. Bd. VI, S. 212.) 



220 GOETHE' S FARBENLEHRE 

der großen Mehrzahl der Laien nur vom Hörensagen bekannt. 
Und dennoch zählt sie schon äußerlich zu den umfassendsten 
Hervorbringungen des Dichters, erfüllt in der neuesten Weimarer 
Ausgabe nicht weniger als fünf Bände mit mehr als 2000 Seiten, 
und steht vor uns als die einzige völlig ausgearbeitete und 
nach allen Seiten hin abgeschlossene naturwissenschaftliche 
Schrift Goethes. Zudem lag ihm gerade dieses Werk ganz 
außerordentlich am Herzen: er bezeichnete es nicht selten als 
ein ,;Werk seines Lebens", suchte es dem Verständnisse der 
Weimarer Freunde durch wiederholte ;, Vorträge" näher zu 
führen, deren Handschriften sich im Goethe -Archive vor- 
gefunden haben, und legte zu Zwecken des Studiums und der 
Erläuterung jene große Sammlung physikalischer und optischer 
Apparate an, die noch jetzt im Goethe- Hause zu Weimar 
zu sehen sind. Schon allein aus diesen Gründen sollte eine 
Arbeit, auf die der Autor selbst so besonderen Wert legte, 
keinesfalls in der zumeist üblichen Weise vernachlässigt werden; 
der Anspruch darf mindestens mit Recht erhoben werden, daß 
man zunächst die Mühe nicht scheue, sich des genaueren mit 
ihr bekannt zu machen. 

Die oft aufgeworfene Frage, wie denn Goethe eigentlich 
dazu kam, ausführliche Studien über die Natur der Farben 
anzustellen und sie in einem so umfangreichen Werke nieder- 
zulegen, ist unschwer zu beantworten, weit leichter als die 
analogen Fragen, die sich bei manchen seiner rein dichterischen 
Werke erheben, und den Literaturhistorikern oder Kommentatoren 
schon so manche Schwierigkeiten bereiteten. Im vierten Bande 
der Farbenlehre^ hat nämlich Goethe selbst unter dem Titel 
»Konfession" die einschlägigen näheren Angaben niedergelegt. 
Schon seit früher Jugend, besonders aber seit der Zeit der 
italienischen Reise, die ihm die Farbenpracht der Natur wie 
der Gemälde in überwältigender Weise vor Augen führte, war 
seine Aufmerksamkeit auf mancherlei optische Erscheinungen 

^ Weimarer Ausgabe. „Naturwiss. Schriften", Bd. IV, S. 283. 



GOETHE' S FARBENLEHRE 221 

hingelenkt worden. So z. B. hörte er die Maler von den Ge- 
setzen des Kolorits sprechen, von den warmen Farben, zu 
denen die gelbe und rote samt ihren Abstufungen, und von 
den kalten, zu denen die blaue und violette nebst deren An- 
verwandten gezählt wurden. Er vernahm ferner Berichte über 
die Regeln der Luftperspektive, die es gebieten, den charakter- 
istischen blauen Ton der Luft, als des Beleuchteten, und die 
gelben, roten und purpurnen Färbungen der Sonne, als des 
Leuchtenden, in ganz bestimmter und wohlberechneter Weise 
zu berücksichtigen. Endlich hatte er auch im Süden Gelegen- 
heit gefunden, gewisse Beobachtungen über die farbigen Schatten 
zu erneuern, z. B. über die bekannten blauen Schatten, die des 
Abends hervortreten, wenn das Licht der tiefstehenden Sonne 
oder des aufgehenden Mondes den von einer gelben Kerzen- 
flamme geworfenen Schatten eines Gegenstandes aufhellt, ferner 
über die meergrünen Schatten, die glänzend bei jener purpurnen 
Beleuchtung hervortreten, die der italienische Himmel bei 
herannahendem Südsturme, vScirocco" genannt, aufweist, und 
endlich über die, schon im Altertumes bekannten purpurnen 
Schatten der grünen Meereswellen. 

Das Auftreten wesentlich analoger, polarer Gegensätze 
auf drei so verschiedenen Gebieten, schien ihm auf eine große 
und allumfassende Gesetzmäßigkeit zu deuten, auf das Vor- 
handensein einer bestimmten und organischen Ordnung im 
Gesamtgebiete des Farbenreiches, ähnlich jener, die er gelegent- 
lich seiner bahnbrechenden Studien über vergleichende Ana- 
tomie, über die Metamorphose der Pflanzen, und über die Ent- 
wickelungsgeschichte der Tiere entdeckt hatte. 

Um sich hierüber des näheren aufzuklären, wandte sich 
Goethe zunächst an seine Freunde, die Maler; aber diese 
vermochten ihm über die Gründe der sogenannten Gesetze 
des Kolorits und der Luftperspektive keine ausreichende Aus- 
kunft zu geben, sie kannten nur altbewährte und zuverlässige, 

' „Farbenlehre", Bd. III, S. 29. 



222 GOETHE' S FARBENLEHRE 

aber rein empirische Regeln. So befragte er denn weiterhin 
die Physiker. Diese waren gewohnt, die Farbenlehre in der 
Optik zu behandeln, gemäß gewissen Lehren der Mathematik, 
— die hier freilich nach Goethes instinktivem Gefühl ,;ganz 
fern liegt und nicht mitspricht" ^ — , und zwar wesentlich im 
Anschlüsse an die Gesetze der Brechung des Lichtes; durch 
eine Brechung des Lichtes erklärt man bekanntlich die Tat- 
sache, daß die Lichtstrahlen beim Übergange aus einem Medium 
in ein anderes eine gewisse Ablenkung erfahren, so daß z. B. 
ein in Wasser getauchter Stab ,; gebrochen", ein durch ein 
Prisma betrachteter Gegenstand um einen gewissen Winkel 
von seinem Orte verschoben erscheint. Die zu Goethes Zeit 
unbeschränkt herrschende optische Theorie war die Newtons. 
Dieser große Physiker lehnte bekanntlich die heute allein herr- 
schende Wellentheorie des Lichtes ab, und sah das Licht als 
eine Emanation an, d. h. als bestehend aus einer ungeheuren 
Menge unendlich kleiner stofflicher Teilchen, die von den leuch- 
tenden Gegenständen ausgeschleudert oder ausgestrahlt würden ; 
die Farben waren ihm Lichter von verschiedener Brechbarkeit, 
die von Natur aus ein physikalisch verschiedenes Wesen be- 
sitzen, und daher auch vom Auge in entsprechender Ver- 
schiedenheit wahrgenommen werden. Diese ganze Lehre und 
die ihr zur Stütze dienende Theorie widersprach den Funda- 
mentalanschauungen Goethes völlig; da aber die Physiker 
dogmatisch an ihr festhielten, ja jede Diskussion für über- 
flüssig erklärten, so beschloß er zunächst, die grundlegenden 
Versuche Newtons zu wiederholen. 

Zu diesem Zwecke lieh er sich aus dem physikalischen 
Institute zu Jena einige gläserne Prismen; infolge vielseitiger 
Abhaltungen kam er aber monatelang nicht dazu, die geplanten 
Experimente zu beginnen. Der Professor der Physik zu Jena, 
Hofrat Büttner, ein sehr genauer und gewissenhafter Mann, 

* „Goethe's Gespräche", ed. Biedermann (Leipzig 1889 ff.), Bd. VI, 
S. 330. 



GOETHE' S FARBENLEHRE 223 

mochte aber seine Instrumente nicht über die zulässige Zeit 
hinaus entbehren; er reklamierte sie wiederholt, und als die 
letzte Frist verstrichen war, sandte er, ohne Rücksicht auf den 
Charakter des Entlehnenden als höchsten Vorgesetzten und 
ersten Staatsministers, einen Boten, um sie zurückzufordern. 
Im Begriffe, sie dem Abgesandten in die Hände zu geben, 
wollte Goethe in der Eile doch noch wenigstens einen kurzen 
Blick durch ein Prisma werfen, was er seit den Jahren der 
Kindheit nicht mehr getan hatte. So sah er denn gegen eine 
große, frisch geweißte Wand, in der (freilich ganz irrtümlichen!) 
Erwartung, ein durchaus buntes vielfarbiges Bild zu schauen; 
statt dessen aber zeigte sich ihm zu seiner Überraschung die 
eigentliche Wandfläche weiß wie vorher, und nur an ihren 
Rändern traten verschiedene Farben auf, und zwar in räum- 
licher Trennung, Gelb und Rot auf der einen, Blau und Violett 
auf der anderen Seite. Gleich auf diesen ersten Blick hin fol- 
gerte Goethe, daß offenbar die Farben überhaupt nur an 
den Grenzen erscheinen könnten, dort wo Hell mit Dunkel, 
Weiß mit Schwarz, Licht mit Finsternis sich berühre, und daß 
es sich mit diesen Gegensätzen hier sichtlich ebenso verhalte, 
wie in den ihm längst geläufigen Beispielen des malerischen 
Kolorits, der Luftperspektive, und der farbigen Schatten. Eine 
solche Entstehung objektiver Farben durch das Zusammen- 
wirken der bezeichneten Gegensätze schien ihm durchaus neu, 
und mit Newtons Theorien ganz unvereinbar. 

Von diesem Gedanken völlig erfüllt, behielt er nun die 
Prismen zurück, stellte neue Versuche an, und vergewisserte 
sich seiner Überzeugung. Er teilte sie sodann einigen be- 
freundeten Physikern mit, sah sie aber von diesen zu seinem 
Verdrusse bestritten: sie erklärten die Erscheinung selbst für 
nicht neu, für wohl vereinbar mit Newtons Theorie, und für 
ableitbar aus dessen Prinzipien, wenn auch nicht auf die ein- 
fachste und überzeugendste Weise. Da aber Goethe die 
Physiker als befangen durch ihre Ehrfurcht gegen den über- 



224 GOETHE' S FARBENLEHRE 

mächtigen Geist Newtons ansah, so glaubte er an ein un- 
parteiischeres und größeres PubHkum appellieren zu sollen 
und ließ in den Jahren 1791 bis 1792 die Ergebnisse seiner For- 
schungen unter dem nicht glücklich gewählten Titel ,; Beiträge 
zur Optik" im Drucke erscheinen. Doch der Erfolg war keines- 
wegs der erwartete. Die große Menge der Laien wußte mit 
diesen ,; Beiträgen" überhaupt nichts anzufangen, ja verstand 
gar nicht, um was es sich eigentlich handle. Den Physikern 
von Fach aber dünkte es schon eine Art Anmaßung, daß ein, 
nach eigenem Geständnisse in der Mathematik so gut wie un- 
bewanderter Dichter eine Schrift über Optik zu veröffentlichen 
wage, also über ein Gebiet, das man allgemein als der mathe- 
matischen Physik zugehörig ansah. Ohne sich auf eine eigent- 
lich kritische oder sachlich begründete Ablehnung einzulassen, 
leisteten sie daher den »/Widerstand der Schule", wie ihn 
Goethe treffend zu nennen pflegte, und wiesen den Verfasser 
zurück auf die »Optik" Newtons. 

Vergeblich wandte Goethe ein, daß ja Newton in dieser 
nur einen einzigen, an sich und durch die Art der Versuchs- 
ausstellung beschränkten Fall der Farbenlehre behandelt habe, 
und diesen nicht einmal erschöpfend, während er alles übrige 
im Dunkel ließ, ja, es durch seine Darstellung noch ver- 
wirrte.^ Aber diese und andere Darlegungen wurden von 
den Physikern völlig „sekretiert", was Goethe gerade wieder 
reizte, auf seiner Bahn zu beharren, und der Aufzeigung der 
Newton sehen Unklarheiten, Irrtümer und Fehler, sowie der 
Berichtigung der Newton sehen Beobachtungen und Deutungen 
ein stets steigendes Interesse zu widmen, das schließlich zu einer 
wahren Leidenschaft anwuchs. Stellte er doch während des un- 
glücklichen französischen Feldzuges von 1792, vom Getümmel des 
Feldlagers umgeben, optische Versuche an, und bemühte sich 
während so mancher Nacht die Richtigkeit seiner Lehre be- 

1 „Farbenlehre", Bd. IV, S. 394. 



GOETHE' S FARBENLEHRE 225 

freundeten Fürstlichkeiten in den Laufgräben der belagerten 
Festung Verdun zu erklären : auch während der ersten Tage nach 
der Schlacht bei Jena und der entsetzlichen Plünderung Weimars 
durch die Franzosen 1806, beschäftigte er sich zu seiner Be- 
ruhigung mit optischen Experimenten und nahm die Bestre- 
bungen wieder auf, eine gemeinsame Behandlung des Gesamt- 
gebietes der Farbenlehre seitens aller hierbei Beteiligten, also 
der Maler, Physiker u. s. w., herbeizuführen.^ Alle diese Mühen 
blieben jedoch fruchtlos und vermochten die erwartete allge- 
meine Teilnahme nicht zu erwecken. 

Durch dieses Verhalten des gelehrten wie des großen 
Publikums geriet Goethe allmählich in heftige und steigende 
Erbitterung, etwa jener vergleichbar, die Schopenhauer fühlen 
mochte, wenn er seine eigene, von ihm als höchste Wahrheit 
erkannte Lehre, jahrzehntelang durch die Philosophie Hegels 
und seiner Schule verdunkelt und in Schatten gestellt sehen 
mußte. Er bekämpfte nun die Lehre Newtons im Namen 
der Wahrheit und betrachtete es, wie er wiederholt aussprach, 
als eine ihm gewordene Mission, diesen Kampf, allen gleich- 
giltigen und böswilligen Gegnern zum Trotze, unbeirrt weiter 
zu führen. Zu diesem Zwecke unterwarf er das optische 
Hauptwerk Newtons einer höchst eingehenden, oft durchaus 
berechtigten, zuweilen aber auch auf Mißverständnissen be- 
ruhenden, äußerst scharfen Kritik. Er suchte ferner zu er- 
gründen, wie und was die führenden großen Geister seit der 
Zeit des Altertumes über die Entstehung der Farben und über 
die Farbenlehre gedacht und gelehrt hätten. Endlich unter- 
nahm er eine planmäßige experimentelle Erforschung der ge- 
samten Farbenerscheinungen, von ihren einfachsten bis zu 
ihren verwickeltsten Problemen. Als Frucht aller dieser Be- 
mühungen erschien im Jahre 1810 sein Hauptwerk, die 
;; Farbenlehre", zwei dicke Bände und ein Heft mit Tafeln um- 

^ „Werke", Weimarer Ausgabe, Bd. XXXIII, S. 29 und 31. „Tage- 
bücher", Bd. III, S. 176 ff. 

V. Lippmann, Beiträge. 15 



226 GOETHE' S FARBENLEHRE 

fassend, und in drei Teile, einen didaktischen, einen polemischen, 
und einen historischen zerfallend. 



Im ersten, didaktischen Teile der Farbenlehre führt Goethe 
zunächst aus, daß es drei Klassen Farben gebe: I. die physio- 
logischen, unaufhaltsam flüchtigen; II. die physikalischen, vorüber- 
gehend vergänglichen; III. die chemischen, dauernd festhaltenden.^ 

I. Die physiologischen Farben sind das Fundament der 
ganzen Farbenlehre, da sie auf einer spezifischen Lebenstätig- 
keit des Auges beruhen, angehörend diesem Organe, ,;das sein 
Dasein dem Lichte zu verdamken hat": Denn, — so sagt Goethe 
in großartiger Vorausahnung der späteren Entwickelungstheorie — , 
;;aus gleichgiltigen tierischen Hilfsorganen ruft sich das Licht ein 
Organ hervor, das seines gleichen werde", wie dies die Worte 
eines alten Mystikers andeuten, die da lauten: 

„War' nicht das Auge sonnenhaft, 
Wie könnten wir das Licht erbHcken! 
Lebt' nicht in uns des Gottes eigne Kraft, 
Wie könnt' uns Göttliches entzücken?" - 

Die subjektiven Farbenerscheinungen sind nach Goethe 
ganz verschieden von jenen pathologischen Phänomenen, 
mit denen sie die wissenschaftliche Medizin der damaligen 
Zeit noch identifizierte, die er selbst jedoch schon richtig 
deutete, und betreff gewisser Einzelheiten, die z. B. die Farben- 
blindheit betrafen, zuerst völlig zutreffend erklärte. Die sub- 
jektiven Farbenerscheinungen treten aber auch nicht zufällig 
und regellos auf, wie man bis dahin allgemein vorauszusetzen 
pflegte, sie gehorchen vielmehr ganz bestimmten Gesetzen. 
Um dies einzusehen, braucht man sich zunächst nur der ein- 
fachsten Fälle zu erinnern, bei denen allein die Gegensätze 



^ „Farbenlehre", Bd. I, Vorrede S. 33 ff. 

^ „Farbenlehre", Bd. I, Vorrede S. 3L Den Inhalt dieses Spruches 
entnahm Goethe den „Enneaden" des Plotinos; er stammt aber ursprüng- 
lich von Piaton her (s. meine Mitteilung im „Goethe-Jahrbuche" 1894, 
Bd. XV, S. 267). 



GOETHE' S FARBENLEHRE 227 

von Licht und Dunkel in Betracht kommen. Zu diesen ge- 
hört u. a.: 

a) die Erscheinung der Irradiation, die bewirkt, daß helle 
Flächen auf dunklem Hintergrunde bedeutend größer erscheinen, 
als sie tatsächlich sind; 

b) das Phänomen des Nachbildes heller Objekte, wie man 
es z. B. wahrnimmt, wenn man ein weißes, von der Sonne 
beschienenes Fensterkreuz starr betrachtet, und dann rasch die 
Augen schließt; 

c) das Phänomen der Kontrastbilder, vermöge dessen z. B. 
eine graue Fläche auf schwarzem Hintergrunde heiler erscheint 
als auf weißem, oder ein anfangs verdunkelter und dann plötz- 
lich enthüllter Teil einer hellen Fläche für heller gehalten wird 
als der andere Teil, der von vornherein sichtbar war. 

Etwas verwickelter sind bereits die farbigen Nachbilder. 
Eine farblose blendende Lichtquelle, z. B. die helle Sonne oder 
der im Sauerstoff verbrennende Phosphor, erzeugt bekanntlich, 
wenn man die Augen rasch schließt oder sie plötzlich auf 
eine dunkle Fläche hinwendet, prachtvolle farbige Nachbilder. 
Ihre Färbungen sind aber, wie Goethe zuerst beobachtete, 
keineswegs dem Zufalle unterworfen, sondern klingen nach 
festen Gesetzen von der hellen Seite, d. h. vom Gelben bis 
Roten, zur dunklen, d. h. zum Violetten bis Blauen, und sodann 
bis zum völlig Schwarzen ab. Auch hier entstehen also die 
Farben durch ein Zusammenwirken von Finsternis und Licht, 
von Dunkel und Hell, von Nicht-Licht und Licht, und zwar 
tritt zunächst dem Lichte das Gelb auf, zunächst der Finsternis 
das Blau, und diese beiden Farben verdichten oder steigern 
sich zum Roten bezw. Violetten hin. Alle Farben lassen sich 
demnach als Halblichter oder Halbschatten ansehen, sie ent- 
halten etwas Schattiges, das axispf^v (Skieron), und erscheinen 
daher stets dunkler als Weiß, aber heller als Schwarz. ^ 

Beim Hinsehen auf helle Flächen zeigen sich dem durch 

^ „Farbenlehre", Bd. I, Vorrede S. 34 ff. Bd. I, S. 31 und 105. 

15* 



228 GOETHE' S FARBENLEHRE 

gewisse Farben affizierten Auge, ebenfalls nach festen Gesetzen, 
gewisse andere Farben: auf Rot folgt z. B. ein grünes Nach- 
bild, auf helles Gelb ein violettes, auf dunkles Gelb ein blaues. 
Es sind also zwei Hauptgruppen polarer, komplementärer, oder 
antagonistischer Farbenpaare vorhanden, die sich als Kontraste 
»fordern", nämlich Rot-Grün und Gelb-Blau. Nimmt man 
hierzu als dritte Hauptgruppe noch Schwarz und Weiß, Schwarz 
als die vollendete Finsternis, Weiß als die vollendete Trübe, ^ 
so gelangt man zu einer Theorie, die sehr nahe mit jener 
Herings zusammenfällt, die unter dem Namen »Prinzip des 
Antagonismus" bekannt geworden ist. Diese Theorie, in deren 
Darstellung Goethe ausdrücklich als Vorläufer anerkannt wird, 
ist aber zurzeit die in der Wissenschaft herrschende, und hat 
nach mancherlei Kämpfen ^ jene von Young und Helmholtz, 
die von nur drei farbigen Grundempfindungen ausging, voll- 
ständig überwunden. 



II. Die physischen Farben sind nach Goethe objektive 
Erscheinungen farbigen Lichtes, durch physikalische Vorgänge 
aus weißem Lichte erzeugt. 

Läßt man farbloses blendendes Licht, wie das der hellen 
Sonne, des brennenden Phosphors u. s. f., auf schwach trübe 
Lösungen ^ fallen, z. B. auf reines Wasser, das mit etwas Harz- 
essenz verrührt ist, so zeigt sich das zerstreute Licht, auf einen 
dunklen Hintergrund fallend, ausgesprochen blau, das durch- 
gehende aber gelblich bis rötlich. Wie bei diesen, mit ge- 
eigneten Apparaten leicht auch einem großen Zuschauerkreise 
vorführbaren Experimenten, so erweist sich auch überhaupt 
das farblose Licht, durch ein schwach trübes Medium gesehen, 
stets gelb, durch ein stärker trübes gesehen, gelbrot bis rot; 

\, Farbenlehre", Bd. I, S. 62. ^ Siehe Mach, „Analyse der Empfin- 

dungen". Jena 1900. 

^ Goethe rechnet zu dieser irrigerweise auch die fluoreszierenden; 
die Fluoreszenz des Kastanien-Extraktes hatte er zuerst entdeckt. 



GOETHE' S FARBENLEHRE 22Q 

die Finsternis hingegen, durch ein schwach trübes, von darauf 
fallendem Lichte erhelltes Medium gesehen, erscheint blau, 
durch ein stärker trübes Medium gesehen, heller, blässer, licht- 
blau bis weißblau, und durch ein weniger trübes angeschaut, 
dunkler, satter, tiefblau bis violett. ^ Auch hier tritt also der 
polare Gegensatz der gelben und blauen Seite hervor, als jener 
der beiden Grundfarben, die in erster Linie durch das Zu- 
sammenwirken von Hell und Dunkel entstehen: das Helle, 
durch ein trübes Medium abgeschwächt, gibt Gelb, das Dunkle, 
durch ein trübes Medium aufgehellt, Blau. Dies ist also die 
einfachste, allen komplizierteren Fällen zugrunde liegende, an 
sich nicht weiter erklärbare Erscheinung, die Goethe mit 
einem charakteristischen Ausdrucke als »Urphänomen" be- 
zeichnet. 

Nach dem großen, die ganze Natur durchziehenden ,;Prin- 
zipe der Steigerung", das zwar vorzugsweise, aber keineswegs 
ausschließlich in der organischen Welt hervortritt, entsteht nun 
durch zunehmende Abschwächung des Hellen aus dem Gelben 
eine Reihe von Farben, die zum Gelbroten bis Roten führt, 
und ebenso durch zunehmende Aufhellung des Dunklen die 
Serie jener Farben, die sich vom Blauen zum Blauroten bis 
Violetten erstreckt. 

Auf Grund dieser Erkenntnis gelang es Goethe, mit 
Leichtigkeit zwei Erscheinungen zu erklären, betreff derer die 
Physiker unter seinen Zeitgenossen noch die merkwürdigsten, 
heute kaum mehr glaublich erscheinenden Theorien aufzustellen 
pflegten. Die erste ist das Phänomen der Bläue des Himmels; 
denn offenbar muß der finstere Weltraum, durch die vom 
Sonnenlichte erhellte, meist schwach getrübte Atmosphäre ge- 
sehen, in blauer Farbe erscheinen. Durch eine stärker trübe 
Atmosphäre erschaut, z. B. durch eine vom Dunste der Täler, 
von unklaren und staubigen Luftschichten erfüllte, wird er sich 
heller bläulich bis weißblau darstellen; eine weniger trübe hin- 

^ „Farbenlehre", Bd. I, S. 62. 



230 GOETHE' S FARBENLEHRE 

gegen, wie wir sie auf den Höhen der Alpen, über den Fluren 
Italiens, und in den Gefilden der Tropen antreffen, wird jene 
tiefblaue, königsblaue, ja selbst violettblaue Färbung hervor- 
zaubern, die, wenn sie aus den Gemälden hesperischer Land- 
schaften von der Hand so mancher neuerer Meister in voller 
Intensität herausleuchtet, allen jenen, die der südlichen Natur 
fremd blieben, fast unmöglich dünkt. — Wie der Himmel, und 
aus denselben Gründen, erscheinen nach Goethe auch die 
Berge blau, da sie in größerer Entfernung nur als einheitliche 
dunkle Masse wirken. ^ 

Die zweite der genannten Erscheinungen ist die der 
Morgen- und Abendröte. Die an sich blendend helle Sonne 
erscheint, in trüber Atmosphäre auf- oder untergehend, als 
gelbliche Scheibe, wenn Höhenrauch herrscht als gelbrote, und 
im schweren Dunste des Scirocco als rubinrote. 

Diese Erklärungen der Himmelsbläue und der Dämmerungs- 
farben sind heutzutage als durchaus zutreffende längst allgemein 
anerkannt; zu Goethes Zeit aber wurde ihre Richtigkeit 
namentlich durch die Physiker vom Fach bestritten. Teilweise 
waren sie übrigens, allerdings nicht in ebenso bestimmter 
Weise, schon früher von aufgeklärten Geistern vorgebracht 
worden, z. B. wie Goethe selbst mit großer Befriedigung fest- 
stellte, von Lionardo da Vinci.^ 

Betreffs des komplizierteren Phänomens der Farben- 
erscheinung bei der Brechung des Lichtes blieb Goethe 
in dauerndem und unüberbrückbarem Gegensatze zu Newton. 
Um des letzteren Lehre recht zu verstehen, darf man nicht 
vergessen, daß Newton zu seinen einschlägigen Studien durch 
Versuche geführt wurde, die damaligen Fernrohre zu ver- 
bessern, ^ deren von mehr oder weniger breiten Farbenringen 
umsäumte Bilder die astronomischen Beobachtungen ganz 
außerordentlich erschwerten. Der Hauptversuch der Newton- 

1 „Farbenlehre", Bd. I, S. 64. '' „Goethe's Gespräche", Bd. VI, 

S. 359 und 360. =^ Ebenda, Bd. II, S. 162. 



GOETHE' S FARBENLEHRE 231 

sehen Optik knüpft bekanntlich an die Herstellung eines farbigen 
Bildes (des Spektrums, wie wir heute sagen) an, das aus weißem 
Sonnenlichte durch Brechung in einem Prisma erzeugt wird. 
Durch die sehr kleine, kreisrunde Öffnung eines Fensterladens 
fällt ein sehr feiner Sonnenstrahl in ein völlig verdunkeltes 
Zimmer und nimmt seinen Weg durch ein Prisma: dann zeigt 
sich an der gegenüberliegenden Wand ein farbiges, mehr oder 
weniger ausgedehntes Bild, das keineswegs die kreisrunde Form 
der kleinen Öffnung besitzt, sondern, je nach der Gestalt und 
Stellung des Prismas, mehr oder weniger nach der Breite oder 
Länge auseinander gezogen ist. Die farbige Beschaffenheit und 
die bandförmige Gestalt des Spektrums führt nun Newton 
darauf zurück, daß das anscheinend einheitliche weiße Licht 
in Wirklichkeit aus einer gewissen Anzahl, und zwar (wohl 
wegen der Analogie mit den sieben Tönen) aus sieben, an 
sich homogenen und unveränderlichen farbigen Lichtern zu- 
sammengesetzt sei, die von Natur aus eine verschiedene spezi- 
fische Brechbarkeit besäßen; an diese verschiedene Brechbar- 
keit ist demnach die Entstehung der Farben geknüpft, und es 
kann keine Brechung ohne gleichzeitige Farbenerscheinung 
geben, und umgekehrt.^ Durch die Brechung im Prisma aber 
soll eine unendliche Anzahl äußerst kleiner, aneinander gereihter, 
mit den Rändern etwas übereinander greifender kreisrunder 
Bildchen von stetig sich ändernder Färbung entstehen, deren 
teilweiser Deckung und Übereinanderschichtung die charak- 
teristische Figur und die regenbogenähnliche Färbung des 
Spektrums ihr Dasein verdankt. 

Nach Goethe rufen Art und Bedingungen der Versuchs- 
anstellung Newtons ein unübersichtliches und sehr verwickeltes 
Phänomen hervor, daher denn die Erklärung ebenfalls unklar 
und sehr gezwungen ausgefallen ist. Newton hat vor allem 
die wichtige Tatsache übersehen, daß zur Erscheinung von 
Farben unbedingt ein Rand, eine Grenze notwendig ist: die 

' „Farbenlehre", Bd. II, S. 51. 



232 GOETHE' S FARBENLEHRE 

größte weiße Fläche oder das unbeschränkte Himmelszelt zeigt 
sich, durch ein Prisma besehen, völlig unverändert; aber schon 
das kleinste Körnchen, das auf ersterer, das kleinste Wölkchen, 
das auf letzterer erscheint, bringt das Auftreten der Farben mit 
sich. Also nicht schon mit dem Lichte allein ist auch die 
Farbe gegeben, vielmehr wird diese in gleicher Weise durch 
das Licht hervorgebracht und durch das, was sich ihm ent- 
gegenstellt. ^ Neben der Brechung ist noch eine zweite Be- 
dingung nötig, nämlich, daß jene auf ein Bild wirkt und es 
von seiner Stelle verschiebt. Ein Bild aber erfordert, wie schon 
Descartes einsah, Grenzen: Bild und Umgebung, Fläche und 
Grenze, Tätigkeit und Schranke üben also einen gleich wichtigen 
Einfluß aus, den aber Newton nicht erkannte, ja sogar leugnete, 
weil ihm die grundlegende Einsicht versagt blieb, daß das 
Farbenbild nie anders denn als Randerscheinung auftrete. ^ 

Nach Goethes eigener Ansicht entstehen bei der Brechung 
keineswegs unendlich viele, sondern nur zwei an sich farblose 
Bilder, ein Hauptbild, das ein wenig, und ein Nebenbild, das 
etwas mehr verschoben werden soll, und deshalb, als ein Ab- 
geleitetes, auch abgeschwächt und getrübt ist. Nunmehr tritt 
das einfache Urphänomen auch hier in Kraft: wo das abge- 
schwächte Nebenbild über die dunkle Umgebung des Haupt- 
bildes hinaustritt, ist ein trübes Medium vor einem dunklen 
Grunde gegeben, und es erscheint daher der blaue Rand; auf 
der anderen Seite hingegen hat man ein trübes Nebenbild vor 
einem hellen Hauptbilde, demnach entsteht durch Schwächung 
des letzteren ein gelber Rand. Dem Prinzipe der Steigerung 
gemäß wird dann die Helle zum Gelbroten und Roten abge- 
schwächt, das Dunkle zum Blauroten und Violetten aufgehellt. 

Nun bleibt die Mitte eines großen weißen Bildes, z. B. 
einer weißen Wand, durch ein Prisma betrachtet, stets weiß, 
und nur wenn die weiße Fläche schmäler und schmäler ge- 

1 „Farbenlehre", Bd. II, S. 10. ^ Ebenda, Bd. II, S. 10 und 166. 

Bd. IV, S. 396. 



GOETHE' S FARBENLEHRE 233 

wählt wird, rücken die farbigen Ränder näher zusammen, so 
daß erst dann, wenn sie sich auf sehr schmaler Fläche völlig 
berühren oder übereinander greifen, auch die Mitte des Bildes 
farbig erscheint;^ hierbei ergeben aber die sich deckenden 
blauen und gelben Ränder die Farbe Grün, die also als Misch- 
farbe, und nicht, wie Newton will, als ursprüngliche primäre 
Farbe auftritt. — Statt einer weißen Fläche auf dunklem Grunde 
kann man aber auch eine dunkle auf weißem Grunde be- 
obachten; in diesem Falle liegen die farbigen Ränder natürlich 
umgekehrt, und wenn man sie durch Verschmälerung der 
Flächen in oben beschriebener Weise zusammenrücken läßt, 
so decken sich schließlich das Rote und Violette, und ergeben 
eine neue Mischfarbe: Purpur. Man hat also im ganzen zwei 
Grundfarben, Blau und Gelb, zwei gesteigerte Farben, Violett 
und Rot, und zwei Mischfarben, Grün und Purpur, und diese 
sechs Farben bilden einen geschlossenen Farbenkreis, 

yPurpurv 

/ \ 

Rot Violett 

I I 

I I 

Gelb Blau 

\ / 

^ Grün ^ 

der stetige Übergänge bietet und so beschaffen ist, daß gegen- 
überstehende Farben stets auch komplementär, polar, oder anta- 
gonistisch sind. 

Zugunsten dieser eigenen Theorie erhob Goethe gegen 
die Newtonsche eine Reihe von Einwänden, deren haupt- 
sächlichste folgende sind: 

1. Newton vermöge für die dargelegte Lehre vom Farben- 
kreise keinerlei physikalische Begründung anzuführen; diese 
Tatsache ist zwar richtig, jedoch insofern leicht begreiflich, als 

^ „Farbenlehre", Bd. IV, S. 396. 



234 GOETHE' S FARBENLEHRE 

das Spektrum und der Regenbogen, mit deren Farben sich 
Newton hauptsächlich beschäftigte, die Nuance Purpur über- 
haupt nicht enthalten. 

2. Wie das weiße Licht nach Newton in die sieben 
homogenen farbigen Lichter zerlegt wird, so muß es auch, 
nach Ansicht dieses Forschers, durch deren Vereinigung wieder 
zusammengesetzt werden können; es entstehe so auch wirklich, 
z. B. wenn man die sämtlichen gebrochenen bunten Licht- 
strahlen durch eine Linse wieder auf einen einzigen Punkt 
hin vereinige. Diese Behauptung Newtons bestreitet Ooethe 
durchaus. Zunächst widerspreche ihr der Augenschein, da bei 
der Ausführung dieses Versuches in Wirklichkeit nicht Weiß 
zu sehen sei, sondern Grau; dieser Einwand war wohl objektiv 
berechtigt, da, wie spätere Forschungen (namentlich von Helm- 
holtz) zeigten, die Herstellung völlig reiner und homogener 
farbiger Lichter eine so außerordentlich schwierige ist, daß sie 
Goethe schwerlich jemals auch nur annähernd gelungen sein 
mag. Newtons Behauptung, so lehrt Goethe ferner, sei 
aber auch schon an und für sich widersinnig und absurd: 
es ist doch undenkbar, daß die Summierung von sieben Farben, 
deren jede an sich dunkler als Weiß sei und ein gewisses 
Maß des Schattigen (axispov) enthalte, als Resultat weißes reines 
Licht ergebe; müßte doch, wenn das möglich wäre, auch schon 
die Vereinigung je zweier beliebiger farbiger Lichter unter allen 
Umständen zu einem helleren Lichte führen, was tatsächlich 
durchaus nicht der Fall ist.^ 

Es ist nicht leicht, die grundlegende Voraussetzung zu 
durchschauen, von der Goethe bei der Aufstellung dieser 
Behauptungen ausging, da er sich in der Farbenlehre selbst 
über diesen Punkt nirgends des näheren ausgesprochen hat; 
mit großer Wahrscheinlichkeit ergeben aber einige Stellen in 
den Briefen und Gesprächen die eigentliche Quelle seiner 
Meinung. Offenbar ließ sich nämlich Goethe von einer schon 

^ „Farbenlehre", Bd. II, S. 172. Bd. IV, S. 395. Bd. I, S. 225. 



GOETHE'S FARBENLEHRE 235 

dem Altertumes geläufigen Analogie zwischen Optik und 
Akustik leiten, wie er denn Chladnis akustische Versuche 
geradezu den »Parallelismus zur Farbenlehre" nennt. 2) Sowie 
in der Akustik die Reihe der Töne der Zahl der Schwingungen 
parallel geht, wie jede einfache Schwingung eine zugehörige 
einfache Tonempfindung erregt, und wie mehrere zugleich er- 
klingende Töne nicht einen einheitlichen Mischlaut ergeben, 
sondern einen Akkord, aus dem sie das geübte Ohr sogar 
einzeln herauszuhören vermag, ganz ebenso, — das hat Goethe 
jedenfalls vorausgesetzt — , müßten sich auch die Vorgänge 
optischen Charakters abspielen; ausdrücklich sprach er es daher 
aus, daß in ähnlicher Weise „Wirkung und Gegenwirkung 
sich auch im Auge ereigneten, und zwar folgerecht und nach 
den nämlichen Gesetzen".^ Er „postulierte" also, daß zwischefi 
den inneren physiologischen Farbenempfindungen und den 
sie hervorrufenden äußeren Reizen (den physikalischen Farben) 
gleichfalls eine einfache Beziehung strenger Parallelität bestehe: 
einfachen Empfindungen müssen demnach auch einfache Reize 
entsprechen, und es, erscheint dann allerdings a priori unmög- 
lich, ja absurd, daß die einfache Empfindung „Weiß" durch 
eine Summation äußerst verwickelter physiologischer Vorgänge 
hervorgerufen werde. ^ — Der heutigen Wissenschaft ist es 
freilich wohl bekannt, daß die Voraussetzung Goethes eine 
irrige war, wie das nicht selten gerade bei solchen Annahmen 
zutrifft, die ohne nähere Prüfung, deren sie scheinbar gar 
nicht bedürfen, als ganz selbstverständlich eingeführt, - und ohne 
weiteres allen ferneren Betrachtungen zugrunde gelegt werden. 
Allerdings hat aber auch die Wissenschaft das Problem des 
Verhältnisses zwischen Farbenempfindung und Farbenreiz bisher 
nicht zu lösen vermocht, sie läßt es vielmehr, je weiter die ein- 
schlägigen Studien gedeihen, nur immer verwickelter erscheinen. 

^ „Farbenlehre", Bd. III, S 19. - „Gespräche", Bd. III, S. 263. 

"" Brief vom 23. März 1822. Siehe „Goethe-Jahrbuch", Bd. II, S. 208. 
* Siehe hierüber bei Schopenhauer, „Werke", Bd. I, S. 71. 



236 GOETHE' S FARBENLEHRE 

3. Newton erklärte, da Farbenerscheinung und Brechung 
nach ihm unzertrennHch sind, die Herstellung von achroma- 
tischen Linsen -Fernrohren, die Bilder ohne farbige Ränder 
zeigen, für unmöglich, und gab, von dieser Erkenntnis durch- 
drungen, alle Versuche zur Verbesserung der sogenannten 
dioptrischen Fernrohre vollständig auf, um sich fortan der 
Konstruktion seiner so berühmt gewordenen Spiegelteleskope 
zu widmen. ^ Immerhin schien es ihm aber, gelegentlich 
einer Betrachtung der durch die farbigen Ränder der Bilder 
verursachten Fehler, in hohem Grade bemerkenswert, daß 
man die Objekte im ganzen doch überraschend deutlich, und 
jedenfalls viel deutlicher sehe, als dies seine Theorie erwarten 
ließe; 2 auch warf er ausdrücklich die Frage auf, worin denn 
wohl die Möglichkeit dieses deutlichen Sehens begründet sei, 
ohne sie aber weiter zu erörtern. Sie wurde daher nicht selten 
in späterer Zeit wieder aufgenommen, um so mehr, als es schwer 
erklärlich schien, daß man durch jede gewöhnliche Brille, durch 
die Camera obscura, ja selbst durch das menschliche Auge, die 
ganze Welt in klaren deutlichen Bildern ohne alle farbigen 
Ränder sehe, obgleich doch die Entstehung aller dieser Bilder 
stets und ausnahmslos mit Brechungen des Lichtes Hand in 
Hand gehe.^ Der Anatomie und Physiologie jener Zeit war 
es auch längst bekannt, daß das menschliche und das höhere 
tierische Auge aus verschiedenen Medien bestehe, und die 
Folgerung, daß beim Vorgange des Sehens gewisse Kompen- 
sationswirkungen im Spiele sein möchten, lag daher nahe 
genug; zunächst aber zog sie niemand, und sie entging selbst 
Forschern, die, wie Rizzetti (1727), das ,;farblose Sehen" des 
Auges in ausführlicher Weise besprachen und eingehend dis- 
kutierten.^ Erst der große Mathematiker Euler versuchte 
1747, gläserne Halbkugeln, die, analog den Medien des Auges, 
mit verschiedenen Lösungen gefüllt waren, miteinander zu ver- 

» „Farbenlehre", Bd. II, S. 161. - Ebenda, Bd. I, S. 165. ' Ebenda, 
Bd. II, S. 43 und 164. * Ebenda, Bd. IV, S. 202 und 85. 



GOETHE' S FARBENLEHRE 237 

binden, und entdeckte hierbei, daß sich tatsächhch die Farben- 
bildung aufheben lasse, während die Brechung bestehen 
bleibt.^ Es ist nicht gewiß, aber sehr wahrscheinlich, daß 
aus diesen Versuchen Chester-Morehall in England die An- 
regung zog, achromatische Fernrohre durch Kombination von 
Linsen aus verschiedenem Materiale zu konstruieren, und jeden- 
falls waren solche 1754 bereits vorhanden, wurden aber geheim 
gehalten. Etwas später, 1759, trat als Gegner von Euler's, 
1754 auch von Klingens tjerne bestätigten Behauptungen der 
Engländer Do Hon d auf, wiederholte, um Newtons Angaben 
zu erweisen, die Versuche Eulers, fand aber hierbei zu seinem 
außerordentlichen Erstaunen, daß letzterer im Rechte und 
Newton im Unrechte sei; er entdeckte im Laufe seiner Arbeiten 
das verschiedene optische Verhalten verschieden zusammen- 
gesetzter Gläser, namentlich des sogenannten Flintglases und 
Crownglases und machte öffentlich die Kunst bekannt, durch 
richtige Verbindung solcher Gläser die Farbenbildung zu be- 
seitigen und wahre achromatische Fernrohre herzustellen. ^ 

Nun hatte Newton die Verbesserung der dioptrischen Fern- 
rohre und die Achromasie für eine Unmöglichkeit erklärt; trotz- 
dem war diese jetzt zur Wirklichkeit geworden, man hätte also 
billigerweise eingestehen müssen, daß die Theorie, die zu jener 
Folgerung Anlaß gegeben hatte, falsch sei oder mindestens 
wesentliche Lücken enthalte. Statt dessen nahm aber die, um 
die Autorität ihres Meisters besorgte Schule der Newtonianer 
ihre Zuflucht — wie sich Goethe ausdrückt — zu „elendem 
Flickwerk". Sie griff zurück auf einen, von Newton an ge- 
wissen Stellen seiner Optik (und nur nebenbei) eingeführten 
Begriff der „Divergenz", und fügte der qualitas occulta der 
„Brechung" noch eine solche der „Farbenzerstreuung" oder 
„Dispersion" neu hinzu. ^ Goethe erklärte diesen Ausdruck 
für ein leeres Wort, das in keiner Weise geeignet sei, die 

' „Farbenlehre", Bd. IV, S. 203. 2 Ebenda, Bd. IV, S. 204. 
' Ebenda, Bd. II, S. 135, 217 und 125. 



238 GOETHE' S FARBENLEHRE 

durch den Begriff der Brechung unerklärt gebliebenen Er- 
scheinungen dem Verständnisse näher zu führen. In der Tat 
kann man ihm hierin nicht ganz Unrecht geben, besonders 
wenn man bedenkt, daß die Wissenschaft in neuerer Zeit ge- 
zwungen war, in gewissen Fällen auch noch eine „abnorme 
Dispersion" vorauszusetzen; die Bezeichnung natürlicher Er- 
scheinungen mit dem Namen „abnorm" weist nämlich stets 
mit ziemlicher Sicherheit auf Fehler oder Lücken der betreffen- 
den Theorien hin, und es sei in dieser Hinsicht nur an die 
Beispiele der „abnormen Dampfdichten" in der Chemie, der 
„abnormen Organe" in der Zoologie, und der „abnormen 
Lagerungen" in der Geologie erinnert. — 

Außer den mit den Brechungserscheinungen verknüpften 
physischen Farben studierte Goethe auch noch die Farben 
der dünnen Blättchen und Häutchen (z. B. die der Seifenblasen 
und die Anlauffarben), ferner die der sogenannten Newton - 
sehen Ringe, sodann die bei der Spiegelung, Beugung und 
Reflektion des Lichtes, sowie beim Irisieren auftretenden, sowie 
endlich die Farbenerscheinungen bei der chromatischen Polari- 
sation und bei der Betrachtung der Kristalle im polarisierten 
Lichte; über alle diese Punkte glückten ihm zahlreiche und 
oft sehr feine Beobachtungen, an deren richtiger Deutung ihn 
aber in der Regel ungenügendes physikalisches Verständnis 
hinderte. Auch die Wellentheorie des Lichtes, die ihm (ent- 
gegen einer Angabe von Helmholtz) wohl bekannt war, 
lehnte er unbedingt ab, da er den Lichtäther für ebenso un- 
begreiflich und unzulässig ansah wie die atomistische Hypo- 
these; hierdurch verschloß er . sich leider den damals einzig 
gangbaren Weg zur Einsicht in die großen, durch die franzö- 
sischen Forscher jener Periode angebahnten Wandlungen der 
theoretischen Optik; auch den Lehren Fraunhofers über die 
dunklen Linien im Spektrum, die später durch Entdeckung 
der Spektralanalyse zu so ungeheuerer Bedeutung gelangten, 
versagte er jeden Anteil ebenso vollkommen, wie einige Zeit 



GOETHE' S FARBENLEHRE 239 

darauf Schopenhauer, der bekanntHch in der Farbenlehre 
sein vertrauter, persönlicher Schüler war. 



III. Bei der Betrachtung der chemischen Farben, oder 
wie Lichtenberg! sie zuerst nannte, der Pigmente, ging 
Goethe von der Voraussetzung aus, daß ein Zusammenhang 
zwischen der Farbe und den chemischen Bestandteilen eines 
jeden Körpers bestehen müsse. Er nahm hiermit einen Ge- 
danken vorweg, den auch die heutige Wissenschaft für richtig 
erklärt, obgleich es bisher auch der neueren Chemie nur in 
vereinzelten Fällen gelungen ist, die Träger gewisser farben- 
gebender Eigenschaften in Atomgruppen bestimmter Zusammen- 
setzung, sogenannten chromatophoren Gruppen, zu entdecken. 
Den Gegensatz des Gelben und Gelbroten auf der einen, und 
des Blauen und Blauroten auf der anderen Seite, hielt Goethe 
auch auf diesem Gebiete fest, und sah ihn besonders ausge- 
sprochen im Verhalten der beiden großen Gruppen der Säuren 
und Alkalien zum Lackmusfarbstoffe, dem damals fast allein 
gebrauchten Indikator. Seine Betrachtungen über chemische 
Farben sind gleichfalls reich an scharfen und zum Teil neuen 
Beobachtungen, so z. B. stellte Goethe zuerst fest, daß eine 
Anzahl von Farbstoffen, u. a. der Indigo und manche Alizarin- 
präparate, aber auch das übermangansaure Kalium, in festem 
oder kristallisiertem Zustande die Komplementärfarben der be- 
treffenden Lösungen zeigen, verbunden mit lebhaftem Metall- 
glanze.2 Ausführlich erörtert er auch die Bedeutung der 
Pigmente für die Malerei, ferner die „sinnlich -sittliche" Wir- 
kung der Farben, und die aus ihrer Natur entspringende Be- 
deutung des ästhetisch-künstlerischen Kolorites. ^ 



Der zweite, polemische Teil der Farbenlehre, über dessen 
Abfassung Goethe berichtet, sie sei zwar eine Notwendigkeit 

^ „Farbenlehre", Bd. V, S. 16. ^ Ebenda, Bd. I, S. 231 und 220. 

' Ebenda, Bd. I, S. 355. 



240 GOETHE' S FARBENLEHRE 

gewesen, aber ihm völlig gegen seine Natur gegangen, ^ richtet 
sich, wie dies das Wesen der Sache erfordert, fast durchweg 
gegen Newton und seine Schule. Auf die Angehörigen dieser 
Schule, die blinden Nachbeter Newtons, ist Goethe ganz 
besonders schlecht zu sprechen: sie stehen, so sagt er, im 
Stande der wissenschaftlichen Geistesknechtschaft, ^ sind den 
widerkäuenden Tieren zu vergleichen,^ und streben nicht danach, 
die Wahrheit zu erforschen, sondern mit ihrer einmal ausge- 
sprochenen Meinung Recht zu behaltend Solche Leute zu 
überzeugen oder auch nur in ihrer Ansicht zu erschüttern, hält 
Goethe für schwierig, wenn nicht für unmöglich; allein er 
hofft immerhin, daß seine Farbenlehre, stets aufs neue und 
überzeugend vorgetragen, doch allmählich „wie eine Purganz 
wirken werde, mit der, wenn sie das Innere erst einmal rege 
macht, mitunter auch ein Bandwurm nach dem anderen abgeht."^ 



Der dritte, historische Teil der Farbenlehre enthält eine 
fast unerschöpfliche Fülle von Gelehrsamkeit, und ist überreich 
an tiefen und dauernd wertvollen allgemeinen Betrachtungen 
über die Entwickelung der Wissenschaften, die Wandlung ihrer 
Theorien, die Einflüsse der Autoritäten und des Autoritäts- 
glaubens, sowie an geradezu klassischen Darstellungen der 
persönlichen Schicksale und Meinungen zahlreicher Forscher; 
er geht hierdurch weit über die Bedeutung einer bloßen Samm- 
lung von Materialien zur Geschichte der speziellen Disziplin 
der Farbenlehre hinaus, und zum Beweise hierfür sei nach- 
stehend allein die glänzende und bei aller Kürze erschöpfende 
Charakteristik des Plato und Aristoteles wiedergegeben: 

wPlato verhält sich zu der Welt wie ein seliger Geist, 
dem es beliebt, einige Zeit auf ihr zu herbergen. Es ist ihm 

* „Gespräche", Bd. VIII, S. 85. ^ „Goethe' s naturwissenschaft- 

liche Korrespondenz", ed. Bratraneic (Leipzig 1874), Bd. II, S. 197. 

3 „Gespräche", Bd. II, S. 126. "* Ebenda, Bd. VI, S. 55. ^ Ebenda, 
Bd. II, S. 252. 



GOETHE' S FARBENLEHRE 241 

nicht sowohl darum zu tun, sie kennen zu lernen, weil er sie 
schon voraussetzt, als ihr dasjenige, was er mitbringt und was 
ihr so not tut, freundlich mitzuteilen. Er dringt in die Tiefen, 
mehr um sie mit seinem Wesen auszufüllen, als um sie zu er- 
forschen. Er bewegt sich nach der Höhe, mit Sehnsucht, seines 
Ursprunges wieder teilhaft zu werden. Alles was er äußert, 
bezieht sich auf ein ewig Ganzes, Gutes, Wahres, Schönes, 
dessen Forderung er in jedem Busen aufzuregen strebt. Was 
er sich im einzelnen von irdischem Wissen zueignet, schmilzt, 
ja man kann sagen, verdampft in seiner Methode, in seinem 
Vortrag. — Aristoteles hingegen steht zu der Welt wie ein 
Mann, ein baumeisterlicher. Er ist nun einmal hier, und soll 
hier wirken und schaffen. Er erkundigt sich nach dem Boden, 
aber nicht weiter als bis er Grund findet. Von da bis zum 
Mittelpunkt der Erde ist ihm das übrige gleichgültig. Er um- 
zieht einen ungeheueren Umkreis für sein Gebäude, schafft 
Materialien von allen Seiten her, ordnet sie, schichtet sie auf, 
und steigt so in regelmäßiger Form pyramidenartig in die Höhe, 
wenn Plato, einem Obelisken, ja einer spitzen Flamme gleich, 
den Himmel sucht." ^ 



Blicken wir auf den Gesamtinhalt der Farbenlehre zurück, 
so dürfen wir, um bei einem Bilde aus optischem Gebiete zu 
bleiben, wohl aussprechen, daß sie viel Licht und viel Schatten 
enthält. 

Zu den Lichtseiten gehört vor allem das rastlose Suchen 
Goethes nach einem einheitlichen Grundgesetze, das er erfaßt 
zu haben glaubt im „Urphänomen", aus dem sich nach den 
Regeln der Polarität und der Steigerung alles Verwickeitere 
soll ableiten lassen. Das Urphänomen selbst ist freilich einer 
weiteren Erklärung nicht fähig: „Das muß man nicht weiter 
erläutern wollen, Gott selbst weiß nicht mehr davon als ich", 

' „Farbenlehre", Bd. III, S. 141. 

V. Lippmann, Beiträge. 1^ 



242 GOETHE' S FARBENLEHRE 

sagt Goethe gelegentlich einer Unterredung. ^ Schon sein 
Schüler Schopenhauer^ hat aber mit Recht darauf hin- 
gewiesen, daß das Urphänomen, als »objektive Tatsache" wenig 
geeignet erscheine, zur obersten Grundlage der ganzen Lehre 
im Sinne der von Goethe gewünschten Theorie zu dienen; 
er machte darauf aufmerksam, wie infolgedessen Goethe gar 
oft bloß beschreibe, wo er zu erklären glaube, und in der 
Regel nur zeige, wie Farben entstehen, nicht aber was sie sind. 
In letzterer Hinsicht kann man jedoch einen, die Resultate 
unserer heutigen Wissenschaft mit Kühnheit vorausnehmenden 
Satz Goethes anführen: »die Farben sind Erscheinungsweisen 
desselben Wesens, das sich bald als Elektrizität, bald als Magne- 
tismus, bald als Chemismus zeigt". ^ 

Ein fernerer Lichtpunkt ist die zentrale Stellung, die 
Goethe den physiologischen Farben zuweist, sowie der Er- 
forschung der physiologischen und pathologischen Phänomene; 
im einzelnen aber führt ihn hier die Voraussetzung einfacher 
Beziehungen zwischen Farbenempfindung und Reiz häufig in 
die Irre. 

In physikalischer Hinsicht ist vor allem das stete Zurück- 
gehen Goethes auf das Experiment und die Beobachtung zu 
preisen. Richtige Versuchsanstellungen und richtige Verall- 
gemeinerungen ließen ihm hier die zutreffende Erklärung der 
Himmelsbläue sowie der Dämmerungsfarben gelingen. Bei 
vielen weiteren Bestrebungen hemmte ihn aber in mannig- 
facher Weise der von ihm selbst schmerzlich empfundene 
Mangel an mathematischer Einsicht;* seiner Theorie fehlt es 
daher durchaus an quantitativer Bestimmtheit, ja sie ist sogar 
einer mathematischen Behandlung gar nicht fähig. Helm- 
holtz hat mit Recht hervorgehoben,^ daß sich auf keine Weise 

1 „Gespräche", Bd. X, S. 97. ^ „Sämtliche Werke", Bd. I, S. 2. 

Bd. VI, S. 193. « „Gespräche", Bd. II, S. 120. * „Naturwissen- 

schaftliche Korrespondenz", Bd. II, S. 8. ^ „Vorträge und Reden" 

(Braunschweig 1896), Bd. I, S. 23. Bd. II, S. 355. 



GOETHE'' S FARBENLEHRE 243 

ersehen läßt, wie sich eigentlich nach Goethes Sinne z. B. 
Blau und Gelb ihrem Wesen nach unterscheiden oder inwie- 
fern das ,; Schattige" im Blauen von dem im Gelben, oder gar 
von dem in der Mischfarbe beider, im Grünen, verschieden 
sei u. s. w. Auch die Behauptung Goethes, daß Grün nie 
als primäre, sondern immer nur als Mischfarbe auftrete, ist 
eine unrichtige. Desgleichen ist seine Angabe irrtümlich, daß 
die Zusammensetzung der farbigen Lichter zu Weiß unmöglich 
sei, wobei ihm übrigens, wie schon Schopenhauer^ be- 
merkte, auch ein logischer Beweisfehler untergelaufen ist. End- 
lich erweist sich auch Goethes eigene Theorie über das Zu- ' 
Standekommen des farbigen Spektrums durch kombinierte 
Wirkung zweier Bilder als unzureichend, ja in einem Haupt- 
punkte als ganz unzulässig, indem sie den Bildern selbst, also 
bloßen optischen Phänomenen, eine wahre, d. h. physikalische 
Wirksamkeit zuschreibt. 

In kritischer Hinsicht ist auf das höchste die Bestimmtheit 
und Unerschrockenheit zu bewundern, mit der Goethe gegen 
den Autoritätsglauben jeder Art, sowie gegen die Macht der 
Schule auftritt. Im Eifer des Kampfes läßt er sich freilich oft 
zu herben Worten, ja selbst zu offenbaren Ungerechtigkeiten 
hinreißen, so z. B. wenn er nicht nur Newtons Schülern, 
sondern auch diesem großen Physiker selbst, absichtliche Ver- 
schleierung der Tatsachen, Unredlichkeit in seinen Darlegungen, 
ja die schlimmste aller wissenschaftlichen Sünden, Obskurantis- 
mus, vorwirft. 2 Indessen kann dieses Verhalten Goethes, so 
befremdlich es auch bleibt, immerhin erklärlich erscheinen, 
wenn man sich der Stellungnahme seiner Zeitgenossen gegen- 
über der „Farbenlehre" erinnert. Verständnis oder auch nur 

^ „Sämtliche Werke", Bd. I, S. 45. 
^ Hierher gehört auch das Epigramm: 

Es lehrt ein großer Physikus 

Nebst seinen Anverwandten: . 

„Nil luce est obscurius". — 

Ja wohl, für Obskuranten! 

16* 



244 GOETHE^ S FARBENLEHRE 

aufrichtiges Bemühen in den Sinn seiner Arbeiten einzudringen, 
fand Goethe fast allein bei seinen mehr oder minder laien- 
haften Freunden: bei dem hochgebildeten, rastlos nach Wissen 
aller Art strebenden Herzog Karl August nebst seinem Familien- 
kreise, bei Schiller,! Schelling und Hegel, ^ beim Staatsrate 
Schultz, 3 beim Physiologen Johannes Müller,^ beim Schrift- 
steller Zschokke,^ bei seinem treuen Famulus Eckermann, ^ 
und endlich bei Schopenhauer/ dessen Umdeutungen und 
Erweiterungen seiner optischen Theorien er schon keineswegs 
mit Beifall aufnahm. Völlig abweisend verhielten sich hingegen 
die Physiker von Fach, z. B. Schweigger und Döbereiner, ^ 
sowie Lichtenberg;^ Purkinje verschmähte sogar nicht, zum 
Plagiator an Goethe zu werden, und führte später, als man 
ihm dies vorwarf, zu seiner Entschuldigung ganz offen an, er 
habe gefürchtet, sich durch Nennung des »Dichters" Goethe 
bei seinen Fachgenossen zu schaden;!^ Seebeck endlich, der 
mit Goethe lange Zeit in persönlichem Verkehre und in regem 
Briefwechsel stand und sich von ihm als „vieljähriger Freund 
und Mitarbeiter" begrüßen ließ,i! erklärte noch 1830, als ihn, 
den Entdecker der Thermoelektrizität, der damals für den be- 
deutendsten Physiker Deutschlands galt, jemand über Goethes 
Farbenlehre befragte: „daß zwar allerdings Goethe in vielem 
im Rechte und Newton im Unrechte sei, daß ihm aber, in 
seiner Stellung als öffentlicher Lehrer und Akademiker, un- 
möglich die Verpflichtung obliegen könne, dieses der wider- 
strebenden Mehrheit der Fachgenossen klar zu machen." Und 
auch das sprach Seebeck erst aus, nachdem er sich von dem 
Fragesteller das Wort hatte geben lassen, er werde bei seinen 

^ „Goethe-Jahrbuch", Bd. II, S. 169. ^ Ebenda, Bd. II, S. 217. 

Bd. XII, S. 166. Bd. XVI, S. 62 ff . » Ebenda, Bd. XII, S. 165. 

* „Naturwissenschaftliche Korrespondenz", Bd. I, S. 393. 

^ Ebenda, Bd. II, S. 195. « „Gespräche", Bd. VII, S. 32. Bd. VIII, 
S. 26. ^ „Goethe-Jahrbuch", Bd. IX, S. 50. « Ebenda, Bd. XII, 

S. 170 ff. ^ Ebenda, Bd. XVIII, S. 46. ^° „Gespräche", Bd. IV, 

S. 84 und 337. '^ „Goethe-Jahrbuch", Bd. XII, S. 154. 



GOETHE' S FARBENLEHRE 245 

Lebzeiten nichts über diese Unterredung erzählen oder gar 
drucken lassen l^ Unter solchen Umständen konnte es Goethe 
nur wenig Genugtuung bieten, daß doch an einer Universität, 
Berlin, Henning seit 1822 über seine Farbenlehre las, und 
dieses Kollegium einige Jahre lang vor leeren Bänken fort- 
setzte. ^ Die Physiker waren und blieben eben völlig teil- 
nahmslos und hegten schon damals die Ansicht, die Tyndall 
noch 60 Jahre später mit den Worten aussprach:^ ,;Goethes 
Methoden sind der Physik und der physikalischen Forschung 
völlig fremd". 

In Anbetracht solcher Verhältnisse kann es nicht Wunder 
nehmen, daß Goethe, von der Richtigkeit seiner Theorien 
durchaus erfüllt, und die schwachen Seiten derselben kaum 
wahrnehmend, mit hoher und steigender Befriedigung auf die 
Gesamtschöpfung seiner Farbenlehre zurückblickte, wie dies 
aus so manchen bemerkenswerten und oft befremdlichen Äußer- 
ungen noch seiner letzten Lebensjahre hervorgeht. So z. B. 
spricht er sich aus: ,;Ich allein bin auf der Erde, der in dieser 
Sache sagen kann, ich habe die Wahrheit" (1822);^ »Darf ich 
nicht stolz sein, daß ich unter Millionen der einzige bin, der 
in diesem großen Naturgegen stände allein das Rechte weiß?" 
(1823);^ „In der Farbenlehre steckt die Mühe eines halben 
Lebens; ich hätte vielleicht ein halbes Dutzend Trauerspiele 
mehr geschrieben, das ist alles, und dazu werden sich noch 
Leute genug finden" (1827);^ „Auf alles, was ich als Poet ge- 
leistet habe, bilde ich mir gar nichts ein; ... . daß ich aber in 
meinem Jahrhunderte in der schwierigen Wissenschaft der 
Farbenlehre der Einzige bin, der das Rechte weiß, darauf tue 
ich mir etwas zu gute, und ich habe daher ein Bewußtsein der 
Superiorität über Viele" (1829).'^ 

^ So berichtet Schopenhauer, „Sämtliche Werlce", Bd. I. Vorrede 
zur „Farbenlehre", S. 12. ^ ,,Goethe-Jahrbuch", Bd. XVI, S. 77. „Natur- 
wissenschaftliche Korrespondenz", Bd. I, S. 185. ^ „Goethe-Jahrbuch", 
Bd. III, S. 414. * „Gespräche", Bd. IV, S. 189. ^ Ebenda, Bd. IV, S. 338. 
' Ebenda, Bd. VI, S. 56. ' Ebenda, Bd. VII, S. 34. 



246 GOETHE* S FARBENLEHRE 

Dieses Bewußtsein darf indes nicht in dem Sinne auf- 
gefaßt werden, als hätte Goethe jemals seine Farbenlehre für 
etwas Abgeschlossenes, etwas endgültig Vollendetes gehalten; 
bis in die letzten Jahre, ja Monate seines Lebens blieb er viel- 
mehr fortwährend bemüht, sie tiefer zu begründen, weiter zu 
entwickeln, und mit den Fortschritten der Wissenschaft in 
richtigen Einklang zu setzen. Der Nachlaß weist daher eine 
ununterbrochene Kette zahlreicher, teils abgeschlossener, teils 
nur skizzierter oder flüchtig hingeworfener Aufsätze, Nachträge 
und Bruchstücke zur Theorie der Farbenlehre auf, und bis zum 
Ende seines Daseins erfüllte den Dichter das Bestreben, sein 
Werk zu vervollkommnen und den höchsten Ansprüchen ge- 
mäß auszugestalten. Führt man aber im Hinblicke hierauf das 
Wort aus dem ersten Teile des , Faust' an: »;Es irrt der Mensch, 
so lang er strebt«, so mag man stets auch die Ergänzung im 
Sinne behalten, die dieser Spruch im zweiten Teile findet, da 
die Engel Faustens Unsterbliches gen Himmel tragen mit den 
Worten: wWer immer strebend sich bemüht, Den können wir 
erlösen«. 



Sechste Abteilung 

\^ 
ZUR GESCHICHTE DES WISMUTS^ 




as „Germanische Museum« zu Nürnberg enthält in 
seiner herrlichen Sammlung mittelalterlicher Truhen, 
Laden, Koffer und dergl. auch eine Anzahl sehr 
schöner Kästchen verschiedener Größe, zu deren 
Verzierung eine eigentümliche, als „Wismutmalerei" bezeich- 
nete Technik diente. Wie dem Abschnitte 8 der Abhandlung 
»Die Holzmöbel des Germanischen Museums" von Dr. H. Steg- 
mann- zu entnehmen ist, erfolgte die Herstellung dieser Malerei 
auf nachstehende Weise: Auf dünnen Kreidegrund, den üb- 
lichen Malgrund, wurde eine dünne Schicht gepulverten Wis- 
muts aufgetragen und mittels des Poliersteines so geglättet, 
daß eine metallisch glänzende Oberfläche entstand; sodann 
trug man auf diese die gewöhnlich in lebhaften Farben ge- 
haltene Malerei auf und überzog das Ganze mit Firnis. — 
Wie die stattliche Reihe der vielfach noch im charakteristischen 
Metalllüster prangenden sogenannten „Wismutkästchen" zeigt, 
deren Entstehung in die Zeit vom endenden 15. bis 18. Jahr- 
hundert fällt, vermag die eigentliche Bemalung zu keiner Frist 
Anspruch auf Kunstwert zu erheben, sondern ist das offenbar 
ganz handwerksmäßige Produkt sehr bedeutender, ihrem Wesen 
nach aber rein mechanischer Treffsicherheit. Schon im Anfange 
des 1 7. Jahrhundertes begann übrigens der Verfall dieser Technik, 

^ „Chemiker-Zeitung" 1905, S. 719. ^ „Anzeiger des Germanischen 
Museums" 1905, S. 18. 



248 ZUR GESCHICHTE DES WISMUTS 

indem man unmittelbar Öl- oder Leimfarbe zur Anwendung 
brachte oder auch die Flächen mit farbigen Schnitten oder 
Stichen beklebte. 

Als ein sehr frühes Beispiel der Wismutmalerei ist ein 
Kästchen mit Deckelzier aus der letzten Periode des 15. Jahr- 
hundertes anzusehen; ^ die vollendete Ausführung weist aber 
darauf hin, daß die Verfertigung dieser Art kunstgewerblicher 
Waren damals schon einen hohen Grad von Sicherheit und 
Vollkommenheit erreicht hatte, also schwerlich mehr etwas 
Neues war. Hiermit stimmt es überein, daß die Wismut- 
technik, wie eine Besprechung einiger ihrer hervorragendsten 
und zugleich ältesten Erzeugnisse zeigte, ^ nach einem 1876 
veröffentlichten Aufsatze A. von Eyes"^ bereits im 14. Jahr- 
hundert nachweisbar ist. Beruht dies aber auf Richtigkeit, 
so muß das Wismut, dessen erste sichere Erwähnung in der 
Regel dem Paracelsus zugeschrieben wird, schon erheblich 
früher bekannt geworden sein, als man bisherannahm, 
und diese Voraussetzung begegnet insofern keiner Schwierig- 
keit, als Wismutmetall nicht selten in gediegener Form und 
an solchen Erzlagerstätten auftritt, die zu den seit längster Zeit 
aufgeschlossenen und abgebauten gehören. 

* Abgebildet im „Anzeiger des Germanischen Museums" 1905, S. 36. 
' „Anzeiger des Germanischen Museums" 1905, S. 37. ^ „Anzeiger 

für Kunde der deutschen Vorzeit" 1876, S. 1. 



\5 

WER HAT DIE X'ERBRENNUNG EINER UHRFEDER 
IN SAUERSTOFFGAS ZUERST AUSGEFÜHRT?^ 




ie obenstehende Frage wurde gelegentlich der Vor- 
führung dieses eindrucksvollen Versuches in der Vor- 
lesung über anorganische Chemie während einer am 
nämlichen Tage stattfindenden Sitzung der ,, Natur- 
forschenden Gesellschaft" zu Halle aufgeworfen, ohne daß 
jemand unter den Anwesenden sie hätte beantworten können. 
Mir selbst war auch nur erinnerlich, eine einschlägige 
Bemerkung, die ich sofort nachzusehen versprach, gelesen zu 
haben, und zwar im Briefwechsel Lichtenbergs, des trefflichen 
Göttinger Physikers, der nicht nur ein gewandter Experimen- 
tator und allseitig gebildeter Naturforscher war, sondern auch 
einer der geistvollsten, witzigsten und aufgeklärtesten Köpfe, 
die Deutschland jemals her\'orbrachte. In seinen ,, Schriften", 
die erst neuerdings wieder die gebührende Beachtung zu 
finden beginnen, steht der betreffende Brief in Bd. VIII, S. 145 
der Göttinger Ausgabe von 1846, die Lichtenbergs Söhne 
veranstalteten. Er ist an Hofrat Ramberg in Hannover ge- 
richtet, vom 20. Mai 1782 datiert, und enthält folgende Stelle: 
nWenn Sie jetzt bei mir wären, so wollte ich Sie für Ihre viele 
Gütigkeit mit einem Paar Versuchen belohnen, die Sie in Er- 
staunen setzen würden. Glauben Sie wohl, daß man in 
dephlogistisierter Luft Uhrfedern anstecken kann, daß sie 
» „Chemiker-Zeitung" 1905, S. 849. 



250 VERBRENNUNG EINER UHRFEDER IN SAUERSTOFFGAS 

abbrennen wie ein Bindfaden, und das mit einem Licht, das 
förmlich blendend ist? ... Es sind dieser und einige andere 
Versuche die schönsten, die ich noch in meinem Leben ge- 
sehen habe, und mehrere Riesenschritte zur Einsicht in die 
Natur des Feuers". 

Lichtenberg sagt nicht, daß das geschilderte Experiment 
von ihm selbst ersonnen sei, und sein Bericht klingt auch nicht 
etwa so, als wünschte er, daß der Empfänger dies herauslese. 
Infolgedessen hielt ich weitere Umschau in einigen mir zugäng- 
lichen älteren chemischen Zeitschriften und Werken, zunächst 
jedoch ohne Erfolg. Berzelius z. B. beschreibt zwar den Ver- 
such, »einen der schönsten, welchen die Chemie aufzuweisen 
hat", in der ersten Auflage seines Lehrbuches, ^ nennt aber 
keinen Autor, und das nämliche gilt für Thenard und sein 
vielbändiges ;, Lehrbuch der Chemie", ^ bei dessen deutscher 
Ausgabe sich der Übersetzer Fechner, der spätere tiefsinnige 
Denker und Schöpfer der Psychophysik, durch Überanstrengung 
den Keim zu der schweren Krankheit seines ganzen Lebens 
holte. Zu noch älteren Quellen herabsteigend, fand ich end- 
lich die richtige Spur in Lavoisiers »Traite elementaire de 
Chimie";^ der Abschnitt, in dem der große Forscher die frag- 
liche Reaktion erörtert und in quantitativer Hinsicht durch den 
Nachweis aufklärt, daß die beim Verbrennen des metallischen 
Eisens erfolgende Gewichtszunahme genau der Menge des an- 
scheinend verschwundenen Sauerstoffes entspricht, beginnt näm- 
lich mit den Worten: »Tout le monde connoit aujourd'hui la 
belle experience de Monsieur Ingenhouz sur la combustion 
du fer . . . " 

Urheber des Versuches ist also Ingen-Housz (dies ist 
die richtige Schreibweise), der 1730 zu Breda in Holland ge- 
borene und 1799 zu London gestorbene vielseitige Naturforscher 
und durch Einführung der Impfung in Wien (auf Befehl Maria 

1 Deutsch von Blöde, Dresden 1820, 1, S. 188. -Leipzig 1825, 1, 

S. 159. « Paris 1789, 1, S. 41. 



VERBRENNUNG EINER UHRFEDER IN SAUERSTOFFGAS 251 

Theresias, 1768) auch um die öffentliche Gesundheitspflege 
hochverdiente Arzt. In der Geschichte der Naturwissenschaften 
ist er hauptsächlich bekannt als erster Entdecker der hervor- 
ragend wichtigen Tatsache, daß auch die Pflanzen eine Atmung 
besitzen, d. h. Sauerstoff aufnehmen und Kohlensäure abgeben, 
während andererseits ihre grünen Blätter im Sonnenlichte die 
in der Luft enthaltene Kohlensäure assimilieren und Sauerstoff 
ausscheiden. Von den Schriften Ingen-Houszs waren mir 
nur einige botanische zugänglich, in denen des oben erwähnten 
Verbrennungsversuches nicht gedacht wird; ob dieses Experi- 
mentes in anderen der botanischen Werke Erwähnung ge- 
schieht, oder ob es Ingen -Housz vielleicht in einem der 
wissenschaftlichen Organe seines Zeitalters veröffentlichte, ver- 
mag ich daher nicht anzugeben. 

Die Physik besitzt das ausgezeichnete Buch ,/ Geschichte der 
physikalischen Experimentierkunst" von Gerland und Trau- 
m Uli er (Leipzig 1899); die vorstehenden Zeilen lassen sicherlich 
den dringenden Wunsch gerechtfertigt erscheinen, daß ein Werk 
analogen Inhaltes recht bald auch derChemie beschieden werde. 

Nachschrift: Im Augenblicke empfange ich die soeben 
erschienene Biographie »Jan Ingen-Housz, sein Leben und 
sein Wirken als Naturforscher und Arzt", von J. Wiesner 
(Wien 1905). Diesem höchst fesselnden, nicht genug zu 
empfehlenden Werke ist zu entnehmen, ^ daß die betreffenden 
Aufsätze von Ingen-Housz in dessen »Vermischten Schriften "^ 
stehen, und zwar unter den Titeln „Eine Art, durch die dephlo- 
gistisierte Luft das prächtigste blendendste Licht hervorzubringen" 
und ;,Von der Brennbarkeit der Metalle".^ Die »Vermischten 
Schriften" sind „übersetzt und herausgegeben" von N.K.Molitor; 

^ J. Wiesner: ,Jan Ingen-Housz, sein Leben und sein Wirken als 
Naturforscher und Arzt." Wien 1905, S. 193, 197, 246. 

2 Jan Ingen-Housz, „Vermischte Schriften". Wien 1782 {I. Aufl.), 
1784 (II. Aufl.). 

^ N. K. Molitors Ausgabe von Jan Ingen-Housz' „Vermischten 
Schriften", Bd. I, S. 203; Bd. II, S. 355. 



252 VERBRENNUNG EINER UHRFEDER IN SAUERSTOFFGAS 

WO und wann jenes Original erschienen ist, aus dem vermutlich 
Lichtenberg schon anfangs 1782 schöpfen konnte, läßt sich 
aber auch aus Wiesners Buch und seiner Zusammenstellung 
der von Ingen-Housz veröffentlichten Schriften (S. 244) nicht 
ersehen. 

Zusatz^ 

In einer Besprechung meines obengenannten Aufsatzes- kam 
Dr. Di ergart kürzlich^ zu dem Ergebnisse, daß die Urheber- 
schaft Ingen- Ho uszs (und zwar in der Zeit von 1780 bis Anfang 
1782) zwar sehr wahrscheinlich, aber nicht nachgewiesen, und 
auf dem eingeschlagenen Wege auch nicht nachweisbar sei. 

Soweit es sich nun um die Originalarbeit von Ingen- 
Housz handelt, stimmen unsere Ansichten überein, denn diese 
ist, was auch ich hervorhob, bisher nicht aufgefunden, obwohl 
mir ihre Auffindung durch einen Forscher, der Zeit und Ge- 
legenheit hätte, die alte Literatur zu durchsuchen, keineswegs 
von vornherein aussichtslos scheint. Der Ausführung, daß 
auch die Urheberschaft des Ingen-Housz unsicher sei, 
vermag ich hingegen nicht beizupflichten. Zunächst steht fest, 
daß Ingen-Housz einer der Ersten war, die gleich nach Ver- 
öffentlichung der Priestleyschen Entdeckung (1773, nach 
S. 61 von Wi es ners vortrefflichem Werke „Jan Ingen-Housz") 
deren volle Wichtigkeit erkannten; seine chemischen Unter- 
suchungen ferner, die er im Verlaufe der bis 1773 zurück- 
reichenden Vorarbeiten zu den 1779 erschienenen „Experiments 
upon vegetables" anstellte, betrafen fast ausschließlich die Gase, 
namentlich den Sauerstoff, seine Natur und Eigenschaften, 
seine Darstellung und Bestimmung (ebenda S. 62, 192, 196); 
in den Abhandlungen endlich, „Eine Art, durch die dephlo- 
gistisierte Luft das prächtigste, blendendste Licht hervorzu- 
bringen" und „Von der Brennbarkeit der Metalle" schildert 

' „Chemiker-Zeitung" 1905, S. 1185. '^ Ebenda, 1905, 29, S. 849. 

^ Ebenda, 1905, 29, S. 1143. 



VERBRENNUNG EINER UHRFEDER IN SAUERSTOFFGAS 253 

er seine einschlägigen Experimente^ und schreibt u. a.: »Ich 
brannte in dieser Luft (im Sauerstoff) verschiedene Körper; 
unter allen den Substanzen aber, die ich so versuchte, gibt es 
keine, die dem Auge ein so prächtiges Schauspiel wären, als 
Kamphor, Kunkels Phosphor, besonders Eisen oder Stahl". 
Die Verbrennung des Phosphors führte er, seiner Angabe 
gemäß, 2 zuerst 1780 aus; betreff jener des Eisens ist ein Hin- 
weis wichtig, den mir Hofrat Prof. Dr. J. Wiesner brieflich 
zu geben so freundlich war: in der ersten Auflage der »Ver- 
mischten Schriften", die 1782 in Wien erschien, sagt nämlich 
Ingen-Housz auf S. 347 bei Beschreibung dieses Versuches, 
„er habe ihn schon vor vielen Jahren seinen Freunden ge- 
zeigt", so daß hiernach die Tatsache, daß Lichtenberg ihn 
im Frühjahr 1782 kannte oder kennen lernte, leicht erklärlich 
wird. Jedenfalls nimmt also Ingen-Housz jene Experimente 
hier ausdrücklich für sich selbst in Anspruch, und dazu 
stimmt auch der Ausspruch Lavoisiers »tout le monde connoit 
aujourd'hui la belle experience de M. Ingen houz sur la com- 
bustion du fer"; Lavoisier redet hier als von etwas zu seiner 
Zeit allgemein bekanntem, und in der Tat hat auch, so viel 
man weiß, kein anderer Chemiker oder Physiker Ingen- 
Housz diese Priorität streitig gemacht oder den Ruhm jener 
glänzenden und von allen Autoren so hochgepriesenen Ver- 
suche sich zuzueignen versucht, während es doch im übrigen, 
wie Wiesner des näheren ausführt, Ingen-Housz an hämischen 
Nachtretern und bösartigen Neidern nicht fehlte. 

So lange daher niemand den positiven Nachweis erbringt, daß 
Ingen-Housz, sonst ein Mann von anerkannt seltener Ehrlichkeit 
und Wahrheitsliebe, in diesem Falle fremde Verdienste zu Un- 
recht sich selbst zuschrieb, so lange ferner nicht festgestellt ist, daß 
und worin Lavoisier geirrt hat, kann meines Erachtens die Ur- 
heberschaft des Ingen-Housz nicht wohl bestritten werden. 

^ „Vermischte Schriften", 2. Aufl., Wien 1784, I, S. 203 und II, S. 355. 
Bei Wiesner, S. 194 und 197. ^ Bei Wiesner, S. 194. 



\6 

BEMERKUNG ZU EINER STELLE IN A. W. HOFMANN'S 

REDE „EIN JAHRHUNDERT CHEMISCHER FORSCHUNG 

UNTER DEM SCHIRME DER HOHENZOLLERN" ^ 




n der oben genannten schönen Rede, dieA.W. Hof mann 
1881 zur Gedächtnisfeier des Stifters der Berliner Uni- 
versität hielt, bemerkt er, bei Erwähnung der Schwierig- 
keiten einen würdigen Nachfolger für den 1817 ver- 
storbenen Klaproth zu finden, man habe nur sehr wenige 
Männer als geeignete Persönlichkeiten ansehen können, wenn- 
gleich die unselige Periode der Naturphilosophie als eine über- 
wundene gelten durfte, und wohl kein Gelehrter mehr die 
Anschauung billigen mochte, „der Diamant sei ein zu Selbst- 
bewußtsein gekommener Quarz". 

Als diese klassische Definition (die übrigens ein namhafter 
Geologe dahin travestierte, „daß der Quarz verrückt gewordener 
Diamant sei") bereits gedruckt war, bemühte sich A. W. Hof- 
mann, ihren Autor festzustellen, aber vergebens. „Obwohl 
jeder sie kannte (berichtet er in einer Anmerkung), vermochte 
sie mir doch keiner bei einem der Naturphilosophen nachzu- 
weisen. Es wäre immerhin möglich, daß sie nur im Sinne 
der Naturphilosophie erfunden worden sei, und ich müßte in 
diesem Falle schon an die Antwort Voltaires erinnern, als 
man ihm vorwarf, daß eine Angabe von ihm nicht wahr sei: 
Monsieur, c'est plus que vrai, c'est vraisemblable." 

^ „Chemiker-Zeitung", 1894, S. 67. 



BEMERKUNG ZU EINER STELLE IN A. W. HOFMANN' S REDE 255 

Die Vermutung A. W. Hofmanns trifft aber in diesem 
Falle nicht zu, die fragliche Äußerung ist vielmehr wirklich 
getan worden. Im Briefwechsel Alexander von Humboldts 
mit Varnhagen von Ense^ heißt es im 54. Briefe seitens 
Humboldts: „Die Zeit der Naturphilosophie ist eine be- 
jammernswürdige Epoche gewesen, in der Deutschland hinter 
England und Frankreich tief herabgesunken war; eine Chemie, 
in der man sich die Hände nicht naß machte: Der Diamant 
ist ein zum Bewußtsein gekommener Kiesel; Granit ist Äther! 
Carus." 

Unter Carus ist Karl Gustav Carus (1789 bis 1869) ge- 
meint, der neben Steffens, Oken und Schubert an der Spitze 
der naturphilosophischen Bewegung stand,^ als praktischer Arzt, 
Physiologe, Maler und Kunstschriftsteller gleich Bedeutendes 
geleistet hat, und namentlich auch durch seine Beziehungen zu 
Goethe bekannt ist, der ihm stets die größte Hochschätzung 
bewahrte.^ Welchem seiner sehr zahlreichen Werke der Aus- 
spruch über den Quarz entstammt, vermag ich nicht anzugeben. 

^Leipzig 1860, 2. Auflage, S. 90. ^ Siehe Falkenberg, „Geschichte 
der neueren Philosophie", Leipzig 1886, S. 363. ^ Siehe v. Biedermann, 
„Goethes Gespräche", Leipzig 1889 ff., IV, S. 91 und 219; VI, S. 5Q; VII, 
S. 323. 



\7 

ZWEI UNGEDRUCKTE BRIEFE LIEBIGSi 




or einiger Zeit gelangte ich in Besitz zweier Briefe 
Liebigs, herrührend aus dem Nachlasse Ernst 
von Bibras in Nürnberg, des erfolgreichen Che- 
mikers und nach den mannigfaltigsten Richtungen 
hin tätigen Naturforschers, dessen Arbeiten, die rasch unbe- 
rechtigtem Vergessen anheimgefallen waren, kürzlich der um 
die Geschichte der Naturwissenschaften so hochverdiente Prof. 
S. Günther in der „Festschrift zum hundertjährigen Jubiläum 
der Naturforschenden Gesellschaft zu Nürnberg" aufs neue zu 
gebührender Würdigung verhalf. 

Bibra war einst Schüler Liebigs gewesen, der dann zeit- 
lebens mit ihm in persönlicher und wissenschaftlicher Ver- 
bindung blieb; als Zeichen einer solchen stellt sich der erste 
der erwähnten Briefe dar, ein einseitig beschriebenes Quartblatt 
folgenden Wortlautes: 

München, 29. Oktober 53. 
Verehrter Freund! 
Ich wünsche Ihnen die neue Ausgabe meiner Organischen 
Analyse zu übersenden bin aber in Zweifel ob Sie dieselbe 
nicht bereits von mir erhalten haben, ich ersuche Sie des- 
halb mir auf einem Zettel das Wort Nein oder Ja zu 
schreiben, Herzlichst Ihr 

Just. Liebig. 
^ „Chemiker-Zeitung" 1904, S. 1121. 



ZWEI UNGEDRUCKTE BRIEFE LIEBIG' S 257 

Der zweite, längere Brief; in fester und fließender Schrift, 
einen Oktavbogen mit der (dick durchstrichenen) Aufschrift: 
,; Kapitel des k. Bayerischen Maximilians-Ordens für Wissen- 
schaft und Kunst" fast völlig ausfüllend, lautet, gleichfalls mit 
allen Eigentümlichkeiten der Orthographie und Interpunktion 
wiedergegeben, wie folgt: 

München 23. Aug. 1872. 
Mein verehrtester Freund! 
Meinen besten Dank für die ,; alten Eisen- u. Silberfunde" 
welche eine Menge für mich interessanter Bemerkungen ent- 
halten; es ist dies wieder eine der großen Arbeiten, mit 
welchen Sie uns zu überraschen gewohnt sind. 

Es ist sonderbar daß man in Ägypten von eisernen Oe- 
räthen u. Waffen bis jetzt noch keine Spuren gefunden hat, 
während es doch ganz unmöglich scheint, ohne Stahl die 
harten Gesteine zu bearbeiten, aus denen die Ägypter ihre 
Gebäude u. Kunstdenkmale errichtet haben. Der Stahl ist in 
Indien uralt, so wie denn Baker u. andere Afrikareisende, 
bei vielen Völkerschaften eiserne Geräthe gefunden haben, 
deren Material an Ort u. Stelle aus Eisenerzen wie in Indien 
gewonnen wird. Ein Stahlhandel bestand in Damaskus in 
den ältesten Zeiten und der von dort verbreitete Stahl kam 
sicherlich aus Indien. Die leichte Oxydirbarkeit ist sicherlich 
der Grund daß man keine Reste von Gefäthen mehr findet. 
Lepsius mit dem ich darüber sprach, sagte mir daß auf 
den Bildwerken in denen Waffen u. Geräthe vorkommen, 
Sicheln u. Schwerter theils in blauer theils in rother Farbe 
sich vorfinden und daß er die blauen für eiserne, die rothen 
für bronzene halte. 

Die Vergoldung von silbernen Gegenständen mit Gold- 
amalgam ist den Römern nach Plinius schon bekannt ge- 
wesen. 

Man sollte einmal alles sammeln und zusammenstellen 
was die Alten über Metalle u. Metalgewinnung kannten; daß 

V. Lippmann, Beiträge 17 



258 ZWEI UNGEDRUCKTE BRIEFE LIEBIG' S 

sie in den Gruben mit Pulver gesprengt haben, scheint mir 

unzweifelhaft. 

Wenn ich nach Nürnberg komme, so werde ich mir 

sicherlich das Vergnügen machen mit Ihnen ein paar Stunden 

zu verplaudern. 

Mit aufrichtigster Hochachtung Ihr treuer 

J. V. Liebig. 
An Freiherrn Ernst v. Bibra, Nürnberg. 

Dieses Schreiben, dem letzten Lebensjahre Liebigs ent- 
stammend (er starb am 18. April 1873), wirft abermals ein helles 
Licht auf die erstaunliche Vielseitigkeit des großen Forschers 
und auf jenes unermüdliche, bis an die Grenze seiner Tage 
fortdauernde Interesse, das er selbst zufällig auftauchenden 
Nebenfragen zu widmen pflegte, sobald sie ihm von irgend 
welcher Bedeutung für die Wissenschaft erschienen. 

Die Abhandlung Bibras, für deren Zusendung Liebig 
dankt, führt auf einem mir vorliegenden Exemplare den Titel: 
»Über alte Eisen- und Silber- Funde, archäologisch-chemische 
Skizze; Nürnberg und Leipzig, 1873", und ist also entweder, wie 
im Buchhandel oft üblich, vorausdatiert, oder vielleicht aus den 
Sitzungsberichten einer gelehrten Gesellschaft nachträglich ab- 
gedruckt; sie bildet eine Ergänzung zu Bibras wichtiger, um- 
fangreicherer Schrift: »Die Bronzen und Kupferlegierungen der 
alten und ältesten Völker" (Erlangen 186Q). 

Lepsius ist der weltberühmte Berliner Ägyptologe, und 
seine einschlägigen Forschungen sind niedergelegt in der Ab- 
handlung: »Die Metalle in den altägyptischen Inschriften" 
(Berlin 1872, später auch in etwas erweiterter französischer 
Übersetzung erschienen). Auf den zugehörigen beiden Farben- 
tafeln ist die angegebene Färbung der verschiedenen Metalle 
klar ersichtlich; S. 110 wird sie im Texte näher erörtert, und 
S. 105 spricht der Verfasser auch die naheliegende Vermutung 
aus, daß der Rost Ursache der Seltenheit alter Eisenfunde sei. 
Den neuesten Ausgrabungen von Flinders-Petrie zufolge 



ZIVEI UNGEDRUCKTE BRIEFE LIEBIG' S 259 

reicht übrigens die Kenntnis der alten Ägypter vom Eisen 
ungleich weiter zurück, als man bisher allgemein glaubte: 
Eisen ist bereits zur Zeit der vierten Dynastie (um 3400 v. Chr.) 
nachweisbar und steht von da an fortdauernd, und zur Zeit der 
19. Dynastie (um 1500 v. Chr.) schon sehr allgemein in Ge- 
brauch, ohne aber die Bronze gänzlich zu verdrängen; diese 
verstand man bekanntlich in so vorzüglicher Weise zu härten, 
daß die Bearbeitung auch der widerspenstigsten Gesteine keine 
unüberwindliche Schwierigkeit bot. Der hieroglyphische Name 
des Eisens, Be-ni-pe (= Metall des Himmels, auf Meteoreisen 
hindeutend?) hat sich im Dialekte Oberägyptens bis zum heu- 
tigen Tage erhalten.^ 

Der „Damascener Stahl" war, wie Lieb ig richtig voraus- 
setzt, in Damaskus nur Handelsartikel, stammt aber aus Indien, 
und ist das Produkt einer eigentümlichen, sehr schwierigen 
Technik; er wird im Kleinbetriebe durch Zusammenschmelzen 
von Schmiedeeisen mit kohlenstoffhaltigen Substanzen (Spänen 
und Blättern gewisser indischer Pflanzen) dargestellt, und seine 
Zeichnung, der sogenannte Damast, entsteht durch Ätzen der 
polierten Oberfläche mit Säuren, die die verschieden wider- 
standsfähigen Eisen -Kohlenstoffverbindungen in ungleichem 
Grade angreifen. 

Die zitierte Stelle des Plinius steht in dessen w Natur- 
geschichte", Buch 33, Kap. 32 und 42, wo vom Vergolden des 
Kupfers und Silbers mittels Quecksilbers die Rede ist;^ hierüber 
sowie über das Herauslösen des Goldes aus golddurch- 
sponnenen Geweben berichtet auch Vitruvius (,;De archi- 
tectura", lib. 7, cap. 8). 

Die Annahme Liebigs, daß man sich schon im Alter- 

^ Siehe „Mitteilungen zur Geschichte der Medizin und der Natur- 
wissenschaften", Bd. I, S. 169; Bd. III, S. 45, 81, 453. Diese ausgezeichnete 
Zeitschrift kann den Chemikern, denen sie noch kaum bekannt zu sein 
scheint, nicht warm genug empfohlen werden. 

^ Siehe meine Abhandlung: „Die chemischen Kenntnisse des Plinius" 
(1892). 

17* 



260 ZIVEI UNGEDRUCKTE BRIEFE LIEBIG^S 

turne des Pulvers zu Sprengzwecken bedient habe, ist irrtüm- 
lich; sie stützte sich wohl auf einige bis in die neueste Zeit 
oft angeführte Belege aus antiken Schriftstellern, die aber der 
sachlichen Prüfung in keiner Weise standhalten. Eine Kenntnis 
des Schießpulvers und seines charakteristischen Bestandteiles, 
des Salpeters, ist vor dem 13. Jahrhunderte nicht nachweisbar. ^ 
Die Originale der beiden Liebigschen Schreiben sind 
Herrn Geh.-Rat Prof. Dr. Volhard zur Feier des 70. Geburts- 
tages dargebracht worden und stehen in seinem Eigentum. 

^ Siehe meine Abhandlung: „Zur Geschichte des Schießpulvers und der 
älteren Feuerwaffen" (1899). 



Siebente Abteilung 

\8 
KURZER ABRISS DER GESCHICHTE DES ZUCKERS ^ 




egenwärtig wird der Zuckerbedarf der Welt zur Hälfte 
etwa durch den Zucker aus Rüben, zur Hälfte durch 
jenen aus Rohr gedeckt. Nicht immer war dies so, 
denn die Darstellung des Zuckers aus Rüben hat erst 
zu Anfang des 19. Jahrhundertes begonnen, und bis dahin kannte 
der Handel allein den Zucker aus Zuckerrohr. Diese Pflanze, 
die bekanntlich zu den Gräsern gehört und dem Mais ähnlich 
sieht, hat ihre Heimat an der Nordküste des indischen Meer- 
busens; ihre wilde Stammform kommt jedoch weder dort noch 
anderwärts mehr vor, vielmehr kennt man seit jeher das Zucker- 
rohr ausschließlich in angebautem Zustande, und zwar in sehr 
zahlreichen Abarten. 

Um welche Zeit dieser Anbau des Zuckerrohres in Indien 
begonnen hat, läßt sich aus den uns überlieferten indischen 
Schriften nicht mit Sicherheit feststellen; jedenfalls wurde aber 
schon mehrere hundert Jahre vor Beginn unserer Zeitrechnung 
der Saft des Rohres ausgesaugt oder ausgepreßt und getrunken, 
später auch ausgekocht und eingedickt, und in diesem sirup- 
förmigen Zustande zur Bereitung von Speisen und Arzneien 
angewendet. Wann man zuerst, durch weiteres Eindicken solchen 
Sirups, festen Zucker, wenn auch noch in rohester Form, 
erhalten hat, läßt sich mit Genauigkeit ebenfalls noch nicht 

^ ,, Arbeiter-Zeitung der Dessauer Zuckerraffinerie", Dessau 1893. Aus- 
führliches siehe in meiner „Geschichte des Zuckers" (Leipzig 1890). 



262 KURZER ABRISS DER GESCHICHTE DES ZUCKERS 

angeben. Aus gewissen chinesischen Schriften kann man aber 
schließen, daß die Erfindung des festen Rohzuckers in die Zeit 
zwischen 300 und 600 n. Chr. fällt. Über das Verfahren bei 
seiner Darstellung weiß man nur wenig; man kochte den aus 
dem Rohre gewonnenen Saft in flachen Tonpfannen über 
freiem Feuer ein, und preßte die erkaltete sirupreiche Masse 
in Säcken oder Matten mittels Steinen und Gewichten aus. 
Auf diese Weise erhielt man braunen rohen Zucker, den man 
zu flachen Kuchen oder zu kleinen Kugeln formte; zuweilen 
reinigte man diesen noch weiter, entweder durch Bespritzen 
mit Wasser und abermaliges Abpressen, oder durch Auflösen, 
Filtrieren durch Tücher, Abschäumen und Einkochen. Durch 
Trocknen in der Sonne erhielt man so schließlich einen ge- 
bleichten, gelblichen, noch feuchten, mehlförmigen Zucker. Roh- 
zucker und Sirup, in den verschiedensten Formen der Zube- 
reitung, spielten in den Sitten und Gebräuchen der alten Indier 
eine große Rolle, z. B. bei Geburten, Hochzeiten, Begräbnissen 
und Opfern. Sehr ausgebreitet war auch ihre Anwendung in 
der Medizin, über die wir viele ausführliche Werke indischen 
Ursprunges besitzen. 

In Europa erlangte man die erste Kunde vom Zucker- 
rohre zur Zeit des Feldzuges Alexander des Großen nach 
Indien, 327 v. Chr.; es wurde damals berichtet, daß ,;ein in 
Indien wachsendes merkwürdiges Schilfrohr eine Art Honig 
hervorbringe, ohne Beihilfe von Bienen." Über diese Kenntnis 
hinaus ist man aber beinahe ein Jahrtausend hindurch nicht 
gelangt, was nicht Wunder nehmen kann, wenn man die un- 
geheure Entfernung Indiens, sowie die unglaublichen Schwierig- 
keiten des Verkehres dahin in jenen alten Zeiten bedenkt. Be- 
sonders ist aber zu erwähnen, daß man den festen Zucker 
erst sehr spät kennen lernte; seine erste sichere Erwähnung 
findet sich erst im Jahre 627 n. Chr., als der Kaiser Heraklius 
von Konstantinopel in einem Kriege das Sommerschloß des 
damaligen Königs von Persien zerstörte. Es wurden hierbei 



KURZER ABRISS DER GESCHICHTE DES ZUCKERS 263 

große Mengen kostbarer indischer Waren erbeutet, darunter 
Seide, Baumwollkleider, Seidenstoffe, gestickte Tapeten, Pfeffer, 
Ingwer, Aloe und Zucker. Daß letzterer unter den Schätzen 
des persischen Königs genannt wird, beweist, daß er damals 
noch eine große Seltenheit war. 

Aus Indien wurde das Zuckerrohr gegen 500 n. Chr. 
nach Persien gebracht und, wie es scheint, zuerst in der Stadt 
Gondisapür, die an der Mündung des Euphrat in den persischen 
Meerbusen lag, angebaut. Daselbst befand sich nämlich eine 
christliche Gemeinde und eine Klosterschule, deren Gelehrte 
sich hauptsächlich mit der Pflege der Arzneikunde befaßten; 
diese Schule stand in steter Verbindung mit Indien, auch empfing 
sie oft den Besuch indischer Ärzte, und das bei diesen so hoch 
geschätzte Zuckerrohr gelangte wahrscheinlich durch solche Ver- 
mittlung zuerst nach Persien. Diente auch sein Anbau anfangs 
lediglich Zwecken der Medizin, so fand er doch sehr bald auch 
weitere Ausdehnung. Die Kunst der Darstellung festen Roh- 
zuckers gelangte wohl etwas später als das Rohr selbst von 
Indien nach Persien, und wurde dort, vermutlich ebenfalls von 
den Gelehrten zu Gondisapür, gepflegt und verbessert. Vor 
allem gelang es diesen, zuerst völlig reinen, wirklich weißen 
Zucker, unserer heutigen Raffinade ähnlich, darzustellen, den 
sie ,;Tabarsad" nannten, d. h. »Axt-gehauen", weil er fest und 
hart genug war, um durch Zerschlagen mit dem Beile zer- 
kleinert werden zu können, ja zu müssen. Die Reinigung des 
rohen Zuckers erfolgte hierbei durch wiederholtes Auflösen, 
Klären mit Milch, Abschäumen und Einkochen. In Persien 
wurde also die Raffination des Zuckers erfunden; aber auch 
die Verwendung der sogenannten Zucker hutform zur Ge- 
staltung des Zuckers ist nachweislich eine in Persien gemachte 
Erfindung. 

Als die Araber um 640 n. Chr. das persische Reich er- 
oberten, wurde der Anbau des Zuckerrohres sogleich mit einer 
Steuer belegt, die höher war, als die auf den Anbau aller 



264 KURZER ABRISS DER GESCHICHTE DES ZUCKERS 

anderen Gewächse, woraus man schließen kann, daß um diese 
Zeit jene Anpflanzung schon in größerem Maße betrieben 
worden sein muß. Die Araber, die Landwirtschaft und Handel 
der von ihnen eroberten Länder stets in hohem Grade förderten, 
erkannten sogleich auch den hohen Wert dieser ihnen ganz 
neuen Nutzpflanze, deren Pflege und Verwertung sie binnen 
etwa hundert Jahren zur wichtigsten Aufgabe der Landwirt- 
schaft Persiens und zur Grundlage eines mit erstaunlicher 
Schnelligkeit sich entwickelnden Großgewerbes gestalteten. Das 
Auspressen des Zuckerrohres geschah mittels mächtiger Stein- 
walzen, die durch Wasserräder oder durch Wassermühlen ge- 
trieben wurden. Auf die Benützung solcher Hilfsmittel waren 
bereits besondere Steuern gelegt, und ebenso wurden die Ab- 
gaben der einzelnen Länder und Kreise häufig auch in Gestalt 
des fertigen Erzeugnisses, also des rohen Zuckers, eingehoben. 
Auf solche Weise hatten z. B. um das Jahr 800 n. Chr. einzelne 
Bezirke jährlich 20000, 30000, ja auch 50000 Pfund Zucker 
abzuliefern. Dieser wurde größtenteils am Hofe der arabischen 
Herrscher (Kalifen) bei Gastmählern und Festlichkeiten ver- 
braucht, ja oft geradezu verschwendet; aber auch in der Heil- 
kunde spielte er eine außerordentlich wichtige Rolle, wie dies 
aus den zahlreichen Schriften arabischer Ärzte jener Zeit in aus- 
führlicher Weise zu entnehmen ist. 

Aus Persien brachten die Araber das Zuckerrohr in ver- 
schiedene andere, von ihnen eroberte Länder, vor allem nach 
Ägypten. In diesem Lande, dessen Bewohner sich seit vielen 
Jahrhunderten mit Chemie und chemischen Arbeiten beschäftigt 
hatten, wurde namentlich die Kunst der Zuckerraffination außer- 
ordentlich vervollkommnet: man erfand daselbst die Reinigung 
der Zuckersäfte mittels Kalk und Pflanzenasche, die Trennung 
des festen Zuckers vom flüssigen Sirup durch Ablaufenlassen 
und Decken, sowie die Darstellung des kristallisierten Kandis- 
zuckers. Schon gegen 750 n. Chr. war das fruchtbarste Land 
in Ägypten fast überall mit Zuckerrohr bebaut, und die Ver- 



KURZER ABRISS DER GESCHICHTE DES ZUCKERS 265 

Wendung des Zuckers erfolgte in immer größerem Maßstabe: 
wird doch berichtet, daß bei Hochzeiten und Festen am Hofe 
des Herrschers Mengen von Zucl<er auf einmal verbraucht 
wurden, die, in heutigem Gewichte ausgedrückt, 61000 bis 
76000 kg betrugen! 

Dem siegreichen Vordringen der Araber durch Nordafrika 
folgte auch das Zuckerrohr auf dem Fuße, so daß es um 
710 n. Chr. schon in Marokko erwähnt wird; annähernd um 
dieselbe Zeit brachten es die Araber auch nach Sizilien und 
Spanien, welche Länder sie damals ihrer Herrschaft unterwarfen. 
Namentlich in Spanien nahm der Anbau des Zuckerrohres 
rasch außerordentlichen Aufschwung, und es sind aus jener 
Zeit verschiedene Schriften erhalten, die die besten Verfahren 
zur Anpflanzung des Rohres und zur Gewinnung des Zuckers 
auf das Genaueste beschreiben. 

Ebenfalls im 7. Jahrhunderte brachten die Araber das 
Zuckerrohr nach Palästina, Syrien, der Insel Cypern, und den 
Ländern am kaspischen Meere; den weißen raffinierten Zucker, 
durch dessen Erzeugung Persien Jahrhunderte lang alle Märkte 
des Ostens beherrschte, führten arabische Schiffe bis nach den 
indischen Inseln, ja bis nach China, woselbst er einen der 
wichtigsten Einfuhrgegenstände bildete. In China selbst findet 
man nämlich das Zuckerrohr allerdings schon um 200 v. Chr. 
erwähnt, die Kunst, festen Rohzucker darzustellen, wurde 
aber erst um 650 n. Chr. durch indische Vermittlung bekannt, 
und die der Raffination sogar erst gegen 1250 n. Chr., und 
zwar durch ägyptische Lehrmeister, die die mongolischen 
Herrscher nach China kommen ließen, als sie damals dieses Land 
eroberten. 

Im christlichen Europa lernte man größere Mengen Zucker 
zuerst durch den Handelsverkehr mit dem Osten kennen, zu- 
nächst wohl in Konstantinopel und in jenen Städten Italiens, 
die mit den Arabern in Nordafrika, Sizilien und Spanien in 
reger Verbindung standen. Nach Venedig z. B. kam der erste 



266 KURZER ABRISS DER GESCHICHTE DES ZUCKERS 

Zucker im Jahre 996 n. Chr. und wurde von dort aus weiter 
nach dem mittleren Europa verbreitet. Einen großen Auf- 
schwung nahm der Handel mit dem Osten seit Beginn des 
ersten Kreuzzuges, 1096 n. Chr.; die Geschichtsschreiber jener 
Zeit erzählen auch häufig, wie die Kreuzfahrer im heiligen 
Lande zuerst das Zuckerrohr vorfanden, sich an seinem süßen 
Safte labten, die Erzeugung des festen Zuckers bewunderten, 
und diese später selbst erlernten und betrieben. 

Letzterer Umstand, sowie die steigende Bekanntschaft der 
wohlhabenden Küstenländer des Mittelmeeres mit den Kostbar- 
keiten des Ostens bewirkten auch eine erhebliche Zunahme des 
Zuckerverbrauches in Europa. In Südfrankreich z. B. war der 
Zucker schon um 1150 n. Chr. eine wichtige Handelsware und 
wurde zum Versüßen der Speisen, sowie zur Bereitung von 
Arzneien vielfach angewendet; dasselbe war in Italien der Fall, 
und hauptsächlich von dort aus gelangte der Zucker auch nach 
Deutschland, wo er sich zuerst bei den Dichtern der damaligen 
Zeit (nach 1200) erwähnt findet. 

Auch in den folgenden Jahrhunderten, dem 14. und 15., 
blieben die wichtigsten Erzeugungsstätten des Zuckers Palästina, 
Syrien, und die Insel Cypern, vor allem aber Ägypten, dessen 
raffinierte Zucker (Kandis, Brode und Kristallzucker) von der 
besten Beschaffenheit waren und daher auch weite Seereisen 
vertrugen, ohne feucht zu werden oder zu verderben. Das 
Zuckerrohr pflegte man daselbst bei der Ernte in fingerlange 
Stücke zu schneiden und diese mittels eines von Ochsen ge- 
triebenen Mahlganges auszupressen; das ausgepreßte Rohr 
diente zum Heizen der Kochkessel, in denen der gewonnene 
Saft unter fleißigem Abschäumen geklärt und eingekocht wurde: 
war er dick genug, so goß man ihn in tönerne Zuckerhut- 
formen, und ließ ihn in diesen zu Rohzucker erstarren. Die 
Raffination zu feinem Hutzucker und Kandiszucker erfolgte durch 
wiederholtes, in der Regel dreimaliges Auflösen, Klären, und 
Umkochen, wobei aus hundert Teilen Rohzucker höchstens 



KURZER ABRISS DER GESCHICHTE DES ZUCKERS 267 

zwanzig Teile raffinierter erhalten wurden. Von Hut- und 
Kristallzucker gab es zahlreiche Arten von verschiedener Güte, 
die nach allen Teilen Europas ausgeführt wurden und unter 
den Handelswaren der Seestädte eine hervorragende Rolle 
spielten. In erster Reihe stand hierin Venedig, von wo aus 
seit etwa 1300 auch eine lebhafte Schiffahrtsverbindung mit 
den Niederlanden und mit England begonnen hatte; die Un- 
kosten dieses Handels waren natürlich außerordentlich hoch 
und betrugen oft das Vielfache vom ganzen Werte der Ware. 
In Frankreich nahm der Verbrauch an Zucker seit 1300 gleich- 
falls immer mehr zu, und ebenso gelangte (hauptsächlich von 
Venedig aus) auch viel Zucker nach Deutschland, wo er während 
des 14. und 15. Jahrhundertes in vornehmeren Haushaltungen 
schon ziemlich verbreitet war; ein Beweis hierfür ist z. B. 
ein um 1300 in Süddeutschland verfaßtes Kochbuch, das den 
Zucker zur Bereitung zahlreicher Gerichte zu benützen vor- 
schreibt. Viel Zucker wurde auch in den Apotheken ver- 
wendet, wie dies aus den Apothekenordnungen hervorgeht, von 
denen jene Kaiser Karls IV. (um 1350) eine der ältesten ist. 
In Sizilien und Spanien erhielt sich die Zuckererzeugung 
in stets fortdauernder Blüte. Von Sizilien aus ließ der portu- 
giesische Prinz Heinrich der Seefahrer im Jahre 1420 das 
Zuckerrohr nach den neuentdeckten kanarischen Inseln, sowie 
nach den Inseln Madeira und St. Thomas bringen; auf deren 
herrlichem Boden gedieh das Zuckerrohr in der üppigsten 
Weise, und bald erschien Zucker in noch nie gesehener Menge 
in den Häfen Südeuropas, wohin ihn die portugiesischen Schiffe 
in ganzen Ladungen brachten. Während sich aber diese neue 
Quellen erschlossen, wurden zugleich die alten Erzeugungs- 
stätten des Zuckers in der kurzen Zeit von kaum fünfzig Jahren 
so gut wie gänzlich vernichtet, indem gegen 1500 die Türken 
Syrien, Cypern und Ägypten eroberten und, durch sinnlose 
völlige Zerstörung alles Bestehenden, Handel und Wandel da- 
selbst gänzlich vernichteten, und diese Länder auf Jahrhunderte 



268 KURZER ABRISS DER GESCHICHTE DES ZUCKERS 

hin in Armut und Verderben stürzten. Eine Folge hiervon 
war es, daß auch der Verkehr der Seestädte, besonders Venedigs, 
auf das Schwerste geschädigt wurde, um so mehr, als gleich- 
zeitig die Entdeckung des Seeweges nach Ostindien (1498), 
sowie die Entdeckung Amerikas (1492) dem Handel überhaupt 
gänzlich neue Bahnen wiesen. 

Kolumbus hatte schon auf seiner zweiten Reise (1493) 
Zuckerrohr nach der westindischen Insel Domingo mitgenommen, 
aber erst um 1515 begann daselbst sein planmäßiger Anbau, 
sowie der Großbetrieb des neuen Erwerbszweiges, der bald 
weite Ausdehnung erfuhr, und leider zu einer der traurigsten 
Erscheinungen der menschlichen Geschichte, nämlich zu dem 
abscheulichen Negerhandel, die Veranlassung gab. Aus Domingo 
kam das Zuckerrohr nach Kuba, Mexiko, und Brasilien, und 
sein Anbau machte allenthalben so rasche Fortschritte, daß der 
Zucker kaum 100 Jahre nach der Entdeckung Amerikas schon 
einer der wichtigsten und kostbarsten Ausfuhrgegenstände der 
neuen Welt geworden war; der Handel mit Zucker beschäftigte 
die Flotten der europäischen Mutterstaaten und brachte den 
großen Seestädten, vor allem Lissabon und Antwerpen, große 
Reichtümer. Da das Zuckerrohr in den heißen Ländern Amerikas 
weit besser gedieh und daselbst viel mehr und viel besseren Zucker 
ergab, als früher in den Küstenländern des Mittelmeeres, so wurde 
der Zucker allmählich auch billiger, und seine Anwendung ver- 
breitete sich hierdurch immer mehr, besonders in Frankreich, Eng- 
land, den Niederlanden, und Deutschland. In den drei letzteren 
Staaten begann man auch Rohzucker auf dem Seewege zu beziehen 
und ihn selbst zu raffinieren; in Deutschland z. B. gab es schon 
1573 eine Zuckerraffinerie in Augsburg, 1597 eine in Dresden, und 
vermutlich bestanden solche auch in Hamburg, Nürnberg, und 
einigen anderen Städten. Die Werke der Schriftsteller jener Zeit 
enthalten ausführliche Nachrichten über Zuckerrohr und Zucker- 
erzeugung, sowie über den Zuckerverbrauch teils zu Genuß- 
zwecken, teils zur Darstellung unzähliger geschätzter Heilmittel. 



KURZER ABRISS DER GESCHICHTE DES ZUCKERS 269 

Im 17. und 18. Jahrhunderte nahm die Zuckerfabrikation 
Amerikas einen immer größeren Aufschwung, sowohl in Bra- 
sihen als auch auf den westindischen Inseln, die seit 1625 von 
den Franzosen und Engländern in Besitz genommen wurden. 
Während die den Spaniern gehörigen Länder, infolge der 
schlechten Verwaltung, mit der Zeit vollständig verarmten, 
erlangten die Niederlassungen Englands und Frankreichs rasch 
eine stets wachsende Bedeutung. Die wichtigste war Domingo 
oder Haiti, von den Franzosen auch „die Zuckerinsel" ge- 
nannt, deren jährliche Erzeugung gegen Ende des 18. Jahr- 
hunderts bis auf etwa 800000 metrische Zentner angewachsen 
war; durch einen schrecklichen Aufstand wurde jedoch 1791 
die ganze Insel vollständig verwüstet und ihr Wohlstand dauernd 
vernichtet. 

Über die ältere, in Westindien übliche Arbeitsweise der 
Zuckerfabriken berichten verschiedene Werke, von denen das 
1722 verfaßte des Predigermönches Labat das ausführlichste 
ist. Er beschreibt die Wasser- und Windmühlen zum Aus- 
pressen des Zuckerrohres, die kupfernen Klär- und Kochkessel 
zur Darstellung des Rohzuckers, und die Raffination des letzteren 
durch Decken mit feuchter Tonerde; die feinste Raffinade (den 
sogenannten Königszucker), in Gestalt schneeweißer marmor- 
schwerer Hüte von zwei bis drei Kilo Gewicht, gewann man 
durch wiederholtes Auflösen und Läutern gewöhnlicher guter 
Raffinade, erhielt jedoch aus 100 Teilen dieses Rohstoffes 
höchstens 45 Teile Königszucker. Eine mittelgroße Rohzucker- 
fabrik baute jährlich 40 bis 45 Stücke Feld, jedes von etwa 
30 m Länge und Breite, mit Zuckerrohr an, lieferte binnen 
30 Wochen 6000 bis 6500 Formen Rohzucker-Füllmasse (also 
täglich etwa nur 35!), und erzeugte im ganzen etwa 1200 
metrische Zentner Rohzucker. 

Der fast ausschließliche Absatzmarkt des amerikanischen 
Zuckers war Europa, woselbst jedoch Deutschland infolge seiner 
schrecklichen Verwüstung durch die beispiellosen Greuel des 



270 KURZER ABRISS DER GESCHICHTE DES ZUCKERS 

dreißigjährigen Krieges (1618 bis 1648) aufgehört hatte, ein 
Markt von Bedeutung zu sein: durch diesen Verfall Deutsch- 
lands wurde auch jener Venedigs bedingt, und da gleichzeitig 
auch der Niedergang Spaniens und Portugals erfolgte, so 
wandte sich der Welthandel nunmehr Holland, England, und 
Frankreich zu, die ihn durch kluge Gesetzgebung und weise 
Verwaltungsmaßregeln festzuhalten und zu fördern wußten. 
In dem reichen England betrug der Zuckerverbrauch schon 
gegen das Jahr 1700 jährlich über 100000 metrische Zentner, 
1750 erreichte er schon 800000, und 1800 1 V2 Millionen metrische 
Zentner. In Deutschland wurde Hamburg der Hauptsitz der 
Zuckerraffination, und die Hamburger Zucker vermochten die 
holländischen seit etwa 1700 in steigendem Maße auf vielen 
nördlichen Märkten zu verdrängen. In Preußen versuchte der 
große Kurfürst 1686 die Zuckerraffination einzuführen, jedoch 
ohne dauernden Erfolg, der vielmehr erst 1750 den auf Ver- 
anlassung Friedrichs des Großen begründeten Zucker- 
siedereien zu teil wurde. 

Der Zuckerverbrauch ganz Europas betrug um 1730 etwa 
750000, um 1750 etwa 1250000, und um 1800 2 bis 2V2 Mil- 
lionen metrische Zentner. Derartige Mengen wären unmöglich 
mit Hilfe der alten Verwendungsarten des Zuckers (zu Zwecken 
des feineren Tafelgenusses und der Arzneikunde) unterzubringen 
gewesen; seit 1650 etwa entstanden aber dem Zuckerverbrauche 
ganz neue mächtige Förderer, die ihm, durch völlige Um- 
wandlung der täglichen Gewohnheiten und Sitten fast aller 
Völker, binnen kurzem die weitesten Kreise erschlossen: der 
Kaffee, der Tee, und die Schokolade waren es, deren Genuß, 
indem er sich mit überraschender Schnelligkeit allerorten ver- 
breitete und einbürgerte, zugleich auch dem Zucker allgemeine 
massenweise Anwendung sicherte. Die Bereitung der Schoko- 
lade aus den Früchten des Kakaobaumes erlernten die Spanier, 
als sie 1519 Mexiko eroberten, und brachten sie 1520 nach 
Europa, wo sie sich zunächst in Spanien, Italien, und Frank- 



KURZER ABRISS DER GESCHICHTE DES ZUCKERS 271 

reich verbreitete. Der Tee, der in Ostasien wild wächst und 
in China seit den ältesten Zeiten bekannt war, wird in Europa 
zvt-ar schon 1559 zuerst genannt, ein eigentlicher Teehandel 
begann aber erst seit 1630 in Holland und später in England; 
noch 1660 kostete in London ein Kilo Tee etwa 120 Mark. 
Der Kaffeebaum, dessen Heimat Afrika ist, wird zuerst von 
arabischen Schriftstellern im 9. Jahrhunderte erwähnt, soll aber 
erst 1258 nach Arabien selbst gelangt sein; der schon lange 
Zeit vorher daselbst bekannte Genuß des Kaffees breitete sich 
im 14. Jahrhunderte sehr rasch aus, und gelangte über Ägypten 
nach Konstantinopel, Venedig, und dem übrigen Europa, in 
dessen Städten seit 1645 allerorten zahlreiche Kaffeehäuser er- 
öffnet wurden. Der Verbrauch an den genannten drei Genuß- 
mitteln nahm in der Folgezeit fortdauernd und sehr rasch zu, 
so daß gegen das Jahr 1800 Europa jährlich etwa 115000 
metrische Zentner an Kakao, 160000 an Tee, 700000 an Kaffee, 
und dazu 2 bis 2^/., Millionen metrische Zentner an Zucker 
einführte, im Gesamtwerte von weit über 500 Millionen Mark. 
Der größte Teil dieses Zuckers wurde in Europa selbst 
der Raffination unterworfen, über deren beste Ausführung zuerst 
der berühmte französische Gelehrte Duhamel du Monceau 
1764 ein ausführliches Werk herausgab. Man arbeitete damals 
in sogenannten „Runden", indem aus einer bestimmten Menge 
Rohzucker hintereinander alle Erzeugnisse (Raffinade, Melis, ver- 
schiedene Farine, und Sirup) dargestellt wurden, worauf man 
die ganze Fabrik reinigte, und erst dann wieder einen neuen 
Posten Rohzucker in Arbeit nahm. Eine solche Runde dauerte 
acht bis neun Monate und erforderte sehr viel Handarbeit und 
eine Unmenge Brennstoff, wodurch die Arbeit natürlich sehr 
verteuert wurde; eine Raffinerie, die jährlich 3000 metrische 
Zentner Raffinade ablieferte, galt schon für sehr bedeutend, 
um so mehr, als man selten mehr wie 40 Prozent Raffinade, 
selbst aus gutem Rohzucker, zu erzielen verstand. Bedeutende 
wirkliche Verbesserungen des seit alters her üblichen Raffi- 



272 KURZER ABRISS DER GESCHICHTE DES ZUCKERS 

nationsverfahrens kamen erst nach 1750 auf. Hierher sind zu 
zählen: das Eindicken der Zuckerlösung in flacher Schicht, die 
Einführung von Klärpfannen mit Doppelböden oder Schlangen, 
das Kochen mit Dampf (anstatt über freiem Feuer), das Bläuen 
des Zuckers mit Indigo, und der Gebrauch kupferner und 
messingner Saftpumpen (an Stelle der Arbeit mit dem Schöpf- 
löffel). Erst nach 1800 wurde die Dampfkraft in einer eng- 
lischen Raffinerie zuerst nutzbar gemacht, und 1813 erfand 
Howard das Kochen mit Dampf im luftleeren Räume; in 
Frankreich empfahl Dubrunfaut das Decken der Brote mit 
Deckkläre statt mit feuchtem Ton, und erdachte 1819 den so- 
genannten Saftheber oder Montejus; ebendaselbst entdeckten 

1812 zwei Apotheker bei der Bereitung einer Stiefelwichse zu- 
fällig die entfärbende Kraft der Knochenkohle, die dann schon 

1813 ihre erste Anwendung im Großen in einer Zuckerraffinerie 
zu Orleans fand. 

Die Erzeugung von Rohrzucker in Spanien, Sizilien, und 
anderen Gegenden Südeuropas hörte im 18. Jahrhunderte ganz 
auf, und ebenso verfiel der Anbau des Zuckerrohres in Nord- 
afrika und auf den westafrikanischen Inseln, da man im Wett- 
bewerbe mit dem viel billigeren amerikanischen Zucker nirgends 
Schritt zu halten vermochte. Der Rohzucker Ostindiens wurde 
dagegen in Europa erst nach 1800 von Wichtigkeit, als durch 
die napoleonischen Kriege und ihre Folgen alle gewohnten 
Handelsbeziehungen gestört, und zahlreiche Handelsverbindungen 
vollständig abgeschnitten waren. — Als gemäß der von Na- 
poleon I. verhängten sogenannten „Kontinentalsperre" englische 
Schiffe in den Häfen des europäischen Festlandes nicht ein- 
laufen durften, und daher bald die Preise aller überseeischen 
Waren eine unerhörte Höhe erlangten, begann man in Europa 
nach Ersatzmitteln für den amerikanischen Zucker zu suchen. 
Von diesen erlangte allein der Zucker aus Zuckerrüben Be- 
deutung ; daß die Rüben den nämlichen Zucker wie das Zucker- 
rohr enthalten, entdeckte schon 1747 Marggraf in Berlin, aber 



KURZER ABRISS DER GESCHICHTE DES ZUCKERS 273 

erst den mit unerhörter Ausdauer viele Jahre lang fortgesetzten 
mühevollen Versuchen Achards gelang es, Rübenzucker im 
großen darzustellen, und die erste wirkliche Rübenzuckerfabrik, 
Cunern in Schlesien, mit Unterstützung König Friedrich 
Wilhelm III. zu erbauen und im März 1802 in Betrieb zu 
setzen. Zu schildern, wie sich aus diesem bescheidenen An- 
fange, nach vielen Mißerfolgen und Täuschungen, die heute so 
gewaltig dastehende Fabrikation des Rübenzuckers entwickelte, 
und in Frankreich, sowie seit etwa 1830 auch in Deutschland 
immer mehr Boden gewann, liegt nicht mehr in der Absicht 
dieses kurzen Abrisses; auch würde ein Verständnis dieser Ent- 
wicklung ohne zahlreiche Abbildungen und Berechnungen nicht 
leicht zu vermitteln sein. 

Zum Schlüsse sei noch ein kurzer Blick auf die Geschichte 
der Zuckerpreise geworfen, soweit dies deren sehr schwierige 
Umrechnung auf die heutigen Geldverhältnisse gestattet. In 
zusammenhängenderweise liegen nur aus einem einzigen Lande, 
nämlich aus England, zuverlässige Angaben vor, die von etwa 
1250 bis zur Gegenwart reichen. Diesen gemäß betrug z. B. 
der Preis eines englischen Zentners (rund 50 Kilo) Raffinade, in 
Mark heutigen Geldwertes ausgedrückt: 

im Jahre 1260 Mk. 825.— 



1300 


V 


1000.- 


1350 


V 


670.- 


1400 


V 


925. 


1450 


V 


1200. 


1500 


n 


214. 


1550 


V 


367. 


1600 


11 


318. 


1650 


11 


322. 


1700 


11 


213. 


1750 


11 


83. 


1800 


11 


153.— 



Aus anderen Ländern sind nur vereinzelte Zahlen bekannt; 

V. Lippmann, Beiträge 18 



274 KURZER ABRISS DER GESCHICHTE DES ZUCKERS 

SO z. B. kostete in Paris ein Zentner (50 Kilo) feinster Raffinade 
in kleinen Broten 

im Jahre 1372 Frcs. 2845.— 

,; ,; 1426 „ 1441.— 

„ „ 1482 „ 1375.— 

„ „ 1542 „ 340.— 

,; „ 1598 „ 534.— 
In Deutschland bewegten sich die Preise innerhalb ähn- 
licher Grenzen und waren den Schwankungen durch Kriege, 
Handelsstörungen u. s. w. noch in weit höherem Grade aus- 
gesetzt als in solchen Ländern, die selbst unmittelbare Ver- 
bindungen mit den Erzeugungsorten des Zuckers besaßen. 
Ober die Preise des Zuckers an diesen letzteren selbst sind wir 
nur wenig unterrichtet, sicher ist es aber, daß sie um das Viel- 
fache niedriger waren als die in den Verbrauchsländern, um 
so mehr, als von Zucker, bis in die Neuzeit hinein, in vielen 
Staaten hohe Abgaben, Einfuhr- und Ausfuhrzölle erhoben 
wurden, und die Kosten der Verschiffung in früheren Zeiten 
ganz außerordentliche waren. Noch 1550 z. B. kostete die Ver- 
schickung einer 250 Kilo schweren Kiste gewöhnlichen Zuckers 
von Antwerpen nach London 8 Mk., und die Seefracht von 
Venedig nach Antwerpen betrug für einen Zentner (50 Kilo) 
beinahe 19 Mk.! Selbst 1621 waren daher unter solchen Um- 
ständen z. B. die Preise für ostindische Waren in England noch 
acht- bis zehnmal höher als an ihrem Ursprungsorte! In wie 
mächtiger Weise sich seither Handel und Wandel gehoben 
haben, und wie, durch Verbesserung und Verbilligung sämt- 
licher Hilfsmittel, gegenwärtig die Erzeugnisse aller Länder, 
gewöhnliche wie kostbare, jedem, der sie gebraucht, fast für 
den nämlichen Preis, zu dem ferne Gegenden sie hervorbringen, 
auch daheim zugänglich sind, — das bedarf keiner weiteren 
Erörterung und keines langen Überlegens; es zeigt sich in 
solchen unermeßlichen Fortschritten so recht der segenbringende 
Erfolg unablässig fortgesetzter menschlicher Arbeit. 




19 

A. S. MARGGRAF, 

EIN „ANGEWANDTER" CHEMIKER 

DES 18. JAHRHUNDERTS' 

> ist wohl kein Jahrhundert an chymischen Schrift- 
stellern reicher gewesen als gegenwärtiges, und es 
gehet der Chymie wie der Arzneykunst: „fingunt se 
Chymicos omnes". Der Staatsmann, der Finanzier, 
der Barbier und Feldscheer, der Bierbrauer und Branntwein- 
brenner, der Färber, der Gerber, die alte Frau, der Kohlen- 
träger und Holzhacker, ja auch der Projektmacher (o! welcher 
kläglicher Name), sind kühn genug, sich unter die Chymisten 
zu rechnen. 

Mit diesen beweglichen Worten leitet Dr. J. G. Lehmann 
die von ihm 1761 besorgte Herausgabe der „Schriften" jenes 
„Chymicus" ein, dessen Andenken einen kleinen Teil ihrer, 
leider so knapp bemessenen Zeit zu widmen, unsere Versamm- 
lung soeben im Begriffe steht. Der Verfasser genannter 
„Schriften", die nach Lehmanns Versicherung „wirklich reelle 
Sachen enthalten und daher allezeit ihren Wert bewahren 
werden, während sich so viele andere in kurzer Frist zu Maku- 
latur verwandeln", ist Andreas Siegmund Marggraf, dessen 
Namen der großen Menge der Gebildeten, ja selbst der Che- 
miker von Fach, bestenfalls als der des Entdeckers des Zuckers 

^ Vortrag auf der Hauptversammlung des „Vereines Deutscher Chemiker" 
1896 (s. „Zeitschrift für angewandte Chemie", 1896, S. 380). 

18* 



276 EIN ^.ANGEWANDTER'' CHEMIKER DES i8. JAHRHUNDERTS 

in der Rübe bekannt ist, der aber in der Tat einer der viel- 
seitigsten, an wissenschaftlich denkwürdigen und praktisch be- 
deutsamen Erfolgen reichsten Forscher gewesen ist, die das 
18. Jahrhundert auf deutschem Boden hervorbrachte. Auf Leben 
und Werke solcher Männer einen Rückblick zu werfen, ist eine 
Pflicht der Dankbarkeit und Pietät. 

Andreas Siegmund Marggraf^ wurde am 3. März 1709 
als Sohn des Hofapothekers Marggraf zu Berlin geboren, 
und erhielt seine Bildung am Collegium medico-chirurgicum, 
unter Leitung Prof. Neumanns, eines hervorragenden Schülers 
des berühmten Stahl; er vervollständigte seine Kenntnisse 
durch Studien in Straßburg, Halle und Freiberg, beschäftigte 
sich in Sachsen und im Harze eingehend mit Bergbau und 
Hüttenkunde, und kehrte 1735 nach Berlin zurück. Schon 1738 
wurde er daselbst Mitglied der königlichen Gesellschaft der 
Wissenschaften, die ihm 1754 ein Wohnhaus und Laboratorium 
einräumte und ihn 1760 zum Direktor ihrer physikalisch-mathe- 
matischen Klasse wählte. Nach außen wenig hervortretend, 
den erbitterten Streitigkeiten und persönlichen Eifersüchteleien 
der damaligen gelehrten Gesellschaft Berlins völlig fernebleibend, 
lebte der bescheidene und selbstlose Mann jahrzehntelang aus- 
schließlich der Wissenschaft und seinen Schülern, unter denen 
namentlich Achard zu nennen ist, dessen Tatkraft und Energie 
der wichtigsten Entdeckung seines Lehrers später zur ersten 
praktischen Durchführung verhalf; allmählich wurde Marggrafs 
Namen in ganz Europa bekannt, seine Abhandlungen erschienen 
in französischer und englischer Übersetzung, die Pariser Aka- 
demie ernannte ihn zum ;;Associe etranger", und auch der 
große König, Friedrich IL, nahm nachweislich lebhaften per- 
sönlichen Anteil an seinen Forschungen. Trotz zarter Gesund- 

^ C. Scheibler,,, Aktenstücke zur Geschichte der Rübenzuckerfabrikation 
in Deutschland" (Berlin 1875); A. W. Hofmann, „Chemische Erinnerungen 
aus der Berliner Vergangenheit" (Berlin 1882); „Allgemeine deutsche Bio- 
graphie", Bd. 20, S. 334 (München 1884). 



EIN „ANGEWANDTER'' CHEMIKER DES i8. JAHRHUNDERTS 277 

heit blieb Marggraf in stets gleicher Weise ununterbrochen 
und rastlos tätig, bis ihn 1774 ein Schlaganfall lähmte und 
eine lange Krankheit einleitete, der er am 7. August 1782 erlag. 

Die Abhandlungen Marggrafs wurden zumeist lateinisch 
oder französisch in den Berichten der Gesellschaft der Wissen- 
schaften und später in jenen der Akademie veröffentlicht; nur 
schwierig ließ er sich von seinen Freunden bereden, eine 
deutsche Gesamtausgabe zu veranstalten, die nach langem Be- 
denken und Zögern schließlich unter dem Titel „Chymische 
Schriften" erschien, der erste Band 1761 von Lehmann, der 
zweite 1767 von De Beausobre herausgegeben. Die Sprache 
dieser Schriften ist einfach und sachlich, aber noch ganz erfüllt 
von mittelalterlichen Bezeichnungen und Kunstausdrücken, und 
daher oft nicht leicht zu lesen und zu verstehen; aus der Schule 
Stahls, des Vaters des Phlogistons, hervorgegangen, blieb 
Marggraf auch sein Leben lang ein treuer Anhänger der 
phlogistischen Theorie, — die übrigens in vielen Beziehungen 
den heutigen Ansichten näher steht, als man zumeist glaubt, — 
und obwohl er deren Mängel keineswegs ganz verkannte, so 
schien sie ihm doch zur Erklärung aller wesentlichen Tatsachen 
ausreichend. Die Arbeiten Marggrafs erstrecken sich über 
die verschiedensten Gebiete der anorganischen, organischen 
und analytischen Chemie; die nachfolgende, aus den Quellen 
geschöpfte Darstellung möge eine kurze Übersicht der wich- 
tigsten gewähren. 

Der Phosphor, den 1669 Brand und 1676 bis 1678 
Kunkel auf der Suche nach dem Stein der Weisen entdeckt, 
bezw. aus eingedampftem Harne zu gewinnen gelehrt hatten, 
war zu Anfang des 18. Jahrhundertes noch ein äußerst seltener, 
vom Reize magischen Geheimnisses umgebener Körper, der 
mit Gold mehr als bloß aufgewogen wurde. Gestützt auf 
einige unklare Andeutungen und Vorversuche Neumanns 
(1725) und Henckels (1734), fand Marggraf eine einfache 
und ergiebige Darstellungsweise auf, die maßgebend blieb, bis 



278 EIN ,, ANGEWAND TER'' CHEMIKER DES 18. JAHRHUNDERTS 

Scheele 1769 den Phosphorsäuregehalt der Knochen ent- 
deckte; sie beruhte auf der Reduktion der durch Eindicken ge- 
faulten Harnes ausgeschiedenen Salze mittels Chlorblei, Sand, 
und Kohle oder Kienruß bei Glühhitze, und ergab schon 
binnen vier Stunden »den schönsten Phosphor", der nach ein- 
maliger Umdestillation „rein weiß, klar wie Eis" war, und sich 
durch Schmelzen unter warmem Wasser und Eingießen in 
Glasröhren mit Leichtigkeit in die noch heute typische Stangen- 
form bringen ließ. Durch Verbrennung des Phosphors erhielt 
Marggraf, unter Gewichtszunahme (wie er ausdrücklich an- 
gibt), den jetzt Phosphorsäureanhydrid genannten Körper, 
als eine weiße, federähnliche, sublimierbare, sehr hygroskopische 
Masse, die sich in Wasser unter Zischen löst, an der Luft 
stehend rasch Feuchtigkeit anzieht und zu einem sauren Öle 
zerfließt, in beiden Fällen aber in eine neue Säure, die Phosphor- 
säure, übergeht, die man außerdem auch durch Behandlung 
von Phosphor mit Salpetersäure darstellen kann. Die Phosphor- 
säure ist eine starke, feuerbeständige Säure und treibt daher 
beim Glühen selbst die so kräftige Schwefelsäure aus vielen 
ihrer Verbindungen aus; glüht man sie aber in wasserfreiem 
Zustande mit Kohle, so läßt sie ihren Phosphor wieder fahren. 
Sie greift zahlreiche Metalle an und gibt mit den Alkalien und 
Ammoniak weiße, schön kristallisierte Salze; es läßt sich nach- 
weisen, daß eben diese Salze den zur Darstellung des Phosphors 
allein dienlichen Harnrückstand bilden, aus dem man sie durch 
wiederholtes Kristallisieren, Abpressen zwischen Fließpapier und 
Umkristallisieren, in Gestalt rein weißer, geruchloser Kristalle 
abzuscheiden vermag. Beim Erhitzen dieser Salze entweicht 
zum Teil Ammoniak und es entsteht eine klare, durchsichtigem 
Glase gleichende Schmelze, die beim Zusatz von »Metallkalken" 
mannigfaltige, für die verschiedenen Metalle sehr charakteristische 
Färbungen annimmt; mag man aber die Hitze steigern, so 
hoch man will, so ist doch aus dieser Schmelze allein niemals 
Phosphor erhältlich, vielmehr entsteht dieser nur, wenn man 



EIN ,, ANGEWAND TER'' CHEMIKER DES i8. JAHRHUNDERTS 279 

Kohle oder Kienruß zu Hilfe nimmt. Obwohl die phosphor- 
sauren Salze sowohl in Lösung als auch bei Schmelzhitze zahl- 
reicher Umsetzungen fähig sind, so gibt es doch keinerlei An- 
zeichen, daß sie, wie das betreffs aller Salze die allgemeine An- 
sicht ist, im menschlichen Körper selbst gebildet werden; dafür, 
daß sie schon fertig mit der pflanzlichen Nahrung zur Auf- 
nahme gelangen, spricht nicht nur ihre, bei vorzugsweisem 
Genüsse von Pflanzennahrung leicht nachzuweisende Anhäufung 
im menschlichen Harne, sondern vor allem auch die Tatsache, 
daß die von Hoffmann, Pott und Boerhave erwähnte Mög- 
lichkeit, aus manchen Pflanzenaschen Phosphor zu gewinnen, 
auf der Anwesenheit phosphorsaurer Salze in diesen Gewächsen 
beruht, zu denen z. B. weißer und schwarzer Senf, Kresse, 
Weizen und Roggen gehören. - Von sonstigen Eigenschaften 
des Phosphors ist noch anzuführen, daß er sich mit fast allen 
Metallen zu neuen eigentümlichen Verbindungen (den Phos- 
phiden) vereinigt und daß er, mit Schwefel erhitzt, eine gelbe, 
destillierbare Verbindung (den Schwefelphosphor) liefert, die 
sich beim Erwärmen entzündet und unter Abscheidung von 
schwefliger Säure und Phosphorsäure zersetzt, mit Wasser aber 
unter Schwefelwasserstoffentwicklung zerfällt. 

Daß auch aus anderen Säuren Substanzen gewinnbar sind, 
die dem Phosphorsäureanhydride gleichen, ist Marggraf nicht 
entgangen; so erhielt er den heute Schwefelsäureanhydrid 
genannten Körper beim vorsichtigen Erwärmen des Nordhäuser 
Vitriolöles ;;als ein trockenes, im Rezipienten wie Wolle 
hängendes, entsetzlich rauchendes Konkretum, das sich, wenn 
man es mit Wasser abspülen will, entzündet", und beim Er- 
wärmen konzentrierter Salpetersäure sah er die „schrecklich 
rauchende, treibende und flüchtige, nur in der Kälte fest zu 
haltende" sogenannte Untersalpetersäure entweichen, deren 
flüssige Form (Ng O4) man ja als intermediäres Anhydrid der 
salpetrigen und der Salpetersäure betrachten kann. In eine 
Linie mit diesen Stoffen setzte Marggraf irrtümlicherweise das 



280 EIN ..ANGEWANDTER'' CHEMIKER DES i8. JAHRHUNDERTS 

Salzsäuregas, das er aus konzentrierter rauchender Salzsäure 
auszutreiben vermochte. 

Eine höchst mühevolle, jedoch auch ungewöhnlich ergebnis- 
reiche Reihe von Untersuchungen widmete Marggraf dem Nach- 
weise der Verschiedenheit des mineralischen und vege- 
tabilischen Alkalis, d. i. des Kalis und des Natrons, die 
trotz einiger schon bei älteren Autoren gegebener Andeutungen 
und trotz der Arbeiten von Stahl und Du Hamel (1736) immer 
noch angezweifelt wurde; die einen erklärten beiderlei Alkalien 
für identisch, die anderen räumten zwar einen Unterschied ein, 
betrachteten aber das Alkali des Kochsalzes als eine dem Kalk 
analoge Erde. Marggraf zeigte zunächst die bestimmte Ver- 
schiedenheit des Kalis und Natrons durch folgende grund- 
legende Versuche: 1. Reines kristallisiertes Chlorkalium (aus 
Weinstein und Salzsäure erhalten) ergibt, mit der genau er- 
forderlichen (d. h. äquivalenten) Menge starker Salpetersäure 
behandelt, den bekannten, in Spießen kristallisierenden Kali- 
salpeter, der die Feuerflamme in charakteristischer Weise 
blau violett färbt; reines kristallisiertes Kochsalz, ebenso be- 
handelt, liefert hingegen würfelförmig kristallisierten Natron- 
salpeter, der die Flamme gelb färbt, und mit Schwefel und 
Kohle ein mit gelbem Blitze verpuffendes Schießpulver bildet. 

2. Mittels Silbernitrat erhält man aus Chlorkalium, neben Chlor- 
silber, das identisch mit dem natürlich vorkommenden Horn- 
silber ist, Kalisalpeter, aus Chlornatrium aber Natronsalpeter. 

3. Chlorkalium, durch Schwefelsäure zersetzt, liefert ein in 
Wasser wenig lösliches, daher leicht kristallisierendes Salz (das 
Kaliumsulfat), Chlornatrium aber ein viel leichter lösliches, 
schwerer kristallisierendes, das in jeder Hinsicht mit dem be- 
kannten Glaubersalz übereinstimmt; löst man Gips in Sal- 
petersäure und fällt die Lösung mit dem so bereiteten Glauber- 
salze gerade aus, so wird der Gips zurückgebildet und beim 
Eindampfen des Filtrates kristallisiert Natronsalpeter, den man 
mittels rauchender Salzsäure zum Teil wieder in Chlornatrium 



EIN „ANGEWANDTER'' CHEMIKER DES i8. JAHRHUNDERTS 281 

verwandeln kann. 4. Durch Glühen von Kaliumnitrat mit 
Kohle entsteht das Alkali der Holzasche (Pottasche), durch 
Glühen von Natriumnitrat jedoch ein anderes, durchaus 
analoges, aber doch völlig verschiedenes Alkali, das 
keine alkalische Erde, sondern ein wahres und echtes 
Alkali ist, wenn schon ein schwächeres und nicht so laugen- 
haft schmeckendes wie das erstere. Es löst sich unter Auf- 
brausen in Säuren, gibt mit Salzsäure Kochsalz, mit Schwefel- 
säure Glaubersalz, mit Salpetersäure kubischen Salpeter, 
mit Phosphorsäure und Ameisensäure kristallisierte Salze, mit 
Essigsäure ein kristallisiertes, wenig zerfließliches, in Alkohol 
lösliches Azetat, und vereinigt sich mit Weinstein zu Seignette- 
salz, dessen Natur hierdurch aufgeklärt erscheint; es fällt die 
Lösungen der alkalischen Erden und vieler Metallsalze, bildet 
mit Schwefel eine Schwefelleber und mit Kieselsäure ein wahres 
Glas, reduziert Silber und Quecksilber aus ihren Chloriden, 
zersetzt den Salmiak, und wird durch Kalk in eine ätzende, 
verseifend wirkende Lauge übergeführt, die beim Eindampfen 
ein kaustisches Alkali hinterläßt, das anfangs trocken ist, 
bald aber Wasser und „Luft" (d. i. Kohlensäure) anzieht und 
dabei zerfließt. Von der Soda sagt Marggraf, „sie stecke 
voll von diesem alkalischen Teil des gemeinen Salzes", ihren 
anderen Bestandteil, die Kohlensäure, hat er jedoch auch hier 
nicht erkannt. 

Aus den angeführten Versuchen schließt jedoch Marggraf 
nicht nur, daß es bestimmt zwei Alkalien gebe, das Kali 
und das neu entdeckte Natron, sondern er zieht auch sogleich 
weitere wichtige Folgerungen. Da sich Weinstein mittels Kreide 
und Salpetersäure in Kaliumnitrat, mittels Schwefelsäure in Kalium- 
sulfat, mittels Salzsäure in Chlorkalium überführen läßt u. s. f., des- 
gleichen auch die Natronsalze analoger Umwandlungen fähig 
sind, die zum Teil bei gelinder Wärme, zum Teil sogar in der 
Kälte verlaufen, so ist die von der ganzen wissenschaftlichen 
Welt als unumstößlich betrachtete Ansicht, die Alkalien bildeten 



282 EIN .^ANGEWANDTER'' CHEMIKER DES i8. JAHRHUNDERTS 

sich erst bei Glühhitze, offenbar vollkommen falsch: die 
Alkalien sind nicht Produkte, sondern Edukte, d. h. sie 
sind schon von vornherein in den Ausgangskörpern 
vorhanden, und zwar gilt dies nicht nur für die mineralischen, 
sondern auch für die vegetabilischen. In der Tat gelingt 
es, durch Digerieren von Sauerkleesalz oder Buchenspänen mit 
Salpetersäure Kaliumnitrat darzustellen, aus dem Safte von 
Borretsch, Tabak und Fenchel kristallisierten Salpeter auszu- 
ziehen, und aus dem abgepreßten und eingedickten Safte vieler 
Pflanzen die Chloride, Sulfate und Nitrate der Alkalien abzu- 
scheiden, wobei sich ferner ergibt, daß die ,; vegetabilischen 
Salze" keineswegs nur Kali, sondern auch Natron enthalten, 
wie umgekehrt die mineralischen Salze auch reichlich Kali 
führen können. Im tierischen Reiche sind, neben Ammoniak, 
ebenfalls beide Alkalien vorhanden, und z. B. im Harne von 
Menschen und Ochsen leicht nachweisbar; offenbar werden sie 
dem animalischen Körper durch die Nahrung zugeführt, 
aber auch die Pflanze bildet jene Salze nicht (wie man all- 
gemein annimmt), sondern »zieht sie aus der Erde, dem Wasser 
und der Luft, durch ihres Krautes Kanäle in sich auf". Es ist 
nun freilich leicht, zu fragen, wie dieses geschieht und wie 
das Alkali in diese und auch in andere Produkte gerate, z. B. 
in die Effloreszenzen feuchter Keller und alter Mauersteine, 
sowie in zahlreiche Mineralwässer, die gleich jenen von Eger, 
Bilin und Karlsbad große Mengen Natronsalze enthalten; hier- 
auf antwortet indessen Marggraf: ;;Es ist mir nicht eigen, 
viel von einer Sache zu sagen, die ich nicht durch richtige Er- 
fahrungen erweitern kann; doch weiß ich gewiß, daß es im 
großen Laboratorium der Natur ganz anders hergeht als in 
den unserigen". 

Eine neue Erde, die Magnesia, entdeckte Marggraf bei 
Untersuchung des sächsischen Serpentinsteines. Durch Schwefel- 
säure wird dieser zersetzt, wobei Kieselsäure zurückbleibt, und 
die Lösung enthält »weder Kalk- noch Tonerde, wie man bis- 



EIN ..ANGEWANDTER'' CHEMIKER DES i8. JAHRHUNDERTS 283 

her geglaubt hat, sondern eine echte und wahre terra 
alcalina sui generis". Ihr schwefelsaures Salz schießt beim 
Eindicken der Lauge in schönen Kristallen an und erweist sich 
als völlig übereinstimmend mit dem natürlichen Bittersalze; 
das Nitrat ist ein kristallisiertes zerfließliches Salz und färbt 
die Flamme grünlich, und ähnliche Salze entstehen auch mit 
Phosphorsäure, Essigsäure und Ameisensäure; die salzsaure 
Verbindung (d. i. Chlormagnesium) stellt eine weiße, nur 
schwierig kristallisierende, sehr zerfließliche, in Wasser sehr 
lösliche Masse dar, liefert aber mit Salmiak ein schön und gut 
kristallisierendes Salz (Mg CI2 + NH4CI), und zersetzt sich beim 
Glühen, ja schon beim Kochen der wässerigen Lösung, unter 
Abspaltung von Salzsäure. Hierbei bleibt die alkalische Erde 
als lockeres, weißes, zartes Pulver zurück; sie zersetzt beim Er- 
hitzen den Salmiak und wird von Säuren leicht gelöst; fügt 
man zu diesen Lösungen Alkalien, Ammoniak, Pottasche u. s. f., 
so wird die Erde wieder ausgefällt, durch einen Überschuß 
der Fällungsmittel, namentlich der ammoniakhaltigen, wird aber 
der Niederschlag aufs neue gelöst. - Magnesia ist auch im 
Speckstein enthalten, ferner im Asbest, im Talkstein und im 
Nephrit (dessen erst jüngst wieder entdecktes, in prähistorischer 
Hinsicht sehr wichtiges Vorkommen zu Zöplitz in Sachsen 
Marggraf kennt); weit verbreitet in der Natur ist aber auch 
das Chlormagnesium, denn nicht eine Kalkverbindung (wie 
Hoff mann und Pott glaubten), sondern dieses Salz ist der 
Hauptbestandteil der Kochsalzmutterlaugen. Durch Ammoniak 
wird aus derartigen Laugen die Magnesia abgeschieden und 
aus dem Filtrate kristallisiert Salmiak, den man vielleicht auf 
solche Weise im großen in Ländern darstellen könnte, die an 
faulenden und verwesenden animalischen Abfällen reich sind. 
Eine weitere neue Erde, die Pott, Stahl und Neumann 
fälschlich mit jener der Kreide identifiziert haben, ist die Ton- 
erde oder Alaunerde, die sich aus Alaunlösung mittels 
Alkalien in dichten weißen Flocken niederschlagen läßt; sie ist 



284 EIN ..ANGEWANDTER'' CHEMIKER DES i8. JAHRHUNDERTS 

bestimmt eine eigenartige Erde und mit den alkalischen 
Erden zwar verwandt, aber nicht wesensgleich. Sie treibt beim 
Glühen mit Kochsalz, Salmiak, oder Salpeter, deren Säuren aus, 
löst sich teilweise in schmelzendem Alkali, Borsäure und Natrium- 
phosphat, ergibt, mit Kieselsäure geschmolzen, eine Art Reaumur- 
sches Porzellan und bildet, mit Kieselsäure verbunden, den ge- 
wöhnlichen Ton: schließt man diesen mit Schwefelsäure auf, 
so geht die Tonerde in Lösung und die Kieselsäure bleibt 
zurück. Tonerde, namentlich frisch gefällte, ist in Säuren lös- 
lich; Salpetersäure ergibt zerfließliche, unbeständige Kristalle, 
Salzsäure eine weiße zerfließliche Masse, die beim Erhitzen die 
Salzsäure wieder ausstößt, Phosphorsäure weiße amorphe Flocken, 
Weinsäure sowie Oxalsäure (als Weinstein und Sauerkleesalz) 
einen zähen weißen Gummi, und Essigsäure, Ameisensäure, 
Zitronensäure, sowie Bernsteinsäure weiße lösliche Verbindungen, 
die (entgegen den aus Kreide erhältlichen) nicht kristallisieren. 
Behandelt man frisch gefällte, rein ausgewaschene Tonerde mit 
Schwefelsäure, so erhält man eine saure, kristallisierte, weiche, 
etwas zerfließliche Masse, der aber „zur völligen Perfektion 
eines ordentlichen Alaunes noch etwas fehlt"; daß dies 
»Fehlende" ein Alkali sei und daß man durch Zusatz von 
i; fixen alkalischen Laugen" oder von ;, Harnsalz" zur schwefel- 
sauren Tonerde wirklich Alaun erhalte, bemerkte Marggraf 
alsbald, vermochte aber trotzdem nicht die Doppelsalznatur 
des Alauns klar zu erkennen, da er das Eingehen des so lös- 
lichen Alkalis in den viel schwerer löslichen Alaun für durch- 
aus unwahrscheinlich hielt und sich mit allerlei sekundären 
Hypothesen zu behelfen suchte. - Tonerde wies Marggraf 
auch als einen Hauptbestandteil des Lapis Lazuli nach; er 
zeigte, daß alle Ansichten, die die herrliche blaue Farbe dieses 
Minerales auf die Anwesenheit von Gold, Kupfer oder Eisen 
zurückführten, irrig seien, da der Lasurstein nur Tonerde, 
Kieselsäure, ein Alkali und Schwefel enthalte, welcher 
letztere dem Kalzinieren widerstehe, beim Zusätze von Säuren 



EIN ,,ANGE WAND TER'' CHEMIKER DES i8, JAHRHUNDERTS 285 

jedoch als Schwefelwasserstoff, unter Zerstörung der blauen Farbe, 
entweiche. 

Viele Mühe verwendete Marggraf auf die Untersuchung 
der sogenannten Leuchtsteine. Durch Reduktion des in einem 
nicht-metallischen Mörser feingeriebenen Bologneser Schwer- 
spates mittels Traganth und Kohle erhielt er den Leuchtstein 
als gelbe, nach Schwefel riechende, durch Säuren unter Ent- 
wickelung von Schwefelwasserstoff zersetzliche Masse, die man, 
um sie dauernd wirksam zu erhalten, in Glasröhren einschmelzen 
und stets vor dem ersten Erkalten belichten muß. Doch ist 
der kostspielige Bologneser Spat nicht allein tauglich, um 
Leuchtsteine zu gewinnen, vielmehr können hierzu auch ein- 
heimische Mineralien dienen, z. B. Gips, Marienglas und Fluß- 
spat, und zwar strahlen diese, obwohl in sehr ungleichem Grade, 
sowohl nach dem Glühen ihr Licht aus, als auch nach der 
Insolation durch Sonne, Mond, oder selbst Kerzenflammen; 
nach kräftiger Insolation genügt übrigens schon Ofen wärme, 
um eine außerordentlich intensive Lichtstrahlung zu veranlassen. 
Was die Bestandteile der Leuchtsteine betrifft, so enthält der 
Schwerspat, wie sowohl die Reduktion mittels Kohle, als 
auch die Entstehung von Kaliumsulfat beim Schmelzen mit 
Pottasche oder Salpeter beweist, Schwefelsäure; außerdem ist 
eine alkalische Erde vorhanden, die sich in Salpetersäure löst 
und auf Zusatz von Schwefelsäure die ursprüngliche Verbindung 
in Gestalt eines weißen kristallinischen Pulvers regeneriert. Daß 
diese Erde (der Baryt) etwas eigenartiges an sich hat, erkannte 
Marggraf, über ihre Natur vermochte er aber ebenso wenig 
ins klare zu kommen, wie über jene der im Flußspat vor- 
handenen Säure. Mit Bestimmtheit wies er jedoch nach, daß 
Marienglas chemisch identisch mit Gips und gleich diesem 
nichts anderes als schwefelsaurer Kalk sei, dessen Schwefel- 
säure sich leicht isolieren läßt, wenn man eine wässerige Gips- 
lösung mit Weinstein behandelt, wobei Kaliumsulfat auskristalli- 
siert; umgekehrt erhält man Gips durch Einwirkung von Schwefel- 



286 EIN „ANGEWANDTERE' CHEMIKER DES i8. JAHRHUNDERTS 

säure auf Kreide oder Marmor und beim Versetzen irgend 
eines löslichen Kalksalzes mit Kalium- oder Natriumsulfat, 
Eisen-, Kupfer- und Zinkvitriol, oder Alaun, wodurch sich die 
Gegenwart des Kalkes stets leicht und mit Sicherheit feststellen 
läßt. Durch Behandlung von Calciumnitrat bez. Chlorcalcium 
mit den Alkalisulfaten entsteht, neben dem Gips, Kali- und 
Natronsalpeter bez. Chlorkalium und Chlornatrium; es ist kein 
Zweifel, daß Reaktionen solcher und ähnlicher Art, unter Mit- 
wirkung des Wassers als Lösungsmittel, auch im Erdinnern 
vor sich gehen, und für die Entstehung der mineralischen 
Wässer, sowie für die Bildung und Abscheidung zahl- 
reicher Mineralien von außerordentlicher Wichtigkeit sind, 
um so mehr, als hierbei noch die Dauer der Einwirkung in 
Betracht kommt, ;;als welche Länge der Zeit öfters mehr wie 
die Kunst auszurichten imstande ist". 

Die Untersuchung des in der Natur vorkommenden 
Wassers auf chemischem Wege erklärt Marggraf für höchst 
wünschenswert, da die (schon im Altertum bekannte?) soge- 
nannte Wasserwage über die Menge der gelösten Bestandteile 
nichts sicheres und über deren Natur gar nichts aussagt, wäh- 
rend doch die Kenntnis dieser Umstände für die Gesundheits- 
pflege, für die Prüfung des Trinkwassers, die Beurteilung des 
Brauereiwassers u. s. f. kaum entbehrlich ist. Man kann in 
dieser Hinsicht nur einen Weg als brauchbar betrachten, näm- 
lich die Eindampfung größerer, sorgfältig gezogener Wasser- 
proben und die Abwägung und Analyse des Rückstandes. Auf 
diese Weise prüfte Marggraf sieben Berliner Wässer sowie 
die Mineralquellen von Stecknitz und Radisfurth in Böhmen, 
und faßte die quantitativen und qualitativen Ergebnisse in 
systematische Tabellen zusammen; die vorgefundenen Stoffe 
sind Kalk und Gips, Salpeter, Kochsalz, Soda und Glaubersalz, 
Chlormagnesium und Magnesiumsulfat, Alaun und Tonerde, 
Eisen, organische Substanz, und „flüchtiger Geist" (d. i. Kohlen- 
säure). Besonders bemerkenswert ist noch die Analyse des 



EIN ..ANGEWANDTER'' CHEMIKER DES i8. JAHRHUNDERTS 287 

Berliner »Gesundbrunnens", weil Marggraf bei dieser Gelegen- 
heit zum Nachweise des Eisens, neben der (schon bei Plinius 
erwähnten) Galläpfeltinktur, zum ersten Male die von ihm neu 
entdeckte Reaktion mit Blutlaugensalz benutzte (siehe 
unten). — Auch das reinste Regen- und Schneewasser, das 
man im Freien in Glasschalen und unter Beobachtung aller 
erdenklichen Vorsichtsmaßregeln gesammelt hat, hinterläßt beim 
sorgsamen Eindampfen größerer Mengen (100 Quart) in Glas- 
gefäßen einen gelblichen Rückstand, der u. a. Kalk, Kochsalz, 
Salpeter und etwas organische Stoffe enthält; da das Regen- 
wasser selbst beim Stehen an der Sonne bald gärt und fault, 
das beim Eindampfen überdestillierte Wasser aber nicht, so 
ist offenbar die Gegenwart jener gelöst gewesenen 
Stoffe erforderlich, damit eine Gärung zustande kommen 
kann. Es läge nahe, zu vermuten, sie seien nur zufällig, etwa 
als feinster, in der Luft enthaltener Staub, in das ursprüngliche 
Wasser gelangt, schiede nicht auch das reinste Wasser, selbst 
nach zehn- bis zwölfmaligem Destillieren, immer wieder beim 
Eindampfen einen zarten erdigen Rückstand aus. Da man desto 
mehr von diesem erhält, je länger und je stärker gekocht wird, 
etwas aber sich auch schon bei langem Stehen in der Sonnen- 
hitze, ja selbst bei anhaltendem Schütteln absetzt, so möchte 
man zunächst glauben, seine Quelle sei das Glas der Gefäße; 
da aber die benutzten Gläser schon mehr als zehn Jahre lang 
Salzsäure und andere »den schlechten Gläsern so gefährliche 
Säuren" enthielten, „ohne eine Korrosion zu zeigen", und da 
sie, selbst mit dem Mikroskope besehen, „weder angefressen 
noch höckericht waren, sondern glatt und eben", so glaubte 
Marggraf jene Erklärung verwerfen und eine teilweise Ver- 
wandlung des Wassers in Erde zugestehen zu müssen. Das 
Irrtümliche dieser allgemein verbreiteten Ansicht haben bekannt- 
lich erst Scheele und Lavoisier erwiesen. 

Mannigfaltige Untersuchungen widmete Marggraf auch 
den Metallen, namentlich den Schwermetallen. Durch Vermitt- 



288 EIN ..ANGEWANDTER'' CHEMIKER DES 18. JAHRHUNDERTS 

lung des berühmten Mathematikers Euler kam er in den Be- 
sitz unzweifelhaften echten Platins, das 1753, trotz der strengen 
spanischen Ausfuhrverbote (die man angeblich wegen Ver- 
fälschungen von Silber und Gold mittels Platin hatte erlassen 
müssen), endlich in größerer Menge nach England durchge- 
schmuggelt worden war. Das spezifische Gewicht des rohen 
Metalles bestimmte Marggraf zu 18,5 (also viel zu niedrig); 
er fand es unschmelzbar und nur im stärksten Glühfeuer etwas 
schweißbar, dagegen dehnbar und leicht hämmerbar, unlöslich 
in allen gewöhnlichen Säuren, aber leicht angreifbar durch 
schmelzende Alkalien, Sulfide und Phosphide, sowie durch 
Phosphor, Arsen, Blei und andere zum Legieren geneigte Me- 
talle. In Königswasser löst sich das Platin und beim Erkalten 
der heißen Flüssigkeit scheidet sich eine braune, undeutlich 
kristallinische, zerfließliche Masse ab (d. i. Platinchlorid); die 
Lösung gibt charakteristische Fällungen mit Kalium- 
und Ammonium-, nicht aber mit Natriumsalzen, und 
scheidet beim Einbringen metallischen Zinkes ihren Platingehalt 
wieder ab. 

Auch das Gold gibt beim Lösen in Königswasser eine 
ähnliche Verbindung; auf Zusatz von Alkali entsteht ein Nieder- 
schlag, der in überschüssigen Alkalien unlöslich ist, sich da- 
gegen leicht in Ammoniak löst, sowie im Salze des mit 
Rinderblut calcinierten Alkalis (d. i. Cyankalium). »Bei 
diesem Calcinieren von Alkali mit Rinderblut muß ihm aus 
dem Blute etwas besonderes beitreten, dessen Wesen aber noch 
zu ermitteln bleibt." 

Um die Eigenschaften des Silbers zu erforschen, muß 
man es erst völlig reinigen, denn auch das gewöhnlich als 
rein betrachtete ist dies durchaus nicht. Man erreicht das am 
besten, indem man gutes Feinsilber in reiner Salpetersäure 
auflöst, durch Salzsäure genau ausfällt, den Niederschlag (d. i. 
Chlorsilber) mit destilliertem Wasser auswäscht, ihn mit 
Ammoniak digeriert, und die Lösung mit metallischem Queck- 



EIN ,, ANGEWAND TER"' CHEMIKER DES i8. JAHRHUNDERTS 28Q 

Silber reduziert; schon nach zwölf Stunden scheidet sich das 
Silber als »arbor Dianae" ab; besser ist es aber, ein wahres 
Silberamalgam darzustellen und das Quecksilber aus diesem 
abzutreiben. Das Chlorsilber ist identisch mit dem natür- 
lichen Hornsilber und scheidet sich aus ammoniakalischer 
Lösung in schönen Kristallen ab; auch das salpetersaure Silber 
kristallisiert sowohl aus Wasser als aus Alkohol, und gibt mit 
Alkalien einen Niederschlag, der sich nicht nur in mineralischen 
Säuren auflöst, sondern auch in organischen, z.B. in Zitronen- 
säure, Weinsäure, Kleesäure (Oxalsäure), und Essigsäure; das 
Silberacetat ist sogar in beständigen Kristallen zu gewinnen, 
wodurch die noch fast allgemein herrschende Ansicht, nur die 
stärksten mineralischen Säuren vermöchten Silbersalze zu 
bilden, widerlegt erscheint. Wie durch Salzsäure, so wird 
auch durch Chloralkalien das Silber aus seinen Lösungen in 
Gestalt von Chlorsilber niedergeschlagen; Cyanalkalien fällen 
Silbercyanid, und in Lösungen, die dieses enthalten, kann 
das Silber durch die Alkalichloride nicht nachgewiesen werden. 

Wie das Silber, so ist auch das Quecksilber keineswegs 
unfähig, sich mit vegetabilischen Säuren zu verbinden, z. B. 
mit Zitronensäure, Weinsäure, Kleesäure, und Essigsäure; starker 
kochender Essig löst z. B. den gelbroten „Quecksilberkalk" 
(d. i. Quecksilberoxyd) leicht in bedeutender Menge auf, und 
beim Erkalten kristallisiert ein schönes Salz aus. 

Daß durch Reduktion eines im Galmei enthaltenen »Kalkes" 
Zink Zugewinnen sei, scheint schon Pott bemerkt und jeden- 
falls auch Henckel gewußt zu haben (1721), aber dessen Er- 
fahrungen, sowie die von Lawson in Schottland (1737), Swab 
in Schweden (1742), und Champion und Emerson in Bristo 
(1743), wurden sorgfältig geheim gehalten. Es gebührt daher 
^^^^ggraf das Verdienst, durch Destillation von acht Teilen ge- 
pulverten calcinierten Galmeis mit einem Teile Kohlengrus aus 
irdenen Retorten bei Luftabschluß, ein im Großbetriebe 
brauchbares Verfahren zur Zinkdarstellung aufgezeigt, 

V. Lippmann, Beiträge 19 



290 EIN ,, ANGEWANDTER'' CHEMIKER DES 18. JAHRHUNDERTS 

und zugleich auch den Hauptpunkt, Ausschluß des Luftzutrittes, 
richtig erkannt zu haben. Das reine Zink beschreibt er als ein 
weißes, glänzendes, leicht schmelzbares Metall, das bei Luft- 
abschluß wie Quecksilber destillierbar ist, bei Luftzutritt aber 
mit glänzender Flamme zu Zinkasche (Zinkoxyd) verbrennt. 
Wie aus dem natürlichen Galmei, so kann man es auch aus 
dem Freiberger und Goslarer sogenannten „Ofengalmei" dar- 
stellen, der das Edukt einer -Blende ist, in der bisher noch 
niemand das Vorhandensein von Zink auch nur vermutet hat. 
Kocht man Galmei mit Alaunlösung, so scheidet sich Tonerde 
ab, und aus der eingedickten Lauge kristallisiert ein Körper, 
der nichts anderes ist als der Rammelsberger sogenannte ,; weiße 
Vitriol"; dieser „weiße Vitriol" besteht daher ganz oder größten- 
teils aus schwefelsaurem Zink. Auch im Messing ist Zink 
enthalten, und zwar bildet sich Messing überall da, wo Kupfer 
und Zink gleichzeitig vorhanden sind, also namentlich bei 
vielen hüttenmännischen Operationen, die das Zink teilweise 
in Freiheit setzen. 

Im Gegensatze zum Zink läßt sich das Zinn nicht ver- 
flüchtigen; bei längerem Schmelzen geht es in einen weißen 
unlöslichen Kalk (d. i. Zinndioxyd) über, der sich auch bei der 
Einwirkung konzentrierter Salpetersäure auf Zinn bildet. Alles 
gewöhnliche Zinn enthält Arsen, das die Ursache seiner 
Brüchigkeit ist, und durch die konzentrierte Salpetersäure in 
eine kristallisierte Arsensäure übergeführt wird. Im Wider- 
spruche mit Neumanns und Junckers Angaben ist das Zinn 
auch in vegetabilischen Säuren löslich, z. B. in Essigsäure, 
Zitronensäure und Weinsäure; die Verwendung arsenhaltigen 
Zinnes zu Küchengeräten ist daher keinesfalls unbedenklich, 
denn so klein die gelösten Mengen Arsen auch sind, so können 
sie doch bei lange fortgesetztem Genüsse außerordentlich 
schädlich wirken. 

Daß das Eisen in zahlreichen Mineralien, z. B. im gewöhn- 
lichen Kalksteine, ferner in den Knochen, und auch in vielen 



EIN ..ANGEWANDTER'' CHEMIKER DES i8. JAHRHUNDERTS 291 

Pflanzenaschen, ein zwar oft sehr geringer, aber fast nie völlig 
fehlender Bestandteil ist, vermochte Marggraf mittels der von ihm 
entdeckten und seither unentbehrlich gebliebenen Blutlaugen- 
salzreaktion nachzuweisen. Ferner beobachtete er, daß nicht 
nur metallisches Eisen aus Kupfervitriollösung Kupfer nieder- 
schlägt, sondern auch umgekehrt metallisches Kupfer aus heißer 
Eisenvitriollösung Eisen, sowie daß metallisches Kupfer zwar 
durch kalte verdünnte Schwefelsäure nicht angegriffen wird, 
wohl aber durch eine Lösung von schwefelsaurem Eisen oder 
von Alaun; Einsichten dieser Art erklärt er nicht nur für wichtig 
hinsichtlich der Praxis (z. B. der oft ganz unerklärten Vorgänge 
der Färberei), sondern auch hinsichtlich der Theorie, wie sie 
denn z. B. einen Einblick in Entstehung und Umsetzung ge- 
wisser natürlicher Salze ermöglichen. 

Auf dem Gebiete der organischen Chemie war Marg- 
graf in nicht minder erfolgreicher Weise tätig, als auf dem 
der mineralischen. Aus dem Zedernholze isolierte er, neben 
einem Harze und den Aschenbestandteilen, das Zedernöl als 
dichtes, gelbes, in der Kälte steif werdendes Liquidum, das in 
Alkohol ziemlich löslich ist, und zwar einen hohen Siedepunkt 
besitzt, trotzdem aber schon bei weit niedrigerer Tempe- 
ratur mit Wasserdampf flüchtig ist, und auf diese Weise, 
ebenso wie viele andere Öle, leicht und vollständig gereinigt 
werden kann. — Durch Behandlung von Bern stein öl mit 
konzentrierter Salpetersäure erhielt er ein gelbes, in Wasser 
unlösliches, in Alkohol lösliches, brennbares Harz von höchst 
intensivem, dauernd anhaltendem Gerüche nach Moschus, — 
ein sehr merkwürdiges Resultat, wenn man der in neuerer Zeit 
als „künstlichen Moschus" in den Handel gebrachten Nitro- 
derivate gedenkt; aus welchem Bestandteile des Bernsteinöles 
dieses Harz entsteht, hat übrigens Marggraf nicht aufgeklärt. 
— Er gab ferner ein Verfahren zur Raffination des Kamphers 
an, welche Kunst bis dahin (und wie es scheint auch wieder 

in neuerer Zeit) als strenges Geheimnis gehütet wurde: man 

19* 



292 EIN ..ANGEWANDTER'' CHEMIKER DES i8. JAHRHUNDERTS 

braucht nur ein Gemisch aus drei bis vier Teilen Rohkampher 
und einem Teil zerfallenem Kalk allmählich zu erhitzen, so subli- 
miert der reine Kampher „in den schönsten, weißesten, glän- 
zendsten Kristallen". 

Das Ameisenöl erkannte Marggraf als ein „echtes Öl", 
indem es in Wasser unlöslich, in Alkohol aber löslich ist, auf 
Papier Fettflecken gibt, in der Kälte dick wird und in der 
Hitze verbrennt, Schwefel und Phosphor auflöst, und eine Seife 
sowie ein Bleipflaster liefert. Neben dem Ameisenöl ist im 
Destillate der Ameisen eine Säure, die schon 1670 von Wray 
beobachtete, aber nicht näher untersuchte Ameisensäure, vor- 
handen, die mit der Essigsäure nahe verwandt, aber nicht 
identisch ist, und durch Ausfrieren der wässerigen Lösung 
und nachherige wiederholte Destillation rein gewonnen werden 
kann. Sie ist eine starke und scharfe Säure, löst die Alkalien 
und alkalischen Erden sowie deren Karbonate (diese unter Auf- 
brausen), gibt mit den Alkalien, Ammoniak, und verschiedenen 
Metallen schön kristallisierte Salze, greift mehrere Metalle, z. B. 
Eisen und Zink direkt, andere, z. B. Kupfer und Blei, nur in 
Form ihrer „Kalke" (Oxyde) an, und reduziert Quecksilber- 
oxyd zu metallischem Quecksilber. 

Der Farbstoff des Waids (Isatis tinctoria) ist nach Marg- 
graf zweifellos mit Indigo identisch, und nur der geringere 
Farbstoffgehalt des Waidsaftes, sowie dessen zahlreiche sonstige 
Verunreinigungen, bewirken es, daß die Anwendung des indischen 
Indigos zu Färbezwecken in jeder Hinsicht vorteilhafter ist. Auf 
dem faulenden Waid findet sich zuweilen massenhaft ein kleiner 
Wurm vor, der dessen Saft und mit ihm auch den blauen 
Farbstoff in sich aufnimmt; die mikroskopische Untersuchung 
zeigte, daß der Farbstoff in feinen Körnern abgelagert wird, 
und daß der Wurm in Wahrheit die Larve eines Insektes 
ist, und zwar anscheinend einer Fliegenart, in die er sich nach 
einigen Wochen verwandelt. Wenn man die Waidpflanzen von 
vornherein gründlich reinigt und mit Wasser abwäscht, 



EIN ..ANGEWANDTER'' CHEMIKER DES i8. JAHRHUNDERTS 293 

SO kommen nur wenige oder fast gar keine Larven zum 
Vorschein; die allgemeine Ansicht, daß sich diese aus dem 
faulenden Waid bildeten, ist also offenbar falsch, man muß 
vielmehr voraussetzen, daß sie aus sehr kleinen Eiern ent- 
stehen, die der Pflanze schon vorher anhafteten. 

Von der Überzeugung durchdrungen, daß, wie salzig 
schmeckende Pflanzen in ihren Säften Salze, so auch süß 
schmeckende etwas Zuckeriges enthalten müßten, untersuchte 
Marggraf einige derartige Gewächse, namentlich den weißen 
Mangold, die Zuckerwurzel, und die Runkelrübe, und fand, 
„daß sie nicht allein etwas Zuckerähnliches in sich führen, 
sondern einen wahren, vollkommenen, dem gebräuch- 
lichen und bekannten, aus dem Zuckerrohre bereiteten, 
vollkommen gleichen Zucker". Nicht nur schmecken die 
aus solchen Wurzeln geschnittenen und sorgfältig getrockneten 
Scheiben stark süß und lassen unter dem Mikroskope kleine 
glänzende Kristalle erkennen, sondern man kann auch durch 
Zerreiben und durch Auskochen mit Alkohol den kristalli- 
sierten Zucker in reiner Form gewinnen, woraus sich zu- 
gleich ergibt, daß dieser schon für sich ein gutes Kristallisations- 
vermögen besitzt, und keineswegs, wie stets behauptet wird, erst 
durch einen gewissen Kalkzusatz die nötige Festigkeit und 
Trockenheit erlangt. Um aus Zuckerwurzeln (Sium sisarum) 
in größerem Maßstabe Zucker zu gewinnen, zerstößt man sie, 
preßt sie aus, kocht den durch Leinen und Filz filtrierten Saft 
ein, schäumt unter Zusatz von Eiweiß oder Blut ab, konzentriert 
den filtrierten Saft durch Ausfrieren oder Eindampfen, und läßt 
den Sirup ein halbes Jahr stehen; man wärmt dann die kristalli- 
sierte Masse etwas an, läßt die Mutterlauge (die man weiter 
verarbeiten kann) abtropfen, preßt die Kristalle zwischen Fließ- 
papier ab, löst sie in Wasser, kocht die mit Eiweiß abge- 
schäumte, filtrierte Lösung mit etwas Kalkwasser zur Faden- 
probe ein, rührt sie kalt, füllt sie in Formen, und läßt diese in 
der Wärme stehen; nach einer Woche kann man den Sirup 



294 EIN .^ANGEWANDTER'' CHEMIKER DES i8. JAHRHUNDERTS 

abziehen, die Kristalle einige Male mit Kalkwasser bepinseln, 
und erhält, wenn man sie schließlich zwischen Fließpapier ab- 
preßt, einen gelblichen Rohrzucker, der ebenso gut 
völlig weiß raffiniert werden kann wie der echte 
indische. Viel leichter als aus der Zuckerwurzel ist der 
Zucker aus der Rübe darstellbar, da diese einen an Zucker 
reicheren, an Schleim aber viel ärmeren Saft enthält, jedoch 
nur in der Wurzel, denn die Blätter und das Kraut führen 
zahlreiche, dem Weinstein ähnliche pflanzliche Salze; doch 
wechselt auch der Zuckergehalt der Wurzel sehr mit der Witte- 
rung, der Wärme, und dem Zustande des Wachstumes, so daß 
er in der völlig gereiften Wurzel am größten ist, beim Auf- 
bewahren bis zum Mai oder Juni allmählich abnimmt, und 
namentlich beim Auskeimen ganz verschwindet. Das Zerreiben 
der Rüben ist gut und rasch ausführbar, auch könnte man 
hierzu, sowie zum Abpressen, leicht passende Maschinen er- 
finden; die Preßrückstände halten allerdings stets Zucker zurück, 
sind aber daher auch nicht wertlos, sondern können auf Alkohol 
verarbeitet werden. Etwa dreiviertel des Rübengewichtes kommen 
auf den Wassergehalt der Rübe; aus einem halben Pfunde oder 
acht Unzen vorher getrockneter Rüben läßt sich leicht eine 
halbe Unze (d. i. 6,2 Prozent) reiner Zucker ausziehen. Im 
Safte von Mohrrüben, Pastinaken, Kürbissen und Quecken- 
wurzeln, im Aloe- und Birkensafte, sowie im wässerigen Rosinen- 
auszuge ist zwar auch eine Art Zucker vorhanden, doch gleicht 
dieser mehr dem Sirup oder Honig als dem echten Zucker. 
„Aus bishero Erzähltem erhellt, was für häusliche Vorteile man 
aus diesen Erfahrungen ziehen kann, .... daß sich z. B. der 
arme Bauer dieses Pflanzenzuckers oder dessen Sirups sehr 
wohl bedienen könnte. . . . Übrigens wird nun wohl kein 
Zweifel mehr übrig sein, daß dies süße Salz, der 
Zucker, sowohl aus unseren Pflanzen, als aus dem 
Zuckerrohr zu machen sei." 

Überblicken wir die angeführten Arbeiten Marggrafs, 



EIN ..ANGEWANDTER'' CHEMIKER DES 18. JAHRHUNDERTS 295 

denen sich noch so manche minder bedeutsame anreihen, so 
darf die Zahl und Wichtigkeit seiner Entdeckungen, sowohl 
was neue Bestandteile, als auch was neue Reaktionen 
anbelangt, als eine wahrhaft erstaunliche bezeichnet werden. 
Wir haben festzuhalten, daß Marggraf es war, der zuerst auf 
»Sorgfalt und Reinheit der Arbeit" den größten Wert 
legte, — es sei nur an seine Benutzung des destillierten 
Wassers erinnert — , der die Berücksichtigung des kr istall o- 
graphischen Aussehens der Präparate und deren Prüfung 
durch das Mikroskop in die~chemische Forschung einführte, 
der niemals die quantitativen Verhältnisse aus dem Auge 
ließ, — bestimmte er doch, wieviel Chlorsilber eine gewisse 
Menge Silber liefert, wieviel Zinn die Säuren lösen, wieviel 
Salze die Wässer enthalten — , der den Übergang der Salze 
aus dem Erdboden in die Pflanzen und von da in den 
tierischen und menschlichen Körper lehrte, der den Ein- 
fluß der Zeit auf anorganischem Gebiete (Bildung der Mine- 
ralien) wie auf organischem (schleichende Vergiftungen) klar 
zu würdigen wußte, der die Notwendigkeit löslicher Salze 
für die Gärung erkannte, die Urzeugung von Tieren aus 
faulenden Pflanzenresten leugnete, und das ganze scholastische 
Rüstzeug der „qualitates occultae" als »asylum ignorantiae" 
mit Entschiedenheit verwarf. Bleiben wir endlich der groß- 
artigen technischen Bedeutung der Marggrafschen For- 
schungen eingedenk, über die der Herausgeber seiner Schriften, 
Lehmann, mit Recht in der Vorrede sagt: »Mit diesen Ab- 
handlungen wird selbst eine gewisse Art von Menschen, welche 
nur immer fragt, ,cui bono?', wohl befriedigt sein, wenn man 
dergleichen mechanischen Leuten nur ganz kurz zeigt, was 
jene vor einen Einfluß in das Ökonomie- und Finanzwesen 
und in andere praktische Wissenschaften haben!" 

Das Andenken solcher Forscher lebendig zu erhalten, 
ist das Geringste, womit die Nachwelt ihnen lohnen kann. 



20 

EINIGE WORTE ZUM ANDENKEN ACHARD'S 




ie aus den durch Scheibler in der Festschrift von 
1875 veröffentlichten Aktenstücken hervorgeht, waren 
1902 gerade 100 Jahre verflossen, seitdem Achard 
in seiner, mit Unterstützung König Friedrich Wil- 
helm III. zu Cunern in Schlesien erbauten Fabrik die erste 
Kampagne begann, und hiermit zugleich das Zeitalter der 
eigentlichen Rübenzuckerindustrie eröffnete, - denn kleinere, 
von ihm und Anderen schon vorher veranstaltete Versuche 
lassen sich nicht als wirklich fabrikmäßige bezeichnen. An- 
läßlich unserer 1902 abgehaltenen Generalversammlung plante 
ich, diesen hundertsten Jahrestag auf gebührende Weise in Er- 
innerung zu bringen, und hatte zu diesem Zwecke auch schon 
einen Vortrag angemeldet, zog ihn aber wieder zurück, da ich 
fürchten mußte, die zu jener Zeit ausgebrochenen Streitigkeiten 
würden die erforderliche Stimmung nicht aufkommen lassen. 
Eine neue würdige Gelegenheit zur Ausführung meines Vor- 
habens schien mir die Eröffnung des nunmehr vollendeten 
»Institutes für Zuckerindustrie" zu bieten. Raum und Zeit bei 
der Einweihungsfeier waren jedoch so knapp bemessen, daß 
ich auf Wunsch des Vereins-Direktoriums erst heute und an 
dieser Stelle, — allerdings in etwas erweiterter Form — , das 

^ Vortrag auf der Generalversammlung des „Vereines der Deutschen 
Zuckerindustrie" 1904 (s. „Zeitschrift des Vereines der Deutschen Zucker- 
industrie" 1904, S. 857). Die wichtigsten Quellenangaben wurden gelegent- 
lich der Korrektur beigefügt. 



EINIGE WORTE ZUM ANDENKEN ACHARD' S 297 

Wenige vorbringe, was ich dort über Achard zu sagen ge- 
dachte; das Wenige, denn nur um vereinzelte, auf Achards 
Wirken fallende Streiflichter handelt es sich, nicht etwa um die 
ausführliche, bisher leider noch fehlende Darlegung seiner 
ganzen Lebensbahn. 

Was letztere anbelangt, so darf ich wohl als mehr oder 
weniger bekannt voraussetzen, daß Achard, der Schüler 
Marggrafs und sein Nachfolger als Direktor der Akademie 
der Wissenschaften, schon unter der Regierung Friedrich 
des Großen eine höchst ausgebreitete Tätigkeit entfaltete, 
die verschiedensten Zweige der Chemie, Physik und Meteoro- 
logie, der Agrikultur, sowie der chemischen und landwirt- 
schaftlichen Technologie umfassend. Entgegen Marggraf, 
dem Manne der reinen Wissenschaft, blieb er hierbei stets 
solchen Zielen zugewandt, die ihm für die Praxis bedeutsam 
und wertvoll erschienen, und wenn in späterer Zeit seine 
Feinde und Neider ihm gar manchen Stein in den Weg werfen, 
und ihn als Phantasten und Projektenmacher zu verdächtigen 
suchen konnten, so lag das nicht zum wenigsten daran, daß 
sich so manche seiner mit Enthusiasmus angekündigten Er- 
findungen nicht, oder doch nicht gemäß Erwartung verwirk- 
lichen ließen, z. B. das Pulver ohne Salpeter, die durch Luft- 
druck abzuschießenden Kanonen, die Luftbälle und optischen 
Telegraphen, die Darstellung künstlicher Edelsteine auf nassem 
Wege und durch Schmelzfluß, die bessere Verbrennung der 
Kohlen mittels Sauerstoffzufuhr, die Verwertung der Elektrizität 
zu technischen und medizinischen Zwecken. In letzterer Hin- 
sicht sei als Beispiel angeführt, daß Achard der Erste war, 
der Mund und After mittels Stäbchen aus Silber und Zink 
durch einen galvanischen Strom zu verbinden, und hierdurch 
eine erhöhte Tätigkeit des Magens und Darmes hervorzurufen 
unternahm ;i „der genievolle, oft verkannte Physiker, begabt 

^ Trommsdorf, „Systematisches Handbuch der gesamten Chemie"» 
Erfurt 1803; Bd. V, S. 11. 



298 EINIGE WORTE ZUM ANDENKEN ACHARD' S 

mit einem besonderen Scharfsinn im Erfinden, und einem 
Priestley 'sehen Talent im Ersinnen von Experimenten", — so 
nennt ihn A. v. Humboldt^ — , glaubte auch eine Steigerung 
der geistigen Kräfte unter dem Einflüsse der Elektrizität wahr- 
genommen zu haben, und berichtete hierüber an Friedrich 
den Großen; dieser dankte in einem anerkennenden, aber 
etwas skeptischen Briefe, und schloß ihn eigenhändig mit einer 
seiner klassischen Nachschriften, die in Obersetzung ungefähr 
lautet: „Wenn Er durch Elektrizität den Schwachköpfen in 
meinen preußischen Staaten Verstand verschaffen kann, so ist 
Er mehr wert, als sein Gewicht in Gold/'- 

Man darf indessen aus diesem Ausspruche nicht etwa 
schließen, Friedrich der Große habe Achard nicht ernst 
genommen; vielmehr kannte und schätzte er seine guten Seiten 
in hohem Maße, ließ sich von ihm über praktisch und auch 
über theoretisch wichtige chemische Fragen Bericht erstatten,^ 
und belohnte seine Bestrebungen zur Verbesserung der, dem 
König sehr am Herzen liegenden inländischen Tabakskultur 
mit einer lebenslänglichen Pension von 500 Talern, obgleich 
die Hoffnung, den märkischen Tabak dem damals hoch- 
geschätzten ;,Kanaster" gleichwertig zu machen, nicht in Er- 
füllung ging> Über die Tätigkeit Achards zu jener Zeit 
berichtet Thiebault in seinen Memoiren:^ »Er war der arbeit- 
samste Mensch, den ich in meinem ganzen Leben kennen 
gelernt habe; ich habe es erlebt, daß er neunmal vierund- 
zwanzig Stunden hintereinander in seinem Laboratorium zu- 

^ Humboldt, „Versuche über die gereizte Muskel- und Nervenfaser", 
(Berlin 1797; Bd. I, S. 73 und 332 ff.). 

"^ «Oeuvres de Frederic le Grand", Bd. XXV, S. 301; siehe das 
unten angeführte Buch von Bittmann, S. 48 und 82. 

^ Siehe den Brief vom Januar 1780 an d'AIembert, in „Ausgewählte 
Briefe Fr. d. Gr.", ed. Kannegießer, Leipzig 1897; S. 273. 

^ Siehe Goltz, „Geschichte der Deutschen Landwirtschaft", Stutt- 
gart 1902, Bd. I, S. 460; ferner Stadelmann, „Preußens Könige in ihrer 
Tätigkeit für die Landeskultur", Leipzig 1887. 

^ ed. Conrad, Stuttgart 1901; Bd. II, S. 229. 



EINIGE WORTE ZUM ANDENKEN ACHARD' S 29Q 

brachte, um ein Experiment zu verfolgen; er legte der Akademie 
einmal einen Plan vor, wonach 40000 Experimente auszuführen 
waren, um alle bekannten Mineralstoffe nach Belieben in ihre 
Bestandteile zu zerlegen, oder aus ihnen neu zu bilden. Beim 
schlechtesten Wetter verbrachte er ganze Tage unter freiem 
Himmel, um Beobachtungen zur Vervollkommnung der Tabaks- 
pflanzenkultur zu machen; die Ausrechnung von 23000 Regel- 
detri-Aufgaben, die bei diesem Anlasse nötig war, nahm er 
gleich an Ort und Stelle vor". Die Kenntnisse, die Achard 
gelegentlich der Veredlung der Tabakspflanzen erwarb, mögen 
ihm nicht wenig zu statten gekommen sein, als er die Lösung 
der nämlichen Aufgabe hinsichtlich der Runkelrüben unternahm; 
bekanntlich empfahl er noch später,^ deren Blätter zu trocknen 
und sie als Tabakssurrogat zu benützen, was vorteilhafter und 
einträglicher sei als die Verfütterung. 

Daß wir in Achard den Vater und Begründer des Rüben- 
baues und der Rübenzuckerindustrie zu verehren haben, wird 
heute allerorten anerkannt, selbst in Frankreich, wo man sich 
in älterer, aber auch noch in neuerer Zeit bemüht hatte, Prio- 
ritätsansprüche geltend zu machen; daß hierbei Irrtümer ob- 
walteten, erhellt am besten aus der, meines Wissens in völlige 
Vergessenheit geratenen und in Deutschland bisher unbekannten 
Tatsache, daß am 21. Juli 1811 die „Societe d'agriculture de la 
Seine" Achard ihre goldene Medaille verlieh, »als dem Ersten 
in Europa, der Zucker im großen aus der Rübe gewonnen 
habe", während zugleich Deyeux die nämliche Auszeichnung 
dafür erhielt, „daß er der Erste gewesen sei, der auch in 
Frankreich Rübenzucker darstellte". - 

Das ,; Verdienst des ersten Erfinders" nahm auch Achard 
selbst für sich in Anspruch, und betonte es bereits in seiner 
ersten Eingabe an Friedrich Wilhelm III. vom 1 I.Januar 17QQ, 

^ „Die europäische Zuckerfabrikation aus Runkelrüben", Leipzig 1809; 
§ 147 ff. und 162ff. - Siehe Jouffroy-Migne, „Dictionnaire des 

inventions", Paris 1860, Bd. I, S. 475 ff. 



300 EINIGE WORTE ZUM ANDENKEN ACHARD' S 

in der er dem König anzeigt, daß er „nach fünfzehnjährigen 
Kultur- und Fabrikationsversuchen einen neuen Erwerbszweig 
ausgemittelt habe, geschaffen, um künftig vielen Menschen 
Unterhalt zu geben, sowie Population und Einkünfte der 
preußischen Staaten zu vermehren", und noch in seinem letzten 
Schreiben vom 12. Juli 1810, das die endgültige, für ihn (trotz 
allen Wohlwollens) den finanziellen Untergang bedeutende 
Auseinandersetzung mit dem Fiskus betrifft, wünscht er es 
ermöglicht zu sehen, daß die Fabrik in Cunern wenigstens «als 
praktische Lehranstalt erhalten bleibe, für fernere Ausbreitung 
des neuen vaterländischen Erwerbszweiges". ^ Auch in der Vor- 
rede seiner 1800 zu Berlin erschienenen »Anleitung zur Be- 
reitung des Rohzuckers ..." weist Achard darauf hin, wie er 
von Anfang an „keine Verschweigung und private Ausnützung 
seiner Erfindung" betrieben, sondern sie veröffentlicht habe, 
,;um dem allgemeinen Wohle zu dienen", und wie er zum Be- 
weise dessen bereit sei, mit seinem Rate jedem Interessenten 
beizustehen, „der sich in einem frankierten Briefe an ihn wende". 

Die von vielen Zeitgenossen anerkannte „seltene patrio- 
tische Ehrenhaftigkeit und Uneigennützigkeit des Achard" tritt 
namentlich in einem merkwürdigen Zwischenfall zutage, zu 
dessen Aufklärung neues Material beizubringen, den Hauptzweck 
meines heutigen Vortrages bildet. In Scheiblers Festschrift 
lesen wir auf Seite 20 folgenden Auszug aus dem Reichsanzeiger 
Napoleon I., dem „Journal de l'empire" vom 11. April 1811: 
„Eine wichtige Tatsache, die der berühmte preußische Chemiker 
Achard veröffentlichte, beweist, wie sehr die vom Kaiser 
Napoleon getroffenen Maßregeln zum Ersätze des Rohrzuckers 
die Engländer beunruhigen. Unter dem Schleier der Anony- 
mität wurde nämlich Achard 1800 erst eine Summe von 50000, 
dann 1802 eine solche von 200000 Talern geboten, falls er 
bereit sei, in einer neu herauszugebenden Schrift einzugestehen, 
daß ihn seine Hoffnungen getäuscht, daß die Versuche im 

^ Scheibler's „Festschrift", 1875, S. 34 und 76. 



EINIGE WORTE ZUM ANDENKEN ACH ARD' S 301 

Großen seine früheren Erfahrungen als nichtig erwiesen hätten, 
und daß er leider zur Überzeugung gelangt sei, der Rüben- 
zucker könne nicht an die Stelle des Rohrzuckers treten. Die 
Ehrenhaftigkeit und Uneigennützigkeit, die Achard auszeichnen, 
ließen ihn solche beleidigende Anerbieten in gebührender Art 
zurückweisen." 

Die Wahrheit dieser Erzählung, die den Charakter Achards 
in so glänzendem Lichte erscheinen läßt, haben schon vor langer 
Zeit englische und französische Autoren in Abrede zu stellen 
gesucht, um so mehr als manchen von ihnen nicht die oben- 
genannte unmittelbare Quelle von 1811 bekannt war, sondern 
nur eine mittelbare, die »Analyse de la question des sucres", 
die Napoleon III. 1842 verfaßte, während er als Thronpräten- 
dent in der Festung Ham gefangen war. ^ Neuerdings hat sich 
diesen Zweiflern auch unser ehemaliger Fachgenosse, der jetzige 
Regierungsrat Dr. C. Bittmann in Karlsruhe beigesellt, und 
zwar in seiner, trotz ihres höchst interessanten Inhaltes seitens 
unserer Industrie fast unbeachtet gebliebenen Schrift ;;Jac. Chr. 
Schmelzer und die Achardsche Departementszuckerfabrik im 
St. Agnetenkloster zu Trier 1811 bis 1814". ^ Für ihn „trägt 
jene Notiz die Faktur ihres kaiserlichen Verfassers an der Stirn", 
er neigt also wohl zur Annahme, Napoleon I. habe sie will- 
kürlich erfunden, um der Welt den wahren Wert der, von ihm 
zur Zeit der Kontinentalsperre durch Maßregeln aller Art ge- 
förderten Rübenzuckerfabrikation, an einem schlagenden Bei- 
spiele vor Augen zu führen; Bittmann hält es auch für einen 
Widerspruch, daß jene Maßregeln schon 1800 oder 1802 die 
Engländer beunruhigt haben sollten, und erachtet es für min- 
destens „sehr der Aufklärung bedürftig, ob diese Bestechungs- 
geschichte sich überhaupt zugetragen habe, und mit welchem 
Rechte bejahenden Falles das anonyme Angebot den Eng- 
ländern zugeschrieben werden muß". 

^ Die Schrift erschien zuerst 1842 in Paris; die Erzählung steht S. 3. 
"^ Sonderabdruck aus dem „Trierschen Archiv", Trier 1901 ; S. 44 ff. 



302 EINIGE WORTE ZUM ANDENKEN ACH ARD' S 

Nun könnte man zunächst annehmen, daß der Verfasser 
jener offiziellen Notiz von 1811 zwar taktisch geschickt verfuhr, 
sachlich aber im Unrechte war, insofern er die Maßregeln der 
Kontinentalsperre mit den erwähnten Besorgnissen der Eng- 
länder in Verbindung brachte; daß diese aber bestanden, und 
gerade von der in Frage stehenden Seite aus genährt wurden, 
ist zweifellos. In der erwähnten ,; Anleitung" zur Bereitung des 
Rohzuckers von 1800 sagt Achard ausdrücklich: w Dieser, durch 
mich ausgemittelte, bisher in Europa unbekannte Erwerbszweig . . . 
wird den Weltteil von dem tyrannischen und drückenden 
Monopol einer einzelnen Nation befreien, unter dessen lästiges 
Joch alle anderen europäischen Staaten sich zu ihrem großen 
Nachteil beugen mußten", und welche Nation gemeint ist, spricht 
er für den, dem diese Andeutung nicht genügt, später noch 
mit den Worten aus: ;;der Zuckerhandel kann, wo nicht aus- 
schließlich, doch größtenteils als ein englisches Monopol be- 
trachtet werden". 1 Angar und Derosne, die 1812 Achards 
Hauptwerk ins Französische übersetzten, bezeugen gleichfalls, 
daß ,;auf Achards 17Q9 in den Annales de Chimie veröffent- 
lichten Brief an van Mons hin, der ungeheueres Aufsehen er- 
regte, ... die Enthusiasten glaubten, eine Befreiung des Handels 
vom englischen Monopol stehe unmittelbar bevor". ^ Hiernach 
erscheint es also weder unerklärlich, daß englische Zucker- 
fabrikanten und Händler eine Schädigung ihrer Interessen be- 
fürchten konnten, noch ermangelt es der psychologischen Wahr- 
scheinlichkeit, daß sie den Versuch unternahmen, sich der 
unbequemen Konkurrenz auf dem kürzesten Wege zu entledigen, 
der für sie übrigens wohl nur den Charakter eines Handels- 
geschäftes trug, nicht den einer Bestechung. 

Daß dieser Versuch aber auch wirklich und auf die oben 
angedeutete Weise stattfand, dafür haben wir einen, nach allem, 

^ „Europäische Zuckerfabrikation aus Runkelrüben", Leipzig 1809, 
S. 377, § 628. ^ wTraite complet sur le sucre europeen de betterave", 

Paris 1812, Vorwort S. 4. 



EINIGE WORTE ZUM ANDENKEN ACHARD' S 303 

was wir von ihm wissen, absolut zuverlässigen und glaubhaften 
Zeugen, nämlich Achard selbst. Die Notiz des „Journal de 
l'empire" beginnt mit den Worten: „Eine wichtige Tatsache, 
die der berühmte preußische Chemiker Achard veröffent- 
lichte . . ." Beruhte die ganze Erzählung auf freier Erfindung, 
so wäre es jedenfalls ein ebenso verkehrtes, wie unnötiges Be- 
ginnen gewesen, die Veröffentlichung Achard zuzuschieben, 
von dessen gleichzeitig offiziell belobter Ehrenhaftigkeit eine, 
in diesem Falle leicht zu begründende Abweisung zu erwarten 
stand; erfolgte aber die Veröffentlichung in Wahrheit durch 
Achard, oder auch nur mit seinem Wissen, so durfte man die 
Hoffnung festhalten, ihre wahre Quelle noch aufzufinden, und 
ich darf annehmen, daß mir dieser Fund tatsächlich geglückt ist. 
Ein Jahr nach Abfassung seines umfangreichen Haupt- 
werkes: »Die europäische Zuckerfabrikation aus Runkelrüben", 
also 1810, gab Achard eine kleinere Schrift heraus. „Die 
Zucker- und Sirupfabrikation aus Runkelrüben", die sogleich 
zwei französische Übersetzer fand. Der eine von diesen war 
M. Copin, Stabsarzt des 57. Linienregimentes, und seine Bro- 
schüre, die unter dem Titel „Instruction sur la culture et la 
recolte des betteraves; sur la maniere d'en extraire economique- 
ment le sucre et le sirop" zu Paris erschien, fand so großen 
Beifall, daß sich schon 1812 eine zweite verbesserte Auflage 
nötig erwies. In der Vorrede, Seite 3, werden nun Auszüge 
aus einem Briefe wiedergegeben, den Achard, wie die Er- 
wähnung des 1810 erfolgten Abschlusses der fiskalischen Kon- 
trollearbeiten beweist, 1810 oder anfangs 1811 an Copin schrieb, 
und der Andeutungen seiner zahlreichen Mißgeschicke und 
traurigen Erlebnisse enthält. Copin berichtet diese Vorfälle, 
und fährt Seite 7 fort: „Eine wichtige Tatsache, die dieser hoch- 
achtbare Forscher enthüllt, beweist, daß die Engländer den 
Maßregeln, die der große Napoleon ergreifen ließ, um für 
den Rohrzucker Ersatz zu schaffen, keineswegs so gleichgültig 
gegenüberstehen, wie es den Anschein hat; unter dem Schleier 



304 EINIGE WORTE ZUM ANDENKEN ACH ARD' S 

der Anonymität wurde nämlich Achard 1800 erst eine Summe 
von 50000, und dann 1802 eine solche von 200000 Talern 
geboten, falls er bereit sei, in einer neu herauszugebenden 
Schrift einzugestehen, daß ihn sein Enthusiasmus irreführte, daß 
die Versuche im Großen seine früheren Erfahrungen als nichtig 
erwiesen, und daß er zur schmerzlichen Überzeugung gelangt 
sei, der Rübenzucker könne niemals den Rohrzucker ersetzen. 
Der Charakter und die Denkart des Autors hießen ihn diese 
so vorteilhaften Anerbietungen abweisen." 

Hier haben wir also einen von Achard selbst stammenden 
Bericht über den Hergang des sogenannten Bestechungsver- 
suches. Sollte aber jemand argwöhnen, daß Copin, weil er 
Achards Worte nur in indirekter Rede wiedergibt, bloß eine 
von ihm selbst erfundene Erzählung eingeschaltet habe, so läßt 
sich auch diese Vermutung leicht widerlegen. Erstens nämlich 
kannte Achard die Übersetzung Copins, und sandte ihm für 
deren zweite Auflage Zusätze und eine fünfte Tafel Zeich- 
nungen;^ es ist also undenkbar, daß er einen, ihm fälschlich 
untergeschobenen Brief unbeanstandet gelassen hätte. Zweitens 
aber steht Copin dem, von ihm selbst erstatteten Berichte 
keineswegs unkritisch gegenüber, fährt vielmehr fort: ,;Ich 
glaube Herrn Achards Worten ohne weiteres, wollte er aber 
der amtlichen Formalität genügende Beweise für diese Angaben 
beibringen, so wäre seine mit Recht hochgeschätzte Uneigen- 
nützigkeit des höchsten Lobes wert, ja es möchte ihm noch 
mehr als nur dieses gebühren." 

Man mag aus dem angeführten Nachsatze immerhin eine 
gewisse Befürchtung Copins herauslesen, auf den Unglauben 
seiner Landsleute zu stoßen, und wird diese einem Autor nicht 
verübeln dürfen, der doch selbst Ach ard nur seinem trefflichen 
Rufe, sowie flüchtiger Korrespondenz nach schätzen gelernt 
hatte. Kein Grund aber, an Achards Wort zu zweifeln, be- 
steht für uns, denen heute der größte Teil des dornenvollen 

^ Siehe deren Vorrede S. 22, sowie S. 32 der Schrift selbst. 



EINIGE WORTE ZUM ANDENKEN ACHARD' S 305 

Lebensweges Achards offenliegt. Aus seinen Briefen und 
Eingaben, aus privaten Berichten und amtlichen Aktenstücken, 
endlich aus den Erzählungen aller seiner Zeit- und Berufs- 
genossen, leuchten in ungemindertem Glänze bis in die letzten 
Tage seines Erdenwallens die vier Kardinaltugenden hervor: 
Fleiß, Wahrheitsliebe, Patriotismus, und Selbstlosigkeit; war doch 
noch 1811 der, durch die Auseinandersetzung mit dem Fiskus 
dem finanziellen Untergange verfallene Mann nicht zu bewegen, 
von Schmelzer, dem seitens der französischen Regierung in 
Trier zwecks Studiums der Rübenzuckerfabrikation nach Cunern 
gesandten Bevollmächtigten, auch nur einen Pfennig für Be- 
herbergung und Verpflegung in seinem Hause anzunehmen, so 
daß Schmelzer, wie aus den noch erhaltenen Rechnungen 
hervorgeht,^ ihm und seinen drei Kindern von Breslau aus 
zwei Strohhüte, ein Messer, und ein Buch im Gesamtwerte von 
19 Talern 17 Groschen sandte, um seine Erkenntlichkeit in 
irgend einer Form zu beweisen! 

,;Aus heißer Liebe für das preußische Vaterland 
bin ich bemüht, einen neuen Zweig europäischer Industrie zu 
schaffen", — so äußert sich Achard 1799 in seiner Schrift 
»/Ausführliche Beschreibung der Kultur der Runkelrübe". Möge 
das Vaterland, möge die Zuckerfabrikation, die Achard ihr 
Dasein schuldet, in gleicher Liebe des seltenen Mannes ge- 
denken! So lange die Industrie sein Vorbild vor Augen hat, 
sein Beispiel in Ehren hält, kann es ihr an einer Zukunft 
nicht fehlen. 

^ Siehe. Bittmann 's Schrift, S. 113. 



V. Lippmann, Beiträge 20 



E. MITSCHERLICH UND DAS FÜNFZIGJÄHRIGE 
JUBILÄUM DES POLARISATIONS-APPARATES 1 



W 



it Recht wird oft beklagt, daß die sogenannte «Jetzt- 
zeit" nur allzusehr der Betätigung echten historischen 
Sinnes ermangle, dagegen aber bemüht sei, das, woran 
sie es im Großen fehlen läßt, im Kleinen zu be- 
währen, durch eifriges, ja oft übereifriges Aufsuchen und fest- 
liches Begehen von Gedenk- und Erinnerungstagen. Nur mit 
einem gewissen Mißtrauen betrachtet man daher jedes neu 
auftauchende Jubiläum, und wenn auch ich mir zur Feierung 
eines solchen, und zwar eines fünfzigjährigen, heute das Wort 
erbat, so weiß ich wohl, daß dies zunächst als ein Wagnis 
erscheinen wird, das einer Rechtfertigung bedarf. Doch wird 
mir eine solche, wie ich meine, nicht schwer fallen, ja ich hoffe, 
Sie werden sie schon in dem Augenblicke für gelungen er- 
achten, in dem ich den Gegenstand nenne, über den ich zu 
sprechen beabsichtige. 

Welches von allen Hilfsmitteln, die die exakten Wissen- 
schaften der Zuckerindustrie zur Verfügung stellten, hat wohl 
das meiste zum rationellen Ausbaue dieses Gewerbszweiges bei- 
getragen? Welches von ihnen ist es, das es ermöglichte, die 
Wertbeschaffenheit des in Anwendung kommenden Rohmateriales,^ 

^ Vortrag auf der Generalversammlung des „Vereines der Deutschen 
Zuckerindustrie" 1897 (s. „Zeitschrift des Vereines der Deutschen Zucker- 
industrie" 1897, S. 665). I 



i 



DAS so JÄHR. JUBILÄ UM DES POLARISA TIONSAPPARA TES 307 

der fertigen Erzeugnisse, der Abfallstoffe und Nebenprodukte, 
in jedem Augenblicke leicht und sicher zu erkennen, vom Soll 
und Haben an Zucker jederzeit genaue Rechnung zu legen, 
die Ausbeuten zu ermitteln und festzustellen, die Verluste zu 
vermindern und zu vermeiden, — kurz die ganze Arbeitsweise 
mit Bewußtsein und steigender Klarheit zu erfüllen? Diese 
Frage wirft Scheibler in den Eingangsworten einer 1870 in 
der Zeitschrift unseres Vereines veröffentlichten Abhandlung 
auf, und beantwortet sie mit dem Satze: Jenes Hilfsmittel ist 
das optische Polarisationsverfahren. Daß Scheibler's 
Ausspruch der Wahrheit die Ehre gibt, davon überzeugt ein 
bloßer Versuch sich die Zuckerfabrikation, ohne daß sie im 
Besitze dieser Methode wäre, überhaupt noch vorzustellen: er 
ist aussichtslos, und der Zustand, den wir uns zu versinnlichen 
hätten, bleibt völlig undenkbar. In der Tat müssen wir die 
Polarisationsmethode als das wertvollste und unersetzlichste 
Geschenk ansehen, das unsere Industrie von Seiten der reinen 
Wissenschaft jemals entgegengenommen hat, und der Mann, 
aus dessen Händen sie es vor gerade fünfzig Jahren empfing, 
ist gewiß ihrer fortdauernden Dankbarkeit und unentwegten 
Verehrung vor allen würdig. 

Aber wer ist dieser Mann? Ich glaube mit der Annahme 
nicht fehlzugehen, daß die große Mehrzahl dieser Versammlung 
seinen Namen nicht zu nennen wüßte, und deshalb erscheint 
es mir als eine Pflicht der Pietät, das Andenken seiner Person 
und seiner Leistungen, namentlich soweit sie mit unserer In- 
dustrie in Verbindung stehen, an dieser Stelle zu erneuern. 

Eilhard Mitscherlich, — denn dies ist der große 
Chemiker, von dem wir zu sprechen haben — , wurde am 
7. Januar 1794 als Sohn des Pastors Mitscherlich zu Neu- 
ende, dicht am Jahdebusen, geboren, und erhielt seine erste 
Ausbildung anfangs in Neuende, später in Jever, und zwar 
unter Leitung seines Landsmannes, des berühmten Historikers 

Schlosser; er folgte diesem nach Frankfurt und Heidelberg, 

20* 



308 DAS so JÄHR. JUBILÄUM DES POLARISA TIONSAPPARA TES 

ließ sich bereden, als Lebensberuf ebenfalls die geschichtliche 
Forschung zu ergreifen, begann sich insbesondere mit den 
orientalischen Sprachen, vor allem mit der persischen, zu be- 
schäftigen, und unternahm die Herausgabe eines größeren 
persischen Geschichtswerkes. Im Laufe seiner Studien, die er 
in Paris und sodann in Göttingen fortsetzte, gelangte er jedoch 
noch rechtzeitig zur Überzeugung, daß Anlage wie Neigung 
ihn auf ganz andere als die bis dahin eingeschlagenen Bahnen 
wiesen; mit größtem Eifer widmete er sich nun der Medizin, 
und sodann der Chemie, die er alsbald als das eigentliche und 
bleibende Feld seiner Tätigkeit erkannte. Im Jahre 1818 über- 
siedelte er nach Berlin, woselbst der Botaniker Link ihm ge- 
stattete, in seinem Laboratorium chemisch zu arbeiten, und 
schon nach kürzester Frist bereicherte der erst vierundzwanzig- 
jährige Jüngling die Wissenschaft mit seiner ersten, und einer 
seiner wichtigsten Entdeckungen, dem Isomorphismus, dessen 
Hauptsatz er dahin ausspricht, daß, innerhalb weiterer Gruppen 
natürlich verwandter Elemente, Verbindungen, die zwar Atome 
verschiedener Natur, diese aber in gleicher Anzahl und in gleich- 
artiger Bindung enthalten, auch gleiche Krystallformen zeigen. 
Diese Arbeit, deren Bedeutung es keinen Eintrag tut, daß 
schon 1816 Fuchs einen ähnlichen Gedanken, jedoch in ganz 
unbestimmter Weise ausgesprochen hatte, erregte durch ihre 
sachliche und logische Vollendung die höchste Aufmerksamkeit 
des ersten Chemikers jener Zeit, Berzelius'; gelegentlich eines 
Aufenthaltes in Berlin (1819) suchte dieser die persönliche Be- 
kanntschaft Mitscherlich's, und sah sich alsbald bewogen, 
dem Unterrichtsminister Alten st ein den noch völlig unbe- 
kannten jungen Mann als Nachfolger Klaproth's für die Pro- 
fessur der Chemie vorzuschlagen, für die man vergeblich ihn 
selbst zu gewinnen gesucht hatte. Hierauf ging zwar der 
Minister zunächst nicht ein, er gewährte jenem aber Mittel, um 
sich zwei Jahre bei Berzelius in Stockholm weiter auszubilden, 
und zugleich den Bergbau und die Hüttenwerke Schwedens 



DAS so JÄHR. JUBILÄUM DES POLARISA TIONSAPPARATES 3 09 

kennen zu lernen; die betreffende Summe betrug, einschließlich 
Reisegeld, 666 Taler! Erst nach seiner Heimkehr, und auf wieder- 
holte dringende Empfehlung Berzelius', erfolgte 1822 die 
Wahl Mitscherlich's zum Mitgliede der Akademie der Wissen- 
schaften und zum Vorstande ihres Laboratoriums, an dem Pott, 
Marggraf und Klaproth als seine Vorgänger gewirkt hatten; 
ferner wurde er 1822 außerordentlicher und 1825 ordentlicher 
Professor an der Universität, erst mit 400 und sodann mit 
600 Talern Gehalt; über 1000 Taler Gehalt brachte er es über- 
haupt zeitlebens nicht, und die zum Unterhalte der Laborato- 
riumsarbeiten gewährten Mittel waren so geringe, daß er schon 
bis zum Jahre 1840 über 13000 Taler aus eigener Tasche zu- 
geschossen zu haben angibt! Selbst für eine, im Auftrage des 
Ministers 1825 unternommene Studienreise nach England und 
Frankreich konnte Mitscherlich, trotzdem er die entsprechende 
schriftliche Zusage besaß, hinterher keinerlei Entschädigung 
erhalten. Besonders schmerzlich empfand er es aber, daß die 
vorgesetzten Behörden, ohne wahres Verständnis für seine Fähig- 
keiten, und ohne Würdigung des unersetzlichen Wertes seiner 
Zeit, ihn in immer steigendem Maße mit w Handwerksarbeiten" 
überhäuften, nämlich mit Abhaltung von Prüfungen, Abfassung 
von Gutachten, Revisionen der Apothekerordnungen und Phar- 
makopoen und dergl, mehr, kurz mit Dingen, die die Arbeits- 
kraft des unendlich gewissenhaften und sorgfältigen Mannes 
oft zum größten Teile und ganz unnütz in Anspruch nahmen, 
und es ihm fortdauernd schwerer machten, neue eigene Forsch- 
ungen zu beginnen, sowie ältere zu vollenden und zu ver- 
öffentlichen. 

Die Arbeiten, mit denen sich Mitscherlich während seiner 
über vierzigjährigen Berliner Lehrtätigkeit (1822 bis 1863) be- 
schäftigte, erstrecken sich hauptsächlich auf viererlei Gebiete: 
auf die kristallographische und physikalische, die anorganische, 
die organische, sowie die mineralogische und geologische 
Chemie; auf jedem dieser Felder sind Leistungen hervorragendster 



310 DAS so JÄHR. JUBILÄ UM DES POLARISA TIONSAPPARA TES 

Art ZU verzeichnen, doch muß ich mich begnügen, hier nur 
einige der allerwichtigsten in Kürze zu besprechen. 

Die Bestimmung einer fast unabsehbaren Reihe von Kristall- 
gestalten führte Mitscherlich zu der schon erwähnten Ent- 
deckung der Isomorphie (1818), sowie der Dimorphie (1821), 
d. i. der Fähigkeit chemischer Individuen, je nach den Um- 
ständen verschiedene Kristallgestalt anzunehmen, — wofür der 
Kalkspat und Aragonit als wohlbekanntes Beispiel genannt 
seien; er beobachtete ferner die ungleichmäßige Ausdehnung 
der nichtregulären Kristalle beim Erwärmen (1823), den Einfluß 
des Erwärmens auf die Richtung der optischen Achsen und 
der Doppelbrechung (1824), die Kristallisation der Salze mit 
wechselnden, von der Höhe der Temperatur abhängigen Mengen 
Kristall wasser (1827), die Wärmeentwickelung bei Veränder- 
ungen der Kristallform (1852), u. s. w.; nicht zu übersehen 
sind auch die Messungen zahlreicher Gas- und Dampfdichten 
(1883), die Studien zur chemischen Affinität, namentlich hin- 
sichtlich der Tension des Kristall wassers (1841 ff.), sowie die 
Berechnungen über die relativen Gewichte der Körper auf ver- 
schiedenen Planeten (1828). Die Hoffnungen, die Mitscher- 
lich gerade bezüglich der physikalischen Chemie auf seinen 
Aufenthalt zu Paris gesetzt hatte, gingen leider nicht in Er- 
füllung; dem Briefwechsel mit Berzelius ist zu entnehmen, 
daß hieran teils gewisse Eifersüchteleien zwischen den dortigen 
Forschern Schuld trugen, teils Kleinlichkeiten und Umständlich- 
keiten, die dem persönlichen Verkehre mit einzelnen dieser 
Meister der Wissenschaft anhafteten. Eine in dieser Hinsicht 
charakteristische Anekdote teilt Mitscherlich über Ampere 
mit: Dieser große Physiker besaß zwei Katzen, die er sehr 
liebte, eine große und eine kleine, und da er sie stets um sich 
hatte und sie häufig aus- und eingingen, so störte ihn das 
häufige Öffnen der Türe sehr in seinen Arbeiten; er ließ des- 
halb in seiner Türe ein großes Loch für die große Katze 
machen, und daneben ein kleines für die kleine, ohne zu 



DAS 50 JÄHR. JUBILÄUM DES POLARISA TIONSAPPARA TES 311 

bedenken, daß auch die kleine Katze durch das große Loch 
schlüpfen konnte! 

Auf anorganischem Gebiete sind vor allem Mitscherlich's 
Untersuchungen über die pyrophorischen Eigenschaften der 
Metallpulver, namentlich der durch Wasserstoff reduzierten, zu 
nennen (1824), sodann die Entdeckung einer der Schwefelsäure 
analogen Selensäure (1827), sowie die der Mangansäure, Über- 
mangansaure und Überchlorsäure (1831). Auch seine Studien 
über künstliche Darstellung der Mineralien erschlossen ein neues 
Gebiet und bildeten gleichzeitig den Übergang zu den aus- 
gedehnten Forschungen geognostischen und geologischen In- 
haltes, die hauptsächlich die Verhältnisse der Vulkane und 
heißen Quellen, sowie die Metamorphie der Gesteine, in um- 
fassender und teilweise völlig origineller Weise behandelten. 

Die organische Chemie bereicherte Mitscherlich durch 
genaue Analyse einer Anzahl von Körpern, deren Zusammen- 
setzung zu jener Zeit noch nicht, oder wenigstens nicht sicher 
feststand, z. B. des Jodoforms, des Naphthalins, der Harnsäure, 
und der Hippursäure (1834); 1840 stellte er die für die Klasse 
der Nitrosäuren typische Nitrozimmtsäure dar, 1841 nahm er 
die schon 1834 begonnenen Arbeiten über die Ätherbildung 
und die Rolle der sogenannten Kontaktsubstanzen wieder auf, 
und wurde durch diese in den folgenden Jahren zur Erforschung 
der Hefe und der Gärung, und schließlich zum Studium der 
Konferven und anderer kleiner Lebewesen geführt, deren Ent- 
wickelung er mikroskopisch zu verfolgen und durch Tinktion 
mit verschiedenen Farbstoffen in ihren Einzelheiten aufzuklären 
lehrte. Von größter, ja für die Folgezeit fast unabsehbarer 
Wichtigkeit, ist aber die 1834 gemachte Entdeckung des 
Benzols geworden; Mitscherlich gewann diesen Kohlen- 
wasserstoff durch trockene Destillation des Kalksalzes der 
Benzoesäure (die er alsbald als „Benzinkohlensäure" definierte), 
erwies dessen Identität mit einem von Faraday beobachteten 
Bestandteile des Leuchtgases, und stellte zuerst das Nitrobenzol, 



312 DAS so JÄHR. JUBILÄ UM DES POLARISA TIONSAPPARA TES 

das Azobenzol, die Benzolsulfosäuren, und noch viele andere 
Benzolderivate dar, die heute die Ausgangsmaterialien zur Ge- 
winnung zahlloser Farbstoffe, und damit die Basis einer unserer 
ausgedehntesten und schönsten Großindustrien bilden. 

Schon 1823, zu Beginn seiner Vorlesungen, die durch 
Menge und Eleganz der Experimente, durch stete Berück- 
sichtigung der technischen Chemie, und durch Fülle der vor- 
geführten Zeichnungen und Modelle, eine Epoche im chemischen 
Unterrichte bedeuteten, hatte Mitscherlich auch ein kleines 
Laboratorium zur Ausbildung junger Chemiker eingerichtet, 
das also bedeutend älter ist als das allerdings in ganz anderem 
Sinne organisierte und geleitete Lieb ig' sehe, das man gewöhn- 
lich als ers'tes in Deutschland angeführt findet. Vergeblich 
suchte er jedoch der preußischen Regierung klar zu machen, 
daß es sich hier um eine produktive, staatlicher Beihilfe würdige 
Ausgabe handle, und selbst 1854 noch wurde seine ausführliche 
Eingabe, die Errichtung eines chemisch-physikalischen Labo- 
ratoriums zu Berlin betreffend, vom Minister rundweg abgewiesen, 
— wobei allerdings Intriguen des großen Analytikers Rose, der 
mit Mitscherlich verfeindet war, eine bedeutende Rolle spielten. 

Zur Ergänzung seiner mündlichen Unterweisung in Hör- 
saal und Laboratorium gab Mitscherlich ein «Lehrbuch 
der Chemie" heraus, dessen vier Auflagen 1840, 1843, 1845 
und 1847 vollendet wurden, und das ein Berzelius, ein 
Oersted, ein Humboldt, mit Worten größter Bewunderung 
preisen: ,Jch kenne, — so schreibt Alexander von Hum- 
boldt — , kein wissenschaftliches Buch in deutscher Sprache, 
das dem empfänglichen Leser in solchem Grade den Eindruck 
der Gediegenheit, Umfassungskraft, und Ausdruckskraft des Ver- 
fassers gibt," und der gestrenge Lieb ig schreibt an Wo hl er: 
„Dieses Lehrbuch ist die Krone von allen, die mir je vorgekommen 
sind." Außer in einer Reihe in Zeitschriften erschienener 
Abhandlungen hat Mitscherlich vor allem in diesem Lehr- 
buche die wichtigsten Ergebnisse seiner langjährigen, die 



DAS so JÄHR. JUBILÄUM DES POLARISA TIONSAPPARA TES 313 

Zuckerarten betreffenden Arbeiten niedergelegt; um deren 
Betrachtung zu einer einheitlichen zu gestalten, habe ich es 
vermieden, einzelne von ihnen, der rein chronologischen Ordnung 
folgend, schon vorher zu erwähnen. 

Von neuen Zuckerarten entdeckte Mitscherlich nur eine, 
die Mykose, die jetzt meist Trehalose genannt wird, und als 
in der Natur weitverbreitet nachgewiesen ist; er isolierte sie (1857) 
aus dem Mutterkorne (Claviceps purpurea), stellte sie rein dar, und 
beschrieb sie mit allen jenen Eigenschaften, die sich gegenwärtig 
in den einschlägigen chemischen Werken verzeichnet finden; 
namentlich erkannte er auch, daß sie mit dem Rohrzucker isomer 
sei, sich in vieler Hinsicht (gegen Alkalien u. s. f.) analog wie 
dieser verhalte, und bei der Hydrolyse nur Traubenzucker ergebe. 

In zahlreichen Arbeiten, die sich etwa von 1835 bis 1845 
hinziehen, beschäftigte sich Mitscherlich mit der Gärung 
der Zuckerarten, und zwar anknüpfend an die von Berzelius 
aufgestellten Theorien der Katalyse und der Kontaktwirkung. 
Übereinstimmend mit Berzelius nahm er zunächst an, daß 
die chemischen Verbindungen und Zersetzungen im pflanzlichen 
und tierischen Organismus durch Kontaktwirkung eingeleitet 
würden, und versuchte u. a. schon 1833 festzustellen, ob infolge 
solcher etwa die Drüsen befähigt wären, aus den Bestandteilen 
des Blutes neue Verbindungen zu erzeugen, oder ob sie nur 
die schon vorhandenen zur Ausscheidung brächten; es wurde 
hierbei ermittelt, daß z. B. der Milchzucker im Blute nicht 
fertig gebildet vorhanden ist, und niemals auch nur spuren- 
weise aus Blut isoliert werden kann, obwohl synthetische Ver- 
suche zeigten, daß die benützten analytischen Methoden, unter 
denen auch eine Schleimsäuremethode zu erwähnen ist, 
noch den Nachweis von 0,01 Prozent Milchzucker ermöglichten. 
Analog diesen Kontaktwirkungen und entsprechend der so- 
genannten katalytischen Umwandlung von Cellulose in Glykose, 
von Stärke in Dextrin, von Dextrin und Gummi in Trauben- 
zucker u. s. f., — bei der die wirkenden kleinen Mengen Säure 



314 DAS 50 JÄHR. JUBILÄUM DES POLARISA TIONSAPPARA TES 

oder Diastase keine quantitative Veränderung erfahren — , faßte 
Mitscherlich auch die Bildung von Alkohol und Kohlensäure 
bei der Gärung des Traubenzuckers auf. Er führt aus, daß 
man den Traubenzucker als eine Verbindung von Alkohol und 
Kohlensäure ansehen könne, jedoch keineswegs als eine ein- 
fache, da jedenfalls bei seiner Entstehung eine beträchtliche 
Menge Wärme ,; verschluckt" (gebunden) werde; bei der Gärung 
komme nämlich, obwohl schon die Entwickelung der Kohlen- 
säure im Gaszustande viel Wärme erfordere, doch noch eine 
bedeutende freie Wärmemenge zum Vorscheine, indem offen- 
bar die Elemente im Alkohol und in der Kohlensäure viel 
inniger als im Zucker, und durch weit größere Verwandtschafts- 
kräfte verbunden seien. Wie nun ein Zusatz von Kupferoxyd, 
mit chlorsaurem Kalium erhitzt, dieses rasch in Chlorkalium 
und Sauerstoff zerlegt, so wirkt auch die Hefe auf den Zucker: 
sie veranlaßt den Überschuß jener Verwandschaftskräfte in 
Tätigkeit zu treten, und bedingt so die Entstehung von Alkohol 
und Kohlensäure; der Unterschied beider Reaktionen liegt also 
nur darin, daß im letzteren Falle die Kontaktsubstanz ein 
Organismus ist. In dieser Auffassung der Gärungsvorgänge 
als vitaler Erscheinungen ist Mitscherlich der großen 
Mehrzahl seiner Zeitgenossen weit voraus. Er erklärt es für 
zweifellos, daß die Gärung stets durch organisierte Wesen ent- 
stehe, so daß man auch umgekehrt Gärungsvorgänge, die (wie 
z. B. jene des Darmkanales) in Gegenwart solcher Wesen ver- 
laufen, als durch diese verursacht ansehen dürfe; ebenso ist es 
sicher, daß die eigentliche Hefe, ihrer pflanzlichen Natur ge- 
mäß, nie anders als aus „Samen" entstehe, dessen Zutritt zur 
Zuckerlösung stets von außen erfolge, und daher durch passende 
Mittel, z. B. schon durch eine Lage porösen Filtrierpapieres, 
gehindert werden könne. Die Gärung schreitet proportional 
dem Hefenwachstume fort, dessen Beginn an die Anwesenheit 
von Sauerstoff (Luft) gebunden ist; sie ist nur bei unmittelbarer 
Berührung zwischen Zuckerlösung und Hefe möglich, und findet 



DAS 50 JÄHR. JUBILÄUM DES POLARISA TIONSAPPARA TES 315 

daher z. B. an einer Membran aus Filtrierpapier ein unüber- 
steigliches Hindernis. Im Verlaufe der Gärung erleidet die Hefe 
charakteristische Veränderungen, deren Fortgang sich durch 
mikroskopische Beobachtung, besonders der Sprossenbildung, 
leicht feststellen läßt; stets aber behält sie, namentlich bei längerer 
Fortpflanzung unter gleichen äußeren Bedingungen, den Typus 
einer konstanten Art, und kann insbesondere weder in Schimmel- 
pilze übergeführt, noch aus solchen entwickelt werden. Gewisse 
Gifte, z. B. Kupfervitriol oder Sublimat, hindern ihr Gedeihen 
außerordentlich, andere dagegen, z. B. Brechweinstein, nicht im 
geringsten; schädlich wirken auch große Mengen Zucker, sowie 
ein höherer Prozentsatz von Essigsäure, die übrigens nicht durch 
die Hefe selbst erzeugt wird, sondern stets durch die Tätigkeit 
anderer, gleichzeitig anwesender Pilze. Der Verschiedenheit 
der organisierten Lebewesen entsprechend, können nämlich auch 
deren Kontaktwirkungen mannigfaltige sein, und es erklären 
sich so z. B. die schädlichen Eigenschaften vieler Pilze, die 
Pflanzenkrankheiten verursachen, ferner die Zersetzungen, die 
die Wurzeln der Gewächse im Boden hervorrufen, und dergl. mehr. 
Wie Mitscherlich schon 1841 bis 1842 zeigte, also fast 
fünf Jahre früher wie Dubrunfaut, dem diese Entdeckung 
gewöhnlich zugeschrieben wird, vergärt die Hefe den Rohr- 
zucker nicht direkt, sondern führt ihn zunächst in »ver- 
änderten Zucker" (Invertzucker) über, und zwar vermöge eines 
in ihr enthaltenen, löslichen, durch Wasser ausziehbaren Bestand- 
teiles, den wir heute Invertin nennen; die Erscheinung, daß 
mit Wasser gründlich ausgewaschenes Hefengut den Rohrzucker 
nur sehr langsam in Gärung versetzt, war hiernach leicht ver- 
ständlich, da es eben längere Zeit dauert, bis die Hefe das 
erforderliche Invertin wieder neu gebildet und ausgeschieden 
hat. Den „veränderten Rohrzucker" erkannte Mitscherlich, 
entgegen den in jener Zeit zumeist noch herrschenden Anschau- 
ungen, als verschieden vom eigentlichen Traubenzucker; er 
erklärte ihn für wesensgleich mit dem unkristallisierbaren links- 



3 1 6 DAS 50 JÄHR. JUBILÄUM DES POLARISA TIONSAPPARA TES 

drehenden Zucker der Fruchtsäfte (z. B. Trauben), und mit jener 
Zuckerart, die bei der Einwirkung von Säuren auf den Rohr- 
zucker entstehe, und wurde so veranlaßt, auch diese, den so- 
genannten Invertzucker, näher zu untersuchen. 

Mitscherlich fand hierbei (1841 bis 1843), daß bereits sehr 
geringe Mengen starker Säuren, z.B. 0,001 Prozent Schwefel- 
säure, Oxalsäure oder Weinsäure, genügen, um allmählich schon 
bei gewöhnlicher, und rasch bei höherer Temperatur, auch kon- 
zentrierte Zuckerlösungen zu invertieren, während schwächere 
Säuren, wie die des Rübensaftes, oder wie die Essigsäure, über- 
haupt erst bei höherer Temperatur und besonders bei Siede- 
hitze einwirken. Aus dem entstehenden Sirupe läßt sich 
Traubenzucker in kristallisierter Form gewinnen, und dies gilt 
auch für den natürlich vorkommenden ,/ Fruchtzucker" (d. i. In- 
vertzucker). Erwärmt man reinsten Invertzucker sehr allmählich 
und vorsichtig im Wasserbade, bis er kein Wasser mehr ab- 
gibt, so erhält man eine feste trockene Masse der Zusammen- 
setzung QHiaOß, die an feuchter Luft, oder auf Zusatz von 
etwas Wasser, teilweise wieder Kristalle abscheidet, die sich als 
das Hydrat des Traubenzuckers, CgHigOtj+HgO oder C6H14O7, 
erweisen; hieraus glaubte Mitscherlich schließen zu müssen, 
daß die Kraft, vermöge derer der Traubenzucker Kristallform 
annimmt, auch erst seine Bildung aus dem sirupösen »Frucht- 
zucker" bewirke, und daß diese Umsetzung vermutlich auch 
noch auf andere Weise möglich sei. 

Viele Mühe verwandte Mitscherlich auf die Untersuchung 
des geschmolzenen Rohrzuckers, den Peligotund Mulder 
für identisch mit Invertzucker erklärt hatten, und dessen Natur 
noch heute keineswegs als endgültig aufgehellt bezeichnet 
werden kann. Erhitzt man Rohrzucker auf 160^, so tritt nach 
Mitscherlich stets schon Zersetzung und Färbung ein, und 
man erhält kein einheitliches Produkt. Wird hingegen voll- 
kommen trockener Zucker auf das vorsichtigste geschmolzen, 
so entsteht schon unterhalb 160^ reiner „armorpher Zucker", 



DAS 50 JÄHR. JUBILÄ UM DES POLARISA TIONSAPPARA TES 317 

der sich Monate lang unverändert glasig erhält, an feuchter 
Luft zerfließt, und nicht, oder nach Berzelius nur ausnahms- 
weise, wieder kristallisiert. Anders verhält sich jedoch die 
Schmelze, die schon bei 154^ gebildet wird, wenn man (wie 
bei der Bonbonfabrikation) Zucker mit etwas Wasser allmählich, 
am besten im Chlorzinkbade, erwärmt: sie erstarrt zu einer 
glasigen Masse, die etwas Wasser eingeschlossen enthält, und 
dieses löst nach und nach amorphen Zucker auf und scheidet 
ihn kristallisiert wieder ab, bis die ganze Masse aufs neue 
kristallinische Struktur angenommen hat. Der völlig reine 
„amorphe" Zucker löst sich in Wasser ohne jede Färbung und 
weit leichter als kristallisierter Rohrzucker, wird aber auch von 
siedendem starken Alkohol in reichlicher Menge aufgenommen, 
ohne sich indessen beim Erkalten der heiß gesättigten Flüssig- 
keit in anderem als wieder in sirupösen Zustande abzuscheiden; 
er ist optisch-inaktiv und läßt sich vollkommen vergären, 
ohne daß hierbei zu irgendwelcher Zeit eine Drehung be- 
merklich würde. Allen diesen Eigenschaften nach scheint diese 
Zuckerart die nämliche zu sein, die bei andauerndem Kochen 
wässeriger Rohrzuckerlösungen entsteht, und zuerst von S o u b e y - 
ran und Ventzke beschrieben worden ist. 

So gut wie unbekannt dürfte es sein, daß auch das zum 
Nachweise des Invert- und Traubenzuckers unentbehrliche, heute 
als Fehling'sche Lösung allbekannte Reagens, in seiner 
ursprünglichen Gestalt von Mitscherlich herrührt. In einem 
Briefe vom 6. August 1846 berichtet er darüber an Berzelius: 
wich habe meinen Gehilfen Trommer veranlaßt, eine weitläufige 
Untersuchung über die Auffindung des Zuckers anzustellen. 
Wenn man Traubenzucker in wässerigem Kali auflöst, schwefel- 
saures Kupferoxyd zusetzt, und die Auflösung erwärmt, so kann 
man durch die rötliche Färbung noch 0,00001 Prozent Zucker 
erkennen; mit kohlensaurem Kali gelingt dieses gleichfalls, und 
es läßt sich im Blute noch 0,00001 Prozent zugesetzter Zucker 
nachweisen." Berzelius erwiderte hierauf am 3. September 1841 



318 DAS so JÄHR. JUBILÄ UM DES POLARISA TIONSAPPARA TES 

mit folgenden, für die Genauigkeit und Vorsicht dieses großen 
Forschers charakteristischen Worten: «Der Versuch, mit so großer 
Leichtigkeit Zucker in Tieren und Pflanzen zu entdecken, hat 
mir viel Vergnügen bereitet; es dürfte gleichwohl, um diese 
Reaktion völlig zuverlässig zu machen, noch nachzusehen sein, 
ob nicht möglicherweise noch einige andere organische Stoffe 
dieselbe Art von Farbenveränderung hervorbringen können; denn 
erst dann, wenn man darüber Gewißheit hat, daß dieses nicht 
der Fall ist, kann man für sie volles Vertrauen hegen." 
Mitscher lieh befolgte diesen Ratschlag alsbald, und es ergab 
sich, daß außer Traubenzucker auch Fruchtzucker, Invertzucker, 
und Milchzucker die Kupferlösung langsam bei gewöhnlicher 
und sofort bei höherer Temperatur reduzierten, während mit 
Rohrzucker gar keine, mit Dextrin nur eine allmähliche und 
geringe Reaktion zu bemerken war; Traubenzucker konnte zu 
0,00001 Prozent noch durch den sichtbaren Niederschlag, zu 
0,000001 Prozent noch durch die im auffallenden Lichte rötliche 
Färbung mit Sicherheit erkannt werden. Mit dem neuen Hilfs- 
mittel ausgerüstet, begann Mitsc herlich sogleich einige bis 
dahin so gut wie unnahbare Fragen zu bearbeiten: er bestimmte 
den Zucker- und Dextringehalt der Roggen-, Gersten- und 
Weizenkörner, stellte die Zuckerbildung beim Keimen der Ge- 
treidearten fest, untersuchte die Geschwindigkeit der Stärke- 
verzuckerung beim Maisch prozesse, verfolgte die im Magen 
und Darm stattfindende Umwandlung der Stärke in Trauben- 
zucker und Dextrin, und ermittelte den Gehalt des Blutes ver- 
schiedener Venen und Arterien an diesen beiden Bestandteilen. 
Zu Beginn der vierziger Jahre beschäftigte sich Mitscher- 
lich eingehend mit den Gesetzen der Lichtbrechung, mit 
der quantitativen Abhängigkeit der Brechungskoeffizienten 
von der Zusammensetzung der organischen Körper und vom 
Vorhandensein gewisser Atome und Atomgruppen in diesen, 
und mit der Verwertung der genau bestimmten Brechungs- 
quotienten verschieden konzentrierter Lösungen der wichtigsten 



DA S 50 JÄHR. JUBILÄ UM DES POLARISA TIONSAPPARA TES 319 

Zuckerarten zur analytischen Bestimmung der letzteren. Es 
dürften Arbeiten dieser Art gewesen sein, die seine Aufmerk- 
samkeit aufs neue auch den übrigen optischen Eigenschaften 
der untersuchten Körper zuwandten, denn schon 1843 finden 
wir u. a. folgende, der Zeit weit vorauseilende Aussprüche: 
»auch die Polarisation hängt von der Gruppierung der Atome 
ab", und »das polarisierte Licht ist ein Mittel, um die Ver- 
änderungen, die in einer Atomgruppe stattfinden, wenn ver- 
schiedene Substanzen auf sie einwirken, zu beobachten." Die 
Polarisation des Lichtes wurde bekanntlich 1808 von Malus, 
und die chromatische Polarisation bald darauf fast gleichzeitig 
von Arago (1811) und Brewster (1813) entdeckt; 1812 hatte 
Biot die Rechts- und Linksdrehung des Quarzes, sowie einer 
Anzahl von Lösungen organischer Stoffe erkannt, und hierüber 
seit 1814 eine lange Reihe höchst eingehender und wichtiger 
Abhandlungen veröffentlicht, die namentlich auch den Rohr- 
zucker betrafen, weil es das Studium dieses Körpers war, das 
ihm zuerst zur Aufstellung und Entwickelung des Begriffes 
»spezifisches Drehungsvermögen" Veranlassung gab. Weder 
Biot und seine Schüler, die sich in Frankreich, noch auch 
Seebeck, Ventzke und Andere, die sich später in Deutsch- 
land mit den Polarisationserscheinungen beschäftigten, hatten 
sich der Erkenntnis verschließen können, daß eine zuverlässige 
optische Zuckerbestimmung namentlich der Zuckerindustrie 
hervorragenden Nutzen bringen müßte, und sichtlich ging mit 
der Ausbreitung der Rübenzuckerfabrikation auch das Bestreben 
parallel, die spärlichen, ungenauen, und zeitraubenden Methoden, 
die allein während der ersten Jahrzehnte zur Verfügung standen, 
durch bessere, raschere, und einer allgemeinen Anwendbarkeit 
fähige zu ersetzen. An Bemühungen, die optische Analyse in 
dieser Hinsicht nutzbar zu machen, fehlte es keineswegs, ja es 
ist sogar eine größere Anzahl dahin zielender Vorschläge zu 
verzeichnen, die aber sämtlich ohne endgültiges Ergebnis blieben, 
weil es nicht gelingen wollte, eine genügend einfache, haltbare, 



320 DAS so JÄHR. JUBILÄUM DES POLARISA TIONSAPPARA TES 

sicher zu handhabende Vorrichtung zu ersinnen. An dieser 
Stelle setzte nun mit größtem Erfolge Mitscherlich's Tätig- 
keit ein; sein entscheidendes und für alle Folgezeit ausschlag- 
gebendes Verdienst ist eben die Konstruktion des ersten 
wirklich brauchbaren, den Bedürfnissen der Praxis ent- 
sprechenden Polarisationsapparates. 

Auf die Einzelheiten dieser Konstruktion einzugehen, würde 
hier zu weit führen, und es sei deshalb nur erwähnt, daß die 
Prismen aus Kalkspat-Rhomboedern geschnitten und mit Canada- 
balsam verkittet waren, die Beleuchtung durch eine Öllampe 
mit doppeltem Luftzuge geschah, und die Lösung in ein 200 mm 
langes, gläsernes oder messingenes, durch planparallele Glas- 
platten geschlossenes Rohr gefüllt wurde, das man erforderlichen 
Falles durch einen Wassermantel auf konstanter Temperatur 
erhalten konnte. Zur Ablesung gelangte unmittelbar der Dreh- 
ungswinkel, und zwar wurde entweder auf den Punkt größter 
Verdunkelung des Gesichtsfeldes eingestellt, oder auf das Er- 
scheinen einer bestimmten Farbe, z. B. der roten, oder der 
scharf begrenzten und deutlich zu erkennenden violetten, wobei 
farbige Normalgläser zur Vergleichung dienten. 

Für die spezifische Drehung der Zuckerarten fand 
Mitscherlich mittels seines Apparates Werte, die, falls man 
die heute übliche Zahl aD=+64^ für Rohrzucker zugrunde 
legt, für Traubenzucker +50,28% für Invertzucker —21,33^, 
für Milchzucker + 50,28 o, für Dextrin + 130,95 ^ ergeben, also 
den besten gegenwärtig festgestellten Zahlen recht nahe kommen; 
die Stärke erwies sich als inaktiv, der arabische Gummi, je nach 
der gewählten Sorte, bald als rechts- bald als linksdrehend. 
Mitscherlich entdeckte auch zuerst (schon 1843), daß die 
Rotation der Zuckerarten durch Basen verändert wird, und 
daß die Linksdrehung des Invertzuckers, für die er bei 20^ 
die Zahl — 21,33^ gefunden hatte, mit steigender Tempe- 
ratur rasch abnimmt, bei 80^ Null wird, und oberhalb 80*^ 
in Rechtsdrehung übergeht. 



DAS so JÄHR. JUBILÄUM DES POLARISA TIONSAPPARA TES 32 1 

Den Zuckerfabrikanten gab Mitscherlich genaue Vor- 
schriften zur polarimetrischen Analyse von festen Zuckern 
und Zuckerlösungen an, »die für sie von hoher Wichtigkeit 
sein werden"; hierdurch nicht minder wie durch die Kon- 
struktion des Apparates erwarb er sich ein großes und dauerndes 
Verdienst um die Industrie, und niemand erkannte dieses offener 
und neidloser an als der edle Biot, den seine langjährigen 
eigenen Bestrebungen in dieser Richtung nicht zum erwünschten 
Ziele geführt hatten. In Briefen an Mitscherlich aus dem 
Jahre 1847 rühmt er die Einfachheit und Genauigkeit des neuen 
Instrumentes, verspricht, nach dem ihm übersandten Modelle 
sogleich auch in Paris zwei Apparate bauen zu lassen, und 
verpflichtet sich, diese zu revidieren und für ihre Einführung in 
einer der Pariser Raffinerien Sorge zu tragen; auch hielt er in 
der Akademie der Wissenschaften einen Vortrag über das neue 
Polarimeter, und empfahl es öffentlich in deren Sitzungsberichten, 
»zum Nutzen der Zuckerfabriken, die der Leitung durch weise 
Ratschläge gar sehr bedürfen, und in Unkenntnis der Wahrheit 
nur allzu oft dem ersten besten Schwindler zum Opfer fallen." 

Den Briefen Biot's ist zu entnehmen, daß bereits im 
Jahre 1847 eine größere Anzahl deutscher und russischer 
Fabriken praktischen Gebrauch von Mitscherlich's Polari- 
sationsapparate machte; das genaue Datum der ersten Kon- 
struktion und Benützung ist indessen bisher nicht festzustellen 
gewesen. Nach einer freundlichen Mitteilung Herrn Professor 
Alexander Mitscherlich's in Freiburg, des jüngsten Sohnes 
Eilhard Mitscherlich's und Herausgebers seiner „Ge- 
sammelten Schriften", enthalten auch Mitscherlich's hinter- 
lassene Papiere hierüber nichts näheres; sicher ist es aber, daß 
die erste Beschreibung des Apparates sich in der vierten 
Auflage des „Lehrbuches" vorfindet, und da diese im Jahre 1847 
vollendet wurde, so habe ich geglaubt, an die Jahreszahl 1847 
anknüpfen zu sollen, und sprach in diesem Sinne von einem 
fünfzigjährigen Jubiläum. 

V. Lippmann, Beiträge. 21 



322 DAS 50 JÄHR. JUBILÄUM DES POLARISA TIONSAPPARA TES 

Hundert Jahre nach Mitscherlich's Geburt, und 31 Jahre 
nach seinem am 28. August 1863 erfolgten Tode, wurde zu 
BerHn, im Kastanienwäldchen, das Mitscher lieh -Denkmal ent- 
hüllt, bestimmt, auch als äußeres Zeichen dem Danke und der 
Anerkennung der Nachwelt Ausdruck zu geben; in höherem 
Grade aber als vielleicht jeder andere Kreis der Epigonen ist 
der von uns vertretene berechtigt und verpflichtet, diese Ge- 
fühle in Treue zu hegen, und mit hoher Ehre das Andenken 
eines Mannes zu wahren, dessen Namen in der Geschichte der 
Wissenschaften wie in der unserer Industrie für alle Zeiten 
fortzuleben bestimmt ist. 



22 

WELCHES PATENTHONORAR HAT DER ERFINDER 
DES VAKUUM -APPARATES ERHALTEN?^ 



o o 




ber diese Frage, die vor kurzem in anscheinend scherz- 
hafter Weise gelegentHch einer Versammlung von 
Zuckerfabrikanten aufgeworfen wurde, ist näheres 
den „Denkwürdigkeiten Justus Erich Bollmann's" 
zu entnehmen, die Varnhagen von Ense mit bekannter 
Meisterschaft der Nachwelt überliefert hat.^ J. E. Bollmann, 
der 1769 zu Hoya in Hannover geboren wurde und 1821 zu 
Kingston auf Jamaika starb, waren, wie aus Varnhagens Bio- 
graphie hervorgeht, höchst wechselvolle und eigenartige Lebens- 
schicksale beschieden; er verwickelte sich in merkwürdige 
politische Abenteuer, unter denen besonders der von ihm 1795 
mit unerhörter Kühnheit vermittelte, jedoch schließlich miß- 
lungene Fluchtversuch des kriegsgefangenen Lafayette aus 
der Festung Olmütz zu erwähnen ist, machte weit ausgedehnte 
Reisen durch Europa und Nordamerika, und betrieb zahlreiche 
technische, bergmännische und Handelsunternehmungen, die 
ihm viele Erfolge aber auch mannigfache Enttäuschungen 
brachten. Im Jahre 1815 ließ er sich in London nieder, »um 
wichtige Entdeckungen aus dem Gebiete der praktischen Physik 
und Chemie zu verwerten", und errichtete mit Unterstützung 
enghscher Finanzkräfte, namentlich auch des Hauses Baring, 
eine große chemische Fabrik. „Man destilliert und reinigt 
dort Holzessig nach einer neuen patentierten Methode, erzeugt 
essigsaures Kupfer (Spangrün) und Bleiessig, aber auch Soda 
und andere Artikel, z. B. Bleichromat, die schöne neue gelbe 

' „Die Deutsche Zuckerindustrie" 1896; Bd. 21, S. 2124. 
2 „Ausgewählte Schriften", Leipzig 1875; Bd. 17, S. 235. 

21* 



324 PATENTHONORAR DES ERFINDERS DES VAKUUM-APPARATES 

Farbe, wozu ich die Materialien mit aus Amerika brachte; 
auch verkohlt man Holz nach einer neuen patentierten Art, in 
geschlossenen Retorten, mit der Flamme des von ihm selbst 
entwickelten Gases; mit dem Gase der Steinkohlen erleuchtet 
man die Stadt". In einem Briefe vom 1. November 1816 er- 
wähnt Bollmann, daß der Gewinn infolge der einfacheren, 
besseren und rascheren Arbeitsmethoden 100 bis 200 Prozent 
sei und fährt fort: »Im chemischen Manufakturenfach ist hier 
noch vieles zu tun. Einer meiner Freunde, Edward Howard, 
hat die Raffination des Zuckers so sehr vervollkommnet, daß 
er ein Fünftel mehr Ertrag erhält als nach der gewöhnlichen 
Art. Man bot ihm für seine patentierte Erfindung 40 000 Pfund 
Sterling, die er ausschlug; er veräußerte aber an Einzelne 
das Recht, sich ihrer zu bedienen, und hatte sich schon ein 
jährliches Einkommen von 60000 Pfund Sterling ver- 
schafft, als ihn der Tod abholte. Er starb vor einigen Wochen; 
sein Bruder, der Herzog von Norfolk, sowie seine Tochter, 
sind untröstlich über diesen Trauerfall". 

Da die Patentierung des Vakuums im Jahre 1812 erfolgte, 
so hat Howard selbst wohl nur während kurzer Frist die 
Früchte seiner Tätigkeit genossen, und der Hauptteil des Ge- 
winnes ist vermutlich erst seinen Erben zugefallen. Bringt man 
den weitaus höheren Wert des Geldes zu Anfang des 19. Jahr- 
hundertes in Anschlag, so ersieht man, daß hohe Patenthonorare 
keineswegs eine erst der « Jetztzeit" zu dankende Neuerung 
sind; daß sie indessen Howard für seine Erfindung, eine der 
wichtigsten, die der Zuckerindustrie jemals zuteil wurden, in 
so reichem Maße zuflössen, dürfte den heutigen Zuckerfabri- 
kanten ebenso unbekannt geblieben sein, wie die Tatsache, daß 
Howard einer der vornehmsten Familien des englischen Hoch- 
adels entstammte, dessen jüngere Glieder, — wie noch heute 
so auch damals — , es nicht unter ihrer Würde erachteten, sich 
erwerbender Tätigkeit zu widmen, und durch die Kraft eigener 
Arbeit Großes und Tüchtiges zu schaffen. 



25 

ZUR GESCHICHTE DES STRONTIANITS^ 




ie Entwickelung der Melassenentzuckerung mittels 
Strontians in der Zeit um 1880 stand bekanntlich im 
innigsten Zusammenhange mit jener des westfälischen 
Strontianitbergbaues, da, vor dem Aufkommen der 
Fabrikation von Strontianpräparaten aus Cölestin {Strontium- 
sulfat), nur die immerhin spärlichen Mengen des natürlich vor- 
kommenden Minerals (Strontiumkarbonat) zu technischen Zwecken 
verfügbar waren. Es wird allgemein behauptet, man habe jenes 
Auftreten. des Strontianites^ erst nach 1870 erkannt; daher dürfte 
eine Bemerkung von Interesse sein, die sich im Briefwechsel 
von Berzelius und Lieb ig vorfindet,^ und den Schluß eines 
von Lieb ig am 22. Juli 1834 abgesandten Schreibens bildet: 
,; Kürzlich hat man mir ein Mineral zur Untersuchung gegeben, 
was bei Münster in Westfalen gefunden wird, es war ganz 
reiner kohlensaurer Strontian; er kommt dort als Gang im 
Gryphitenkalk in Menge vor und ist ein recht schöner Stein. 
Wenn Sie davon haben wollen, dürfen Sie nur ein Wort sagen, 
wie ich es senden kann". 

Wer mit der Geschichte des Strontianverfahrens und der 
Verwertung der einschlägigen Patente vertraut ist, wird nicht 
im Zweifel sein, daß die rechtzeitige Kenntnis dieser Angabe 
dem Wissenden unberechenbare Vorteile, ja geradezu Schätze 
erschlossen hätte! 

^ ,;Die Deutsche Zuckerindustrie", 1897; Bd. 22, S. 681. 
^ Dieser Name stammt bekanntlich vom Dorfe Strontian in Schottland, 
einem der ersten Fundorte der Spezies. 

^ Ausgabe von Carriere (München 1893, S. 94). 



Achte Abteilung 
ZUR GESCHICHTE DES DIABETISCHEN ZUCKERS ^ 




ie mir kürzlich von medizinischer Seite vorgelegte 
Frage, wann und durch wen das Auftreten von Zucker 
im Harne der Diabetiker zuerst beobachtet worden 
sei, ist keineswegs eindeutig und in Kürze zu be- 
antworten, sie hängt vielmehr auf das Innigste mit der nach 
dem Wesen des Diabetes zusammen, und sie hat selbst eine 
recht verwickelte, für den Mediziner wie für den Chemiker 
gleich interessante Geschichte. 

Älteren Angaben entgegen scheint es zweifellos, daß sich 
auf europäischem Boden die erste, nur kurze, aber genügend 
klare Andeutung über diese Krankheit bei dem römischen Arzte 
Cornelius Celsus (25 vor bis 25 nach Chr.) findet, ^ die erste 
ganz ausführliche, Symptome, Ursachen und Behandlung um- 
fassende Beschreibung aber, in der auch zuerst der Name 
»Diabetes" auftritt, bei Aretäus aus Kappadocien (30 bis 
90 n. Chr.?);^ keiner dieser beiden Autoren erwähnt aber 
einen süßen Geschmack des Harnes, und ebensowenig tut 
dies Soranus von Ephesus (um 100 n. Chr.), sowie Galenos 
von Pergamon (131 bis 200 n. Chr.), der gepriesenste und viel- 
schreibendste Arzt des Altertumes, der bis tief in das 1 7. Jahr- 
hundert hinein das offizielle medizinische System fast wider- 

^ „Chemiker-Zeitung" 1905, S. 1197. 

2 Celsus, lib. IV, cap. 27 (ed. Daremberg, Leipzig 1859, S. 154). 
^ „Wesen der chron. Krankheiten", lib. II, cap. 2; „Therapie der chron. 
Krankheiten", lib. II, cap. 2 (übers. Mann, Halle 1852, S. 85 und 215). 



ZUR GESCHICHTE DES DIABETISCHEN ZUCKERS 327 

spruchslos beherrschte, und namentlich bei der so wichtigen 
und einflußreichen arabischen Schule die Autorität des Aristo- 
teles besaß, d. h. als eine Art unfehlbaren Halbgottes verehrt 
wurde. Seine Behauptung, Diabetes beruhe auf einer Erkrankung 
der Nieren, zufolge derer das Getränk den Körper einfach 
durchfließe (daher »Diabetes" von i^taßaivw) und als Harn un- 
verändert wieder verlasse, blieb daher über 1500 Jahre in so 
uneingeschränkter Geltung, daß z. B. selbst um 1750 der be- 
deutendste Praktiker Englands, Mead (1673 bis 1754),^ nicht 
einmal eine Diskussion seiner neuen Theorie, Diabetes sei eine 
Krankheit der Leber, zu veranlassen vermochte! Wie Galen os, 
so schweigt daher auch seine gesamte ost- und westeuropäische 
Schule über die Süßigkeit des diabetischen Harnes, was um so 
mehr Wunder nehmen muß, als der Harn viele Jahrhunderte 
lang das wichtigste, ja vielfach das ausschließliche diagnostische 
Material bildete und seine Prüfung, das sogenannte »Harn- 
beschauen", die wesentlichste Funktion zahlreicher Ärzte aus- 
machte, so daß z. B. noch Shakespeare »Harnmonarch" und 
wArzt" als identisch setzt; daß die Süßigkeit wirklich niemals 
beobachtet worden sei, erscheint fast unglaublich, viel eher 
dürfte die Annahme zutreffen, man habe in solchen Fällen, der 
Autorität des Galenos folgend, den Genuß zuckerhaltiger 
Getränke als selbstverständlich vorausgesetzt, woraufhin sich 
dann freilich jede weitere Nachforschung als überflüssig ergab. 
Merkwürdigerweise findet sich nun eine frühzeitige, ganz 
unzweideutige und ohne Anspruch auf Neuheit auftretende Be- 
merkung über die Süßigkeit des diabetischen Harnes an mehreren 
Stellen eines medizinischen Werkes, das dem indischen Arzte 
Susruta zugeschrieben wird.^ Angesichts jenes völligen Mangels 

^ «Opera medica" (Qöttingen 1748); siehe über ihn und die weiter 
unten genannten Ärzte: Haeser, „Lehrbuch der Geschichte der Medizin" 
(Jena 1875/82) und Hirsch, „Geschichte der medizinischen Wissenschaft in 
Deutschland" (München 1893). 

^ Lateinische Übersetzung von Hess 1er (Erlangen 1844/52; I, S. 46 
und 183; II, S. 105. 



328 ZUR GESCHICHTE DES DIABETISCHEN ZUCKERS 

an chronologischem Geiste, der eine spezifische EigentümHch- 
keit des indischen Nationalcharakters bildet, ist es leider noch 
nicht möglich gewesen, die Lebenszeit dieses Autors (der von 
einigen Sanskritisten ins 10. vor-, von anderen ins 10., ja 15. 
nachchristliche Jahrhundert verlegt wurde!) bestimmt festzu- 
stellen; auf Grund der in meiner »Geschichte des Zuckers"^ 
wiedergegebenen kritischen Betrachtungen, denen seither weitere 
Forschungen zur Bestätigung gereichten, darf man es jedoch 
als erwiesen ansehen, daß die Schrift des Susruta spätestens 
um 900 n. Chr. schon vorhanden war, jedoch in viel kürzerer 
Gestalt und ohne die zahlreichen Einschiebsel, die zwar in 
vielen Fällen leicht erkennbar, aber keineswegs in allen sicher 
auszuscheiden sind. Die indischen Werke wachsen, um einen 
botanischen Fachausdruck zu gebrauchen, durch Intussusception, 
d. h. es entspricht dem indischen Geiste, die ursprünglichen 
(häufig metrischen) Grundlagen ganz oder fast unverändert bei- 
zubehalten, sie aber durch Einfügung immer neuer Zusätze, 
Erläuterungen, erklärender Einkleidungen u. s. f., mehr und mehr, 
oft ins Ungemessene, zu erweitern; bedenkt man nun, daß ein 
solches Verfahren häufig ungezählte Jahrhunderte lang (erst 
mündlich, später schriftlich) fortgesetzt wurde, daß hierbei jedes 
Gefühl für Chronologie fehlte, daß bei eigentlichen Fachwerken 
noch die Mangelhaftigkeit der Überlieferung, sowie die Un- 
sicherheit der Kommentatoren und Lexikographen hinzutritt u. s. f., 
so kann man bei Benutzung der Sanskritliteratur, sobald es sich 
um wissenschaftliche Gegenstände und vor allem um deren 
Datierung handelt, nicht vorsichtig genug verfahren. So müßte 
denn wohl auch die Frage nach dem Alter der Bemerkungen 
über die Süßigkeit des diabetischen Harnes vorerst unlösbar 
scheinen, wäre nicht zufälligerweise ein wichtiger Fingerzeig 
dadurch gegeben, daß, soviel bekannt, keiner der arabischen 
Ärzte oder medizinischen Autoren dieser Tatsache Erwähnung 
tut; mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit wird man hieraus schließen 
1 Leipzig 1890, S. 55. 



ZUR GESCHICHTE DES DIABETISCHEN ZUCKERS 329 

dürfen, daß in jener Periode, während derer die arabische 
Medizin durch die indische in tiefgehender Weise beeinflußt 
wurde, und Räzi, Ibn-Sina (Avicenna), sowie andere arabische 
Kompilatoren ihre allumfassenden Enzyklopädien niederschrieben 
(etwa 800 bis 1050 n. Chr.), die in Rede stehende Beobachtung 
in Indien noch nicht gemacht oder doch nicht aufgezeichnet 
war. Als Zeitgrenze wäre hierdurch etwa das Ende des 11. 
oder der Anfang des 12. Jahrhunderts gegeben. Hierzu stimmt 
eine mir von weil. F. A. Flückiger mitgeteilte Nachricht 
(deren Quelle ich jedoch nicht anzugeben weiß): wie der um 
1800 in Ceylon tätige englische Arzt Christie meldet, erwähnt 
nämlich das sehr alte, in singhalesischer Sprache metrisch ab- 
gefaßte Buch über medizinische Vorschriften »Yoga ratnakära" 
den diabetischen Urin unter dem Namen »madhu mehä" d. i. 
„süßer Harn", und der Tradition nach ist dieses Werk unter 
einem um 1200 n. Chr. regierenden Könige aus dem Sanskrit 
übersetzt worden. 

In Europa blieb die indische Entdeckung jedenfalls unbe- 
kannt und mußte einige Jahrhunderte später in selbständiger 
Weise aufs neue gemacht werden. Paracelsus (1493 bis 1541), 
der auch hier als scharfer und vorurteilsfreier Beobachter auf- 
tritt, bespricht zwar in seinen Abhandlungen „De tartaro" den 
Diabetes, stellt als Erster die tiefgehenden krankhaften Ver- 
änderungen des Harnes fest, die er richtig als Symptom eines 
schweren Allgemeinleidens deutet, und zeigt, daß der Urin 
beim Eindampfen erhebliche Mengen eines festen „Salzes" 
liefert; über die Süßigkeit dieses Rückstandes sagt er aber 
nichts, obwohl er im Traktat „De urina" die Geschmacks- 
prüfung des Harnes ausdrücklich erwähnt und sie u. a. zur 
Erkennung der „acuitas" und „dulcedo" vorschreibt, er hat also 
den Zusammenhang beider Erscheinungen entweder gar nicht 
wahrgenommen oder ihn doch nicht als kausalen erkannt. Der 
Ruhm dieser Entdeckung gebührt dem englischen Arzte Willis 
(1622 bis 1675), der in seiner Abhandlung „De medicamentorum 



330 ZUR GESCHICHTE DES DIABETISCHEN ZUCKERS 

operationibus"^ zuerst klar ausspricht, „der diabetische Harn 
sei von wunderbarer Süßigkeit, gleichsam wie von Honig oder 
Zucker durchtränkt". Auffälligerweise zieht jedoch Willis nicht 
den naheliegenden Schluß, daß der „reichliche Rückstand" des 
eingedickten diabetischen Harnes zuckeriger Natur sei, er schreibt 
vielmehr seinen süßen Geschmack einer eigentümlichen Ver- 
änderung der „Salze" durch „schwefelartige Teilchen" zu; zu- 
folge einer Reaktion zwischen den verschiedenen salzigen Be- 
standteilen des Blutserums soll nämlich, unter Abstoßung jener 
„Teilchen", die für Diabetes charakteristische Zersetzung und 
Verflüssigung des Blutes eintreten, wobei physische und psy- 
chische Depressionen, zuweilen aber auch eine gesteigerte Durch- 
lässigkeit der Nieren fördernd wirken.^ 

Indessen verwarfen Zeitgenossen und Nachfolger Willis' 
nicht nur diese iatro-chemische Erklärung, sondern (mit 
rühmlicher Ausnahme des oben erwähnten Mead und einiger 
anderer Forscher) unglaublich erweise auch seine Beobachtung 
selbst, deren Richtigkeit sie leugneten, weil es undenkbar sei, 
daß anderen Falles die antike und arabische Schule über sie 
geschwiegen hätten. So verstrich denn noch ein volles Jahr- 
hundert, bis endlich 1776 der englische Arzt Dobson den 
entscheidenden Schritt tat: in seinen „Medizinischen Unter- 
suchungen" stellte er fest, daß der Harn aller Diabetiker süßen 
Geschmack zeige und bei vorsichtigem Eindampfen stets eine 
süße, weiße Masse vom nämlichen Geschmacke wie Kolonial- 
zucker hinterlasse, also Zucker enthalte, und demgemäß fähig 
sei, in alkoholische und Essig- Gärung überzugehen; aus dem 
süßen Geschmacke des Blutserums der Diabetiker folgerte 
Dobson, daß der Zucker (wenngleich er ihn aus dem Serum 
vergeblich zu isolieren suchte) keinesfalls erst in der Niere ent- 

^ „Opera omnia" (Genf 1676); lib. IV, cap. 3. 

"' Nach Hirsch (a.a.O. S. 491) stellte Willis u. a. auch zuerst die 
Theorie auf, jede Gärung beruhe auf Übertragung eines Bewegungszustandes 
vom Erreger auf das Substrat. 



ZUR GESCHICHTE DES DIABETISCHEN ZUCKERS 331 

stehe, sondern schon im Blute angehäuft sei, und zwar infolge 
einer Stockung der Assimilation, die zur Anreicherung des in 
kleiner Quantität auch bei Gesunden vorhandenen Zuckers 
führe, sowie einer abnormen Fermentwirkung, ^ die Zucker in 
ungewöhnlicher Menge hervorbringe. 

Auf die wissenschaftliche Welt wirkten jedoch auch die 
experimentellen Darlegungen Dobsons keineswegs sofort über- 
zeugend, und es bedurfte noch mehrerer Dezennien, bis, etwa 
gegen 1800, ihre Wahrheit, den Widersprüchen der Gegner 
zum Trotze, allgemeine Anerkennung fand. Dieser wurde sie 
nur allmählich teilhaftig, und zwar unter dem Einflüsse der 
bestätigenden Arbeiten anderer hervorragender Ärzte; so ge- 
wann z. B. Rollo aus 1 kg Harn 85 g, Cowley sogar bis 
250 g süßen Rückstandes, Home zeigte, daß dieser aus einem 
wechselnden Gemische gewöhnlicher Harnsalze und gärungs- 
fähigen Zuckers bestehe, und der berühmte Wiener Kliniker 
Joh. Peter Frank (1745 bis 1821) stellte um 1792 den Zucker 
zuerst kristallisiert dar, isolierte ihn hierbei nach wieder- 
holtem Umkristallisieren »völlig rein, an Farbe, Aussehen und 
Geschmack dem gewöhnlichen Zucker durchaus gleich", und 
erhielt durch Oxydation Oxalsäure und bei der Gärung Alkohol 
bezw. Essigsäure.^ Den Zucker aus dem Blute abzuscheiden, 
versuchte auch Rollo vergeblich, es gelang ihm aber zu er- 
mitteln, daß normales Blut, schon auf Zusatz kaum merklicher 
Mengen Zucker, die charakteristischen Eigenschaften des diabe- 
tischen annehme; auch erkannte er als Hauptquelle des Zuckers 
die verwandten Bestandteile der vegetabilischen Nahrung und 
gründete auf diese Einsicht die erste positive und nachweisbar 
wirksame Bekämpfung des Diabetes, die durch ausschließlich 
animalische Ernährung. ^ 

^ Heute würde man „Enzymwirkung" sagen, und tatsächlich führt auch 
Dobson die Zuckerbildung bei der Keimung der Gerste als Analogen an. 
- „De curandis hominum morbis" (Mannheim 1792/94). 
^ V. Mering, „Lehrbuch der inneren Medizin" (1903, S. 1026). 



332 ZUR GESCHICHTE DES DIABETISCHEN ZUCKERS 

Die Erkenntnis, daß diabetischer Zucker nicht »gewöhn- 
licher Zucker" sei, sondern Glykose, konnte erst reifen, nach- 
dem man seit Beginn des 19. Jahrhundertes mit der Natur 
letzterer Zuckerart näher vertraut geworden war; auf die Arbeiten 
von Thenard (1806) und Chevreul (1815) gestützt, erwiesen 
1838 Bouchardat und Peligot die Identität des Harn- und 
des Traubenzuckers \ und brachten so die Frage, »welches der 
wesentliche und süßschmeckende Bestandteil des diabeüschen 
Urines sei", nach jahrhundertelangen Bemühungen zahlreicher 
Ärzte und Chemiker zum endgültigen Abschlüsse. 



Zusatz.2 

Durch die Freundlichkeit Dr. P. Diergarts wurde mir eine 
dem Genannten seitens eines Medico-Historikers gemachte An- 
gabe übermittelt, die Existenz einer »Geschichte der Glykosurie 
von Hippokrates bis zum Anfange des 19. Jahrhundertes" 
betreffend, deren Verfasser Dr. Max Salomon, jetzt Kgl. Sanitäts- 
rat in Berlin, ist; das Vorhandensein dieser Schrift war mir 
leider unbekannt geblieben, denn ich habe sie nirgends zitiert 
gefunden, niemals nennen gehört, und war auch von Spezia- 
listen, die mich bei der Herausgabe meiner Werke, »Geschichte 
des Zuckers" und »Chemie der Zuckerarten", durch wertvolle 
Beihilfe unterstützten, nicht auf sie hingewiesen worden. Auf 
Dr. Diergarts Mitteilung hin habe ich mir inzwischen das 
Buch verschafft, was einige Schwierigkeiten bot, da es nur als 
Separatabdruck aus dem »Deutschen Archiv für klinische 
Medizin" vom Jahre 1871 erschien; dem Umfange von 103 Seiten 
entsprechend, enthält es, in viel weiterem Umfange und mit 
viel größerer Ausführlichkeit als mein kurzer Aufsatz, das meiste 
des auch von mir allmählich aus verschiedenen Schriften und 

1 Siehe meine „Chemie der Zuckerarten« (1904, Bd. I, S. 224). 
' „Chemiker-Zeitung" 1906, S. 55. 



ZUR GESCHICHTE DES DIABETISCHEN ZUCKERS 333 

aus Büchern, die in letzter Linie natürlich auf die nämlichen 
Quellen zurückgehen, Gesammelten, jedoch nicht alles, z. B. 
nichts über die wichtigen Stellen bei dem Indier Susruta; 
dagegen läßt sich aus Seite 39 ersehen, daß die Quelle der mir 
von F. A. Flückiger über die Berichte des anglo-indischen 
Arztes Christie gemachten Mitteilung (die ich nicht anzugeben 
vermochte) aller Wahrscheinlichkeit nach Hirschs » Historisch- 
Geographische Pathologie" ist. 

Was das von Christie erwähnte indische ,;Yoga-Ratnä- 
kara" betrifft, so habe ich über dieses Buch, wie auch über 
andere indische Werke medizinischen Inhaltes neue Belehrung 
in J. Jollys »Indischer Medizin"^ gefunden, auf die mich 
Professor Dr. Zachariae- Halle in dankenswerter Weise auf- 
merksam machte. Wenn nämlich Christies „Yoga-Ratnäkara" 
mit dem in Indien recht verbreiteten Werke des gleichen 
Namens identisch ist, so steht fest, daß es von einem bisher 
unbekannten Autor aus der Zeit zwischen 1535 und 1746 
herrührt, — wobei aber allerdings nur die jetzt vorliegende 
Fassung in Frage kommt, während über das Vorhandensein 
älterer Bestandteile und vollends über deren Datierung ein 
besümmtes Urteil (wie in den meisten Fällen dieser Art) 
vorerst nicht möglich ist. Aus dem Yoga-Ratnäkara läßt sich 
also nicht beweisen, daß die Indier des 11. oder 12. Jahr- 
hundertes den Diabetes schon kannten; hingegen wurden in 
neuerer Zeit Quellen aufgedeckt, aus denen hervorgeht, daß 
die Indier schon in einer viel früheren Periode, als der 
bisher angenommenen, mit dieser Krankheit vertraut waren; 
unter den zum Teil auch bei Susruta vorkommenden Namen 
wlksu-Meha, Iksurasam, Kandeksurasam" (= Zuckerharn, Zucker- 
rohrsaftharn) und „Madhumeha, Ksaudrameha" (= Honigharn), 
die auf »meha" (= Harn, von „mih" = harnen, siehe lateinisch 
mingere, griechisch p-^x^^^) zurückgehen, wird sie nämlich schon 

^ Straßburg 1901, Teil des großen Bühler'schen „Grundrisses", S. 2, 
12, 14, 83 ff. 



334 ZUR GESCHICHTE DES DIABETISCHEN ZUCKERS 

in den Werken des Arztes Caraka, sowie in den medizinischen 
Traktaten der sogenannten Bower-Handschrift aufgeführt. 
Caraka gilt nach einheimischen, chinesischen und persisch- 
arabischen Quellen als ältester medizinischer Schriftsteller Indiens 
(denn von dem noch älteren Agnivesa, den er benutzt haben 
soll, ist nichts erhalten) und kann schon um etwa 100 n. Chr. 
gelebt haben; der jetzige Bestand seiner Werke ist allerdings 
erst durch einen Kommentator des 11. Jahrhundertes ge- 
sichert, und es ist fraglos, daß der Text sehr mangelhaft über- 
liefert und verschiedentlich ganz offenkundig aus anderen 
Werken ergänzt und vermehrt ist. Verbleibt demnach auch 
hier noch eine gewisse Unsicherheit, so darf die Bower- 
Handschrift ein desto größeres Vertrauen beanspruchen; diese 
Handschrift, die in einem buddhistischen Heiligtum (sogenannter 
Stupa) in Chinesisch-Kaschgarien gefunden wurde, ist an- 
scheinend von eingewanderten buddhistischen Hindus auf 
Birkenbast niedergeschrieben, den man im Format der süd- 
und westindischen Palmblatt-Manuskripte zugeschnitten hat, 
und zwar um 450 n. Chr., wie man aus sprachlichen und paläo- 
graphischen Kriterien folgert. Wenn dieser Schluß berechtigt 
ist, so kann man nicht daran zweifeln, daß die indischen Ärzte 
schon im 5. Jahrhunderte den Diabetes kannten und nicht erst 
im 11. oder 12., wie ich angesichts der mangelnden Erwähnung 
dieser Krankheit bei sämtlichen arabischen Ärzten folgern zu 
dürfen glaubte; wie aber dann dieses Schweigen der mit den 
Schriften der indischen Mediziner so wohl vertrauten arabischen 
Autoren zu erklären ist, kann nur durch weitere eingehende 
Untersuchungen aufgehellt werden. 



Neunte Abteilung 

25 

ZUR GESCHICHTE DES MAIS^ 




er laufende Jahrgang der „Chemiker-Zeitung" hat über 
einen Vortrag des Herrn Professor Dr. Hartwich- 
Braunschweig berichtet, ^ in dem dieser auf die merk- 
würdige Tatsache hinwies, daß nach der Entdeckung 
Amerikas gewisse Drogen und Produkte dieses Landes sich 
mit solcher Schnelligkeit über die gesamte alte Welt verbreiteten, 
daß man bald über ihre Herkunft und Neuheit in Zweifel ge- 
riet. In dieser Hinsicht sind besonders der Tabak und der 
Mais hervorzuheben, von denen oft und mit großer Bestimmt- 
heit behauptet worden ist, sie seien schon vor 1492 in Europa 
bekannt gewesen. Es besteht über diese Streitfrage eine ziem- 
lich umfangreiche Literatur, man darf aber wohl aussprechen, 
daß materielle Beweise obiger Behauptung nicht geliefert worden 
sind, und daß auch, entgegen weit verbreiteten Angaben, die 
Durchforschung der antiken und mittelalterlichen Schriften, sowie 
die der indischen, chinesischen und ägyptischen literarischen 
und Baudenkmale keinerlei Anhaltspunkte in dieser Richtung 
ergeben hat. 

Was nun insbesondere den Mais betrifft, so ist selbst in 
den eingehendsten der mir bekannten einschlägigen Werke der 
Bericht zu vermissen, daß über ihn ein ganz untrügliches 
Zeugnis seitens des Entdeckers der neuen Welt selbst vorliegt, 

' „Chemiker-Zeitung" 1892, S. 1396 und 1477. 
' Ebenda 1892, S. 1276. 



336 ZUR GESCHICHTE DES MAIS 

auf das ich mir gestatte - , da es privater Mitteilung nach auch 
einigen der hervorragendsten Fachmänner bisher unbekannt 
gebheben war — , neuerdings hinzuweisen. In dem Berichte 
über seine dritte Reise (abgedruckt z. B. in »Die Reisen des 
Cristoph Columbus 1492 bis 1514, nach seinen eigenen 
Briefen und Berichten", Leipzig 1890) beschreibt nämhch 
Columbus den spanischen Majestäten eine Bewirtung seiner 
Leute seitens der Eingeborenen, und sagt dabei: » ... es gab 
auch roten und weißen Wein, ... die aber nicht aus Trauben, 
sondern aus verschiedenen Fruchtarten gemacht waren; offen- 
bar nahmen sie Mais dazu, der eine Fruchtart ist, die ich mit 
nach Castilien nahm." Diese Stelle scheint mir genügend, 
um jeden Zweifel an der amerikanischen Herkunft des Mais 
zu zerstreuen, um so mehr, als auch die innere Wahrscheinlich- 
keit für sie spricht, da die aus Mais dargestellten gegorenen 
Getränke, wie »Chicha de Mahis" und ähnliche, stets die natio- 
nalen und Lieblingsgetränke der mittelamerikanischen Völker 
gewesen und geblieben sind. 

Gegen Ende des Mittelalters bestand, wie Heyd in seiner 
unübertrefflichen „Geschichte des Levantehandels" ^ nachge- 
wiesen hat, ein ganz außerordentlich reger Handelsverkehr 
zwischen den spanisch-portugiesischen und den übrigen Mittel- 
meerküsten, und es brachten z. B. „portugiesische Barken ihre 
Waren direkt bis nach Genua, Venedig und Pera (Konstanti- 
nopel)". Auf diese Weise ist jedenfalls, wie die vieler anderer 
Produkte, auch die rasche Verbreitung des Mais zu erklären, 
insbesondere die nach dem Orient und der Türkei. Von 
letzterer aus wanderte dann der Mais, angeblich durch Zigeuner, 
nach den Donaust'aaten, nach Ungarn, Österreich u. s.w., kurz nach 
jenen Ländern, in denen er noch heute „türkischer Weizen" 
genannt wird. Dieser Name ist natürlich für die ursprünglich 
türkische oder orientalische Herkunft nicht beweisend, denn 
nichts ist gewöhnlicher, als die Verwechslung des Herkunfts- 

^ Französische Ausgabe, Leipzig 1885. 



ZUR GESCHICHTE DES MAIS 337 

ortes von Waren mit dem wirklichen Ursprungslande. Wollte 
man so schließen, so müßte der in Süddeutschland und der 
Schweiz gebräuchliche Name ;; Welschkorn" für die italienische 
Heimat des Mais zeugen, oder es müßten z. B. auch die »tür- 
kischen Hühner" (Truthühner, englisch „turkeys") aus der Türkei 
stammen, während sie bekanntlich ebenfalls aus Mittelamerika 
eingeführt worden sind. 

In ganz Österreich, Ungarn, und allen Donauländern wird 
der Mais fast ausschließlich mit dem Namen „Cucurruz" be- 
zeichnet, der bisher als vollkommen unerklärlich gilt. Meiner 
Meinung nach ist dieser Ausdruck auf das Wort wCucurrucho" 
zurückzuführen, mit dem, nach Humboldt, in Mittelamerika 
z. B. der dunkle, angebrannte Rohzucker schlechtester Qualität 
bezeichnet wurde. ^ wCucurrucho" heißt im Spanischen und 
Portugiesischen etwas Zugespitztes, eine Spitze, ein Wipfel; das 
Wort bezeichnet auch eine Papierdüte, sowie ferner die düten- 
oder kegelförmige Zuckerhutform, und besonders deren zuge- 
spitzten Teil. Da nun die Zuckerhutformen auf der Spitze 
stehend gefüllt und ausgedeckt wurden, so verblieb, wenn das 
Decken nur unvollständig gelang — , wie das bei dem alten 
unvollkommenen Arbeitsverfahren der Kolonialzuckerfabriken 
stets der Fall war — , in der Spitze der Form fast unveränderter, 
dunkler, angebrannter Rohzucker, und diese schlechteste Qualität 
wurde daher »Cucurrucho" genannt. Dieser „Kopf", sowie der 
weiß gedeckte „Fuß" des Brotes („Blanco") wurden von jedem 
Brote abgeschlagen, und man behielt dann ein halb ausgedecktes 
Mittelstück über, das „Quebrado" hieß (d. i. Abgeschlagenes, 
Abgerissenes). Noch zu Humboldts Zeit erhielt man aus der 
gesamten, in Arbeit genommenen Zuckermasse zwei Drittel als 
Melasse und nur ein Drittel als Zucker, und von diesem wieder 
waren etwa fünf Neuntel weißgelb bis weiß gefärbter Blanco, 
drei Neuntel blonder Quebrado, und ein Neuntel brauner bis 
schwarzer Cucurrucho. 

^ S. meine „Geschichte des Zuckers", Leipzig 1890, S. 306. 

V. Lippmann, Beiträge. 22 



338 ZUR GESCHICHTE DES MAIS 

Da nun die ursprüngliche, auch in den oben genannten 
Ländern noch heute ganz allgemein übliche Art den Mais zu 
genießen die ist, daß man die Kolben über offenem Feuer 
braun röstet oder dörrt, und die Körner dann unmittelbar mit 
den Zähnen ausbeißt und verzehrt, so vermute ich, daß „Cu- 
curruz" nichts anderes bedeutet als ,; braun geröstet", »ange- 
brannt" oder dergl., und daß diese Bezeichnung der Bereitungs- 
art als unverstandenes Fremdwort schließlich auf die Pflanze 
selbst überging. Die Richtigkeit dieser Vermutung spräche 
natürlich zugleich auch für die der angeführten direkten Ver- 
breitung des Mais aus den Ländern der iberischen Halbinsel 
nach dem Süden und Osten Europas. 

Noch sei erwähnt, daß man den spärlichen Berichten, die 
über die Entdeckung nordamerikanischer Küsten um das Jahr 1000 
durch isländische Seefahrer vorliegen. Hinweise auf das Vor- 
kommen von Mais hat entnehmen wollen; daß diese hinfällig 
sind, gibt schon Humboldt an.^ 

^ „Kritische Untersuchungen . . .", Berlin 1852, I, S. 357. — Bei dieser 
Gelegenheit sei darauf hingewiesen, daß die Herausgabe von A. v. Hum- 
boldt 's eigentlich wissenschaftHchen Werken in einfacher, dem Preise nach 
erschwinglicher, aber sonst des großen Mannes in jeder Hinsicht würdiger 
Gestalt eine Ehrenpflicht des deutschen Volkes wäre. Selbst große Uni- 
versitäts-Bibliotheken besitzen viele seiner wichtigsten Schriften nicht (z. B. 
die grundlegende Abhandlung über Pflanzengeographie), und andere wieder 
sind nur im ursprünglichen Groß-Folio-Format vorhanden, das ihre Benützung 
schwer und ihre Versendung unmöglich macht. 



26 

ZUR LEHRE VON DER HERKUNFT UND ROLLE DER 
PFLANZLICHEN ASCHENBESTANDTEILE i 



o o 




ber Herkunft und Rolle der in den Pflanzen vor- 
handenen Aschenbestandteile herrschte bekanntlich, 
trotz der sehr bestimmten Ausführungen Marggraf's 
und Wiegleb 's 2, und trotz einzelner Lichtblicke 
Külbel's (1739) und Rückert's (1789), zu Anfang des 19. Jahr- 
hundertes noch völliges Dunkel; einige Forscher hielten die Aschen- 
bestandteile für Verbrennungsprodukte des Organismus, z. B. 
Dundonald (1795), andere für Erzeugnisse des Lebensprozesses 
aus fremden Elementen, namentlich aus Wasser, — eine An- 
sicht, deren Zulässigkeit noch 1793 Humboldt^^ und noch 1802 
Saussure anerkannten — , wieder andere erklärten sie für zu- 
fällige Beimengungen, — eine Theorie, die noch 1841 Hlubek 
und Thaer vertraten.* Die richtigen Lehren, die zuerst wieder 
Saussure (1804), später Davy (1814) und Sprengel (1837, 
1839) vorbrachten, ermangelten der bestimmten und über- 
zeugenden Begründung; auch fehlte diesen Forschern der ge- 
nügende Überblick über die gesamten Folgen und namentlich 
über die praktische Tragweite der geäußerten Ideen, und so 
blieb es Liebig (1840) vorbehalten, in dieser Richtung als 

^ „Chemiker-Zeitung" 1894, S. 443. ^ „Chemische Versuche über die 
alkalischen Salze" (Berlin 1774). ^ „Versuche über die gereizte Muskel- und 
Nervenfaser", Berlin 1793; Bd. I, S. 126. '^ Siehe Näheres in A. May er 's 

„Lehrbuch der Agrikultur-Chemie", Heidelberg 1886, Bd. 1, S. 231. 

22* 



340 HERKUNFT U. ROLLE DER PFLANZL. ASCHENBESTANDTEILE 

der große Reformator der Landwirtschaft aufzutreten, während 
Wiegmann und Polstorff (1842) die schon 1800 von der 
BerHner Akademie aufgestellte und 1841 von der Göttinger 
Akademie wieder aufgenommene Preisfrage über Ursprung und 
Bedeutung der mineralischen Bestandteile der Pflanzen einer 
endgültigen wissenschaftlichen Lösung zuführten. 

In der gründlichen historischen Darstellung bei A. Mayer, 
sowie auch in mehreren anderen mir bekannten Handbüchern, 
wird aber der erstaunlich geläuterten Vorstellungen eines 
Forschers nicht gedacht, auf die ich mir gestatten möchte, die 
Aufmerksamkeit zu lenken, nämlich der »Erklärung über die 
Pflanzenstoffe", die Berthollet in seinem klassischen »Essai 
de statique chimique" (Paris 1803) im Anhange zum zweiten 
Bande gibt. Da in diesem Werke niemand so leicht derlei 
' Bemerkungen suchen wird, so scheint es leicht erklärlich, daß 
die daselbst niedergelegten Ansichten zumeist in Vergessenheit 
gerieten. 

Berthollet bespricht zunächst die Beobachtungen über die 
in den Pflanzen enthaltenen Erden von Saussure, Senebier, 
und Berg man, zieht aber aus ihnen ganz andere Schlüsse, als 
diese Forscher selbst. Er erklärt es für gewiß, daß die Bitter-, 
Alaun- und Kieselerde keine Erzeugnisse einer pflanzlichen 
Lebenskraft seien, sondern dem Erdboden entstammten, und 
aus diesem von den Gewächsen aufgenommen würden; auch 
die Kalkerde sei ein Fremdling in der Pflanze, desgleichen das 
Eisen und Mangan, das man zuweilen beim Veraschen vorfinde. 

Einmal in die Pflanze eingeführt, mögen sich die Erden 
in ihr verteilen und an den organischen Funktionen Anteil 
nehmen. Erden, die hierbei nur geringe Affinitäten entfalten, 
werden leicht wieder ausgeschieden, z. B. die Kieselsäure in 
kristallinischer Form als sogenannter Tabaschir, sowie als Be- 
standteil der harten Außenrinde von Gräsern und Binsen. 

Auch Salze mineralischer Säuren gehen schon als solche 
in die Pflanze ein; so z. B. enthalten gewisse Strandpflanzen 



HERKUNFT U. ROLLE DER PFLANZL. ASCHENBESTANDTEILE 341 

viel Soda, wenn sie nahe am Meeresufer gedeihen, wenig Soda, 
wenn sie weit von der Küste entfernt wachsen, dagegen Koch- 
salz statt der Soda, sobald sie unmittelbar vom Salzwasser be- 
spült werden. Man hat also anzunehmen, daß der Natron- 
gehalt der Pflanzen dem Chlornatrium entstamme, dessen Zer- 
legung hierbei unter ganz den nämlichen Bedingungen erfolgt, 
die seine Zersetzung überhaupt ermöglichen. Ebenso ist, so 
lange nicht bestimmte Nachweise anderes lehren, die Ansicht 
festzuhalten, daß auch das Kali nicht erst durch eine Lebens- 
kraft der Pflanze erzeugt werde; gegen die Richtigkeit dieser 
letzteren Annahme spricht es schon, daß alle pflanzlichen Vor- 
gänge sichtlich durch ganz allmählich sich vollziehende Um- 
setzungen bedingt sind, und daß sie von Kräften bewirkt werden, 
die sich annähernd das Gleichgewicht halten und schon z. B. 
durch kleine Temperaturveränderungen Verschiebung erleiden, 
also nimmermehr zu Endprodukten zu führen vermögen, die 
man sich nur als von den stärksten Energien hervorgebracht 
vorstellen könnte. 

Die sogenannte Lebenskraft, deren Begriff Berzelius noch 
in der fünften Auflage seiner »Organischen Chemie" mit dog- 
matischer Schärfe festhält, ^ verwirft Berthollet überhaupt. 
Bildung und Veränderung der Pflanzen Stoffe, lehrt er, setzen 
weder andere Ursachen, noch andere Umsetzungsweisen voraus, 
als jene, die bei allen chemischen Erscheinungen ins Spiel 
kommen. Man darf daher fest davon überzeugt sein, daß sich 
die Pflanzenstoffe, z. B. Oxalsäure, Äpfelsäure, Essigsäure, Sauer- 
kleesalz und dergl. mehr, künstlich werden darstellen lassen, 
und zwar so, daß sie mit den in der Natur vorkommenden 
völlig identisch sind. Hierzu wird man keiner Wunder be- 
dürfen, sondern es werden im Laboratorium in geeigneter 
Weise ganz die nämlichen ewigen Kräfte zusammenwirken, 
deren sich die Natur zu gleichen Zwecke bedient; diesen schiebt 
man freilich meistens eingebildete Ursachen unter, denen ein 

' Ausgabe von 1847; Bd. 4, S. 1. 



342 HERKUNFT U. ROLLE DER PFLANZL. ASCHENBESTANDTEILE 

desto größerer Reiz innezuwohnen scheint, je dunkler der Nebel 
ist, der ihnen als Hülle dient. 

Selbst für die Erklärung der Vorgänge innerhalb des 
tierischen Körpers ist nach Berthollet die Annahme einer 
Lebenskraft nicht erforderlich. Die chemischen Prozesse ver- 
laufen zwar im tierischen Körper intensiver als im pflanzlichen, 
und vermögen gewiß im ersteren Verbindungen hervorzubringen, 
deren Entstehung eine weit schwierigere und verwickeitere ist; 
daß aber z. B., wie Vauquelin glaubt, die Hühner Kalk und 
Phosphor zu bilden imstande sind, da ihre Exkremente mehr 
davon enthalten sollen, als ihr Futter, oder daß, nach Chan- 
trans, gewisse niedrige Tiere, auch in reinem Wasser wachsend, 
ihren Kalkgehalt vermehren, ist wenig wahrscheinlich, und viel- 
fältige Wiederholungen und Abänderungen der Versuche dieser 
Forscher wären deshalb dringend zu fordern, bevor man solche 
Behauptungen als tatsächlich richtig anerkennen dürfte. 



27 



ZUR GESCHICHTE DER KONSERVEN UND DES 
FLEISCHEXTRAKTES 1 




ie Zubereitung der Konserven in der heute üblichen 
Weise pflegt man allgemein auf die Erfindung A p p e r t ' s 
(1804) zurückzuführen, die des Fleischextraktes sogar 
erst auf jene Liebig's; Bestrebungen zur Herstellung 
solcher Präparate haben sich aber offenbar schon in weit früherer 
Zeit geltend gemacht, wie dies namentlich eine Stelle beweist, 
die Jahns in seiner »Geschichte der Kriegswissenschaften" 
mitteilt,- und die einem in der Kgl. Bibliothek zu Hannover 
aufbewahrten Manuskripte militärischen Inhaltes entstammt, 
dessen Verfasser niemand geringerer als der große Mathe- 
matiker, Philosoph und Universalgelehrte Leibniz ist. Die 
fragliche Handschrift führt den Titel »Utrechter Denkschriften", 
und Leibniz hat sie 1714, also ziemlich gegen Ende seiner 
langen Lebenszeit (1646 bis 1716), abgeschlossen; in einem ihrer 
Abschnitte erörtert er die Mittel, die Truppen während langer 
Märsche oder sonstiger großer Anstrengungen dauernd bei 
ausreichenden Kräften zu erhalten, und empfiehlt zu diesem 
Zwecke, für rationelle Verpflegung besser vorzusorgen als dies 
bisher üblich gewesen sei, und sich hierzu namentlich der 
»Kraft-Compositiones", d. i. der Konserven, vor allem aber »des 
Extraktes aus Fleisch" zu bedienen, »dessen Komposition mir 
bekannt ist." 

^ „Chemiker-Zeitung" 1899, S. 449. '' München 1889 S. 1278. 



344 GESCHICHTE DER KONSERVEN U. DES FLEISCHEXTRAKTES 

Leibniz sagt nicht, daß er die betreffenden Zubereitungs- 
arten selbst erfunden habe, sondern nur, daß er sie kenne, und 
es ist daher zu vermuten, daß sie ihm von anderer Seite her 
mitgeteilt wurden. In erster Linie kommt hierbei wohl sein 
berühmter Zeitgenosse Papin (1647 bis 1712) in Betracht, der 
Erfinder des Pap in 'sehen Topfes und des für diesen Topf 
erdachten Sicherheitsventiles, das noch heute an allen Gefäßen 
und Kesseln angebracht wird, deren Inhalt unter höherem als 
atmosphärischem Drucke steht; aus Papin 's Schriften geht 
hervor, daß er seinen Topf zur Bereitung von Konserven »durch 
Auskochen und nachherigen luftdichten Verschluß" anwandte, 
daß er auch aus Fleisch und sogar (natürlich fruchtlos!) aus 
Knochen die Quintessenz auszuziehen suchte, und überdies auch 
noch mit der Nützlichkeit des Schwefeins zur Haltbarmachung 
der Konserven wohlbekannt war, sich also einer Kombination 
von Mitteln bediente, die selbst 1856 noch Gegenstand eines 
Patentgesuches 1 von Robert bildete! Da nun Papin in fort- 
dauernder eifriger Korrespondenz mit Leibniz stand, der sich 
für alle Fortschritte auf jedem, für ihn scheinbar noch so weit 
abliegenden Gebiete menschlichen Wissens außerordentlich 
interessierte, so ist es sehr wahrscheinlich, daß dieser das 
Rezept zu jenen »Kraft-Compositiones", mindestens aber den 
Anreiz, einem solchen nachzuspüren, von Papin empfing. Wie 
Gerland ^ aus dem von ihm herausgegebenen „Briefwechsel 
von Leibniz und Hugyens mit Papin" ^ nachwies, teilte 
tatsächlich Papin um 1680 an Leibniz mit, daß er zur Halt- 
barmachung von Konserven neue Mittel gefunden habe, u. a. 
die Behandlung mit schwefliger Säure und das Einschließen 
in luftleer gepumpte Glasgefäße, deren Deckel mittelst Terpentin- 
kitt oder Sirup gedichtet werde, und ferner, daß er durch 
Bereitung eines Gelees (das er für höchst nahrhaft hielt) die 

^ „Dingler's Polytechn. Journal" 1875, Bd. 143, S. 377. 
"^ „Chemiker-Zeitung" 1899, S. 564. 
» Berlin 1881. 



GESCHICHTE DER KONSERVEN U. DES FLEISCHEXTRAKTES 345 

geistigen und flüchtigen Bestandteile des Fleisches, die man 
beim üblichen Einsalzen verliere, festzuhalten vermöge. 

Zur Präservierung frischen Fleisches für kürzere Zeit- 
dauer empfiehlt Leibniz, es in »/geflossenen (d. i. geschmolzenen) 
Zucker einzutauchen", da der Zucker einerseits die Fäulnis 
hindere, andererseits aber selbst ein treffliches Nähr- und 
Kräftigungsmittel bilde, wie es denn kein besseres und rascher 
wirkendes Präparat zur Stärkung Erschöpfter und Übermüdeter 
gebe, namentlich zur Anregung der Herztätigkeit (wCordial"), 
als gezuckerten Wein, oder Zuckerwasser mit Saft von Zitronen 
angemacht, „die aus Spanien jetzt wohlfeil zu beziehen sind." — 
Bekanntlich gelangten die nämlichen Vorzüge des Zuckers in 
jüngster Zeit, und gerade wieder mit Rücksicht auf militärische 
Zwecke, zu erneuter Anerkennung; indessen reicht die Kenntnis 
von diesen Eigenschaften weit hinter Leibniz' Periode zurück, 
denn schon der arabische Arzt Räzi (850 bis 923) spricht vom 
Zucker als einem »leicht verdaulichen und assimilierbaren, die 
Verdauung anderer Nährstoffe erleichternden, vorzüglichen Kraft- 
und Nahrungsmittel von herzstärkender Wirkung", und entgegen 
zahlreichen, nie ganz versiegenden Angriffen erhielt sich diese 
gute Meinung über die Tugenden des Zuckers von Jahrhundert 
zu Jahrhundert, und läßt sich, von den Vätern der arabischen 
Medizin beginnend, über Bartholomäus Anglicus (um 1250) 
Saladin d'Asculo (um 1450), Baptista Porta (1540 bis 1615), 
Tabernaemontanus (1588), Angelus Sala (1650), Hoff- 
mann (1701), Zahlheimb (1772), Boerhave (1774), U.A., bis 
auf Hufeland herab verfolgen; erst seit dem Anfange des 
IQ. Jahrhundertes geriet sie allmählich in Vergessenheit. 



Zehnte Abteilung 

28 
LIONARDO DA VINCI ALS GELEHRTER UND TECHNIKERN 




icht jenem Lionardo da Vinci, dessen Ruhmesstern, 
dem Raphaels und Michel Angelos gesellt, leuch- 
tend vom Morgenhimmel klassischer italischer Kunst 
herniederstrahlt — , nicht dem Künstler Lionardo 
da Vinci soll unsere heutige Besprechung gelten, sondern dem 
Gelehrten und Techniker. Die malerischen und bild- 
hauerischen Meisterwerke Lionardos preist die Welt, und hat 
ihren Ruhm mit dem Ehrenplatze inmitten jenes glänzenden 
Dreigestirnes gelohnt; Lionardo der Naturforscher aber, dessen 
Geist, dem seiner Zeit in staunenswerter Weise vorauseilend, die 
schwierigsten Fragen der Wissenschaft zu lösen, zugleich aber 
auch die gefundenen oder erahnten Lösungen praktisch zu ver- 
werten unternahm, ist selbst der großen Mehrzahl naturwissen- 
schaftlich Gebildeter immer noch eine kaum oder nur vom 
Hörensagen her bekannte Größe. Es rechtfertigt sich deshalb 
der Versuch, auch seine Leistungen auf diesen Gebieten dem 
allgemeinen Verständnisse näher zu führen, insoweit mindestens, 
als das zurzeit vorliegende, bei weitem nicht vollständige Material 
dies ermöglicht. 

Mit den Lebensumständen Lionardos sind wohl alle der 

Kunstgeschichte Beflissenen ausreichend vertraut, und es wird 

daher genügen, an dieser Stelle nur einige Hauptdaten zu er- 

^ Vortrag, gehalten im „Naturwissenschaftlichen Verein" zu Halle a. S.; 

(s. „Zeitschrift für Naturwissenschaften" 1899; Bd. 72, S. 291. 



LIONARDO DA VINCI ALS GELEHRTER UND TECHNIKER 347 

wähnen. — Lionardo wurde 1452 als natürlicher, jedoch so- 
fort oder in zartester Jugend legitimierter Sohn des Ser Piero 
da Vinci, Notars der Signoria von Florenz, geboren, und ver- 
brachte seine Kindheit im väterlichen Hause, teils auf Schloß 
Vinci, teils in Florenz. Ober den Verlauf seiner Studien und 
die Entwickelung seiner Talente ist so gut wie nichts bekannt, 
ebensowenig steht es fest, daß er seine Bildung durch große, 
angeblich bis nach Ägypten und Syrien ausgedehnte Reisen 
erweitert habe, und mit Sicherheit wissen wir fast allein, daß 
er eine längere Lehrzeit bei Verocchio durchmachte, dem 
vorzüglichen Maler, Zeichner, Bildhauer, Goldschmied und Erz- 
gießer, von dem u. a. das charakteristische und in seiner Art 
klassische Reiterdenkmal des Condottiere Colleoni zu Venedig 
herrührt. In seinem 30. Jahre, 1482, wurde Lionardo an den 
Hof Sforzas nach Mailand berufen. Schon damals ragte er, 
ebenso sehr wie durch körperliche Schönheit, Gewandtheit, 
Kraft und Geschicklichkeit in den ritterlichen Übungen des 
Reitens, Fechtens, Tanzens und Schwimmens, auch durch 
scharfen Verstand hervor, durch schlagfertigen Witz, über- 
raschende Vielseitigkeit der Bildung, und unglaubliche künst- 
lerische und technische Befähigung; er wird als edlen und 
vornehmen Charakters geschildert, als erfüllt von unstillbarer 
Wißbegier, und als bescheiden, wenngleich seines Wertes voll 
bewußt; was er begann, unternahm er mit Energie und von 
starkem Schaffensdrange getrieben, doch sank ihm oft schon 
während der Ausführung der Mut, und das Vollendete war 
meist unvermögend seinen hohen Ansprüchen zu genügen, und 
stimmte ihn melancholisch und resigniert. 

Der Mailänder Aufenthalt, 1483 bis 1499, war in jeder Hin- 
sicht, in künstlerischer, wissenschaftlicher und literarischer, eine 
der fruchtbarsten Zeiten seines Lebens, und hinterließ in der 
1483 gestifteten Akademie eine Spur von besonders segens- 
reicher Wirksamkeit; politische Verwicklungen setzten ihm ein 
Ende, und nach dem Sturze der Sforzas kehrte Lionardo 



348 LIONARDO DA VINCI ALS GELEHRTER UND TECHNIKER 

1500 in seine, damals auf der Höhe des Kunst- und Gewerbe- 
fleißes stehende Vaterstadt zurück. Im Jahre 1502 wählte ihn 
der Herzog Caesar Borgia zu seinem General-Ingenieur und 
übertrug ihm die Ausführung und Beaufsichtigung der Festungs- 
bauten in Umbrien und der Romagna; mit Werken des Krieges 
und Friedens beschäftigt, verlebte er nun fast ein Jahrzehnt in 
verschiedenen Städten Nord- und Mittelitaliens, bis ihn 1512 
der Ruf des Papstes zu einer Übersiedelung nach Rom be- 
stimmte. Die persönlichen und die künstlerischen Verhältnisse 
daselbst befriedigten jedoch Lionardo so wenig, daß er bereits 
nach zwei Jahren die ewige Stadt wieder verließ und sich erst 
nach Florenz, dann nach Mailand begab; 1516 entschloß er 
sich, ein Anerbieten König Franz I. von Frankreich anzunehmen, 
und folgte ihm nach Paris. Ohne dort die gehoffte Befriedigung 
gefunden und die verheißene Reihe großer Werke auch nur 
begonnen zu haben, verschied Lionardo im 67. Jahre seines 
Lebens am 2. Mai 1519 zu St. Cloud, und wurde in der Kirche 
St. Florentin bei Amboise beigesetzt; 1863 ließ Napoleon III. 
das damals wieder aufgefundene Grab würdig erneuern und 
mit einem Denksteine versehen, und 1871 setzte auch die Stadt 
Mailand dem großen Meister, dem sie so vieles zu danken hat, 
ein kostbares Monument. 

Seine sämtlichen Manuskripte hinterließ Lionardo testa- 
mentarisch seinem Freunde Melzo, der sie zunächst getreulich 
bewachte, ja fast geheim hielt. Mit Ausnahme des „Buches 
von der Malerei" war bei Lebzeiten des Verfassers so gut wie 
nichts aus seinen Handschriften veröffentlicht worden, und da 
Lionardo diese außerordentlich hoch hielt, so erscheint es 
fast unbegreiflich, daß man nicht alsbald an eine Drucklegung 
heranging; das Rätselhafte dieser Unterlassung löst sich jedoch, 
wenn man bedenkt, daß die Manuskripte, in freiester, ursprüng- 
lich wohl rein tagebuchartiger Form, über die verschiedensten 
und entlegensten Gegenstände in abgerissener, oft nur an- 
deutender Weise und ohne jede systematische Ordnung be- 



LIONARDO DA VINCI ALS GELEHRTER UND TECHNIKER 349 

richten, daß sie wissenschaftliche Probleme aller Art befassen,, 
für die den Freunden und Schülern Lionardos jegliches Ver- 
ständnis fehlte, ja fehlen mußte, und endlich, daß sie in so- 
genannter Spiegelschrift, also in verkehrter Lage, und dabei 
mit sehr feinen und flüchtigen Zügen niedergeschrieben sind, 
weshalb ihre Entzifferung ganz ungewöhnliche Schwierigkeiten 
bietet. 

Nur so ist es zu erklären, daß Lionardos Schriften un- 
gelesen und unverstanden blieben, so daß schon der bekannte 
Kunstschriftsteller und Künstlerbiograph Vasari (1511 bis 1574) 
nur mehr ihr Vorhandensein erwähnt, über ihren Inhalt aber 
nichts zu berichten weiß. Nach Melzos Tode wurden sie in 
sträflicher Weise vernachlässigt und zersplittert, gelangten aber 
schließlich, unter merkwürdigen und wechselvollen Schicksalen, 
und mindestens in ihren Hauptteilen wieder vereinigt, in die 
Mailänder ambrosianische Bibliothek, die sie, in vierzehn Folianten 
angeordnet, als einen ihrer größten Schätze hütete. Der großen 
Plünderung Italiens durch die Franzosen fielen 17Q6 auch diese 
Bände zum Opfer und wurden nach Paris gebracht; die Ver- 
pflichtung, sie zurückzugeben, wurde zwar nach dem Zusammen- 
bruche der Napoleonischen Herrschaft ausdrücklich anerkannt, 
jedoch nur betreff eines einzigen Bandes erfüllt, während die 
übrigen für ,; unauffindbar" galten, und erst mehrere Jahre 
später, als niemand mehr an das gegebene Versprechen zu er- 
innern wagte, wieder in der Pariser Bibliothek auftauchten, in 
der sie sich noch gegenwärtig befinden. Der nach Mailand 
zurückerstattete Foliant ist der berühmte w Codex atlanticus", 
der über 1750 Figuren und Zeichnungen enthält; einen weiteren, 
ebenfalls reich illustrierten Band besitzt die Londoner Biblio- 
thek, während zahlreiche andere, mit Niederschriften und Hand- 
zeichnungen mannigfaltigen Inhaltes bedeckte einzelne Blätter, 
— deren der ursprüngliche Nachlaß mindestens viertausend 
gezählt haben soll — , in die verschiedensten städtischen oder 
privaten Büchersammlungen Europas gelangten. 



350 LIONARDO DA VINCI ALS GELEHRTER UND TECHNIKER 

Eine gute Frucht trug übrigens der Raub der Li onar do- 
schen Schriften durch die Franzosen: man begann ernsthche 
Versuche zu ihrer Entzifferung, deren erste, durch Venturi 
veröffentHchten Ergebnisse bereits das größte Staunen der ge- 
samten Gelehrtenwelt hervorriefen. Seither fehlte es zwar 
diesem verdienten Manne niemals ganz an Nacheiferern, und 
Lionardos Aufzeichnungen wurden von Angehörigen ver- 
schiedener wissenschaftlicher Disziplinen wiederholt zu Zwecken 
bestimmter Spezialgebiete durchforscht; vollständige, den höheren 
Anforderungen der Kritik entsprechende Ausgaben der Pariser 
und Mailänder Codices sind aber erst in neuester Zeit be- 
gonnen, und der großen Schwierigkeiten und Unkosten halber 
nur langsam gefördert worden. Mit Ausnahme des »Buches 
von der Malerei", das 1651 zuerst in italienischer Sprache und 
seither auch in vielen Übersetzungen gedruckt wurde, liegt 
daher gegenwärtig noch keines der Werke Lionardos voll- 
ständig vor, und die Wahrscheinlichkeit ist deshalb groß, daß 
wir in vieler Hinsicht immer noch erst Bruchstücke ihres reichen 
Inhaltes kennen, und von künftigen Jahren noch so manche 
Vervollständigung und Bereicherung unseres bisherigen Wissens 
zu gewärtigen haben. 

Bevor wir an eine Schilderung der Leistungen Lionardos 
auf den einzelnen Gebieten der Wissenschaft und Technik 
herantreten, sei zunächst seiner allgemeinen, durch Klarheit 
wie Aufgeklärtheit in gleicher Weise hervorragenden Grund- 
anschauungen gedacht. 

Mit Entschiedenheit vertritt Lionardo den Standpunkt, 
daß die Welt, soweit menschliche Kräfte sie überhaupt zu er- 
fassen vermögen, für den Menschen auch verständlich, und 
durch eine richtig geleitete Anwendung seiner Vernunft erklär- 
lich sei, so daß es nirgends notwendig bleibe, seine Zuflucht 
zu ;; Wundern" oder »Geheimkräften" (qualitates occultae) zu 
nehmen. Vorgefaßte Meinungen und allen Autoritätsglauben 



LI ON ARBO DA VINCI ALS GELEHRTER UND TECHNIKER 351 

hat man hierbei freilich abzutun, und nicht aus Büchern zu 
lernen, deren Verfasser vielleicht selbst kein rechtes Verständnis 
für die Natur besaßen, sondern ausdieserselbst. Die Wunder- 
werke der Natur aber werden allein durch die Erfahrung 
erleuchtet; diese täuscht uns niemals, sondern nur unser Urteilen 
führt zu Irrtümern, indem wir aus unseren Wahrnehmungen 
unberechtigte Folgerungen ziehen. Beobachtungen und Ver- 
suche sind also die einzig zuverlässigen Grundlagen für wissen- 
schaftliche Forschungen; sie vermitteln der Vernunft, die außer- 
halb der Sinne steht, die Sinneseindrücke, aus denen jene dann 
ihre Schlüsse zu ziehen hat, und lehren sie diese Schlüsse prüfen 
und berichtigen. Daher ist alles Wissen eitel und voll von 
Irrtümern, das nicht von der sinnlichen Erfahrung, der Mutter 
aller Gewißheit, zur Welt gebracht wird, und nicht mit wohl- 
überlegten Versuchen abschließt, von richtig wahrgenommenen 
und wohlverstandenen Anfängen aus durch richtige Folgerungen 
stufenweise zum Ziele schreitend. Mit der Erfahrung, dieser 
Meisterin aller Meister, ist stets zu beginnen; sie führt in jedem 
Einzelfalle zur Entdeckung der Wahrheit und gestattet, aus der 
Summe der Wahrheiten vieler Einzelfälle die allgemeine Wahr- 
heit als ,, Generalregel" abzuleiten. Die Summe dieser General- 
regeln wieder ergibt eine nTheorie", die sich zur «Praxis« 
verhält wie der Feldherr zu seiner Armee. Eine Praxis ohne 
wissenschaftliche Grundlage gleicht einem Schiffe ohne Steuer 
und Kompaß: Niemand weiß sicher zu sagen, wohin die Fahrt 
geht; man studiere also stets zuerst die Theorie einer Wissen- 
schaft und verfolge dann an ihrer Hand die Praxis, die aus ihr 
hervorgeht. Von Tatsachen und Beobachtungen ist auszugehen, 
nicht von Worten; alles Wissen, das nur auf Worte hinausläuft, 
erstirbt, sowie es ins Leben treten soll: beim Disputieren z. B. 
über die Wesenheit Gottes oder der Seele, wird alsbald, weil 
Vernunftgründe und klare Einsicht fehlen, Geschrei an deren 
Stelle treten; das aber ist stets das Zeichen, daß es mit den 
geistigen Gründen zu Ende geht. 



352 LIONARDO DA VINCI ALS GELEHRTER UND TECHNIKER 

Diese klaren, sein Zeitalter nicht weniger durch vollständige 
Neuheit als durch unerhörte Kühnheit überraschenden Äußer- 
ungen Lionardos mögen genügen, um auf die Richtung seiner 
Denkweise einen Schluß zu gestatten; daß er solche Wahrheiten 
nicht nur richtig erkannt, sondern auch durch die eigene Tat 
praktisch bewährt hat, werden unsere folgenden Betrachtungen 
ergeben. Jedenfalls ist aber Lionardo, mit weit größerem 
Rechte wie der ein Jahrhundert spätere Bacon von Verulam, 
als Schöpfer oder Neubegründer der induktiven Methode an- 
zusehen, und als einer der Ersten, wenn nicht der Erste, der es 
unternahm, die Gesamtnatur in einheitlicher Weise, und von 
den allgemeinen Grundgesetzen der Erfahrung ausgehend, syste- 
matisch zu erklären. 



Den verschiedenen Zweigen der Mathematik wandte 
Lionardo große Aufmerksamkeit zu, »denn allein wo Mathe- 
matik anwendbar ist, herrscht Gewißheit, und nur soweit sie 
sich anwenden läßt, steht das Wissen unbedingt fest". Die 
zahlreichen Rechnungen und geometrischen Figuren in Lio- 
nardos Manuskripten zeugen für die Gründlichkeit seiner 
Studien, die sich, wie wir hier zufällig wissen, besonders auch 
auf die Werke des Archimedes erstreckten. Daß Lionardo 
die Zeichen + und — in die Arithmetik eingeführt habe, ist 
unrichtig, daß er sie in Italien zuerst benutzte, fraglich; was 
die Geometrie betrifft, so beschäftigte er sich vielfach mit den 
sogenannten Stern polygonen und mit der Abwickelung krummer 
Flächen und ihrer Darstellung in der Ebene, ferner bestimmte 
er die Lage des Schwerpunktes verschiedener Körper (z. B. der 
Pyramide durch Zerlegung in Teilkörper vermittelst parallel 
zur Basis geführte Schnitte), und versuchte sich an der Qua- 
dratur des Kreises, die er als ein unlösbares Problem erkannte. 
Großen Reiz boten ihm Aufgaben aus der angewandten Geo- 
metrie; so z. B. erfand er einen Proportionalzirkel und ein 



LIONARDO DA VINCI ALS GELEHRTER UND TECHNIKER 353 

Ellipsenrad, und trachtete, die Regeln des sogenannten „gol- 
denen Schnittes" zu künstlerischen, aber auch zu praktischen 
Zwecken zu verwerten, u. a. zur Herstellung möglichst wohl- 
gefälliger, deutlicher, leicht leserlicher Zahlen und Buchstaben, 
für die er, als eifriger Liebhaber der Kalligraphie, ein ganz 
besonderes Interesse besaß. 



Zahlreich und bedeutsam sind Lionardos Leistungen auf 
fast allen Gebieten der Physik; die Methode der experimen- 
tellen Forschung, in Verbindung mit seinen mathematischen 
Kenntnissen, führte ihn hier fast bei jedem Schritte zu den 
schönsten Ergebnissen. 

In der Optik fesselte ihn schon frühzeitig die Reflexion 
des Lichtes, die er als einen der Stoßwirkung analogen Vor- 
gang ansah; er entwickelte die Theorie der Spiegelreflexion, 
fand die Gesetze auf, nach denen die Reflexion seitens krummer 
und sphärischer Spiegel berechnet werden kann, und kon- 
struierte Bahnen und Schnittpunkte der zurückgeworfenen 
Strahlen für alle diese Fälle. Mit der Brechung, vielleicht auch 
mit der Beugung des Lichtes war er vertraut, und gab, auf 
Grund zutreffender Anschauungen über Gang und Fortpflanzung 
der Lichtstrahlen, zuerst die richtige Erklärung der Camera 
obscura (ohne Linse!), eines Apparates, den er allem Anscheine 
nach selbst oder doch selbständig erfunden hat. Sogleich ge- 
langte er aber auch zum Schlüsse, daß der Vorgang beim 
Sehen dem in der Camera obscura analog sein müsse, und 
zeigte durch Anfertigung eines künstlichen Auges, daß das 
Auge in der Tat nach Art einer Camera funktioniere; über 
die Bedeutung der einzelnen Teile des Auges, namentlich der 
Linse, besaß er durchaus korrekte Vorstellungen, desgleichen 
über die Lage der Bilder auf der Netzhaut, und über die, 
durch die verschiedene Stellung der beiden Augen bedingte 
Verschiedenheit der beiden Bilder, die er als Ursache des 

V. Lippmann, Beiträge. 23 



354 LIONARDO DA VINCI ALS GELEHRTER UND TECHNIKER 

körperlichen Sehens erkannte, d. h. des Sehens unter Hinzu- 
fügung der im einzelnen Bilde nicht enthaltenen Tiefen- 
dimensionen. Da Lionardo auch das Aufrechtsehen des auf 
der Netzhaut verkehrt erscheinenden Bildes, sowie das Einfach- 
sehen der in zwei Augen wiedergespiegelten Gegenstände als 
physiologische Akte erklärte, da er die Dauer der Eindrücke 
im Auge sowie die Phänomene der Irradiation und der Nach- 
bilder einer näheren Prüfung unterwarf, und endlich auch Ver- 
suche über die subjektiven Farben und die Gesetze ihrer 
Reihenfolge anstellte, so darf er mit vollem Rechte als Be- 
gründer der physiologischen Optik bezeichnet werden. - Von 
den physiologischen Farben ausgehend, gelangte Lionardo 
zu seiner Farbenlehre und zur Deutung der farbigen Schatten, 
sowie der Bläue des Himmels; über die „Gesetze des Lichtes 
und Schattens" verfaßte er eine eigene Abhandlung, aus der 
er wohl manches in das „Buch von der Malerei" herübernahm. 
Dieses Buch entwickelt u. a. die Regeln der Licht- und Schatten- 
gebung, die Theorie der linearen und der Luftperspektive, so- 
wie die Gesetze der Verkürzung, mit unübertrefflicher Klarheit 
und Anschaulichkeit, und kann in künstlerischer Hinsicht noch 
heute ebenso als Fundamentalwerk gelten wie zu Zeiten Cor- 
reggios, der es ,; seinen besten und zuverlässigsten Lehrer" 
nannte; Lionardo selbst erklärte die Lehre von der Perspektive 
für „die Wurzel der ganzen Malerei", vermöge derer das Auge, 
„dieses Fenster der Seele", erst „zum zweiten Male, aber nun 
wahrhaft und untrüglich, zu sehen erlerne". 

Besondere Vorliebe besaß Lionardo für die eigentliche 
reine Mechanik, die er „das Paradies der mathematischen 
Wissenschaften" zu nennen pflegte, und deren sämtliche Haupt- 
zweige er, nicht nur von statischen, sondern, — als Erster — , 
auch von dynamischen Gesichtspunkten aus, neuen und origi- 
nellen Betrachtungen unterwarf. 

Ursache aller Bewegungen ist allein ein Aufwand von 
Kraft, die selbst unsichtbar und unkörperlich ist, jedoch, in ge- 



LIONARDO DA VINCI ALS GELEHRTER UND TECHNIKER 355 

gebener Stärke auf gegebene Körper einwirkend, ihnen eine 
sichtbare und meßbare Bewegungsgröße erteilt, d. h. sie mit 
einer bestimmten Geschwindigkeit nach einer bestimmten 
Richtung in Bewegung setzt. Der bewegte Körper „wuchtet" 
in der Richtung seiner Bewegung, er besitzt eine gewisse 
»Wirkungsfähigkeit" („peso", heute kinetische Energie genannt), 
so daß er nur durch Aufwand einer neuen Kraft wieder zur 
Ruhe gebracht werden kann, und zwar der nämhchen, die er- 
forderhch war, um ihn aus dem Zustande der Ruhe in den 
der Bewegung zu versetzen. Veränderungen der Geschwindig- 
keit oder der Richtung, durch Widerstände, Stöße, Reibungen u.s.f., 
sind mit einem entsprechenden Verluste an „Wirkungsfähigkeit" 
verbunden; wären solche ganz auszuschließen, so würde jeder 
Körper endlos in Geschwindigkeit und Richtung seiner Be- 
wegung bezw. in völliger Ruhe verharren, „denn jedes Ding 
trachtet, sich in seinem gegebenen Zustande zu erhalten". Dies 
ist das Gesetz der Trägheit, für das Lionardo verschiedene 
Beweise anführt, u. a. die Möglichkeit, aus einer Säule von 
Brettspielsteinen vermittelst eines raschen Schlages einen ein- 
zelnen herauszuwerfen. 

Die „Wirkungsfähigkeit" kann benützt werden, um eine 
gewisse Menge Arbeit zu verrichten; wer dies nicht einsieht, 
möge überlegen, daß, wenn er z. B. Wasser nach dem Gewichte 
kaufte, es für ihn nicht einerlei wäre, ob er einen toten Sumpf 
oder einen Bach mit Gefälle erwürbe, denn nur in letzterem 
ist das Wasser arbeitsfähig, in ersterem aber nicht. Bei der 
Messung der Arbeit ist zu berücksichtigen, daß sie bei gleicher 
Größe aus verschiedenen Faktoren zusammengesetzt sein kann: 
es wird z. B. die nämliche Arbeit verrichtet, wenn man ein ge- 
gebenes Gewicht auf eine bestimmte Höhe, oder wenn man die 
Hälfte dieses Gewichtes auf die doppelte Höhe erhebt. Ohne 
Arbeitsaufwand läßt sich aber auch keine Leistung erzielen, und 
diese einfache Tatsache ergibt ohne weiteres, daß die Konstruktion 
eines „Perpetuum mobile" unmöglich und unausführbar ist. 

23* 



356 LIONARDO DA VINCI ALS GELEHRTER UND TECHNIKER 

Die den Körpern erteilten Bewegungen können gleich- 
förmige oder ungleichförmige sein, je nachdem der durch- 
laufene Raum der Zeit direkt proportional ist, oder nicht; 
wirken auf einen Körper gleichzeitig mehrere Kräfte ein, so 
läßt sich, auch wenn ihre Richtungen nicht aufeinander senk- 
recht stehen, die Größe und Richtung der schließlichen Be- 
wegung nach dem Gesetze des Parallelogrammes der Kräfte 
ermitteln und vorausberechnen. Unter den ungleichförmigen 
Bewegungen ist die wichtigste der freie Fall; Lionardo er- 
kannte ihn zutreffend als eine gleichmäßig beschleunigte Be- 
wegung, vermochte aber den wahren Zusammenhang zwischen 
Geschwindigkeit und Fallzeit nicht ausfindig zu machen, und 
glaubte, die Fallgeschwindigkeiten wüchsen in arithmetischem 
Verhältnisse. Auch irrte er in der Annahme einer Beein- 
flussung der Schwere durch die Erwärmung der Körper (zu 
der er durch unrichtige Deutung eines Versuches kam), sowie 
in der Voraussetzung eines rascheren Fallens der spezifisch 
schwereren Substanzen; dagegen bemerkte er bei seinen Ver- 
suchen, bleierne und hölzerne Kugeln von hohen Türmen 
herabfallen zu lassen, zuerst die Abweichung der Falllinie der 
Bleikugeln von der Vertikalen, und erklärte sie mit staunens- 
wertem Scharfsinne in richtiger Weise aus der Achsendrehung 
der Erde. — Außer dem freien Falle untersuchte Lionardo 
auch den Fall auf dem Kreisbogen (wobei er feststellte, daß 
die Fallzeit auf diesem geringer sei als die auf der zugehörigen 
kürzeren Sehne), sowie den Fall auf der schiefen Ebene. 

Für die einfachen Maschinen leitete er die Gleichgewichts- 
bedingungen ab, und sprach das sogenannte Prinzip der vir- 
tuellen Geschwindigkeiten aus, indem er angab, die Größen 
der im Gleichgewichte befindlichen Kräfte verhielten sich um- 
gekehrt wie diese virtuellen Geschwindigkeiten. Das Hebel- 
prinzip stellte er in seiner allgemeinen Form auf, erfaßte den 
Begriff der statischen Momente oder Drehungsmomente der 
Kräfte, und leitete auf Grund derselben die Hebelgesetze auch 



LIONARDO DA VINCI ALS GELEHRTER UND TECHNIKER 357 

für den Fall schief angreifender Kräfte ab. Die schiefe Ebene, 
die Rolle, das Rad an der Welle, u. s. f., betrachtete er als be- 
sondere Fälle des Hebels, und zeigte, wie für sie und ihre 
Kombinationen (z. B. die der Rollen zum Flaschenzuge) die 
Verhältnisse zwischen Kraft und Last leicht und mit großer 
Sicherheit berechnet werden können; daß Lionardo bei seinen 
zahlreichen Bauten die gewaltigsten Lasten in gewünschter 
Weise zu heben und zu bewegen verstand, und oft auch von 
Anderen in dieser Hinsicht um Rat und Hilfe angegangen wurde, 
ist jedenfalls in erster Linie diesen seinen theoretischen Ein- 
sichten zuzuschreiben. 

Über den Stoß und seine Gesetze besaß Lionardo zu- 
treffende, und zur Erklärung auch einer Anzahl verwickelterer 
Fälle ausreichende Vorstellungen. Das nämliche gilt für die 
Reibung; er kannte den Zusammenhang zwischen den Größen 
der Oberflächen, der Belastungen, und der Reibung, und stellte 
experimentell auch die Beträge für verschiedene Fälle der 
Zapfen-, Räder-, Achsen- und Lagerreibung fest. 

Die richtige Auffassung des Stoßes führte Lionardo zu 
der der Wellenbewegung, denn die Welle läßt sich als Folge 
eines Stoßes betrachten, durch den der betroffene Körper nur 
gehoben und gesenkt, nicht aber von seinem Platze weiter- 
befördert wird; Beispiele hierfür sind das vom Winde bewegte 
Kornfeld, und der auf dem Wasser schwimmende, nur auf- 
und niedersteigende, aber seinen Ort nicht verlassende Stroh- 
halm. Nicht die Materie als solche schreitet fort, sondern nur 
die Form der Bewegung, und zwar erfolgt die Fortpflanzung 
der Wellenberge und -täler nach bestimmten, mathematisch 
angebbaren Gesetzen, aus denen auch die Erscheinungen voraus- 
berechnet werden können, die beim Zusammentreffen, beim 
Kreuzen und Schneiden gleich- und ungleich-großer und -rascher 
Wellenzüge, sowie bei der Reflexion der Wellen eintreten 
müssen, und auch tatsächlich eintreten. Die Analogie lehrt, 
auch den Schall als eine Wellenbewegung in der Luft aufzu- 



358 LIONARDO DA VINCI ALS GELEHRTER UND TECHNIKER 

fassen, Versuche über die Geschwindigkeit seines Fortschreitens 
anzustellen, und die Regeln des Echos aus denen der Reflexion 
abzuleiten; als Bestätigung für die Wellennatur des Schalles 
kann das Mittönen gleichgestimmter Saiten und Glocken beim 
Anschlagen ihres Grundtones dienen, sowie die Entstehung 
der Staubfiguren auf flachen, durch Töne in regelmäßige 
Schwingungen versetzten Platten. 

Die Mechanik der Flüssigkeiten läßt Gesetze besonderer 
Art erkennen, die mit deren eigentümlichem physikalischem 
Zustande zusammenhängen; die Flüssigkeiten sind nämlich von 
molekularer Beschaffenheit, die ihre geringe Zusammendrück- 
barkeit und große Beweglichkeit bedingt, für die es ein schönes 
Beispiel bietet, daß Wasser in einem rotierenden Gefäße allein 
infolge der Zentrifugalkraft an den Wänden in die Höhe steigt. 
Lionardo kennt die Gesetze der kommunizierenden Röhren, 
und die Regel, daß sich die Höhen zweier im Gleichgewichte 
befindlichen Flüssigkeitssäulen (z. B. Wasser und Quecksilber) 
umgekehrt wie die spezifischen Gewichte verhalten; auch weiß 
er, daß der in einem der Schenkel ausgeübte Druck sich gleich- 
mäßig fortpflanzt, und gründet hierauf die Konstruktion einer 
hydraulischen Presse, deren Zeichnung vorhanden ist. Vertraut 
ist er ferner mit den Erscheinungen der Kapillarität, mit den 
Gesetzen des Schwimmens, und mit der Abhängigkeit des 
Bodendruckes von der Höhe des Flüssigkeitsstandes; endlich 
bestimmte er die Mengen und Geschwindigkeiten des aus 
Hebern und Gefäßen unter verschiedenen Druckhöhen aus- 
fließenden Wassers, beobachtete das Entstehen und die Formen 
der oberhalb der Gefäßöffnungen auftretenden Wirbel, und be- 
merkte die charakteristischen Gestaltsveränderungen der aus 
Öffnungen verschiedenartigen Querschnittes austretenden Wasser- 
strahlen. 

Auch die Mechanik der Luft ist, so wie die der Flüssig- 
keiten, durch deren spezifische Beschaffenheit bedingt: die Luft 
ist außerordentlich leicht, dünn, und elastisch, besitzt aber doch 



LIONARDO DA VINCI ALS GELEHRTER UND TECHNIKER 359 

eine ganz bestimmte Dichte und Schwere. Diese Dichte ist 
viel kleiner als die des Wassers (woraus sich die Anwendung 
der Luft zum Füllen der Schwimmgürtel erklärt), muß jedoch 
offenbar desto größer sein, je näher sich die Luft an der Erd- 
oberfläche befindet, und desto kleiner, je stärker die Luft er- 
wärmt wird, da heiße Luft das Bestreben zeigt, nach oben zu 
schweben; von dieser Eigenschaft machte Lionardo gelegent- 
lich seiner Flugversuche eine Nutzanwendung, indem er kleine, 
mit Wachs gedichtete Ballons durch eingeblasene heiße Luft 
zum Aufsteigen brachte. Die Dichte der Luft erhellt ferner aus 
ihrer Fähigkeit, Windmühlen in Bewegung zu setzen, aus ihrem 
Widerstände, der den Flug der Vögel ermöglicht, und aus 
ihrer großen Tragfähigkeit für ausgedehnte, aber spezifisch 
leichte Gegenstände, z. B. die von Lionardo erdachten Fall- 
schirme, die es selbst einem Menschen gestatten würden, sich 
aus großen Höhen ohne jede Gefahr auf die Erde niedersinken 
zu lassen; das Schweben und Schwimmen in der Luft unter- 
liegt den nämlichen Gesetzen wie das im Wasser, und da sich 
die Dichte der Luft ändern kann, z. B. wenn sie erwärmt wird, 
so müssen sich auch die Gewichte aller Körper etwas ver- 
änderlich zeigen, wenn sie in ungleich dichter Luft bestimmt 
werden. Die Elastizität der Luft endlich äußert sich in deren 
großer Kompressibilität, die z. B. beim Einsinken der Taucher- 
glocken deutlich zu beobachten ist; da aber die Luft ebenso 
wie zusammengedrückt auch verdünnt werden kann, ohne daß 
sich aus irgend zureichenden Gründen eine letzte Verdünnungs- 
grenze annehmen ließe, so erklärt Lionardo, im Gegensatze 
zu allen seinen Zeitgenossen und fast allen seinen Vorgängern, 
einen luftleeren Raum für sehr wohl denkbar, und vermutet 
sogar, daß eben die Existenz eines solchen Vakuums, in Ver- 
bindung mit der Schwere und dem Drucke der Luft, das Auf- 
steigen des Wassers in den Pumpen ermögliche. 



360 LIONARDO DA VINCI ALS GELEHRTER UND TECHNIKER 

Die nämlichen mechanischen Gesetze, die die Be- 
wegungen der irdischen Körper regeln, regieren auch die 
der himmlischen, und man bedarf keiner besonderen An- 
nahmen zur Erklärung der kosmischen Vorgänge. Die Be- 
wegungen der Planeten, — die sich Lionardo 1489, gelegent- 
lich eines Festspieles bei der Hochzeit des Herzogs Sforza, 
durch mechanische Vorrichtungen nachzuahmen bemühte — 
bieten zwar der Deutung viele und große Schwierigkeiten, 
doch ist dies nicht in „Wundern" begründet, sondern in 
unserer Unwissenheit und Voreingenommenheit. So z. B. ist 
es zweifellos, daß die Erde weder im Zentrum der Sonnen- 
bahn liegt, noch im Mittelpunkte der Welt, sondern ein 
Himmelskörper ist wie alle übrigen, vom Monde oder den 
Sternen aus gesehen selbst nur als ein gewöhnlicher Stern 
erschiene, und daher für das Weltganze keine größere Be- 
deutung hat als irgend ein anderer Planet; wenn man den 
Sternen das Funkeln und das Zurückwerfen des Sonnenlichtes 
als charakteristische Eigenschaften zuschreibt, so ist dies völlig 
unberechtigt, denn das Funkeln kommt den Sternen als solchen 
überhaupt nicht zu und ist rein physiologisch zu erklären, das 
Sonnenlicht reflektiert aber auch die Erde, und bewirkt da- 
durch die schwache Sichtbarkeit des Mondes unmittelbar vor 
und nach Neumond, die bisher allen Beobachtern rätselhaft 
blieb. Ebenso ist es gewiß, daß die Erde außer der Bewegung 
um die Sonne auch eine Drehung um ihre Achse vollzieht, und 
daß sie von kugelförmiger Gestalt ist. Allerdings widersprechen 
diese Anschauungen gewissen althergebrachten Lehren, doch darf 
man sich durch Vorurteile nicht beeinflussen lassen, denn es ist z. B. 
bekannt, daß der heilige Augustinus die Existenz der Anti- 
poden leugnete, während sie jetzt durch die Entdeckung Amerikas 
bewiesen ist, woraus sich ergibt, daß in derlei Dingen 
selbst Kirchenväter und Heilige irren können. — Ob 
kartographische Skizzen mit den Umrissen der neuen Welt, 
sowie ein Brief von 1473 an Columbus, tatsächlich von Lio- 



LIONARDO DA VINCI ALS GELEHRTER UND TECHNIKER 361 

nardo herrühren, erscheint mehr als zweifelhaft; Landaufnahmen, 
Vermessungen, und genau ausgearbeitete topographische Pläne 
sind aber von seiner Hand in großer Zahl vorhanden. 



Was die Chemie anbelangt, so hat sich Li o nardo mit 
den Eigenschaften einer großen Anzahl von Rohstoffen und 
technischen Produkten praktisch bekannt gemacht, da er ge- 
wohnt war, alle seine Farben und Firnisse selbst zu bereiten; 
wie Vasari erzählt, erregte er hierdurch den Unwillen des 
Papstes Leo X., „der, statt eines Malers, einen Firnißkocher 
nach Rom berufen zu haben schien". Daß Lionardo zuweilen 
seinen selbstgewonnenen Farbstoffen allzu rasch vertraute, soll 
aber auch ihm selbst manchen Schaden zugefügt, und nament- 
lich den unerwartet schnellen Verfall seines künstlerischen 
Hauptwerkes, des „Abendmahles" im Refektorium zu Mailand, 
mitverschuldet haben. — Genau bekannt war er mit der Dar- 
stellung und Verwendung des Schießpulvers, sowie mit der 
Gewinnung seiner Bestandteile und ihrer Reinigung durch 
Kristallisation und Sublimation. Auf Grund dieser und anderer 
Kenntnisse erklärte er die Alchemie für eine lügnerische und 
verderbliche Kunst, die Alchemisten für Schwindler und Be- 
trüger, und die künstliche Darstellung des Goldes für ebenso 
unmöglich wie die Quadratur des Kreises oder die Erfindung 
des Perpetuum mobile. Die Energie, mit der er über diese 
drei Lieblingsprobleme seines Zeitalters und zweier folgender 
Jahrhunderte den Stab brach, würde allein schon hinreichen, 
um ewiges Zeugnis für seine Geisteskraft abzulegen! 

Höchst bedeutend sind Lionardos Äußerungen über die 
Luft: sie ist nach ihm kein Element, sondern enthält zwei 
Bestandteile, da sie zwar (wie schon Heraklit und später 
Roger Bacon lehrten) durch das Feuer sowie auch durch 
die Atmung verzehrt wird, aber nicht ganz. Verbrennung 
und Atmung sind nur in der Luft möglich, und machen diese 



362 LIONARDO DA VINCI ALS GELEHRTER UND TECHNIKER 

untauglich, zu weiterer Verbrennung und Atmung zu dienen, 
und zwar in ganz analoger Weise, so daß, wo keine Flamme 
mehr brennt, auch kein Tier mehr zu atmen vermag, und 
umgekehrt; weil aber, wie die Erfahrung lehrt, schlechte und 
verdorbene Luft durch Pflanzen wieder gereinigt und atembar 
gemacht wird, so scheint sie diesen noch zur Nahrung dienen 
zu können. Da bei der Verbrennung ein Teil der Luft ver- 
zehrt wird, so müßte ein Vakuum entstehen, falls nicht weitere 
Luft nachströmte; durch dieses Nachströmen wird aber um- 
gekehrt auch die Intensität der Lichtentwickelung und Ver- 
brennung außerordentlich erhöht. Von solchen Beobachtungen 
ausgehend konstruierte Lionardo den Lampenzylinder, »der 
der Flamme reichlichere frische Luft zuführen, und gleichzeitig 
die unbrauchbar gewordene Luft, diese Exhalation der Flamme, 
ableiten soll"; diese Erfindung ist also keineswegs ein Produkt 
des Zufalles, sondern die Frucht wohlbegründeter Überlegungen. 
— Sehr bemerkenswert ist es, daß Lionardo im Verlaufe der- 
artiger Betrachtungen scharf zwischen der gewöhnlichen und 
der strahlenden Wärme unterscheidet: letztere ist durch Spiegel 
reflektierbar wie das Licht, durch Wassertropfen brechbar, ohne 
sie zu erwärmen, und gelangt überhaupt von einem Punkte zu 
einem anderen, ohne sich auf dem zurückgelegten Wege durch 
Temperaturerhöhung fühlbar zu machen. 



Die praktischen Anwendungen, die Lionardo von 
seinen physikalischen, chemischen und mechanischen Kennt- 
nissen machte, sind geradezu unzählbar, und ihre Mannigfaltig- 
keit muß auch dann immer wieder aufs neue überraschen, 
wenn man es als zweifellos ansieht, daß er die Maschinen, 
Apparate, und Vorrichtungen, von denen seine Skizzenbücher 
meist wohldurchdachte, gründlich durchgearbeitete, und mit 
Rücksicht auf Formschönheit der Teile entworfene Zeich- 
nungen wiedergeben, nicht alle gänzlich neu ersann, vielmehr 



LIONARDO DA VINCI ALS GELEHRTER UND TECHNIKER 363 

seine Ideen häufig nur an schon Vorhandenes knüpfte, und 
dieses weiter entwickelte. Eine vollständige Aufzählung auch 
nur des bisher bekannt gewordenen einschlägigen Inhaltes der 
Manuskripte würde viel zu weit führen, und es mögen daher 
nur die wichtigsten Gruppen kurze Erwähnung finden. Zu 
diesen gehören: 1. Hebezeuge, Krane und Winden, Ketten 
und Kettenglieder (darunter die U-förmigen), Wagenräder, ein- 
rädrige Bergwerkskarren, Laderampen, Türen mit schiefen 
selbstschließenden Angeln und dergl.; 2. Bewegungsmechanis- 
men, u. a. Zahn-, Friktions-, Schrauben- und Kegelräder mit 
gerader und schräger Verzahnung, Federn, Daumenräder, 
Kupplungen, Kurbeln und Doppelkurbeln, Universalgelenke (?), 
Riemscheiben und Riemen, ferner Kurbeln, Zugstangen, Nuten 
und Stifte zur Erzeugung intermittierender, oder hin- und her- 
gehender Bewegungen; 3. Walzen und Pressen zum Profilieren 
von Eisenstäben, Hämmer und Federhämmer, Maschinen zum 
Ziehen und Härten von Metallfedern, zum Feilenhauen, zum 
Hobeln und Sägen von Holz, Stein und Eisen, zum Schlagen 
von Metallplatten und zum Prägen von Münzen und Medaillen; 
4. Webstühle, Tuchscher-, Walk-, Wasch-, Preßmaschinen und 
Kalander, den modernen sehr ähnliche Spinnmaschinen und 
Seilspinnmaschinen (diese alle wohl durch die Industrien Florenzs 
und Bolognas veranlaßt); 5. Gebläse und Gebläsemaschinen 
mit Rückschlagventilen, Zugregulatoren für Kamine mit selbst- 
tätigen Klappen, Heißluftmotoren mit horizontalen Schaufel- 
rädern (z. B. zum Drehen der Bratspieße), Apparate zum Er- 
hitzen und Destillieren von Wasser, Schmelzöfen, Flammöfen, 
und Glasöfen mit vorliegender Feuerung; 6. Landwirtschaft- 
liche Maschinen, als Pflüge, Eggen, Schöpfbrunnen, Quellen- 
bohrer, Bohrmaschinen für Brunnenrohre, Mühlen, und Mahl- 
gänge; 7. Turbinen und Wasserräder (in über 30 Gestaltungen), 
Schaufelräder mit neuartig geformten Schaufeln, Zuleitungen 
des in senkrecht stehenden Rohren aufgesammelten Wassers 
in freier Ausströmung unmittelbar auf die Räder oder in die 



364 LIONARDO DA VINCI ALS GELEHRTER UND TECHNIKER 

Zellen der Turbinen; 8. Hydraulische Pressen, Saug- und Druck- 
pumpen, Feuerspritzen, Kettenpumpen, und eine Art Zentrifugal- 
pumpen; 9. Meßwerkzeuge, u. a. Wagen, Dezimal wagen, Uhr- 
werke mit Balanciers und Horizontalpendeln, Dynamometer, 
Wegemesser, Geschwindigkeitsmesser für fließendes Wasser, 
Logleinen für die Schiffahrt, u. s. f. 

Mit großem Eifer suchte Lionardo auch nach zuver- 
lässigen Grundregeln für die Ausführung von Land- und 
Wasserbauten. So z. B. bestimmte er in eingehendster und 
erstaunlich genauer Weise die relative und absolute Festigkeit 
der Balken gegen Zug, Druck, Biegung, und Knickung, er- 
mittelte Vorschriften für die Prüfung der Festigkeit der Gerüste, 
der Tragfähigkeit von Quer- und Langhölzern in Verbindung 
unter sich und mit Mauerwerk, sowie der Widerstandsfähigkeit 
von Mauern und Fundamenten, und entwickelte eine ausführ- 
liche Theorie der Wölbungen und Bogen; ebenso untersuchte 
er die günstigsten Formen und Stärken für Nägel, Bolzen, 
Keile, Angeln, Holzrammen, und dergl., und gab den zu er- 
wartenden Nutzeffekt, bezw. den aufzuwendenden Kraftbedarf an. 

Besondere Vorliebe hegte er aber für den Wasserbau und 
für die Ausgestaltung seiner theoretischen Unterlagen; reiche 
mathematische Vorkenntnisse und fortgesetzte Versuchsanstell- 
ungen befähigten ihn, feste Regeln für bis dahin rein empirisch 
behandelte Verhältnisse aufzustellen; er berechnete die richtige 
und ausreichende Dimensionierung von Dämmen und Kanälen, 
die Mengen des zu fördernden Wassers, die Einflüsse der 
Kanalprofile und der Form der Ausflußöffnungen auf Leistung 
und Geschwindigkeit der Kanäle, die Druckwirkungen des 
strömenden Wassers auf Sohle und Seitenwände, und deren 
Inanspruchnahme durch Verengungen, Biegungen, und Wirbel. 
Diese seine Kenntnisse bewährte er auch praktisch: in den 
Jahren 14Q3 bis 1497 leitete er die Regulierung des Tessin und 
die Kanalisierungen im Veltlin, legte den noch bestehenden, 
schiffbaren, 200 Miglien langen Martesana-Kanal an, führte das 



LIONARDO DA VINCI ALS GELEHRTER UND TECHNIKER 365 

Wasser der Adda bis Mailand, und erschloß durch sein vor- 
bildliches System der Berieselung, sowie durch die Anwendung 
der künstlichen Bewässerung und Schlammdüngung zur Um- 
wandlung von Sandböden in Ackerfelder, für ganz Norditalien 
eine neue, in ihren Nachwirkungen geradezu unerschöpfliche 
Quelle wirtschaftlichen Wohlstandes. Betreff der Schiffbar- 
machung des reißenden Arno zwischen Florenz und Pisa (1501), 
und der Regulierung der Mündung des Arno (1503), blieb es 
zwar beim bloßen Projekte; dagegen vollendete Lionardo 1506 
noch den Kanal und Hafen von San Cristoforo, nebst Sperr- 
schleusen und Staubassin, zu dessen Errichtung er neue Bagger- 
maschinen, und zu dessen Speisung er die Anlage eines Systems 
artesischer Brunnen erdachte; ferner entwarf er während seines 
Aufenthaltes in Frankreich den Kanal von Romorentin (1517), 
der aber erst nach seinem Tode, genau den hinterlassenen 
Plänen gemäß, ausgeführt wurde. — Durch den Bau dieser 
Wasserstraßen veranlaßt, beschäftigte sich Lionardo auch mit 
dem der Flöße und Schiffe; unter seinen hierher gehörigen 
Zeichnungen bietet eine ganz ungewöhnliches Interesse, weil 
sie die Fortbewegung einer Barke mittels Dampf zum Gegen- 
stande hat; mit der Spannkraft des Dampfes war nämlich Lio- 
nardo wohl vertraut und er schlug u. a. vor, sie zum Heben 
von Wasser, sowie zum Betriebe einer Art Dampfkanonen zu 
benützen. 



In den Kriegswissenschaften besaß Lionardo, wie 
sein bekannter Bewerbungsbrief von 1482 an den Herzog von 
Mailand zeigt, schon in frühen Jahren so außerordentliche 
Kenntnisse, daß man auch hier in fortgesetzter Verlegenheit 
bleibt, sich vorzustellen, wie und wann er sie erwerben konnte. 
Er rühmt sich schon damals, — und wie die Folgezeit bewies 
mit vollem Rechte —, daß er verstehe: das kunstgemäße Ent- 
werfen und Errichten von Land- und Seebefestigungen; den 



366 LIONARDO DA VINCI ALS GELEHRTER UND TECHNIKER 

Bau von Wassergräben und Brücken, von Kriegsschiffen und 
Belagerungsmaschinen; die Anlage der (zu jener Zeit ganz 
neuen) Minen und Gegenminen; die Anfertigung von Hand- 
feuerwaffen, Orgelgeschützen und Mitrailleusen; die Erzeugung 
glatter oder gezogener Kanonen, Mörser und Bombarden, durch 
Guß oder durch Aus- und Nachbohren, mögen es Vorder- 
oder Hinterlader sein; endlich die Anwendung und Herstellung 
aller Zündstoffe und namentlich des Schießpulvers. In der 
Tat finden sich unter Lionardos Skizzen ausführliche Ent- 
würfe zu Pulvermühlen, Mischmaschinen mit Kollergang, Trocken- 
öfen, Sublimationsapparaten für Schwefel, u. s. f.; daß er aber 
auch über die Wirkungsweise des Pulvers richtige Vorstellungen 
besaß, bezeugen die von ihm zuerst angestellten Versuche, die 
Bahnen und Geschwindigkeiten der Geschosse, die Tragweiten 
und ihre Abhängigkeit vom Elevationswinkel, sowie die Effekte 
bleierner und steinerner (nicht eiserner!) Kugeln zu bestimmen 
und zu berechnen, — Versuche, die ihm den Anspruch ver- 
leihen, als Vater der modernen Ballistik bezeichnet zu werden. 



Hinsichtlich der eigentlichen Naturgeschichte (in engerem 
Sinne) ist gleichfalls von wichtigen Leistungen Lionardos zu 
berichten. 

Während die medizinischen Kenntnisse des Altertumes 
von den Arabern sorgfältig gesammelt, überliefert, und in 
vielen Punkten auch wesentlich bereichert worden waren, 
hinderten die religiösen Vorschriften des Korans, weil sie die 
Zergliederung des menschlichen Körpers, ja nach Auffassung 
der Orthodoxen selbst die bildliche Wiedergabe seiner Teile 
verboten, nicht nur jeglichen Fortschritt in der Anatomie, 
sondern ließen sogar die wichtigsten Errungenschaften der 
griechischen Ärzte allmählich in fast völlige Vergessenheit ge- 
raten; auf diesem Gebiete herrschte daher noch bei Beginn 
der Neuzeit eine kaum glaubliche Unwissenheit, die am besten 



LI ON ARBO DA VINCI ALS GELEHRTER UXD TECHNIKER 367 

dadurch gekennzeichnet wird, daß das geschätzteste und be- 
Hebteste Lehrbuch, das des Mondino (1316 verfaßt), das bei- 
nahe zweihundert Jahre lang die alleinige Grundlage des ärzt- 
lichen Studiums bildete, keine einzige Abbildung enthielt! 
Aber auch spätere, gegen Ende des Mittelalters erschienene 
Werke, brachten es bestenfalls nur zu einigen dürftigen, rein 
schematischen Figuren, was nicht Wunder nehmen kann, wenn 
man bedenkt, daß z. B. noch Papst Bonifacius VIII. alle 
wLeichenzergliederer" mit dem großen Kirchenbanne bedroht 
haben soll. So blieb es denn Lionardo vorbehalten, auch 
auf diesem Felde bahnbrechend zu wirken; gemeinsam mit 
dem hochbegabten, leider früh verstorbenen Marcantonio 
della Torre, Professor der Medizin zu Padua, begann er 
1510 eingehende anatomische Studien zu treiben, die wissen- 
schaftliche und künstlerische Zwecke auf das schönste ver- 
mählten. Als Frucht dieser Bemühungen besitzen wir noch 
235 Blätter mit 779 Bildern, den ersten, wirklich richtigen und 
naturgetreuen anatomischen Zeichnungen; sie umfassen Knochen, 
Muskeln und Bänder, Blutgefäße, Venen und Arterien, Gehirn, 
Ohr und Auge, Lunge, Leber und Eingeweide u. s. f., die sie, 
einzeln und in Verbindung miteinander, in mannigfachen An- 
ordnungen und Lagen wiedergeben, sichtlich stets mit größter 
Sorgsamkeit, und in vielen Fällen (der Deutlichkeit wegen) 
auch in den natürlichen Farben. Besonders merkwürdig ist 
aber ein Blatt mit Abbildungen des Herzens, die dessen Klappen- 
apparat, und hauptsächlich die halbmondförmigen Aortenklappen, 
mit solcher Genauigkeit und Schärfe in ihren verschiedenetl 
Stellungen zeigen, daß hier, nach Ansicht Sachverständiger, 
unbedingt eine richtige Vorstellung ihrer Funktion, d. h. der 
Regelung des Blutkreislaufes, zugrunde gelegen haben muß. 

Angeregt durch seine Arbeiten an dem herrlichen Reiter- 
denkmale des Sforza, dessen Modell leider gelegentlich der 
französischen Invasion von rohen Soldaten mutwillig zerstört 
wurde, beschäftigte sich Lionardo auch mit der Anatomie 



368 LIONARDO DA VINCI ALS GELEHRTER UND TECHNIKER 

des Pferdes, die ihn zur vergleichenden Anatomie und zur 
Untersuchung der ÄhnHchkeit und gegenseitigen Bedingtheit 
der Knochen, Muskeln, Bänder u. s. f. hinüberleitete. Neben 1 
der Statik vernachlässigte er aber auch die Dynamik nicht; am 
menschlichen Körper untersuchte er die Bewegungen und 
Gleichgewichtsbedingungen beim Heben, Stemmen, Tragen, 
Werfen und dergl., die ihn zur Auffassung des Gehens als 
eines fortgesetzten Fallens veranlaßten, am Vogelkörper das 
Zustandekommen der Flugbewegungen und die Bedingungen 
des freien Fluges, als deren wesentlichste er das Gewicht des 
Vogels erkannte, und die er wieder zur Konstruktion von Flug- 
maschinen zu verwerten suchte. 



Das Pflanzenreich fesselte Lionardo hauptsächlich durch 
die oft so sichtlich hervortretende Symmetrie von Blättern, 
Blüten und Zweigen, deren Gestaltungen er durch das Ver- 
fahren des Naturselbstdruckes, sowie durch Anfertigung von 
Holzschnitten behufs unmittelbaren Abdruckes in die „Kräuter- 
bücher", festzuhalten suchte. Für Form, Anordnung, und Ver- 
teilung der Blüten und Blätter stellte er Regeln auf, und zeigte, 
daß die Stellung der Blätter oft in wichtiger Beziehung zu 
ganz bestimmten physiologischen Aufgaben steht, z. B. zur Ab- 
leitung des Tropfwassers. Als Erster bezeichnete er die Blätter 
ausdrücklich als Organe der Ernährung, die Licht und Luft 
suchen, woraus es sich erklärt, daß Bäume an den Wald- 
rändern, und an ihnen wieder die äußersten Zweige, sowie 
überhaupt ringsum freistehende Gewächse, stets besser und 
kräftiger gedeihen als die übrigen benachbarten; daß sich 
Pflanzen „vermöge der Luft" (und zwar auch „verdorbener") 
tatsächlich ernähren können, bewies er durch Versuche, er 
züchtete z. B. aus einem kleinen Kürbiskeimlinge, den er in 
einer passenden Wasserschüssel vegetieren ließ, eine aus- 
gewachsene Pflanze, die sechzig Früchte ansetzte. Auf die 



LIONARDO DA VINCI ALS GELEHRTER UND TECHNIKER 369 

Nahrungszufuhr durch die Wurzeln führte er dagegen die 
wichtigen Einflüsse der Bodenbeschaffenheit, der Bewässerung, 
und der Düngung zurück; durch Düngung mit Giften, z. B. 
arseniger Säure und Sublimat, und durch Einspritzen ihrer 
Lösungen in die Saftbahnen, prüfte er auch den Einfluß dieser 
Substanzen auf das Pflanzenwachstum, und die Möglichkeit 
ihrer Überführung in bestimmte Teile der Pflanzen, z. B. in 
die Früchte. 



Die Wasserbauten, die Ausführung der das lombardische 
Schuttland durchschneidenden Kanäle, sowie die Anlage der 
Steinbrüche, die das erforderliche Baumaterial zu liefern hatten, 
lenkten Lionardos Aufmerksamkeit auch auf mineralogische 
und geologische Fragen. Er untersuchte Gestalt und Struktur 
verschiedener Gesteine, bemerkte die Symmetrie der natürlichen 
Kristalle, und erklärte die Versteinerungen von Pflanzen und 
Tieren für Überbleibsel aus längst vergangenen Zeitperioden, 
nicht aber für »Naturspiele", „Erzeugnisse der Sternstrahlen", 
oder „mißlungene Schöpfungsübungen Gottes", als welche sie 
noch die späteren Scholastiker bezeichneten, wenngleich schon 
Xenophanes sowie Herodot die richtige Ansicht ausge- 
sprochen hatten! Aus dem Anblicke der, gelegentlich der 
Kanaldurchstiche, freigelegten Schichten, zog er mit über- 
raschender Einsicht Schlüsse auf ihre Ablagerung, auf die 
Bildung von Gebirgen und Tälern, auf die Erhebung der Kon- 
tinente, und auf die wechselnde Ausbreitung der Ozeane; völlig 
klar war er auch über die grundlegende Bedeutung der Erosion, 
zu deren merkwürdigsten Wirkungen er u. a. die Ausgestaltung 
der südtiroler Dolomitengegenden zählte, deren Kegel und 
Zinnen man auch im landschaftlichen Hintergrunde des wunder- 
baren Bildnisses der Mona Lisa wiedererkennen will, das 
Lionardo vermutlich 1501, während seines Aufenthaltes zu 
Florenz malte. Den Bildungen der Täler und der Herkunft 

▼. Lippmann, Beiträge. 24 



370 LIONARDO DA VINCI ALS GELEHRTER UND TECHNIKER 

ihrer Wasserläufe nachforschend, soll er bis in das Herz der, 
zu jener Zeit fast nie ohne dringendste Not betretenen Hoch- 
alpen vorgedrungen sein, die Schönheiten der alpinen Natur 
gepriesen, und sogar eine Besteigung der Schneegipfel der 
Monte Rosa-Gruppe, — allerdings erfolglos — , versucht haben. 



Die Abhängigkeit des Wasserstandes in Kanälen und 
Flüssen von den Niederschlagsmengen in den sie speisenden 
Gebieten veranlaßte Lionardo auch zu meteorologischen 
Beobachtungen, Als Ursache des Witterungswechsels bezeichnete 
er einerseits die Verdichtungen und Verdünnungen der Luft, 
die die Entstehung von Winden zur Folge haben, andererseits 
die Veränderlichkeit des Wassergehaltes der Luft; zur Be- 
stimmung des letzteren konstruierte er ein Hygrometer, be- 
stehend aus einer kleinen Wage, an deren Armen sich ein 
Stückchen Wachs und ein Bausch Baumwolle in völlig trockenem 
Zustande das Gleichgewicht hielten, während bei nassem Wetter 
die Baumwolle Feuchtigkeit anzog, so daß ihr Hebel herab- 
sank und die Wage einen Ausschlag gab. Auch über kaltem 
Wasser und bei gewöhnlicher Temperatur bilden sich wässerige 
Dünste, die sich allmählich zu Wolken verdichten, die aus 
großen Massen feiner Wassertröpfchen bestehen; ihre Lage ist 
keineswegs durch den Zufall bestimmt, vielmehr bleiben sie 
da schweben, wo sich die Kräfte des Auftriebes und der 
Schwere eben aufheben, so daß sie stets leichter als alles unter, 
und schwerer als alles über ihnen Befindliche sein müssen. 
Daß sich Witterung und Winde nach gewissen Gesetzen ändern, 
und namentlich auch Zusammenhänge zwischen Winden und 
ozeanischen Strömungen bestehen, ist fraglos; doch reichen die 
bisherigen Kenntnisse nicht hin, sie festzustellen, wie man denn 
z. B. nicht einmal weiß, mit welcher Geschwindigkeit sich diese 
Strömungen bewegen. — Aus dem Bestreben, in dieser Richtung 
Messungen vorzunehmen, ist vielleicht die (bereits erwähnte) 



LIONARDO DA VINCI ALS GELEHRTER UND TECHNIKER 371 

Erfindung der Logleine hervorgegangen, über deren praktische 
Anwendung zuerst Toscanelli und Behaim berichten. 



So unendHch ist der Umfang von Lionardos Wissen 
und Können, — das wir immerhin nur seinen Hauptzügen 
nach betrachtet haben, — so groß und mannigfach die Zahl 
der Gebiete, über die es sich erstreckt, daß den Epigonen 
kaum Hoffnung verbleibt, es nur nach allen Seiten voll zu er- 
fassen, geschweige denn zu begreifen, wie das Haupt eines 
Einzigen es je zu erlangen und in sich zu sammeln vermochte. 

Sehen wir Lionardo als Maler, Zeichner, und Bildhauer 
Meisterwerke ersten Ranges hervorbringen; als Architekten den 
Bau des Mailänder Domes betreiben, aber auch wieder ein 
Gartenhaus für Sforzas Gemahlin, vom Bauplane bis zu den 
Einzelheiten der Badeöfen und Leitungshähne herab, mit eigener 
Hand entwerfen und vorzeichnen; neuartige Konstruktionen 
für Theater und Schaubühnen angeben; Triumphbögen und 
Empfangshallen errichten; mit unerschöpflicher Phantasie Feste 
und Aufzüge veranstalten, unvergeßlich wie die bei Sforzas 
Hochzeit und bei der Ankunft König Ludwig XII.; als Ge- 
legenheitsdichter und Improvisator, als Sänger, Lautenschläger, 
und Violinspieler glänzen; Geist, Witz, und Schlagfertigkeit mit 
Schönheit, Gewandtheit, und edler Sitte verbinden; lichtvolle 
Aussprüche über Moral und Religion, Tod und Leiden, Lebens- 
kämpfe und Selbstbeherrschung, Dichtung und Kunst, Politik 
und Handel, Sprache und Grammatik niederschreiben; alle 
Höhen und Tiefen der Wissenschaft durchmessen, und das Er- 
schaute und Erdachte in tausend großen und kleinen Fällen 
tatkräftigen Sinnes nutzbringend verwerten, - so dürfen wir 
bewundernd bekennen, daß die Menschheit wohl nie eine voll- 
kommenere Vereinigung aller körperlichen und geistigen Vor- 
züge hervorgebracht, die Natur kaum je einen Menschen so 
hoch erhoben hat, wie Lionardo da Vinci. 

24* 



372 LIONARDO DA VINCI ALS GELEHRTER UND TECHNIKER 

,;In ihm, der allein eine Akademie war, schlössen sich, — 
so sagt der Historiker Florenzs, Capponi, — das künstlerische 
Schaffen und die Erkenntnis der Natur zur untrennbaren Ein- 
heit zusammen, in ihm vereinigten sich die beiden Strömungen, 
die Italien zur Größe hinantrugen: Kunst und Wissenschaft." 
Humboldt preist ihn im »Kosmos" als den Ersten aller Natur- 
forscher des 15. Jahrhundertes, den erhabenen Geist, »der mit 
ausgezeichneten mathematischen Kenntnissen den bewunderungs- 
würdigsten Tiefblick in die Natur verband", und Burckhardt 
faßt in der »Kultur der Renaissance in Italien" sein Urteil, kurz 
und erschöpfend wie immer, in die Worte zusammen: »Die 
ungeheueren Umrisse von Lionardos Wesen wird man ewig 
nur von ferne ahnen können." 

Doch wie niemals hellem Lichte der Schatten fehlt, so 
mischt sich auch der freudigen Verehrung, mit der wir zu 
dem Staunenswertesten aller Universalgenien aufblicken, ein 
Gefühl des Schmerzes bei; was dem Künstler in reichem 
Maße beschieden war, blieb dem Naturforscher versagt: 
Nachruhm und Nachwirkung. Im Entwickelungsgange der 
Menschheit wäre wohl ein volles Jahrhundert erspart worden, 
hätte die Wissenschaft in jene Richtung, die ihr nun erst 
Galilei wies, schon an Lionardo knüpfend einlenken können; 
sein kühner Geist hatte die neuen Ziele bereits erblickt, die 
neuen Wege bereits betreten, oder wo nicht betreten doch 
vorgezeichnet, und an entschlossenen Nachfolgern hätte es in 
jener Epoche blühenden Aufschwunges gewiß nicht lange ge- 
fehlt, wären nur die Wegweiser aufrecht geblieben, die der 
mutige Bahnbrecher vorauseilend errichtete. Aber eine un- 
glückliche Verkettung von Umständen, die ihre Erklärung teils 
in Lionardos unstetem Leben, teils in den traurigen Schick- 
salen Italiens nach seinem Tode findet, ließ seine Schriften un- 
gelesen und unverstanden verkommen, die Wahrzeichen, die 
er gesetzt, hinsinken, und erst nach Menschenaltern neue Ge- 
schlechter abermals und unter unsäglichen Anstrengungen den 



LIONARDO DA VINCI ALS GELEHRTER UND TECHNIKER 373 

Pfaden nachspüren, die er längst vorher den Schritten der 
Forschenden offengelegt hatte; so ist ihm der Ruhm unermeß- 
lichen Einflusses auf den Fortgang der gesamten Kultur, dessen 
er unter günstigeren Verhältnissen sicher gewesen wäre, ver- 
loren gegangen, und statt an dem einen Namen Lionardos 
zu haften, verteilt er sich auf eine ganze Reihe in jüngeren 
Zeiten erstandener Geisteshelden. 

Daß aber Lionardo die Arbeit, die zum großen Teile 
nachmals durch die mühevolle und gemeinsame Tätigkeit dieser 
Männer aufs neue verrichtet werden mußte, schon einmal, 
selbständig und allein, geleistet hatte, — diese Wahrheit fest- 
zustellen, und ihr zu immer allgemeinerer Anerkennung zu 
verhelfen, bleibt eine Ehrenpflicht der Gerechtigkeit, die zu er- 
füllen die späte Nachwelt den Manen jenes großen Genius noch 
schuldet. 




29 
BACON VON VERULAM 



u den, vor nicht allzu langen Jahren modern gewesenen 
w Rettungen", die den Zweck verfolgten, geschichtlich 
oder literarisch übel beleumundete Individuen vor der 
Mitwelt zu rechtfertigen, sie als Opfer unglückseliger 
Verhältnisse hinzustellen, und ihre wirklichen oder vermeint- 
lichen Verdienste ins rechte Licht zu setzen, befinden sich ge- 
wisse, der jüngsten Zeit angehörige Bestrebungen in auffälligem 
Gegensatze; sie zielen dahin ab, den Ruf hervorragender Persön- 
lichkeiten als erschlichen nachzuweisen, ihnen ihre Leistungen 
abzusprechen, und den Kranz des Ruhmes zu zerpflücken, mit 
dem die Mit- oder Nachwelt edle Häupter gekrönt hat. Daß 
Absonderlichkeiten der einen wie der anderen Art Verbreitung 
und Anhang finden, wird niemanden überraschen, der es gelernt 
hat, die Schwächen der Menschheit und die Größe der von 
allem Paradoxen ausgehenden Macht historisch zu erkennen 
und zu würdigen; Ideen solcher Gattung erfreuen sich, wie man 
wohl sagen könnte, einer komprimierten Unsterblichkeit, die 
sich nicht auf die Zeit, sondern auf den Raum erstreckt: sie 
tauchen auf, fassen Boden, werden urplötzlich aller Orten ver- 
breitet und besprochen, beschäftigen zahlreiche Geister, ver- 
schwinden nach kürzerer oder längerer Frist ebenso rasch wie 

^ Vortrag, gehalten in der Sitzung des „Naturwissenschaftlichen Vereins" 
für Sachsen und Thüringen zu Halle a. S. am 9. Dez. 1897 (s. „Zeitschrift 
für Naturwissenschaften" 1897; Bd. 70, S. 257). 



BACON VON VERULAM 375 

sie entstanden sind, und hinterlassen den späteren Betrachtenden 
nur das Gefühl der Verwunderung, wie denn dergleichen über- 
haupt möglich gewesen sei. 

Als die merkwürdigsten Belege für die zweite Art der ge- 
nannten Bestrebungen kann man den Kampf gegen Lessing 
und den gegen Shakespeare anführen. Lessing betreffend 
sei nur an das, noch in Aller Gedächtnis stehende traurige Ende 
des Professors Albrecht zu Hamburg erinnert, der die ver- 
gebliche Arbeit eines ganzen Lebens daran setzte, um unter 
Aufwand einer beinahe fabelhaften Belesenheit und Gelehrsam- 
keit jenen großen Mann als einen literarischen Freibeuter und 
elenden Plagiator zu entlarven. Was Shakespeare anbelangt, 
so bemüht sich bekanntlich eine nicht geringe Zahl zum Teil 
wissenschaftlich wohl gebildeter Autoren seit Jahren mit dem 
Nachweise, daß er unmöglich der Verfasser der unter seinem 
Namen bekannten Werke gewesen sein könne, und eine kleine 
Bibliothek würde bereits von den Büchern amerikanischen, 
englischen und deutschen Ursprunges erfüllt werden, die sich 
sämtlich mit der Darlegung und Begründung dieser Behauptung 
beschäftigen, und zum übereinstimmenden Schlüsse gelangen, 
daß als wahrer Urheber der Dramen Shakespeares dessen 
großer Zeitgenosse, der englische Lordkanzler Bacon von 
Verulam, betrachtet werden müsse. 

Auf die Einzelheiten dieser sogenannten Shakespeare- 
Bacon- Theorie einzugehen, liegt nicht im Plane des heutigen 
Vortrages, um so mehr, als K. Fischer, Engel, Schipper, 
B ran dl, u. A., deren Unhaltbarkeit in mehr als ausreichender, 
vielleicht nur zuweilen in persönlich allzu scharfer Art, ausein- 
andergesetzt haben. Die Anhänger genannter Theorie ver- 
mochten eben bisher weder die positiven, für die Autorschaft 
Shakespeares zeugenden Tatsachen im geringsten zu wider- 
legen, noch waren sie imstande, auf Inhalt oder Form der 
Werke, auf philologische oder stilistische Forschung, auf poetische 
und künstlerische, historische oder psychologische Wahrschein- 



376 BACON VON VERULAM 

lichkeit gegründete, wissenschaftlich stichhaltige, wirklich ernste 
Beweise für ihre Meinung beizubringen; vielmehr bewegt sich 
fast alles, womit sie diese zu stützen trachten, auf dem Gebiete 
unsicheren Aus- und Unterlegens, willkürlicher oft sogar ge- 
waltsamer Interpretation nach vorgefaßtem Sinne, und subjektiver 
Ausdeutung angeblich vorhandener esoterischer Geheimlehren. 
Dagegen lassen sie Fragen unbeantwortet, die sich jedem Un- 
parteiischen, als einer Lösung schlechterdings bedürftig, sofort 
aufdrängen müssen. Welches war z. B. der Grund, der Bacon 
hätte veranlassen können, die Autorschaft nicht nur der Dramen, 
sondern auch der lyrischen Poesien und erzählenden Dicht- 
ungen, zeitlebens geheim zu halten, ja sie nicht einmal nach 
seinem Tode verkündigen zu lassen? Wie ist es erklärlich, daß 
die angeblich von Bacon besorgte erste Folioausgabe der 
Shakespeareschen Werke von vielen hunderten der gröbsten 
Fehler wimmelt, ja zu den zahllosen Entstellungen und Aus- 
lassungen der alten liederlichen Quart-Editionen (vermutlich 
stenographischer Raubausgaben) noch neue fügt? Wie ist das 
Verhältnis Bacons zu jenen Shakespeareschen Stücken zu 
denken, von denen ältere, wahrscheinlich vor-Shakespearesche 
Fassungen vorliegen? Hat Bacon, da doch Shakespeare nur 
im Zusammenhange mit seinen Vorgängern und Zeitgenossen 
zu erfassen ist, vielleicht auch die Dramen aller Dieser gedichtet? 
Wie können dem gelehrten Bacon die sachlichen Fehler, Wider- 
sprüche und Anachronismen untergelaufen sein, an denen einige 
Werke Shakespeares so reich sind? . . . Über diese und 
zahlreiche ähnliche Punkte geben die Vertreter der Bacon- 
Theorie keine, oder keine hinreichende Auskunft, sondern be- 
gnügen sich zumeist mit Hinweisen auf versteckte Andeutungen 
und geheimnisvolle Auslegungen. Auf wie schwachen Füßen 
diese oft stehen, dafür sei als einziges Beispiel nur angeführt, 
daß u. a. die Anrufung Melpomenes, als der Muse der Tragödie, 
in einem Lobgedichte auf Bacon, für dessen Eigenschaft als 
dramatischen Dichter zeugen soll; mit demselben Rechte könnte 



BACON VON VERULAM ITll 

man aus der bekannten Ode an Melpomene im vierten Buche 
des Horaz folgern, daß dieser ein heimlicher Tragödiendichter 
gewesen sei. 

Unter den Argumenten der Verfechter der Bacon -Theorie 
nimmt jedoch eines eine ganz besonders wichtige, von den 
verschiedensten Seiten wiederholt und nachdrücklich betonte 
Stellung ein. Es lautet in kurzem wie folgt: Die Autorschaft 
der dem Shakespeare zugeschriebenen Werke setzt einen 
hohen, ja ungewöhnlich hohen Grad von Bildung voraus; da 
wir nun angeblich nach den Einen garnicht, nach den Anderen 
nicht genügend, nachzuweisen vermögen, wie Shakespeare zu 
diesem gelangte und gelangen konnte, so folgt daraus, daß er 
ihn garnicht besessen hat. Dagegen besaß ihn keiner seiner 
Zeitgenossen in reicherem Maße als der große Lordkanzler 
Bacon von Verulam; demnach ist dieser als wahrer Verfasser 
der sogenannten Shakespeareschen Werke anzusehen, die 
hervorzubringen auch er allein, als Philosoph, Naturforscher und 
Naturphilosoph ersten Ranges, die wirkliche Befähigung besaß. 

Die geschichtlichen und literarhistorischen Schwächen dieses 
Hauptargumentes sind bereits von den oben genannten Forschern 
endgültig klargelegt worden; bezüglich des materiellen Inhaltes 
scheint es aber an genügender Untersuchung noch zu fehlen. 
Es erhebt sich nämlich die naheliegende Frage: trifft die, als 
selbstverständlich eingeführte Voraussetzung überhaupt zu? war 
Bacon wirklich ein Philosoph, Naturforscher und Naturphilosoph 
ersten Ranges? — oder fällt zugleich mit der Richtigkeit dieser 
Annahme auch die der ganzen Schlußfolgerung? 

Der Lösung dieser Frage näher zu treten, ist der Zweck 
unserer heutigen Besprechung; wir werden zu diesem Ende 
Bacon 's Lebenslauf zu überblicken, und seine Leistungen, 
namentlich auch die in naturwissenschaftlicher Hinsicht, genauer 
zu prüfen haben als dies bisher in der Regel geschehen ist. 
Denn über Bacon haben zwar Viele, deren Worten wir oft zu 
folgen haben werden, ausführlich geschrieben, u. a. Dixon, 



378 BACON VON VERULAM 

K. Fischer, Kirchmann, Liebig, Macaulay, I. de Maistre, 
Montagu, u. s. f.; doch war bei einigen unter diesen das 
Urteil durch Haß oder Liebe arg getrübt, und was die Natur- 
forschung betrifft, so fehlte es ihnen fast allen an eigenem zu- 
reichenden Verständnisse, während Lieb ig wieder sich nur auf 
wenige, zwar sehr charakteristische, aber den gesamten Sach- 
verhalt keineswegs erschöpfende Einzelheiten beschränkte. 



Francis Bacon wurde am 22. Januar 1561 geboren, als 
Sohn des Nicolas Bacon, des Großsiegelbewahrers der Königin 
Elisabeth, und seiner Gemahlin Anna, einer hochgebildeten 
Tochter des durch Gelehrsamkeit und Frömmigkeit gleich be- 
rühmten Cook sehen Hauses; als Kind soll er zart, fast kränklich 
gewesen sein, dabei von großer. Wißbegier und Beobachtungs- 
gabe, so daß seine Frühreife zuweilen die Königin belustigte, 
die ihn scherzend ihren kleinen Siegelbewahrer nannte; das 
Echo und die Kunst des Taschenspieles werden unter den 
Gegenständen aufgeführt, die zuerst die Aufmerksamkeit des 
Knaben fesselten. Von seinem zwölften Jahre ab studierte er auf 
dem Trinity-College zu Cambridge, und zwar, wie bezeugt wird, 
mit großem Fleiße; er verließ es in seinem fünfzehnten Jahre, 
tief abgestoßen von Form und Inhalt der daselbst noch allein- 
herrschenden scholastischen Lehrmethode, jedoch schwerlich 
schon, wie einige behaupten wollen, erfüllt vom Geiste seiner 
späteren größeren Werke. Sein Vater sandte ihn zunächst im 
Gefolge des englischen Gesandten, Sir Faulet, nach Frank- 
reich, dessen politische Verhältnisse unter dem schwachen Hein- 
rich III. damals die denkbar traurigsten und zerrissensten waren; 
Bacon lernte daselbst die französische Literatur näher kennen 
und empfing namentlich von Montaignes Werken tiefe Ein- 
drücke, ferner beschäftigte er sich mit Statistik und Finanzkunst, 
mit den Geheimnissen der Diplomatie und ihrer Chiffernschrift, 



BACON VON VERULAM 379 

und brachte angeblich auch schon einige poHtische Gedanken 
zu Papier, die europäische Lage betreffend. 

Der plötzhche Tod seines Vaters rief ihn 1579 nach Eng- 
land zurück, und da ihm nur ein kleines Erbteil zufiel, mußte 
er sich zu einem Brodberufe entschließen; er wählte die juristische 
Laufbahn, und wandte zehn Jahre an die üblichen Vorstudien, 
sowie an die langsame Erreichung einer Stellung als Advokat 
und Richter. In diese Epoche dürfte auch der grundlegende 
Plan seines wissenschaftlichen Hauptwerkes fallen, den er 1586 
in einer, bis auf wenige Bruchstücke verlorenen Schrift nieder- 
legte, die den stolzen Titel führte: «Die größte Geburt der Zeit". 
Seiner ganz ungewöhnlichen Beredsamkeit hatte er vermutlich 
die frühe Wahl in das Parlament zu verdanken (schon 1584), in 
dem er bald eine geachtete Stellung einnahm, und Mitglied, ja 
auch Berichterstatter der Kommissionen für fast alle wichtigeren 
Fragen wurde. Nur allzu gerne wäre er in den Staatsdienst 
übergetreten, und versuchte dieses zunächst durch die Königin 
zu erreichen, der er 1586 sein, von den übertriebensten 
Schmeicheleien gegen die schon dreiundfünfzigjährige Herrscherin 
erfülltes „Lob der Wissenschaft" widmete, — jedoch ohne Er- 
folg; nicht besser erging es ihm bei seinem Oheime, dem 
Schatzkanzler Lord Burleigh, der die ihm brieflich, unter 
Hinweis auf politischen Ehrgeiz und Liebe zur Wissenschaft 
angetragenen Dienste des Neffen zurückwies (1591), wie die 
Einen glauben, weil er in ihm einen gefährlichen Konkurrenten 
seines eigenen Sohnes sah, wie die Anderen behaupten, weil 
er ihn für einen unklaren Kopf und unsicheren Charakter hielt. 
Da nun alle diese Pläne mißglückten, und Bacon sich außer- 
dem 1593 durch eine Rede gegen die, wegen der spanisch- 
schottischen Kriegsgefahr verlangten Geldbewilligungen, die 
Ungnade der Krone zugezogen hatte, so versuchte er nunmehr 
andere Mittel. Seit 1588 etwa war Graf Es sex, ein Neffe 
zweiten Grades der Königin, deren erklärter Günstling und 
Liebling geworden; Bacon machte ungefähr 1591 seine Be- 



380 BACON VON VERULAM 

kanntschaft, gewann bald seine Neigung und Freundschaft, und 
vermochte Essex, sich zu wiederholten Malen persönlich für 
ihn bei Elisabeth zu verwenden. Aber selbst diese Ver- 
mittelung fruchtete nicht, Bacon wurde abgewiesen, und um 
ihn in etwas zu entschädigen, schenkte ihm Essex, »in so edler 
und feiner Art, daß deren Wert größer war als der des Ge- 
schenkes" (Worte Baconsl), ein Landgut; Bacon verkaufte es 
übrigens sogleich für 1800 Pfund, da er, infolge einer unglück- 
seligen, weit über seine Verhältnisse hinausgehenden Neigung 
zum Luxus, fortwährend von einer großen Schuldenlast be- 
drückt war. 

Im Jahre 1597 ließ Bacon seine w Essays über Moral und 
Politik" erscheinen, die noch heute zu den klassischen Werken 
der englischen Literatur gezählt werden, übrigens sichtlich unter 
dem Einflüsse Montaignes standen, dessen Namen jedoch 
nicht in ihnen genannt ist. Die Essays erregten großes Auf- 
sehen, sie verbreiteten Bacon s Ruhm auch im Auslande, und 
brachten ihm eine Fülle von Lob und Anerkennung, leider 
jedoch keinen materiellen Gewinn; eines solchen hätte er gar 
sehr benötigt, denn Verschwendung, Prunksucht und Pracht- 
entfaltung hatten seine Vermögensverhältnisse derartig ver- 
schlechtert, daß ihn z. B. 1598 ein Goldschmied sogar auf 
offener Straße wegen einer Schuld von 300 Pfund festnehmen 
ließ, und er nur durch Eingreifen seines Vetters Cecil, Sohnes 
des Lord Burleigh, der Schuldhaft entging. Mehr als je war 
unter derartigen Umständen sein Streben auf Versöhnung der 
Herrscherin und auf Erlangung eines einflußreichen, gut be- 
soldeten Staatsamtes gerichtet, — denn die Kronadvokatur, zu 
der man ihn inzwischen zugelassen hatte, war kein solches. 

Um diese Zeit nun hatten sich die Ereignisse zugetragen, 
die alsbald Sturz und Untergang des allmächtigen Essex herbei- 
führten: seine mißlungene Expedition nach den azorischen 
Inseln (1597), seine unglückliche Statthalterschaft in dem empörten 
Irland (1599), — vor deren Annahme Bacon den Freund ge- 



BACON VON VERULAM 381 

warnt hatte, weil für Irland keine politische, sondern nur eine 
soziale Hilfe möglich sei — , endlich seine eigenmächtige Rück- 
kehr nach London. Essex fiel in Ungnade, doch sorgte die 
Königin unter Vermittelung Bacons dafür, »daß er schonend 
verurteilt, nicht vernichtet werde"; er jedoch bot ihr Trotz, ließ 
sich in gefährliche und zweideutige Verhandlungen mit den 
Führern der katholischen Agitation ein, und schritt in seiner 
Verblendung zum offenbaren Hochverrate. Der Straßenkampf 
mißglückte, der Aufruhr wurde niedergeschlagen, und Essex 
vor Gericht gestellt; da war es denn Bacon, der ihm in der 
Eigenschaft eines Kronanwaltes als Ankläger gegenübertrat, 
sachlich wie persönlich mit größter Feindseligkeit verfuhr, keine 
seine Ehre halbwegs rettende Ausflucht gelten ließ, jeden 
mildernden Umstand ausschloß, und so am meisten dazu bei- 
trug, daß Essex verurteilt und am 25. Februar 1601 hinge- 
richtet wurde. Mag es nun auch zugegeben werden, daß Bacon 
die Anklage wider Willen führen, und dem an ihn ergangenen 
Auftrage im höheren Interesse des Staates Folge leisten mußte, 
so ist doch so viel sicher, daß er sich keineswegs auf das not- 
wendige beschränkt, sondern in offenbarer Weise gegen Essex 
Partei ergriffen hat; auch war seine Rolle mit dem Tode des 
Gegners noch nicht zu Ende, vielmehr wurde er dazu aus- 
ersehen, eine „Rechtfertigungsschrift" abzufassen, die das erfolgte 
Todesurteil als gerecht und unabwendbar begründen sollte, in 
Ton und Inhalt jedoch derartig ausfiel, daß sie den allgemeinsten 
Unwillen erregte, und ihre Schärfe und Härte halber als eine 
./Zweite Hinrichtung" bezeichnet wurde. Dem gegenüber berief 
sich Bacon allerdings darauf, daß er nach Befehl und genauer 
Anweisung gehandelt, und überhaupt zu der ganzen Sache nur 
den Namen hergegeben habe: mit Recht nannte man aber diese 
Entschuldigung schlimmer als gar keine. 

Sollte, wie behauptet worden ist, Bacon für sein Verhalten 
eine Anerkennung seitens der Königin erwartet haben, so täuschte 
er sich. Durch Essexs Tod, sowie durch mancherlei andere 



382 BACON VON VERULAM 

Ereignisse moralisch und gesundheitlich schwer erschüttert, ver- 
brachte Elisabeth ihre letzten Lebensjahre in Vereinsamung und 
Verbitterung, und starb 1603, nachdem sie Jacob, den Sohn der 
Maria Stuart, ausdrücklich zu ihrem Nachfolger bestimmt hatte. 

Sobald dieser schwache, weibische, energielose Fürst, der 
von öder theologischer Gelehrsamkeit erfüllt, und auf diese 
außerordentlich eitel war, zur Regierung gelangte, suchte sich 
Bacon auf alle Weise an ihn heranzudrängen. Da Jacob 
Sympathie, ja Freundschaft für Es sex gehegt hatte, schrieb 
Bacon eine ,; Apologie" seines Benehmens während jenes Pro- 
zesses, auch überreichte er dem Könige seine Schrift ,;Über den 
kirchlichen Frieden und die Stärkung der englischen Kirche", 
widmete ihm schmeichlerische Begrüßungen, die ihn als einen 
Gelehrten und einen Herrscher priesen, den zum Nachfolger 
zu haben noch für die tote Elisabeth ein Glück sei, und 
stellte sein Wissen und seine Feder ganz zu seiner Verfügung. 
Diese Bemühungen blieben nicht fruchtlos, um so mehr, als Bacon 
auch das Wohlwollen der Günstlinge des Königs zu gewinnen 
wußte, namentlich Villiers, der damals mit unerhörter Schnellig- 
keit zur Würde eines Herzogs von Buckingham und eines fast 
unumschränkten Staatsministers hinanstieg; verschmähte Bacon 
es doch nicht, diesem Manne eine förmliche Anweisung zur 
Erlangung und Erhaltung der Günstlingsschaft auszuarbeiten. 

Durch Buckinghams Einfluß fiel Bacon 1603 die Ritter- 
würde zu, und 1604 das längst gesuchte Staatsamt, die Stellung 
des ersten Kronadvokaten; er vermochte nun auch, in seinem 
44. Jahre, sich zu verheiraten, und vermählte sich 1605 mit 
Alix Barnham, einer Londoner Aldermanstochter, die ihm 
einige hundert Pfund Jahresrente zubrachte, und hierdurch seine 
finanzielle Lage in erwünschter Weise verbesserte. Im nämlichen 
Jahre erschien sein Werk ,;Über die Fortschritte der göttlichen 
und menschlichen Wissenschaften", das nachmals der später zu 
besprechenden »Großen Erneuerung der Wissenschaften" als 
erster Teil einverleibt wurde. 



BACON VON VERULAM 383 

Im Parlamente, bei Hofe, und beim Könige persönlich 
erfreute sich Bacon um diese Zeit eines großen, immerfort 
wachsenden und klug benutzten Einflusses; 1607 wurde er 
Sollicitor general und hiermit Vertreter der Krone in allen 
wichtigen Rechtsfällen, 1615 Attorney general, 1617 Mitglied 
des geheimen Rates und Großsiegelbewahrer, 1618 Großkanzler 
und Baron von Verulam. Als solcher gab er 1620 sein, dem 
König Jacob gewidmetes Hauptwerk heraus, das » Neue Organon ", 
das jener huldvoll entgegennahm, und darin mit Befriedigung 
seine eigenen gelehrten Gedanken wiedererkannte, oder doch 
wiederzuerkennen vermeinte. Bald darauf wurde Bacon (1621) 
zum Lord St. Albans ernannt, eine Würde, mit der auch eine 
namhafte Pension verbunden war, und stand so, politisch wie 
literarisch, auf der Höhe des nach menschlichem Ermessen 
überhaupt für ihn erreichbaren. Aber kaum im Zenith ange- 
kommen, begann sein Stern auch schon zu erbleichen. Die 
Mißwirtschaft des Königs, namentlich in finanzieller Hinsicht, 
ließ, nach mehrjähriger Pause, die Wiederberufung des Parla- 
mentes notwendig erscheinen, und auch Bacon selbst befür- 
wortete diesen Schritt; gereizt durch zahlreiche Vorfälle der 
letzten Vergangenheit, sowie durch die Beschränkung seiner 
Rechte, trat das Parlament in übler Stimmung zusammen, und 
verfügte zunächst eine Untersuchung der unzähligen laut- 
gewordenen Klagen über die, bei der Verpachtung von Domänen, 
Zöllen, Monopolen u. s. f. eingerissenen Mißbräuche. Schon 
nach kurzer Zeit nahm diese eine unerwartete Wendung, sie 
richtete sich wider Bacon selbst, der beschuldigt wurde, seinen 
Einfluß bei Entscheidung von Prozessen und bei der Vergebung 
von Lizenzen und Patenten, in vielen Fällen für Geldsummen 
von 100 bis 1000 Pfund verkauft zu haben. Es scheint, daß 
Bacon sich anfangs zu verteidigen gedachte, indem er zwar 
die Annahme von Geschenken zugestand, jedoch leugnete, daß 
sie den Zweck verfolgt und erreicht hätten, ihn zu bestechen; 
bald aber gab er diese Absicht auf, angeblich, weil der König 



384 BACON VON VERULAM 

ihn beschwor, alles schweigend über sich ergehen zu lassen, 
in welchem Falle er später für volle Wiederherstellung sorgen 
werde. Es mag richtig sein, daß sowohl der König als auch 
Buckingham mit Bacons Schuld ihre eigene zu decken 
suchten, und daß sie einen politischen Tendenzprozeß zu ver- 
hüten wünschten, der ihnen angesichts der persönlichen Feind- 
schaft des von Bacon gestürzten Reichsgerichtsvorsitzenden 
Coke, seines nunmehrigen Anklägers, besonderes Bedenken 
einflößte; kaum glaublich ist es aber, daß der Hof ihn auch 
dann hätte fallen lassen, wenn er seine Unschuld klar beweisen 
konnte. Das vermochte Bacon jedoch nicht, um so mehr, als 
seine Verschwendungssucht und die ungemessene Höhe seiner 
Ausgaben allgemein bekannt waren, so daß, seines Verhaltens 
im Ess ex -Prozesse eingedenk, gar viele Stimmen ihm vor- 
warfen, ,;er habe als käuflicher Advokat begonnen, um als 
käuflicher Richter zu enden". Auch die Entschuldigung, daß 
Bacon nur der allgemeinen Sitte seinerzeit gefolgt sei, kann 
man nicht gelten lassen; die gelegentliche Annahme von Ge- 
schenken war allerdings selbst bei Souverainen üblich, — soll 
doch Bacon, noch als unbesoldeter Rat, der Königin Elisa- 
beth einst eine sehr genehme Gabe in Gestalt eines gestickten 
weißseidenen Unterrockes dargebracht haben — , die Bestech- 
lichkeit der Richter und Beamten war aber längst, und nicht 
zum wenigsten von Bacon selbst, als verwerflich und verderblich 
gekennzeichnet worden. Ein Ausspruch Bacons: »Es gibt 
Menschen, die an Weisheit geflügelten Engeln gleichen, an | 
Begierden aber den Schlangen des Erdenstaubes", muß hier 
auf ihn selbst angewendet werden; seinem Charakter scheint 
immer noch die Annahme günstiger, daß er als Opfer derartiger 
Begierden fiel, als jene, daß er sich nur auf Wunsch des Königs, 
und entgegen der Wahrheit, für schuldig erklärte. Doch sei 
dem wie immer, Tatsache bleibt, daß Bacon mündlich und 
schriftlich die volle Berechtigung der Anklage zugestand; das 
Urteil lautete auf Verlust der Ämter, des Parlamentssitzes und 



BACON VON VERULAM 385 

des Rechtes, bei Hofe zu erscheinen, auf 40000 Pfund Strafgeld, 
und auf Gefangenschaft im Tower „so lange es dem Könige 
beliebe". Dieser Spruch fiel schwer und hart aus, vielleicht, 
weil man wußte, er werde nicht strenge vollzogen werden; in 
der Tat entließ Jacob schon nach zwei Tagen Bacon aus dem 
Tower, sicherte ihm bald darauf eine auskömmliche Pension, 
und gestattete ihm, sich in London aufzuhalten. Jedoch ver- 
brachte er einen großen Teil der folgenden Jahre auf seinem 
prunkvollen Landsitz zu Gorhambury, teils im Umgange mit 
einigen jüngeren Freunden, unter denen besonders der später 
zu so hohem Ruhme gelangte Th. Hobbes zu nennen ist, teils 
mit wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigt; diese betrafen die 
Umarbeitung und Vollendung der geplanten sechs Teile seines 
Hauptwerkes, außerdem aber auch zahlreiche Schriften anderer 
Art, darunter die »Geschichte Heinrich VII.", und die Ab- 
handlung „Ober die wahre Größe Englands", die in bezug auf 
den Einfluß von Bildung, Sitten und Mut des Volkes, von 
Handelsfreiheit und Herrschaft zur See, von Kriegsdienst und 
allgemeiner Wehrpflicht u. s. f., zahlreiche vortreffliche Einzel- 
heiten enthält. 

Der Untergang von Bacons bürgerlicher Ehre hatte seinen 
literarischen Ruf nicht geschädigt; im Inlande und Auslande 
fuhr man fort, ihn als hervorragenden Schriftsteller zu feiern. 
Doch dieser Ruhm genügte Bacon nicht, es verlangte ihn nach 
Macht und politischem Einflüsse, und unaufhaltsam bestürmte 
er den König und dessen Günstlinge mit Eingaben und Bitt- 
gesuchen, oft der demütigendsten und unwürdigsten Art; 
schließlich erlangte er 1624 teilweise, und 1625 gänzliche Be- 
gnadigung, deren Erfolg ihm aber nicht mehr voll zugute 
kam, da Jacob im nämlichen Jahre starb, und er selbst zu 
kränkeln begann. Während des strengen Winters befiel ihn, 
als er sich einer Beobachtung wegen im Freien aufhielt, ein 
plötzliches schweres Unwohlsein; er vermochte nicht mehr nach 
Hause zurückzukehren, sondern suchte Aufnahme in dem be- 

V. Lippmann, Beiträge 25 



386 BACON VON VERULAM 

nachbarten Schlosse Highgate, und verschied daselbst am 
9. April 1626. Sein Tod erregte großes Aufsehen und allgemeine 
Trauer, die sich in zahlreichen Gedichten und Denkversen aus- 
sprach; direkte Nachkommen waren nicht vorhanden, denn seine 
sehr unglückliche Ehe blieb kinderlos. 



Nach Bacons Hinscheiden wurde ein Teil seiner hinter- 
lassenen Schriften von seinem langjährigen Sekretär Rawley 
herausgegeben, ein anderer gelangte 1653 in Amsterdam zur 
Veröffentlichung; Gesamtausgaben erschienen in Deutschland 
schon 1665 in Frankfurt und 1694 in Leipzig, in England kam 
jedoch die erste nicht vor 1730 zustande, und erst viel später 
folgten drei weitere, darunter in jüngster Zeit die ausführlichste 
und umfassendste Speddings, in 14 Bänden. Es ist natürlich 
im Rahmen eines Vortrages unmöglich, auf den Inhalt von 
Bacons sämtlichen, die verschiedensten Wissensgebiete be- 
rührenden Werken einzugehen, vielmehr werden wir uns, dem 
angestrebten Ziele entsprechend, wesentlich auf solche natur- 
wissenschaftlichen und philosophischen Inhaltes zu beschränken 
haben, und unter diesen wieder hauptsächlich jene ins Auge 
fassen, die Bacon selbst herausgegeben und selbst als be- 
sonders wichtig bezeichnet hat; es sind dieses die ,; Essays" 
(3. Aufl. 1625), die der Universität Cambridge gewidmete » Weis- 
heit der Alten" (1609), das »Neue Organon", und die Schrift 
»Über Würde und Vermehrung der Wissenschaften". Mit Aus- 
nahme der letzten liegen diese sämtlich auch in deutschen 
Übersetzungen vor, und man kann sagen, daß sie alles enthalten, 
was zur Beurteilung Bacons in seinem Verhältnisse zur Natur- 
philosophie erforderlich ist. 

Seinem schon wiederholt erwähnten Hauptwerke gab Bacon 
bekanntlich den Sammelnamen »Die große Erneuerung der 
Wissenschaften", und gedachte es in sechs Teilen auszuführen. 
Der erste trägt den Namen »Über Würde und Vermehrung der 



BAVON VON VERULAM 387 

Wissenschaften" und gibt im wesentlichen eine enzyclopädische 
Darstellung des derzeitigen Standes der Wissenschaften, des 
schon Erreichten, und des noch Fehlenden. Der zweite, das 
„Neue Organon", enthält die eigentliche Methodenlehre, und 
entwickelt die Prinzipien der Forschung; der dritte sollte unter 
dem Namen „Naturgeschichte" eine Zusammenfassung der tat- 
sächlichen naturhistorischen Kenntnisse im weitesten Sinne des 
Wortes bieten, der vierte die Anwendung der Lehren des 
„Organon" auf dieses Material darlegen, der fünfte diese An- 
wendung vollziehen, der sechste endlich an der Hand der so 
gewonnenen neuen Wahrheiten die Wissenschaft vollenden und 
so die neue Philosophie erstehen lassen. Es ist ersichtlich, daß 
dieser Plan die Leistungsfähigkeit eines Einzelnen weitaus über- 
steigt, und auch Bacon selbst war sich hierüber völlig klar. 
In formalem Sinne vollendet ist denn auch allein der erste Teil, 
in materiellem auch noch der Zweite; dagegen besteht der 
Dritte nur aus einer ungeordneten Sammlung von Materialien 
und aus einigen größeren Abhandlungen, während von den 
drei übrigen nichts weiter als Inhaltsangaben, Entwürfe, ütrd 
spärliche Bruchstücke vorhanden sind. 

Der wichtigste Teil ist entschieden der Zweite, das „Neue 
Organon", das sich schon durch seinen Namen in offenkundigen 
Gegensatz zu den unter dem Namen „Organon" zusammen- 
gefaßten erkentnistheoretischen Schriften des Aristoteles stellt. 
Bacon selbst berichtet, er habe zwölf Jahre daran gearbeitet, 
es zwölfmal umgeschrieben, und es sei das beste und am besten 
ausgearbeitete aller seiner Werke; auch habe er in naturwissen- 
schaftlicher Hinsicht, wie er das überhaupt zu tun pflege, nur 
dasjenige aufgenommen, was sich gemäß strenger, fast aber- 
gläubisch vorsichtiger Prüfung, nach Augenschein und genauer 
Untersuchung, als richtig bewiesen habe, — wenngleich auch 
dieses noch immer nicht vollständig und zuverlässig genug 
sein möge. Trotz dieser ungewöhnlichen Arbeit, die Bacon 

an das „Organon" wandte, ist es, wie fast alle seine Schriften, 

25* 



388 BACON VON VERULAM 

infolge Mangel an Zeit und Ruhe, Bruchstück und Entwurf 
geblieben, wenigstens äußerlich, denn im Wesen darf es, un- 
geachtet seiner fragmentarischen Form, als vollendet gelten. 
Die Darstellung ist eine aphoristische, und läßt die Mängel 
merklich hervortreten, die auch den meisten übrigen Werken 
Bacons eigen sind, und sich genügend aus dem vielbewegten 
Laufe seines äußeren Lebens erklären: es fehlt an gründlichem 
Studium und Verständnis der Quellen; Auszüge und Berichte, 
wohl zumeist von den Sekretären verfaßt, werden kritiklos auf- 
genommen und verwertet; unvermittelt treten oft kaum glaub- 
liche Widersprüche hervor, und zwar nicht nur in Dingen, be- 
züglich derer Bacon, wie z. B. in seiner Auffassung der 
Atomistik, zu verschiedenen Zeiten schwankender Ansicht war. 



Folgendes ist der Kern der im „Organon" vorgetragenen 
Lehren Bacons: Die Wissenschaft, insbesondere auch die Natur- 
wissenschaft, hat sich zu scholastischem Wortkram, zu unfrucht- 
barer Dialektik, zu leerer Spitzfindigkeit aufgelöst, sie hat gänzlich 
aus dem Auge verloren, was ihre eigentliche Aufgabe ist, nämlich 
Nutzen zu bringen, d. h. gemeinnützig und praktisch zu sein, 
Macht und Lebensgenuß der Menschheit zu erhöhen, und so 
eine soziale Pflicht zu erfüllen. Ihr wahres Ziel muß daher 
sein: die Herrschaft über die Dinge zu erlangen, durch Ent- 
deckungen und Erfindungen. Bloße Einsichten in die Natur 
der Dinge, die man auch als wissenschaftliche, lichtbringende 
Erfindungskunst bezeichnen kann, sind zwar von hoher Be- 
deutung, aber bloßes Wissen beglückt nicht; zur Verbesserung 
der Zustände der Menschheit braucht es neue Erfindungen, 
braucht es die technische, industrielle, gewinnbringende Er- 
findungskunst. Den Weg zu dieser weist die systematische 
Beobachtung der Dinge, die Erfahrung, die Induktion, die über- 
haupt die allein richtige Methode sämtlicher Wissenschaften 
ist, auch der psychologischen, moralischen, und sozialen. Damit 



BACON VON VERULAM 38Q 

aus ihr Erfindungen hervorgehen, muß sie die Erscheinungen 
auslegen und deren Gesetze feststellen, hierbei aber unbefangen, 
frei von vorgefaßten Meinungen und Autoritätslehren verfahren, 
kurz die Dinge selbst untersuchen, ihre Ursachen (nicht ihre 
angeblichen Zwecke!) prüfen, und sie durch den kunstgerechten 
Zwang des Experimentes nötigen, ihre Natur deutlich zu offen- 
baren. Auf solchem Wege wird es gelingen, die ,; Formen" 
der Dinge, d. h. ihre konstanten Wirkungsweisen, die Eigenart 
ihrer Grundkräfte zu ermitteln, vorausgesetzt, daß man das 
Wesentliche und das Zufällige richtig auseinandergehalten, und 
das Für und Wider (oder, wie Bacon sagt, die positiven und 
negativen Instanzen) gebührend erwogen und berücksichtigt 
hat; sind jene Formen aber erst erkannt, so ist auch ihre An- 
wendung und praktische Verwertung gegeben, und man hat 
das gewünschte Ziel erreicht. In diesem Sinne ist das welt- 
berühmte baconische Wort gemeint und zu verstehen: „Wissen 
ist Macht". — Wie himmelweit verschieden ist diese Anschauung, 
daß das Wissen Macht über die Dinge verleihe, z. B. von jener 
Spinozas, nach dessen Lehre das Wissen Freiheit bringt, 
indem es die Gewalt der Dinge über uns aufhebt, die Herr- 
schaft der Affekte bricht! 

Wie schon Zeitgenossen Bacons, u. a. Bodley, der be- 
rühmte Stifter der Bodleyanischen Bibliothek, richtig hervor- 
hoben, läßt sich nicht nur der Ausgangspunkt Bacons be- 
streiten, nämlich die Nichtigkeit der bisherigen Wissenschaft, 
und die Behauptung, daß diese in erster Linie nicht nach der 
Wahrheit, sondern nach dem Nutzen zu streben habe, sondern 
es bleibt auch noch die wichtige Frage offen, wie denn das 
Wesentliche und Zufällige, das Für und Wider, richtig und 
gebührend zu unterscheiden sei? In der Tat stehen wie hier 
vor einem der größten Mängel der baconischen Philosophie: 
trotzdem nämlich die Unsicherheit der sinnlichen Wahrnehmung 
und ihrer Ausdeutung Bacon keineswegs entgangen ist, fehlt 
es bei ihm doch vollständig an jeder Untersuchung des Er- 



390 BACON VON VERULAM 

kenntnisvermögens. Sammelt man aber, ohne den Leitfaden 
einer solchen, die empirischen Tatsachen nach rein äußerlichen 
Kennzeichen, wobei z. B. »jeder am Baume hängende Apfel 
als eine negative Instanz gegen die allgemeine Schwere er- 
scheinen kann", vernimmt man nach rein juristischer Weise 
Zeugen pro und contra, jedoch ohne vorher deren Glaub- 
würdigkeit geprüft zu haben, dann ist es offenbar, daß unklare 
und verworrene Begriffe leicht eine ebensolche, daher völlig 
wertlose Induktion erzeugen, also trotz Richtigkeit der Methode, 
und trotz Beobachtung der (übrigens schon von Aristoteles 
hervorgehobenen) negativen Instanzen, den Forscher gänzlich 
irre führen werden. 

Die Richtigkeit dieses Satzes hat sich an Niemandem mehr 
bestätigt als an Bacon selbst, und dazu, daß dies der Fall war, 
trugen namentlich noch zwei weitere große Mängel bei, die 
deshalb gleich an dieser Stelle erwähnt seien. Der erste ist, 
daß Bacon weder selbst mathematisch gebildet war, noch in 
den Wert der Mathematik irgendwelche Einsicht besaß, wenn- 
gleich er einmal an einer Stelle deren Anwendung auf die 
Physik flüchtig empfiehlt; diese mächtigste der deduktiven 
Wissenschaften erklärte er vielmehr, gleich der Logik, für eine 
nebensächliche Hilfsdisziplin. Der zweite Mangel lag in der 
Unfähigkeit Bacon s, die Verdienste seiner Vorgänger, wie die 
Errungenschaften seiner Mitwelt, zu erkennen und zu verstehen; 
dies gilt nicht nur betreff eines Copernikus, Kepler, Galilei, 
Stevinus u. a. mehr, sondern auch betreff jener Männer, die 
als seine Zeitgenossen, ja zum Teil in jahrelanger unmittelbarer 
Berührung mit ihm, in England lebten, z. B. für Harvey (Ent- 
decker des Blutumlaufes, k. Hofarzt), Harriot (Schöpfer der 
neueren Optik), Lobel (berühmter Botaniker), und Gilbert 
(Begründer der richtigen Lehren über Magnetismus und Elek- 
trizität). Bacon sieht nicht, daß diese vorgerückten Geister 
praktisch vollbringen, ja teilweise schon vollbracht haben, was 
sein »Organon« als Aufgabe der neuen Zeit hinstellt, und spricht 



BACON VON VERULAM 391 

Über sie in der wegwerfendsten Weise: Copernikus ist ihm ;,ein 
Mann der mathematischen Abstraktionen und Hirngespinste", 
„einer jener neuen Karrenmänner, die die Erde herumtreiben 
wollen"; Kepler gehört zu jenen „die, um nur ihre Rech- 
nungen zu erleichtern, die Sache verdunkeln und den Sinnen 
Gewalt antun", „deren Irrtümer aus dem Streben nach falscher 
Vereinfachung hervorgehen"; Galileis Theorien der Erd- 
bewegung, sowie der Ebbe und Flut (die er überdies falsch 
darstellt) sind ihm „verrückte und chimärische Hypothesen", 
Galileis glänzende Fernrohrentdeckungen (Natur der Sonnen- 
flecken, der Mondoberfläche, der Milchstraße, der Jupiter- 
trabanten . . .) erklärt er „für wenig glaublich, und durch ihre 
Beschränkung auf so Weniges verdächtig"; Gilbert endlich 
bezeichnet er als „Empiriker", seine Experimente als „Fabeln", 
seine Theorien als „auffallenden Beleg dafür, wie einer ver- 
dorbenen Phantasie wahrscheinlich, ja gewiß erscheinen könne, 
was doch nur unförmlich, ungeheuerlich, auf wenige dunkle 
Versuche gegründet, unglaublich, und eitel sei." 



Dieses Verkennen und Verachten der Errungenschaften 
Anderer erscheint nun keineswegs durch Bacons eigene Natur- 
betrachtungen gerechtfertigt; ein kurzer Überblick über das, 
von ihm betreff der verschiedenen Gebiete der Naturforschung 
Gelehrte, wird uns vielmehr zeigen, daß sein Standpunkt fast 
stets ein mangelhafter, ja falscher war, obgleich es wiederum 
nirgends an einzelnen richtigen Anschauungen fehlt, die aber 
nicht festgehalten, noch weniger kritisch verfolgt, oder kon- 
sequent durchgeführt werden. 

Was zunächst die Natur als Ganzes anbelangt, so zeigt 
sich Bacon entschieden von einer (freilich nicht durch In- 
duktion zu gewinnenden) Ahnung ihrer Einheit und Harmonie 
erfüllt, und glaubt, daß eine stufenförmige Reihe, eine „Leiter", 
alle Wesen, vom niedrigsten bis zum höchsten verbinde. Die 



392 BACÜN VON VERULAM 

alte Lehre von der Bildung verschiedener Arten durch Kampf 
und Umwandlung ist jedoch »als eine nichtige Abkürzung der 
Forschung" abzuweisen; die Arten sind durch Schöpfung ent- 
standen, indem der Stoff, in mittlerem Zustande zwischen An- 
fang und Verfall, im voraus dazu fertig, geeignet und geneigt 
war, die verschiedenen Pflanzen, Tiere und Steine hervor- 
zubringen, sich in sie auszubreiten und zu zerstreuen. Die 
Existenz von ,; Naturwundern" verwirft Bacon, — was ihn 
jedoch nicht abhält, die Versteinerungen als ,; Spiele der Natur" 
zu deuten; in ihrem „unentrinnbaren, gleichsam aus Magnet- 
stein gewobenen Netze" hält die Natur alles fest, und die 
»Wunder" liegen daher nicht in der Sache, sondern im mangeln- 
den Wissen des Menschen. Um einzusehen, welches das Wesen 
der Wunder ist, z. B. der Sonne und des Mondes unter den 
Sternen, des Magnetes unter den Steinen, des Quecksilbers 
unter den Metallen, des Elephanten unter den Vierfüßlern, 
das S unter den Buchstaben, muß man die Bedingungen ihrer 
abweichenden Eigenschaften aufsuchen, denn ganz neue Dinge 
zu erzeugen, ist sehr schwer, leichter aber läßt sich, durch Ab- 
ändern der Merkmale schon vorhandener, das Seltene und 
Ungewöhnliche hervorbringen. Auf letzterem Wege entwickelt 
die Natur ihre „Mitteldinge": die Kometen z. B. sind Zwischen- 
formen von Sternen und Meteoren, die Moose von Fäulnis 
und Pflanze, die Quallen von Fisch und Pflanze, die Seekälber 
von Fisch und Vierfüßler, die Fledermäuse von Vierfüßler und 
Vogel, die fliegenden Fische von Fisch und Vogel. Zu be- 
achten bleibt hierbei, daß alles in der Natur einem mächtigen 
Zuge zu seinesgleichen folgt; mit Rücksicht hierauf wird man 
z. B. festzustellen haben, wo sich Metalle und Edelsteine bilden, 
aus welchen Fäulnissen bestimmte Tiere entstehen, wie man 
Garten- und Waldgewächse pfropfen muß (z. B. die Eichen, 
um sie schattiger und ertragsfähiger zu machen), wo Blumen 
und Sträucher wachsen und welchen Dünger sie verlangen, 
welches Futter die Tiere erfordern, und dergl. mehr. In dieser 



BACON VON VERULAM 393 

Hinsicht ist zu bemerken, daß Bacon, wohl auf mißverstandene 
Lehren des Paracelsus und Telesius hin, daran festhält, daß 
die Tiere und Pflanzen die Nährstoffe stets in jene „Säfte" um- 
wandeln, die sie schon enthalten, und daß die Pflanzen durch 
innige Vereinigung der öligen und wässerigen Säfte in der 
Erde entstehen; daher gedeihen z. B, zwei w gleich aussaugende" 
Gewächse, wie Wein und Kohl, nicht nebeneinander, wohl aber 
Getreide und Kornblumen, da diese von den Säften zehren, 
die jenes von sich stößt. 

Wie schon dieses letztere Beispiel zeigt, ist Bacon ein 
Anhänger der uralten, im 16. Jahrhunderte aber besonders 
durch Paracelsus neubelebten spiritualistischen Theorie. Für 
ihn beruht die Wirksamkeit alles Vorhandenen auf Natur, 
Wesen, und Umgestaltung von „Geistern" (Spiritus); sämtliche 
Körper enthalten solche „Geister", sie umgeben den Geist, 
der schwerlos ist und sogar ihr Gewicht erleichtert, wie ein 
Kleid, und wenn jener herausgelassen wird, so schrumpfen 
ihre kleinsten Teilchen zusammen, und sie werden runzlig, 
trocken und hart. Jeder leblose Körper besitzt einen leblosen 
Geist, jeder lebende dazu noch einen Lebensgeist, d. i. einen 
körperlichen, durch Wärme verdünnten und unsichtbar ge- 
machten, aus Feuer und Luft bestehenden Hauch, der durch 
ölige und wässerige Stoffe ernährt wird, bei den Tieren als 
„Tierseele" im Kopfe wohnt, und von da aus die Nerven ent- 
lang läuft; beim Menschen endlich ist noch ein weiterer, gött- 
licher Geist vorhanden, die Seele. 

Der allen Naturkörpern innewohnende Geist ist himm- 
lischen Ursprunges, und befindet sich dann in passendster 
Bereitschaft zur Vermählung mit den irdischen Stoffen, wenn 
er anfängt zu gerinnen und gleichsam betäubt zu werden. 
Die Himmelskörper, denen er entstammt, streben mit aller 
Kraft darnach, ihn wieder zu sich emporzuziehen, auch trachtet 
er selbst zu seinesgleichen zurückzukehren, und sucht die 
irdischen groben Geister aufzusaugen und mit sich zu führen; 



394 BACON VON VERULAM 

oft aber gelingt ihm dies nicht, vielmehr wird er selbst fest- 
gehalten und vermag dann nicht wieder aufzuschweben. Ihn 
dauernd an irdische Stoffe zu fesseln, gibt es zwei Wege: 
1. Verdichtung und Absperrung, d.i. Einkerkerung durch rohe 
Gewalt, wie sie z. B. den Geist in Steinen und Metallen ver- 
möge der Festigkeit der Massen einschließt; 2. Gewährung 
geeigneter Nahrung, z. B. in den Tieren und Pflanzen: der 
Geist bleibt dann, obgleich er hier offene Gänge zum Ent- 
weichen findet, freiwillig zurück, „um zu schlürfen und zu 
nippen", ja er zieht sich sogar aus den Gewächsen des Winters 
in die Erde hinab, um die Wiederkehr des Sommers und das 
Neuerwachen der Vegetation abzuwarten. 

Für das Zerfallen der Körper gelten drei Möglichkeiten: 
1. Wird der Zerfall „durch den Zügel des herrschenden Geistes" 
gehemmt, so besteht der Körper weiter, entweder unverändert, 
wie z. B. Blut in der Kälte, oder nur vorübergehend verändert, 
wie z. B. Metalle oder Wachs beim Schmelzen; mehr wie alle 
anderen Stoffe verabscheuen besonders die festen und harten, 
wie Stahl oder Glas, ihre Auflösung, weshalb man sie auch 
nur bis zu einem gewissen Grade zu pulvern vermag. 2. Wird 
der Zerfall nicht gehemmt, so findet er statt; bei sehr dichten 
Stoffen begegnet der Geist hierbei großem Widerstände, und 
stößt deshalb kleine Teilchen des Körpers selbst vor sich her, 
und zu den spärlichen Poren hinaus, wie man das z. B. beim 
Rosten des Eisens sieht. 3. Wird der Zerfall nur teilweise ge- 
hemmt, so entstehen organische Wesen, wie Würmer, Fliegen, 
Ameisen und Frösche; dieser Fall tritt z. B. ein beim Liegen 
des Fleisches, nach starkem Regen, und bei der Fäulnis, doch 
dürfen keinerlei Störungen vorhanden sein, zu denen beispiels- 
weise frischer Wind, fließendes Wasser, ja schon das Um- 
schaufeln des Getreides auf der Tenne gehören. 



Gehen wir nun zu den Einzelwissenschaften über, so sei 
an erster Stelle die Lehre vom Weltgebäude betrachtet, die 



BACON VON VERULAM 395 

Astronomie. Hier vermißt Bacon die systematische Erklärung 
der Himmelserscheinungen und ihrer Wirkungen, statt derer 
man den Wahnwitz der Astrologie vorfindet, die verächtliche, 
allenfalls für Märchen brauchbare Stern- und Traumdeuterei, 
und den sinnlosesten, in unruhigen Zeiten oft panisch auf- 
tretenden Aberglauben. Doch fehlt es auch hier picht an 
Widersprüchen: ;, Eitle Hirngespinste" nennt Bacon den Glauben, 
„die Himmelskörper hätten einen maßgebenderen Einfluß auf 
die irdischen Ereignisse, als das in der Tat der Fall ist"; 
dennoch bezweifelt er nicht, daß den Kometen unstreitig eine 
bestimmende Macht über das Große und Ganze der Dinge 
zukomme, nur bleibe noch genauer zu erforschen, welche Art 
Kometen, je nach Stellung, Sichtbarkeit, Farbe und Glanz, ge- 
wissen eintretenden Wirkungen entspreche; desgleichen ver- 
sichert er, aus den Bewegungen der sieben Planeten gehe die 
Eintracht und Zwietracht aller Dinge hervor, da namentlich 
auch die niedrigen Teile der Tier- und Menschheit ordnungs- 
los, unregelmäßig, und von den Himmelskörpern abhängig 
seien, und in diesem Sinne zieht er den Vergleich: „Fürsten 
ähneln Himmelskörpern, die gute oder schlechte Zeiten herbei- 
führen, und denen viele Verehrung zu teil wird, aber keine 
Ruhe." 

Daß Bacon, trotz Copernikus, Kepler und Galilei, 
und unbeirrt durch Giordano Brunos Aufsehen erregende 
Londoner Vorlesungen über die galileische Lehre, an dem aristo- 
telisch-ptolemäischen System festhält, ist bereits erwähnt worden. 
Die Sonne bewegt sich, wie die Erfahrung beweist, um die 
Erde, und bestrahlt diese mit Licht und Wärme, welche letztere 
sich erhöht, sobald die Sonne den großen Fixsternen naht. 
Ob der Mond ein festes oder ein luftig-flammiges Gebilde ist, 
bleibt zweifelhaft, da auch Wolken das Sonnenlicht zu re- 
fleküeren vermögen. Die Planeten haben verschiedene Wärme, 
je nachdem diese durch die Nähe schöner großer Fixsterne 
verstärkt wird oder nicht, und sie besitzen, als untergeordnete 



396 BACON VON VERULAM 

Weltkörper, nur eine beschränkte Eigenbewegung in den 
Geleisen ihrer Sphären; die Unregelmäßigkeiten ihrer Bahnen 
erklären sich durch die ablenkende Anziehung des äußersten 
Sternenhimmels und durch Störungen und Erschütterungen 
der himmlischen Regionen, die aber die Macht der Sonne 
mäßigen und regeln kann. Innerhalb der Planetenbahnen, im 
Räume zwischen den unteren Himmeln und der Erde, ist 
hauptsächlich Verwirrung und Unförmlichkeit, Wechsel und 
Verderbnis, Zerstörung und Tod anzutreffen. Die Erde selbst 
steht allein fest auf ihrem eigenen Mittelpunkte, während sich 
alle anderen Gestirne um ihre gegenseitigen Achsen drehen 
und einander dienstbar sind; die Behauptungen, daß sich die 
Erde drehe und bewege, sind unbewiesen und unglaubhaft, 
auch haben Ebbe und Flut weder zu dieser Drehung, noch 
zur anziehenden Kraft des Mondes irgendwelche Beziehung, 
sondern entstehen durch eine Kreisdrehung, die sich an jene 
der Sterne anschließt. Es erfolgen aber Ebbe und Flut stets 
nur in der Mitte des Meeres, und diese Bewegung spricht 
daher ebenso gegen die Drehung der Erde, wie jene der Luft 
an den Wendekreisen (d. i. der Passatwinde), der niederen 
Kometen, der Planeten, und des äußersten Sternenhimmels. 

Die Orte für Nord und Süd sind am Himmelsgewölbe 
festgestellt, für Ost und West aber gibt es keine bestimmten 
Plätze. So verhält es sich auch auf der Erde, woselbst es 
daher z. B. für Kriege aus Ost und West keine Regeln gibt, 
wohl aber für solche aus Nord und Süd, denn nie haben 
Völker aus dem fernen Süden die nördlichen überfallen; offen- 
bar bildet der nördliche Teil der Erde deren kriegerische 
Region, teils infolge der Gestirne dieser Hemisphäre, teils infolge 
ihrer großen Ländermassen, teils infolge ihrer abhärtenden und 
den Mut befeuernden Kälte. Mit dieser Kälte nicht gleichwertig 
und nicht identisch ist jedoch die der Schneeregionen in den 
Gebirgen; solche Regionen treten nur in mittleren Höhen auf, 
denen weder die strahlende Sonne, noch die reflektierende Erde 



BACON VON VERULAM 397 

nahe genug ist, und wenn sie sich in manchen von ihnen 
nicht finden, wie z. B. in jenen der Anden oder Teneriffas, so 
Hegt das daran, daß dort die Luft nicht kalt genug ist, sondern 
nur scharf, dünn, auflösend, und erstickend. 



In der Physik geht Bacon ebenfalls von einer Anzahl 
richtiger Prinzipien aus: Die Physik hat alle Zwecke zu ver- 
werfen, nicht „WOZU" zu fragen, sondern w warum", da nichts 
zufällig geschieht. Aus Nichts wird Nichts, und nichts kann 
vergehen, da der einmal von Gott erschaffene Stoff nur in 
immerwährendem Flusse kreist, seiner Menge nach aber unver- 
änderlich und unzerstörbar ist. Alle Wirksamkeit der Natur 
vollzieht sich durch sinnlich nicht wahrnehmbare kleinste 
Teilchen, und zwar soll man nicht metaphysische Atome lehren, 
sondern physische Korpuskeln, da nur solche kleinste körper- 
liche Elemente in Wahrheit existieren; den «Korpuskeln oder 
Atomen" wohnt eine natürliche Bewegung inne, eine bewegende 
Urkraft, die aus dem Stoffe alle Dinge schuf und gestaltete 
Anziehung und Abstoßung verursacht, und auch in die Ferne 
wirkt. — Diese Grundsätze, die keineswegs induktiver Natur 
sind, hat Bacon wesentlich der griechischen Philosophie ent- 
nommen, und sie seinem Systeme mit einigen charakteristischen 
und leicht kenntlichen Zutaten einverleibt, so z. B. wenn er die 
Unzerstörbarkeit der Materie durch „die unüberwindliche Kraft 
des Widerstandes ihrer einzelnen Teile gegen die Vernichtung" 
begründet, oder hinzufügt, daß die Kenntnis der einfachsten 
Elemente des Stoffes und ihrer Eigenschaften wenig Wert habe, 
weiLjene praktisch unerreichbar sind, daher weder Nutzen noch 
Macht gewähren. Was Bacon dunkel vorschwebte, was er 
aber deutlich zu erfassen und klar auszusprechen nicht ver- 
mochte, war offenbar jene Weltanschauung, die wir heute als 
»mechanistische Auffassung der Natur" bezeichnen, die jedoch 
gegenwärüg von der Wissenschaft teilweise wieder eifrig be- 
kämpft wird. 



398 BACON VON VERULAM 

Kraft und Stoff sind nach Bacon nur in Verbindung 
miteinander bekannt, doch bilden Schwere und Magnetismus 
Ausnahmen von dieser Regel, denn während Licht, Schall, 
Wärme u. s. f., ein Medium erfordern, das sie während ihrer 
Ausbreitung verändern, ist das bei jenen beiden Kräften nicht 
der Fall, sie sind demnach in der Zeit, die sie zum Übergange 
von einem Körper zum anderen gebrauchen, an keinen Stoff 
gebunden. Bemerkenswert ist auch die Tatsache, daß manche 
Kräfte nicht nur bei unmittelbarer Berührung wirken, sondern 
auch in die Ferne; Beispiele hierfür bietet der Bernstein, wenn 
er leichte Körper an sich lockt, die Anziehung zwischen auf 
dem Wasser schwimmenden Luftblasen, sowie die Anwendung 
gewisser Laxantien, die zugleich mit den Eingeweiden auch 
den Kopf erleichtern. Einige Kräfte wirken sogar nur aus der 
Ferne, z. B. die das Sehen ermöglichenden, von allen sichtbaren 
Körpern ausgehenden Lichtstrahlen, denen es alte Leute mit 
schwachen Augen zu verdanken haben, daß sie doch gerade 
in die Ferne gut sehen können. Häufig vermögen auch die 
Kräfte kleiner Körper mehr, wie die großer, so z. B. jene der 
kleinen spitzigen Bohrer und der Diamantsplitter. 

Jedem Körper ist von Anfang an ein natürlicher Ort 
und ein natürlicher Zustand angewiesen, dem er stets wieder 
zustrebt, und sich dabei gleichzeitig mit Verwandtem zu ver- 
einigen trachtet. Daher sucht alles Schwere stets die Erde, alles 
Leichte (wie Wolken oder Meteore) den Himmel, und eine 
Kegelform befördert, aufrecht stehend, als Destillierhelm, das 
Emporsteigen der Alkoholdämpfe, umgekehrt aufgestellt aber, 
als Zuckerform, das Abfließen der Sirupe. Jenes Streben nach 
Vereinigung wieder, in Verbindung mit der allen Körpern inne- 
wohnenden Scheu sich zu trennen, bewirkt den „Horror vacui", 
die Furcht der Natur vor dem Leeren; deshalb strömt das 
Wasser beim Rudern und die Luft beim Abschießen einer 
Windbüchse wieder zusammen, deshalb dringt Wasser in ein 
Glasei ein, aus dem man die Luft ausgesaugt hat, „weil eben 



BACON VON VERULAM 39Q 

die über ihre Natur ausgedehnte Luft sich zusammenzieht", 
deshalb endHch vereinigt sich die Hefe des Weines auf dem 
Boden, und die Sahne der Milch an der Oberfläche der Ge- 
fäße, — was keineswegs mit der Schwere zusammenhängt. 

In der Regel ruhen die Naturkörper entweder völlig, oder 
sie drehen sich endlos im Kreise, vorausgesetzt, daß sie sich 
hieran erfreuen und gut gestellt sind; anderenfalls bewegen sie 
sich auf kürzestem Wege zu ihresgleichen, um sich mit diesen 
zusammen weiter zu drehen, oder gemeinsam auszuruhen. Be- 
sondere Scheu vor jeder Bewegung haben Körper von großer 
Dichte und wenig Geist: sie sind nur schwierig (z. B. durch 
Erwärmen) in eine Bewegung zu versetzen, und trachten, wenn 
sie doch zu dieser gezwungen wurden, sogleich wieder stille 
zu stehen. Wie man sieht, hat Bacon keine Ahnung vom 
Trägheitsgesetze, das doch bis zu gewissem Grade schon dem 
Aristoteles geläufig war, dessen physikalischen Lehren er sich 
sonst so vielfach anschließt; es kann daher auch nicht über- 
raschen, wenn er in der Übertragung einer Bewegung ;;ohne daß 
sich diese vermindert", wie z. B. zwischen ineinander greifenden 
Rädern, eine ;/ magische Wirkung" sieht, die ihn an das Weiter- 
fressen von Feuer, an die Ausbreitung der Gärung, und an 
die ansteckende Gewalt der Giftstoffe erinnert. 

Von der Mechanik, wie von allen Teilen der Physik, die 
rechnerische Betrachtung erfordern, hält Bacon seine Unkenntnis 
der Mathematik fern. Die bereits von Aristoteles abge- 
handelten Gesetze des Hebels bezeichnet er kurzweg als noch 
unbekannt. Der Stoß ist ihm eine gewaltsame Bewegung, die 
sich durch den ganzen gestoßenen Körper fortpflanzt, ihn vor- 
treibend und drehend, indem seine Elemente das Leiden gleich- 
mäßig unter sich zu verteilen streben; daher durchfliegen Ge- . 
schösse und Kugeln die Luft, weil sie den Druck hinter sich 
nicht ertragen können, und ihm zu entgehen suchen. 

Feste Körper sollen nach Bacon durch Druck nicht kom- 
pressibel sein, flüssige aber weit mehr. Als Beweis hierfür 



400 BACON VON VERULAM 

berichtet er über ein von ihm selbst ersonnenes Experiment: 
eine Hohlkugel aus Blei wurde mit Wasser gefüllt, zugelötet, 
und hierauf platt geschlagen, wobei Wasser in feinen Tröpfchen 
durch den Bleimantel trat; es ist leicht ersichtlich, daß dieser 
Versuch das Gegenteil von Bacons Behauptung beweist, und 
in der Tat führt man ihn heute aus, um, vermöge der äußerst 
geringen Kompressibilität des Wassers, die Porosität des Bleies 
zu beweisen, die Bacon offenbar nicht wahrgenommen, oder 
doch nicht beachtet hat. Bacon vermutet, daß, wie ein lange 
Zeit hindurch gebogener Stab schließlich auch beim Loslassen 
in krummer Lage beharre, so auch Luft oder Wasser nach 
längerer Kompressionsdauer das ihnen aufgezwungene Volum 
beibehalten würden, wobei vielleicht Luft in Wasser übergehen 
könnte. Doch ist bei solchen Versuchen der entgegenwirkende 
Einfluß der Wärme zu beachten: erwärmt man die im Glaseie 
verdünnte Luft, so strebt sie nicht mehr nach ihrem früheren 
Zustande zurück, und kühlt man zusammengepreßtes Wasser 
ab, so geht es freiwillig in das dichtere© Eis über, und bei 
lang andauerndem Abkühlen in Löchern oder Höhlen auch in 
Bergkristall. — Da Luft oder Alkoholdampf, der nach Bacon 
ein hundertmal größeres Volumen erfüllt als der flüssige Alkohol, 
sich im Räume ebenso stetig ausbreiten soll, wie z. B. Wasser, 
so bleibt, falls man keinen leeren Raum zuläßt, der Widerspruch 
zu erklären, daß Luft oder Dampf dennoch »dünner" sind, 
d. h. w weniger Stoff in sich enthalten"; Bacon sucht diesem 
Zwiespalte vermittelst der Annahme zu entgehen, daß die natür- 
liche Biegsamkeit der Stoffe ihnen ein gewisses Ausdehnen und 
Zusammenziehen ermögliche. 

Was die Schwere anbelangt, so mißt Bacon ihrer Be- 
trachtung wenig Wert bei, und verwechselt sie mit dem spezi- 
fischen Gewichte, indem er sich über die Schwere des Queck- 
silbers wundert, das doch weit weniger hart als Diamant sei. 
Ob sie auf einer Anziehung der Erde beruhe, läßt er an einer 
Stelle in Frage, während er an einer anderen die Fortdauer der 



BACON VON VERULAM 401 

Schwere ganz natürlich findet, da auch die Erde fortwährend 
vorhanden sei. Als Probe auf den Zusammenhang zwischen 
Schwere und Erde empfiehlt er, eine Pendeluhr einmal auf 
einem hohen Turme und einmal in einem tiefem Schachte zu 
beobachten, da er voraussetzt, ihr Gang müsse im ersten Falle 
langsamer, im zweiten rascher sein. Als bestimmt unsinnig 
bezeichnet er jedoch den Glauben, daß ein fallender Körper 
im Erdzentrum zur Ruhe kommen würde, denn dieses Zentrum 
sei ein bloßer mathematischer Punkt, der als solcher nicht 
physisch wirken könne. 

Der Ton braucht zu seiner Übertragung ein Medium, und 
verbreitet sich in ihm, dem Gerüche gleich, durch eine Art 
stofflicher Strahlung. 

Das Licht ist in manchen Substanzen schon als ursprüng- 
liche Eigenschaft vorhanden, so z. B. in der Luft, daher denn 
Eulen und Fledermäuse auch bei Nacht zu sehen vermögen; 
die Farben sind in ihm nicht schon enthalten, sondern entstehen 
erst nachträglich, durch besondere Modifikationen. Aus der 
Tatsache, daß man den Blitz einer Kanone eher sieht als man 
den Schuß hört, folgert Bacon, daß auch das Licht Zeit zur 
Fortpflanzung brauche, und daß man daher den Himmel nicht 
so sehe wie er jetzt ist, sondern so wie er vordem war. Aber 
sogleich verwirft er diesen richtigen Schluß wieder, weil die 
Ausstrahlung des Lichtes der Gestirne auf so große Weiten -zu 
bedeutende Verluste brächte, sein Weg durch die Wolken ge- 
stört würde, und die unendliche Geschwindigkeit des rotierenden 
Himmels auch eine ebensolche des Lichtes verbürge. — Daß Bacon 
die Wichtigkeit des Fernrohres nicht begriff, ist schon erwähnt 
worden; auch vom Mikroskope sagt er nur ;;es wäre dann nütz- 
lich, wenn man mit ihm auch große Körper und deren Teile 
betrachten könnte", was nicht darauf schließen läßt, daß er dieses 
Instrument jemals selbst zur Hand nahm; die Unsichtbarkeit sehr 
rasch bewegter Körper, z. B. Flintenkugeln, erklärt er dadurch, 
daß das Licht nicht Zeit genug habe, bis zum Auge zu gelangen. 

V. Lippmann, Beiträge. 26 



402 BACON VON VERULAM 

Ob der Magnetismus zu seiner Übertragung eines 
Mediums bedürfe, darüber äußert sich Bacon an verschiedenen 
Stellen in ganz widersprechender Weise. Daß der Magnet auf 
Eisen wirkt ,;Ohne dabei selbst schwächer zu werden", gehört 
zu den „magischen Erscheinungen"; daß der armierte Magnet 
kräftiger als der nicht armierte ist, rührt von der Gleichheit der 
Stoffe her, die sich in Magnet und Armatur gegenseitig ver- 
stärken, ;,so wie ein Holzpfeil tiefer in eine Holzwand eindringt 
als ein eiserner." Die richtige Erklärung Galileis wird ver- 
worfen, die Gilbert sehe Theorie vom Erdmagnetismus und 
dessen Äußerungen (z. B. auf ein in der Richtung des mag- 
netischen Meridianes gehaltenes Eisen) als unwahrscheinlich 
abgelehnt, obgleich nicht auf eigene Versuche hin. 

Was Gilbert über Elektrizität berichtet, ist gleichfalls 
nur „Fabel". Das Wesen dieser Kraft besteht nämlich darin, 
daß manche Stoffe, z. B. Spreu, die Luft nicht gut vertragen, 
und daher andere nahe Körper, z. B. Bernstein, vorziehen. Denn 
alle Substanzen, die unter feindliche geraten sind, bemühen sich, 
diesen zu entrinnen: so freut sich auch das Blattgold nicht an 
der umgebenden Luft, sondern legt sich lieber an feste Körper, 
so vertragen Papier und Tuch die Luft in ihren Poren nicht, 
stoßen sie aus, und nehmen lieber Feuchtigkeit auf, so füllen 
sich Schwämme und Zucker gerne mit Wasser, ja ziehen dieses 
sogar zu sich empor. 

Die Wärme nimmt in Bacons System eine ganz be- 
sonders wichtige Stellung ein, da sie im „Organon" als 
Musterbeispiel dafür dient, wie die Induktion zu handhaben 
und auszuführen sei, so daß hier nicht nur die Ansichten Bacons 
offen liegen, sondern auch die genauen Wege, auf denen er zu 
ihnen gelangte. Seine Untersuchung über das Wesen der Wärme 
zerfällt in drei Teile: die Aufstellung des Beobachtungsmateriales, 
wesentlich nach qualitativer Seite; die sogenannte „Tafel der 
Grade", quantitative Beziehungen betreffend; die Erklärung und 
Deutung der Beobachtungen. 



BACON VON VERULAM 403 

Der erste Teil führt die »positiven und negativen Instanzen" 
an, die im folgenden stets gleich zusammen, in Kürze, und 
nur auszugsweise wiedergegeben seien. Die Frage lautet stets: 
in welchem Falle tritt Wärme zutage und in welchem analogen 
nicht? Warm sind: 1. Die Sonnenstrahlen, direkt und reflektiert; 
keine Wärme zeigen die Strahlen der Kometen, der Sterne und 
des Mondes (was jedoch mittelst Drebbels Luftthermometer 
noch näher zu prüfen wäre), ja der Vollmond bewirkt sogar 
oft große Kälte. — 2. Die feurigen Lufterscheinungen; Kometen 
steigern aber die Jahreswärme nicht, sondern bewirken nur 
Dürre, und die brennende klebrige Masse der Sternschnuppen 
ist kalt. — 3. Die Blitze; nicht aber das Wetterleuchten. — 4. Die 
Flammen, auch jene feuerspeiender Berge; doch kommen Vul- 
kane auch in den kalten Ländern vor, und das in deren Klima 
gedeihende harzige Holz brennt besonders gut. — 5. Glühende 
feste Stoffe, und erwärmte aller Art; Irrlichter, Elmsfeuer und 
Leuchtkäfer, sowie die Lichter beim Faulen von Holz und Fischen, 
beim Meeresleuchten, und beim Zuckerschlagen, sind aber kalt, 
ferner läßt sich Wasser rascher erwärmen als Metalle oder 
Steine (!) — 6. Künstlich erwärmte, oder von Natur aus heiße 
und erhitzende Flüssigkeiten; aus heißen Quellen geschöpftes 
Wasser kühlt sich hingegen allmählich ebensoweit ab als durch 
Feuer erhitztes, und leicht brennbare und brennend schmeckende 
Flüssigkeiten, wie Alkohol, ätherische Öle, und Vitriolöl, sind 
beim ersten Anfassen doch kühl. — 7. Heiße Luft, Dunst, und 
Rauch; doch ist die Luft an sich kalt, und nur durch Absperren, 
Reiben, oder Erhitzen wird sie warm. — 8. Die natürlichen 
heißen Winde; es gibt aber auch natürliche kalte Stürme. — 9. Die 
eingeschlossene Luft der Keller im Winter; kalt ist jedoch die 
derselben Keller im Sommer. — 10. Wolle, Pelze und Federn; 
es hat aber jeder Körper seine natürliche Wärme, zu der er 
womöglich stets wieder zurückkehrt, und in diesem Falle ist 
das die ursprüngliche Wärme der Tiere. — IL Funken aus 
Stahl und Kiesel ; sie entstehen nur, wenn man genügend große 

26* 



404 BACON VON VERULAM 

Stücke des Steines abschlägt, und streben daher mehr nach 
unten wie nach oben. — 12. Stark geriebene Stoffe; die durch 
Wind oder Blasebälge bewegte Luft wirkt jedoch kühlend. — 
13. Feuchtes Gras und Heu; sie haben eine verborgene Wärme 
in sich, die erst beim Einschließen bis zur Selbstentzündung 
vermehrt und angehäuft wird. — 14. Gelöschter Kalk, bei dem 
es sich ebenso verhält, oder vielleicht die feurigen und wässerigen 
Geister in Konflikt kommen; Öl wirkt nicht auf Kalk, weil es 
seine Geister nicht reizen kann. — 15. Eisen oder Zink, beim 
Lösen in kalter Säure; Gold, Silber, Quecksilber und Kupfer 
lösen sich aber ohne Erwärmen. — 16. Das Innere der Tiere; 
Insekten sind jedoch kalt, wegen ihrer Kleinheit, und auch bei 
warmen Tieren, z. B. Vögeln, ist die Wärme in verschiedenen 
Körperteilen sehr wechselnd. — 17. Die tierischen Exkremente; 
selbst in altem Zustande enthalten sie noch eine „mögliche" 
Wärme, die sich z. B. beim Düngen der Felder zeigt. — 18. Das 
Vitriolöl, wenn man es auf Leinen tropft; doch faßt es sich 
kalt an, und löst nicht alle Metalle. — 19. Die erhitzenden 
ätherischen Öle, wenn man sie auf die Zunge bringt; doch 
fassen sich auch diese kalt an. — 20. Der Alkohol, in dem 
Eiweiß gerinnt, und Brod wie beim Backen eine braune Kruste 
bildet (!); vermutlich wirkt er aber, wie hier erhärtend, so auch 
erweichend, z. B. auf Butter, Wachs, Pech und Holz. — 21. Die 
aromatischen und hitzigen Kräuter, beim Genüsse; vielleicht 
kann man mittelst solcher Speck und Fleisch ebensogut trocknen 
und räuchern, wie mittelst der Ofen wärme. — 22. Essig, wenn 
man ihn auf Wunden gießt; wie diese von Natur aus kalte 
Flüssigkeit wirken aber auch die von Natur heißen ätherischen 
Öle. — 23. Heftige Kälte, wenn sie Brennen erregt; manche 
Wirkungen haben demnach Wärme und Kälte gemeinsam, wie 
sie auch beide die Körper zum Einschrumpfen bringen, und 
die Nahrungsmittel vor Fäulnis schützen. 

Der zweite Teil, „Tafel der Grade" genannt, untersucht 
nun die quantitativen Wärmeverhältnisse und hebt, als besonders 



BACON VON VERULAM 405 

bemerkenswert, folgende hervor: 1. Die Wärme der Sonne und 
der Planeten wechselt mit ihrer Stellung. — 2. Alle leblosen 
Körper sind von Natur aus kalt, jedoch in verschiedenem Grade, 
z. B. Holz und Metall; manche haben eine mögliche Wärme, 
wie Steinöl, Schwefel und Naphtha, andere enthalten verborgene 
Wärme, wie die Düngemittel Kreide, Sand und Salz, bei noch 
anderen, z. B. den Faulenden, kann man die Wärme nicht fühlen, 
sondern nur riechen. ~ 3. Alle lebenden Körper sind von 
Natur aus warm, und zwar wird diese Wärme durch große 
äußere Kälte, sowie durch Bewegung, Anstrengung, Mahlzeiten, 
Schmerzen und Krankheiten gesteigert; Menschen von sehr 
trockener Körperbeschaffenheit werden bei hitzigen Fiebern so 
heiß, daß man sich bei der Berührung die Hand etwas ver- 
brennt. — 4. Wärme ist leicht auf alle Stoffe übertragbar, ohne 
sie sonst zu verändern; am leichtesten aufgenommen und ab- 
gegeben wird sie von der Luft, schwieriger von Schnee, Eis, 
Quecksilber und Fett, noch schwieriger von Holz, Wasser, Stein 
und Metall; dafür halten aber letztere die einmal aufgenommene 
Wärme auch am längsten fest, so bleiben z. B. gebrannte Ziegel 
und glühendes Eisen, in kaltes Wasser getaucht, vier Stunden 
lang unangreifbar heiß. — 5. Was einmal Wärme aufgenommen 
hat, behält stets deren Reste in sich zurück; daher taugen Mist, 
Kalk, Asche und Ruß zum Düngen, daher löst die Erde der 
Kirchhöfe die Leichen rasch auf, daher endlich gibt es orien- 
talische, aus Vogelfedern gefertigte Gewebe, in die eingewickelt 
Butter sofort zerschmilzt. — 6. Die Flammen brennender Stoffe 
sind verschieden warm, eine der kältesten ist die des Alkohols; 
viel größer als die Wärme der Flammen ist die des heißen 
Wassers und der Luft, auch wird z. B. glühendes Eisen in der 
Weingeistflamme viel heißer als diese selbst ist(!). — 7. Wie ein 
gebogener Stab beim Loslassen nach der Gegenseite ausschlägt, 
so steigert auch große Kälte die Wärme, weshalb z. B. im 
Winter die Kamine besser brennen. — 8. Auch durch starke 
Bewegung wächst die Wärme, daher befördert der Blasebalg 



406 BACON VON VERULAM 

das Schmelzen des Eisens, daher wird der Amboß beim Hämmern 
warm und müßte schHeßhch rotglühend werden, daher zünden 
Brennspiegel besser, wenn man sie bis zur richtigen Distanz 
bewegt, als wenn man sie gleich in diese einstellt (diesen 
Versuch will Bacon selbst gemacht haben!); hingegen erlischt 
das Feuer, wenn man ihm den Platz zur Bewegung nimmt, 
z. B. mit dem Fuße auf brennenden Docht oder Zunder tritt. — 
9. Feuersbrünste dehnen sich bei starkem Sturm mehr entgegen 
der Windrichtung aus; verschiedene Feuer, sowie große und 
kleine Flammen, wirken gegenseitig auf ihre Wärme ein, ebenso 
kühlt sich heißes Wasser ab, wenn man es in siedendes gießt. 
Zweckmäßig lassen sich hier auch noch einige Betracht- 
ungen anschließen, die Bacon an anderer Stelle vorbringt: 
1. Die Wärme der Sonne ist gegenüber jener des Feuers sanft, 
milde und feucht; ihre Strahlen erzeugen größere Hitze, wenn 
sie auf einen schrägen Abhang fallen, als wenn sie die Ebene 
bescheinen. — 2. Die Kälte hoher Berge und die Glut des 
unterirdischen Feuers stellen die letzten Enden der sich ab- 
stoßenden Erdwärme und Himmelskälte dar. — 3. Steine und 
Metalle erwärmen sich langsamer als Luft, weil sie weniger 
geschickt und bereit zur Bewegung sind, und weil die an- 
regenden Geister in ihnen unter zu hohem Drucke stehen; im 
Erdinneren wird man, des dort herrschenden, noch viel größeren 
Druckes halber, Stoffe vorfinden, die sich überhaupt nicht er- 
wärmen lassen. — 4. Bei der Verbrennung z. B. einer Kerze, 
in einer durch Wasser, besser durch Öl oder Quecksilber ab- 
geschlossenen Glocke, wird die Luft nicht vermindert, sondern 
nur kontrahiert. Daß Flammen brennende Dünste oder Lüfte 
seien, ist falsch, vielmehr ist die Luft der Flamme feindlich, und 
preßt sie von der Seite zusammen, wodurch sie die pyramidale 
Gestalt gewinnt; sobald man die Luft abhält, z. B. eine kleine 
Kerze inmitten einer großen Weingeistflamme brennen läßt, 
wird die Flamme sofort gleichmäßig schön und rund. (Diesen 
unmöglichen Versuch will Bacon selbst angestellt haben!). — 



BACON VON VERULAM 407 

5. Feuer ist eine heftige Erschütterung und Reibung der Körper, 
wobei die sich treffenden Stoffe verfeinert, verdünnt, in Be- 
wegung gesetzt, und hierdurch vorbereitet werden, die Glut der 
Himmelskörper in sich aufzunehmen. — 6. Laues Wasser friert 
schneller als kaltes. 

Gestützt auf diese und ähnliche Materialien, denen Bacon 
hohen empirischen Wert beimißt, obwohl er selbst auch wieder 
ausdrücklich hervorhebt »Wärme sei bloße Gefühlssache, eine 
schwankende Beziehung, da das nämliche Wasser einer kalten 
Hand warm erscheine, einer warmen jedoch kalt", wird nun 
zum dritten Teile, zur „Auslese", übergegangen. Die „Form", 
d. h. das Wesen und Gesetz der Wärme, kann nicht gesucht 
werden: 1. Im Elementaren; weil diesem die Sonnenstrahlen 
völlig entgegengesetzt sind. 2. In den Himmelskörpern; wegen 
des irdischen und unterirdischen Feuers. 3. In der Beschaffen- 
heit der Einzelkörper; denn alle werden durch Feuer warm. 
4. In einer Substanz; denn glühende Körper verlieren nicht an 
Gewicht, während sie andere erwärmen. 5. Im Licht; denn 
heißes Wasser erwärmt, ohne zu leuchten, und der Mond leuchtet, 
ohne zu wärmen. 6. In der Lockerheit; denn auch das dichte 
Gold glüht. 7. Im Dünnen; denn auch dünne Luft ist oft kalt. 

8. In der Ausdehnung; denn glühendes Eisen behält sein ur- 
sprüngliches Volumen bei, und die Luft in Drebbels Luft- 
thermometer vermag sich auch ohne Erwärmung auszudehnen(!). 

9. In einer Zerstörung; denn auch bei empfindlichen Körpern 
findet diese nicht immer statt. 10. In einem Stoffe; denn diesen 
schließt die Wärmeerzeugung durch Reibung aus. 

Bedenkt man hingegen, daß Flammen fortwährend zittern, 
und siedende Flüssigkeiten aufwallen, daß der Blasebalg und 
der Wind das Feuer verstärken, der Druck des Fußes es aber 
verlöschen macht, so wird offenbar, daß der Wärme eine Be- 
wegung zugrunde liege. Besondere Bestimmungen dieser Be- 
wegung sind: L Sie wirkt ausdehnend, z. B. auf Luft, Rauch, 
und Dampfblasen, während umgekehrt die Kälte alles zusammen- 



^-v.. 



40S BACON VON VERULAM 

zieht, so daß z. B. Winters eiserne Nägel aus der Wand fallen. 
2. Sie wirkt nach der Oberfläche ausdehnend und zugleich in 
die Höhe hebend; so z. B. versengt ein Holzspan die Finger 
viel eher, wenn er in senkrechter Stellung brennt, und Schnee 
kühlt einen heißen Eisenstab rascher von oben her ab, als von 
unten aus. 3. Sie betrifft nur die kleinsten Teilchen der Körper, 
die sich gegenseitig hemmen, drängen und zurückstoßen, und 
so das Zittern und Aufwallen herbeiführen; wo daher freie 
Ausdehnung möglich ist, kann die Bewegung nicht wirken, so 
z. B. wird die Luft im Luftthermometer bei freier Ausdehnung 
nicht warm. 

Es ergibt sich also endlich der Schluß: ,; Wärme ist eine 
ausdehnende Bewegung, die gehemmt wird, und in den kleinsten 
Teilchen erfolgt, wobei sich der Umfang der Körper etwas ver- 
größert, und die Bewegung etwas in die Höhe strebt. Könnte 
man in einem Körper eine ausdehnende Bewegung erwecken, 
und sie so zurückdrängen und auf sich selbst richten, daß die 
Ausdehnung nicht gleichmäßig vor sich ginge, sondern teils 
geschähe, teils zurückgestoßen würde, so ließe sich unzweifel- 
haft Wärme erzeugen." 

Dieser ganze induktive Vorgang ist nach Form und Inhalt 
außerordentlich lehrreich und für Bacon höchst charakteristisch; 
wer ihn überblickt, wird auch den Wert der, oftmals unter großer 
Anerkennung geäußerten Behauptung zu schätzen wissen, Bacon 
sei doch im wesentlichen zum richtigen (von der heutigen 
Wissenschaft übrigens wieder angefochtenen) Satze gelangt: 
»Wärme ist eine Form der Bewegung." Auch die Art, in der 
die Definition gegeben wird, ist bemerkenswert; ob und wie, 
ihr entsprechend, Wärme erzeugt werden könne, wird nicht 
untersucht, und es bleibt unerklärt, weshalb hier das „Wissen" 
mit dem »Können" nicht zusammenfällt. 



Was Bacon unter dem Namen Chemie behandelt, ist zu- 
meist Alchemie, deren Anschauungen und Versprechungen er 



BACON VON VERULAM 409 

als falsch, unsinnig, und praktisch unbewiesen, scharf zurück- 
weist; er tadelt die Chemiker, die ungeleitet von Kunst und 
Theorie ihre Versuche anstellen, die nur zufällig, oberflächlich, 
sozusagen handwerksmäßig, brauchbare Entdeckungen machen, 
und die als ursprüngliche Bestandteile der Körper betrachten, 
was sie ihnen erst durch Destillieren, Erwärmen, und Auflösen 
abgezwungen haben. Durch solche Operationen werden näm- 
lich tiefgreifende Veränderungen der »greifbaren Wesen und 
Geister" bewirkt, aus denen die Stoffe bestehen, und zwar ist 
ein desto größerer Kraftaufwand nötig, je gröber die Teile und 
je energischer die Geister sind, z. B. beim Quecksilber und 
beim Vitriolöl. 

Als Grundlage aller Stoffe kann man (dem Paracelsus 
folgend) Schwefel, Quecksilber, und Salz ansehen; betreff des 
Schwefels stimmen Öle, fette Dünste, Flammen, und Sterne 
überein, betreff des Quecksilbers Wasser, wässerige Dünste, Luft, 
und Himmelsäther; das Salz aber ist kein eigentliches Prinzip 
und erklärt bloß die Natur der festen Körper. Sind Stoffe 
verwest oder verbrannt, so ist ihre ursprüngliche Natur zerstört, 
sie haben ihren Lauf vollbracht, und sind durchaus unfähig, 
abermals Bestandteile der nämlichen Dinge zu werden, denen 
sie vorher angehörten, weshalb man, falls solche wiederher- 
gestellt werden sollen, zu allgemeineren Grundstoffen seine Zu- 
flucht nehmen muß. 

Jeder Stoff läßt sich als eine Summe elementarer Eigen- 
schaften betrachten, d. h. als eine Vereinigung bestimmter Ge- 
staltungen und Bewegungen der Stoffteilchen; kennt man erst 
diese »Formen", so kann man sie auch erzeugen, den Körpern 
mitteilen, und diese so ineinander verwandeln. Obgleich also 
Bacon die Träume der Alchy misten völlig verwirft, erklärt er 
doch, von diesem Standpunkte aus, die Umwandlung niedriger 
Metalle in Silber und Gold für möglich, ja er gibt hierzu sogar 
ein ausführliches Rezept, das darauf hinausläuft, die einzelnen 
»Formen" des Goldes, die er sich offenbar als selbständig und 



410 BACON VON VERULAM 

unabhängig von diesem existierend denkt, zusammenzusetzen, 
also durch Vereinigung der gelben Farbe, des Glanzes, der 
Dehnbarkeit und Hämmerbarkeit, der Unauflöslichkeit in Säuren, 
des hohen spezifischen Gewichts u. s. w., eine Synthese des 
Goldes zu bewerkstelligen. Auch lobt Bacon die Chinesen, 
deren Versuche, das spezifisch schwere Blei in das leichtere 
Silber zu transmutieren, offenbar aussichtsreicher seien, als die 
der europäischen Chemiker, aus Blei das spezifisch schwerere 
Gold zu gewinnen. 

Ob es tatsächlich Mittel gibt, die Stoffe durch Veränderung 
ihrer kleinsten Teilchen ineinander zu verwandeln, bleibt für 
viele Fälle allerdings dahingestellt. Sicher ist aber, daß zahl- 
reiche Körper vermöge ihrer Bewegungen andere in sich um- 
wandeln : so gibt Luft unter Druck Wasser, führt dagegen, über 
Wasser stehend, dieses in Luft über, so werden Schlamm und 
feuchte Erde beim Verweilen zwischen Steinen selbst hart und 
versteinert, so erklärt sich der Vorgang der Gärung, der Ge- 
rinnung, und der Giftwirkung. Von großem Einflüsse ist bei 
allen solchen Umsetzungen die Temperatur; die Kälte z. B. ver- 
wandelt in China gewisse vergrabene Erden binnen 40 bis 
50 Jahren in Porzellan, und zwar durch einen Verdichtungsprozeß, 
wie er auch beim Eintauchen von manchen Gegenständen in 
versteinernde Wässer oder in Quecksilber vorkommt; was die 
Wärme vermag, das zeigt am besten die Entzündung des Schieß- 
pulvers. Wie nämlich Öl und Wasser sich abstoßen, wie Queck- 
silber das Fett flieht und eben deshalb mit ihm zu einer Salbe 
verrieben werden kann, so verhält es sich auch mit dem ent- 
zündlichen Geiste des Schwefels, und dem jede Flamme ver- 
abscheuenden des Salpeters. Unter Vermittelung der Kohle 
bricht der Salpetergeist hervor, dehnt sich durch die Wärme 
der Entzündung aus, und bläst wie ein verborgener Blasebalg 
die Schwefelflamme nach allen Seiten auseinander; Quecksilber 
verstärkt seine Wirkung (dies war ein weit verbreiteter Aber- 
glaube!), weil es an Kraft schon ohne Entzündung dem Pulver 



BACON VON VERULAM 411 

gleichkommt. Daß das Pulver große Gebäude zu zersprengen 
vermag, ist leicht erklärlich: der Geist des Pulvers schreitet eben 
viel rascher fort als sich die, durch die Schwere bedingte Gegen- 
bewegung, sowie der Widerstand der stumpfen körperlichen 
Masse entwickelt, den man überhaupt im ersten Momente als 
noch garnicht vorhanden, demnach als Null ansehen kann(!). 
Die Wirkung der kleinen Menge des Pulvergeistes ist nicht 
anders zu beurteilen, als die der kleinen Menge Geist in den 
Elefanten und Walfischen, die dennoch deren große Körper in 
Bewegung setzt. 

Hervorzuheben ist endlich noch der geringe Wert, den 
Bacon, so sehr er sonst nach Induktion und Versuchen ver- 
langt, dem chemischen Experimente zuschreibt, das doch nicht 
zum wenigsten »die Natur durch kunstgerechten Zwang nötigen 
soll, sich deutlich zu offenbaren." Er sagt darüber: »Wo die 
Kunst der Natur mit Martern und Gewalt Zwang antut, wo man 
den Stoff absichtlich mittelst der Kraft bedrängt und quält, wird 
selten das Ziel erreicht, sondern es entstehen zumeist seltsame 
mannigfaltige Gestalten, schwache haltlose Fehlgeburten. So 
geschieht es bei den chemischen Erzeugnissen, aber auch bei 
neuen mechanischen Erfindungen, die dennoch durch Betrüger 
mit Pomp zur Schau gestellt werden." 



Die Unvollkommenheit der Medizin hat Bacon richtig 
wahrgenommen, und namentlich den Mangel klinischer Be- 
obachtungen, den einer auch die Einflüsse von Übung und 
Bewegung berücksichtigenden Organlehre, den der vergleichenden 
und pathologischen Anatomie, der Vivisektionskunde, und der 
Arzneimittellehre, kritisch beleuchtet. Seine eigenen Ansichten 
stehen, nach dem Urteile eines hervorragenden Fachmannes, 
Bamberger, zumeist unter dem Einflüsse des (dazu noch oft 
von ihm mißverstandenen) Paracelsus und Galenos, und ent- 
wickeln eine nicht unkonsequente, aber praktisch durchaus un- 



412 BACON VON VERULAM 

anwendbare, ganz abenteuerliche Theorie, die betreff der meisten 
medizinischen Einzelheiten völlig Falsches enthält; auch leugnet 
Bacon zwar, daß Sympathie und Antipathie irgend zureichende 
Erklärungsgründe seien, die Behauptungen aber, die er über 
die Rolle der guten und bösen Säfte, der öligen und wässerigen 
Bestandteile, des Konfluxus und Konsensus der ,; Lebensgeister" 
vorbringt, sind doch nur jene nämlichen alten Lehren unter 
etwas verändertem Namen. 

Was den menschlichen Körper anbelangt, so erklärt Bacon 
die Angaben der Chemiker, die in ihm pflanzliche und mine- 
ralische Bestandteile nachweisen wollen, für fragwürdig; sicher 
ist es aber, daß in ihm der am meisten gemischte und organische 
aller Körper vorliegt, und daß er deshalb auch so überraschende 
Kräfte besitzt. Einfache Körper nämlich haben nur wenige 
Kräfte, dafür aber energische und lebhafte, weil sie nicht zer- 
splittert und geschwächt, und auch nicht durch Beimischung 
anderer Geister ausgeglichen sind. Hingegen enthält der mensch- 
liche Körper mannigfaltige Geister, durch deren Veränderung, 
z. B. mittelst der Arzneimittel, man auf ihn einwirken kann: die 
Wohlgerüche sammeln und verdichten bei Ohnmächten die 
Geister, die „feindlichen und boshaften" Opiate verdünnen sie 
hingegen, verdrängen sie aus den Gehirnhöhlen, und führen 
durch diesen Platzmangel Schlaf und selbst Tod herbei. 

Die Teile des Körpers sind von sehr verschiedener Tempe- 
ratur, die, je nach den Ernährungs- und Bewegungszuständen, 
auch im nämlichen Organe wechselt; am kältesten ist das Ge- 
hirn, am wärmsten das Herz. Beim Schlagen des Herzens, 
— so lehrt ein Zeitgenosse Harvey's! — , entsteht eine zitternde 
Bewegung, wie stets, wenn ein Körper nicht richtig und seiner 
Natur gemäß, aber auch nicht ganz schlecht gestellt ist, sein 
Stand ihn demnach zwar nicht befriedigt, aber doch auch zu 
keiner völligen Veränderung antreibt. 

Die Sinnesorgane haben dieselbe Natur wie die auf sie 
wirkenden Körper, so daß das Auge mit einem Spiegel über- 



BACON VON VERULAM 413 

einstimmt, das Ohr mit einem Orte an dem Echo herrscht; 
solche Analogien sind in der ganzen Natur verbreitet, wie denn 
Bäume Harz und Felsen Edelsteine ausschwitzen, dem Munde 
aller vollkommenen Tiere etwas hartes entfließt (bei den Vier- 
füßern Zähne, bei den Vögeln Schnäbel), ja selbst Erdteile 
ähnlich gestaltet sind, z. B. Afrika und Südamerika. — Was 
ihnen unähnlich ist, stoßen die Sinne zurück, üble Gerüche und 
Geschmäcke z. B. mit solcher Kraft, daß gleichzeitig die Magen- 
mündung sich zu wenden und der Kopf sich zu schütteln be- 
ginnt; auch hierfür sind Analogien vorhanden, denn der Zimmt 
bleibt z. B. in der Nähe von Düngergruben länger als sonst 
wohlriechend, weil er sich seinen Duft in solcher Umgebung 
auszuströmen scheut, und nur Aromata, nicht aber Blumen, 
riechen am besten beim Zerdrücken, weil der grobe, erdartige 
Geist der letzteren ihrem edlen feineren feindlich ist. 

Zwischen dem tierischen Körper und der göttlichen Seele 
herrscht zwar ein Zusammenhang, aber die Natur irrt oft in 
dieser Hinsicht, und bringt dann Mißgestalten hervor; denn die 
Seele eines Blöden besteht aus demselben Stoffe wie die eines 
Staatsmannes, und wenn die Natur fehlgreift, muß auch ein 
guter Geist in einem unvollkommenen Körper Wurzel fassen. 
Ihrem Wesen nach ist die Seele überirdischen Ursprunges, un- 
begreiflich, und daher dem Gebiete der Religion zugehörig; so 
lange sie mit dem Körper vereinigt ist, sitzt sie, als eine 
wesentlich trockene, wegen ihrer großen Feinheit unsichtbare 
Substanz, im Gehirn, empfängt dort die Einflüsse des Willens 
und der Gefühle, und äußert sich durch Hervorbringen will- 
kürlicher Bewegungen und sinnlicher Wahrnehmungen, die 
keineswegs mit Empfindungen identisch, sondern nur öfters von 
diesen begleitet sind. — Über die Dunkelheit und Verworrenheit 
dieser Lehren hat sich schon Spinoza tadelnd ausgesprochen. 



Betreff der reinen, sogenannten Geisteswissenschaften, können 
hier nur einige der wichtigsten Punkte kurz berührt werden. 



414 BACON VON VERULAM 

Bei seiner Betrachtung der Geschichte läßt Bacon völlig 
den geschichtsphilosophischen Sinn, oder, wie Buckle sich aus- 
gedrückt hat, den ;; geschichtlichen Verstand" vermissen; er 
vermag keine Zeit aus sich heraus zu beurteilen, verfährt stets 
unnatürlich und geschichtswidrig, und teilt den Fehler vieler 
seiner Landsleute, die wohl den römischen, in seinem Streben 
nach praktischen Zielen dem englischen verwandten Geist zu 
erfassen vermögen, aber durchaus nicht den griechischen, diese 
eigentliche Seele des Altertums und der Antike. So sind ihm 
auch in seiner Schrift ,;Die Weisheit der Alten" die antiken 
Sagen und Mythen nur frostige Sinnbilder und Parabeln 
moralischer oder gar physikalischer Lehren, die er allegorisch 
zu erklären sucht; seine Deutungen aber erfolgen rein teleo- 
logisch und nach vorgefaßten Begriffen, sind willkürlich und 
schwankend, kindisch und abgeschmackt, fern von jedwedem 
Verständnisse für die Natur und Entstehung der Mythen, sowie 
für deren religiöse Grundlage. 

Auch dem Wesen der Religion steht Bacon völlig fremd 
gegenüber. Er ist des naiven Glaubens, daß die Gebiete der 
Wissenschaft und der Religion glatt zu trennen seien, daß man 
die Religion (die nicht mit der Theologie zu identifizieren ist!) 
aus der Wissenschaft, in der sie nichts zu suchen hat, einfach 
hinausweisen könne, und daß im übrigen Religion und Wissen- 
schaft sehr wohl nebeneinander zu bestehen vermögen; in diesem 
Sinne ist der berühmte Ausspruch aufzufassen: «Ein wenig 
Philosophie veranlaßt den menschlichen Geist zur Gottesleug- 
nung, ihre volle Tiefe aber führt ihn zur Religion zurück." Die 
Lehren der Religion, die biblische Autorität, sowie die Offen- 
barungen dürfen nach Bacon nicht durch die Vernunft geprüft 
werden, und er nimmt in dieser Hinsicht den Standpunkt des 
Kirchenvaters Tertullianus an: «Credo, quia absurdum est"; 
überhaupt sollen Streitigkeiten zwischen Religion und Wissen- 
schaft vermieden werden, denn sie bringen keinen Nutzen, sie 
sind nicht praktisch. Die Religion, sagt Bacon an einer 



BACON VON VERULAM 415 

Stelle, ist ein Spiel, dessen Regeln Gott festgestellt hat, und wer 
ein Spiel mitspielen will, hat sich den Regeln zu unterwerfen, 
und sie nicht erst zu kritisieren. Es kann hiernach nicht Wunder 
nehmen, daß man Bacons Stellung zum Glauben als ein, durch 
seine Ämter am Hofe und beim Könige bedingtes, „zeitgemäßes 
Kostüm" charakterisiert, und geschwankt hat, ob nur an Vor- 
sicht und Klugheit zu denken sei, oder an Heuchelei. 

Was die Ethik anbelangt, so betont Bacon in sehr ent- 
schiedener Weise die sozialen Pflichten, und dringt auf ein 
werktätiges Leben, nicht der Beschaulichkeit, sondern der Arbeit 
gewidmet, namentlich jener an der Vervollkommnung des 
künftigen Zustandes der Menschheit, der vor allem und in jeder 
Weise nachzustreben sei. Doch hebt er andererseits auch wieder 
die Vergänglichkeit alles Irdischen lebhaft hervor: das Ver- 
gangene gleicht einem Traume, aber auch wer auf die Zukunft 
hofft oder baut, der träumt wachend; wir sterben täglich, und 
wie andere uns Raum machten, so überlassen wir den Platz 
wieder anderen. 

Unter den menschlichen Leidenschaften begriff Bacon 
am besten den Ehrgeiz und die Herrschsucht, am wenigsten 
die Liebe, die er deshalb auch am niedrigsten schätzt. Die 
Bühne, so sagt er, sei ihr mehr verpflichtet als das mensch- 
liche Leben, in dem sie viel Unheil anrichte, bald als Sirene, 
bald als Furie, und so sei unter den wahrhaft großen und 
verdienstvollen Menschen aller Zeiten auch kein einziger zu 
finden, der sich zu diesem unsinnigen Zustande habe hin- 
reißen lassen; diese schwächliche Leidenschaft muß großen 
Geistern fernbleiben, und auch großen Geschäften, denn drängt 
sie sich gar erst in die Geschäfte ein, so trübt sie das Glück 
der Menschen, und verhindert sie, ihre Ziele zu erreichen. — 
Es wird erzählt, daß diese niedrigen Ansichten eine erste Ehe- 
werbung Bacons, um die reiche Witwe Lady Hatton, zu 
nichte machten, da die Lady, als sie von der betreffenden Schrift 
Bacons erfuhr, fürchtete, daß er nicht nach ihr strebe, sondern 



416 BACON VON VERULAM 

nach ihrem Gelde; den Gemahl, den sie bald darauf erwählte, 
machte sie übrigens so unglücklich, daß Bacon diesen Verlust 
jedenfalls nicht zu beklagen brauchte. 

Der Kunst widmet Bacon nur wenig Aufmerksamkeit, 
ihr Wesen ist ihm so fremd wie das der Religion und der 
Liebe; von „Künsten" spricht er in der Regel als von den 
praktischen Anwendungen der Wissenschaften, bei denen nicht 
die Schönheit, sondern der Nutzen in Frage kommt, und die 
„schönen Künste" zählt er zur „Lustlehre" (Voluptuaria), mit 
Ausnahme der Poesie. Diese erklärt er für ein, der Phantasie 
gemäßes Abbild der Welt in und nach unserem Geiste, für 
einen Spiegel der Ereignisse und der Geschichte, nicht aber 
der Seele und des Gemütes. Daher verweist er den Urquell 
aller Poesie, die Lyrik, in die Philosophie und die Rhetorik, 
d. h. in die Prosa, während er der Allegorie, diesem nüchternsten 
und trockensten Gebiete der Dichtkunst, den obersten Platz in 
der Poesie einräumt; das Kunstwerk steht ihm eben desto 
höher, je nützlicher und der Wissenschaft dienstbarer es ihm 
erscheint, und seine Frage lautet: was soll die Dichtung, was 
bezweckt sie? 

Eigentliche künstlerische Interessen lagen Bacon völlig 
ferne, auch war er in der poetischen Literatur selbst seines 
Vaterlandes so gut wie unbewandert, und erwähnt z. B. in 
seinen Werken keinen einzigen englischen Dichter. Dem 
Brauche seiner Zeit folgend, hat er zwar gelegentlich einige 
Festspiele und Gedichte verfaßt, doch überschreiten auch die 
besseren unter ihnen nicht das dem Gebildeten seiner Zeit er- 
reichbare Mittelmaß, während andere tief hinter diesem zurück- 
bleiben; poetische Anlagen wird man ihm, diesen Leistungen 
nach, jedenfalls nicht mehr zuschreiben dürfen als etwa dem 
Benvenuto Cellini auf die, in seiner Selbstbiographie ver- 
streuten, in der Form ganz vollendeten Gedichte hin. 

Bemerkenswert ist es, daß Bacon in der zweiten Auflage 
seiner Enzyklopädie, die 1623 erschien, also im selben Jahre 



BACON VON VERULAM 417 

wie die berühmte erste Folioausgabe von Shakespeares 
Werken, die Bühne seiner Zeit, gegenüber der antiken, außer- 
ordentlich scharf verurteilt; diese Stelle, die in der ersten Auf- 
lage der Enzyklopädie von 1605 fehlt, hat man zwar mittels 
des Hinweises erklären wollen, daß 1623 wirklich schon ein 
arger Verfall der englischen Bühne vorgelegen habe, doch sind, 
namentlich mit Rücksicht auf den damaligen puritanischen An- 
sturm gegen das Theaterwesen, alle derartigen Nachrichten mit 
größter Vorsicht aufzunehmen, um so mehr, als es z. B. nach- 
weislich feststeht, daß nicht nur 1623, sondern selbst noch 
1633, Shakespearesche Dramen oft gegebene Lieblingsstücke 
des Publikums waren. Zu Bacons Ansicht paßt außerdem 
auch sein Lob der pädagogischen Verwertung „der, als Ge- 
werbe übelberufenen (infamis), als Übung aber vortrefflichen 
Schauspielkunst" durch die Jesuiten, deren erfolggekröntes 
Streben nach Macht überhaupt Bacons Bewunderung erregt 
zu haben scheint; in einem der Essays empfiehlt er ebenfalls 
„Schauspiele zu besuchen, aber nur solche, die von der vor- 
nehmen Gesellschaft besucht werden«, und versteht unter 
diesen wohl die Maskenspiele und Prunkaufzüge, von denen 
er eine ausführliche und für ihn sehr charakteristische Schil- 
derung gibt. 



Werfen wir nun einen Rückblick auf das bisher Be- 
sprochene, suchen wir uns den angeführten Belegen gemäß 
klar zu machen, wie der Standpunkt Bacons als Philosoph, 
als Naturforscher, als Naturphilosoph, zu charakterisieren sei, 
so kann das Ergebnis nicht zugunsten jener noch immer weit- 
verbreiteten Ansichten ausfallen, die, nicht näher geprüften 
Traditionen folgend, Bacon eine nach jeder Richtung hin her- 
vorragende Stellung einräumen wollen. 

Bedeutend ist Bacon hauptsächlich im Negativen, d. h. 
in der Kritik, und im Kampfe gegen die Mängel der Wissen- 

V. Li pp mann, Beiträge. 27 



418 BACON VON VERULAM 

Schäften, der Schulgelehrsamkeit, und der Scholastik, die er in 
Aristoteles verkörpert sieht, dabei aber weniger auf den 
wahren Aristoteles zielt, als auf das vielfach verzerrte Bild, 
das er sich von diesem großen Manne machte. Es darf jedoch 
nicht übersehen werden, daß Bacon gegen einen Feind an- 
kämpft, der bereits vielfach besiegt, ja dem Wesen nach sogar 
schon endgültig geschlagen war, bevor nur Bacon das Licht 
der Welt erblickte. Durch das Wiederaufblühen der Philo- 
sophie, der reinen und angewandten Wissenschaften, und der 
Naturforschung (namentlich in Italien), durch den Einfluß der 
platonischen Schule zu Florenz, durch die Ausbreitung des 
Buchdruckes, durch die unermeßlichen Erfolge des Zeitalters 
der Entdeckungen, endlich durch die fortschreitende Auflehnung 
gegen die Autorität, besonders gegen jene der Kirche, — wobei 
jede Lehre des Thomas von Aquino oder seiner Nachfolger 
als ;; aristotelisch" galt — , war in der Tat die Scholastik bereits 
unwiderruflich gestürzt; dies trifft insbesondere auch für Eng- 
land zu, wo selbst an schottischen Universitäten die Philosophie 
schon nicht mehr nach Aristoteles, sondern nach seinem 
Erzfeinde Petrus Ramus (Pierre de la Ramee) vorgetragen 
wurde, und das alte scholastische System nur noch an ge- 
wissen gelehrten Schulen fortlebte, — , jenem Trägheitsgesetze 
folgend, das ebensowohl für die geistige wie für die körperliche 
Natur gilt. Die Behauptung, Bacon habe die Scholastik und 
das aristotelische System zuerst und in entscheidender Weise 
zu Falle gebracht, ist daher eine durchaus irrtümliche, und nur 
geeignet, dem Verdienste Abbruch zu tun, das er sich als Rufer 
im Streite wirklich erwarb. 

Sowie jedoch Bacon vom Negativen zum Positiven 
übergeht, zeigt er sich selbst als durchaus in scholastischen 
Begriffen befangen; seine »Geister", z. B. deren Sympathie und 
Antipathie, Consensus und Dissensus, Begehren und Ver- 
abscheuen, u. s. f., unterscheiden sich in nichts von den Trug- 
gebilden seiner mittelalterlichen Vorgänger, und unbekümmert 



BACON VON VERULAM 419 

um seine eigenen Lehren begeht er so alle die an Anderen 
getadelten Fehler, verletzt die selbst aufgestellten Regeln, ver- 
liert jeden kritischen Halt, und gelangt daher zu falschen, für 
die Wissenschaft unbrauchbaren, ja ihren Fortschritt hemmenden 
Ergebnissen. Diese Widersprüche erklären sich daraus, daß 
Bacon kein systematischer und konsequenter Denker, kein 
reiner Forscher, und überdies durch das Vorwiegen praktischer 
Rücksichten und sein persönliches Begehren nach Macht, 
Reichtum, Wohlleben und politischem Einfluß, im Festhalten 
und Fortbilden seiner Gedankengänge vielfach behindert war. 
Bacons Geist ist universal, von großer Gesichtsweite und 
seltenem Scharfsinne, vorwiegend auf das Allgemeine gerichtet, 
nach Verbindung und Wechselwirkung der vereinzelten Wissen- 
schaften strebend; in diesem Sinne fordert er die Schaffung 
der heute als „Akademien der Wissenschaft" bezeichneten In- 
stitute, die in stetem Verkehrsaustausche bleiben sollen, ver- 
langt er eine allgemeine Naturgeschichte, eine Geschichte der 
Technologie, Kunst- und Literaturgeschichten im Sinne der 
Kulturgeschichte, direkt aus den Quellen geschöpfte politische 
und nationale Geschichte, und eine Geschichte der Sprachen, 
deren Vergleichung Einsichten in ferne Vergangenheiten er- 
öffnen werde. 

Das oft gebrauchte Bild, „Bacons Wissen habe einem 
Globus geglichen, der stets nur eine Obersicht des Zusammen- 
hanges bieten könne, aber kein Detail", ist jedoch nicht zu- 
treffend. Sicherlich vermag der Globus das Detail nicht mit 
der Sorgfalt einer Spezialkarte wiederzugeben, aber so weit 
er es gibt, muß es richtig sein, und bevor man den Globus 
anzufertigen und den Zusammenhang auf ihm darzustellen 
unternimmt, müssen eben die genauen Spezialkarten vorliegen, 
aus denen sich das erforderliche Material schöpfen läßt. An 
dieser Vorkenntnis des Einzelnen fehlt es aber bei Bacon 
durchaus, nicht etwa im Vergleiche mit den Kenntnissen der 
Jetztzeit, — denn ein solcher wäre durchaus ungerecht — , 

27* 



420 BACON VON VERULAM 

sondern in jenem mit den Kenntnissen seines eigenen 
Zeitalters; wie wir bei Betrachtung der einzelnen Wissen- 
schaften ersahen, steht Bacon hier nach jeder Richtung weit 
hinter seinen Zeitgenossen zurück, und vermag deren wichtigste 
Errungenschaften weder zu würdigen noch zu begreifen. Dies 
gilt insbesondere für die Naturwissenschaft, wie denn schon 
sein Landsmann, der große Harvey, sagte, Bacon habe über 
diese geschrieben „nicht wie ein Naturforscher, sondern wie 
ein Lordkanzler". Seine eigenen Versuche sind fast durch- 
wegs als schlecht angelegt, als roh und falsch ausgeführt, und 
als unrichtig gedeutet zu bezeichnen, und weder geht von 
Bacon irgend eine positive Leistung oder Entdeckung aus, 
noch hat er eine solche veranlaßt, noch sie zu verstehen ge- 
wußt, wenn er sie bei Anderen vorfand; selbst Whewell muß 
dies in seiner „Geschichte der induktiven Wissenschaften", in 
der er die großartigen Verdienste englischer Forscher mit 
Stolz in das rechte Licht zu setzen pflegt, zugestehen, und bleibt 
nur bemüht, Bacons Schwächen und Unwissenheit zu ent- 
schuldigen. 

So wenig also Bacon Aristoteles und die Scholastik 
stürzte, so wenig hat er auch der Naturkenntnis eine neue und 
maßgebende Form verliehen, oder ihren Inhalt bereichert; und 
weder hat er die Methode der Induktion erfunden, noch sie 
zuerst zutreffend analysiert, noch zuerst ihre richtige Anwendung 
gezeigt, oder auch nur die von Anderen gezeigte erfaßt. Über- 
blickt man seine eigenen induktiven Versuche, z. B. den als 
Musterbeispiel aufgestellten über die Wärme, so liegt die 
treffendste Kritik im Hinweise auf die erschöpfende Charakter- 
istik Goethes, der in einem erst jüngst veröffentlichten Briefe 
von 1808 sagt: »Bacon kommt mir vor wie ein Herkules, der 
einen Stall vom dialektischen Miste reinigt, um ihn mit Er- 
fahrungsmist wieder zu füllen." Die induktive Methode allein 
ist eben durchaus unzureichend, denn die Induktion wird nur 
dann richtig, wenn der sie Ausführende schon richtige 



BACON VON VERULAM 421 

Grundbegriffe hat, oder diese wenigstens zu erkennen weiß, 
— wozu freilich eine besondere geniale Veranlagung gehört, 
eine instinktive Gabe der Intuition. Wenn daher Bacon 
glaubte, im Besitze seiner Methode werde auch der Ungeübte 
mit jener selben Sicherheit und Leichtigkeit Erfindungen machen, 
mit der er, im Besitze eines Zirkels, einen richtigen Kreis zu 
beschreiben vermöge, so befand er sich in einem großen Irr- 
tume, der desto auffälliger ist, als es ihm nicht entging, daß 
die bedeutenden Erfindungen »nicht durch kleinliche Aus- 
legungen des schon Bekannten gemacht werden, sondern durch 
Zufall." Bacon überschätzte eben, aus Mangel an wahrer 
Sachkenntnis, das erhoffte, rein mechanische Verfahren des Er- 
findens, und unterschätzte die ideale Seite, das Wesen des per- 
sönlichen Forschergeistes, der die Voraussetzung dafür bildet, 
daß sich im gegebenen Falle Verdienst und Glück verketten, 
daß der Entdecker das zu sehen und festzuhalten weiß, was 
Hunderten vor ihm unbemerkt aus den Fingern entschlüpfte. 
Dieser Irrtum Bacons erklärt sich wohl genügend daraus, 
daß er, wie Carlyle sich ausdrückt, bei aller großen Be- 
gabung doch nur ein »sekundärer Geist" war, daß er nament- 
lich der Schöpferkraft ermangelte, und diese deshalb auch nicht 
begriff. 

Vielfach hat man nun darauf hingewiesen, wie Bacon 
zu wiederholten Malen für sich nur das Verdienst der Auf- 
stellung von Zielen und Wegweisung, nur die Rolle eines 
Zeigers, in Anspruch genommen habe. Seine Bedeutung wird 
dann darin gesucht, daß er der schon im Zuge befindlichen 
Bewegung Bahnen anwies, als Ziel »das Wohl der Mensch- 
heit" aufstellte, und als Methode die Vervollkommnung der 
bislang verachteten, des geistigen Forschers unwürdig befundenen 
»Künste" (d. h. der angewandten Wissenschaften) empfahl. Aller- 
dings habe er also weder die Straße entworfen, noch gebaut, 
noch entdeckt, aber er verwies auf ein bisher nicht erkanntes, 
und allein auf dieser Straße erreichbares Ziel, und verlieh so 



422 BACON VON VERULAM 

der induktiven Methode eine vorher unbekannte Wichtigkeit, 
weil sie, des großen zu erreichenden Zweckes halber, auch mit 
größter Sorgfalt und Genauigkeit betrieben und ausgeführt 
werden mußte. Nicht neue induktive Regeln habe er gegeben, 
sondern nur Motive, solche aufzusuchen, nicht direkt habe er 
gewirkt und fortgewirkt, sondern indirekt, durch Anregung 
von Forschergeistern, die dann selbst die Welt bewegten; 
epochemachend sei, und stemple ihn zum Philosophen, daß 
er die aufgetauchte neue Geistesrichtung, auch insoweit sie die 
Naturforschung betraf, richtig erkannte, sie seinem Zeitalter vor- 
hielt und einprägte, und es nachdrücklich zu der sinnlichen 
Erfahrung antrieb, die seither die Wissenschaft ins Unendliche 
erweiterte. 

In diesen Behauptungen, die überdies Bacon schon eine 
weitaus bescheidenere Rolle zuweisen, als jene ist, die er selbst 
zu spielen vermeinte, dürfte aber immer noch weit mehr Irriges 
als Zutreffendes enthalten sein. 

In philosophischer Richtung hat Bacon überhaupt nichts 
Einheitliches und Geschlossenes geschaffen, keine der großen 
Fragen durchdacht oder gelöst, und nichts ausgesprochen, was 
nicht erst selbst wieder der philosophischen Untersuchung und 
Ergänzung bedürfte. Mag auch immerhin seine Enzyklopädie 
in mancher Hinsicht eine Vorläuferin der großen französischen 
von Diderot und d'Alembert sein, worauf die Vorrede der 
letzteren hinweist (1758), so gibt es doch kein Baconsches 
System und keine Bacon sehe Schule. Nicht Schüler hat 
Bacon gehabt, sondern nur Nachfolger, und wenn diese zum 
Teile durch Ideen angeregt wurden, die sich u. a. auch bei 
Bacon vorfinden, so beweist das allein noch keineswegs, daß 
sie sie gerade aus ihm geschöpft haben; liegt doch der Schwer- 
punkt der Leistungen eines Hobbes, Locke, Berkeley, und 
Hume, in der Untersuchung und Kritik des Erkenntnisvermögens, 
also eines Gebietes, das Bacon nicht einmal dem Namen nach 
kannte. Daher haben sich auch Mie Philosophen zumeist ge- 



BACON VON VERULAM 423 

weigert, Bacon als einen ihrer Wissenschaft Zugehörigen an- 
zusehen, und verwiesen vielmehr auf die Bedeutung seiner 
naturwissenschaftlichen Leistungen. 

Die Naturforscher hinwiederum wollten zwar Bacons 
philosophische Bedeutung nicht bestreiten, sträubten sich aber, 
aus leicht begreiflichen Ursachen, ihn als Mitglied ihrer Gilde 
anzuerkennen. In der Tat hat er als Naturforscher, wie wir 
gesehen haben, selbst nichts Brauchbares geleistet; vergeblich 
sucht man aber auch jene Forschergeister, die angeblich von 
ihm und seiner induktiven Methode ihre Anregungen empfangen 
haben sollen. Zwar sind Boyle und Newton als diejenigen 
genannt worden, bei denen sein Ausschließen jeder Hypothese, 
als etwas Deduktiven, „im Stillen" gewirkt habe; Beweise hier- 
für liegen indessen nicht vor, auch berufen sich diese Forscher, 
von denen Newton die Namen zahlreicher Physiker quellen- 
mäßig anführt, nirgends auf Bacon, und endlich hat Newton 
zwar gesagt, „Hypothesen erdenke ich nicht", solche aber nichts 
destoweniger in fast allen seinen Werken aufgestellt. Dies 
ist auch gar nicht anders zu erwarten, denn ohne Hypothesen 
gibt es keine Ableitung der Sätze, die das Experiment durch 
eine Frage an die Natur bestätigen soll, also überhaupt keine 
Induktion, und dies nicht eingesehen zu haben, ist sogar einer 
der größten Fehler, die man Bacon vorwerfen muß. 

Die Wissenschaft hat aber auch (wie schon Stuart Mill 
hervorhob) im wesentlichen gar nicht den Gang eingeschlagen, 
den ihr Bacon vorschrieb oder vorgeschrieben haben soll. 
Sie verfährt auch gegenwärtig nicht induktiv in dem Sinne, 
daß neue Entdeckungen und Erfindungen aus vielen einzelnen 
positiven und negativen Fällen erschlossen, durch genauen 
kritischen Vergleich abstrahiert werden, vielmehr ist der Vor- 
gang auch heute noch ein deduktiver, ja apriorischer: aus 
dem Einzelfalle sucht man das Gesetz zu erkennen, das auch 
in ihm ganz enthalten sein muß, und wer nicht instinktiv das 
vorzuahnen und zu erschauen vermag, was Goethe das „Ur- 



424 BACON VON VERULAM 

Phänomen" nannte, der weiß überhaupt nicht im Buche der 
Natur zu lesen, der kann nichts entdecken oder erfinden, und 
gelangt gar nie zur Gelegenheit, die Wahrheit eines gefaßten 
Gedankens auf induktivem Wege zu prüfen und zu bestätigen. 
Reine Induktion nach baconischer Auffassung führt, wie Goethe 
urteilte, nicht zur Wissenschaft, sondern „zur grenzenlosen 
Empirie und Methodenscheu". 



Nach allem Dargelegten kann also keine Rede davon sein, 
Bacon einen Einfluß auf die Entwickelung der menschlichen 
Geistesgeschichte zuzusprechen, in dem Sinne wie ihn, — um nur 
einige wenige Namen zu nennen — ,Demokritos und Epikur, 
Piaton und Aristoteles, Descartes und Spinoza, Locke 
und Hume, Leibniz und Kant ausgeübt haben, und zwar 
derartig, daß er von ihrem ersten Auftreten an bis auf den 
heutigen Tag stets unbestritten feststand, unvermindert fort- 
dauerte, und unverkennbar hervortrat. Was bei Bacon über- 
haupt in Frage kommen kann, ist nur jene Wirkung, die er 
erzielte: durch seine Anteilnahme am Kampfe gegen die 
Scholastik, durch sein entschiedenes Hinweisen auf praktische, 
gemeinnützige Bestrebungen, und durch seine bestimmte Ver- 
kündigung einer besseren Zukunft der Menschheit. Doch 
hätten vielleicht auch diese Lehren keinen tiefer gehenden Ein- 
druck hervorgerufen, wenn sie nicht von einem Manne aus- 
gingen, der gleichzeitig die Autorität einer hohen und einfluß- 
reichen Stellung im Staate besaß, der nach übereinstimmendem 
Urteile Aller der erste Redner seiner Zeit war, und dessen Ruf 
als Schriftsteller Inland und Ausland erfüllte. Zwar ist in 
letzterer Hinsicht nicht mit Unrecht der Einwand erhoben 
worden, daß selbst die gerühmten ,; Essays", neben viel Klugem 
und Tiefem noch viel mehr Gewöhnliches und Plattes, und 
gar nichts Packendes und Geniales enthielten, während wieder 
die naturwissenschaftlichen Schriften, mit ihrem Gewebe von 



BACON VON VERULAM 425 

Irrtümern und Vorurteilen, allenfalls den Unkundigen (zu denen 
auch die meisten damaligen Fachphilosophen zählten) eine 
überraschende und dabei nirgends über den gewohnten Hori- 
zont hinausgehende Unterhaltung gewähren, sicherlich aber 
keine Belehrung verbreiten konnten. Dem gegenüber darf aber 
der Einfluß nicht vernachlässigt werden, den Bacon durch 
seine Schreibweise ausübte. An vielen einzelnen Stellen ist 
diese freilich trocken, nüchtern-verständig und pedantisch, so 
daß sie Goethes Ausspruch rechtfertigt, Bacon sei das »Haupt 
aller Philister"; im ganzen aber ist sein Stil, besonders im Ver- 
gleiche mit dem seiner Vorgänger und Zeitgenossen, wohl- 
tuend klar, von der Schulsprache unverdorben, dabei kräftig 
durchgearbeitet, prägnant und abgeschliffen, und besticht durch 
den Reichtum an Zitaten, sowie durch die Fülle der Gleichnisse 
und Bilder, die allerdings desto geistvoller erscheinen, je weniger 
man in der Lage ist, sie nach Inhalt, Richtigkeit, und Zutreffen 
zu prüfen. 

Solchen positiven Vorzügen läßt sich ihre Bedeutung nicht 
absprechen, aber sie reichen bei weitem nicht aus, um ihren 
Besitzer als einen der »führenden Geister" zu kennzeichnen, 
um ihm die Anwartschaft auf den Titel eines »großen Er- 
neuerers der Wissenschaften" zu sichern. Das denkbar günstigste 
Endurteil über Bacon dürfte daher jenes sein, das schon 1865 
J. E. Erdmann in seiner »Geschichte der Philosophie" mit 
den Worten aussprach: Bacon beginne nicht die neue Philo- 
sophie, sondern beschließe die mittelalterliche, so daß seine 
Ansichten modern erscheinen mit dem Maßstabe des Mittel- 
alters, mittelalterlich aber mit jenem der Neuzeit gemessen. 
Doch bezieht sich dieser Satz nur auf Bacons Stellung zur 
Philosophie, nicht auf jene zur Naturforschung, und in 
der Tat kann man sich nicht verhehlen, daß Bacon eine 
solche gar nicht einnimmt; die betreffenden Teile seiner ein- 
schlägigen Werke gehören nur in das naturwissenschaftliche 
Raritätenkabinet, in dem man sie als historisch merkwürdige 



426 BACON VON VERULAM 

Curiosa bestaunen, niemals aber als vollwichtige, tragende Glieder 
in die große Kette der Erkenntnis einreihen wird. 

Alles in allem genommen war also Bacon eine relative 
Größe, keine absolute; mit dieser Einsicht ist aber auch dem 
am Anfange dieses Vortrages erwähnten Hauptargumente der 
Bacon -Verehrer jeglicher Boden entzogen: daß nämlich allein 
ein Philosoph, Naturforscher, und Naturphilosoph ersten Ranges 
wie Bacon imstande gewesen sei, die bisher fälschlich dem 
Shakespeare zugeschriebenen Werke hervorzubringen. 




30 

NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE^ 



n einem vor mehreren Jahren gehaltenen Vortrage 
über Bacon von Verulam versuchte ich darzulegen, 
daß diesem gelehrten Staatsmanne, entgegen weit- 
verbreiteten Vorurteilen, wissenschaftliche Bedeutung 
nur in sehr eingeschränktem Maße, naturwissenschaftliche aber 
gar nicht zukomme; als hinfällig auch von dieser Seite erwies 
sich daher das, gelegentlich der Diskussion der sogenannten 
Bacon-Shakespeare-Frage oft gehörte Argument: «nur ein, 
das gesamte menschliche Wissen so wie Bacon umfassender 
Genius habe jene Summe von Einsichten und Kenntnissen be- 
sitzen können, deren es bedurfte, um die Werke hervorzubringen, 
als deren Urheber man bisher seinen Zeitgenossen, den unge- 
bildeten Schauspieler Shakespeare, anzusehen pflegte." 

Schon gelegentlich jenes Vortrages, und zwar namentlich 
im Hinblicke auf die über Bacons naturhistorische Kenntnisse 
handelnden Abschnitte, wurde von einigen Zuhörern der 
Wunsch ausgesprochen, Shakespeares naturwissenschaftliche 
Anschauungen ebenfalls im Zusammenhange dargestellt zu 
sehen, weil auf solche Weise Vergleiche in einer Richtung er- 
möglicht würden, die für die sogenannte Bacon-Shakespeare- 
Frage sichtlich von ganz besonderem Interesse sein müsse. 

^ Vortrag, gehalten im „Naturwissenschaftlichen Vereine" zu Halle a. S. 
(s. „Zeitschrift für Naturwissenschaften" 1901 ; Bd. 74, S. 305.) 



428 NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 

Es ist nun freilich schwierig, die Anschauungen zu charak- 
terisieren, die ein Dichter, insbesondere ein dramatischer, auf 
bestimmten Gebieten hegt, denn keineswegs braucht alles, was 
er den handelnden Personen in den Mund zu legen beliebt, 
auch als Ausdruck seiner eigenen Meinung zu gelten; über 
philosophische, religiöse, oder ästhetische Probleme wird daher 
häufig ein einheitliches Urteil kaum zu gewinnen sein. Da- 
gegen erscheinen naturwissenschaftliche Fragen, sofern nicht 
etwa Tendenzen ins Spiel kommen, in weit neutralerem Lichte; 
die Gesamtheit dessen, worüber der Dichter spricht oder schweigt, 
sowie Art und Inhalt seiner Aussprüche, gewähren hier Anhalts- 
punkte von beträchtlicher Zuverlässigkeit. 

In diesem Sinne mag die nachstehende Übersicht ein- 
schlägiger Shakespearescher Stellen aufgefaßt werden, und 
da es an einer solchen in der sonst so umfangreichen Shake- 
speare-Literatur meines Wissens bisher fehlt, so dürfte sie 
mannigfaches Interesse bieten; auf Vollständigkeit macht sie 
jedoch keinen Anspruch, namentlich konnte es auch keinen 
Anreiz gewähren, auf alle Einzelnheiten einzugehen, die schon 
in besonderen Werken behandelt worden sind (z. B. in Phipson 
„Animal Lore of Shakespeares time", London 1883; Grindon 
»/Shakespeare- Flora", London 1883; Dyer »Folk Lore of 
Shakespeare", London 1883), also etwa die über 150 Pflanzen 
und über 100 Vogelarten aufzuzählen, die bei Shakespeare 
zu finden sind, und dergl. mehr. 

Zitiert wurden: Die Dramen nach der von der Deutschen 
Shakespeare-Gesellschaft revidierten Schlegel-Ti eckschen Aus- 
gabe (Berlin 1876); das Schauspiel „Perikles", das in dieser 
Ausgabe nicht enthalten ist, nach der Übersetzung Simrocks 
(Hildburghausen 1868); die Sonette nach der Gelbckes (eben- 
da 1867); die epischen Gedichte nach jener Neidhardts 
(»Shakespeares kleinere Gedichte", Berlin o. J.). Die Titel der 
Werke nebst den für sie gebrauchten Abkürzungen, sowie die 
von bedeutenden Autoritäten angenommenen, bekanntlich aber 



NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 



429 



noch vielumstrittenen Abfassungszeiten, sind aus folgender 
Tabelle ersichtlich: 



Vor 


1590: 


Titus Andronicus. 


Titus. 




Um 


1590: 


Heinrich VI., Teil I. 
Liebes Leid und Lust. 


Heinr. VI. 
L. Leid. 


A. 


); 


1591: 


Comödie der Irrungen. 


Comöd. 




n 


1592: 


Die beiden Veroneser. 


Veron. 








Heinrich VI., Teil II. 


Heinr. VI. 


B. 






Heinrich VI., Teil III. 


Heinr. VI. 


C. 


n 


1593: 


Richard III. 

Venus und Adonis.^ 


Rieh. III. 

Venus. 




)t 


1594: 


Sommernachtstraum. 
Romeo und Julia. 
Richard II. 
Lucretia. ^ 


Somm. 
Rom. 
Rieh. IL 
Lucr. 




)i 


1595: 


König Johann. 
Sonette..^ 


Joh. 
Son. 




}> 


1596: 


Kaufmann von Venedig. 
Zähmung der Widerspenstigen, 


Kaufm. 
. Wid. 




V 


1598: 


Heinrich IV., Teil I. 


Heinr. IV. 


A. 




" 


Heinrich IV., Teil II. 
Die lustigen Weiber. 
Heinrich V. 
Viel Lärm um Nichts. 


Heinr. IV. 
Lust. W. 
Heinr. V. 
V. Lärm. 


B. 


w 


1599: 


Wie es Euch gefällt. 
Was Ihr wollt. 


W. gef. 
W. wollt. 




u 


1601: 


Ende gut, Alles gut. 
Julius Cäsar. 


Ende. 
Cäs. 




»; 


1602: 


Hamlet. 


Haml. 




»> 


1603: 


Maß für Maß. 


Maß. 





^ 1593 zuerst erschienen; wohl schon früher verfaßt. 
^ 1594 zuerst erschienen; wohl schon früher verfaßt. 
^ 1598 von Meres schon als sehr bekannt erwähnt; teilweise schon 
früher verfaßt; erschienen erst 1609. 



430 NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 

Um 1603: Troilus und Cressida. Troil. 

„ 1604: Othello. Oth. 

;; 1605: Lear. Lear. 

» 1606: Macbeth. Mach. 

' „ 1607: Timon von Athen. Timon. 

Perikles (teilweise?).*) Per. 

,; 1608: Antonius und Cleopatra. Ant. 

Coriolan. Cor. 

;; 1609: Cymbeline. Cymb. 

;; 1610: Der Sturm. Sturm. 

Wintermärchen. Wint. 

„ 1612: Heinrich VIII. (teilweise?). Heinr. VIII. 

Die Zahlen, die die Zitate begleiten, geben zunächst die 
Akte und Szenen an, denen die Ausführungen entstammen, 
und weiterhin die betreffenden Bände und Seiten, oder (bei 
»Perikles", den Sonetten, und den epischen Gedichten) letztere 
allein, bezw. die Nummern der Gedichte und Strophen. 



I. Himmel und Erde. 

Über die Gestalt des Weltalls und der Erde finden sich 
nur wenige Andeutungen archa'istischen Gepräges: 

1. ,;. . . ich will die Schwüre halten 
Wie die gewölbte Feste dort das Licht, 
Die Tag' und Nächte scheidet." 

2. „(. . . Gott,) 
Daß doch dein ehern Himmelstor sich öffne. 
Und lasse meine sünd'ge Seele ein." 

3. ;,Die Erde, dieser treffliche Bau . . . ., dieser herrliche 
Baldachin, die Luft, .... dieses wackre umwölbende 

* Von anderen, als Umarbeitung eines älteren Stückes, in Shakespeares 
Anfangszeit versetzt. 

1) W. wollt V, 1 (V, 243). 2 Heinr. VI C; II, 3 (III, 223). » Haml. 
VI, 2 (VI, 66). 



NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 431 

Firmament, dies majestätische Dach mit goldenem 
Feuer ausgelegt ..." 

4. «Nach Perikles ward lange Zeit 
Mühsam gesucht, viel Meilen weit. 
An den vier Ecken, wo die Welt 
Das Gleichgewicht zusammenhält." 

In der großen Mehrzahl der Fälle wird dagegen die Kugel- 
gestalt der Erde als ganz unzweifelhaft angesehen: 

5. »Doch meiner Liebe starker Grund und Bau 
Ist wie der Erde rechter Mittelpunkt, 

Der alles anzieht." 

6. ,;Rund um die Erde zieh' ich einen Gürtel 
In viermal zehn Minuten." 

7. »Sie ist sphärisch wie ein Globus." 

8. „Wenn hinterm Erdball sich das späh'nde Auge 

Des Himmels birgt, der untern Welt zu leuchten." . . . 

9. „Denn wo du seist auf diesem Erdenball, 
Soll eine Iris dich zu finden wissen." 

10. ;;. . . mache kund 
Was auf dem Erdenball begonnen wird." 

11. ;;. . . So wird . . . 
Auch dieser Erdball selbst, mit allem 

Was er umschließt und nährt, dereinst zergehn, 
Und . . . spurlos schwinden." 

12. ,;. . . treu wie . . . dem Pol die Erde." 

13. „Bei der Polarachse, ich ford're dich!" 

Auch die geographischen Anschauungen, sichtlich erfüllt 
von den mächtigen Eindrücken, die das Zeitalter der Ent- 
deckungen hinterließ, setzen durchwegs die Kugelgestalt der 
Erde voraus: 

* Per. III, 1 (47). ^ Troil. IV, 3 (XI, 273). « Somm. II, 1 (IV, 362). 
' Comöd. III, 2 (VIII, 233). « Rieh. IL; III, 3 (I, 321). ^ Heinr. VI. B.; 
III, 2 (III, 100). 1« Heinr. IV. B.; Prolog (II, 17). ^^ Sturm IV, 1 (V, 344)- 
" Troil. III, 2 {XI, 252). ^^ l Leid V, 2 (VII, 372). 



432 NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 

14. wich schlage beide Welten in die Schanze." 

15. ;;Ein Zollbreit mehr Aufschub ist eine Südsee weit 
von der Entdeckung." 

16. »Du bist von allem Guten so getrennt. 
Wie es von uns die Antipoden sind." 

17. „Indes wir bei den Antipoden weilten ..." 

18. „Die Antipoden sind sich ferner nicht 
Als ich und solch ein Schuft." 

19. „Ich wäre jetzt bereit ... zu den Antipoden zu gehen." 

20. „Wir hielten mit den Antipoden Tag, 
Erschient Ihr, während sich die Sonn' entfernt." 

21. „Eh' wollt ich glauben, daß es möglich war' 
Ganz zu durchbohren dieser Erde Boden, 
Und durch die Öffnung zu den Antipoden 
Zu senden des verwegnen Mondes Gruß, 
Der hellen Mittagssonne zum Verdruß." 

Als Krankheiten der Erde werden die Erderschütterungen 
aufgefaßt, von denen es heißt: 

22. „Die krankende Natur bricht oftmals aus 
In fremde Gärungen; die schwangre Erde 
Ist mit 'ner Art von Kolik oft geplagt. 
Durch Einschließung des ungestümen Windes 
In ihren Schoß, — der, nach Befreiung strebend, 
Altmutter Erde ruckt, und niederwirft 
Kirchtürm' und moos'ge Burgen." 

23. „. . . des Dunkels Vogel 
Schrie laut die ganze Nacht; man sagt, die Erde 
War fiebernd, bebte." 

Sonne und Mond bewegen sich, den Lehren des Aristo- 
teles und Ptolemäus gemäß, in ihren Sphären rings um die 

'^ Haml. IV, 5 (VI, 125). ^^ W. gef. III, 2 (VI, 395). ^^ Heinr. VI., 
C; I, 4 (III, 206). 1^ Rieh. II. III, 3 (I, 321). ^« Lear II, 2 (XI, 60). 

1» V. Lärm II, 1 (VII, 169). ^'^ Kaufm. V, 1 (VI, 297). ^^ Somm. III, 2 

(IV, 380). " Heinr. IV. A.; III, 1 (I, 456). ^^ Mach. II, 3 (XII, 213). 



NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 433 

Erde, nähren sich von irdischen und wässerigen Ausdünstungen, 
und üben mancherlei Einflüsse auf die Menschheit aus, ohne 
jedoch selbst gegen gewisse zauberische Kräfte ganz gefeit 
zu sein: 

24. »Zweifle an der Sonn' Bewegung, 
Zweifle an der Sterne Licht, 

Zweifle ob nicht lügt die Wahrheit, — 
Doch an meiner Liebe nicht." 

25. >;. . . o du Sonne, 
Verbrenne deine Sphäre, dunkel stehe 
Der vielgestalt'ge Weltkreis." 

26. »Narrheit geht rund um die Welt wie die Sonne; sie 
scheint allenthalben." 

27. ;;. . . sie, ... die keine Zeitung 
Erhalten kann, wofern die Sonne nicht 

Als Bote liefe." 

28. ,;. . . die Sonn' ihr glühend Aug' erhebt. 

Den Tau der Nacht verzehrt und neu die Welt belebt." 

29. „Ein Schwur ist Hauch; ein Hauch ist Dunst; von mir, 
Als Erde, saugt dein holder Sonnenschein 

Den Dunstschwur auf." 

30. »Daß aller Giftqualm, den die Sonn' aufsaugt 

Aus Sumpf, Moor, Pfuhl, auf Prosper fall', und mach' ihn 

Siech durch und durch!" 
3L ,;0 segenzeugende Sonn'! Entsaug' der Erde 

Dunstfäulnis! Deiner Schwester Bahn verpeste 

Den Luftkreis!" 
32. »Die Sonne ist ein Dieb, beraubt durch ziehn'de Kraft 

Die weite See; ein Erzdieb ist der Mond, 

Da er sein blasses Licht der Sonne wegschnappt; 

"^^ Haml. II, 2 (VI, 59; in Schlegels Übersetzung verwischt). ^^ Ant. 
IV, 13 (X, 144). -"^ W. Wollt III, 1 (V, 197). " Sturm II, 1 (V, 312). 

•'« Rom. II, 3 (IV, 228). ^9 l Leid IV, 3 (VII, 325). «" Sturm III, 2 

(V, 315). 3^ Tim. IV, 3 (X, 393). ^2 ^xm. IV, 3 (X, 410). 

V. Lippmann, Beiträge 28 



434 NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 

Dieb ist das Meer, deß nasse Flut den Mond 

In salz'ge Tränen auflöst; Dieb die Erde; 

Sie zehrt und zeugt aus Schlamm nur, den sie stiehlt 

Vom allgemeinen Auswurf." 

33. ,;Du würdest den Mond aus seiner Sphäre heben, 
wenn er fünf Wochen darin bleiben wollte, ohne zu 
wechseln." 

34. ,;Das hat wahrhaftig nur der Mond verschuldet: 
Der kommt der Erde näher als er pflegt, 

Und macht die Menschen rasend." 

35. ,;. . . von Kopf zu Fuß bin ich 
Nun marmorfest; der unbeständ'ge Mond 
Ist mein Planet nicht mehr." 

36. „O schwöre nicht beim Mond, dem wandelbaren, . . . 
Daß nicht auch wandelbar dein Lieben sei." 

37. ,;. . . der feuchte Stern, 
Dess Einfluß waltet in Neptunus Reich." 

38. ,;Es hat der Mond, der Fluten Oberherr, 
Vor Zorne bleich, die ganze Luft gewaschen 
Und fieberhafte Flüsse viel erzeugt." 

39. ,;In meinen Augen strömen alle Quellen, 
Daß ich, hinfort vom feuchten Mond regiert. 
Die Welt in Tränenfülle möcht ertränken." 

40. »'. . . ich sah das feurige Geschoß 

Im keuschen Strahl des feuchten Monds verlöschen." 

4L «Unser Glück hat seine Ebbe und Flut wie die See, 
da es, wie die See, unterm Monde steht." 

42. «Wir überstehen List und Zwist der Großen, 
Die Flut und Ebbe haben nach dem Mond." 

^3 Sturm II, 1 (V, 308). ^^ Oth. V, 2 (XII, 144). ''> Ant. V, 2 

X, 163). «« Rom. II, 2 (IV, 224). ^7 j^aml. I, 1 (VI, 22). »« Somm. 
II, 1 (IV, 359). 30 i^ich. III.; II, 2 (III, 396). -•" Somm. II, 1 (IV, 361). 

*^ Heinr. IV. A.; I, 2 (I, 405). ^'^ Lear V, 3 (XI, 139). 



NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 435 

43. ;;. . . leichter bringt ihr 

Das Meer dahin, dem Mond nicht zu gehorchen, 
Als ihr durch Eid und Gründe Dem der Torheit 
Gebäu hinwegräumt und erschüttert; denn 
Das ruht auf seinem Glauben, und wird dauern 
So lange als sein Leib." 

44. wEr stand im Dunklen hier, sein Schwert gezückt. 
Den Mond beschwörend mit verruchtem Zauber 
Ihm hilfreich beizustehen." 

45. «... eine Hex', die war so stark, daß sie 

Den Mond im Zwang hielt, Flut und Ebbe machte." 

Ungewöhnliche Erscheinungen, die Sonne und Mond be- 
treffen, sind von entscheidendem Belange für die Schicksale der 
Sterblichen: 

46. „Drei lichte Sonnen, jede ganz vollkommen, . . . 
Der Himmel deutet ein Begebnis an." 

47. „. . . man sah die Nacht fünf Monde, 
Vier stehend, und der fünfte kreiste rund 
Um jene vier in wunderbarer Schwingung." 

48. »Diese kürzlichen Verfinsterungen von Sonne und Mond 
weissagen uns nichts Gutes. Mag die Wissenschaft der 
Natur sie so oder anders auslegen, die Natur empfindet 
ihre Geißel an den Wirkungen, die ihnen folgen." 

49. ,;. . . feu'rgeschweifte Sterne, blut'ger Tau, 
Die Sonne fleckig; und der feuchte Stern, 
Dess Einfluß waltet in Neptunus Reich, 
Krankt an Verfinstrung wie zum jüngsten Tag." 

Von den Sternen haben jene des Tierkreises wenig Bedeutung, 
und dienen nur dazu, den Verlauf der Jahreszeiten zu erkennen: 

50. „Dort harret, bis der zwölf Gestirne Zeichen 
Vollendet haben ihren Jahreslauf." 

^^ Wint. I, 1 (IX, 177). ^* Lear II, 1 (XI, 53). ^^ Sturm V, 1 (V, 360). 
^« Heinr. VI. C; II, 1 (III, 209). "*' Joh. IV, 2 (I, 197). ^« Lear I, 2 

(XI, 30). ^9 Haml. I, 1 (VI, 22). "^ L. Leid V, 2 (VIII, 376). 

• 28* 



436 NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 

Für desto tiefgehender und eingreifender gilt aber der 
Einfluß der Planeten, durch deren Wesen, Bewegungen, Eigen- 
stellungen und Konstellationen die Charakteranlagen und Schick- 
sale des Menschen bis in alle Einzelnheiten bestimmt werden 
sollen. Die fünf Wandelsterne, die zusammen mit Sonne und 
Mond die ,; heilige Siebenzahl" der Planeten bilden, finden sich 
sämtlich genannt: 

51. »Mein Vater hieß mich Autolykos; da er, wie ich, unter 
dem Merkur geworfen wurde, war er ebenfalls ein Auf- 
schnapper von unbedeutenden Kleinigkeiten." 

52. »Fürstin, wenn Venus eure Wünsche lenkt, 
So ist Saturn Monarch der meinigen." 

53. „Venus und Saturn heuer in Konjunktion? Was sagt 
der Kalender dazu?" 

54. »Mars wahrer Lauf ist, grade wie am Himmel, 
Bis diesen Tag auf Erden unbekannt." *) 

55. »Ihr seid unter einem barmherzigen Stern geboren, . . . 
ich denke entschieden unter dem Mars, wenn er rück- 
läufig war, . . . Ihr geht immer rückwärts, wenn Ihr 
kämpft." 

56. »Sei wie Planetenpest, wenn Jupiter 

In kranker Luft auf hochverruchte Städte 
Sein Gift ausstreut." 

57. »Heil ist ihm beschieden. 

Er ward geboren unter Jovis Stern." 

58. »April, der buntgeschmückte, . . . 
Goß Mut der Jugend allen Wesen ein; 

Der grämliche Saturn selbst lacht' und tanzte." 

^^ Wint. IV, 2 (IX, 220). ^^ Titus I, 3 (IX, 333). ^^ Heinr. IV. B.; 
II, 4 (II, 64). ^^ Heinr. IV. A.; I, 2 (III, 335). ^^ Ende I, 1 (XI, 372). 

'^'^ Tim. IV, 3 (X, 397). " Cymb. V, 4 (XII, 428). ^« Son. 96 (114). 

*) Die Theorie der Marsbahn veröffentHchte Kepler nach mehrjährigen 
Beobachtungen erst 1609 in der „Astronomia nova" (Prag, 1609). 



NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 437 

59. ;;Du (Melancholischer), der du selbst unterm Saturn 
geboren sein willst ..." 

Durch geregelte Bewegung innerhalb ihrer Sphären er- 
zeugen die Planeten die Sphärenmusik, deren Erklingen als 
günstige Vorbedeutung angesehen wird: 

60. „Das ist Musik der Sphären!" 

öl. „Hört! In der Luft Musik? Im Schoß der Erde. 
Das ist ein gutes Zeichen, meint ihr nicht?" 

Auch im übrigen gilt der ruhige und ungestörte Gang 
der Sterne und ihr Beharren in der rechten Sphäre für glücks- 
verkündend: 

62. „Nun Sterne, die in rechter Bahn ihr rollt, 
Wo ist eur' Einfluß?" 

63. »In seinem Streiflicht nur und hellem Schein 
Dürft' ich mich laben, nicht in seiner Sphäre." 

64. „Wie sich ein Stern in seinem Kreis nur regt, 
Kann ich's nicht ohne sie." 

Ungeregelte Bewegungen aber drohen Übles an, oder 
treten als Wahrzeichen unglückbringender Begebenheiten 
hervor: 

65. „. . . wenn die Planeten 

In übler Mischung irren, regellos: 

Was für Schreckzeichen, Pest und Meuterei, 

Des Meeres Toben, Erderschütterung, 

Aufruhr der Luft, Umwälzung, Furcht und Graus, 

Zerteilt, zerreißt, zerschmettert, und entwurzelt 

Eintracht und Ehefrieden der Natur 

Tief aus dem Grunde!" 

66. „Zwei Sterne kreisen nie in einer Sphäre: 

So duldet England auch kein doppelt Reich." 

°^ V. Urm I, 3 (VII, 158). «« Per. V. 1 (95). «^ Ant. IV, 3 (X, 123). 
- Joh. V, 7 (I, 225). ^^ Ende I, 1 (XI, 368). ^ Haml. IV, 7 (VI, 130). 

"' Troil. I, 3 (XI, 205). «« Heinr. IV. A.; V, 4 (I, 505). 



438 NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 

67. „Wer ist der . . . dessen Spruch des Weh's 

Der Sterne Lauf beschwört, und macht sie stillstehn 
Wie schreckbefangne Hörer?" 

68. ;;. . . (eine Kunde) ... die deine Augen 
Wie Stern' aus ihren Sphären schießen machte.» 

69. ,;. . . Harmonien . . ., 

Daß Sterne wild aus ihren Kreisen fuhren." 

70. „Wollt Ihr die Sterne aus den Sphären schwören, 
Ich sagte doch: Herr, nichts von Reisen." 

71. ;;. . . Er flieht 
Wie ein entgleister Stern." 

72. „. . . er macht mich zornig, 

Und das ist bald gescheh'n in dieser Zeit, 
Wo gute Sterne, die mich sonst geleitet. 
Aus ihrer Bahn gewichen, und ihr Licht 
Zum Höllengrund gesendet." 

In mannigfaltiger Weise tragen die Planeten dazu bei, 
Schicksale und Erlebnisse der Menschenkinder bald zum 
Guten, bald auch wieder zum Bösen zu gestalten oder doch 
umzugestalten : 

73. ,;. . . die Planeten saßen all' zu Rat 
Sie mit den höchsten- Reizen auszustatten." 

74. „Sei'n alle Glücksplaneten meinem Tun 
Zuwider!" 

75. „Ich weiß, daß dein Gestirn zu dieser Sendung 
Sehr günstig ist." 

76. „Mein Gestirn erhebt mich über dich." 

77. „. . . mir zeigt die Kunde 

Der Zukunft an, es hänge mein Zenith 
An einem günst'gen Stern." 

«^ Haml. V, 1 (VI, 147). «« Haml. I, 5 (VI, 43). «^ Somm. II, 1 

(IV, 361). ^° Wint. I, 1 (IX, 163). '^ Troil. II, 2 (XI, 222). '- Ant. 

III, 11 (X, 116) '^ Per. I, 1 (9). '' Rieh. III.; IV, 4 (VII, 461). "^ W. 
wollt I, 4 (V, 160). '^ W. wollt II, 5 (V, 193). " Sturm I, 2 (V, 287). 



NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 43Q 

78. ,;Sie haben, so wie jeder den sein Stern 
Erhob und krönte, Diener, treu zum Schein." 

79. ;;. . . (ich hoffe, daß) . . . seine gute Vorschrift 
Zu meiner Erbschaft durch das glückhchste 
Gestirn geweiht wird." 

80. »Bis daß ein günst'ger Stern den Schritt mir lenkt, 
Und lächelt mich mit gnäd'gem Strahle an . . ." 

81. »Der Sterne Liebling mag sich hoher Ehren 
Und stolzer Titel rühmen." 

82. »Soll ich so sehr entehren mein (gutes) Gestirn?" 

83. M. . . ich beklag's . . . daß unsre Sterne 
Die unvereinbaren, so unsre Gleichheit 
Zerreißen mußten ..." 

84. »Weil gute Sterne der Geburt gemangelt ..." 

85. »Die Eule schreit jetzt nur, der Wolf nur bellt, 
Kein guter Stern hält seine lichte Wacht." 

86. »Das kommt von einem sündlichen Planeten, 
Der trifft, wenn er regiert, und wirkt." 

87. «... (feindlich plötzlich) jetzt eben nur. 
Als ob die Menschen ein Planet betört." 

88. ». . . (ich sage, daß ich) . . . treuen Sinns 
Das zu ersetzen stets bemüht sein werde. 
Worin mein niedriges Gestirn nicht Schritt 
Mit meinem großen Glücke hielt." 

89. »Nun hemmt die Wut, des Himmels zorn'ge Sterne." 

90. ...Gott schütze dich vor Wirbelwinden, vor bösen Sternen 
und vor Seuchen." 

91. ». . . ich schüttle von dem lebensmüden Leibe 
Das Joch feindseliger Gestirne." 

'« Lear III, 1 (XI, 79). '^ Ende I, 3 (XI, 385). «« Son. 1 (19). 

«^ Son. 19 (37). «^ Rieh. II.; IV, 1 (I, 340). «^ ^nt. V, 1 (X, 150). 

^ Rieh. III.; IV, 4 (III, 457). «^ Lueret. 24 (129). «« Wint. I, 1 (IX, 169). 
^' Oth. II, 3 (XII, 63). «« Ende II, 5 (XI, 414). «^ Per. II, 1 (26). ^° Lear 
III, 4 (XI, 87). »^ Rom. V, 3 (IV, 297). 



440 NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 

92. ,;. . . (schade) . . . daß wir arm Gebor'nen 
Durch nied're Stern' auf Wünsche nur beschränkt." 

93. ;; Welch finstrer Stern beneidet jetzt dein Glück?" 

94. „Meine Gestirne schimmern dunkel auf mich herab." 

95. ,;. . . es herrscht ein bös' Gestirn; 
Ich muß geduldig sein, bis der Aspekt 
Am Himmel günst'ger ist." 

96. „. . . Schon bessert Sol's heilkräft'ger Blick 
Der bösen Sterne schädlichen Aspekt." 

Gefährlicher noch als das Erscheinen böser Sterne, deren 
übler Einfluß doch durch mancherlei Gegenkräfte gemildert 
oder ganz aufgehoben werden kann, ist das der Kometen und 
der Meteore: 

97. „Kometen, Zeit- und Staaten-Wechsel kündend. 
Schwingt die kristallnen Zopf am Firmament, 
Und geißelt die empörten Sterne." 

98. „Kometen sieht man nicht, wenn Bettler sterben." 

99. „Nun strahle sie wie ein Komet der Rache." 

100. „Wenn ein gutes Weib geboren würde bei jedem Ko- 
meten, oder bei jedem Erdbeben: das würde die Lotterie 
verbessern." 

101. „Der blasse Mond scheint blutig auf die Erde 
Und Meteore droh'n den festen Sternen." 

102. „Ich seh', wie einen Sternschuß, deinen Ruhm 
Vom Firmament zur niedren Erde fallen." 

103. „Der Himmel prangt mit Funken ohne Zahl, 
Und Feuer sind sie all', und jeder leuchtet." 

104. „Seht ihr hier diese Meteore? Bemerkt 

Ihr diese Feuerdünste?" 

«2 Ende I, 1 (XI, 371). »« Heinr. VI. B.; III, 1 (III, 81). ^^ W, 

wollt II, 1 (V, 173). »^ Wint. II, 1 (IX, 184). «« Troil. I, 3 (XI, 205) 

«^ Heinr. VI. A.; I, 1 (II, 329). ^^ Cäs. II, 2 (V, 59). ^'^ Heinr. VI. A. 
111,2 (II, 379). 1«« Ende I, 3 (XI, 379). ^""^ Rieh. II.; III, 1 (I, 317) 

1"'' Rieh. IL; III, 1 (I, 318). i«=^ Cäs. III, 1 (V, 70). ^«^ Heinr. IV. A.; 

II, 4 (I, 446). 



NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 441 

105. ,;. . . als ich zur Welt kam, war 

Des Himmels Stirn voll feuriger Gestalten, 
Und Fackelbränden." 

106. ;;. . . wut-entbrannte Augen, 
Die eines trüben Himmels Meteore." 

107. »Lagen auf seinem Antlitz, in der Zeit, 
Des Herzens Meteore nicht im Streit?" 

Angesichts dieser zahlreichen, für den allgemeinen Glauben 
an die Macht der Gestirne charakteristischen Stellen, denen 
auch noch die folgenden allgemeinen Inhaltes anzuschließen 
wären : 

108. .;Bei allen Kräften der Planetenbahnen, 
Durch die wir leben und dem Tod verfallen. 
Sag' ich mich los hier aller Vaterpflicht." 

109. »Hat dies holde Antlitz 

Mich wie ein wandelnder Planet beherrscht?" 

110. »Aber es tanzte ein Stern, . . . und unter dem bin ich 
zur Welt gekommen." 

111. ». . . die Sterne, 

Die Sterne oben lenken unsern Sinn, 

Sonst zeugte nicht so ganz verschiedne Kinder 

Ein- und dasselbe Paar." 

treten desto bedeutsamer diejenigen hervor, die solche Wahn- 
vorstellungen durchaus zurückweisen, und nicht erst die Rätsel 
der himmlischen Welt heranziehen wollen, um die der irdischen 
auszudeuten: 

112. »Nicht durch die Schuld der Sterne, lieber Brutus, 
Durch eig'ne Schuld nur sind wir Schwächlinge." 

^0° Heinr. IV. A.; III, 1 (I, 455). ^"«^ Heinr. IV. A.; I, 1 (I, 401). 

'''' Comöd. IV, 2 (VIII, 242). i"« Lear I, 1 (XI, 19). ^^^ Heinr. VI. B.; 

IV, 2 (III, 117). ^1« V. Lärm II, 2 (VIII, 672). "^ Lear IV, 3 (XI, 112). 
^^^ Cäs. I, 2 (V, 33). 



442 NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 

113. ,;Oft liegen in uns selbst die Arzenei'n 

Die wir von Gott erfleh'n. Die Sterne leih'n 
Uns freien Spielraum; sie zieh'n rückwärts nur 
Den trägen Plan, wenn wir stumpf von Natur." 

114. ,;Am Himmel kein natürlich Dunstgebild, 
Kein Spielwerk der Natur, kein trüber Tag, 
Kein leichter Windstoß, kein gewohnter Vorfall, 
Den Jene nicht dem wahren Grund entreißen 
Und nennen werden: Meteore, Wunder, 
Vorzeichen, Mißgeburten, Himmelsstimmen." 

115. ,;Das ist die ausbündige Narrheit dieser Welt, daß wenn 
unser Glück krankt, . . . wir die Schuld unserer Unfälle 
auf Sonne, Mond und Sterne schieben, als wenn wir 
Schurken wären durch ihre Notwendigkeit; Narren durch 
himmlische Einwirkung; Schelme, Diebe und Verräter 
durch die Übermacht der Sphären; Trunkenbolde, Lügner 
und Ehebrecher durch unfreiwillige Abhängigkeit von 
planetarischem Einfluß ..." 

llö. ,;Der Sterne Rätsel kann ich nicht ergründen, . . . 
Nein, all mein Wissen stammt von dieser Erde." 

117. wich weiß es, daß, was wächst, nur kurze Zeit 
Sich in vollkomm'ner Schöne mag erhalten; 
Daß nichts als Schaugepräng die Bühne beut. 
Die riesige, ob der die Sterne walten. 
Ich seh' die Menschen, Pflanzen gleich, erstehn. 
Desselben Himmels Gunst und Ungunst leiden. 
Erst stolz und voll im Saft, dann im Vergehn, 
Bis sie, nach kurzem Blühn, vergessen scheiden." 

II. Physik und Chemie; Mathematik. 

Physikalische Sätze und Gleichnisse finden sich bei 
Shakespeare in großer Zahl. Dem Gebiete der sogenannten 

1^3 Ende I, 1 (XI, 373). "^ Joh. III, 4 (I, 183). ^'-^ Lear I, 2 (XI, 31). 
^1« Son. 15 (33). "^ Son. 16 (134). 



NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 443 

allgemeinen Physik und Mechanik, einschließlich der Wellen- 
lehre und Akustik, sind die nachstehenden entnommen: 

1. »Aus Nichts kann Nichts entstehen." 

2. »Feu'r wird durch Feuer, Keil durch Keil verdrängt, 
Recht stürzt das Recht, Kraft wird durch Kraft gesprengt." 

3. ,;Wie eine Glut die andre Glut vertreibt, 

Und wie ein Keil der Kraft des andern weicht" . . . 

4. ,;Der Wagebalken unseres Lebens hat eine Schale von 
Vernunft, um eine andere von Sinnlichkeit aufzuwiegen." 

5. ,;. . . (sie ist) der Erde rechter Mittelpunkt, 
Der alles anzieht." 

6. ;;Und wie ein Ding, das schwer ist an sich selbst, 
Auf Nötigung mit schnellster Eile fliegt: 

So flohen unsre Leute." 

7. „Hier ist ein langsam Ding" . . . „Ist das Blei trag, 
das aus dem Geschütz man feuert?" 

8. ,;. . . o bleierne Boten ihr. 
Getragen von des Feuers wilder Hast, 
Verfehlt eu'r Ziel! Durchbohrt die stille Luft, 
Die singt, wenn ihr sie trefft!" 

9. „Denn England ist in seinem Andrang rasch, 
Wie Wasser, das ein Wirbel in sich saugt." 

10. „Ein Zirkel nur im Wasser ist der Ruhm, 
Der niemals aufhört selbst sich zu erweitern 
Bis die Verbreit'rung ihn in Nichts zerstreut." 

IL „. ..wie den Ton die Wölbung 

Zurückströmt, oder wie ein Schild von Stahl 
Der Sonne Bild aufnimmt und wiedergibt 
Samt ihrer Glut." 

^ Lear I, 1 (XI, 18). ^ q^^ jy^ 7 (^ym^ 130). 3 yeron. VI, 5 

{VIII, 341). * Oth. I, 3 (XII, 40). ^ Troil. IV, 3 (XI, 273). ^ Heinr. 
IV. B.; II, 1 (II, 23). ' L. Leid III, 1 (VII, 305). ^ ^„^6 III, 2 (XI, 422). 
^ Heinr. V; II, 4 (II, 209). ^»^ Heinr. VI. A.; I, 2 (II, 340). ^^ Troil. III, 3 
(XI, 258). 



444 NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 

Dem Bereiche der Optik gehören die folgenden Sätze und 
Bilder an: 

12. «Licht ist die Wirkung des Feuers, und Feuer brennt." 

13. ;;Der Glühwurm zeigt, daß kühl der Morgen naht, 
Denn sein unwirksam Feu'r beginnt zu blassen." 

14. »Das Verlangen ihres Auges drohte mich zu versengen, 
wie ein Brennglas." 

15. ;;Von ihm spricht jede Zung', das blöde Auge 
Bebrillt sich, ihn zu sehen." 

• 16. wich hieß die Augen mit den Herzen wandern, 
Und nannte blinde trübe Brillen sie." 

17. ....Willst 

Du Herzensleid mit einer Brille suchen?" 

18. ,;Gib! Wenn es nichts ist, brauch' ich keine Brille." 

19. ,;. . . können wir 

Durch so kostbare Brillen Schön und Häßlich 
Nicht scheiden?" 

20. ,;So tief drang hier mein Blick ein, daß Verachtung 
Ihr höhnisch Glas mir lieh, das, jedes and'ren 
Gesichtes Zug' entstellend, reine Färbung 
Verhöhnte oder als gestohlen schalt. 

Und alle Formen dehnte oder kürzte 
Zur ärgsten Fratze." 

21. Das Aug' des Kummers, überglast von Tränen, 
Zerteilt ein Ding in viele Gegenstände. 

Wie ein gefurchtes Bild, grad angesehen. 

Nichts als Verwirrung zeigt, doch schräg betrachtet 

Gestalt läßt unterscheiden: so entdeckt ..." 

12 Comöd. IV, 3 (VIII, 247). ^^ ^^^i j^ 5 ^yj^ 45) u L^st. W. 

I, 4 (IX, 26). 1^ Cor. II, 1 (VIII, 54). ^« Heinr. VI. B.; III, 2 (III, 91). 

1" Heinr. VI. B.; V, 1 (III, 140). ^^ Lear I, 2 (XI, 28). ^'' Cymb. I, 6 

(XII, 336). 2" Ende V, 3 (XI, 469). ^^ Rieh. II.; II, 3 (I, 305). 



NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 445 

22. ;,. . . selbst das Auge sieht, 

Der geistigste der Sinne, nicht sich selbst, . . . 
Denn Selikraft wendet sich nicht auf sich selbst." 

Anspielungen auf magnetische und elektrische Phänomene 
(St. Elmsfeuer) finden sich ebenfalls an einigen Stellen: 

23. „Du ziehst mich an, hartherziger Magnet, 
Doch ziehest du nicht Eisen, denn mein Herz 
Ist treu wie Gold; lass' ab mich anzuzieh'n. 
So hab' ich 'dir zu folgen keine Macht." 

24. „Nein gute Mutter, hier ist ein stärkerer Magnet." 

25. „So treu wie Stahl . . . wie Eisen dem Magnet, 
Dem Pol die Erde." 

26. „Auf dem Verdeck, in jeglicher Kajüte 
Flammt' ich Entsetzen; bald zerteilt ich mich 
Und brannf an vielen Stellen; auf dem Mast, 

An Stang' und Bugspriet flammt' ich abgesondert. 
Floß dann in eins ..." 

27. „Habt sonst Ihr Wunderbares noch gesehn?" 

„. . . Ein Sklave 
Hob seine linke Hand empor; sie flammte 
Wie zwanzig Fackeln auf einmal, und doch. 
Die Glut nicht fühlend, blieb sie unversengt." 

28. „Die Ausdünstungen, schwirrend in der Luft, 
Gewähren Licht genug, dabei zu lesen." 

In chemischer Hinsicht spielt zunächst die Alchemie eine 
bedeutsame Rolle, und mit ihr der Stein der Weisen, der im ge- 
diegenen Golde Fülle des Reichtums, und im flüssigen Alkahest 
(»aurum potabile") Gesundheit und langes Leben verleiht: 

29. „. . . Plutus selbst, 
Der Goldtinktur und Alchymie Adept, 



22 



Troil. III, 3 (XI, 258). ^^ Somm. II, 1 (IV, 362). ^^ Haml. III, 2 
(VI, 88). 2^ Troil. III, 2 (XI, 252). -« Sturm I, 2 (V, 287). " Cäs. I, 3 
(V, 40). 28 Cäs. II, 1 (V, 47). 2^ Ende V, 3 (XI, 471). 



446 NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 

Kennt der Natur Geheimnis nicht genauer . : 

Als ich den Ring." 

30. ;;. . . (dieser Segenstag) . . ., . 
Um ihn zu feiern, wird die hehre Sonne 
Verweilen und den Alchymisten spielen, 
Verwandelnd mit des kostbar'n Auges Glanz 
Die mag're Erdenscholl in blinkend Gold." 

31. „Du bist ein Alchymist, mach' aus Schlägen Gold!" 

32. ,;. . . (Drum bist du), ... 

Der Krone bestes Gold, vom Gold das Schlechteste; 
Ein and'res, wen'ger fein, ist köstlicher. 
Bewahrt als trinkbare Arznei das Leben." 

33. ;;Das, was in uns als Frevel nur erschiene. 
Wird Brutus' Ansehn, wie der Stein der Weisen, 
In Tugend wandeln und in Würdigkeit." 

34. ,;Es müßte schlimm aussehen, wenn ich nicht einen 
doppelten Stein der Weisen aus ihm machte." 

35. „Laß Dirnen und Wein, — Und halte dich ein. 
So find'st du den Stein — Der Weisen allein." 

Der vier Elemente im empedokleisch-aristotelischen Sinne 
geschieht wiederholt Erwähnung: 

36. ,;(Dies Roß) ist nichts wie Feuer und Luft, und die 
trägen Elemente der Erde und des Wassers zeigen sich 
niemals in ihm." 

37. ,;. . . wir sollten uns 

So schreckbar treffen wie die Elemente 
Von Feu'r und Wasser, wenn ihr lauter Stoß 
Des Himmels wolk'ge Wangen jäh zerreißt." 

38. ,; Bezeugt's, ihr ewig glüh'nden Lichter dort, 
Ihr Elemente, die ihr uns umschließt!" 

^« Joh. III, 1 (I, 164). «^ Timon V, 2 (X, 419). ^' Heinr. IV.; IV, 4 
(II, 113). 2=* Cäs. I, 3 (V, 45). «^ Heinr. IV. B.; III, 2 (II, 85) «" Lear 
I, 4 (XI, 39). '^ Heinr. V.; III, 7 (II, 256). ''' Rieh. IL; III, 4 (I, 329). 

^« Oth. III, 3 (XII, 93). 



NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 447 

39. w. . .bei den Elementen, 
Treff' ich ihn jemals wieder Stirn an Stirn, 
Mein ist er, oder ich bin sein." 

40. „(Unsre Spieler) . . . waren Geister, und 
Sind aufgelöst in Luft, in dünne Luft." 

4L ;;. . . Phantasie, 

Die aus so dünnem Stoff als Luft besteht." 

Metalle, edle und unedle, werden oft genannt, und zahl- 
reichen Gleichnissen zugrunde gelegt: 

42. ,;(Sein Wappenschild) ist eine Hand aus Wolken, 
Gold haltend, das sie am Probierstein prüft." 

43. ' ;,. . . ich hatte das für Silber 
Gehalten" . . . ,; Bleierne Löffel, 
Alteisen, . . . dies Gesindel 

Liest's auf vor Schluß des Treffens." 

44. ,;Der Schurke lief vor mir davon wie Quecksilber." 

45. ;;. . . hurtig wie Quecksilber." 

46. ;;. . . es birgt mein Haus hier in der Stadt . . . 
Messing und Zinn, und was in Haus und Wirtschaft 
Gehören mag." 

47. „Ist nicht Blei ein Metall, plump, langsam und schwer?" 

48. r;. . . mit Flossen schwimmt von Blei, wer 
Auf Volkes Gunst sich stützt." 

49. „Denn sein Metall nur stärkte die Partei: 
Als es in ihm erweicht war, kehrten alle 

In sich zurück, wie stumpfes schweres Blei." 

50. „Wenn ihr aber diese Schläge noch lange fortsetzt, so 
muß ich mir wirklich ein Dach für rgeinen Kopf machen 
lassen, womöglich ein kupfernes." 

'" Cor. I, 10 (VIII, 44). "" Sturm IV, 1 (V, 344). ^' Rom. I, 4 

(IV, 211). 4-^ Per. II, 2 (34). ^^ Cor. I, 5 (VIII, 33). ^-^ Heinr. IV. B.; 
II, 4 (II, 63). 45 Haj^i i^ 5 (Yj^ 45) 46 ^j^^ jj^ ^ ^YU^ 59) 47 l. 

Leid. III, 1 (VII, 305). ^^ Cor. I, 1 (VIII, 19). -^^ Heinr. IV. B.; I, 1 (II, 23). 
'" Comöd. II, 2 (VIII, 215). 



448 NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 

51. w. . . (das Eisen), . . . 

Ja, es verzehrte sich nachher in Rost." 

52. „. . . Angewöhnung, die zu sehr 
Den Schein gefäll'ger Sitten überrostet." 

53. „Nicht riesenghedrig von Cyklopenbau, 
Doch Eisen sind wir, bis ins Rückgrat Stahl. « 

54. »Gebt ihr als Liebeszeichen nur Steine, denn sie ist so 
hart wie Stahl." 

55. ,;Und hätte sie nicht mein Herz von Stahl 
Und im Glauben gehärtet befunden: 

Sie hätte zum Küchenmops mich gemacht 
Und ans Bratspießrad gebunden." 

56. «Ein spanisch Schwert, in Eis gehärtet." 

Anderer chemischer Stoffe und Körper wird nur vorüber- 
gehend, und an einzelnen Stellen gedacht: 

57. „Gleich Schwefelminen brennend." 

58. „Röstet mich in Schwefel!" 

59. „. . . wenn's mit dem Steinkohlenfeuer zu Ende geht..." 

60. „. . . einem Lamm seid ihr gesellt, 
Das so nur Zorn hegt wie der Kiesel Feuer, 
Der, viel geschlagen, tücht'ge Funken zeigt, 
Und gleich drauf wieder kalt ist." 

6L „In dem Glase Sekt ist auch Kalk; nichts als Schurkerei 
ist unter dem sündhaften Menschenvolk zu finden." 

62. „Fort! Ist die Trennung schon ein ätzend Mittel, 
Sie dient für eine Wunde voller Tod." 

63. „. . . dein Witz 

Fängt Feuer durch das eig'ne Ungeschick, 
Wie Pulver in nachläss'ger Krieger Flasche." 

^1 Joh. IV, 1 (I, 187). ^2 Haml. I, 4 (VI, 39). ^« Titus IV, 3 (IX, 375). 
^* Veron. I, 1 (VIII, 310). ^^ Comöd. III, 2 (VIII, 234). ^^ Oth. V, 2 

(XII, 151). ^' Oth. III, 3 (XII, 88). ^« Oth. V, 2 (XII, 152). ^« Lust. 
W. I, 4 (IX, 28). «^^ Cäs. IV, 3 (V, 101). ''^ Heinr. IV. A.; II, 4 (I, 439). 
*' Heinr. IV. B.; III, 2 (III, 100). «« Rom. III, 3 (IV, 260). 



NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 449 

64. ;;. . . (dein Gift) . . ., es wirkt so stark 
Als Aconitum oder lodernd Pulver." 

65. ,;Und großer Jammer ist es, ja fürwahr, 
Daß sie den bübischen Salpeter graben 
Aus unsrer guten Mutter Erde Schoß!" 

66. ;;Sie tauchen seine Fehl' in ihre Liebe, 

Die, wie der Quell das Holz in Stein verwandelt. 
Aus Tadel Lob macht." 

67. „. . . wie saures Lab, in Milch getropft, 
Sie plötzlich mit Gewalt gerinnen macht ..." 

68. «Hat Freundschaft solch' ein schwaches Herz wie Milch, 
Die in zwei Nächten umschlägt?" 

69. „(Eine Leiche in der Erde) . . . dauert Euch ein acht bis 
neun Jahre aus, ein Lohgerber neun Jahre, . . . sein 
Gewerbe gerbt ihm das Fell so, daß es eine Zeit lang 
das Wasser abhält." 

Auf vereinzelte Nennungen von Gewürzen, Farbstoffen, 
und Produkten der Technologie, wie Essig, Öl, Leder, Papier,*) 
Zucker u. s. f., soll an dieser Stelle nicht eingegangen werden, 
dagegen sei auf die ungemein häufigen Erwähnungen der 
Gärung und der destillierten Flüssigkeiten hingewiesen: 

70. „Hefe und Schaum, du lügst!" 

7L „Und hätten wir nicht zu Essenz gezogen 
Des Sommers Düfte in kristallne Haft ..." 

72. „. . . die süße Rose, 

Aus ihrem Tod wird Wohlgeruch gemacht." 

73. „Der Aufschub ist bestreut mit Süßigkeiten, 
Die, in der Zeit Retorte destilliert. 

Mit Lust die Zukunft füllen." 

^ Heinr. IV. B.; IV, 4 (II, 105). «^ Heinr. IV. A.; I, 3 (I, 414). 

^^ Haml. IV, 7 (VI, 130). «^ Haml. I, 5 (VI, 45). ^^ Timon III, 2 (X, 367). 
"" Haml. V, 1 (VI, 144). 

*) Papiermühle: s. Heinr. VI. B.; IV, 7 (III, 122). 

'» Lust. W. I, 1 (IX, 17). '^ Son. 6 (24). ^^ s^jj^ 27 (45). " Ende 
II, 5 (XI, 410). 

V. Lippmann, Beiträge 29. 



450 NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 

74. wDu bist leichter zu verschlucken als ein brennender 
Schnaps." 

75. wHolt mir einen Schoppen Branntwein!" 

76. wHolt Spiritus!" 

77. ;;(Es wirkt auf ihn) wie Branntwein auf eine Hebamme." 

78. wich will Euch eine Flasche gebrannten Sekt geben." 

79. »Gebrannter Sekt sei das Ende." 

80. ;; Verkorkt . . . wie ein starker Aquavit." 

81. ;; Lieber will ich . . . einem Irländer meine Aquavitflasche 
anvertrauen ! " 

82. ,;Man wird ihn . . . mit Aquavit oder einer anderen 
hitzigen Einflößung wieder zum Leben bringen." 

83. ;; Verschafft Euch etwas destillierten Cardobenedikt und 
legt ihn aufs Herz, es gibt kein besseres Mittel für Be- 
klemmungen." 

Das kühlende Universalmittel Cardobenedikt bezog man, 
wie viele desgleichen, aus den Apotheken, deren mittelalterliche 
Einrichtung und deren pharmazeutische Spezialitäten wiederholt 
treffend geschildert werden: 

84. wMir fällt ein Apotheker ein, ... 

Ein Schildplat hing in seinem dürft'gen Laden, 
Ein ausgestopftes Krokodil, und Häute 
Von mißgestalten Fischen; auf dem Sims 
Ein bettelhafter Prunk von leeren Büchsen, 
Und grünen Töpfen, Blasen, muffgen Samen, 
Bindfaden-Enden, alten Rosenkuchen, — 
Dies alles dünn verteilt, zur Schau zu dienen." 

85. w Leute ... die riechen, wie ein Apothekerladen zur 
Zeit der Kräuterlese." 



74 



L Leid. V, 1 (VII, 339). '" Haml. V, 1 (VI, 140). ^« Rom. IV, 5 

(IV, 284). -^ W. Wollt II, 5 (V, 195). '^ Lust. W. 11, 1 (IX, 41). ''' Lust. 
W. III, 1 (IX, 61). «° Lust. W. III, 5 (IX, 82). «^ Lust. W. II, 2 (IX, 52). 
^•^ Wint. IV, 3 (IX, 254). «^ y Lärm III, 5 (VII, 203). ^^ Rom. V, 1 

(IV, 290). «^ L. Weib. III, 3 (IV, 67). 



NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 451 

86. ;;. . . heißt den Apotheker 
Das starke Gift mir bringen, das ich kaufte." 

87. ,;. . . Bisam ist von schlechterer Abkunft als Teer, . . . 
der unsaubere Abgang einer Katze." 

88. ,;.... für innere Schäden kommt 
Nichts auf der Welt dem Spermaceti bei." 

89. ;;Gäb's 'ne Purganz wie Senna und Rhabarber, 
Die Feinde abzuführen." 

90. ,;. . . Das überwund'ne Auge, 
Sonst nicht gewöhnt zu schmelzen, Tränen nun 
Vergießt's, so reichlich wie Arabiens Bäume 
Ihr heilungskräftig Harz." 

Auf den mächtigen Einfluß, den die Vorlesungen Gior- 
dano Brunos während seines Londoner Aufenthaltes im Kreise 
der Höchstgebildeten und namentlich auch bei Hofe ausübten, 
hat man Shakespeares Kenntnis der Atomtheorie zurück- 
führen wollen, die sich in einigen Sätzen äußern soll: 

91. „Dies Ziel ist klar, handgreiflich wie ein Körper 
Dess Masse sich aus kleinsten Teilen formt" 

92. „Du bist nicht du selbst. 

Denn du bestehst durch Tausende von Körnern, 
Aus Staub entsprossen." 

93. „Warum sollte die Einbildungskraft nicht den edlen 
Staub Alexanders verfolgen können, bis sie ihn findet, 
wo er ein Spundloch verstopft? . . . Alexander starb, 
Alexander ward begraben, Alexander verwandelte sich 
in Staub; der Staub ist Erde; aus Erde machen wir 
Lehm: und warum sollte man nicht mit dem Lehm, 
worin er verwandelt ward, ein Bierfaß stopfen können? 

Der große Cäsar, tot und Lehm geworden. 
Verstopft ein Loch wohl vor dem rauhen Norden. 

"" Heinr. VI. B.; III, 3 (III, 102). ^' W. gef. III, 2 (VI, 391). «« Heinr. 
IV. A.; I, 3 (I, 413). «^ Mach. V, 3 (XII, 270). ^° Oth. V, 2 (XII, 155). 
'^ Troil. I, 3 (XI, 212). «"^ Maß III, 1 (X, 240). ^^ Haml. V, 1 (VI, 145). 

29* 



452 NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 

O daß die Erde, der die Welt gebebt, 

Vor Wind und Wetter eine Wand verklebt!" 

Doch scheint es fraglich, ob man aus diesen Bildern, — 
das von Alexanders Staub findet sich schon bei antiken 
und auch bei orientalischen Schriftstellern, z. B. in Marc Aureis 
»Meditationen" (VI, 21), und im ,; Diwan" des Hafis (1318-1389?), 
wo es heißt:*) ;;Jeder Klumpen Lehms hienieden Ist ein Schädel 
Alexanders" — , solche Folgerungen ziehen darf. Die ,; kleinsten 
Teilchen" vermöchte man sehr wohl auch als materielle Korpuskeln 
aufzufassen, wie z. B. in folgender Stelle des „Sturm": 

94. ,;. . . die Elemente, draus 

Man eure Schwerter schmiedet, könnten wohl 
So gut den lauen Wind verwunden, ... als 
Am Fittig mir ein Fläumchen kränken." 
Ferner ist der Gedanke, daß alles Sein, der begrenzten 
Menschheit wie der unendlichen Natur, als ein wandelbares, 
vorübergehendes, zwischen Vernichtung und Wiedererstehen 
wechselndes anzusehen ist, ein von Shakespeare sehr oft und 
mit großem Nachdrucke geäußerter: 

95. ,;Ich seh' der Dinge wechselndes Gewühle, 
Und was da ist, zum Untergang bestimmt." 

96. „. . . mein Leben hat den Kreislauf 
Vollbracht." 

97. ,;. . . Unsre Spiele sind zu Ende; 
Die Spieler, wie ich sagte, waren Geister, 
Die nun in Luft, in dünne Luft zerflossen. 
Und wie die luft'ge Bildung dieses Scheins 
So werden die gewölkumragten Türme, 
Die Prachtpaläste, die erhab'nen Tempel, 
Ja dieser Erdball selbst, mit allem 

Was er umschließt und nährt, dereinst vergeh'n, 

»* Sturm III, 3 i^V, 335). ^^ Son. 31 (49). '^^ Cäs. V, 3 (V, 117). 

"^"^ Sturm IV, 1 (V, 344); hier nach Bodenstedt's Übersetzung. 
*) Übersetzung von Hammer (Stuttgart 1812, II, S. 500). 



NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 453 

Und, wie dies wesenlose Schaugepräng', 
Spurlos verschwinden." 

Aus dem Staube, in den sich das All aufgelöst, formen 
sich dann von neuem die Lebewesen: 

98. ,;. . . (Natur), ... du allgemeine Mutter, 
Dein Schoß unmeßbar, deine Brust unendlich, 
Gebiert, nährt All'; derselbe Stoff, aus dem 
Dein stolzes Kind, der freche Mensch, aufquillt. 
Erzeugt die schwarze Kröt' und blaue Natter, 
Die gold'ne Eidechs' und die gift'ge Schlange." 

99. ;; Welch ein Meisterwerk ist der Mensch! . . . und doch, 
was ist mir diese Quintessenz von Staub?" 

100. ;;Und der muß wahrlich selt'nen Stoffes sein. 
Den nicht entadeln kann . . . (unwürdig Tun)." 

101. ,;Das Gehirn dieses närrisch zusammengekneteten Tones, 
der Mensch heißt" ... 

102. „. . . (nach dem Tode) ist, was du hier siehst, nichts als 
ein Erdkloß." 

Endlich ist, wo Shakespeare mit Bezug auf den Menschen 
von Elementen spricht, auseinander zu halten, daß er nur zu- 
weilen von materiellen Elementen (und zwar im antiken, 
nicht im modern-chemischen Sinne) redet: 

103. ,; Besteht unser Leben nicht aus den vier Elementen?" 
wja wahrhaftig, so sagen sie; aber ich glaube eher, daß 
es aus Essen und Trinken besteht." ,;Du bist ein Ge- 
lehrter! Lass' uns also essen und trinken." 

104. ,;. . . doch Liebe 
Lebt nicht allein vermauert im Gehirn, 
Nein, kreist, mit aller Elemente Schwung 
So rasch wie der Gedank', in jeder Kraft." 

"' Timon IV, 3 (X, 399). ^^ Haml. II, 2 (VI, 66). i«" Ant. I, 4 (X, 40). 
''' Heinr. IV. B.; I, 2 (II, 27). ^«^ Joh. V, 7 (I, 224). ^°^ W. Wollt II, 3 
(V, 176). 1«* L. Leid IV, 3 (VII, 335). 



454 NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 

105. »Die Elemente sei'n dir hold, und mögen 
Dein Herz zur Freude stimmen." 

106. „Ganz Feur' und Luft, geb' ich dem niedren Leben 
Die andren Elemente." 

107. „War' meines Leibes träger Stoff Gedanke, 
Dann hielte mich Entfernung nicht zurück, ... 
Weh mir, zu denken, daß ich nicht Gedanke, 
Und nicht dir folgen kann; daß ich, aus Erd' 
Und Wasser, ganz an grober Mischung kranke. 
Und harren muß bis Zeit mir Trost gewährt. 
Da trag die Elemente nichts gewähren." 

108. „Die andren beiden, Luft und Feuer, weilen 
In deiner Nähe, wo ich immer bin; ... 
Wenn so zu dir auf Liebeswegen wandern 
Die flücht'gen Elemente, dann erstarrt, 
Allein gelassen mit den beiden andern. 
Zum Tod mein Leben, das aus vielen ward; 
Bis sich die Mischungen von neuem binden." 

In vielen anderen Fällen gebraucht der Dichter aber Ele- 
mente im geistigen Sinne von Temperamenten, Anlagen 
oder Launen, die man sich, antiken Traditionen folgend, aller- 
dings wieder an eine materielle Unterlage gebunden dachte, 
nämlich an die „Säfte" des Körpers, die mehr oder weniger 
sanguinischer, phlegmatischer, cholerischer oder melancholischer 
Beschaffenheit sein konnten: 

109. „Sanft war sein Leben, und so mischten sich 
Die Element' in ihm, daß die Natur 
Aufstehen durfte und der Welt verkünden: 
Dies war ein Mann." 

110. „. . . ein Mann, in dem die Natur so Launen zusammen- 
gehäuft hat, daß ..." 

^°^ Ant. III, 2 (X, 86). ^«^ Ant. V, 2 (X, 164). ^"" Son. 62 (80). 

i°s Son. 63 (81). ^°^ Cäs. V, 5 (V, 126). ^^«^ Troil. I, 2 (XI, 191). 



NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 455 

111. ,; Melancholisches Element hat (das Fräulein) nicht viel.« 

112. ;;0, wie der Krampf mir auf zum Herzen schwillt! 
Hinab, aufsteigend Weh! Dein Element 

Ist unten." 
Sentenzen mathematischen Inhaltes sind bei Shake- 
speare außerordentlich selten; ganz vereinzelt findet sich: 

113. ;/. . . so nahe wie die letzten Enden 
Von Parallelen, ähnlich wie Vulkan 

Und Venus ..." 

III. Leib und Seele. 

Das Verhältnis von Leib und Seele faßt Shakespeare in 
einer großen Anzahl von Fällen der seit altersher herrschenden 
Anschauung gemäß auf: dem materiellen Stoffe steht der im- 
materielle Geist gegenüber, dem rohen und nur den irdischen 
Gesetzen gehorchenden Körper die ätherische und den höheren 
Regionen entstammende Psyche; beide sind ganz voneinander 
verschieden, wirken nur vorübergehend vermöge der Lebens- 
kraft aufeinander ein, vereinigen und trennen sich aber im 
übrigen als zwei ganz fremde Wesen, wie es etwa halb scherz- 
haft selbst vom Krokodile heißt: 

1. ;;. . . es lebt von seiner Nahrung, und haben seine 
Elemente sich aufgelöst, so geht seine Seele auf die 
Wanderschaft." 

Beispiele für die erwähnte Anschauungsweise sind: 

2. „Als dieser Körper einen Geist enthielt 
War ihm ein Königreich zu enge Schranke." 

3. „. . . eure Seelen, 

Die doch sogleich vom Leibe scheiden müssen." 

4. „Doch dieses Wort, Rebellion, schied ganz 
Die Handlung ihres Leibes von den Seelen." 

^^^ V. Lärm II, 2 (VII, 172). ^^^ Lear II, 4 (XI, 67). ^^^ Troil. I, 3 
(XI, 207). ^ Ant. II, 7 (X, 77). ^ Heinr. IV. A.; V, 4 (I, 506). « Rieh. IL; 
III, 2 (I, 318). ^ Heinr. IV. B.; I, 1 (II, 26). 



456 NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 

5. ;;. . . daß die Seelen 

In Frieden mögen scheiden und zum Heil 
Von diesen Feldern, wo die armen Leiber 
Verwesen müssen." 

6. „. . . den Geist vermach' 

Ich allen Lüften, und den Leib dem Grunde." 

7. mEs schafft der Geist, liegt schon der Leib darnieder." 

8. »Staub geht zu Staub, dem er gehört, dieweil 
Du meinen Geist, mein besser Teil, erlesen." 

9. ;;Wir sind von dem Stoff, 
Der Träume bildet, und dies kleine Leben 
Umzirkt ein Schlaf." 

10. wWir alle stehen gegen Cäsars Geist, 

Und in dem Geist des Menschen ist kein Blut." 

n. wIn uns selber liegt's, ob wir so sind oder anders. 
Unser Körper ist der Garten, und unser Wille der 
Gärtner, so daß, ob wir Nesseln drin bauen wollen 
oder Salat pflanzen, Ysop aufziehen oder Thymian aus- 
jäten, . . . das Vermögen dazu und die besondere Macht 
durchaus in unserem Willen liegt." 

12. «Aus welchem Stoffe schuf dich die Natur, 
Daß Millionen Formen an dir kleben? 
Sonst hat doch jedes Wesen eine nur, 

Du ganz allein kannst jede Form dir geben." 

13. „. . . Bastard? Unecht? 
Wir, die im heißen Diebstahl der Natur 
Mehr Stoff empfah'n und kräft'gern Feuergeist 
Als ... ein ganzes Heer von Tröpfen ..." 

14. «Hast du zu fluchen Lust, fluch' deinem Vater, 

. . . der in Verzweiflung Stoff 
Gab einer Bettlerin, dich draus zu formen." 

^ Heinr. V.; IV, 3 (II, 260). ^ Lucr. 172 (löö)'. '' Sonn. 52 (75). 

« Sonn. 118 (136). '' Sturm IV, 1 (V, 344). ^^ Cäs. II, 1 (V, 82). ^^ Oth. I, 3 
(XII, 40). 12 Sonn. 36 (44). ^'^ Lear I, 2 (XI, 27). ^^ Timon IV, 3 (X, 403). 



NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 457 

15. wDoch stünde auf dem Spiel nur dies Stück Erde, 
Die Form des Marcius: zu Staub zerreiben 

Und in den Wind streu'n sollten sie's." 

16. ;;Der Lebensgeist, die Form die dich gestaltet, 
Macht ihn zum Manne auch." 

17. ,;Die Lebensgeister sind mir wie im Traum 
Gefesselt." 

18. ;; Fräulein, ihr habt der Worte mich beraubt: 
Mein Blut nur in den Adern spricht zu Euch, 
Verwirrung ist in meinen Lebensgeistern." 

IQ. ;;0 Jupiter, wie matt sind meine Lebensgeister!" »Ich 
fragte nicht nach meinen Lebensgeistern, wenn nur 
meine Beine nicht matt wären!" 

20. ,;Gift wird wirkungslos 

Als solches oft gemacht, wenn man es bloß 
Mit reinen Stoffen mengt; und seine Kraft, 
So angewendet, wirkt als Lebenskraft." 

21. »Bleiern schwer 

Ringt Schlummer mit der Lebenskraft." 

22. «Nicht alle Schlummerkräfte der Natur 
Verhelfen je dir zu dem süßen Schlaf, 
Den du noch gestern hattest." 

Diesen dualistischen Äußerungen gegenüber stehen aber 
auch solche, die, von einem höheren Standpunkte aus, nicht 
nur die innige, gegenseitige Bedingtheit und Abhängigkeit von 
Leib und Seele betonen, sondern auch die wichtigsten Ein- 
flüsse, Erblichkeit, Übung, und Ernährung, mit Nachdruck 
hervorheben: 

23. „Krankheit verabsäumt jeden Dienst, zu dem 
Gesundheit ist verpflichtet; wir sind nicht wir selbst, 

1^ Cor. III, 2 (VIII, 94). ^« Rieh. IL; I, 2 (I, 179). ^^ Sturm I, 2 

(V, 299). ^« Kaufm. III, 2 (VI, 259). ^^ W. gef. II, 4 (VI, 373). 

-"' Lucr. 76 (142). '' Lucr. 18 (128). -^ Oth. III, 3 (XII. 88). '^ Lear II, 4 
(XI, 69). 



458 NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 

Wenn die Natur, im Druck, die Seele zwingt 
Zu leiden mit dem Körper." 

24. ,;Du arme Seele, Mittelpunkt dem Staub 

Dem sünd'gen, und doch sein Narr und Fröhner." 

25. ;;Der Verstand 

Der Menschen ist ein Teil von ihrem Glück, 
Und äußre Dinge ziehn das innre Wesen 
Sich nach, daß eines wie das andre krankt." 

26. vDoch lebt erst das Gemüt auf, so erstehen 
Auch die zuvor erstorbenen Organe, . . . 

Und regen sich aufs Neu, . . . mit frischem Schwung." 

27. «Die ew'ge Sorg' und Arbeit des Gemüts 
Hat so die Mau'r, die es umschließt, vernutzt: 
Das Leben blickt schon durch und will heraus." 

28. ;;Wie eines Färbers Hand, so zeigt mein Wesen 
Des Stoffes Färb', in dem ich schaffe." 

29. ,;Ein fein Gepräge ward 
Dem Geist zu seinem Tun; doch die Natur 
Verleiht kein Stäubchen ihrer Trefflichkeit, 
Wofür sie nicht, als wirtschaftliche Göttin, 
Sich eines Gläub'gers Ehrenzoll bedingt, 
So Dank als Zins." 

30. „Welch' edler Zug! 
O Würde der Natur, ererbte Größe! 
Feig artet Feigem, Niedrer Niedrem nach, 

Natur teilt Klei' und Mehl aus, Huld und Schmach." 

31. „Schön war die Form, den Ahnen gleich. 
Darin Natur ihn goß." 

32. ,; Hehre Göttin 

Natur, wie zeichnest du dein Wappenschild 

2^ Sonn. 152 (170). ^^ Ant. III, 11 (X, 111). ^c Heinr. V.; IV, 1 

(II, 244). " Heinr. IV. B.; IV, 4 (II, 107). ^« Sonn. 107 (125). -'•* Maß I, 1 
(X, 192). «° Cymb. IV, 2 (XII, 397). ^^ Cymb. V, 4 (XII, 426). '"'' Cymb. 
IV, 2 (XII, 404). 



NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 459 

In diesen Fürstenknaben! . . . Welches Wunder, 
Daß unsichtbarer Trieb sie, unbelehrt, 
Zu Königsart und Ehre formt, zur Sitte 
Die sie nicht Anderen absah'n, und zum Mut, 
Der wild in ihnen wächst, doch Ernten liefert 
Als war' er ausgesät!" 

33. w. . . die Übung kann 

Fast das Gepräge der Natur verändern." 

34. ;;. . . (die Briten), . . . woher kam' ihr Feu'r? 
Ist nicht ihr Klima neblig, rauh und dumpf? . . . 
Kann ihnen Gerstenbrüh', gesottnes Wasser, . . . 
Das kalte Blut zu tapfrer Hitze kochen?" 

35. ,; Wackres Landvolk, . . . zeigt uns nun 
Die Kraft genossner Nahrung!" 

Was die Funktionen des Körpers betrifft, so beurteilt sie 
Shakespeare im ganzen gemäß den, bis tief in die Neuzeit 
hinein herrschend gebliebenen Lehren des Galenos, doch 
fehlt es nicht an einzelnen Modifikationen, die zum Teile auf 
Paracelsus hinweisen; diese beiden großen Meister werden 
auch namentlich angeführt: 

36. „. . . ich habe die Ursache der Wirkung (dieses Zu- 
standes) beim Galenus gelesen." 

37. ,;Von allen Meistern der Kunst aufgegeben zu sein, 
. . . von Galen und Paracelsus ..." 

Als Hauptorgane des Körpers gelten Gehirn, Herz und 
Leber; das »kühle" Gehirn ist vornehmlich Sitz des Verstandes, 
das »warme" Herz Sitz der Lebensgeister, und die »; heiße und 
trockene" Leber (die daher durch alles heiße und trockene, ihr 
antipathische, gereizt wird), Sitz der Körperwärme und der 
»hitzigen Eigenschaften", z. B. der Tapferkeit und Tatkraft, der 
Verliebtheit und Trunksucht. Das in gesundem Zustande leicht- 

^' Haml. III, 4 (VI, 109). ^^ Heinr. V.; III, 5 (VI, 227). ^^ Heinr. V.; 
III, 2 (II, 217). =^6 Heinr. IV. B.; I, 2 (II, 31). ^' Troil. II, 3 (XI, 3^7). 



460 NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 

flüssige und rote, in krankhaftem dünne und bleiche, oder 
dicke und schwarze Blut wird im Magen zubereitet, und von 
ihm aus, nebst den übrigen »Säften", dem Gehirne und dem 
Herzen zugeführt; doch ist dieses durch besondere Kanäle auch 
mit anderen Körperteilen verbunden, namentlich mit den Sinnes- 
organen, durch die daher, falls sie sich wie die Ohren nach 
außen öffnen, Gifte in die Blutbahn gelangen können: 

38. „Ich (Magen) nehm' die Nahrung in mich auf 
Wovon Ihr lebt, und zwar mit Recht, weil ich 
Die Vorratskammer bin, das Magazin 

Des ganzen Leib's; doch, wenn Ihr Euch erinnert, 
Send' ich sie durch die Ströme Eures Bluts 
Bis an den Hof, das Herz, zum Thron des Hirns; 
Und durch des Körpers Windungen und Räume 
Empfängt der stärkste Nerv, die kleinste Ader, 
Von mir, was die Natur zu ihrem Leben 
Bedarf." 

39. „. . . unser Blut 

Ist kalt bei leeren Adern, und wir schmollen 

Dann mit dem Morgen, ungeneigt zum Geben 

Und zum Vergeben; doch sind sie gefüllt 

Die Röhren und Kanäle unsres Bluts 

Mit Speis' und Trank, dann sind auch unsre Seelen 

Geschmeidiger." 

40. wDie Ihr Herz, Leber und Hirn Brittaniens seid ..." 
4L ;;. . . weil alles Blut zum Herzen niederstieg, 

(Das in dem Kampf, den mit dem Tod es führt. 
Es an sich zieht zur Hilfe wider seinen Feind), 
Wo's mit dem Herzen kalt wird, und nicht rückkehrt 
Die Wangen noch zu röten und zu zieren." 
42. »Ich hab' ein Herz, so ungefüg wie deines, 
Doch auch ein Hirn, das leitet meinen Zorn." 

3« Cor. I, 1 (VIII, 18). •'-' Cor. V, 1 (VIII, 133). ■*" Cymb. V, 5 

(XII, 432). ^1 Heinr. VI. B.; III, 2 (III, 92). '^ Cor. III, 2 (VIII, 91). 



NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 461 

43. >;. . . das Leben seines Blutes 
Ist tödlich angesteckt, und sein Gehirn, 
Der Seele zartes Wohnhaus, wie sie lehren, 
Sagt uns durch seine eitlen Grübeleien 
Das Ende seiner Sterblichkeit voraus." 

44. ,;Mein Hirn soll meines Geistes Weibchen sein, 
Mein Geist der Vater; diese Zwei erzeugen 
Dann ein Geschlecht stets brütender Gedanken." 

45. »Ich will einem unklugen Menschen niemals trauen, bis 
ich sein Gehirn sehe." 

46. ;;(Die beiden Kämmerer) . . . will ich mit Wein 
Und würz'gem Tranke bald . . . 

So fangen, daß der Wächter des Gehirns, 
Gedächtnis, Dunst soll werden, und die Stätte, 
In der Vernunft sonst wohnt, nur die Retorte." 

47. ,;. . . dein Gebot soll leben ganz allein 
Im Buche meines Hirnes, unvermischt 
Mit minder würd'gen Dingen." 

48. »Kannst du 
Auslöschen Sorge, im Gehirn verzeichnet?" 

49. »Mein Gehirn, geschäft'ger als die fleiß'ge Spinne, 
Webt mühsam Schlingen zu der Feinde Fang." 

50. ,;. . . solch Geschehnis . . . 

War's, das im Hirn mir Hochmutsgrillen heckte." 

51. »Aus eurem Hirn dies Wermutskraut zu reuten 
Sollt ihr ..." 

52. ;;. . . ein feiner Mann, 
Dess Hirn wie eine Münze Phrasen prägt." 

53. w. . . sollen wir uns durch Sticheleien und Sentenzen, 

*» Joh. V, 7 (I, 222). ^^ Rieh. II.; V, 4 (I, 366). ^^ W. wollt II, 2 
(V, 230). ^^ Mach. I, 7 (XII, 202). ^' Haml. I, 5 (VI, 46). *« Mach. V, 3 
(XII, 269). ^9 Heinr. VI. B.; III, 1 (III, 85). ^« L. Leid V, 2 (VII, 360). 

" L. Leid V, 2 (VIII, 378). ^- L. Leid I, 1 (VII, 278). "' V. Lärm II, 3 

(VII, 183). 



462 NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 

durch Papierkugeln des Gehirns, aus der Bahn unserer 
Launen schrecken lassen?" 

54. ,;Dies ist bloß eures Hirnes Ausgeburt." 

55. ,;Es war ein Pfeil aus Nichts, in Nichts geschnellt, 
Den das Gehirn aus Dunst macht; uns're Augen 
Sind oft wie unser Urteil blind." 

56. ,;. . . dies Gehirn 

Jagt auf der Klugheit Fährte nicht so sicher 
Als es wohl pflegte." 

57. ,;0; es ist viel Gehirn vergeudet worden." 

58. „. . . ein feierliches Lied, . . . 
Von irrem Sinne heil' es dein Gehirn, 

Das jetzt unwirksam dir im Schädel siedet." 

59. ,;In seinem Hirne, das so trocken ist 

Wie Überrest von Zwieback nach der Reise, 
Hat er seltsame Stellen, übervoll 
Von Lebensregeln, die er brockenweise 
Nun von sich gibt." 

60. ,;. . . der listigste, tollste Eifersuchtsteufel, der je ein ver- 
branntes Gehirn regiert hat ..." 

6L ;;Hab' ich mein Gehirn zum Trocknen in die Sonne 
gelegt, daß es nicht Saft und Kraft behalten hat ein so 
plumpes Blendwerk zu durchschauen?" 

62. ,;. . . eine längere Unterhaltung mit euch würde mein 
Gehirn anstecken." 

63. ,;. . . doch ob 

Auch Grau sich etwas mengt ins jüngre Braun, 
Mein Hirn nährt noch die Sehnen." 

64. ;;Ich bin ins Hirn gehauen" (= wahnsinnig). 

''' Haml. III, 4 (VI, 108j. ^^ Cymb. IV, 2 (XII, 409). ^« Haml. II, 2 
(VI, 56). ^" Haml. II, 2 (VI, 68). ^« Sturm V, 1 (V, 351). ^« W. gft. II, 7 
(VI, 381). «« Lust. W. IV, 7 (IX, 107). «^ Lust. W. V, 4 (IX, 116). 

«2 Cor. II, 1 (VIII, 49). «« Ant. IV, 8 (X, 131). ^ Lear IV, 6 (XI, 124). 



NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 463 

65. „(Der Zustand) hat seinen Ursprung vom vielen Kummer; 
vom Studieren, und von Zerrüttung des Gehirnes". 

66. „Was den (feigen) Junker betrifft, wenn er geöffnet 
würde, ihr findet nicht so viel Blut in seiner Leber, 
als eine Mücke auf dem Schwänze tragen kann." 

67. „Bardolph ist weiß von Leber und rot von Gesicht, 
vermöge dessen er verwegen drein sieht, aber nicht 
ficht." 

68. wEin Schurke bist du, . . . ein milchlebriger Schurke!" 

69. ;;. . . Überschmink' die Furcht, 
Du Lilienleber!" 

70. „Mannheit und Ehre 
Bekämen Hasenherzen, mästeten 

Sie sich mit Gründen; Grübeln und Erwägung 
Macht blaß die Leber, lähmt die frische Regung." 

71. „Liebt meine Frau?" „Mit heißem Leberbrand!" 

72. „Dies ist die Leberlaune; sie treibt mit Fleisch Ab- 
götterei." 

73. „. . . war' meines Weibes Leber 
Vergiftet, wie ihr Leben ..." 

74. „Ihr werdet mehr verliebt sein als geliebt?" „Nein! 
lieber mag mir der Wein die Leber wärmen!" 

75. „Laßt lieber mir vom Wein die Leber glühn." 

76. ,;. . . (zu stark Gebratnes) 

Die Gair erregt es, und erzeugt den Ärger." 

77. „Was süß schmeckt wird oft bitter beim Verdau'n." 

78. „Ganz rot und rein ist teils ihr warmes Blut, 
Ein andrer Teil ist schwarz, und diesen hat 
Befleckt Tarquins so schnöde falsche Tat." 

«^ Heinr. IV. B. ; I, 2 (II, 31). «« W. wollt III, 2 (V, 204). «^ W. 

wollt III, 2 (II, 218). «« Lear II, 2 (XI, 57). «» Mach. V, 3 (XII. 268). 

^•^ Troil. II, 2 (XI, 222). ' '^ Lust. W. II, 1 (IX, 38). ^^ L. Leid IV, 3 

(VII, 326). '•' Wint. I, 1 (IX, 173). '^ Ant. I, 2 (X, 27). ''^ Kaufm. I, 1 
(VI, 208). '*^ Wid. IV, 1 (VII, 82). " Rieh. IL; I, 3 (I, 288). '« Lucr. 249 
(185). 



464 NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 

79. ,;Es zieht ums schwarze Blut, das bald erstarrt, 
Ein Wasserstreif sich melancholisch hin, . . . 

Es zeigt verdorbnes Blut sich wässerig, . . . 
Doch unbeflecktes Blut ist rot." 

80. ;;Der angebor'nen Farbe der Entschließung 
Wird des Gedankens Blässe angekränkelt." 

81. ;;, . . ihr Rang? Den kann 

Ich aufbau'n! Seltsam! Unser Blut, nach Farbe, 
Gewicht und Wärme, - gösse man's zusammen — , 
Vermischte spurlos sich; und dennoch macht' er 
So mächt'gen Unterschied?" 

82. ;;. . . wenn man leiten könnte 

Der Feindschaft Blut in eine Bundesader ..." 

83. ;;(Es trifft sie) . . . von Geburt, — woran sie schuldlos, 
Weil sich Natur nicht ihren Ursprung wählt — , 

Ein Übermaß in ihres Blutes Mischung, 

Das Dämm' und Schanzen der Vernunft oft einbricht." 

84. «Das Gehirn kann Gesetze für das Blut aussinnen, aber eine 
hitzige Natur springt über eine kalte Vorschrift hinweg." 

85. wDas dünne Getränk und die vielen Fischmahlzeiten 
kühlen (diesen Burschen) ihr Blut so übermäßig, daß 
sie in eine Art von männlicher Bleichsucht verfallen. 
. . . Ein guter spanischer Sekt hat eine zwiefache Wirk- 
ung an sich: er steigt euch ins Gehirn, trocknet da alle 
die albernen und rohen Dünste . . . Das Blut, das zuvor, 
kalt und ohne Bewegung, die Leber weich und bleich 
ließ, . . . das wärmt der Sekt auf, und bringt es von den 
inneren bis in die äußersten Teile in Umlauf ... Da 
stellen sich alle die Insassen des Leibes, die kleinen 
Lebensgeister aus den Provinzen, ihrem Hauptmann, 
dem Herzen." 

'« Lucr. 250 (186). «« Haml. III, 1 (VI, 80). «^ Troil. II, 3 (XI, 402). 
82 Joh. V, 2 (I, 211). «^ Haml. I, 4 (VI, 39). ^ Kaufm. I, 2 (VI, 212). 

«^ Heinr. IV. B.; IV, 4 (II, 102). 



NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 465 

86. ,; Gefährliche Gedanken sind gleich Giften 
Die anfangs kaum dem Gaumen widrig sind, 
Allein nach kurzer Wirkung auf das Blut 
Gleich Schwefelminen brennen." 

87. ». . . (ins Ohr gegoßner) 

Saft verfluchten Eibenbaums, . . . wovon die Wirkung 

So mit des Menschen Blut in Feindschaft steht. 

Daß er durch die natürlichen Kanäle 

Des Körpers, hurtig wie Quecksilber, läuft, 

Und, wie ein saures Lab in Milch getropft. 

Mit plötzlicher Gewalt gerinnen macht 

Das leichte reine Blut." 

Krankheiten entstehen teils durch schlechte Beschaffenheit 
und Unbeweglichkeit des Blutes und der Säfte, teils durch böse 
Dünste der Luft, die bald Fieber bald Pest verbreiten; ihre 
Diagnose erfolgt nicht selten durch Prüfung des Harnes, dessen 
»Beschauung" bekanntlich Jahrhunderte hindurch eine Haupt- 
beschäftigung der Ärzte wie der Kurpfuscher bildete. Von den 
Wunden nahm man an, sie müßten vornehmlich gegen den 
Eintritt der Luft, und (aus sympathetischen Gründen) vor der 
Annäherung gewisser Pflanzen und Tiere geschützt werden; 
tödliche Wunden sollten, sobald sich der Mörder näherte, noch 
am Leichname wieder zu bluten beginnen. Geheilte Kranke 
galten für gesünder und kräftiger als sie vor der Verwundung 
oder Erkrankung gewesen waren; außer der Kunst des Arztes 
rief man bei manchen Krankheiten aber auch die göttliche 
Gnade zu Hilfe, vermöge derer die Gesalbten des Herrn, die 
gekrönten Könige, durch bloße Berührung oder durch Auflegen 
der Hände Heilung zu bringen vermochten: 

88. »Diese Apoplexie ist . . . eine Art von Lethargie . . ., 
eine Art von Schlafen im Blut ..." 

«•5 Oth. III, 3 (XII, 88). «^ Haml. I, 5 (VI, 45). ^« Heinr. VI. B.; 
I, 2 (II, 30). 

V. Lippmann, Beiträge. 30 



466 NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 

8Q. ;;. . . diese Überschwemmung böser Säfte ..." 

90. ,;Es hängt, verschHngend, Pest in unsrer Luft, 
Und du entf Hebst zu einem rein'ren Himmel." 

91. »Der Toten irdisch Teil die Luft erstickt, 
Und sein Geruch in Frankreich Pest erzeugt." 

92. ;;Gott, mein Herr, 

Hält in den Wolken Musterung der Scharen 
Der Pestilenz, uns beizustehn." 

93. »Schleicht Brutus vom gesunden Bett sich weg 
Der schnöden Ansteckung der Nacht zu trotzen. 
Und reizet er die böse Fieberluft 

Sein Übel noch zu mehren?" 

94. »Was sagt der Doktor zu meinem Wasser?" 

95. »Die weise Frau muß ihm das Wasser beschaun." 

96. »Der Harn-Monarch!" (= Arzt). 

97. »Ich werde ihm seine Uringläser an seinen Schelmen- 
kopf schmeißen . . ." 

98. »Die Narrheiten .... scheinen durch Euch hindurch 
wie das Wasser in einem Uringlase, daß jedes Auge, 
das Euch sieht, zum Medicus wird, und über Eure 
Krankheit räsoniert." 

99. ». . . könnt'st, Doktor, meines Landes Wasser 
Du untersuchen, und die Krankheit finden!" 

100. »Die Luft drang in die schweren Wunden mir. 
Und viel Verlust von Blute macht mich matt." 

101. »Krabben sind nicht gut bei einer frischen Wunde." 

102. ». . . des toten Heinrich Wunden 
Öffnen den starren Mund und bluten frisch." 



«^ Joh. V, 1 (I, 207). «» Rieh. IL; I, 3 (I, 290). «^ Heinr. V.; IV, 3 
(II, 161). ^^ Rieh. II.; III, 4 (I, 330). ^^ Cäs. II, 1 (V, 56). «* Heinr. IV. B.; 
I, 2 (II, 30). «5 W. wollt III, 4 (V, 211). «« Lust. W. II, 3 (IX. 53). 

«^ Lust. W. III, 1 (IX, 56 und 60). '^« Veron. II, 1 (VIII, 324). ^» Mach. V, 3 
(XII, 270). ^"" Heinr. VI. C; II, 6 (III, 230). ^»^ Heinr. IV. B.; II, 1 (II, 43). 
^«2 Rieh. III.; I, 2 (III, 357). 



NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 467 

103. ,;Es wird, wie ein geheiltes Bein, der Friede 
Nur stärker durch den Bruch.« 

104. ;;.... kommt der König?" . . . 

„Ja Herr! Ein Haufen armer Leute steht da 
Und harrt auf seine Kur, denn ihre Krankheit 
Besiegt die Müh'n der Kunst; doch sein Berühren, 
— So heiHgte der Himmel seine Hand — , 
Heilt sie im Augenblick." 



IV. Tier- und Pflanzenreich; Aberglauben. 

Den alten Überlieferungen sowie den volkstümlichen An- 
schauungen seiner Zeit getreu, schreibt Shakespeare vielen 
Tieren merkwürdige Fähigkeiten und absonderliche Eigen- 
schaften zu, sowohl was ihre Lebensweise als was ihren Ur- 
sprung betrifft. Daß Tiere, und zwar auch höhere, durch die 
Einwirkung der Sonnen wärme auf feuchten Schlamm, ver- 
wesende Häute und Haare, faulendes Fleisch und dergleichen 
entstehen können, ist ihm eine durchaus geläufige Vorstellung: 

1. ,;Der warme Tag ist's, der die Natter zeugt." 

2. »Ja ja, so 'ne ägyptische Schlange wird aus so 'nem 
Schlamm von der Sonne ausgebrütet; auch so'n Kro- 
kodil." 

3. . ,;. . ja, bei dem Feuer 
Das Nilus Schlamm belebt ..." 

4. „Viel brütet jetzt. 

Das gleich dem Roßhaar nur erst Leben hat. 
Noch nicht der Schlange Gift." 

5. „Denn wenn die Sonne Maden in einem toten Hunde 
ausbrütet, — eine Gottheit, die Aas küßt ..." 

1°^ Heinr. IV. B.; IV, 1 (II, 93). ^^^ Mach. IV, 3 (XII, 257). ^ Cäs. II, 1 
(V, 46). 2 ^^^^ 11^ 5 (X, 76). '' Ant. I, 3 (X, 37). ^ Ant. I, 2 (X, 34). 
' Haml. II, 2 (VI, 61). 

30* 



'468 NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 

Für giftig gelten, neben den Schlangen, noch vielerlei meist 
ganz unschuldige Tiere der verschiedensten Klassen, z. B. Fleder- 
mäuse, Igel, Eidechsen, Salamander, Basilisken, Molche, Kröten, 
Spinnen, Hirschkäfer (Schröter) u. s. f.: 

6. ,;Heillos'res Schicksal treffe den Elenden, . . . 
Als ich kann wünschen Kröten, Spinnen, Nattern, 
Und allem giftigen Gewürm, das lebt." 

7. ,;Kröt', die unter kaltem Stein 
Tag und Nächte dreißig-ein 
Schwitztest Gift im Schlafe doch ..." 

8. »;. . . lieber Kröte sein, 
Und von den Dünsten eines Kerkers leben." 

9. „Widerwärtigkeit, 

Die, gleich der Kröte, häßlich und voll Gift, 
Ein köstliches Juwel im Haupte trägt." 

10. ,;Die Lerche, sagt man, tauschte mit der Kröte 
Die Augen: möchte sie doch auch die Stimme!" 

11. „. . . daß man dich meide 
; Wie gift'ge Kröte oder Eidechsstacheln." 

12. ,;Laß sich die Spinnen, die dein Gift einsaugen. 
Und träge Kröten in den Weg ihm legen." 

13. „Was? Bist du wie die Natter taub geworden? 
Sei giftig auch, und stich dein arm Gemahl!" 

14. „Bunte Schlangen, zweigezüngt, 
Igel, Molche, fort von hier, 
Daß ihr euer Gift nicht bringt 
In der Königin Revier." 

15. „Es kommt der Tag, wo du herbei mich wünschest 
Zum Fluchen auf dem giftgeschwollnen Molch.^' 



« Rieh. III.; I, 2 (III, 335). ' Mach. IV, 1 (XII, 241). « Oth. III, 3 
(XII, 85). ^ W. gef. II, 1 (VI, 367). ^" Rom. III, 5 (IV, 264). " Heinr. 
VI. C; II, 2 (III, 220). ^'-^ Rieh. II.; III, 3 (I, 320). ^^ Heinr. VI. B.; III, 2 
(III, 90). ^* Somm. II, 2 (IV, 365). ^^ Rieh. III.; I, 3 (III, 374). 



NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 469 

16. ;;Seit zweiunddreißig Jahren nunmehr habe ich diesen 
euren Salamander im Feuer unterhalten; der Himmel 
lohne es mir." 

17." ;;. . . alle Zauberei 

Der Sycorax: Molch, Schröter, Fledermaus, befall' euch!" 

18. ;;. . . Gift sei ihr Getränk, . . . 
Ihr schönster Anblick grimme Basilisken, 
Eidechsenstich ihr sanftestes Berühren, 

Ihre Musik wie Schlangenzischen gräßlich." 

19. »Die Augen, ... die sonst in sich trugen 
Die Bälle mörderischer Basilisken: 

Wir hoffen günstig, solcher Blicke Gift 
Verliere seine Kraft ..." 

20. „. . . ich will 
Mehr Gaffer töten als der Basilisk." 

21. „. . . (dies Auge), 

O wär's ein Basilisk, dich tot zu blitzen." 

22. ;;. . . daß sie einander, wie Basilisken, mit den Augen 
umbringen werden." 

23. „Nein, gib mir nicht des Basilisken Auge! 
Ich sah auf Tausende, und sie gediehen 
Durch meinen Blick." 

24. ,;Mit Basilisken-Blicken, glühend wild. 
Reckt' er sich auf . . ." 

Von dem verwandten Chamäleon, sowie auch vom Kro- 
kodil, werden nur die bekannten Fabeln wiederholt, jedoch ohne 
Andichtung giftiger Eigenschaften: 

25. «... (ich lebe) von dem Chamäleons-Gericht, ich esse 

Luft." 

^« Heinr. VI. A.; III, 3 (I, 472). ^' Sturm I, 2 (V, 293). ^« Heinr. 
VI. B.; III, 2 (III, 98). ^^ Heinr. V.; V, 2 (II, 85). ^o Heinr. VI. C; 

III, 2 (III, 245). 2^ Rieh. III.; I, 2 (III, 361). ^'^ W. wollt III, 4 (V, 214). 
"-^ Wint. I, 1 (IX, 176). 2^ Lucr. 78 (143). -^ Haml. III, 2 (VI, 87). 



470 NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 

26. ,; Obwohl das Chamäleon „Liebe" von Luft leben kann, 
so gehöre ich zu der Gattung, die sich von Viktualien 
nährt, und es gelüstet mich nach Fleisch." 

27. ,;Ich schill're mehr als das Chamäleon." 

28. wGloster's Schein 
Bethört ihn, wie das traur'ge Krokodil 
Mit Weh gerührte Wanderer bestrickt." 

Zahlreiche Wundertiere in gutem und bösem Sinne ge- 
hören auch dem Reiche der Vögel an: 

29. „Mein Staub kann, wie der Phönix, einen Vogel 
Erzeugen, der mich an Euch rächt." 

30. „. . . aus der Asche jenes Wundervogels, 
Des Jungfrau-Phönix, neu ein Erb' entsteht." 

3L „Nun will ich glauben 

Daß es Einhörner gibt, daß in Arabien 
Ein Baum des Phönix Thron ist, daß ein Phönix 
Zur Stunde dort regiert." 

32. „Du hast dein Blut ja, wie ein Pelikan 
Schon abgezapft." 

33. „Den Freunden will ich weit die Arme öffnen, 
Und wie der Lebensopfrer Pelikan 

Mit meinem Blut sie tränken." 

34. „Zeugte doch dies Fleisch 
Diese Pelikan-Töchter!" 

35. „. . . end' er Schwanen-gleich, 
Hinsterbend in Musik." 

36. „Die Eule schrie dabei, ein übles Zeichen; 

Die Krähe krächzte, Unglückszeit verkündend, . . . 



2« Veron. II, 2 (VIII, 329). " Heinr. VI. C; III, 2 (III, 245). '^^ Heinr. 
VI. B.; III, 1 (III, 81). 2^ Heinr. VI. C; I, 4 (III, 203). ^« Heinr. VIII.; 
V, 4 (IV, 145). ^^ Sturm III, 3 (V, 333). ''"' Rieh. IL: II. 2 (I, 298). 

^'' Haml. IV, 5 (VI, 125). ^^ Lear III, 4 (XI, 87). ^^ Kaufm. III, 2 (VI, 265). 
8« Heinr. VI. C; V, 6 (III, 295). 



NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 471 

Der Rabe kauzte auf den Feueressen, 

Und Elstern schnarrten in mißheH'gen Weisen." 

37. »Sang er nicht eben mir ein RabenHed, . . . 
Und denkt er nun, daß des Zaunkönigs Zirpen 
Den erst vernomm'nen Laut verjagen kann?" 

38. ;;So böser Thau, als meine Mutter je 
Vom faulen Moor mit Rabenfedern strich, 
Fair auf Euch Zwei!" 

39. >;Oft erzürnt' er mich, 

Wenn er erzählt' von Ameis und vom Maulwurf, . . . 
Vom Drachen und vom Fische ohne Flossen, 
Berupftem Greif, und Raben in der Mauser." 

Andere Tiere verschiedener Klassen werden nur selten, 
und meist auch nur in Erinnerung fabelhafter Vorstellungen 
erwähnt: 

40. „Kühlt (den Trank) mit Pavianblut." 

41. „ungestaltet 
Gleich wie ein Chaos oder Bärenjunges, 
Das ungeleckt der Mutter Spur nicht trägt." 

42. „. . . (es heißt). 

Das Einhorn lasse sich mit Bäumen fangen. 

Der Bär mit Spiegeln, und der Mensch durch Schmeichler." 

43. „Die Fische leben in der See . . . wie wir Menschen 
auf dem Lande: die großen fressen die kleinen." 

44. „Es läßt die Biene selten ihre Waben 
In totem Aas." 

45. „So tun die Honigbienen, Kreaturen 

Die durch die Regel der Natur uns lehren 
Zur Ordnung fügen ein bevölkert Reich ..." 

^' Heinr. VI. B.; III, 2 (III, 89). ^^ Sturm I, 2 V, 293). ^^ Heinr. VI. A.; 
Ill, 1 (I, 460). *« Mach. IV, 1 (XII, 242). ^^ Heinr. VI. C; III, 2 (III, 144). 
'2 Cäs. II, 1 (V, 53). *3 Per. II, 1 (27). ^^ Heinr. IV. B.; IV, 4 (II, 106). 
^^ Heinr. V.; I, 2 (II, 189). 



472 NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 

46. »/Wie schleunig die Natur in Aufruhr fällt 
Wird Gold ihr Gegenstand! . . . 

Denn wie die Biene, jede Blume schätzend 

Um ihre süße Kraft, 

Die Schenkel voller Wachs, den Mund voll Honig: 

So bringen wir's zum Korb. Und wie die Bienen 

Erwürgt man uns zum Lohn." 

Die Pflanzen entnehmen ihre Nahrung dem Himmel und 
der Erde, von deren Säften zuweilen die Einen jene an sich 
ziehen, die seitens der Anderen abgestoßen werden; aber auch 
zauberische Kräfte, namentlich die nächtlicher Geister, sind auf 
ihr Wachstum von Einfluß: 

47. ,;Wie wagen Pflanzen aufzuschau'n zum Himmel, 
Der ihnen Nahrung schenkt?" 

48. „Denn was nährt Unkraut, als gelinde Luft, 

Und was macht Räuber kühn, als zu viel Milde?" 

49. ,;. . . ich jät' indessen 
Das Unkraut aus, das den gesunden Blumen 
Die Kraft des Bodens unnütz saugt hinweg." 

50. »Es wächst die Erdbeer' unter Nesseln auf; 
Gesunde Beeren reifen und gedeihen 

Am besten neben Früchten schlechtrer Art." 

5L „im brachen Feld 

Hat Lolch und Schierling und der geile Erdrauch 

Sich eingenistet, weil die Pflugschar rostet; . . . 

Die eb'ne Wiese, . . . 

Die Sichel missend, üppig, ohne Zucht, 

Wird müßig schwanger, und gebieret nichts 

Als schlechten Ampfer, rauhe Disteln, Kletten." 

52. „Sie wuchs, wie Sommergras, bei Nacht am schnellsten. 

Das ungeseh'n doch kräffges Wachstum hat." 

^^ Heinr. IV. B.; IV, 4 (II, 111). ^' Per. I, 2 (16). ^« Heinr. VI. C; 
II, 6 (III, 230). ^"^ Rieh. IL; III, 5 (I, 336). ^° Heinr. V.; I, 1 (II, 181). 
^^ Heinr. V.; V, 2 (II, 286). ^^ Heinr. V.; I, 1 (II, 181). 



NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 473" 

53. ;;. . . Ihr Zwerge, die Ihr 
Beim Mondschein grüne saure Ringlein macht, 
Wovon das Schaf nicht frißt; die Ihr zur Kurzweil 
Die nächt'gen Pilze macht ..." 

Edle Früchte läßt die Natur edlen Gewächsen entsprießen, 
aber auch die Kunst vermag hier nachzuhelfen, und rohe Wild- 
linge durch Züchten und Propfen umzubilden: 

54. »so wuchsen wir 
Zusammen, einer Doppelkirsche gleich, . . . 
Zwei holde Beeren, einem Stiel entsprossen." 

55. ;;Er impfte auf den edlen Stamm das Reis 
Von einem Wildling, dessen Frucht du bist." 

56. >;Ich will Euch auf (den Baum) impfen, und dann wird 
er Mispeln tragen: denn Eure Einfälle verfaulen ehe 
sie halb reif sind, und das ist eben die rechte Tugend 
einer Mispel." 

57. ;;. . . die Natur wird durch kein Mittel besser 
Das sie nicht selber macht; so ist die Kunst, 

Die, wie du sagtest, die Natur bereichert. 
Stets eine Kunst durch die Natur gemacht. 
Du siehst, mein holdes Kind, wie wir vermählen 
Den edlen Sproß dem allerwild'sten Stamm, 
Befruchtend so die Rinde schlechtrer Art 
Durch Knospen edler Frucht. Dies ist 'ne Kunst 
Die die Natur verbessert, — mind'stens ändert: 
Doch diese Kunst ist selbst Natur." 

Zu den verderblichen und giftigen Pflanzen zählen die 
Eibe, die Cypresse, die Mistel, ferner Schierling, Lolch (Trespe), 
Tollkraut (Aconitum), die sagenhafte Alraunwurzel (Mandragora) 
und dergl. mehr; heilsam und glückbringend dagegen ist z. B. 
der Lorbeer. 

^^ Sturm V, I (V, 350). -^^ Somm. III, 2 (IV, 385). ^° Heinr. VI. B ; 
III, 2 (III, 94). ^« W. gef. III, 2 (VI, 393). " Wint. IV, 3 (IX, 227). 



474 NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 

58. wsie wollten an den Stamm 
Mich binden eines grimmen Eibenbaumes, 
Und diesem jammerhaften Tod mich weih'n." 

59. ;; Selbst deine Palastbettler lernen Bogen 

Von Eiben, doppelt tödlich, auf dich spannen." 

60. ,;Mit Saft verfluchten Eibenbaumes ..." 

61. ;; Hexensaft, . . . Schierling auch, 
Nachts gesucht nach echtem Brauch, . . . 
Eibenspahn, der abgesplißt 

Wenn der Mond verfinstert ist." 

62. ;;. . . die Bäume . . ., 

Mit Moos und gift'gen Misteln überstrickt." 

63. ,;. . . Gift sei ihr Getränk, 
Ihr bester Schatten ein Cypressenwald." 

64. ,;Die Lorbeerbäum' im Lande sind verdorrt." 

65. »(Das Korn) ... es war voll Trespe." 

66. ;;(Das Gift) . . . wirkt es auch so stark 
Als Aconitum ..." 

67. „aßen wir von jenem Tollkraut, 
Das den Verstand gefangen nimmt?" 

68. „Gekreisch wie von Alraunen, die man aufwühlt." 
6Q. „War' Fluchen tödlich wie Alraunen-Ächzen." 

70. „Gib mir Mandragora zu trinken, . . . 

Daß ich die große Kluft der Zeit verschlafe!" 
7L „Nicht Mohnsaft noch Mandragora 

Verhelfen je dir zu dem süßen Schlaf 

Den du noch gestern hattest." 

72. „Du verwünschtes Alräunchen!" 

73. „Der nannte ihn Alräunchen." 

^« Titus II, 3 (IX, 336). ^« Rieh. IL; III, 3 (I, 323). «° Haml. I, 5 
(VI, 45). "^ Mach. IV, 1 (XII, 242). «^ Titus II, 3 (IX, 336). «^ Heinr. VI. B.; 
III, 2 (III, 98). «^ Rieh. IL; III, 1 (I, 317). '- Heinr. V.; III, 2 (II, 380). 
«« Heinr. IV. B.; IV, 4 (II, 105). «^ Maeb. I, 3 (XII, 190). «« Rom. IV, 3 
(IV, 281). «^ Heinr. VI. B.; III, 2 (III, 97). ^^ Ant. I, 5 (X, 42). '^ Oth. III, 3 
(XII, 88). ^'^ Heinr. IV. B.; I, 2 (II, 27). ^^ Heinr. IV. B.; III, 2 (II, 85). 



NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 475 

Auf ähnlichen sympathetischen Gründen wie der Glaube 
an die Kraft der Alraunwurzel beruht auch der an die erotische 
Macht gewisser Blumen und der Kartoffeln, an die Heilwirkung 
der schwertförmigen Wegerichblätter, und an den verbergenden 
Schutz der verborgen sitzenden Farnsamen: 

74. vDer Saft (der Blume „Lieb' im Müßiggang"), 
Geträufelt auf entschlafne Wimpern, 

Macht Mann und Weib in jede Kreatur 
Die sie zunächst erblicken, toll vergafft." 

75. »Die Kartoffelfinger des Wollustteufels." 

76. ;/Nun mag der Himmel Kartoffel regnen!" 

77. „ein Feuer brennt das andre nieder. 

Ein Schmerz kann eines andren Qualen mildern ..." 
„Ein Blatt von Weg'rich dient dazu vortrefflich." 

78. „Wir haben das Rezept von Farnsamen, wir gehen un- 
sichtbar einher." 

Wie aus diesem und auch aus den vorigen Abschnitten 
hervorgeht, gelten bei Shakespeare die Naturreiche und ihre 
Produkte als Sitze mannigfacher, teils offenbarer, teils verborgener 
Kräfte, die sich bald durch schaffende Wirkungen, bald durch 
störende Einflüsse nach außen zu erkennen geben: 

79. „O, große Kräfte sind's, weiß man sie recht zu pflegen. 
Die Pflanzen, Kräuter, Stein', in ihrem Innern hegen." 

80. „Kunst und Wissenschaft 

Den Menschen machen sie zum Gott. Ihr wißt, stets 

hab' ich 

Physik studiert; durch solch' geheime Kunst, 

Durch Forschung guter Bücher, und durch eig'ne 

Erfahrung, macht' ich mir vertraut und dienstbar 

Die segensreichen Kräfte allzumal 

Die in Metallen, Steinen, Pflanzen wohnen. 

^* Somm. II, 1 (IV, 362). - Troil. V, 2 (XI, 301). '^ Lust. W. V, 4 
(IX, 111). " Rom. I, 2 (IV, 201). "'^ Rieh. IL; II, 1 (I, 426). '^ Rom. II, 3 
(IV, 228). «« Per. III, 2 (53). 



476 NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 

Auch weiß ich Kunde von den Störungen 
In der Natur, und was sie heilt." 

81. ;;Das arme Erdenvolk bei Zeichen, 
Bei Wundern und Erscheinungen erschrickt. 
Die es mit grausen Ahnungen beschleichen 
Wenn es mit starrem Auge sie erblickt." 

82. „. . . (die Leute) . . . bemerken 
Verhaßte Ausgeburten der Natur, . . . 
Dreimal ohn' Ebbe hat der Strom geflutet." 

83. ;;Man weiß, daß Steine gingen. Bäume sprachen." 

84. „Unzeit'ge Stürme künden Teurung an." 

85. ;;Wild fochten feu'rge Krieger auf den Wolken, . . . 
Wovon es Blut gespritzt aufs Capitol." 

86. ,; solche Zeichen grauser Dinge 
Sind Boten, die dem Schicksal stets vorangeh'n. 
Und Vorspiel der Entscheidung, die sich naht." 

87. wDoch wolltet ihr den wahren Grund erwägen . . . 
Warum all' diese Dinge ihr Gesetz, 

Natur, und angeschaffne Gaben wandeln 

In Mißbeschaffenheit: nun so erkennt ihr, 

Der Himmel hauchte diesen Geist in sie, 

Daß sie durch Furcht und Warnung Werkzeug würden." 

Indessen stehen diesen so bestimmten Äußerungen auch 
andere, skeptische, ja geradezu ablehnende gegenüber: 

88. ;;. . . wenn dieser Wunderzeichen 
So viel zusammentreffen, sage Niemand: 
Dies ist der Grund davon, sie sind natürlich." 
,; Gewiß, die Zeit ist wunderbar gelaunt. 
Doch Menschen deuten oft nach ihrer Weise 
Die Dinge, weit entfernt vom wahren Sinn." 

«1 Ven. 155 (113). «- Heinr. IV. B.; IV, 4 (II, 107). «^ Mach. III, 4 
(XII, 236). ^^ Rieh. III; II, 3 (III, 401). «^ Cäs. II, 2 (V, 59). «« Haml. I, 1 
(VI, 22). " Cäs. I, 3 (V, 41). ^« Cäs. I, 3 (V, 40). 



NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 477 

89. "... zur stunde der Geburt 
Erzitterte der Erde Bau und Gründung 

Wie eine Memme!" . . . wEi, sie hätt's auch getan 
Zur selben Zeit, hätt Eurer Mutter Katz' nur 
Gekitzt, wenn Ihr auch nie geboren wär't!" 

Zur Kenntnis der Wunderkräfte der Natur und ihrer ge- 
heimnisvollen Wirkungen verhelfen oft Prophezeiungen und 
Wahrsagungen, oft auch Eingebungen durch Träume, denen 
freilich nicht stets unbedingt zu trauen ist: 

90. ;;Mir stellt' ein weiser Mann das Horoskop." 

91. »Hier ist eine ganz schlechte Lebenslinie!" 

92. ;;Der Träumer Merlin, was der prophezeit ..." 

93. wNun helft ihr Zaubersprüche, Amulete, 
Und ihr, die ihr mich warnt, erles'ne Geister, 
Und Zeichen mir von künft'gen Dingen gebt." 

94. „er träumte daß ein Eber ihm 
Den Helmbusch abstieß; aber nur gering 
Hab ich's geachtet und versäumt zu flieh'n." 

95. ;;. . . (sie wissen) daß auf Träume sich 
Nichts bauen läßt, daß Träumer öfters lügen." 
;;Sie träumen Wahres, weil sie schlafend liegen." 

96. »Träume, Kinder eines müß'gen Hirns, 
Von nichts als eitler Prahlerei erzeugt. 

Die aus so dünnem Stoff als Luft besteht." 

Vermittelt werden jene Kräfte und Wirkungen durch ein 
Heer überirdischer, den Menschenkindern bald wohlwollend, 
bald feindlich gesinnter Wesen, die als Elfen, Feen, Hexen und 
Geister in zahlreichen Shakespeareschen Stücken hervor- 
ragende Rollen spielen, z. B. im »Sommernachtstraum" und 
»Sturm", im »Hamlet" und »Macbeth", in den »Lustigen 

«^ Heinr. IV. A.; III, 1 (I, 456). ^« Heinr. VI. B.; IV, 1 (III, 104). 

^' Kaufm. II, 2 (VI, 230). ^-' Heinr. IV. A.; III, 1 (I, 460). ^=^ Heinr. VI. A.; 
V, 3 {II, 413). ^4 Rieh. III.; III, 4 (III, 423). «^ Rom. I, 4 (IV, 209). 

"" Rom. I, 4 (IV, 211). 



478 NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 

Weibern", „Julius Cäsar", „Romeo und Julie" (Fee Mab) u. s. f. 
Elfen und Feen sind meist gütig gesinnt, stehen ihren Schutz- 
befohlenen bei und erfreuen sie durch Geschenke, deren Be- 
ständigkeit aber zuweilen fragwürdig ist: 

97. „Das ist Feengold!" 

Die Hexen entspringen der Erde, üben dämonische Macht 
über Irdisches und Himmlisches, und nehmen Menschen völlig 
in Besitz, die sie aber zu verlassen gezwungen sind, sobald man 
deren Blut fließen läßt: 

98. „Dem Wasser gleich wirft auch die Erde Blasen, 
Und solche waren sie" (die Hexen). 

99. „eine Hex', und zwar so stark, daß sie 

Den Mond im Zwang hielt, Flut und Ebbe machte." 

100. „Ich lasse Blut dir, du bist eine Hexe." 

Zu den Geistern gehört vor allem der böse Geist xax 
s^oxV^ der Teufel, der in verschiedenen Gestalten haust, unter 
dessen Bild auch alte heidnische Götter auftreten, und der 
eine Schar bösartiger und heimtückischer Poltergeister befehligt: 

101. „Dir Satan, der in diesem Manne wohnt, 
Gebiet' ich: weiche meinem heil'gen Spruch. 
Fahr aus! Zurück ins Reich der Finsternis, 
Bei allen Heiligen beschwör ich dich!" 

102. „Was gibt's, Mephistophilus?" 

103. „Nun die Sporen gegeben, und fort wie drei deutsche 
Teufel, wie drei Doktor Faustusse!" 

104. „der Jäger Herne, ... 

Er macht den Baum ganz dürr, behext das Vieh, 
Wandelt der Kühe Milch in Blut." 



^' Wint. III, 13 (IX, 214). «« Mach. I, 3 (XII, 190). «« Sturm V, 1 
(V, 360). ^»" Heinr. VI. A.; I, 5 (II, 348). »«^ Comöd. IV, 4 (VIII, 251). 
^»2 Lust. W. I, 1 (IX, 16). '^-^ Lust. W. IV; 5 (IX, 102). ^"-^ Lust. W. IV, 3 
(IX, 97). 



NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 479 

105. V. . . der Poltergeist, . . . der pflegt 
Den Milchtopf zu benaschen, . . . 

Durch den der Brau mißrät, und mit Verdruß 
Die Hausfrau athemlos sich buttern muß." 

106. ;;Das ist der böse Geist Flibbertiggibet; er kommt mit 
der Abendglocke und geht um bis zum ersten Hahnen- 
schrei; er bringt den Star, den Schrind, macht das Auge 
schielend, schickt Hasenscharten, verschrumpft den weißen 
Weizen, und quält die arme Kreatur auf Erden." 

Gefährliche Geister sind jedoch auch die der Toten, 
namentlich um Mitternacht, zur eigentlichen »Geisterstunde"; 
den Reinheit verbreitenden Sonnenaufgang, oder die Segens- 
wirkung, die von den ,; heiligen zwölf Nächten" (von Weih- 
nachten bis zum 6. Januar) ausgeht, vermögen aber, wie alle 
Geister, so auch sie nicht zu ertragen, und verbergen sich dann 
in ihren Schlupfwinkeln: 

107. ,;Die See geht hoch, der Wind ist laut und legt sich 
nicht, bis das Schiff von Toten gesäubert." 

108. ,;Da du um Mitternacht mich aufriefst, Thau 
Zu holen von den stürmischen Bermudas." 

109. „Die Zeit wo Eulen schrein und Hunde heulen, 
Wo Geister gehn, ihr Grab Gespenster sprengen." 

110. „. . . der Hahn erweckt . . . 
Den Gott des Tages, und auf seine Mahnung 
Sei's in der See, im Feu'r, Erd', oder Luft, 
Eilt jeder schweifende und irre Geist 

In sein Revier." 

111. ;;. . . (bei Hahnenruf) ... 
Darf auch kein Geist umhergeh'n, sagen sie; 
Die Nächte sind gesund, dann trifft kein Stern, 
Kein Elfe faht, noch mögen Hexen zaubern." 

'°^ Somm. II, 1 (IV, 357). ^^^ Lear III, 4 (XI, 89). ^"^ Per. III, 1 (51). 
1"« Sturm I, 2 (V, 289). i»« Heinr. VI. B.; I, 4 (III, 50). ^^*^ Haml. I, 1 
(VI, 23). "1 Haml. I, 1 (VI, 23). 



480 NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 

Überblickt man die Reihe der im Vorstehenden angeführten 
Aussprüche Shakespeares, die zwar auf Vollständigkeit keinen 
Anspruch erheben soll, aber auch keine wichtige Seite ganz 
übergehen dürfte, so drängt sich jedem Kenner nicht nur von 
Bacons Schriften, sondern auch von jenen der „klassischen" 
Autoren der elisabethinischen Periode überhaupt (etwa Ben 
Jonsons), ohne weiteres die gänzliche Verschiedenheit auf, die 
Shakespeares Geistesrichtung gegenüber der jener Zeitgenossen 
erkennen läßt. Zunächst ist ihr jeder Zug eigentlich „klassischer", 
richtiger gesagt scholastischer Gelehrsamkeit fremd, wie sie nach 
Form und Inhalt z. B. gerade den Werken Bacons, — ob- 
gleich dieser als entschlossener und erbitterter Gegner der 
Scholastik auftritt — , ihr charakteristisches Gepräge verleiht; 
sodann fehlt jede Spur der bei Bacon in so übermächtiger 
Weise vorherrschenden mittelalterlichen Kirchengesinnung, ja 
auch der bibelgemäßen Ausdrucksweise, so daß es wohl un- 
möglich wäre, einen dem V. H eh n sehen Aufsatze «Goethe und 
die Sprache der Bibel" analogen über Shakespeare zu schreiben; 
endlich schöpfte Shakespeare, im Volke wurzelnd und in 
ländlicher Heimat aufgewachsen, aus persönlicher Anschauung 
und eigener Erfahrung jene weitgehende Kenntnis der gesamten 
belebten Natur, sowie des urwüchsigen, gesunden, an seinen 
Sagen, Märchen und Aberglauben aller Art festhaltenden Volks- 
geistes, die Männern von Bacons Herkunft und in Bacons 
Stellung notwendigerweise zeitlebens ein völlig verschlossenes 
Gebiet blieb und bleiben mußte. 

Dieser Sachverhalt schließt keineswegs aus, daß Shake- 
speare eine beträchtliche Belesenheit besaß, wenngleich die 
Annahme, er habe sein ganzes Wissen aus Büchern geschöpft, 
ebenso hinfällig ist wie die andere, er könne seine Kenntnisse 
über Rechtsverhältnisse, Kriegswesen, Medizin u. s. f. nur da- 
durch erlangt haben, daß er selbst eine Zeitlang Gehilfe eines 
Advokaten, Offiziers, oder Arztes gewesen sei; beide unter- 
schätzen eben in gleicher Weise die Fähigkeit des Genius 



NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 481 

Wahrheiten aller Art durch Intuition zu durchschauen, so daß 
man also z. B. nicht nötig hat, wie das wohl geschehen ist, 
Shakespeare als Kenner der Psychiatrie und ähnlicher, zu 
seiner Zeit noch garnicht vorhandener Wissenschaften deshalb 
hinzustellen, weil er krankhafte geistige Zustände oder die 
Symptome schwerer Gemütsleiden mit unübertrefflicher Treue 
zu schildern verstand.^ 

Shakespeares Belesenheit ist aber keine spezifisch gelehrte, 
sie umfaßt vielmehr, soweit man heute urteilen kann, in bunter 
Mischung, neben älteren englischen Schriften und Dichtern 
(Gower; Chaucer; Chroniken), verschiedene Werke französischer, 
vielleicht auch einige italienischer Herkunft, und endlich die 
wichtigsten Schriftsteller der antiken Literatur, die damals in 
allen Klassen der Gesellschaft geschätzt und verbreitet, und 
durch vielerlei Übersetzungen auch dem minder Sprachgebildeten 
leicht zugänglich war.^ Nicht schulgemäßer als Shakespeares 
Belesenheit ist auch die Verwertung des Gelesenen; ob er seine 
Stoffe aus alten Königschroniken, aus den klassischen Biogra- 
phien eines Cäsar, Antonius, und Coriolan, aus Erzählungen 
romanischer Novellisten, oder aus volkstümlichen Märchen- 
büchern schöpft, — immer ist der dichterische Standpunkt 
der allein entscheidende, und ohne störende Bedenken hinsicht- 
lich unvollständiger, nicht genügend getreuer, oder anachro- 
nistischer Benützung der Quellen, faßt er zu, ergreift was er 
gebraucht, läßt fallen was ihm nicht dient, und formt um was 
sich der Gestaltung widersetzt. 

Alle speziellen Fragen, die sich auf Shakespeares Be- 
lesenheit beziehen, lassen sich zurzeit, trotz so mancher trefflicher 
Vorarbeiten, nur mehr oder weniger unvollkommen beantworten, 
und so wäre es auch ein mißliches und über den Rahmen des 

^ s. Kellog, »Shakespeares delineations of insanity, imbecillity, and 
suicide" (Newyork 1866). — Laehr, „Die Darstellung krankhafter Geistes- 
zustände in Shakespeares Dramen" (Stuttgart 1898). 

' s. Engel, „W. Shakespeare" (Leipzig 1897). 

V. Lippmann, Beiträge 31 



482 NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SKAKESPEARE 

vorliegenden Aufsatzes weit hinausgreifendes Beginnen, die 
Quellen seiner naturwissenschaftlichen Anschauungen im 
einzelnen nachweisen zu wollen; es mag daher in dieser Hin- 
sicht mit wenigen Andeutungen sein Bewenden haben. 

Als wichtigste direkte Quelle dürfte Ovid in Betracht 
kommen, und zwar besonders mit den ;, Metamorphosen''; diesen 
entlehnte Shakespeare auch viele Situationen in ,/Lucretia" 
und „Venus und Adonis" (deren lateinisches Motto aus Ovid 
stammt),^ ferner das Liebespaar Pyramus und Thisbe, und end- 
lich auch einzelne, nicht selten für „echt-shakespearisch" an- 
gesehene Redewendungen, z. B. die vom »Zahn der Zeif'J 
In den „Metamorphosen" begegnen wir den Bildern von dem 
Land und Wasser scheidenden Himmelsgewölbe,^ von der Erd- 
kugel,^ von der Polarachse und den Polen, ^ von den Erdbeben 
als Wehen der Erde, ^ von Erdbeben, Verfinsterungen und dergl. 
als bösen Vorzeichen,' vom zauberischen Herabziehen des 
Mondes,^ vom giftigen, bei Mondschein gesammelten Tau als 
Trank der Hekate,^ vom Einflüsse des Merkur auf seinen Sohn 
Autolykos;^^ ferner vom Ursprünge des menschlichen Leibes 
aus Erde,^^ von der Wandelbarkeit und Unbeständigkeit des 
Menschen wie alles Irdischen, ^^ yon den Wandlungen des toten 
Körpers; 1^ sodann vom färben wechselnden und von Luft lebenden 
Chamäleon, 1^ von den Mäusen aus Nilschlamm, ^^ vom Phönix, ^^ 
vom Unglück kündenden Eulen- und Uhu-Geschrei, i' vom 
Schwanengesang, 1^ vom Krähen des Hahnes, ^^ vom Zurecht- 
lecken des Bärenjungen, 20 vom Natterngift; -^ endhch vom Gifte 



1 Met. X, 352ff.; IV, 305ff. ^ Met. XV, 235 und 872; Shakespeare 
gebraucht sie in „Maß für Maß" (V, 1); Ovid selbst übernahm sie aus dem 
Griechischen, denn bei dem Dichter Simonides kommt sie schon im 
5. Jahrhundert vor. ' Met. I, 21 ff. •* ebd. I, 35 u. „Fasten" II, 270. ^ ebd. I, 
255; II, 297, 74, 295. « ebd. XV, 298ff., 346ff. ' ebd. I, 203; XV, 782ff.; 
X, 449. « VII, 207; XII, 362. " VII, 68. ^° XI, 312ff. " I, 87. ^' XV, 
166ff., 234 ff., 453 ff. ^^ XV, 234. ^' XV, 411. ^^ I, 416ff. ^^ XV, 393. 
1^ V, 551 1« III, 386; XIV, 430. ^^ XI, 597. ^« XV, 379. '' II, 770ff. 



NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 483 

der Eibe 22 und des Lolches, 23 vom brachliegenden Lande das 
Unkraut trägt, 21 und dergl. mehr. 

Indirekte Quellen von größter Bedeutung sind haupt- 
sächlich Aristoteles, Aelian und Plinius, wenngleich manche 
Gelehrte, z. B. Drake, voraussetzen, daß Shakespeare wenig- 
stens letzteren doch unmittelbar gekannt und gelesen habe; 
jedenfalls ist es aber, da Auszüge und verkürzte Bearbeitungen 
dieser Schriftsteller schon gegen das Ende des Altertums um- 
liefen, und dann fast die gesamte Literatur des Mittelalters und 
der beginnenden Neuzeit beherrschten, vorerst unmöglich an- 
zugeben, durch welche besonderen Kanäle Teile ihres Inhaltes 
bis zur Kenntnis der elisabethinischen. Zeit, und insbesondere 
Shakespeares selbst, hindurchgesickert sind. Untersuchungen 
hierüber müssen den Fachgelehrten vorbehalten bleiben, während 
an diesem Orte nur einige wenige (keineswegs erschöpfende) 
Hinweise auf bemerkenswerte Stellen der Originalwerke folgen 
mögen. 

Über das Weltgebäude und die Bahnen und Sphären der 
Himmelskörper berichtet Aristoteles ausführlich in seinen 
Büchern »Vom Himmel", und über den Zusammenhang zwischen 
den Bewegungen der Gestirne und den Vorgängen auf der 
Erde noch speziell in der „Metaphysik". 25 Bei Plinius finden 
sich die charakteristischen Angaben über die Kugelgestalt der 
Erde, 26 über ihre Unbeweglichkeit („treu dem Pol"),27 ^}q^^^ ^^^ 
Antipoden, 28 über Erdbeben als Vorzeichen, 29 über die Bedeut- 
ung von Neben-Sonnen und -Monden, ^^ über die Ernährung 
der Sonne und des Mondes durch irdische und wässerige 
Dünste,^! über das Herabziehen des Mondes durch Zauberinnen,^^ 
über den Mond als Herrn der Ebbe und Flut,^^ über die kühle 
Natur des Mondes, ^^ über die Sphärenmusik, ^s über den un- 

•" IV, 432. 23 „Fasten" I, 153; vgl. Plautus „Miles" II, 3, 50. ^* V, 
481 ff. '^ XII, 8. ''^ II, 2 und 64. "-' II, 4. ^^ II, 65. -^ II, 86. ^» II, 31 
und 32. 31 11^ 103 und 104. '''' XXX, 2; vgl. Virgil „Eklogen" 8, 69. 
^'' II, 99. 3^ XVIII, 69. ^^ II, 3. 

31* 



484 NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 

berechenbaren Lauf des Mars,^<^ über die Macht und den Ein- 
fluß der Sterne, ^^ und über die VerderbHchkeit der Kometen. ^"^^ 

Den Satz ,;Aus Nichts wird Nichts" zitiert Aristoteles 
wiederholt, ^^ ebenso die Sätze »Keil wird von Keil verdrängt" 
und ;; Feuer wird von Feuer verdrängt/^ auch gebraucht er 
das Gleichnis von der sich im Wasser immer weiter bis zum 
Verschwinden ausbreitenden Welle;^^ bei Plinius wieder ist 
vom Elmsfeuer zu lesen, ^2 yom Probiersteine,^^ und vom hurtigen 
Quecksilber, dem ;,lebenden Silber">^ 

Die Lehre vom kalten feuchten Hirn, dem warmen Herzen, 
und der heißen Leber trägt Aristoteles an verschiedenen 
Stellen vor,^^ auch spricht er von den gleich Pflanzen blühenden 
Menschen, ^'^^ vom Eintreten der Luft in die Wunden, ^^ von der 
Macht der Gewohnheit die zur zweiten Natur wird,*^ von der 
Mischung der Elemente und Temperamente und dem Gleich- 
gewichte der Elemente, ^^ und von der »angeborenen Farbe" 
und der Veränderung der natürlichen Röte oder Blässe durch 
körperliche Zustände und Leiden. ^<^ Über Herz, Hirn und 
Leber äußert sich in analogem Sinne auch Plinius,^^ des- 
gleichen über die Veränderungen der Farben ;^2 ^^ bespricht 
das Vorkommen von Luft in den Adern, ^^ das Beschauen des 
Harnes,^* die Pest vertreibende Wirkung der Sonne, ^^ und die 
Krankenheilung durch Händeauflegen seitens der Könige. ^^ 

Gleichfalls bei Plinius finden sich Berichte über die 
giftigen Eigenschaften der Eibe,^^ der Cypresse, ^^ und des in 
die Ohren einzugießenden Bilsenöles, ^^ über den blutstillenden 

3« II, 15. ^' II, 5 und 6; XVIII, 57ff. ^s jj^ 23. ^^ z. B. „Über 
Melissos", 1. ^"^ z. B. „Vom Staate" 5, 11 ; vgl. Ovid, Met. II, 313. *^ „Über 
Weissagung im Traume", 2. ^- II, 37. ^^ XXXIII, 43. ^^ XXXIII, 32 und 41. 
^» „Tiergeschichte" 2, 7 und 10; 3, 5 und 12; 4, 2. „Vom Sinne" 2. „Über 
Jugend und Alter" 3 und 4. '^^ „Brief an König Philipp 1." *^ „Über das 
Atmen" 7. *^ „Nicom. Ethik" 7, 11. ^^ „Nie. Ethik" 7, 15. „Vom Staate" 
5, 8. ^» „Kategorieen" 8. ^^ XI, 49, 69 und 75. ''"■ XI, 91. ''^ II, 99; 
XI, 88 und 89. ^* XXIII, 19. ^^ XXXVI, 69. ^WII, 2; vgl. Spartian 
„Hadrian", 25. ^^ XVI, 20. ^« XVI, 60. ^'^ XXV, 17. 



NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 485 

und wundenschließenden Wegerich/^ über den Einfluß des 
Mondes auf die Pflanzen/^ und über die Wirkungen der Sym- 
pathie und Antipathie/2 die übrigens ebenso wie jene der 
Magie für unsinniges Vorurteil oder absichtliche Täuschung 
erklärt werden. ^^ 

Aristoteles erwähnt in der ,; Tiergeschichte" das Zurecht- 
lecken des Bärenjungen/* die hitzige Natur der Ziegen/'^^ die 
Giftigkeit der Eidechsen ^^ und Salamander/^^ den Farben- 
wechsel des Chamäleons/^ und den Kampf der Fische, „bei 
denen die großen die kleinen fressen". ^^ Plinius erzählt 
ebenfalls vom Lecken des Bärenjungen ^^ und von den brünstigen 
Ziegen/^ ferner vom Einhorn/^ vom giftigen Igel/^ von den 
Tieren aus Nilschlamm/^ vom Basiliskenblick/^ vom luft- 
fressenden Chamäleon/^ vom Gifte des Frosches," des Sala- 
manders ^^ und der Spinne, ^^ vom Steine im Kopfe der Kröte, ^^ 
vom Maulwurfe, der, unter der Erde lebend, einen Toten be- 
deutet/^ vom Phönix, *^2 yq^ y.vX^ und Uhu,^^ vom Schwanen- 
gesang, '^^ und von den Verwandlungen der Singvögel, z. B. 
der Amsel. ^^ Bei Aelian endlich begegnen wir den wunder- 
baren Berichten über das Einhorn, ^^ über die hitzige Natur 
der Ziegen und Affen, ^'^ über das kühlende Affenblut, das die 
Krankheit des Löwen heilt, ^'^ über das Fangen der Affen mit 
Spiegeln, ^'^ über die Tränen des Krokodils, ^^ über die Auf- 
opferung des Pelikans,-'^ über die Kraft des Hahnenrufes, ^2 y^id 
über den giftigen Blick der Kröte. '-'^ 



«»XXV, 39; vgl. Diogenes v.Laerte 4,57. <^MI, 102. ^^'^ XX, 1. 
*^^ XXVIir, 3 ff.; XXX, Iff. «^ 6, 30. «^ 6, 19. ""^ 8, 24; „Wunder- 
geschichten" 148. «^ 5, 19. «« 2, 11; 4, 11. «^ 8, 19 und 9, 2; vgl. 
Oppian 2, 43. ^» VIII, 54; X, 83. '' VIII, 76. ^^ VIII, 31 und XI, 45. 
''-' VIII, 56. '' IX, 84. ''^ VIII, 33; XXIX, 19. '^ VIII, 51. " XXXII, 18. 
'" X, 86; XI, 116; XXIX, 23. '« X, 93. «<> XXXII, 18. «^ XXX, 7; vgl. 
„Hamlet«. «^ x, 2. «^ X, 16. «^ X, 32. «^ X, 42. «« 4, 52; 16, 20. 
^^ 7, 19; daher „Ziegen und Affen!" im „Othello". ^^ 1, 9; daher das 

„kühlende Paviansblut" im Zauberspruche des „Macbeth". ®^ 17, 25; vgl. 
Diodor 17, 90. ^"^ 12, 15. ^^ 3, 23. ^^ 3^ ßj. 4^ 29. ""^ 17, 12. 



486 NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 

Zum Schlüsse sei noch die naheHegende Frage erörtert, 
ob das Vorkommen naturwissenschaftUcher Anspielungen in 
irgend einem nachweisbaren chronologischen oder gegenständ- 
lichen Zusammenhange mit den Abfassungszeiten und Inhalten 
der Shakespear eschen Stücke stehe. Läßt man die eingangs 
angeführte, wie erwähnt aber in vielen Punkten strittige An- 
ordnung der Dramen gelten, so verteilen sich die Stellen 
naturwissenschaftlichen Inhaltes, gemäß der obigen Auswahl 
und Gliederung in vier Gruppen, wie folgt auf die einzelnen 
Werke: 













'S 

c 

<U (L) 

Jen 


PS 
H c 

CS 


E 
S 

Ol 

N 


Vor 


1590: 


Titus 


1 


1 




2 


4 


Um 


1590: 


Heinr. VI. A. 


2 


1 




3 


6 






L. Leid 


3 


4 


4 




11 


. w 


1591: 


Comöd. 


2 


3 


— 


1 


6 


;/ 


1592: 


Veron. 




2 


1 


1 


4 






Heinr. IV. B. 


3 


3 


2 


10 


18 






Heinr. IV. C. 


3 


— 


1 


7 


11 


»; 


1593: 


Rieh. III. 


3 




1 


5 


9 






Venus 








1 


1 


>; 


1594: 


Somm. 


5 


1 


1 


4 


11 






Rom. 


3 


4 




6 


13 






Rieh. IL 


5 


2 


6 


6 


19 






Lucr. 


1 




5 


1 


7 


» 


1595: 


Job. 


3 


3 


3 




9 






Son. 


5 


5 


4 




14 


>; 


1595: 


Kaufm. 


1 




3 


2 


6 






Wid. 




1 


1 




2 


;; 


1598: 


Heinr. IV. A. 


7 


4 


1 


3 


15 






Heinr. IV. B. 


2 


7 


9 


5 


23 



49 41 42 57 189 



NATURWISSENSCHAFTLICHES AUS SHAKESPEARE 487 











•TS 

;3 


13 

C 

i-Jcn 




c 

s 

B 
N 








49 


41 


42 


57 


189 


Um 


1598: 


Lust. W. 




8 


5 


4 


17 






Heinr. V. 


— 


2 


5 


6 


13 






V. Lärm. 


3 


2 


1 




6 


M 


1599: 


W. gef. 


1 


1 


2 


2 


6 






W. wollt 


5 


2 


4 


1 


12 


» 


1601: 


Ende 


7 


4 






11 






Cäs. 


3 


7 


2 


5 


16 


tt 


1602: 


Haml. 


8 


10 


8 


7 


33 


tl 


1603: 


Maß 




1 


1 


— 


2 






Troil. 


5 


7 


3 


1 


16 


n 


1604: 


Oth. 


2 


6 


3 


2 


13 


» 


1605: 


Lear 


9 


4 


4 


2 


19 


tf 


1606: 


Mach. 


1 


1 


5 


6 


13 


n 


1607: 


Timon 


3 


3 


1 




7 






Per. (?) 


4 


1 




4 


9 


;; 


1608: 


Ant. 


5 


3 


4 


4 


16 






Cor. 




5 


5 




10 


M 


1609: 


Cymb. 


1 


1 


5 




7 


1t 


1610: 


Sturm 


6 


4 


3 


6 


19 






Wint. 


5 


1 


1 


3 


10 


)t 


1612: 


Heinr. VIII. 


— 






1 


1 



117 113 104 111 445 

Diese Statistik ist nicht ohne Interesse und vermöchte viel- 
leicht nach mehr als einer Richtung hin zu speziellen Unter- 
suchungen anzuregen; Folgerungen allgemeiner Art lassen sich 
jedoch schwerlich aus ihr ableiten. 




5\ 

GEDÄCHTNISREDE 

ZUM DREIHUNDERTJÄHRIGEN GEBURTSTAGE 

RENE DESCARTES'i 



ene Descartes, der Mann, dessen Andenken zu feiern 
wir heute versammelt sind, wurde am 31. März 1596 
zu Lahaye in der Touraine geboren, als Sprößling 
des alten und altangesehenen Geschlechtes der Des 
Quartes, das sich in latinisierter Form auch De Quartis oder De 
Cartis nannte. Bis zum achten Jahre wuchs der anfangs zarte 
und schwächliche Knabe im Hause seines Vaters auf, der das 
Amt eines Parlamentsrates bekleidete, und empfing dann seine 
weitere Erziehung in dem von Heinrich IV. gestifteten Jesuiten- 
Kollegium Lafleche in Anjou, das, wie alle Kollegien dieses 
Ordens, noch völlig im Banne rein scholastischen Geistes und 
mittelalterlicher Wortgelehrsamkeit stand. Sechszehn Jahre alt, 
verließ er 1612 die Schule, deren System, das jede freie Denk- 
tätigkeit ausschloß und jede Belehrung durch unmittelbare An- 
schauung verdammte, ihn mit unauslöschlichem Ekel erfüllte, 
der sein ganzes Leben hindurch anhielt; als Ausfluß solchen 
Gefühles erscheint noch der Ausspruch, den er in reifem Mannes- 
alter gelegentlich seiner medizinischen Studien tat: »Diese Skelette 
sind die wahren Bücher. Lateinisch und Griechisch zu lernen 

^ Gehalten in der Sitzung der „Naturforschenden Gesellschaft" zu 
Halle a/S. („Abhandlungen der Naturf. Gesellschaft" 1899, Bd. 22.) 



GEDÄCHTNISREDE ZUM 300 JÄHR. GEBURTSTAGE DESCARTES' 48Q 

hat nicht mehr Zweck, als etwa Schweizerdeutsch oder Nieder- 
bretonisch!" 

Da Descartes von seinem Vater für die miHtärische Lauf- 
bahn bestimmt war, begab er sich zunächst 1613 nach Paris, 
übte sich dort im Fechten, Reiten, und in allen ritterlichen 
Künsten, und wurde bald in jenen Strudel gesellschaftlicher 
Vergnügungen und Ausschweifungen hineingerissen, die schon 
zu jener Zeit Reiz und Gefahr der französischen Hauptstadt 
bildeten. Sein überlegener Charakter ward aber jener Anfech- 
tungen Herr, aus denen ihm nur die intuitiv erkannte Hohl- 
heit und Nichtigkeit entgegensah, die dem flachen Geiste der 
halbgebildeten Menge eigen ist; »man sollte glauben (so äußert 
er sich hierüber später), daß der gesunde Verstand es sei, der 
in der Welt am besten verteilt ist, denn mit diesem meint 
jeder so gut versehen zu sein, daß selbst Leute, die in allem 
anderen schwer zu befriedigen sind, sich dabei gerade an Ver- 
stand zumeist nicht mehr wünschen als sie haben." 

Angewidert von dem zügellosen Treiben seiner Freunde 
und Altersgenossen zog sich deshalb Descartes plötzlich voll- 
ständig aus ihrem Kreise zurück, schloß sich gänzlich von allem 
Verkehre ab, und lebte, vereinsamt mmitten der Großstadt, fast 
drei Jahre lang für sich allein, philosophischen und namentlich 
mathematischen Studien ergeben. Aber auch diese befriedigten 
ihn nicht dauernd, und ließen gar manche der Fragen ungelöst, 
mit denen der jugendliche Forscher an die schwierigsten Pro- 
bleme menschlichen Wissens herantrat; so beschloß er denn, 
der stillen Arbeit am Schreibtisch überdrüssig, neue Belehrung 
im Gewühle der Welt zu suchen, und ohne lange zu zögern 
nahm er Kriegsdienste, um sich, statt an den Gedanken der 
Menschen, nunmehr an ihren Taten weiter zu bilden. 

Zunächst trat er 1617 in das Heer des Moritz von 
Nassau, Sohnes Wilhelm's von Uranien ein, und verweilte 
zwei Jahre in den Niederlanden; der Mangel an entscheidenden 
militärischen Ereignissen und das lange Liegen in den Winter- 



490 GEDÄCHTNISREDE ZUM 300JÄHR. GEBURTSTAGE DESCARTES' 

quartieren ließ ihm indessen auch hier reichliche Muße zu 
geistiger Tätigkeit. So löste er 1618 in Breda ein mathe- 
matisches Problem, zu dessen Bearbeitung, einer Sitte der Zeit 
folgend, Professor Beckmann durch öffentlichen Anschlag auf- 
gefordert hatte, und knüpfte hierdurch ein Band inniger, lebens- 
länglicher Freundschaft mit diesem verdienten Manne; für ihn 
verfaßte er auch um die nämliche Zeit einen »Grundriß der 
Musik", der sowohl akustische als ästhetische Fragen behandelte, 
z. B. neben dem Wesen der Tonhöhe und der Theorie von 
Konsonanz und Dissonanz auch die Regeln der Stimmführung 
und Komposition. Im Jahre 1619 schloß er sich der kaiser- 
lichen Armee unter Tilly an, sah sich aber zuvörderst wiederum 
zu einem langen Winterquartiere zu Neuburg an der Donau 
verdammt. Hier war es, wo er, in tiefe Gedankengänge ver- 
sunken, und trostlos über die Vergeblichkeit alles seines Nach- 
sinnens, der heiligen Jungfrau eine Wallfahrt nach Loretto ge- 
lobte, soferne sie ihm Erleuchtung in seinen Zweifeln schenke, 
ihm einen Ausweg zeige aus den grübelnden Irrpfaden wider- 
spruchsvoller Lehren; sein Gelübde fand Erhörung, denn wie 
durch plötzliche innere Eingebung erschaute er den Haupt- 
gedanken seines ganzen späteren philosophischen Systemes, 
und erfaßte, sich selbst zum Staunen, wie mit einem Schlage 
die auf ihn gegründete Methode eines Neubaues der gesamten 
Weltweisheit. Nunmehr griffen aber äußere Ereignisse in die 
Kreise des stillen Denkers ein; die Armee brach zum Feldzuge 
gegen Friedrich V. von der Pfalz auf, dessen kurzer Herr- 
schaft die Schlacht am weißen Berge bei Prag (1620) ein trauriges 
Ende bereitete, und Descartes verfolgte vermutlich eigenen 
Auges Beginn und Verlauf dieses welthistorischen Kampfes. 
Nach Beendigung des böhmischen Krieges ließ er sich in die 
Armee Buquoi's aufnehmen, die den in Ungarn ausgebrochenen 
Aufstand des Fürsten Bethlen Gabor niederzuschlagen be- 
auftragt war; nach glücklicher Eroberung Preßburgs fiel aber 
Buquoi während der langwierigen Belagerung von Neuhäusel, 



GEDÄCHTNISREDE ZUM sooJÄHR. GEBURTSTAGE DESCARTES' 491 

die daraufhin aufgegeben wurde. Dieses bestimmte Descartes, 
dessen Erwartungen der Verlauf der fünf von ihm durchlebten 
Kriegsjahre wohl ohnehin wenig entsprochen hatte, seinen Ab- 
schied zu nehmen und die Heimreise nach Frankreich anzu- 
treten, die er benützte, um die wichtigsten Staaten des mittleren 
und nördlichen Europas kennen zu lernen. Nach Paris zurück- 
gekehrt (1622), verkaufte er seine Güter und trat eine große 
Reise nach Italien an, gelegentlich derer er 1624 auch in Loretto 
sein Gelübde löste; es ist gewiß bemerkenswert, daß diese im 
Sinne echt mittelalterlichen Kirchengeistes getane Wallfahrt be- 
zweckte, den Dank für die Auffindung eines philosophischen 
Systemes abzustatten, das dazu berufen war, nicht das Wenigste 
zum völligen Umstürze der alten religiösen Weltanschauung 
beizutragen ! 

Während der folgenden Jahre griff Descartes zwar noch- 
mals vorübergehend zu den Waffen, und machte die denk- 
würdige Belagerung von La Rochelle mit, im übrigen aber 
lebte er ziemlich zurückgezogen in Paris, im Stillen mit immer 
weiterer Ausarbeitung und Vertiefung seiner Gedanken be- 
schäftigt. Durch das Drängen einiger Freunde verleitet, er- 
öffnete er diese, wie es scheint zuwider seiner eigentlichen 
Absicht, gelegentlich einer Disputation einem weiteren Kreise 
von Zuhörern. Der Eindruck war ein außerordentlicher, das 
größte Aufsehen erregender; sei es nun, daß Descartes eine 
dauernde Störung seiner geistigen Ruhe fürchtete, oder daß 
er Besorgnisse in politischer Hinsicht hegen mußte, - bedrohte 
doch ein Parlamentsbeschluß von 1624 alle „Neuerer" mit dem 
Tode — , jedenfalls hielt er es für geboten, Frankreich zu ver- 
lassen. So verbrachte er denn, von wenigen Reisen abgesehen, 
die nächsten zwanzig Jahre, 1629 bis 1649, die besten und 
wichtigsten seines Daseins, in den Niederlanden; ganz un- 
abhängig und meist verborgen lebte er, seinen Aufenthalt 
häufig wechselnd, während dieser Zeit an nicht weniger als 
dreizehn verschiedenen Orten, und verblieb in dauernder Ver- 



492 GEDÄCHTNISREDE ZUM 300JÄHR. GEBURTSTAGE DESCARTES' 

bindung fast allein mit seinem alten ergebenen Schulgenossen 
und Freunde, dem großen Gelehrten Mersenne, sowie mit 
der nach dem Haag geflüchteten Elisabeth von der Pfalz 
(Witwe Friedrich's V.) und deren Tochter, der Prinzessin 
Elisabeth, die nachmals als Äbtissin des Klosters Herford in 
Westfalen starb. 

Als erste Frucht fortgesetzter rastloser Arbeit in diesem 
ungestörten Asyle reifte ein umfassendes Werk »Le monde", 
worin Descartes seine Lehren ausführlich zu entwickeln und 
ihre Anwendung auf die verschiedensten Probleme der großen 
und der kleinen Welt darzutun plante. Im Begriffe, die letzte 
Hand an die Vollendung seiner Schrift zu legen, erfuhr er in- 
dessen die 1632 erfolgte Verurteilung Galilei's, dessen der 
Kirchenlehre so sehr widersprechende Ansichten betreff der 
Bewegung der Erde und ihrer Stellung im Universum er 
durchaus teilte. Nun war Descartes zwar ein durchaus edler, 
ehrlicher, gerader Charakter, und religiös im hohen Sinne 
dieses Wortes, zudem nahm er an der Kirche und ihren 
Dogmen keinerlei eigentlichen Anteil, wenngleich er sich, aus 
Achtung vor den Gefühlen Anderer, ihren äußeren Gebräuchen 
dauernd fügte; dagegen schlummerte aber auch in ihm, trotz 
lebhaften Ehrgeizes und heftiger Reizbarkeit, nicht ein Funke 
jener reforfnatorischen Tatkraft, jenes vor keinem Martyrium 
zurückscheuenden Enthusiasmus, wie er etwa die Brust eines 
Giordano Bruno schwellte; vielmehr war für Descartes, 
sollte sein Genius nach eingeborener Bestimmung das Wesen 
des äußeren Weltgetriebes wie des inneren Geisteslebens durch- 
forschen, auch äußere und innere Ruhe ein unentbehrliches 
und unabweisbares Bedürfnis. Bei solcher Veranlagung mußte 
ihn das Schicksal Galilei's erschüttern und ängstigen, und da 
es unmöglich schien, die Lehren des Kopernikus und Galilei 
öffentlich zu bekennen, ohne neue große Konflikte herauf- 
zubeschwören, so unterdrückte Descartes sein beinahe fertig- 
gestelltes Werk „Le monde"; statt dessen ließ er erst 1637, 



GEDÄCHTNISREDE ZUM 300 JÄHR. GEBURTSTAGE DESCARTES' 4Q3 

und zwar zunächst anonym, zu Leyden die »Essays philo- 
sophiques" erscheinen, die (in erheblicher Umarbeitung) vier, 
verschiedenen Wissensgebieten zugehörige Teile der Schrift 
über die Welt enthielten, nämlich den ,; Discours de la methode", 
die „Dioptrik", die «Meteore", und die „Geometrie". Den 
»Essays" folgten 1641 die „Meditationes de prima philosophia", 
die Hauptpunkte der neuen Lehre, die gegen diese von einer 
Anzahl namhafter Denker erhobenen Einwände, und deren 
Widerlegung enthaltend, der Pariser Sorbonne gewidmet, den 
Namen des Autors in der ihm zeitlebens unsympathischen 
latinisierten Form »Cartesius" an der Stirne tragend, und 
nicht mehr in französischer Sprache abgefaßt, deren Stil Des- 
cartes mit so musterhafter Klarheit und Logik beherrschte, 
sondern in lateinischer, — vermutlich zum Zeichen, daß der 
Inhalt kein ganz unbedenklicher, nicht für die Allgemeinheit, 
sondern nur für die Gelehrten bestimmter sei. Des weiteren 
erschienen noch 1644 zu Amsterdam die »Principia philo- 
sophiae", und 1650 die schon 1646 vollendete, und der Prin- 
zessin Elisabeth von der Pfalz gewidmete Schrift »Les 
passions de l'äme"; der Erfolg dieser Werke war ein ungeheurer 
und sie verbreiteten den Ruhm ihres Verfassers über den 
ganzen gebildeten Erdkreis. 

Hatte jedoch Descartes gehofft, sich durch sein persön- 
liches Auftreten, durch die Vorsicht in der Aufstellung neuer 
Theorien, und durch seine offenkundige Fügsamkeit der Kirche 
gegenüber, Ruhe und Frieden zu sichern, so befand er sich 
in schwerem Irrtume; der orthodoxe Klerus, die Jesuiten, die 
Anhänger der alten Scholastik, und nicht zum mindesten die 
Professoren der Theologie und Philosophie, witterten mit 
sicherem Instinkte die Gefährlichkeit solcher Lehren, sie sahen 
den Geist des Zweifels mit allen seinen „wenn auch noch 
nicht vorhandenen, so doch möglichen Konsequenzen" erweckt, 
sie bemerkten bedenkliche Widersprüche gegen wichtige, von 
der Kirche aufgestellte und vom Staate approbierte Dogmen, 



494 GEDÄCHTNISREDE ZUM 300JÄHR. GEBURTSTAGE DESCARTES' 

und eröffneten daraufhin gemeinsame, nicht nur höchst ge- 
hässige, sondern auch höchst gefähdiche Denunziationen und 
Angriffe gegen Descartes. Dieser sah sich in zeitraubende, 
aufregende, seiner Gemütsruhe verderbHche Streitigkeiten ver- 
wickelt, so daß die Möghchkeit seines Verbleibens in den 
Niederlanden täglich fraglicher wurde; aber auch an eine 
Rückkehr nach Frankreich war nicht zu denken, denn seit dem 
Tode Ludwig's XIII. und Richelieu's fehlte der Schutz 
eines aufgeklärten Hofes, dem er 1640, als ihn der Tod seines 
Vaters kurze Zeit nach Paris rief, und ebenso noch bei späterer 
Gelegenheit, allen Anfeindungen zum Trotze einen ehrenvollen, 
ja auszeichnenden Empfang zu danken hatte. Bedrängt durch 
solche Wirren, und von schwerer Sorge über die nächste Zu- 
kunft erfüllt, faßte Descartes einen großen Entschluß: er 
nahm eine wiederholt an ihn ergangene Einladung der ge- 
lehrten Königin Christine, Tochter Gustav Adolfs an, 
brachte die Unterhandlungen mit Chanut, dem schwedischen 
Gesandten zu Paris, einem seiner größten Verehrer und Lob- 
redner, zu raschem Abschlüsse, und übersiedelte 1649 nach 
Stockholm. Den Anstrengungen der Reise, den mühsamen 
Vorarbeiten zur Gründung einer Akademie, und den Härten 
des nordischen Klimas zeigte sich jedoch die Gesundheit Des- 
cartes' nicht gewachsen; gelegentlich der Rückkehr von einer 
der, stets in den frühesten Morgenstunden stattfindenden philo- 
sophischen Unterredungen mit der Königin, befiel ihn eine 
schwere Erkältung, deren Folgen er am 11. Februar 1650, erst 
54 Jahre alt, erlag. Seine Leiche wurde 1666 nach Frankreich 
zurückgeholt, und im Kloster St. Genevieve du Mont (dem 
jetzigen Pantheon) beigesetzt, von wo man sie während der 
Revolutionszeit nach dem Museum, und 1819 nach der Kirche 
St. Germain-des-Pres übertrug; weil der Papst 1663 die Schriften 
Descartes' auf den Index hatte setzen lassen, mußte seine Be- 
erdigung in Paris in aller Stille erfolgen, und einem der 
größten Söhne Frankreichs durfte weder eine Leichenrede ge- 



GEDÄCHTNISREDE ZUM 300JÄHR. GEBURTSTAGE DESCARTES' 495 

halten, noch ein Grabstein geweiht werden. Auch noch 1667 
erging ein Verbot gegen die von seinen Freunden und 
Schülern geplante Errichtung eines Denkmales, da auf Be- 
treiben der Geistlichkeit gerade in diesem Jahre die Des- 
cartes'schen Lehren neuerdings von allen Universitäten und 
höheren Schulen verbannt, und alle Vorlesungen und Schriften 
über sie untersagt worden waren. 

Mit dem Hinscheiden Descartes' erlosch auch sein Ge- 
schlecht, denn seine einzige natürliche Tochter, Franziska, 
war ihm schon 1640, als fünfjähriges Kind, im Tode voran- 
gegangen. Seine Werke, sowohl die bereits erwähnten größeren, 
als auch eine Anzahl Streitschriften, der Briefwechsel, einige 
Bruchstücke des Buches »Le monde", und der vorwiegend 
medizinische, „Traite de l'homme", erschienen neu gedruckt, 
teils einzeln, teils in Sammelbänden, bald nach seinem Tode, 
und erlebten zahlreiche, leider zumeist flüchtig und inkorrekt 
zusammengestellte Auflagen; eine würdige Gesamtausgabe unter- 
nahm erst 1826 Cousin, und in allerjüngster Zeit gelangten 
auch die ersten Bände einer ganz neuen, auf Staatskosten ver- 
anstalteten Ausgabe der ,; Sämtlichen Werke" zur Vollendung, 
deren sorgfältige, durch hervorragende Fachgelehrte besorgte 
Redaktion, auch die höchsten Anforderungen zu erfüllen ver- 
spricht. 

Seine philosophischen Lehren hat Descartes im „Dis- 
cours de la methode", in den ;;Meditationes", und in den „Prin- 
cipia philosophiae" niedergelegt, deren wesentlicher Inhalt der 
folgende ist: 

So sicher und untrüglich die Mathematik, so unsicher und 
von Vorurteilen erfüllt erscheint die ganze hergebrachte Philo- 
sophie: nichts ist in ihr völlig gewiß, jeder Punkt bleibt 
schweren Bedenken ausgesetzt, und unabweislich ergibt sich 
daher die Notwendigkeit nicht eines Umsturzes, wohl aber 
einer tiefgreifenden Umbildung, eines Neubaues, der sich auf 



496 GEDÄCHTNISREDE ZUM 500/ÄHR. GEBURTSTAGE DESCARTES' 

Prinzipien zu stützen hätte, die es den mathematischen Axiomen 
an Gewißheit gleichtun, d. h. nicht bewiesen zu werden brauchen, 
sondern unmittelbar einleuchten. Vier Hauptgrundsätze lassen 
sich in dieser Hinsicht aufstellen: 1. Erkenne als wahr nur an, 
was mit einer jeden Zweifel ausschließenden Sicherheit als 
evident erscheint; 2. Zerlege jedes verwickelte Problem in 
seine Teile, und prüfe deren Evidenz im einzelnen; 3. Denke 
hierbei rein ordnungsgemäß, d. h. streng stufenweise vom ein- 
fachen zum zusammengesetzteren aufsteigend; 4. Schreite hierbei 
so planmäßig und überlegt vor, daß nichts Zugehöriges über- 
sehen werden kann. 

Um diese Grundsätze mit Erfolg anzuwenden, bedarf es 
aber eines unbedingt gewissen, völlig sicheren Prinzipes, als 
des ersten, dem Standorte des Archimedes vergleichbaren, 
unerschütterlich feststehenden Ausgangspunktes. Wo ist dieses 
zu finden? Suche ich es in der Außenwelt, so führen mich 
die Sinne irre, deren Wahrnehmungen sich in tausend und 
abertausend Fällen als unzuverlässig und widerspruchsvoll er- 
weisen; suche ich es im Inneren, so weiß ich, daß mich im 
Schlafe der Traum täuscht, im wachen Zustande oft, ja mög- 
licherweise immer, die Vernunft, und daß ich, obgleich an- 
scheinend einem untrüglichen Lichte folgend, dennoch zahl- 
reichen Irrtümern unterliege. Fasse ich also den Mut, von aller 
auf bloßer Überlieferung oder Autorität beruhenden Tradition 
vollständig abzusehen, und betrachte allein das eigene, völlig 
voraussetzungslose Denken als Prüfstein der Wahrheit, so ge- 
lange ich zu dem niederdrückenden Ergebnisse, daß ich nichts 
mit Bestimmtheit wissen, nichts mit Bestimmtheit erkennen 
kann, daß es nichts gibt, woran ich nicht zu zweifeln be- 
rechtigt wäre, und daß kein zureichendes Mittel besteht, diese 
Zweifel zu beschwichtigen oder zu lösen. 

Aber aus der Unentwirrbarkeit dieses Labyrinthes zeigt 
sich ein Ausweg. Darf mein voraussetzungsloses Denken auch 
alles in Frage stellen, alles bezweifeln, so gibt es doch Eines, 



GEDÄCHTNISREDE ZUM 300 JÄHR. GEBURTSTAGE DESCARTES' 497 

was nicht bezweifelt werden kann, ja dessen Gewißheit durch 
jeden Versuch des Zweifels noch bestärkt wird, nämlich meine 
eigene bewußte Geistestätigkeit, die sich eben im 
Denken kundgibt: es ist völlig gewiß und unzweifelhaft, daß 
ich denke, und daß ich als denkendes Wesen auch bin, und 
zwar ist dies kein logischer, auf irgend welchen Folgerungen 
beruhender Schluß, sondern eine intuitive, unwiderlegliche, 
eines Beweises weder bedürftige noch fähige Überzeugung, 
keine von bestimmten Voraussetzungen ausgehende Definition, 
sondern eine unmittelbare Erfahrung und Erkenntnis. Es ist 
gewiß, daß ich denke, und daß ich, der ich denke, bin: dies 
ist der Sinn des weltberühmten Satzes »Cogito ergo sum", 
wobei jedoch zu bemerken ist, daß Descartes ausdrücklich 
unter »cogitare" jede bewußte innerliche Tätigkeit ver- 
steht, also neben dem Denken auch das Vorstellen, Fühlen, 
Wollen U.S. f.; äußere Tätigkeiten, die erst durch Vorstellung, 
also nur indirekt, zum Bewußtsein gelangen können, sind hierbei 
naturgemäß ausgeschlossen, und wenn man einem Geiste wie 
Gassendi den Ausspruch unterschob, Descartes hätte statt 
vcogito ergo sum" ebensogut sagen können »ambulo ergo 
sum" (ich gehe spazieren, also bin ich), so bedarf eine solche 
Flachheit für den Kundigen keiner Widerlegung. 

Die Selbstgewißheit des denkenden Ichs ist also das ge- 
suchte fundamentale Prinzip der Erkenntnis; die Gewißheit 
des Denkens verbürgt die Gewißheit des denkenden Subjektes, 
und was so gewiß ist wie das, daß ich selbst bin, das ist mit 
zweifelloser Sicherheit als evident erkannt, also wahr. 

Ein Bedenken bleibt jedoch noch zu lösen. Könnte nicht 
jene zweifellose Sicherheit dennoch eine trügerische sein, falls 
es etwa einem übermächtigen Wesen gefiele, mich durchaus 
und in allem zu täuschen? In meinem beschränkten und end- 
lichen Inneren finde ich nun tatsächlich die Idee eines all- 
mächtigen und unendlichen Wesens, die mir eingeborene Vor- 
stellung Gottes: das bloße Vorhandensein dieser Idee des 

V. Lippmann, Beiträge. 32 



4Q8 GEDÄCHTNISREDE ZUM 300JÄHR. GEBURTSTAGE DESCARTES' 

Unendlichen beweist aber schon ihre reale Existenz, denn 
woher sollte sie mir Endlichem überhaupt kommen, entspräche 
ihr nicht ein wirkliches Vorhandensein in der Außenwelt? Wie 
aus der Natur des Dreieckes folgt, daß die Summe seiner 
Winkel zwei Rechte beträgt, so folgt aus der Natur Gottes sein 
Dasein, denn zu den Vollkommenheiten des vollkommensten 
Wesens gehört seine Existenz, ja sie ist mit seinem bloßen 
Begriffe schon untrennbar verbunden; zudem wird sie noch 
durch die Überlegung gewährleistet, daß das Sein und Erhalten- 
werden meiner Selbst, wie der ganzen Welt, einer zureichenden 
obersten Ursache bedarf. Es ist mir also unmöglich, zu be- 
zweifeln, daß Gott ist; ist aber Gott, so gehört zu den not- 
wendigen Eigenschaften dieses höchsten Wesens die Wahrheits- 
liebe, und er kann mich nicht täuschen wollen. Die von Gott 
gegebene Vernunft lehrt mich also das Richtige, und was ich 
mit zweifelloser Sicherheit ;;klar und bestimmt" erkenne, ist 
wahr. Zu diesen klaren und bestimmten Erkenntnissen gehören 
aber in erster Linie alle mathematischen, geometrischen, und 
auf die räumliche Anordnung bezüglichen; die Außenwelt mit 
allen ihren Objekten existiert also wirklich, jedoch stellt mir 
die Wahrnehmung die Dinge nicht durchaus so dar, wie sie 
tatsächlich sind: die Gefühle von Farbe, Ton, Geruch, Geschmack, 
Lust oder Schmerz u. s. f., die sie erregen, sind nämlich ver- 
änderlich, relativ, und gehören nur dem empfindenden Subjekte 
an; wesentlich für das Objekt, beharrlich, beständig, seine 
Existenz erschöpfend, ist aber einzig seine Ausdehnung, denn 
sie allein bleibt bestehen, wenn ich von allen seinen sonstigen 
Eigenschaften abstrahiere. 

Bezeichnet man die wechselnden Eigenschaften des Objektes 
und die wandelbaren Zustände des Subjektes als »Modalitäten« 
oder „Modi", so stellen diese offenbar Begriffe vor, die nur 
mit Hilfe anderer gedacht werden können, es ist z. B. „drei- 
eckig" ein Modus der »Gestalt", und „schmerzhaft" ein solcher 
der „Empfindung"; „Gestalt" und „Empfindung" sind aber selbst 



GEDÄCHTNISREDE ZUM 300 JÄHR. GEBURTSTAGE DESCARTES' 499 

4 

Modi wieder anderer, weiterer Begriffe, und wenn man diese 
systematisch vergleicht und auf immer wenigere, jedoch um- 
fassendere zurückführt, so behält man schließlich nur zwei 
grundlegende „essentiale Haupteigenschaften" oder „Attribute" 
übrig, die Ausdehnung und das Denken (im Sinne jeder 
bewußten innerlichen Tätigkeit). Beide sind Prädikate und 
bedürfen als solche eines substantiellen Trägers, einer „Substanz". 
Faßt man „Substanz" im strengsten Sinne als dasjenige auf, 
„was so existiert, daß es zu seinem Sein keiner anderen Existenz 
bedarf", so gibt es eigentlich nur eine einzige absolute Sub- 
stanz: Gott; erkennt man aber auch relative Substanzen an, 
d. h. solche, die mit Ausnahme Gottes, der sie schuf, nichts 
gemeinsames haben, also in allem übrigen einander völlig 
selbständig gegenüberstehen, so ergibt sich als Träger der „Aus- 
dehnung" die materielle Substanz oder Materie, als Träger des 
„Denkens" die immaterielle Substanz oder Seele. Die aus- 
gedehnte wie die denkende Substanz, beide, und nur sie allein, 
werden von uns „klar und bestimmt" erkannt: die Ausdehnung 
ist das Wesen der körperlichen Außenwelt, der Objekte; das 
Denken aber, von dem wir, auch bei Abstraktion von allem 
Körperlichen, eine deutliche und spezifische Vorstellung besitzen, 
ergibt sich eben hierdurch als Wesen der selbständig existierenden 
Seele, und wie der Körper nie ohne Ausdehnung, so kann die 
Seele nie ohne Denken sein. 

Die körperliche Materie besitzt keine inneren Kräfte und 
keine inneren differenzierenden Eigenschaften, es gibt daher nur 
eine einzige und einheitliche Materie im ganzen Weltall. Alle 
ihre erkennbaren Qualitäten beruhen ausschließlich darauf, daß 
sie in weitem (aber begrenztem) Maße teilbar ist, und daß sich 
ihre Teile, die Korpuskeln (die nicht mit den unendlich kleinen 
und unteilbaren Atomen verwechselt werden dürfen!) auf die 
mannigfaltigste Weise bewegen; ihr Wesen erschöpft sich eben 
in der Ausdehnung und deren Modis, also in der Gestalt, Form, 
Größe, Lage, Bewegung u. s. f. der Korpuskeln. Daher ist 

32* 



500 GEDÄCHTNISREDE ZUM 300JÄHR. GEBURTSTAGE DESCARTES' 

alles körperliche Geschehen als solches nur durch wirkende, 
niemals durch Zweckursachen zu erklären, und zu seiner Deutung 
müssen rein mechanische Ableitungen genügen, in letzter Linie 
also Druck und Stoß. 

Im Gegensatze zur körperlichen Materie besitzt die geistige, 
die Seele, ausschließlich innere Kräfte, und alle ihre Verschieden- 
heiten, d. h. die Bedingungen der Individualität, beruhen auf 
inneren differenzierenden Eigenschaften. Ihr Wesen erschöpft 
sich im Denken, d. h. in bewußter innerer Tätigkeit; daher kann 
alles geistige Geschehen nur wieder aus inneren geistigen, nie 
aus äußeren wirkenden Ursachen erklärt werden, und seine 
Ableitung nach mechanischen Gesetzen ist ebenso unmöglich 
wie undenkbar. 

Die mechanische Erklärung allein ist erforderlich, und auch 
ausreichend, zum Verständnisse alles physischen Geschehens, 
sowie sämtlicher Vorgänge im Reiche der Pflanzen und Tiere, 
denn auch letztere sind nur als seelenlose Maschinen, als 
Automaten sehr verwickelter aber rein mechanischer Konstruktion 
anzusehen. Dagegen bietet das Verständnis des Menschen eine 
neue Schwierigkeit dar, denn obwohl Materie und Geist, Aus- 
dehnung und Denken einander völlig ausschließen, sich fremd 
gegenüberstehen «wie Schwarz und Weiß, ja wie Feuer und 
Wasser", so finden wir doch im Menschen Leib und Seele 
innig vereinigt, und zwar so, daß die Seele dem Leibe nur 
beigesellt ist: der Leib als solcher lebt gleich dem tierischen 
nach rein mechanischen Gesetzen, und weder erzeugt die Seele 
in ihm erst das Leben, noch verursacht sie, indem sie ihn ver- 
läßt, den Tod, vielmehr scheidet sie vom Leibe erst, wenn 
dieser abgestorben ist, was allein geschieht, wenn sich seine 
Maschinerie abgenutzt hat oder zerstört wurde. 

Die Verbindung zweier so heterogener Wesen wie eines 
Geistes und eines Körpers kann offenbar nicht in deren Natur 
begründet sein, sondern muß als eine gewaltsame, übernatürliche, 
von Gott gewollte Tatsache aufgefaßt und hingenommen werden. 



GEDÄCHTNISREDE ZUM 300JÄHR. GEBURTSTAGE DESCARTES' 501 

Seele und Leib können sich auch, als gänzlich voneinander 
verschieden, an und für sich in keiner Weise gegenseitig be- 
einflussen; die tatsächlich vorhandene Wechselwirkung ist daher 
ebenfalls nur durch Gottes Beihilfe und fortdauerndes Eingreifen 
erklärbar. Endlich ist die Seele zwar mit dem ganzen Leibe 
verbunden, da sie aber keine Ausdehnung besitzt, kann sie sich 
mit ihm nur in einem Punkte berühren, und das Organ, in 
dem dies stattfindet, ist das einzige unpaare und asymetrische 
des Gehirnes, die Zirbeldrüse. Bewegung zu erzeugen, oder 
deren gegebene Menge zu verändern, vermag die Seele selbst, 
als immateriell, nicht, vielmehr bewirkt sie nur einen unendlich 
kleinen Anstoß der Zirbeldrüse, die dann ihrerseits die Richtung 
der Bewegung abändert, d. h. den Lebensgeistern andere ent- 
sprechende Bahnen anweist; umgekehrt drängen die von außen 
kommenden Eindrücke nur die Lebensgeister in bestimmte 
Bahnen, und bewegen so die Zirbeldrüse, vermittelst derer 
wieder die Seele einen unendlich kleinen Anstoß empfängt. 
Der Vergleich des Verhältnisses zwischen Körper und Seele mit 
jenem zwischen Roß und Reiter ist daher nicht abzuweisen, 
jedoch nur in beschränktem Sinne als richtig anzuerkennen, 
denn stets bleibt festzuhalten, daß es einen unmittelbaren Über- 
gang zwischen Denken und Bewegung oder Bewegung und 
Denken nicht geben kann. Weder vermag ein Gedanke Be- 
wegung hervorzurufen, noch eine Bewegung Gedanken; auch 
das Auftauchen der Erinnerung ist nicht dadurch zu erklären, 
daß von außen kommende Bewegungen in der Seele unmittelbar 
gewisse Gedanken erregen, sondern dadurch, daß sie die Lebens- 
geister in Bahnen lenken, die frühere Bewegungen im Gehirne 
nachgelassen haben »wie Falten im Papier", und so zunächst 
mittelbar die Zirbeldrüse beeinflussen. 

Die Frage, welchen tieferen Sinn die von Gott gewollte 
Vereinigung des Leibes mit der Seele haben kann, führt auf 
das Gebiet der Ethik, das Descartes, mit mannigfachen An- 
lehnungen an die Moral der Stoiker, hauptsächlich in der Schrift 



502 GEDÄCHTNISREDE ZUM 300JÄHR. GEBURTSTAGE DESCARTES' 

«Les passions de räme" behandelt hat. Als ethisches Ziel des 
menschlichen Daseins ist jene Glückseligkeit zu betrachten, die 
aus der Tugend hervorgeht, deren eigene Wurzeln wieder einem 
gefestigten guten Willen entsprießen. Alle sittlichen Irrtümer 
beruhen auf Mißleitung des Willens durch falsche oder vor- 
schnelle Urteile über ungenügend und undeutlich Erkanntes; 
erste Vorbedingung des guten Willens ist daher die »klare und 
bestimmte" Erkenntnis, zu der jedoch die Seele nur durch be- 
harrliches Bemühen, durch große aber befreiende Opfer gelangen 
kann, indem sie es erlernt, die Macht der Affekte zu überwinden. j 
Kein Affekt ist an sich schlecht, wohl aber kann jeder eben- 
sogut schlechte Wirkungen ausüben wie gute; sobald die Seele 
die Leidenschaften zu meistern vermag und sich von deren 
blinder Herrschaft befreit hat, kann es ihr zu keiner Zeit an 
klarer und bestimmter Erkenntnis fehlen, sie versteht die Zu- 
sammenhänge im Größten und Kleinsten des Weltalls, und aus 
dieser Weisheit geht die Festigung ihres guten Willens hervor, 
als einer Lust an vernunftgemäßer, dem Wahren und Guten 
zugewandter Tätigkeit. In dem festen Willen, nur das für recht 
Erkannte zu erstreben, besteht aber die Tugend, die in der 
Erfüllung dieses Strebens ihre Glückseligkeit, und in der Ge- 
wissensruhe ihren Lohn findet; eine zur zweiten Natur gewordene 
Unmöglichkeit des Irrens über das, was wahr und gut, also 
anzustreben sei, wäre die höchste Freiheit. 

Der Außenwelt des Körpers mit ihrem Mechanismus und 
ihrer Notwendigkeit stellt sich so im Menschen die Innenwelt 
der Seele mit ihrem Bewußtsein und ihrer Freiheit gegenüber. 
Beide stehen durchaus in Wechselwirkung, wie es denn, wenn 
man z. B. verlangt, die Seelle solle die Leidenschaften bekämpfen, 
verlangen heißt, sie solle das Strömen der (insbesondere zum 
Herzen hindringenden) Lebensgeister zügeln, und deren mannig- 
facher heftiger Bewegungen Herr werden; doch ist hierbei stets 
nur an gewisse Stufen oder Grade ihrer Tätigkeit zu denken, 
nicht an eine Anzahl besonderer ,; Vermögen", denn die Seele 



GEDÄCHTNISREDE ZUM 300JÄHR. GEBURTSTAGE DESCARTES' 503 

ist, wie das schon ihre immaterielle und daher unsterbliche 
Natur bedingt, durchaus einheitlich. Wie die Gemütsbewegungen 
mit den sie begleitenden Symptomen im Einzelnen zusammen- 
hängen, und wie sich diese gegenseitig bedingen, ist selbst bei 
den wichtigsten Phänomenen, z. B. der für den Menschen so 
charakteristischen Fähigkeit der Sprache, noch unerforscht, und 
zum Teile vielleicht unerforschlich; in dieser Hinsicht hat man 
auch stets der Offenbarungen und Eingriffe Gottes gedenk zu 
bleiben, der auch das Übernatürliche zu verwirklichen vermag, 
und das menschliche Gemüt, ja alle ethischen und sittlichen 
Gesetze, völlig anders und von den Bestehenden gänzlich ab- 
weichend hätte einrichten können, falls dieses so in seinem 
Willen gelegen wäre. 



Auch als Mathematiker vertritt Descartes die Ansicht, 
daß die mathematischen Wahrheiten, so klar, bestimmt, und 
eindeutig ihre Erkenntnis in der einmal geschaffenen Welt auch 
ist, dennoch an und für sich vollständig von Gottes Willen 
abhängen, der sie nach Belieben auch ganz anders hätte gestalten 
können; da sie aber Gott endgültig so gestaltet hat wie sie jetzt 
vorhanden sind, wohnt jener Einsicht nichts Beirrendes inne, 
und sie kann weder die Untrüglichkeit der mathematischen 
Erkenntnisse beeinflussen, noch die Sicherheit der Ergebnisse 
ihrer praktischen Anwendung. Auf letztere legt Descartes 
das Hauptgewicht, da er merkwürdigerweise wiederholt angibt, 
eigentliches reines Interesse für die Mathematik als solche nie 
gehabt zu haben. 

Die größte und unsterbliche Leistung Descartes in dieser 
Wissenschaft ist die Schöpfung der analytischen Geometrie, 
deren Grundgedanke, die Anwendung der Algebra auf die 
Geometrie, der Mathematik völlig neue, von ihren früheren 
Gebieten her unerreichbare, ja unerkennbare Wege erschloß, 
und das Fundament zu ihrer ganzen, seither so glänzenden 



504 GEDÄCHTNISREDE ZUM sooJÄHR. GEBURTSTAGE DESCARTES' 

Weiterentwickelung legte. Die Bedeutung dieses durchaus 
originalen Grundgedankens besteht im Durchschauen der Mög- 
lichkeit einer analogen Auffassung geometrischer und algebraischer 
Verhältnisse, und in der Aufstellung des Begriffes der Funktion, 
als der, durch eine gegebene Gleichung ausgedrückten, und 
durch ihre Kontinuität charakterisierten Abhängigkeit einzelner 
Variablen. Descartes zeigte so, daß sich ganze Klassen geo- 
metrischer Gebilde durch algebraische Gleichungen wiedergeben 
lassen, er stellte mit Hilfe der von ihm erdachten Systeme der 
Koordinaten diese Gleichungen wirklich auf, und lehrte, wie 
auch wieder umgekehrt aus gegebenen Gleichungen Natur und 
Eigenschaften der ihnen zugrunde liegenden geometrischen 
Gebilde erkannt, und bis in alle Einzelheiten abgeleitet werden 
können. Seine Untersuchungen erstreckten sich, außer auf die 
schon seit altersher bekannten krummen Linien, auch auf zahl- 
reiche andere »geometrische" Kurven, d. h. auf alle jene ,;die 
durch eine einfache und geordnete Bewegung entstehen"; auf 
die übrigen (z. B. Zycloide, Spirale . . .), die er als „mechanische" 
bezeichnete, wurden seine Prinzipien zumeist nicht von ihm 
selbst, sondern erst von späteren Forschern, namentlich von 
Leibniz, angewandt. Aus der großen Reihe bedeutungsvoller 
Einzelresultate mögen nur hervorgehoben werden: die Ableitung 
der gesamten Eigenschaften aller Kegelschnitte (Kreis, Ellipse, 
Parabel, Hyperbel) aus der allgemeinen Gleichung zweiten 
Grades als geometrischer Ort betrachtet; die allerdings nur für 
bestimmte Kurven zutreffende, aber sehr allgemeine Lösung des 
Tangenten- und Normalen-Problems; die Lösung des Tangenten- 
Problems an der Zykloide; die Theorie der Asymptoten; die 
Konstruktion der Berührungskurven, z. B. eines Kreises, der drei 
beliebig gegebene Kreise berührt; endlich die geometrische 
Lösung des Problems der Maxima und Minima der durch 
Kurven dargestellten Funktionen, — die Descartes in einen 
lebhaften Streit mit seinem großen Zeitgenossen Fermat ver- 
wickelte. 



GEDÄCHTNISREDE ZUM 300JÄHR. GEBURTSTAGE DESCARTES' 505 

Als Leistungen auf rein algebraischem Gebiete wären noch 
anzuführen: die Auflösung der Gleichungen vierten Grades 
durch Zerlegung in zwei quadratische Gleichungen; die hierzu 
zuerst angewandte Methode der unbestimmten Koeffizienten, die 
für die Entwickelung der Infinitesimalrechnung von außerordent- 
licher Wichtigkeit wurde; die Einführung der Exponenten für 
die Potenzbezeichnung, und die Begründung der Potenz- 
rechnung; die Erkennung der wahren Bedeutung der negativen 
Wurzeln der Gleichungen, des Zusammenhanges der Anzahl 
der positiven und der negativen Wurzeln mit der Anzahl der 
Zeichenwechsel zwischen den einzelnen Gleichungsgliedern, und 
des Vorhandenseins sowie der Zahl imaginärer Wurzeln einer 
Gleichung, neben den reellen. 



Die naturwissenschaftlichen Studien Descartes be- 
treffen hauptsächlich die Physik, und zwar im weitesten Sinne 
des Wortes, sowie die Medizin. 

Was die Medizin anbelangt, so ist namentlich anzuerkennen, 
daß er die entscheidende Wichtigkeit der Harvey'schen Ent- 
deckung des Blutumlaufes (1628), die bekanntlich von den 
meisten Fachgenossen des großen englischen Arztes mit Zweifel, 
ja mit Spott aufgenommen wurde, sofort vollständig begriff, 
und diese Lehre allen seinen Betrachtungen zugrunde legte; sie 
schien ihm jedoch insoferne unzureichend, als er die Angabe 
einer eigentlichen Ursache der Blutbewegung vermißte, und als 
solche glaubte er die im Herzen konzentrierte Lebenswärme 
und die Temperaturverschiedenheit des Blutes der Herzkammern 
aufstellen zu sollen. Die Lebenswärme verwandelt das Blut in 
Dampf und treibt es in die Lungen, woselbst es sich abkühlt, 
und dann verflüssigt zurückströmt; das neuerdings angewärmte 
und durch die Wärme verdünnte und ausgedehnte Blut tritt 
hierauf den weiteren Kreislauf durch die Arterien, Kapillargefäße 
und Venen an. Diese Zirkulation des Blutes ist das eigentliche 



506 GEDÄCHTNISREDE ZUM 300JÄHR. GEBURTSTAGE DESCARTES' 

Prinzip des Lebens, und so lange sie andauert, zeigt sich auch 
die Maschinerie des tierischen Leibes wie des menschhchen 
Körpers belebt, während ihr Stillstehen sogleich den Tod, und 
durch diesen beim Tiere das Aufhören des Belebtseins, beim 
Menschen aber auch noch das des Beseeltseins bewirkt. Dem 
Gehirn fällt bei der Blutzirkulation die Aufgabe zu, das kreisende 
Blut abzukühlen, ihm seine feinsten und flüchtigsten Teile, die 
Lebensgeister, zu entziehen, und diese in ihre Behälter, die 
Nerven, zu verteilen, deren wichtigste in der Zirbeldrüse zu- 
sammenlaufen, und indirekt auch mit allen übrigen in Ver- 
bindung stehen; da das Blut dem Gehirne sämtliche Lebens- 
geister unaufhörlich zuführt, so wird die Zirbeldrüse zum 
natürlichen Mittelpunkte aller von außen kommenden Eindrücke, 
sowie zum Ausgangspunkte aller nach außen zu übermittelnden 
Bewegungen, die die Nerven auf die ihnen zugehörigen Muskel- 
systeme übertragen; ohne weiteres leuchtet auch ihre wichtige 
Rolle für die Entstehung der sogenannten Reflexbewegungen 
ein, deren Descartes zahlreiche sorgfältig beobachtet, und ihrem 
Wesen nach auch richtig aufgefaßt hat. 

Wie diese Darlegungen erkennen lassen, blieb Descartes 
nach vielen Richtungen, z. B. hinsichtlich der Annahme großer 
Temperaturverschiedenheiten der einzelnen Teile des Körpers, 
in fehlerhaften, seit dem Altertume her fortgeerbten Anschauungen 
befangen, während er sich nach anderen wieder hoch über diese 
erhob, z. B. in seinem zum Teile höchst merkwürdigen und der 
Zeit weit vorauseilenden entwickelungsgeschichtlichen Betrach- 
tungen. 

Als Erster entdeckte Descartes die Bedeutung der Wölbung 
der Kristalllinse für die Akkommodationstätigkeit des Auges, 
und jedenfalls selbständig auch die Entstehung der physischen 
Bilder gesehener Objekte auf der Retina. Er behandelte ferner 
das Problem des Aufrechtsehens der auf der Retina verkehrt 
erscheinenden Bilder, sowie das des Einfachsehens; die Ver- 
einigung der in beiden Augen getrennt entstehenden Bilder 



GEDÄCHTNISREDE ZUM 300JÄHR. GEBURTSTAGE DESCARTES' 507 

ZU einem Einzigen schrieb er in letzter Linie wieder einer be- 
sonderen Tätigkeit der Zirbeldrüse zu. 



Die Physik, im weitesten Sinne, hat nach Descartes 
alles das zu beschreiben und zu erklären, was die menschliche 
Vernunft durch Beobachtung der Erscheinungen in der Natur 
wahrnimmt, oder durch Nachdenken über diese erschließt. Da 
nun bei allen Beobachtungen der Außenwelt zu abstrahieren 
ist: 1. von den sinnlichen Qualitäten der Körper, die nur Zu- 
stände des Empfindenden, den Körpern selbst aber nicht ähn- 
licher sind als etwa die Worte den durch sie bezeichneten Be- 
griffen; 2. von Zahl und Zeit, die bloß seitens des Subjektes 
gesetzte Beziehungen zwischen den Körpern vorstellen; 3. von 
allen inneren, geheimnisvollen Trieben und Kräften (z. B. der 
fernwirkenden Schwere) und allen Zweckursachen, — so ergibt 
sich, als für den physischen Körper allein charakteristisch, seine 
Ausdehnung. Materie und ausgedehnter Raum sind identisch, 
Ausdehnung ist körperliches Sein und umgekehrt, und im Zu- 
stande absoluter Ruhe gäbe es nur eine, allerorten gleich- 
artige und unterschiedslose Materie. Gott hat aber die Materie 
bewegt erschaffen, und daher ist alles körperliche Geschehen 
Bewegung; der unbeseelten Welt liegen also Ausdehnung und 
Bewegung, und zwar nur diese, zugrunde, und ihre Körper 
bestehen aus der einheitlichen Materie in den verschiedensten 
Arten der Verteilung, Gestaltung, Verbindung und Bewegung. 
Die Gesetze dieser Bewegung hat die Physik zu ermitteln, und 
in diesem Sinne ist Mechanik als identisch mit Physik zu be- 
trachten, und nicht, wie sonst gebräuchlich, als eine ihrer Unter- 
abteilungen. 

Da der Körper mit dem von ihm erfüllten Räume identisch 
ist, so enthält die Annahme eines ;; leeren Raumes" eine »contra- 
dictio in adjecto", die ohne weiteres die Unmöglichkeit seiner 
Existenz ersehen läßt: «würde Gott, vermöge seiner Allmacht, 



508 GEDÄCHTNISREDE ZUM 300JÄHR. GEBURTSTAGE DESCARTES' 

wirklich allen Inhalt aus einem gegebenen Gefäße entfernen, 
so müßten dessen Wandungen zusammenfallen". Aus der Un- 
möglichkeit des leeren Raumes ergibt sich die Kontinuität der 
Materie; diese ist, ebenso wie der von ihr erfüllte Raum, ins 
Endlose teilbar, diese Teilung kann aber stets nur zu beliebig 
kleinen, jedoch weiter teilbaren, und untereinander zusammen- 
hängenden Korpuskeln führen, nie zu individuellen, unteilbaren, 
und durch leere Räume getrennten Atomen. Des weiteren folgt 
aus der Unmöglichkeit des leeren Raumes die Unbegrenztheit 
des Weltalls, die aber mit der Begrenztheit unseres Sonnen- 
systems keineswegs unvereinbar ist, da sehr wohl auch eine 
Vielheit von Welten möglich erscheint (wie sie zuerst bekannt- 
lich Giordano Bruno gelehrt hat). 

Der Unveränderlichkeit der Ursache der Weltschöpfung, 
Gottes, entspricht auch eine unveränderliche Wirkung: die 
Materie, die er geschaffen, und die Bewegung, die er ihr ver- 
liehen, kann weder vermehrt noch vermindert werden, d. h. 
es besteht Konstanz der Menge aller Materie, und Konstanz 
der Summe aller Bewegungen, also der Bewegungsgröße. Als 
Ausdruck der Bewegungsgröße, und daher als Kräftemaß, be- 
trachtet Descartes das Produkt m. v von Masse m und Ge- 
schwindigkeit V, ohne jedoch zu einem klaren Begriffe der 
Masse zu gelangen, der ihm bald mit jenem der Ausdehnung, 
bald mit jenem des Gewichtes, in vieldeutiger Weise ver- 
schwimmt. 

Auf Grund dieser Sätze, und jedenfalls unter Anlehnung 
an die ihm wohlbekannten Lehren Kepler's, stellt Descartes 
drei Hauptprinzipien auf: 1. Jeder Körper beharrt in seinem 
Zustande der Ruhe oder Bewegung, solange dieser nicht durch 
äußere Einflüsse verändert wird (Trägheitsprinzip); 2. jeder 
bewegte Körper beharrt in der Richtung seiner Bewegung; 
3. trifft ein bewegter Körper auf einen anderen, so teilt er 
diesem Bewegung mit, falls er ihn überhaupt bewegen kann, 
während er anderenfalls keinen Verlust an Kraft erleidet. Dieser 



GEDÄCHTNISREDE ZUM 300JÄHR. GEBURTSTAGE DESCARTES' 509 

dritte Satz ist unrichtig, und die aus ihm abgeleiteten Gesetze 
des Stoßes erweisen sich daher ebenfalls fast durchgehends als 
falsch. 

Unter dem Einflüsse der drei erwähnten Gesetze unterlag 
der, ursprünglich von Gott als chaotische Masse mittelgroßer, 
unrunder, nach den verschiedensten Richtungen bewegter Teile 
erschaffene Urstoff, wichtigen Wandlungen; infolge der fort- 
dauernden Bewegung und der mit ihr verbundenen Reibung, 
bildeten sich nämlich allmählich drei beständige Modifikationen 
der Materie aus: a) Das Feuerelement, ein feinstes Gemenge 
völlig zersplitterter Teilchen von mannigfaltiger unregelmäßiger 
Gestalt und schneller heftiger Bewegung, die vermöge dieser 
Eigenschaften befähigt sind, in alle Poren und Zwischenräume 
gröberer Stoffe einzudringen und sie auszufüllen; aus diesem 
Elemente bestehen die Sonne und die Fixsterne, ß) Das Erd- 
element, ein Konglomerat zusammengeballter gröberer Teilchen 
von verschiedener Gestalt und langsamerer Bewegung; aus ihm 
bestehen die Erde und die Planeten, und wie sich vermutlich 
das Erdelement erst sekundär aus dem Feuerelement entwickelt 
hat, so lassen sich auch die Planeten als verkümmerte Sonnen, 
als Reste anderer Weltsysteme betrachten. Aus verzweigten, 
verschlungenen, leicht an- und ineinander haftenden Teilchen 
des Erdelementes setzen sich die festen Körper zusammen, aus 
länglichen, rundlichen, aalglatt durcheinander schlüpfenden, die 
Flüssigkeiten, y) Das Luft- oder Himmelselement, der zarteste, 
durch die endlose Reibung rund abgeschliffene Staub, be- 
stehend aus unendlich kleinen Kügelchen gleicher Größe, von 
unendlich schneller (d. h. zeitloser) geradliniger Bewegung, und 
zu unermeßlichen Wirbeln vereinigt. Dieses Element erfüllt 
als Weltäther den Himmel, die Luft, die Kometen, und den 
ganzen Weltraum. — Es ist zu beachten, daß sich das Feuer-, 
Erd- und Luft-Element (ein Wasserelement nimmt Descartes 
nicht an, da das Wasser nur ein Gemisch der beiden letzt- 
genannten sein soll) einzig und allein durch Bewegungsvorgänge 



510 GEDÄCHTNISREDE ZUM 300JÄHR. GEB UR TS TA GE DES C AR TES' 

aus der einheitlichen Urmaterie herausdifferenzierten, und sich 
nur durch solche von ihr unterscheiden; erst durch weitere 
gegenseitige Einflüsse treten Differenzen zweiter Ordnung zu- 
tage, und es bilden sich „scharfe harte", „biegsame weiche" 
und „schwere runde" Aggregate, die als „Salz", als „Schwefel" 
und als „Quecksilber" die drei Urstoffe der Chemiker dar- 
stellen (d. h. die Träger gewisser prinzipieller Eigenschaften, 
in denen die damalige Chemie das Wesen aller Stoffe suchte). 
Das Feuerelement verleiht der Sonne und den Fixsternen 
eigenes Licht, und befähigt sie, frei im Weltenraume zu 
schweben. In und mit dem Weltäther, der, einer wirbelnd be- 
wegten Flüssigkeit vergleichbar (schon Giordano Bruno's 
Lehre nach) diesen Weltraum erfüllt, schwimmen in krumm- 
linig kreisenden Strömungen die übrigen Weltkörper rings um 
die Sonne, demnach desto langsamer, je weiter entfernt sie von 
ihr sind; sie werden hierbei von besonderen Wirbeln des 
Himmelselementes bewegt und fortgetragen, und befinden sich 
daher diesen gegenüber in jener gewissen Art „relativer Ruhe", 
die Descartes spitzfindig benützte, um seine, zur Vorsicht 
ohnehin nur „beispielsweise" vorgetragenen, an Köpern ikus, 
Bruno, Kepler, und Galilei anklingenden Lehren, mit den 
Dogmen der Kirche einigermaßen in äußerliche Übereinstim- 
mung zu setzen. Jenes kreisförmige Strömen in rücklaufenden 
Wirbeln („tourbillons") ist übrigens keine dem Himmelselemente 
als solchem zukommende Eigenschaft, sondern die natürliche 
Grundform aller Bewegungen; denn da es weder einen leeren 
Raum gibt, noch Verdichtungen oder Verdünnungen der Materie, 
so kann sich diese überhaupt nicht anders als in kontinuier- 
lichen Wirbelströmen, und an verengten Stellen mit ver- 
größerter Geschwindigkeit bewegen. Durch eine solche Ver- 
engung des Erd wirbeis, an der Stelle, wo sich der Mond be- 
findet, sucht z. B. Descartes die Entstehung von Ebbe und Flut 
zu erklären, deren Zusammenhang mit den Mondbewegungen 
er früher als seine meisten Zeitgenossen richtig erkannte. 



GEDÄCHTNISREDE ZUM 300JÄHR. GEBURTSTAGE DESCARTES' 511 

Durch die Drehung der Erde und anderer Sterne wird 
auch eine, gewöhnhch als Schleuderkraft (Zentrifugalkraft) be- 
zeichnete Erscheinung hervorgerufen, deren wahres Wesen aber 
darin besteht, daß sich gewisse Teilchen, nämlich jene, die 
das meiste Himmelselement eingeschlossen enthalten, natur- 
gemäß von den Weltkörpern zu entfernen, und sich dem 
Himmel zu nähern suchen; indem nun die Teilchen, denen 
man die größte Zentrifugalkraft zuzuschreiben pflegt, sich wirk- 
lich von den Weltkörpern erheben und gen Himmel aufsteigen, 
drängen sie hierbei andere Teilchen herab, und erzeugen 
durch deren Druck die fälschlich als „Kraft" angesehene 
Schwere. Kein Körper ist daher an sich schwer, sondern die 
Schwere ist eine nur relative Eigenschaft, die unter gewissen 
Umständen Veränderlichkeit zeigen, unter andern sogar ganz 
verschwinden müßte: in einem leeren Räume z. B. wäre die 
Schwere unmöglich, weil in diesem die Teilchen der Elemente 
fehlen, die sie, gleichsam durch ihren Rückstoß, erst hervorrufen. 

Was die Mechanik in engerem Sinne anbelangt, so hat 
Descartes ihre Prinzipien, namentlich in statischer Beziehung, 
mit großer Einsicht erfaßt, und sie in den meisten Fällen (je- 
doch nicht in allen) auch richtig angewandt. Dies gilt be- 
sonders von den Sätzen, daß die Wirkung nicht mehr ent- 
halten kann als die Ursache, und daß Hervorrufung und 
Hemmung einer Bewegung gleich große Tätigkeit erfordern, 
sowie vom Prinzipe der virtuellen Geschwindigkeit, das er 
sehr klar an dem vortrefflichen Beispiele des Flaschenzuges 
erörtert, und zur Ableitung der Gleichgewichtsbedingungen an 
den einfachen Maschinen benützt. Weniger erfolgreich ist er 
in der Behandlung dynamischer Probleme, obwohl es auch 
hier an einzelnen, ganz hervorragenden Leistungen nicht fehlt: 
so löste Descartes 1646 zuerst die von Mersenne aufge- 
worfene, überaus schwierige Frage nach dem Schwingungs- 
mittelpunkte des Pendels, allerdings nur unter der Voraus- 
setzung, daß die Rotationsachse in die Ebene der Figur fällt; 



512 GEDÄCHTNISREDE ZUM sooJÄHR. GEBURTSTAGE DESCARTES' 

er erkannte ferner, daß bei der Bewegung durch die einfachen 
Maschinen an Zeit verloren, was an Kraft gewonnen wird, und 
faßte auch einen richtigen Begriff der ,; Arbeitsgröße", indem 
er angibt, daß es die nämliche Kraftanwendung koste, einen 
Zentner zwei Fuß, oder zwei Zentner einen Fuß hoch zu 
heben. Als Maß der Kraftanwendung in diesem Sinne stellte 
er das Produkt aus Gewicht und Erhebungshöhe auf, vermochte 
aber weder dessen Unterschied von der Bewegungsgröße (Pro- 
dukt aus Masse und Geschwindigkeit) deutlich festzuhalten, 
noch überhaupt betreff der richtigen Behandlung des Begriffes 
der Geschwindigkeit Klarheit zu gewinnen. Dies tritt nament- 
lich in seinen Ansichten über den freien Fall zutage. Er er- 
kennt diesen, vermutlich Kepler's Spuren folgend, prinzipiell 
zutreffend als eine beschleunigte Bewegung; aber das mangelnde 
Verständnis für die Bedeutung der Geschwindigkeit, der Glaube, 
daß schon vorhandene Bewegung einen Körper bezüglich der 
»Aufnahme" weiterer Bewegung prädisponiere, die Leugnung 
konstanter Naturkräfte, und endlich die Vorstellung über die 
Natur der Schwere, verhindern ihn, den richtigen Sachverhalt 
ausfindig zu machen, oder auch nur Galilei 's grundlegende 
Versuche über den freien Fall, den Fall auf der schiefen 
Ebene, und den Wurf, richtig zu verstehen. 

Sehr bemerkenswert ist Descartes' Theorie der Elasti- 
zität, die er, ohne auf die beliebten ,;elastischen Kräfte" zurück- 
zugreifen, mit Scharfsinn und Konsequenz allein aus rein mecha- 
nischen Vorstellungen ableitet. Ebensolche liegen auch seiner 
Theorie der Wärme zugrunde, deren Wesen er in einem, 
durch die Stöße des Feuerelementes verursachten Schwingen 
und Erzittern der irdischen Körper erblickt; da zu dieser Be- 
wegung ein größerer Raum als der im Ruhezustande einge- 
nommene erforderlich ist, so dehnen sich die Körper beim 
Erwärmen aus. 

Mit den Grundgesetzen der Hydrostatik (u. a. mit dem 
sogenannten hydrostatischen Paradoxon), und teilweise auch 



GEDÄCHTNISREDE ZUM 300JÄHR. GEB URTSTA GE DESCARTES' 513 

mit denen der Hydrodynamik, zeigt sich Descartes durch- 
aus vertraut; bekannt sind die (ihm jedoch nicht mit vöHiger 
Sicherheit zuzuschreibenden) „cartesianischen Taucher" oder 
„cartesianischen Teufelchen", kleine hohle Glasfigürchen, zu- 
meist Teufel darstellend, in einen langen, an seinem Ende fein 
durchlochten, und um einen der Arme geschlungenen Schwanz 
auslaufend; sie befinden sich in einem mit Wasser gefüllten 
und mit einer Tierblase zugebundenen Zylinder, und ihr 
Steigen und Fallen, ihre Schwebe- und Drehbewegungen bei 
einem Drucke auf die Blase, lassen die Gleichgewichts- und 
Bewegungsgesetze der Flüssigkeiten in sehr anschaulicher 
Weise erkennen. 

Eine hervorragende Leistung Descartes' ist die Erkennung 
der Luft als ausdehnsame Flüssigkeit, die den nämlichen Gleich- 
gewichts- und Bewegungsgesetzen unterliegt wie alle Flüssig- 
keiten; sie besitzt Gewicht und übt infolgedessen einen Druck 
aus, und dieser Luftdruck ist es, der (wie Descartes schon 
vor Torricelli aussprach) das Stehenbleiben des Quecksilbers 
in der barometrischen Röhre verursacht, und jenes Aufsteigen 
des Wassers in den Pumpenrohren bis zur Höhe von achtzehn 
Fuß bewirkt, das noch Galilei fälschlich durch den „horror vacui" 
zu erklären versuchte. Aus der Abhängigkeit des Luftdruckes 
von der Höhe der Luftsäule folgerte Descartes, daß der Stand 
des Barometers auf dem Gipfel eines genügend hohen Berges 
niedriger sein müsse als an dessen Fuße, und 1647 forderte 
er brieflich Pascal auf, diesen Versuch vorzunehmen, worauf- 
hin Pascal seinen Schwager zu der berühmten, in der Ge- 
schichte der barometrischen Höhenmessung epochemachenden 
Besteigung des Puy-de-D6me veranlaßte, die Descartes' Vor- 
aussagung glänzend bestätigte. 

Die magnetischen Zustände, insbesondere die analogen 
aber entgegengesetzten Eigenschaften des positiven und nega- 
tiven Magnetismus, leitete Descartes aus Gestalt und Be- 
wegung eigentümlicher Schraubenzieher- ähnlicher Gebilde ab, 

V. Lippmann, Beiträge. 33 



514 GEDÄCHTNISREDE ZUM 300JÄHR. GEBURTSTAGE DESCARTES' 

die entstehen, wenn die Materie die Kanäle und Poren ge- 
wisser Stoffe (z. B. Eisen) durchdringt oder durch sie durch- 
gepreßt wird, wobei ganz analoge, jedoch bald rechts-, bald 
linksgewundene Korpuskeln zutage treten. Mit Hilfe dieser 
Vorstellung, die an die Hypothese erinnert, mittels derer man 
gegenwärtig die entgegengesetzte optische Drehung chemisch 
isomerer Stoffe deutet, erklärt Descartes die seinem Zeitalter 
bekannten magnetischen Erscheinungen in ausreichender Weise, 
zieht aber aus ihr auch falsche Schlüsse, z. B. daß Magnetismus 
im leeren Räume unmöglich sei. Überraschend richtig sind 
seine Ansichten betreff des Erdmagnetismus; auch beobachtete 
er mit Hilfe von Eisenfeilspänen zuerst die sogenannten mag- 
netischen Kraftlinien, und fertigte genaue Zeichnungen über 
den Verlauf dieser Kurven an. Wie befremdend derlei Dar- 
stellungen den damaligen Gelehrten und Ungelehrten er- 
schienen, mag man daraus ersehen, daß nach Cyrano de 
Bergerac's um 1650 verfaßter »Reise in die Sonne" schon 
der Besitz der betreffenden Abbildungen genügte, um in den 
gefährlichen Verdacht der Magie und Zauberei zu geraten. — 
Weniger glücklich und zureichend ist Descartes' Theorie der 
Elektrizität; die Behauptung, er habe die elektrische Natur 
des Gewitters erkannt, läßt sich nicht erweisen, auch spricht 
es gegen sie, daß er den Donner als Geräusch zusammen- 
stürzender Wolkenmassen auffaßt. 

Die Akustik verdankt Descartes die richtige Erklärung 
der Obertöne, durch Zerfallen der schwingenden Saite in 
partial für sich schwingende kleinere Abteilungen. 

Mannigfaltig sind seine Leistungen auf optischem Ge- 
biete. Als Wesen des Lichtes betrachtet er eine geradlinig 
fortschreitende, zitternde oder schwingende Bewegung des 
Himmelselementes, und schreibt dieser eine unendlich schnelle 
oder momentane Fortpflanzung zu, »weil, falls dies nicht so 
wäre, auch die Fixsterne eine scheinbare Bewegung zeigen 
müßten" (die tatsächlich vorhandene, aber damals noch nicht 



GEDÄCHTNISREDE ZUM sooJÄHR. GEBURTSTAGE DESCARTES' 515 

beobachtete sogenannte Aberration). Durch den Stoß des 
Himmelselementes auf das Auge entsteht das subjektive Ge- 
fühl des Lichtes; merkwürdigerweise kann sich aber Des- 
cartes nicht ganz von der Anschauung frei machen, daß auch 
das Auge selbst eine Art tastender Lichtstrahlen aussende, wie 
das z. B. die (falsche!) Tatsache des Sehens der Katzen in völlig 
finsteren Räumen beweise. 

Eingehend untersuchte und formulierte Descartes die Ge- 
setze der Reflexion des Lichtes, auch entdeckte er, wie ein 
neuerdings durch Korteweg aufgefundener Brief von 1629 
beweist, selbständig das Gesetz der Lichtbrechung; ohne die 
ungedruckt gebliebene Arbeit von Snellius (15Q1 bis 1626) zu 
kennen, leitete er es aus seinen (nicht stets richtigen) Hypo- 
thesen über die Natur des Lichtes ab, und sprach es in dem 
Satze aus, daß der Brechungskoeffizient konstant, und dem 
Quotienten aus den trigonometrischen Sinus des Einfalls- und 
Brechungswinkels gleich sei. Bestätigende Versuche stellte er 
besonders mittels hyperbolischer Linsen an, auf deren An- 
fertigung er außerordentliche Mühe verwandte; er erdachte und 
konstruierte zu diesem Zwecke eigene Schleifmaschinen, und 
prüfte auch das optische Verhalten der verschiedenen Glas- 
sorten. Gelegentlich der Studien über das Brechungsvermögen 
der Gläser entdeckte er den Zusammenhang zwischen Brechung 
und Entstehung farbiger Ränder, und beobachtete das bei der 
Brechung des Sonnenlichtes durch ein Glasprisma auftretende 
farbige Spektrum. Die Farben, deren Erzeugung im allgemeinen 
auf die optischen Verhältnisse an den Grenzen von Licht und 
Schatten zurückzuführen ist, sollen im besonderen Falle der 
Lichtbrechung ihren Ursprung dadurch empfangen, daß die 
Teilchen des Himmelselementes nicht nur aus ihrer Bahn ab- 
gelenkt werden, sondern gleichzeitig auch in eine rotierende 
Bewegung geraten, deren Schnelligkeit bald größer, bald ge- 
ringer ist als die ihrer geradlinig fortschreitenden; je nachdem 

der erste oder zweite dieser Fälle eintritt, und je nach der ab- 

33* 



516 GEDÄCHTNISREDE ZUM 300JÄHR. GEBURTSTAGE DESCARTES' 

soluten Größe der Geschwindigkeitsdifferenzen, entstehen die 
nach der roten, oder die nach der violetten Seite des Spektrums 
zu Hegenden Farben und Zwischenfarben. 

Auf diese Ergebnisse gestützt, wandte sich Descartes der 
Erforschung des Regenbogens zu, an dessen Erklärung sich 
schon seit Aristoteles die besten Geister, und zumeist frucht- 
los, versucht hatten. Zwar war es schon 1311 dem Prediger- 
mönche Theodorich von Basel gelungen, die Entstehung 
des Haupt- und Nebenbogens richtig zu deuten, und das näm- 
liche führte 1611 der Erzbischof Marcantonio de Domini s 
von Spalatro (ohne seinen Vorgänger zu kennen) nochmals für 
den Hauptbogen aus; aber erst Descartes blieb es vorbehalten, 
auf Grund einer geradezu musterhaften Experimentaluntersuchung 
des Ganges von Lichtstrahlen durch kugelförmige, mit Wasser 
gefüllte Flaschen, die erschöpfende (nur in Einzelheiten von 
Newton und sodann nochmals in neuester Zeit ergänzte) 
Theorie der beiden Regenbogen zu entwickeln, und nicht nur 
deren Bildung durch die kombinierte Wirkung mehrmaliger 
Brechung und Reflexion endgültig aufzuhellen, sondern auch 
auf höchst mühsamem Wege die Größe der charakteristischen 
Winkel bezw. der Bogenhalbmesser, zu berechnen.^ 

Auch das Auftreten der Ringe und Höfe um Sonne und 
Mond führte Descartes als Erster auf die Brechungen und 
Reflexionen der Lichtstrahlen an den feinen, in den höchsten 
Schichten der Atmosphäre schwebenden Eisnadeln zurück; eine 
eigentliche Erklärung der die Brechungserscheinungen be- 
gleitenden Farben Phänomene gelang ihm jedoch hier eben- 
sowenig wie im Falle des Regenbogens. 



Werfen wir nun einen kritischen Rückblick auf die 

philosophischen und physikalischen Lehren Descartes', so ist 

^ Über die zuerst 1801 von Young, sodann 1837 von Airy, 1850 
von Stokes, und 1897 — 1900 von Pernter erkannte Notwendigkeit, die 
Descartessche Theorie zu ergänzen und abzuändern, s. Chwolson, „Lehr- 
buch der Physik" (Braunschweig 1904, Bd. II, S. 712). 



GEDÄCHTNISREDE ZUM 300JÄHR. GEBURTSTAGE DESCARTES' 517 

es selbstverständlich nicht schwierig, ihnen vom heutigen Stand- 
punkte aus eine große Reihe prinzipieller Fehler vorzuhalten, 
ganz abgesehen von den Mißgriffen auf manchen Einzelgebieten, 
deren verschiedene schon im Verlaufe der bisherigen Darstellung 
erwähnt wurden. 

In physikalischer Hinsicht ist es z. B. unzweifelhaft, daß 
schon die Fassung des dritten „Hauptprinzipes" völlige Un- 
kenntnis des Gesetzes von der Gleichheit der Wirkung und 
Gegenwirkung verrät, sowie Unkenntnis des Gesetzes von der 
Unabhängigkeit gleichzeitig einwirkender Kräfte; daher muß 
die Erklärung der, gerade für Descartes' System so überaus 
wichtigen Stoßwirkungen und aller ihrer Konsequenzen not- 
wendig falsch ausfallen, um so mehr als Descartes, hier den 
Einfluß der Elastizität außer acht läßt, und den folgenschweren 
Irrtum begeht, die Richtung für eine nebensächliche, von der 
Natur der Bewegung ganz unabhängige Eigenschaft zu halten, 
so daß sie, falls sich ein Widerstand bietet, abgeändert, ja selbst 
ganz umgekehrt werden kann, ohne daß ein Verlust an Ge- 
schwindigkeit eintritt, — eine Behauptung, die in unlösbarem 
Widerspruche zu Descartes' eigenem Satze von der Erhaltung 
der Bewegungsgröße steht. 

Weshalb es nur drei Elemente, und zwar gerade von den 
geschilderten Eigenschaften, geben kann, ist nicht recht zu be- 
greifen; überdies sollen sie nur durch ihre Bewegungszustände 
differenziert sein, so daß in der Ruhelage nur ein einheitlicher 
Körper zurückbliebe, den man nicht einmal einen physischen 
nennen könnte, sondern nur einen mathematischen, da die 
»Undurchdringlichkeit" offenbar keine Eigenschaft der ,; Aus- 
dehnung" ist, und nur vermöge einer Begriffserschieichung als 
in ihr schon mitenthalten bezeichnet werden kann. Schwer er- 
faßlich ist es ferner, wie die Bewegungszustände, trotz der 
hinzutretenden Wirbelbewegungen, unverändert erhalten bleiben 
und fortbestehen können. 

Die Theorie der Wirbel selbst leidet an zwei bedeutenden 



518 GEDÄCHTNISREDE ZUM 300JÄHR. GEBURTSTAGE DESCARTES' 

Schwächen: erstens muß die Ursache dieser Wirbel, die doch 
alle Bewegung erst erklären sollen, selbst wieder in einer Be- 
wegung gesucht werden, als deren Quelle bloß der wahre 
«Deus ex machina", der ,;Gott, der nur von außen stieße", 
verbleibt; zweitens aber fehlt es ihr vollständig an einer mathe- 
matischen Unterlage. Infolgedessen können zwar alle mög- 
lichen physikalischen und chemischen Eigenschaften der Körper 
aus ihr abgeleitet werden, die hierzu nötigen, mannigfaltigen, 
und oft sehr geistreichen sekundären Hypothesen sind jedoch 
zumeist durchaus willkürliche, und ermangeln daher der be- 
weisenden Kraft. Die feste Überzeugung, einen allein richtigen 
Grundgedanken gefunden zu haben, mittels dessen sich alles 
weitere aus bloßen Begriffen und Definitionen, und dennoch 
der Wirklichkeit getreu, erklären lasse, hat hier Descartes irre 
geführt; daß er von ihr vollständig durchdrungen war, läßt 
aber begreifen, weshalb er weder Methoden noch Resultate 
seiner großen Zeitgenossen Stevinus und Galilei zu ver- 
stehen vermochte, ja sogar das vermessene Wort sprach: „in 
Galileis Schriften finde ich nichts, um was ich ihn beneide, 
und fast nichts, was ich als mein betrachten möchte." Um- 
gekehrt wieder bezeichneten Männer wie Gassendi oder 
Huygens die Wirbeltheorie des Descartes, namentlich in 
ihrer Anwendung auf den Kosmos, als „eine Mischung von 
Träumen und Hirngespinsten", einen „physikalischen Roman", 
„ein Gewebe so leichtfertiger Gründe und Dichtungen, daß 
man nur mit Verwunderung sehen kann, welche Mühe auf seine 
Anfertigung verwandt wurde". 

Den optischen Theorien endlich, auf die Descartes großes 
Gewicht legte, haftet der Mangel an, daß sie stets nur die 
Phänomene der Brechung, nicht aber die der Farbenzerstreuung 
erklären, da nicht einzusehen ist, wieso die brechenden Medien 
den Lichtteilchen Rotationsbewegungen, und noch dazu solche 
von sehr verschiedener Geschwindigkeit, erteilen können; die 
Descartes zuweilen zugeschriebene Ansicht, diese Geschwindig- 



GEDÄCHTNISREDE ZUM 300JÄHR. GEBURTSTAGE DESCARTES' 5 1 Q 

keiten seien „schon von vornherein gegeben", d. h. das weiße 
Licht „enthalte bereits an sich Strahlen von allen Farben, die 
bei der Brechung nur getrennt werden", hat er tatsächlich nie- 
mals ausgesprochen. 

In philosophischer Beziehung ist als ein Hauptmangel 
von Descartes System hervorzuheben, daß, strenge genommen, 
der Satz „cogito ergo sum" nur das geistige, nicht auch das 
körperliche Sein des Denkenden beweist, und daß die Begriffe 
des Selbstbewußtseins und der Individualität, die Descartes 
als „höchst deutliche, einfache und durchsichtige" voraussetzt, 
in Wirklichkeit zu den letzten, schwierigsten, und noch heute 
der Erklärung fast unzugänglichen Abstraktionen gehören. Nur 
durch eine ganz unzulässige, seinem eigenen sonstigen Ge- 
dankengange widersprechende Unterstellung konstruiert sodann 
Descartes aus dem „Denken" ein „denkendes Etwas", und 
identifiziert dieses mit der üblichen Vorstellung einer „Seele" 
als beharrender Grundlage des Ichs, das doch in Wahrheit nur 
Ergebnis, nicht Ursache von Bewußtseinsbestimmungen sein 
kann; es liegt hier eine der üblen Folgen seines Unvermögens 
vor, sich vom mittelalterlichen scholastischen Begriffe der „Sub- 
stanz" loszumachen. Die drei Substanzen, Gott, Materie, und 
Seele, werden übrigens nicht aus dem Denken abgeleitet, sondern 
in ihm „vorgefunden", und zwar als „eingeborene Ideen", deren 
Herkunft, Wesen, und Tragweite im Dunkeln verbleibt; nur für 
die Existenz Gottes findet sich noch ein besonderer Beweis 
geführt, den man aber nicht mit Unrecht als eine bloße ver- 
schlechterte Auflage jenes berüchtigten ontologischen Beweises 
des Ansei mus von Canterbury angesehen hat. Wider- 
spruchsvoll erscheint die Bezeichnung der Seele als eine „im- 
materielle Substanz", ungerechtfertigt schon überhaupt die Be- 
zeichnung von Seele und Körper als „Substanzen", da beide 
doch von Gott geschaffen, also gänzlich durch ihn bestimmt 
und von ihm abhängig sind; unerklärt bleibt es auch, wieso 
Körper und Seele, die, als gänzlich voneinander verschieden, 



520 GEDÄCHTNISREDE ZUM 500JÄHR. GEBURTSTAGE DESCARTES' 

sich gegenseitig nicht beeinflussen können, dieses mit Hilfe 
einer Beeinflussung durch Gott vermögen sollen, der doch, als 
dritte Substanz, von ihnen beiden nicht weniger verschieden 
erscheint, als sie dies selbst untereinander sind. Sodann ist 
aber auch die Wechselwirkung zwischen Leib und Seele keines- 
wegs konsequent, d. h. so dargestellt, wie dieses einem extrem 
dualistischen Systeme entspräche; denn mögen auch die ,; An- 
stöße" der Zirbeldrüse noch so klein sein, so widerstreitet doch 
schon ihr bloßes Stattfinden der behaupteten Unmöglichkeit 
einer unmittelbaren Wirkung von Leib auf Seele oder Seele 
auf Leib, und es ist ganz offenbar, daß z. B. auch der kleinste 
wirksame Anstoß der Seele ganz undenkbar bleibt ohne Ent- 
stehung einer ,;neuen" Bewegung, und ohne jene bestimmte 
Kraftleistung, die erforderlich ist, um den in ihrer Bahn be- 
harrenden Lebensgeistern eine andere Richtung aufzunötigen. 
Unklar bleibt ferner: das Verhältnis zwischen Leben, Tod 
und Seele; der Zusammenhang der geistigen und körperhchen 
Symptome; die Theorie der seelischen Wirkungen unter Vor- 
aussetzung eines Ausschlusses besonderer Seelenvermögen, auf 
dem Descartes richtigerweise besteht; endlich die gegen- 
seitige Beziehung zwischen Sprache und Denken, deren Vor- 
handensein ihm nicht entging, ja ihm sogar Versuche zur Her- 
stellung der Ursprache als bedeutsam erscheinen ließ. Auch 
bezüglich der Betrachtung der Tiere als bloßer belebter Maschinen, 
als lebendiger Automaten, gewährt schon der einfache Hinweis 
auf den begangenen Fehler volle Einsicht in dessen Größe; 
einige Forscher haben zwar die Vermutung ausgesprochen, 
Descartes habe eigentlich auch den Menschen in ähnlicher 
Weise angesehen, diesen Gedanken jedoch nicht auszusprechen 
gewagt, und deshalb, um Tieferdenkende auf ihn hinzuweisen, 
absichtlich den großen Widerspruch zwischen der sozusagen 
monistischen Auffassung der Tierwelt und der dualistischen 
der Menschheit bestehen lassen; innere wie äußere Gründe 
sprechen aber gegen das Zutreffen einer solchen Vermutung. 



GEDÄCHTNISREDE ZUM 300JÄHR. GEBURTSTAGE DESCARTES' 521 

Angesichts dieser Reihe keineswegs nebensächHcher Irrtümer 
und Fehlgriffe, drängt sich mit Nachdruck die Frage auf, worauf 
nun, trotz dieser, die eigentHche Bedeutung Descartes be- 
ruhe, — denn das bloße Vorhandensein auch positiver mathe- 
matischer, physikalischer, und philosophischer Einzelleistungen 
könnte kaum mehr in Aussicht stellen, als ein volles Aufwiegen 
aller jener Mängel. In der Tat darf auch die bleibende Größe 
Descartes nicht darin gesucht werden, daß ihm solche Einzel- 
leistungen glückten, — und wären sie auch noch so zahlreich 
und folgenschwer — , bedingt wird sie vielmehr durch die Tiefe 
seiner Gesamtanschauung, durch das richtige Erfassen der 
großen Grundgedanken und fundamentalen Probleme. 

So stellt sich als leitende Idee seiner ganzen Physik (im 
weitesten Sinne betrachtet) dar: Die Aufstellung einer einheit- 
lichen Welterklärung auf Grund der Überzeugung, daß alles 
Geschehen in der rein körperlichen Welt, einschließlich der 
organischen, allein auf Ausdehnung und Bewegung beruht, 
demnach auch eine rein mechanische Ableitung zuläßt, und 
zwar mittels der mathematischen Gesetze, die, als untrügliche 
eingeborene Ideen des Geistes, gleichzeitig auch die ganze 
äußere Ordnung der Natur beherrschen. Alles solche Ge- 
schehen muß sich daher durch Annahme ausgedehnter indi- 
vidueller Korpuskeln, die mit quantitativ angebbaren Beweg- 
ungsgrößen begabt sind, in zureichender Weise erklären lassen, 
ohne Voraussetzung irgendwelcher „qualitates occultae". Wie 
die Menge der Materie erhalten bleibt, so auch die der Be- 
wegungsgröße (in der eine dunkle Vorahnung dessen ruht, was 
wir heute als Energie bezeichnen); alle qualitativen Verschieden- 
heiten sind deshalb in letzter Linie auf quantitative zurückführ- 
bar, d. h. auf bloße Veränderungen der Bewegungszustände, 
deren Gesamtbetrag aber eine stets unwandelbare und konstante 
Größe ist. Zur Erklärung jener Veränderungen dient die Wirbel- 
theorie, die jedenfalls als eine höchst geniale und sehr zweck- 
dienliche Konzeption zu bezeichnen ist, da sie, von wenigen 



522 GEDÄCHTNISREDE ZUM 300JÄHR. GEBURTSTAGE DESCARTES' 

einheitlichen Voraussetzungen ausgehend, eine außerordentliche 
Fülle von Tatsachen in anscheinend zureichender Weise deutete, 
und hierdurch, sowie durch ihre treffliche logische Entwicklung, 
eine Vollständigkeit und Abrundung gewann, die ihr für lange 
Zeit hinaus siegreiche Überlegenheit sicherte. 

Als führender Gedanke der Descartesschen Philosophie 
tritt die Lehre hervor, daß sich bei voraussetzungslosem, von 
allen Vorurteilen